MOLOsovskysCHRONIK
Netztagebuch eines amœnokratischen Phantasten, Skribblers, Kritikers & Übersetzers


Einmal im Monat kann man als Flattr-Teilnehmer der Molochronik etwas zukommen lassen.
Google+ klicken, wenn Sie die Molochronik empfehlen möchten. — Zu Molos Google+-Profil.

Seit 3731 Tagen aktiv. Am 26. April 2012 gab’s zuletzt ‘ne Änderung.

Molos Wunschliste, falls Ihnen die Molochronik gefällt, und Sie mir aus Dankbarkeit eine Freude machen möchen.


Donnerstag, 18. August 2011
geschrieben von molosovsky,
am: Donnerstag, 18. Aug. 2011
Eintrag No. 746Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

XVII. Ein Nachmittag im zoologischen Garten
Kracks Manuskript.
Zweites Kapitel

Je mehr wir von der Natur kennen lernen, desto mehr wissen wir, dass wir noch nichts von ihr wissen.
Über die Nachtseite der Natur. Th. II, S. 1543.

Wie der Schönheit die Laune, so steht der Natur das Ungeheuer.
Neueste Naturphilosophie. Th.. VI, S. 798.

Eindrücke und Dokumente für die Aprilrreise erwartend, setzt Puff die Lektüre von Kracks Manuskript fort.

»Ich bemerkte heute zum ersten Mal, dass rauschende Freuden die Melancholie in ihrem Gefolge haben, der Lärm des Maskenballs umschwirrt mich noch und verscheucht mir allen Schlaf. Die reine Landluft wird mir gut tun, ich eile sie einzusaugen.

»Vor meinen Füßen öffnete sich ein unbegrenzter Raum, ohne Baume, ohne Pflanzen, ohne Blumen. Eine sanfte Dämmerung vertritt die Stelle des Schattens und des Laubes, eine warme balsamische Luft die der Pflanzendürfte; Nichts unterbricht das Schweigen und die Einsamkeit, die ringsum herrschen. Ich schreite vor, indem ich dem Echo, das mir nicht antwortet, die sanften Klänge eines empfindsamen Liedes Preis gab.

»Doch plötzlich, als ich die Bemerkung mache, dass diese Gegend mir nicht allein nicht bevölkert, sondern ganz öde zu sein scheint, vernehme ich einen dumpfen und abgemessenen Lärm in der Ferne. Ohne Zweifel ein Pferd, auf dem ein Reiter sitzt, sage ich zu mir. Aber es war nicht eigentlich ein Pferd und auch nicht eigentlich ein Reiter. Soviel ich während des raschen Vorrübersprengens wahrnehmen konnte, hatte das Geschöpf, das sein eigentümliches Roß zu der Verfolgung eines grünen Bären (von dem ich später erfuhr es sei ein Bär-Boa) antrieb, viel vom Menschen, obwohl seine Füße die eines vierfüßigen Tieres und sein Kopf eben nicht ganz menschlich waren. Ich glaubte zugleich das Bellen eines Hundes zu vernehmen, sah aber nur den runden Rücken einer Schildkröte, welche eifrig die Fährte des Wildes zu verfolgen schien. Zu welchem Geschlechte gehören denn die Geschöpfe, die ich so eben erblickte und wie kommt es, dass Schildkröten wie Windhunde laufen? Ich ging eine halbe Meile weit fort, ohne mir die Frage lösen zu können.


»Überschlage ich es recht, so wandelte ich wohl anderthalb deutsche oder zwei Postmeilen weit, ohne mich von meinem Erstaunen zu erholen. Ich fühlte mich ermüdet, legte mich auf dem Sande hin und schlief ein. Mein Schlummer war ganz traumlos; Morpheus schloß mir hartnäckig das Tor von Elfenbein, durch welches die Träume ziehen, die die Götter und Erdgeborenen erfreuen.

»Da weckte mich das Gebell wieder, ich sah die Schildkröte mit dem Hühnerhundskopfe, die mich kläffend umsprang. Einige Schritte weiter lag das seltsame Roß ausgestreckt auf dem Boden. Der Herr desselben schritt auf seinen beiden Pferdehufen näher und redete mich mit einigen Worten an, die ich mir in meine Sprache übersetzte mit: ›Gehorsamer Diener, mein Herr!‹

»Ich lasse alle weiter Präliminarien dieses Zusammentreffens weg; es genüge Dir zu erfahren, dass dieses überaus höfliche Ungeheuer nichts anderes ist als ein alter Zentaur, den die Naturforscher des Landes damit beauftragt haben, auf die seltenen Tierarten Jagd zu machen, um den neugestifteten zoologischen Garten damit zu bereichern. Der scientistische Jäger nahm mich hinten auf sein Roß, wir durchzogen mehrere Dörfer, und begegneten unterwegs zwei Lieferanten von fremden Bestien, die den zoologischen Garten versorgten, und gerade ein Amphibiendromedar dorthin brachten. Mein Führer teilte mir nun so viel Interessantes über diesen neu gestifteten Garten mit, dass ich mich beeilte ihn zu besuchen.


»Aber eine genaue Beschreibung desselben würde mich zu weit führen. Ich lasse also den Zufall und die Laune eben so bei der Schilderung walten, wie sie es mit mir während des Besuches taten und teile Dir, um doch nicht zu unwissenschaftlich zu sein, die nötigen scientistischen Notizen über die einzelnen Stücke dieser ebenso reichen als merkwürdigen Sammlung mit, wie ich sie dem beschreibenden Verzeichnisse entlehnte, das am Eingang verkauft wird.

Sirenen
Geschenk des Herrn Ulysses von Ithaka, Kapitän einer levantischen Brigg

»Diese Tiere, halb Fische halb Weiber, werden gewöhnlich in der ficilischen Meerenge gefunden. Ihre vorzügliche Beschäftigung besteht darin, die Schiffer durch ihren Gesang anzulocken und diese dann ihrem unersättlichen Hunger zum Opfer zu bringen. Die Natur hat sie mit einer seltenen und wunderbar schönen Stimme begabt. Ohne Mühe erreicht dieselbe eine fast unglaubliche Höhe, schlägt die prachtvollsten Triller und führt die schwersten Coloraturen aus. Man hat versuchen wollen, sie für die Bühne zu dressieren, aber es war unmöglich sie zu diesem Zwecke zu zähmen, auch konnten sie das trockene Klima der Kulissenwelt nicht vertragen. Ihre Stimme ist übrigens so zart und mächtig, dass die Seefahrer in diesen Gewässern sich häufig genötigt sehn, ihre Ohren mit Jungfernwachs zu verstopfen. Über die Fortpflanzung dieser Tiergattung schwebt die Wissenschaft noch immer im Dunkeln. Die Vermutung, dass die lange am Rhein gesehene und eben so oft besungene als singende sogenannte Lorelei eine versprengte Sirene gewesen (wie als versprengte Walfische gibt), ist durch die neuesten Forschungen zur Gewissheit erhoben worden.


»Rings um das Bassin der Sirenen hatten sich viele wissbegierige Besucher des Gartens versammelt; mir selbst lag daran zu erfahren, welchen Eindruck meine Erscheinung auf diese verräterischen Tiere machen würde. Mehrere junge Leute haben sich bis zur Raserei in diese hübschen Ungeheuer verliebt. Ein Wächter ist beständig gegenwärtig, um sie am Singen zu verhindern. Die leiseste Note, die sie anschlügen, würde unzählige Selbstmorde veranlassen, denn zwei Drittel der männlichen Bevölkerung stürzten sich ohne Zweifel in das Bassin. Die strenge Bewachung der Sirenen gehört zu den peinlichen {im alten Sinne des Wortes ›lästig‹, ›schmerzhaft‹, hier also gemeint: ›mit höchster Anstrengung zu leistenden‹} Amtspflichten des Direktors vom zoologischen Garten. Sein Vorgänger wurde ohne Pension entlassen, weil er einer Sirene einmal die einfache Skala zu singen gestattete; ich billige diese Maaßregel von ganzer Seele und bin überzeugt, die Freunde der Ordnung und der öffentlichen Sittlichkeit stimmen mit mir darin überein.

