 Die Inhalte dieses Blog dürfen nur unter Beachtung folgender Lizenz von Creative Commons bearbeitet werden. Wenn Sie bezüglich der Rechte hier nicht sicher sind, folgen Sie bitte dem CC-Link oder wenden sich per eMail an mich.
|
|
|
powered by
 |
|
|
geschrieben von molosovsky, am: Mittwoch, 15. Nov. 2006
(Eintrag No. 309; Literatur, Phantastik, Fantasy, Blog-Seminar) — Was macht Molo der Phantast in seiner Freizeit? Dicke Bücher zweigleisig auf Englisch und Deutsch lesen, und vor lauter Begeisterung für die Materie dazu passende Sachtexte übersetzten.  Nun konnte ich endlich wieder einmal eine bei meinem Vormichhinbosseln für die Sache der Phantastik gezüchtete größere Frucht ernten, und gönne mir also, mit ein wenig Stolz und der für einen (und erst recht Möchtergern)-›Privatgelehrten‹ angebrachten Bescheidenheit, eine anregende Sammlung mit fünf Essays über den exzellenten Fantasy-Roman »Jonathan Strange und Mr. Norrell« (2004) von Susanna Clarke, sowie die Antwort der Autorin darauf, dem deutschen Literaturpublikum anbieten zu können.
Vielend Dank an den Malzan'schen Freund und Retter, den TeichDragon aus dem BibPhant-Forum. (Ich bin im Augenblick ganz feierlich vor lauter Phantastik-Internet-Kammeraderie).
Ich hoffe, die gegebenen PDF-Links zur deutschen Fassung funktionieren. Falls es Probleme gibt, schick ich das ca. 1MB größe Dokument auch gern per eMail. Zwecks Kontakt, siehe unten. — Die einzelnen Seminarbeiträge habe ich auch als Kommentare zu diesem Molochronik-Eintrag hier eingepflegt, für die ganz Harten, die so viel Text am Bildschirm lesen mögen. Es sind 53 PDF-Seiten mit 103 Fußnoten. Falls also Ihr Browser mit diesem Molochronikeintrag inkl. seiner Kommentare etwas lahmen sollte, wundern sie sich nicht.
Auf das hervorragende englische Gruppenblog Crooked Timber habe ich in der Molochronik schon einige Male verwiesen. Ein Jahr ist's her, daß die akademischen Freunde der Phantastik dort ein Seminar zu dem voluminösen Roman von Susanna Clarka veranstaltet haben.
Hier Henry Farrells einleitende Worte vom November 2005.
Die Namen-Links der einzelnen Autoren und Autorinnen führen zu den englischen Originalfassungen bei Crooked Timber, die Essay-Titel-Links zu den hier in den Kommentaren gelieferten deutschen Fassungen.
Einleitung
 Susanna Clarkes Roman Jonathan Strange und Mr. Norrell ist mit außerordentlich großem Erfolg angenommen worden, mit gutem Grund. Der Roman wurde mit dem Hugo und dem World Fantasy Award [1] ausgezeichnet, hat aber auch viele Leser für sich gewinnen können, die sich gewöhnlicherweise nicht für Fantasy interessieren. Einserseits meint Neil Gaiman [2] über das Buch, es sei »ohne Zweifel der gelungenste Roman englischer Phantastik, der in den letzten siebzig Jahren geschrieben wurde« (zu dem betonenden Adjektiv ›englisch‹ folgt später noch mehr), auf der anderen Seite beschreibt Charles Palliser, Autor des wunderbaren Historienromans Quincunx. Das Geheimnis der fünf Rosen, es als »völlig fesselnd« und als »eine erstaunliche Leistung.« Wir hier von Crooked Timber sind seit dem das Buch erschienen ist Fans — nicht zuletzt wegen seiner lustigen, umfangreichen und abschweifenden Fußnoten, die den Eindruck erwecken mit nahezu vollkommenen Kalkül dafür gemacht worden zu sein, um einem gewissen akademischen Typus zu gefallen.
{…}
John Quiggin behauptet in Die Magisch-Industrielle Revolution, daß der Roman zu den Ursprüngen der Science Fiction zurückkehrt, weil er sich mit den Auswirkungen der Industriellen Revolution auseinandersetzt.