Wenden wir uns jetzt zu einer anderen Gattung. Wir finden ganz in der Nähe, so wie auf der folgenden Seite des Katalogs:

Die heraldischen Tiere
Aus verschiedenen mehr oder minder entfernten Reichen von einem ungenannten Freunde der Naturwissenschaften mitgebracht und hieher geschenkt.

»Diese Tiere wurden in verschiedenen Reichen gesammelt, wo die Eingeborenen ihnen fast göttliche Ehren, wie ehemals die Ägypter dem Apis und Ibis, erwiesen. Ohne Zweifel hat die Erinnerung an jene Art von Cultus sie stolz gemacht und hindert sie, in gutem Einvernehmen mit einander zu leben. Übrigens arten diese Gattungen von Tage zu Tage mehr aus und einige derselben sind schon gänzlich ausgestorben.


»Stolz! Du richtest auch die Tiere zu Grunde: welche Lehre für die Menschen!«

•••••
Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

Bisher keine Re-Aktionen | Auf diesen Beitrag reagieren

Dienstag, 16. August 2011
geschrieben von molosovsky,
am: Dienstag, 16. Aug. 2011
Eintrag No. 745 — Hier also wieder mal eine Doppelnummer (um die Wochenzählung aufrecht zu erhalten). Es herrscht Wochenrückblick-Sommerpause bis Ende August, Anfang September, weil ich ziemlich viel Brotjob-Dienst schiebe, meine derzeit laufenden Serien (»Eine andere Welt« von Grandville und meine Buchregal-Wanderung) jedoch nicht gefährden möchte. Nächster Wochenrückblick kommt voraussichtlich erst in zwei Wochen.

Lektüre: Da ich nicht viel Musenzeit zum Lesen habe, bevorzuge ich in den letzten Wochen ›leichte‹ Comic-Stoffe. Guter Grund endlich mit »Hellboy« aufzuholen. Jahrelang hatte ich mich nicht um den großen Roten gekümmert und nur die ersten drei Sammelbände auf Englisch im Haus. Mittlerweile genieße ich den neunten Sammelband, »The Wild Hunt«. »Hellboy« ist eine der ganz wenigen Phantastik-Serien / Franchise-Produktionen, der ich verfallen bin. Ich mag die Comics, ich mag die Spielfilme (die endlich endlich den großartigen Ron Perlman zu einem Hauptdarsteller-Star gemacht haben), ich mag die Zeichentrick-DVDs, ja ich fand sogar die erste Doppelfolge der deutschsprachigen Hörspiele von Lausch ganz nett. Himmel!!! Ich hab einen »Hellboy«-Schlüsselanhänger … soviel zu meinem Status als Fanboy. — Als nächstes steht bevor, mir das gute Dutzend Sammelbände des Ablegers »B.P.R.D.« anzuschaffen. Seufz … Freu.
— Ach ja: passend zum Thema gratuliert für ›Der Tagesspiegel‹ Moritz Honert dem deutschen Verlag von »Hellboy«, Cross Cult, zum Zehnjährigen: Happy Birthday, Höllenjunge.
— Und dann hat auch noch ein Deutscher, Hendrik Berends, den »Re-kreiere ein Hellboy-Cover«-Wettbewerb von Dark Horse gewonnen. Glückwunsch!

Ebenfalls am nachholen bin ich, was die Werke von Meister Neal Stephenson angeht. Endlich habe ich mir sein Roman-Debüt »The Big U« aus dem Jahre 1984 besorgt und bin seit vorgestern halb durch damit. Eine wunderbare, lustige Campus-Gaudi in der sich Zimmergenossen mit Metal- und Orgelmusik bekriegen; ein Englisch-Prof. erklärt, warum Noten geben wie Poesie ist; einer Gruppe CoSim- & Rollenspieler, die baff vor Staunen ist, wie ein Computergenie bei seinem erstem Spiel den zweiten Weltkrieg mit den Achsenmächten gewinnt; Studentenparlamets-Sitzungen mit Budget-Gerangel und Vorbereitungen zum großen Fantasy Island-Fest des Frauen-Wohnflügels. — Erstaunlich, wie hoch die Ansprüche von Stephenson an sich selbst sind, denn er stuft dieses Debüt als minderwertig ein. Erst, als die Preise für diesen vergriffenen Roman unverschämt hochschnellten, stimmte er zu, dass man ihn neu auflegt (sehr anständigt von ihm!). Und wiedermal muss ich eine Schande der deutschen Verlagslandschaft ankreiden, denn bisher gibt es diesen unterhaltsamen Roman nur als teure (wenn auch schöne) Edition Phantasia-Ausgabe in kleiner Auflage. Ich halte es nicht für sooo wahrscheinlich, dass eine Taschenbuchausgabe zwangsläufig ein völliges Verlustunternehmen darstellen würde. — Schon richtig, dass in diesem seinem ersten Roman noch nicht der ganze Stephenson in voller Pracht erblüht. Aber eine seiner bedeutensten und kurzweiligsten Stärken brilliert bereits deutlich, sein geschicktes Händchen fürs Satirisch-Humoristische.

Nun aber zu den Links, diesmal ohne Kategorien, und mit einer Extra-Portion Filmchen.
  • Schöne Gelegenheit zum ersten mal etwas von Brad ›Cinema Snob‹ Jones vom ›That Guy With The Glases‹-Portal zu verlinken. Geht es um Nazis in der Popkultur, gibt es wenige, die unentschlossen bleiben, ruhig Blut wahren oder mit ›ist egal‹-Haltung in der Mitte verharren. Die meisten finden Nazis in der leichten Unterhaltung entweder meistens prinzipiell & ohne wenn und aber unakzeptabel, oder haben (wie ich oftmals) ihren Spaß damit, wenn diese Musterbösewichter auf die Bühne gerufen werden, um zu machen, was sie gut können: Bösewichter abgeben. Der ›Cinema Snob‹ bespricht hier einen billigen Kriegsmoral-Aufpepper aus dem Jahre 1942 namens Hitler Dead or Alive in dem drei Straßengangster mit Tommy-Gun dem Gröfaz auf die Pelle rücken.
  • ›Cartoon Brew‹ führt vor, um wie vieles das Kinder- und Jugendfernsehprogramm früher besser war als heute. So hat man in den Siebzigern jemanden wie Terry Gilliam erklären lassen, wie man einfache Trickfilme macht. Terry Gilliam's Do It Yourself Animation Show.
  • Ich liebe die Zauberer und Komiker, die bei den TED-Talks auftreten. Jüngst hat der Schweizer Marco Tempest geziegt, wie man mit drei iPod-touch-Geräten einen Saal voller Tech-Geeks zum Staunen bringt: Die Magie der Wahrheiten und Lügen










•••••
Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

Bisher keine Re-Aktionen | Auf diesen Beitrag reagieren

Sonntag, 14. August 2011
geschrieben von molosovsky,
am: Sonntag, 14. Aug. 2011
Eintrag No. 744 — Zweites Brett von oben, des nördlichsten 80-cm-Billys der Westwand. Ein für mich sehr wichtiges Regalbrett, aber inhaltlich vieleicht ein wenig langweilig, denn vorne stehen eben lauter Bücher …



… — von und über Arthur Schopenhauer: die einzige wirklich Ausgabe nach letzter Hand aus dem Haffmans-Verlag (heutzutage über Zweitausendeins zu haben); die Vorlesungen aus dem handschriftlichen Nachlass; der sonstige handschriftliche Nachlass, sowie das Reisetagebuch, verschiedene Anekdoten- und Über Schopenhauer-Büchleins (oben auf). — Als leichten Einstieg zu Schopenhauer empfehle ich den zweiten Band von »Parerga und Paralipomena« (Vereinzelte, jedoch systematisch geordnete Gedanken über vielerlei Gegenstände).

— Die vier großen Wälzer von Douglas R. Hofstadter (einmal, bei »Einsicht ins Ich«, mit Daniel C. Dennett als Co-Herausgeber).

— Der Beginn meiner Umberto Eco-Bibliothek mit Sachbüchern über Schönheit im Mitterlalter, das offene Kunstwerk, die Grenzen der Interpretation und Ähnlichem. In der zweiten Reihe stehen Nachschlage- & Sekundärwerke zu Ecos Romanen, sowie zwei dtv-Einzelausgaben kurzer Texte, die ich nun in einem großen Band gesammelt habe. — Eco ist was die Menge dessen, was ich im Regel stehen und von ihm gelesen habe, einer der wichtigsten Autor für mich. Wer kann auch schon mit dieser Bandbreite mithalten? Der Mann ist vorzüglicher Romancier, Essayist, Satiriker, politische Kassandra, Plaudertasche, Wissenschaftler. Bester Einstieg: eben der Sammelband »Sämtliche Glossen und Parodien« oder »Baudolino« (im Herbst erscheint der neue Roman »Der Friedhof von Prag« auf Deutsch).


Oben auf liegen: »Die Masken der Sexualität« von Paglia (wenn man dieses Monster nicht zu ernst nimmt, ein sehr anregender Band); die empfehlenswerten »Grundzüge der Literaturwissenschaft« von dtv und »Literaturkritik« von von Anz & Baasner; das »Baghdad Blog« von Salem Pax; immer in Griffweite habe ich billige englische Ausgaben von Virginia Woolfs »Orlando« und »Mrs. Dalloway«.



In der zweiten Reihe herrscht ein Durcheinander mit Sachen, die ich bei Büchereiabverkäufen gerettet habe. Ganz links aber erstmal eine Hesse-Werksausgabe, die ich auf der Straße gefunden habe. Wie viele Jugendliche, habe ich einiges von Hesse gelesen. Ein seltsamer Autor. Niemand, den ich kenne, schätzt ihn wirlich (inkl. mir). Dennoch hat er was. Ich mag vor allem seine Sekundär-Sachen.

Erwähnenswert, weil feine Zwischendurchlektüre, sind die Essays von Boswell, Emerson und R. L. Stephenson. Auch habe ich hier solche Kuriosa wie eine englische Auswahl mit Lichtenberg-Aphorismen, ein Sachbuch über Ballonfahrt-Pioniere.

Zwei noch nicht gelesene Romane von Orhan Pamuk stehen hier, schmale Biographien über Eco, Tolkien, Luxenburg und Wilde. Und um das Regal etwas aufzupeppen ist hier auch ein dickes Ding von Hunter S. Thompson untergebracht.


Dienstag, 9. August 2011
geschrieben von molosovsky,
am: Dienstag, 09. Aug. 2011
Kein richtiger Eintrag, sondern ein Bescheidgeben, dass ich hier in den nächsten Tagen etwas weniger aktiv sein werde. So gibt es heute keinen Wochenrückblick, sondern erst nächsten Dienstag wieder. Ich deklariere hiermit mehr oder minder eine Art Sommerpause bis Ende August / Anfang September, um die Routine der letzten 65 Wochenrückblicke zu brechen, neuen Atem zu schöpfen.

Die beiden derzeit laufenden Serien — Wanderung durch mein Buchregal, und »Eine andere Welt« von Grandville und Plinius dem Jüngeren — werden von dieser Sommerpause nicht betroffen sein.

Stichworte: Wartung

Samstag, 6. August 2011
geschrieben von molosovsky,
am: Samstag, 06. Aug. 2011
Eintrag No. 743Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

XVI. Liebesgeschichte des Gliedermännchen.

Deine Augen sind Sterne!
Sterne sind Deine Augen!
. . . . . . . .
Sterne meiner Nächte!
. . . . . . . .
Wenn der Stern der Liebe aufgegangen
. . . . . . . .
Ist es möglich. Stern der Sterne?
Fragmente aus deutschen Dichtern.

Geheime Denkwürdigkeiten aus der mythologischen Zeit. Eines Zephyr’s Autobiographie. — Die Rache der Venus. — Ein Gliedermännchen, das seine Flügel wieder erhält.

Es wäre vielleicht am passendem Orte genau zu berechnen, wie lange die Ohnmacht des Gliedermännchens dauerte; aber uns fehlen die algebraischen Formeln für derartige Aufgaben, und selbst Zacharias Dahse würde hier stecken bleiben, denn wer kann den Moment calculieren, wo die Knospe aufblüht und der Wassertropfen sich kristallisiert. So viel ist indessen gewiß, als er wieder zu sich kam, krähte der Hahn und verkündete das Wiedererwachen der Natur. Aurora zog ihre Rosahandschuh an, um mit zarter Hand den Vorhang der Nacht aufzuziehen und der Lampenputzer der Himmelslichter zündete die Sonnenstrahlen an.


Reize eines schönen Morgens, welches Wesen kann bei Eurem Zauber gefühllos bleiben? Das Herz des Gliedermännchens war nicht geschaffen Euch Widerstand zu leisten. Ein süßes Bedürfnis nach Mitteilung bemächtigte sich seiner Seele, der Hauch des Morgens gab ihm neue Kräfte; bald stand es auf. Die Gliedermännchen liebten es nicht, lange ausgestreckt zu liegen. Kaum war das unserige von Neuem auf den Beinen, als es mit einem schmerzlichen Seufzer ausrief:

»Junger Zeuge meiner Schwäche, ich darf Ihnen Nichts mehr verheimlichen: erfahren Sie also meine Geschichte.

»Unbekannten Eltern verdanke ich das Dasein. Eines Tages entschlüpfte ich den duftenden Lippen irgendeiner Nymphe, die vor Liebessehnsucht seufzte; so werden alle Zephyre geboren, denn wie ich Dir jetzt auch erscheine, ich bin ein geborener Zephyr.

»In dieser Eigenschaft trieb ich mich auf’s Geratewohl im Raume umher. Da keine sorgsamen Eltern meine Erziehung überwachten, so ward ich ein boshafter kleiner Taugenichts. — Ich schlüpfte in die versteckten Falten, spielte mit den Locken, lüftete die Schleier der Spröden und brachte den Kopfputz der Coquetten in Unordnung. Ein alter Faun, mein guter Freund, lehrte mich tausend Streiche, die unschuldigen Schäferinnen zu quälen, und ich ermangelte nicht seine Unterweisungen auszuführen.

»Eines Tages hatte ich mich zu einem Trupp Zephyre gesellt, die ihr Wesen in einem Walde trieben, als ich eine junge, allerliebste Schöne sich nähern sah, die kaum mit ihrem sentimantalen Halbstiefelchen den Rasen zu betreten wagte und fortwährend ängstlich um sich blickte; es handelte sich offenbar um ein Stelldichein. Augenblicklich gab ich meinen Kameraden ein Zeichen; wir näherten uns mit Zephyerschritten, umzingelten das holde Wesen und wetteiferten darin, sie zu quälen. Bald flatterte ihr Umschlagtuch in die Lüfte, bald schlug ihr Sonnenschirmchen um, bald wieder flog ihr Halstuch fort. Der alte Faun lachte hinter einem Baume versteckt, dass ihm der Bauch wackelte. Überrascht und erschreckt durch diesen gewaltsamen Angriff, gab das holde Kind sich alle erdenkliche Mühe uns Widerstand zu leisten; ich war jedoch am meisten darauf erpicht sie zu necken, als plötzlich meine Gespielen, der Faun und das junge Mädchen verschwanden, meine Flügel abfielen und ich mich allein, vier Fuß größer fand, mit einem mit Goldstaub betreufelten Barte, in einem Purpurgewande mit einem Rosenkranz auf dem Kopfe und einer Lyra in der Hand.