Maria Farrell legt in Die Schürfgründe der Historie dar, wie der Roman geprägt ist vom Aufeinanderprallen zweier Welten: auf der einen Seite ein Regency England wie man es sich entsprechend der Romane von Jane Austen und anderen ›romance novels‹ vorstellt, und dem tatsächlichen Regency Engand auf der anderen Seite.
Belle Waring fragt in sich Wer erzählt Jonathan Strage & Mr. Norrell, und sind die Zauberinnen geblieben?, wer die Erzählstimme des Buches ist, und wo die Zauberinnen geblieben sind (und sie mutmaßt, daß beide Frage zur selben Antwort führen).
John Holbo richtet in Zwei Geddanken (Über christliche Zauberer und Zwei Städte) seine Aufmerksamkeit auf Zauberei, Ironie und die Darstellung von Dienern durch Clarke.
Henry Farrell ist in Rückkehr des Königs der Ansicht, daß eine Kritik an der englischen Gesellschaft die versteckte Geschichte von Jonathan Strange und Mr. Norrell ist.
Auf all das antwortet zuletzt Susanna Clarke mit Frauen und Männer; Diener und Herren; England und die Engländer.
 Wie schon frühere CT-Seminare wird dieses hier unter den Creative Commons Lizenz-Bedingungen veröffentlicht (Namensnennung-NichtKommerziell 2.5). Das Copyright der zitierten Passagen aus Jonathan Stange und Mr Norrell oder anderer Texte wird gemäß der Gepflogenheiten redlicher Verwendung nicht beeinträchtigt.
Die Kommentarfunktion zu den einzelnen englischen Seminarbeirägen sind im Crooked Timber-Blog freigeschaltet. Wir möchten dazu ermuntern, allgemeine Kommentare bei Susannas Beitrag zu platzieren, denn dort wird die Hauptdiskussion geführt; wer spezielle Anmerkungen zu einem der Seminarbeitäge anbringen möchte, kann das in den Kommentaren zum jeweiligen Beitrag machen.
Dieses Seminar ist auf englisch als PDF verfügbar, für alle, die Texte lieber ausdrucken und auf Papier lesen.
— Henry Farrell, November 2005.
Zur Übersetzung des Seminars
Anders als in der englischen Originalfassung, habe ich die Quellenangaben der Zitate in dieser Übersetzung als Fußnoten formatiert. Zudem habe mir erlaubt, die Fußnoten um hilfreiche Fußnoten für die deutschen Leser zu ergänzen. Da ich kein ausgebildeter, professioneller, sondern nur ein (hoffentlich im positiven Sinne des Wortes) ›dilettantischer‹ Hobbyübersetzer und ›Edel-Phantastik-Fachdepp‹ bin, bitte ich etwaige Fehler und Ungereimtheiten, die Ihnen auffallen mögen nicht allzu Übel zu nehmen.
Über entsprechende Korrekturmeldungen würde ich mich freuen und bin im Voraus dankbar dafür. Auch den Damen und Herren der JvG-Universitätsbibliothek, sowie der Deutschen Bibliothek zu Frankfurt/M bin ich für ihr freundliches Entgegenkommen zu Dank verpflichtet.
— Alex Müller / molosovsky, November 2006.
Korrekturmeldungen bitte per eMail an
*molosovsky*@*yahoo*.de
richten (Sternchen weglassen)
Beginn der Arbeit an dieser Übersetzung: 16. Oktober '06.
•••••
1 Hugo Award: Ein seit 1953 jährlich durch die Teilnehmer der SF-World-Con verliehener SF-Preis; benannt nach dem SF-Pionier Hugo Greensback. –/– World Fantasy Award: Wird jährlich auf der World Fantasy Convention seit 1975 verliehen. ••• Zurück
2 Neil Gaiman (*1960): Englischer Phantastik-, Jugendbuch- und Drehbuchautor. Bekannt geworden in den Neunzigerjahren mit dem Comic-Epos The Sandman, sowie einer Biographie über den Per Anhalter durch die Galaxis-Schöpfer Douglas Adams; Autor der Romane Niemalsland, American Gods und Anansi Boys. ••• Zurück
Geschieben von molosovsky am: Mittwoch, 15. Nov. 2006
Auf eine gewisse Art handelt die gesamte Science Fiction von der Industriellen Revolution. Das Genre tritt mit der Erstveröffentlichung von Mary Shelleys Frankenstein: Ein Moderner Prometheus 1818 hervor. Auf die offensichtlichste von vielen Bedeutungsschichten, die sich in dem Werk finden lassen, macht schon der Nebentitel aufmerksam, nämlich jene Allegorie über die Industrielle Revolution und wie diese Umwälzung Kräfte entfacht, die ihre Schöpfer nicht mehr zu kontrollieren vermögen. Dies ist in den unterschiedlichen Formen das Grundthema des Genres geblieben.