»Verzweifelnd und voll Entsetzen suchte ich mir die Ursache dieser Verwandlung zu erklären, da gurrte mir eine auf einem nahen Aste sitzende Taube Folgendes zu: — ›Ich bin der Vogel der Venus; Deine Bestrafung kommt von ihr. Du weißt, daß die Götter und Göttinnen mitunter die Gestalt gewöhnlicher Sterblichen annehmen, um deren Freuden zu teilen. Du hast Venus in einem Vergnügen gestört. Um Dich zu züchtigen verwandelte sie Dich in einen Menschen und noch dazu in einen Dichter; Deine frühere Gestalt erhälst Du nicht eher wieder, als bis Du lange verliebt in sie gewesen, und es ihr gefällt Dir zu verzeihen‹.

»Dies begab sich in der Umgegend von Rom, unter der Herrschaft des Kaisers Gallienus. Am Tage richtete ich Episteln an den Monarchen und in der Nacht dichtete ich Oden an Venus, um sie zu erweichen. Ich liebte sie in der Gestalt des Sterns. Bald sind es zweitausend Jahr, daß ich sie liebte, zweitausend Jahr, wo ich nicht aufgehört habe Poet zu sein, was nachgerade sehr ermüdend wird.

»So aber ereignete sich meine Umwandlung.

»Ich saß im Opernhause zu Berlin in einem Sperrsitz ruhig und guter Dinge, als eine Loge in meiner Nähe geöffnet wurde und ein wunderschönes Weib (Sie wissen ›wunder‹ ist die beliebteste Berliner Zusatzformel für alles, was den Berlinern imponiert, wenn es auch gar nicht wunderbar ist; dies Mal war jedoch die Bezeichnung richtig) also, als ein wunderschönes Weib darin Platz nahm. Aller Augen waren gleich dahin gerichtet. Man muss gleich mir das Feuer gesehen haben, das aus allen diesen Augen strahlte, um sich einen Begriff von der Schönheit der Unbekannten zu machen. Nie, ich schwöre es bei Liszt und Lind, war die Verwunderung rascher, allgemeiner, lebendiger. Ein Auge, das wahrscheinlich Archäolog war, rief entzückt: ›Das ist Venus selbst, wie sie leibt und lebt!‹


»Der Ausruf war keine Berliner Übertreibung sondern Wahrheit. Meine alte Natur erwachte; ich warf der Fremden einen brennenden Blick zu; sie schien mich huldvoll anzulächeln. Meine Verwegenheit trieb mich an, wieder so keck zu sein, wie ich es als Zephyr gewesen; ich passte ihr am Ausgange auf, und will ihr ein Briefchen in die Hand drücken; da wendet sie sich um, betrachtet mich stolz von oben bis unten und sagt: ›Du bist nur eine Marionette!‹

»Ach, dieser gräßliche Ausspruch ward zur Wahrheit! Das Blut erstarrte mir in den Adern, meine Gelenke verhärteten sich, meine Arme wurden länger, meine Beine, die vor Schrecken zitterten, schlugen zusammen und gaben einen klappernden Ton; ich sah meine Nase sich über die Maaßen verringern, und als ich meine Handschuh anziehen wollte, hatte ich hölzerne Hände. Ohne mir Rechenschaft geben zu können, von der Kraft, die mich fortriss, ward ich von der Erde emporgehoben und auf diesen Planeten hingesetzt. Die schöne Frau im Opernhause zu Berlin war Venus selbst gewesen; sie hatte mich auf die Probe stellen wollen, und, als sie den Himmel verließ, einen Nebel benutzt, der mir nicht gestattete ihre Abwesenheit zu bemerken. Nun ermessen Sie die Größe meines Falls!

»Seit diesem Augenblicke vegetiere ich als ein Verbannter hier auf dem verschlafenen Planeten, es ist ein totes Gestirn das als Sibirien oder Botanybai dient für Diejenigen, mit denen die Götter unzufrieden sind. Ich habe diesen traurigen Aufenthalt mit meinen Erinnerungen bevölkert, und mit großem Aufwand und Geduld die schöne Welt, von der ich scheiden musste, hier nacherschaffen. Als Gliedermännchen konnte ich nur über Automaten herrschen. Sie werden finden, daß mir die Fabrikation meiner Untertanen und die Verfertigung meines Königreiches leidlich gelang; trotzdem langweile ich mich aber entsetzlich und wäre glücklich, wenn ich oft die Gelenheit hätte, wie heute, meinen Schmerz in den Busen eines Freundes auszuschütten.«

Als er diese letzten Worte vernahm, konnte Schwadronarius sich der Tränen nicht enthalten und stürzte in die Arme des Gliedermännchens.

»Bringen wir uns nicht in Rührung«, sagte der Herr Zephyr, »lassen Sie mich die Geliebte betrachten; gerade jetzt pflegt sie auf ihrem Balkon die Kühlung des Abends zu genießen und das Leuchtfeuer anzuzünden, nach dem sich die Liebenden richten welche Nachts auf dem Meere der Liebe schiffen. Sehen wir, ob mir ihre Augen Hoffnung winken.«


Das Gliedermännchen legte das Auge an die Laterna magica und rief: »Oh Himmel!«

Schwadronarius wandte sich um und sah Nichts mehr, weder das Gliedermännchen noch die Laterna magica, nur ein kühler frischer Windhauch spielte mit seinen Haaren, woraus unser Neugott sich beeilte zu schließen, daß Venus dem Zephyr seine ursprüngliche Gestalt wiedergegeben hatte.


•••••
Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

Bisher keine Re-Aktionen | Auf diesen Beitrag reagieren

Dienstag, 2. August 2011
geschrieben von molosovsky,
am: Dienstag, 02. Aug. 2011
Eintrag No. 742 — Sorry sorry sorry. Habe vor lauter Begeisterung bei der Arbeit an meiner nächsten Übersetzung für Golkonda (von der ich noch nicht verraten kann, um was für ein Projekt es geht) und Einspringen für einen Kollegen bei meinem Brotjob vergessen, dass Dienstag war und entsprechend kommt dieser Wochenrückblick etwas verspätet (und rückdatiert).

Politik, Gesellschaft & Hochkultur: Zuckerl: Popkultur & Kunst
  • ›Superpunch‹ empört sich zurecht: Da kreiert eine Werbeagentur für ‘ne Paracetamol-Werbung ein irre detailiertes Skulpturen-Panorama, Paramex: End the Pain, das schön anzuschauen ist und bei dem es sich auch lohnt, sich die Zeit zu nehmen, all die kleinen Szenen zu entdecken (mein Liebling: links hängen Skelette von Hingerichteten, und dazewischen auch ein großer gehörnter Fisch). Das alles wäre wirklich schön und gut, hätte die Agentur nicht einfach nur offensichtlich das Werk des Künstlers Kris Kuksi abgekupfert (mit dem feinen Unterschied, dass Kuksi seine Skulpturen aus echtem Zeugs zusammenbaut und nicht photoshoppt)
  • Harry Potter ist nun auch als Film feddich. Gelegener Anlass um Euch zu zeigen, wie die Potter-Charaktere als Manga (via ›Burnred‹, unbekannter Künstler), oder als Disney-Version (bei ›lenneltan‹) aussehen könnten.
  • ›Ufunk‹ präsentiert die Surrealistic Pillow-Photoserie von Ronen Goldman. Mein Liebling: Mann verteidigt sich mit Regenschirn gegen angreifenden Apfelschwarm.
  • Endlich vereint: Yoda und Kermit! Jetzt warten wir nur noch auf einer Duett-Fassung des Liedes »Grün sein, leicht sein ist es nicht«. — Und hier gehts zur Website des Künstlers Peter de Sève.
  • Stellt Euch vor, der unvergleichlich durchgeknallte Eugen Egner würde quietschebunte Pop Art-Cthulhu-Sachen machen: in etwa so wirkten die Sachen von Leong Wan Kok auf mich.
  • Traumatron Illustrations bietet ein ›flickr‹-Album mit sehr schönen Twin Peaks-Motiven! Gibt es auch als T-Shirts. Ich glaube, das hier ist bald meines.
  • Zum Schluss wieder mal ein ›Cracked After Hour‹-Filmchen. Diesmal wird die Frage verhandelt was die beste Superheldenkaft ist