Diesem prometheus’schen Thema der Science Fiction entgegengesetzt, ist der offen reaktionäre Medievialismus von Tolkien und den meisten seiner Nachfolger (»Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie {die Orks} einige von jenen Maschinen erfunden haben, die seither die Welt verheeren, besonders jene ausgeklügelten Vorrichtungen, die Massen von Lebewesen auf einen Schlag vernichten, denn Räder, Maschinen und Explosionen erfreuten sie schon immer«). [1]
Lange waren alternative Verläufe historischer Ereignissen nur Anlaß für Fingerübungen, wenn man sich z.B. ausmalte, was geschehen wäre, wenn Paul Revere’s Pferd gelahmt hätte [2], doch haben alternative Geschichtswelten neue Möglichkeiten erschlossen, sich der Problematik der Industriellen Revolution zu nähern. Nach einer Phase, in der man schon dachte, daß die spekulativen Geschichten Gefahr laufen auszustreben, war das fiktionelle Potential des 18. und 19. Jahrhunderts die große Entdeckung der letzten Jahre. In diesen Jahrhunderten war die Umwandlung des Lebens durch Wissenschaft und Technologie, also die Moderne, noch jung und aufsehenerregend.
Susanna Clarke gibt mit JS&MN dem Rad der Alternativgeschichte neuen Schwung, indem sie sich einen Anfangszeitraum ausdachte, an dem sich die alternative mit der tatsächlichen Historie vereinte. Das Georgianische England von Clarke mutet ganz wie das Original an, hat aber eine Vergangenheit in der im Norden des Landes Zaubererkönige bis irgendwann ins 14. Jahrhundert hinein herrschten.
Aus Gründen die nie völlig geklärt werden, ist Zauberei verschwunden und zum Beschäftigungsfeld für Gentleman-Antiquare, ›theoretische Zauberer‹ geworden, die niemals tatsächlich zaubern. Deren angenehme Club-Zusammenkünfte werden plötzlich gestört durch das Auftauchen eines ›angewandten Zauberers‹, des seltsamen Gilbert Norrell. Zu diesem gesellt sich Jonathan Strange als Schüler und möglicher Rivale.
Von den beiden ist Strange im Umgang und Aussehen um einiges angenehmer, auch wenn Äußerlichkeiten täuschen mögen. Moralische Skrupel stehen ihm kaum im Weg, er schließt sich Wellington an, indem er magische Verwüstung auf Napoleons Armeen los läßt, auch wenn Strange danach oft Probleme hat, die Welt wieder in Ordnung zu bringen.
Das Wiederauftauchen von Zauberei in dieser fiktionalen Welt (in der die Industrie kaum erwähnt wird), fällt zusammen mit den aufstrebenden Technologien der Industriellen Revolution. Norrell entspricht dabei ganz dem Bild des modernen Forschers, der sich nach üppigen Geldquellen umsieht, der betont, daß magische Technologie umsichtig und praktisch in der Landwirtschaft, oder zur Sicherung der Küsten und ähnlichem angewendet werden sollte. Und Norrell hat auch die Laster, die einem zu diesem Forschertyp einfallen: mißtrauisch wacht er über sein geistiges Eigentum, hortet Informationen usw.. Derweil ist auch Strange munter und heißt die revolutionären Möglichkeiten der Zauberei willkommen.