•••••
Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

Bisher keine Re-Aktionen | Auf diesen Beitrag reagieren

geschrieben von molosovsky,
am: Dienstag, 02. Aug. 2011
Eintrag No. 741 — Beginne ich mit der Wanderung durch das zweite von sieben Billys (einem 80-er), dem ersten der westlichen Zimmerwand. Anmerk: Die Führung durch meine Bibliothek geht nicht geordnet von links nach rechts von statten, sondern ich erlaube mir, mal Regele der östlichen —(überwiegend Bildbände und Comics beherbergende)— und der westlichen Zimmerhälfte —(Schwerpunkt Prosa)— abzuwechseln, eben der Abwechslung halber.

Ganz oben druff stehen über vier Billy-Regal hinweg lauter (größtenteils englischsprachige) Taschenbücher. Die werden in einem eigenen Beitrag vorgeführt, dann aber auch die ganze Schlange auf ein mal.

Die 8 Regalbretter des ersten Billys beherbergen schöne Literatur und ein wenig Philosophie.



Ursprünglich beginnt links eine über drei Regalbretter lange alphabetische Ordnung gebundener größerer Bücher, doch im Lauf der Jahre ist die Ordnung verwässert worden. Aber die Wildheit der Mischung zu Beginn beruht immer noch auf dem Alphabet.

Los gehts mit Don Alphonsos »Liquide« (und es ist eine Schande, dass dieser Roman über den Internet-Boom der Jahrtausendwende immer noch nicht als Taschenbuch weitere Verbreitung gefunden hat), Michael Endes »Die Undendliche Geschichte« & »Momo« und Amerys »Die Wallfahrer«.
— Gracians »Das Kritikon« ist eines meiner Lieblingsbücher aller Zeiten.
— Castors »Der Blutvogt«, ein wirklich wuchtiger und lohnender historischer Berlin-Roman (von einem Perry Rhodan-Autor!), leider auch vergessen worden.
— Meine Bücher von Michael Chabon sind im ganzen Zimmer verteilt. Hier mein Erstling von ihm: »Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay«.
— Als Schmuck steht hier »Hannibal« von Gisbert Haefs. In zweiter Reihe dahinter befinden sich die beiden ›Alexander‹-Romane und »Pilatus Tochter«.
— Meine schöne Erstausgaben-Nachdruck-Ausgabe von Kubins »Die andere Seite«.
— Lodemanns »Siegfried und Krimhild«; würde ich gerne noch mal lesen.
— Ein kleines aber sehr originelles und anregendes Buch ist Giorgios Manganellis »Irrläufe«. Hier gibt es hundert Romane in Pillenform, also ganz kurze Kurzgeschichten. Gutes Buch, um den Kopf durchzuputzen.
— Es folgt die ›Schwarze Serie‹ von Leo Malet (»Das Leben ist zum kotzen«, »Die Sonne scheint nicht für uns« & »Angst im Bauch«). Habe ich Anfang der Neunziger als noch nicht ganz Zwanzigjähriger gelesen. Malet habe ich über Tardis Nestor Burma-Comics entdeckt. Neben Orwell, Krausser, Burroughs und anderen hat Malet mich gelehrt, wie (unterhaltsame) Literatur und wache, kritische Weltbeobachtung gut zusammengehen können.
— Das gilt auch, obwohl ich sie erst als Mitzwanziger entdeckt habe, für E. Annie Proulx, von der nun drei Bücher folgen.
— Die erste Reihe wird nun abgeschlossen von allen Taschenbuchausgaben, die es bisher von Fernando Pessoas Sachen gibt. Ich gebe zu, einiges, sogar vieles von seinen Werken ist eher so lala, aber irgendwas an seiner Schreibe hat es mir angetan.
— Ach ja, das dicke Trumm »Hunger’s Bride« von Paul Anderson das oben auf liegt, habe ich mal aus dem Ramsch gefischt und bisher nur an- und quergelesen.


In zweiter Reihe stehen, wie auch anderswo, gelesene oder angelesene Sachen. Sowohl Esterhazy als auch Franzen könnte ich eigentlich mal wegschenken, denn so bewahrenswert sind deren dicken Dinger für mich nicht.
— »Sofies Welt« von Garder ist auch für mich ein netter Klassiker, auch wenn ich Angst habe, das Buch mal wieder in die Hand zu nehmen. Ich könnte es mittlerweile wohl zu flach finden.
— Es folgt die Anthologie »Mesopotamia« von Christian Kracht, und dann, wie schon gesagt, einiges von Meister Haefs.
— »Die Reise ans Ende der Nacht« von Celine hat mir sehr gut gefallen, auch wenn ich im Lauf der Jahre merke, dass hier etwa meine ›ist mir zu düster‹-Grenze verläuft. Der Nadolny ist von Andrea, und ich muss das gute Stück über den »Gott der Frechheit« fertiglesen.
— Pelewin … kann eigentlich weg.
— Ich oute mich als jemand, der die ersten beiden Robert Schneider-Bücher ganz großartig findet. Die triefen zwar vor Kitsch, vor allem die hier stehende »Die Luftgängerin«, aber es ist schade, was aus diesem begabten Autor geworden ist.
— Von Andreas Onkel geerbt und bei mir zu Gast : »Ich, Claudius« von von Ranke Graves.
— »Oscar Wilde im Wilden Westen« von Walter Satterthwaith, dessen Romane ich alle mag und wieder eine traurige Schande, dass dieser Autor seit Jahren nicht mehr auf Deutsch verlegt wird.
— »Luna Park« von Ellis habe noch nicht gelesen. Littells »Die Wohlgesinnten« habe ich ehr ausgiebig quergelesen. Habe derzeit für sowas keine Kondition.
— Durchaus mit Vergnügen habe ich (wie die beiden Vorgänger) den dritten von Dan Browns Reissern über Robert ›Symbololologe‹ Langdon gelesen. Anspruchsvoll und eine packende Studie über die dunklen Seiten von Kreativität, Autorenfreundschaft und Konkurrenz bot mir Dan Simmons »Drood«.

Oben auf liegen noch die Werke von Marlow in der Schlüter’schen Übersetzung, Heinses Phantastik-Klassiker »Ardinghello« und de Nervals »Aurelia« mit Kubin-Illustrationen.

Stichworte: Buchregal, Alltag, Romane

Dienstag, 26. Juli 2011
geschrieben von molosovsky,
am: Dienstag, 26. Jul. 2011
Eintrag No. 740 —  Kinners, wie die Zeit vergeht! Wisst Ihr noch, wann ich das letzte Mal von meinen Entscheidungen bei ›Wer ist dir lieber?‹ berichtet habe? — Nein? — Vor über drei Monaten! — Also nicht lange gefackelt. Entscheidungen müssen her!!!

Jack Nichsolson oder Heath Ledger (als Joker): Wenn es nur darum ginge, wer der bessere Joker war, würde ich ›weder / noch‹ sagen, wenn es darum geht, wessen Schauspielerleistung ich höher schätze, dann Nicholson.Yul Brunner oder Telly Savalas: Meine Stimme geht an den König von Siam!Physik oder Chemie: Finde beides zu interessant und wertvoll, um mich entscheiden zu wollen, also wieder ›weder / noch‹.Tim Taylor oder Al Borland: Ähh, das ist wohl TV-Kultur. Habe keine Ahnung. Kenne beide nicht.Beckmann oder Kerner: Diesmal kenne ich immerhin die Namen dieser TV-Fuzzis. Weiß aber sonst zu wenig, um die unterscheiden zu können. Also wiederum, ›kenne beide nicht‹.Inge Meysel oder Marie-Luise Marjan: Und nochmal ›kenne beide nicht‹.Lena oder Nicole: Schlimme als das grausige »Ein bischen Friede« ist selbst lena nicht. Trotzdem unterm Strich für mich ein ›weder / noch‹-Fall.Spiegelei oder Rührei: Klarer Fall. Ich bin ein Rührei-Typ.Jim Knopf oder Lukas der Lokomotivführer: Ich mag Lukas ein kleines bischen mehr.Darth Vader oder Yoda: Seit »The Attack of the Clones« ist für mich der Kampf-Flummi nicht mehr zu toppen.David Beckham oder Victoria Beckham: Bin nicht kompetent genug, hier eine Entscheidung zu treffen, also ›weder / noch‹.Prince William oder Kate Middleton: Ebenso. Wertner Enke oder Uschi Glas: Ich boller einfach mal so rum und wähle den Enke.Cats oder Das Phantom der Oper: Hmmm, schwer. Als Teen mochte ich beide. Aber die Texte von Cats sind (siehe T. S. Eliot) doch 'nen winzigen Tick gehaltvoller.Humphrey Bogart oder Ingrid Bermann: So sehr ich die Bergman mag, den Bogart finde ich einfach noch besser.Max oder Moritz: Ist das nicht völlig Wurscht? Ich werf ne Münze … halt nein, ich finde, Max sieht nicht so nervig aus. Adam oder Eva: Meine Sympathien liegen bei Frauen, die mir was zu Essen bringen.Liz Taylor oder Richard Burton: Wieder ein ›weder / noch‹-Fall.Frühling oder Herbst: Mein liebste Jahreszeit ist eh der Herbst.Harry oder Sally: Als Rollenvorbild für mich bevorzuge ich Harry.Cornflakes oder Müsli: In Phasen die sich über mehrere Jahre erstrecken, mag ich mal das eine, mal das andere lieber. Derzeit bin ich ein Müsli-Typ.
•••
Wunderbare Neuigkeiten! Matt Ruff präsentiert auf seiner Website nun erste offizielle Infos über seinen (auf Englisch) im Frühjahr 2012 erscheinenden fünften Roman »The Mirage«. Hier eine schnelle Übersetzung von mir vom Waschzettel des Buches:

9. November 9, 2001: Fundamentalistische Christen haben vier große Düsenmaschinen entführt. Zwei davon steuerten sie in die Tigris & Euphrat-Welthandels-Türme in Baghdad, und das dritte in das Arabische Verteidigungsministerium in Riad. Die Passagiere des vierten Flugzeuges, dessen Bestimmung Mekka gewesen sein soll, bringen ihre Maschine in der Wüste zum Abstürzen.

Die Vereinigen Arabischen Staaten rufen einen Krieg gegen den Terror aus. Eine Koalition arabischer und persischer Truppen landet an der Ostküste Amerikas und errichtet in Washington D.C. eine Grüne Zone …

Heute, einige Jahre später, ebbt der Krieg in Amerika langsam ab. Mustafa al Baghdadi, ein Agent der arabischen Heimatsicherheitsbehörde, verhört im Irak einen festgenommenen Selbstmordbomber. Der Gefangene behauptet, dass die Welt in der sie leben ein Trugbild ist — in der wirklichen Welt ist Amerika eine Supermacht und die arabischen Staaten nur eine Ansammlung ›rückwärtsgewandter Drittwelt-Nationen‹. Eine Ausgabe der New York Times vom 12. September 2001, die bei der Durchsuchung der Wohnung des Attentäters gefunden wird, scheint seine Aussage zu bestätigen.

Es bleibt nicht bei diesem einen Zwischenfall. Andere festgenommene Terroristen erzählen die gleiche Geschichte, und man findet weitere ›Artefakte‹. Der Präsident verlangt Antworten, doch Mustafa und sein Team entdecken bald, dass weitere Interessensgruppen ihre Finger im Spiel haben. Der Verbrecherboss Saddam Hussein führt eigene Ermittlungen durch, und der Chef des Nachrichtendienstes des Senates, ein Kriegsheld namens Osama bin Ladin, macht vor nichts Halt um die Wahrheit über das Trugbild zu verbergen.

Und Matt hat auch schon zusammengeschrieben, welche Musik er beim Schreiben von »The Mirage« vor allem gehört hat.

Politik, Gesellschaft & Hochkultur:
  • Georg Dietz, ›Der Kritiker‹ unter den SpOn-Bloggern, klärt uns auf betreffs Sieben Wahrheiten über die Hochkultur. Durch die Brille der Genre-Theorie gesehen ist für mich schon lange klar, das ›Hochkultur‹ eben auch nur eine Nische für ein spezielles Fandom ist.
  • Ein weiteres Adendum zu dem enorm gehaltreichen und anregenden Buch »Blödmaschinen« liefert Georg Seeßlen in seinem Blog ›Das Schönste an Deutschland sind die Autobahnen‹: Lob des Raunens.
(Deutschrachige) Phantastik-Links
  • Für das Blog der  ›Bibliotheka Phantastika‹ hat moyashi am Beispiel des »Games of Thrones«-Kalenders 2012 von Joe Picacio wunderbar zusammengemeckert, was an typischer Epic-Fantasy-Grafik nicht stimmt: Blind oder nicht blind, das ist hier udie Frage.
  • Simon Spiegel bietet als PDF auf seiner Website eine Rezi zu Alex Melzers »Weltenbauer: Fantatstische Szenarien in Literatur, Games und Film«. Wer sich selbst einen Eindruck von der exemplarischen Nutzlosigkeit von Melzeners Schrift verschaffen will, kann hier in einer umfangreichen Leseprobe stöbern.
  • »20th Century Boys« hat letztes Wochenende den Eisner-Award gewonnen, schöne Gelegenheit für den ›Tagesspiegel‹ Inga Steinmetz dieses beeindruckende Groß-Manga empfehlen zu lassen: Mörderische Freundschaft.
  • Noch was aus dem ›Tagesspiegel‹: Diesmal hat sich Steffen Richter der ersten sechs Titel der ›Neue Welt‹-Reihe des Verlages Matthes & Seitz angenommen: Luftschlösser und Quantenburgen. Diese Science Fiction-Reihe wurde von der Szene (mich eingeschlossen) selbst bisher kaum wahrgenmoen, mit Ausnahme von Thor Kunkels lesenswerten Roman »Schaumschwester«.
  • Viel Stoff für die Ohren bieten die Tonmitschnitte der Seminare Science Fiction and Politics von Courtney Brown. Bereits verkostet habe ich die Einführungsfolge, sowie die Beiträge zu Neal Stephensons »Snow Crash«. Ganz besonders freut mich, dass auch das Werk der Science Fiction-Musikerin Janelle Monáe berücksicht wird.
Zuckerl: Popkultur & Kunst
  • Seit ich als Hauptschüler Bachs Orgelmusik in der Einspielung von Helmut Walcha kennenlernte, und kurz darauf die Böhmsche Einspielung der Brandenburgischen, bin ich dem Jay Es Be verfallen. Letztes und dieses Jahr hatte ich wieder eine von diesen monatelangen Phasen, in denen ich auf dem Weg zur und von der Arbeit praktisch nur Bach hörte (Savall und Göbel-Einspielungen). — David Ramirer ist einer meiner Freunde, die so eine arge Bach-Begeisterung verstehen. Ihn hat’s, wie’s scheint, in letzter Zeit auch wieder vermehrt zum Thomas Cantor hingezogen, denn in seinem Blog tummeln sich wieder vermehrt elektromusikalische- und bildnerische Interprationen Bach’scher Werke: hier erstmal zum Hören für die freunde gehobener contrapunktik das »Ricercar a 6« (aus »Musikalisches Opfer«), und anschließend dann zwei visuelle Analysen / Umsetzungen dieses Stücks: ein wenig musikanalyse am mittwochabend und ein semi-chromatischer tanz.
  • Dank an Andrea für diesen Linktipp: Kent Rogowski macht Collagen aus verschiedenen Puzzels und nennt diese knallbunten Farbgranaten dann Love=Love.
  • Das Architektur-Blog ›The Web Urbanist‹ bietet einen umwerfenden Rundgang durch menschengemachte Himmelgewölbe: 15 Stunning Modern Ceiling Designs.
  • Zum Abschluss ein Filmchen bei ›Neatorama‹, das ich putzig-gruslig finde (aber vorsicht: manche von Euch finden folgendes sicherlich grausig-eklig!): Leckerer (toter!) Tintenfisch fängt wegen des Natriums in der Soja-Soße an zu zucken: Tanzender Tintenfisch
••••• Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