Aber es ist nicht Strange sondern Norrell, der die Pforten zum Chaos öffnet, als er den altbekannten Fehler begeht und sich auf einen scheinbar vorteilhaften Handel mit dem Elfenkönig von Verlohrene Hoffnung einläßt. Um die hübsche junge Gemalin von Sir Walter Pole vor dem Tot zu retten, überläßt Norrell dem Elfenkönig das ›halbe Leben‹ der Frau. Doch der Elfenkönig nimmt nicht die zweite Hälfte eines 70 Jahre langen Lebens, sondern zwingt die Dame jede Nacht auf seinen endlos-trübsinnigen Empfängen zu tanzen.
Verlohrene Hoffnung bildet die Verbindung zur dritten Hauptfigur des Buches, den ›namenlosen Sklaven‹ Stephen Black, einem schwarzhäutigen Diener des Pole-Haushaltes. Der Elfenkönig findet Gefallen an Black und will aus ihm den nächsten König von England machen. Dieses Ziel strebt der Elfenkönig mit amoralischer Rücksichtslosigkeit an, ohne sich um das Leiden das er dabei bewirkt zu kümmern. Zum Schluß allerdings ist es sein eigenes Königreich Verlohrene Hoffnung, dessen König Black wird.
Das Buch endet mit einem Schwarm an nur vage absehbaren Möglichkeiten. Norrell und Strange sind aus England verschwunden, die Zaubererei hat den Norden des Landes verwandelt, sehr ähnlich, wie in den tatsächlichen Geschehnissen zum Ende der Napoleonischen Kriege. Das scheint den Weg zu einer Fortsetzung (oder Trilogie) nahezulegen, die wir mit Spannung erwarten.
•••••
1 J.R.R. Tolkien: Der kleine Hobbit (1937), übersetzt von Walter Scherf, DTV, 12. Auflage 2006, S. 74. ••• Zurück
2 Paul Revere (*1735, †1818): US-amerikanischer Freiheitskämpfer, der zum Ausbruch des Amerkanischen Unabhängigkeitskrieges durch seinen ›Mitternachts‹-Kurierritt erfolgreich vor den anrückenden Engländern warnte und damit zu einer amerikanischen Legende wurde. ••• Zurück
Geschieben von molosovsky am: Mittwoch, 15. Nov. 2006
Als letzte die ihren Text über JS&MN schreibt, genieße ich den Vorteil die Beiträge meiner krummholzigen Kollegen gelesen zu haben, und einige ihrer Themen aufgreifen zu können. Henry macht darauf aufmerksam, daß JS&MN auf den ersten Blick als Gesellschaftskomödie beginnt, um sich aber letztlich zu etwas sehr viel Ernsterem zu entwickeln. Dem stimme ich zu. Ich denke, JS&MN behandelt das von der Unterdrücktung der Vergangenheit entfesselte Vergessen und Wiedererinnern, und befreit diese Vergangenheit von »der gewaltigen Herablassung der Nachwelt« um eine berühmte Wendung von E.P. Thompson [2] aufzugreifen. John Holbo merkt an, daß ein Jane Austen-artiger Tonfall von fast vollkommen müheloser Perfektion die magische Wirklichkeit von Susanna Clarke vermittelt. Ich denke, daß Clarkes Wahl des Regency England als Ort und Zeit für einen Roman über die Spannungen zwischen politischem und volktümlichem Erinnern kein Zufall ist.
Im Jahre 1806, dem Jahr in dem die Handlung von JS&MN einsetzt, war das Regency England ein Zeitalter in dem gewichtige Gegensätzge zur Reife gelangten. Insofern jedem anderen bisherigen ›Zeitalter‹ ähnlich. Doch der Moment den Clark gewählt hat, um ihre Geschichte über verborgene Vergangenheiten zu beginnen, läßt aufmerken, denn er stimmt fast vollkommen mit dem Zeitraum überein, den wir Heutige als den Beginn der Moderne verstehen, der Herausbildung einer Welt, in der angemessen zu leben wir uns vorstellen können. Das Jahr 1800 ist wie ein Schleier, jenseits dessen alles im wahrhaftig Unbekanntem verschwindet. Vor dem Jahr 1800 herrschen unüberwindliche religiöse Dogmen und ein Krieg aller gegen alle. Danach gibt es Jane Austen und die Spezialisierungen der Arbeitsteilung. Das Jahr markiert eine Zeitenwende, die den modernen Roman, die Ökonomie, den Nationalismus, die Industrialisierung, die Erfindung der Kindheit und die Herrschaft des Justiz mit sich brachte.