Bisher keine Re-Aktionen | Auf diesen Beitrag reagieren

Sonntag, 24. Juli 2011
geschrieben von molosovsky,
am: Sonntag, 24. Jul. 2011
Eintrag No. 739 — Kommen wir nun zum untersten und letzten Regalbrett des nord-östlichen 80-cm-Billys. Hier gehts okkult und durcheinander zu. Kein Wunder, denn dieses Regal ist etwas schwer zugänglich und da sammelt sich nun mal schnell, was ich nur selten rausziehe.



Es beginnt links mit ein wenig Erotica: der kleine Jan Saudek von Taschen; ein kleiner Katalog des Frankfurter Kunstvereins aus dem Jahre 1998 mit Zeichnungen des wahnsinnigen Javier Gil und der Taschenbildband »Digital Desires« von Natacha Merritt.
— Darauf liegen die Tarot-Karten, mit denen ich ab und zu rummwurschtl: eines von Milo Manara, das klassische Rider Waite-Deck und die unglaublich coolen ›World of Darkness‹-Karten aus der Welt des Rollenspiels »Mage – The Ascension«.
— Daneben dann einige alte Bücher von Andrea, die ich gerne in Verwahrung genommen habe: über Hexen, Haiti & Voodo, wobei »Der Tanz des Himmels mit der Erde« von Maya Deren sicherlich der beste Titel ist. Auch der weiter rechts stehende (ebenfalls Andrea gehörende) Band »The Magic Island« von William Seabrook ist ein lesenswerter Klassiker über die magische Seite von Haiti
— Nun meine paar alten Magie-Bücher, die im Lauf der Zeit nicht aussortiert wurden: toll zum Blättern der fette »Alchemie & Mystik«-Ziegel von Taschen; dann die Werke von Austin Osman Spare; und das wundervolle Buch zum Giger-Tarot und das Nachschlagewerk von Akron & Banzhaf zum Crowley-Tarot (ein Klassiker der Wohngemeinschafts-Esoterik).
— Bereichernde Schau auf die Geschichte der modernen Esoterik bieten die beiden Bücher von Colin Wilson »Das Okkulte« und »Mysteries«, auch wenn ich den Ausführungen über die geistigen X-Kräfte nicht mit dem Herz folgen mag.
— Schnitt und wir befinden uns in einer kleinen Abteilung mit Büchern über ferne Weltgegenden und historische Reiseaufzeichnungen des Unionsverlages und des Erdmann Verlages.
— Auch wenns nicht komplett ist, mag ich die etwas zerfledderte Diogenes-Ausgabe von Jules Vernes »Die großen Seefahrer & Entdecker«; daneben steht der »Südöstliche Bildersaal« des unvergleichlichen Fürst Pückler (mein erster Kandidat für eine deutsche ›Liga der außergewöhnlichen Gentlemen‹).
— Ganz rechts, eigentlich völlig Fehl am Platze, steht das dicke Ding mit den vergnüglichen Aufzeichnungen von Karl Ignaz Hennetmair »Ein Jahr mit Thomas Bernhard«.

Oben auf liegen noch zwei Sachbücher: einmal das etwas trockene aber ausgiebige Recherchefrüchte bergende »Magie & Magier im Mittelalter« von Christa Tuczay und der etwas planlose aber ebenfalls stoffreiche Titel »Der Teufel« von Alfonso di Nola.
•••
Damit ist die Wanderung durch das erste Regal abgeschlossen. Stehen noch sieben vor uns.

Bisher keine Re-Aktionen | Auf diesen Beitrag reagieren

Samstag, 23. Juli 2011
geschrieben von molosovsky,
am: Samstag, 23. Jul. 2011
Eintrag No. 738Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

XV. Eine eheliche Eklipse.

Die Anziehungskraft beherrscht alle Körper.
Newton.

Drum prüfe wer sich ewig bindet!
Schiller.

An Scheidung ist fortan nicht mehr zu denken.
Nr. 1754896 der Gesetzsammlung.

Hier erfährt man die wirklichen Ursachen der Eklipse, welche zwei tausend Jahre vor der Erschaffung einer anderen Welt stattfand.

»Sie scheinen ein erkleckliches Erstaunen zu verspüren über Alles, was Sie hier gewahrten, wertester Herr!«, sagte das Gliedermännchen zu Schwadronarius, als er ihn wieder auf dem Markte traf, »und ich wette, Sie haben Lust mir viele Fragen vorzulegen.«

»Gnädiger Herr! Ich kann es nicht leugnen«, entgegnete Schwadronarius, »wenn Sie mir nur wenigstens sagen möchten, wo ich mich eigentlich befinde?«

»Ich werde Ihnen gar Nichts sagen: Sie sind neugierig, desto besser, meine größte Freude wäre, wenn Sie vor Neugier außer sich gerieten. Sie sehen das bizarreste aller Gliedermännchen vor sich. Ich will, dass Sie vor Neugier bersten; wie Sie bis jetzt gesehen haben, ist noch gar Nichts im Vergleich zu dem, was ich Ihnen noch zeigen werde. — Übrigens fragen Sie nie, wenn Sie etwas erfahren wollen, und antworten Sie nur, wenn ich Ihnen eine Frage vorlege. Kommen Sie!«

Schwadronarius sah wohl ein, dass dieser Gott stärker sei als er und dass es demzufolge das Gescheiteste sei, sich dem Willen desselben zu unterwerfen. Er folgte also dem Gliedermännchen, das unterwegs lauter Purzelbäume schlug.

Nachdem sie eine weite Ebene mit Bäumen von Pappe und Blumen von Papier und Läppchen durchschritten, erstiegen sie einen Hügel, der eine weite Fernsicht gewährte. Tiefe Stille herrschte überall, kein Lüftchen regte sich, kein Vogel belebte diese Einsamkeit durch seinen Gesang; die Landschaft war erhellt, aber man sah keinen Strahl, der dies Phänomen erklärte; das Blau des Himmels hatte ganz den Anschein eines himmelblauen Creppschleiers, der über diesem sonderbaren Lande ausgespannt war.

Schwadronarius konnte sich des Ausrufs nicht enthalten: »Wo zum Kuckuck! ist den die Sonne; warum wehen die Winde nicht, und warum höre ich die Vögel nicht singen?«

»Schon wieder Fragen, Musjeh!«, {Musjeh = Verhöhnung der franz. Anrede ›Monsier‹} sagte das Gliedermännchen strafend. »Lass er das nicht noch einmal geschehen! Ich bin ein guter Kerl, aber ich werde böse, wenn man mir nicht gehorcht.«

Zu gleicher Zeit schlug er mit dem Absatz den Erdboden und es kam ein Dreifuß heraus, auf dem ein Kästchen stand, das wie eine Laterna magica aussah.

»Jüngling! Leg’ Dein Auge an das Glas und sag’ mir dann, was Du siehst.«


»Gnädiger Herr, ich sehe einen glänzenden Palast von Wolken umgeben und in diesem Palaste ein Gemach, in diesem Gemach ein Bett, in diesem Bett einen Mann, der eben sein Licht ausgelöscht hat und vor dessen Fenster seltsame Gardienen hängen.«

»Weiter!«

»Eine Treppe höher ist noch ein Gemach, in diesem Gemache ein Bett, in diesem Bett eine junge verschlafene Dame, die eben aufsteht — das Weitere zu melden, verbietet mir der Anstand.«

»Dummes Zeug. Als ob es unanständig wäre, Strümpfe anzuzuiehen, wenn man ausgehen will.«

»Ein Mann, der einen mit Strahlen besetzten Hut auf hat, richtet seine Schritte nach dem Palaste; er trägt einen Hirtenstab in der Hand und einige Schaafe folgen ihm.«

»Junger Fremdling! Alles das setzt Euch in Erstaunenm, nicht wahr?«

Schwadronarius verbeugte sich, ohne etwas zu erwiedern.

»Sehr wohl; ich schätze Ihre Discretion, sie verdient eine Belohnung. Sie fragten mich eben«, fuhr das Gliedermännchen fort, »wo zum Kuckuck der Sonnengott sei? Er ist in seinem Bette, Sie haben ihn eben gesehen. — Vor einer Stunde begab er sich hinter einem Vorhange von Bäumen zur Ruhe, um die Poeten nicht Lügen zu strafen. Die Dame, welche eine Treppe höher Toilette macht {im Sinne von ›Sich-Zurecht-Machen‹ = Körperreinigung , Körperpflege und Ankleiden }, ist Frau Luna; der Mann aber, der seine Schritte nach dem Palaste richtet und einen Hut mit Strahlen besetzt trägt, der Morgenstern oder der Stern der Hirten; er hat sich aufgemacht um den etwas faulen Sonnengott zu wecken, der mitunter die Zeit verschläft, zumal, wenn er von seinen Liebschaften träumt. Sie wissen, dass die Ehe des Herrn Helios und der Frau Selene Luna nicht eben zu den glücklichsten gezählt werden kann Der Präsident des himmlischen Oberconsistoriums hat selbst auf Scheidung von Tisch und Bett erkannt und sein Urteil war ein durchaus gerechtes, was beide Teile gestehen mussten. Wenn sich auch Madame auf ihr Abenteuer mit Actaeon berief, um ihre Treue zu beweisen, so war doch die berühmte Geschichte mit Endymion zu bekannt, als dass die Leute an ihre Tugend glauben mögen. Herr Helios dagegen gibt sich gar nicht die Mühe seine täglichen Besuche bei Frau Thetis geheim zu halten, die kleinen Liebschaften mit den Nymphen, Dryaden, Hamadryaden und anderen leichtfertigen himmlischen Dämchen gar nicht einmal zu erwähnen. Beider Untreue wurde daher mit schlagenden Gründen bewiesen und die Scheidung zur Notwendigkeit. Die beiden Ehegatten haben also eine gesetzliche Abneigung gegen einander, aber um sie für das schlechte Beispiel zu strafen, welches sie gegeben, verordnete das himmlische Oberconsistorium, dass Herr Helios und Frau Luna zu gewissen Zeiten zusammenkommen und sich vor ihrem ganzen Hofstaate feierlich umarmen sollten. Auf Erden nennt man diese Zusammenkunft……«

— »Eine Eklipse, Herr Baron?«, entgegnete Schwadronaius.


»Sie sind nicht ohne Kenntnisse, mein Bester; das freut mich. So wissen Sie denn, dass gerade heute eine Eklipse Statt findet; legen Sie ihr Auge an das Glas links und blicklen Sie nach unten; Sie werden eine Menge von Teleskopen gewahren, welche von Amtswegen beobachten, was studierte Leute wie Sie eine Himmelserscheinung nennen und was eigentlich nur eine Handlung zu Gunsten der öffentlichen Moral ist. — Heute ist großer Festtag im Himmel und wenn Sie nicht zu kurzsichtig sind, so müssen Sie die sämmtlichen Mitglieder des Tierkreises erblicken, welche eine Sarabande tanzen. Jetzt ist die Reihe an sie gekommen, sich über Herrn Helios lustig zu machen.«

»Ich kenne eine kleine Kometin (Sie müssen nämlich wissen, was man auf Erden noch nicht weiß, dass es Kometen und Kometinnen gibt), mit der Herr Helios sich sehr schon tut und die es sehr verdrießen würde, wenn sie den Vorgang erführe. Sie wäre im Stande sich aus dem siebten Himmel auf die Erde zu stürzten; diese Kometinnen sind eifersüchtig wie Näherinnen. Glücklicher Weise erzählt es ihr Niemand und sie macht ihre sentimentale Promenade am Himmel, ohne die gezwungene Untreue ihres Geliebten zu ahnen. — Der kritische Moment muss gekommen sein. — Sagen Sie mir, wie benimmt sich das Ehepaar?«

»Herr Kammerherr! seine beiderseitigte gefasste Haltung in diesem Augenblick machte ihn Ehre; aber warum betrachten Sie es nicht selbst?«

»Ach, fragen Sie mich nicht; sagen Sie mir vielmehr, sehen Sie Nichts am Horizonte erscheinen?«

»Jetzt, da Helios und Luna verschwunden sind, sehe ich eine strahlende Schönheit auf den Wolken einherwallen. Obgleich Diamanten in ihrem Haare blitzen, ist doch ihr Gang schüchtern und ihr Blick sanft; sollte es Venus sein, das Gestirn der Liebe?«


»Oh Grausamer! Indem Sie sie nennen, durchbohren Sie mir das Herz!«, rief das Gliedermännchen und sank ohnmächtig zu Boden.



•••••
Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

Bisher keine Re-Aktionen | Auf diesen Beitrag reagieren

>>>ANMELDEN<<<
... Tags
... Abo


Re-AKTION
molosovsky (26.Apr.12): Portrait: Clifford D. Simak
Jeamy Lee (16.Apr.12): TinyMCE
molosovsky (05.Apr.12): Re: … dicke Bretter
root-1 (05.Apr.12): … dicke Bretter
thefallenangel (22.Mrz.12): schließe mich ...
molosovsky (21.Mrz.12): Nix neues, nur überarbeitet
simifilm (21.Mrz.12): Juhuu
Susanne Gerdom (04.Mrz.12): Porträt
Susanne Gerdom (29.Feb.12): Ich finde ihn ...
yiyippeeyippeeyay (28.Feb.12): Bleibt Hartz!

01. April 2012: Während der Layout-Neugestaltung des Blogs, gibt es vorrübergehend keine Link- oder ›Molochronik DeLuxe‹-Liste oder Buttons.

Creative Commons-LizenzvertragDie Inhalte dieses Blog dürfen nur unter Beachtung folgender Lizenz von Creative Commons bearbeitet werden. Wenn Sie bezüglich der Rechte hier nicht sicher sind, folgen Sie bitte dem CC-Link oder wenden sich per eMail an mich.