Das England der Zeit von Strange und Norrell erfreute sich Dank des Handels einer wachsenden Wirtschaft (trotz solcher Vorkommnisse wie dem Corn Law [3] und den Napoleonischen Kriegen), auch wenn die Beschränkung an wirtschaftlichen Möglichkeiten von Farmpächtern, Webern und Kunsthandwerkern einen krassen Widerspruch dazu bilden. Dieses Zeitalter machte sich Technologie und Arbeiter zu nutze, schuf die Arbeiterklasse und bereitete den Weg für eine Anhäufung von Kapital, die es weiten Kreisen der höheren Klassen ermöglichte, sich am Luxus einer sich entwickelnden Raffinesse und Müßigangs zu erfreuen. Dieses England wurde von damaligen Kontintaleuropäern als ein Liebhaber der Freiheit und der Redefreiheit beschrieben, was im Großen und Ganzen zutraf, solange man kein Diener (oder auch nur ›befreiter Sklave‹), eine Frau oder ein Katholik war. (Rechtlich war die Emanzipation der Katholiken bis 1830 nicht entschieden, und man kann behaupten, daß die Frauen bis heute um ihre Rechte kämpfen.) Die weithin hochgehaltene Doktrine des laissez-faire — und die institutionell schwächlichen Kirchen- und Staatsapperate — machten es den Reichen leicht eigenwillig Macht auszuüben. Doch dieser Geschichtsabschnitt erlebte auch frühe Entwicklungen der Prinzipien sozialer Gerechtigkeit — wie zum Beispiel Mary Wollstonecrafts Eine Verteidigung der Rechte der Frauen, die bedeutenden Errichtung von New Lanark durch Robert Owen [4], die Gründungen von vielen der großen Hostpitäler und Wohlfahrtseinrichtungen in London, und der Aufstieg einer zweckdienlichen Philantropie belegen; letztes ist wie ein hübsches Vorecho auf heutige Rethorik über die soziale Verantwortung von Firmen. Überall tummelten sich Luddisten [5], Methodisten und Kaffeehaus-Republikaner in England. Damals wie heute benötigte man im gleichen Ausmaß Zuckerbrot und Peitsche, um die Armen in Zaum zu halten.
Bemerkenswerterweise ist JS&MN in einer Zeit angesiedelt, gerade als die Zauberei tatsächlich erstarb, was nur religiöse Konservative beweinten. 1782 bemerkte John Wesley [6], daß »es bedeutet die Bibel abzulehnen, wenn man nicht an Hexerei glaubt«. Die Erinnerungen an die letzten Hexenverbrennungen sind dabei aus dem Gedächtnis der Lebenden zu verschwinden, just als Mr. Norrell seine Nase darüber rümpft, daß eine Frau angewandte Zauberei betreiben könnte. Doch nicht nur die Verdrängung von Zauberei/Religion durch die Vernunft [7], läßt für uns Jane Austens oder JS&MNs England so vertraut erscheinen, wie ein sonntägliches Kostümdrama. England — Britanien um genau zu sein — schrumpfte damals; die Reisedauer vom einem Ort zum anderen verkürzte sich in einem Zeitraum von 15 Jahren auf die Hälfte. Niemand war mehr wirklich weit weder von London noch von dem wilden und geheimnisvollen Norden des Landes entfernt. Wie John Brewer [8] darlegt, wurden in weiten Teilen des Landes Gewichte und Maße vereinheitlicht, um die Fähigkeit des Staates zu fördern, Steuerneinnahmen einzustreichen. Durch Zeitmessung wurde das Problem der Längengradbestimmung gelöst, und fegte die Vorstellung vom Tisch, daß in einigen Gegenden des Königreiches die Zeit langsamer verstreicht als anderwo. Das Jahr 1800 markiert den Beginn einer Welt, die sich messen und über die sich etwas in Erfahrung bringen läßt, und war der letzte Augenblick, als es noch immer möglich war an englische Zauberei zu glauben.
Doch obwohl JS&MN — zumindest in den ersten zwei Dritteln — an diesem Wendepunkt angesiedelt ist, der die Welt wie wir sie kennen von unserer magischen Vergangenheit trennt, zeichnet der Roman ein ahistorisches Bild politischer Ruhe. Seine Welt wird durch klar bestimmte und größtenteils unbestrittene Standes- und Geschlechterrollen bestimmt, in der das politische Establishment die vorangegangenen 150 Jahre sektiererischer Metzelei aus dem Gedächtnis und den höflichen Gesprächen verbannt hat. Die titelgebenden Charaktere haben weder um materielle Annehmlichkeiten noch mit den Ansichten anderer zu ringen, und sind sich somit völlig gewiss und zuversichtlich bezüglich ihrer erhöhten Stellungen in der Gesellschaft. Das Leben von Strange und Norrell ist scheinbar weit entfernt von Roy Porters [9] Beschreibung des Regeny Englands als eine rauhe und sich überschlagende Welt, in der die Letzten vom Teufel geholt werden, in der »die Grenzen zwischen Gedeihen und Taumel, zwischen Achtbarkeit und Ruchlosigkeit dünn waren«. Im späteren Verlauf des Romanes macht dann das prekäre Leben und der Niedergang der Figur Drawlight deutlich, daß das heitere Selbstvertrauen seiner Gönner eine Ausnahme ist und nicht den Regeln entspricht. Doch Strange und Norrell und die politische und militärische Elite der sie sich anschließen, ist jenes geschichtliche Vergessen und jene Blindheit gegenüber Unglück eigen, das womöglich alle Gesellschaften die auf wackeligen Fundamenten stehen auszeichnet.
Zauberei, im Verbund mit Politik und Kriegswesen, wird zum vornehmen Herumflicken an den Rändern der herrschenden Ordnung genutzt, um Küstenstädte zu unterstützen oder Ebenen zu überfluten und somit auf gerisse Art Napoleons Truppen zu verwüsten. Zauberer mögen mit Zauberei Menschen töten können, doch ein Gentleman würde so etwas niemals tun. Die Zauberei — vielleicht gerade weil sie ein Symbol für den unbekannten und unaufhaltsamen Zorn ist, der knapp unter der Oberfläche des Regency England brodelt, und der in der Französischen Revolution überkocht — wird im Buch in einer Weise immer auf Reichweite gehalten, die beinahe die Glaubwürdigkeit des Romans in Frage stellt. Würde Wellington [10], ausgestattet mit taktischen Möglichkeiten die sich mit der Atombombe vergleichen lassen, Strange wirklich am Rand des Geschehens belassen, damit der Zauberer Regenwolken herbeirufen kann, um damit Feuersbrünste zu löschen? Oder würde er nicht vielmehr die Zauberei zur Basis seiner Strategie machen und alles andere entsprechend nach ihr ausrichten? Oder wäre Lord Liverpool [11] wirklich mit nur zwei Zauberern zufriedenzustellen gewesen, und hätte sie lediglich mit öffentlichen Maschinenbau-Aufgaben betraut? Liverpool war als Politiker berühmt für seine Fähigkeit, die verschiedenen Fraktionen der Tories auf einer Linie zu halten (bis heute eine unmögliche Aufgabe), und daß er Macht dadurch erlangte und behielt, indem er nicht mit der Brillianz seiner Kollegen (Pitt und Peel um zwei zu nennen [12]) konkurrierte, sondern sie sich vielmehr zu Nutze machte. Hätte er nicht irgendwelche ernsthafteren und verwandlungsträchtigren — und selbsterhaltenderen — Unternehmungen für die Zauberer zu tun gewußt?
Warum ist die Zauberei über weite Strecken des Romanes so unrevolutionär, und warum ist der Leser bereit das hinzunehmen? Weil wir darauf eingestimmt stimmt, das Regency England auf eine bestimmte Art zu lesen, nicht nur durch Jane Austen, sondern auch durch Georgette Heyer [13] und eine ganze Menge anderer, minder begabterer Autoren und Autorinnen von Romanzen. Clarke reizt diese Unmöglichkeit, die Zauberei unter der Herrschaft und zu Diensten eines unverdächtigen Establishments darzustellen, aufs Feinste aus, indem sie uns gemäß unserer Erwartungen über das Regency England zuspielt. Zauberei steht in keinem hohen Ansehen, wie uns erzählt wird, sie ist ein Merkmal von Rummelplatzschaustellern. Selbstverständlich trivialisieren politische Führer die Zauberei, indem sie sie zur Reperatur sanitärer Einrichtungen nutzen. Während Clarke gelegentlich gebrochene Ansichten eines farbenfrohen, übelriechenden und unbestimmt aufrührerischen Londons gewährt, legt sie auf gewitzte Weise unseren Erwartungen entsprechend nahe, daß sich die dramatischen Hauptgeschehnisse dennoch alle in einem Salon zutragen werden. Und wenn Zauberei ausgewogen und angesehen genug ist, um hier geduldet zu werden, dann kann sie nicht wirklich gefährlich sein.
Darüberhinaus sorgen die Vertrautheit und Zuneigung der Leser für das tadellos in sich geschlossene Universum von Jane Austen dafür, daß wir das Regency England mit einem Gefühl geschichtlicher Beständigkeit erfüllen, das die Epoche so schlicht nicht hatte. Die für eine Gattenjägerin der Regency-Zeit so typischen verfeinerten Umgangsformen und damenhaften Vollendungen, wären für die Großmutter einer Lizzie Bennett [14] etwas völlig Neues gewesen. Zauberei wird von der englischen Gesellschaft in JS&MN offenbar, dem klassischen Stil der drolligen Komödie folgend, gezähmt, indem die außerordnetlichsten Geschehnisse wie etwas durch und durch Gewöhnliches behandelt werden. Im Fortgang des Buches wird allerdings gezeigt, daß diese Einverleibung nicht funktioniert. Sie beruht auf einer Art Wunschdenken, dem zu glauben etwa so sinnvoll ist, wie zu glauben, daß Monty Python und die Ritter der Kokusnuß eine wahrhaftige Geschichte der Kreuzzüge erzählt.
Die willentliche Aufhebung des Zweifels, die notwendig ist um derartiges zu glauben, wird gerade so aufrechterhalten, kurz bevor es zur Schlacht von Waterloo kommt. Bis dahin gibt es wenig das andeutet, daß die wichtigeren politischen und militärischen Figuren unter mehr leiden, als nur einem Mangel an Vorstellungskraft, wenn sie annehmen, daß Magie kaum mehr ist als ein nützliches neues Werkzeug, mit dem sich bestimmte Dinge, die sie sowieso vorhatten, einfacher gestalten lassen, und nicht — wie die Historie lehrt — ein Abgrund, aus dem die Widersacher von allem, was ihren lieb und teuer ist, hervorkommen. Im letzten Drittel des Buches sind Sir Walter Pole und General Colquhoun Grant verstört von den andersweltlichen und unenglischen Aspekten der Zauberei. Und Lascelles macht darauf aufmerksam, daß die Öffentlichkeit wahrscheinlich ein heftiges Mißfallen für die dunkle Seite der Zauberei entwickeln könnte, als er während des Krieges auf der Iberischen Halbinsel damit droht, den Gebrauch von ›Schwarzer Magie‹ durch Strange publik zu machen. Aber diese Figuren sind nicht im stande, sich eine Welt jenseits ihrer eigenen vorzustellen, eine Welt, die uns Lesern ebenfalls durch Fiktionen vertraut ist, die in dieser Zeit angesiedelt sind. Diese Figuren werden eingeschränkt, durch das Erzähl-Genre in dem sie sich befinden. In den letzten Teilen des Buches ändert sich das dann. Hinweggeblasen werden die angenehmen Vorstellungen, auf denen die Welt der Herren Strange und Norrell errichtet ist.
In diesen letzten Abschnitten des Buches wird der Tonfall dunkler, es kommt öfter zu heftigeren Ereignissen und Taten, und Figuren wie Stephen Black und Childermass treten in den Vordergrund. Childermass ist ein Charakter der in einem Grenzbereich angesiedelt ist; geschickt bewegt er sich im Lande auf und ab durch die sozialen Schichten, ebenso sicher im Gespräch mit Küchenmägden, wie mit Kabinettsministern. Er ist auch der erste der begreift, daß Strange und Norrell mit einer wilden und geheimnisvollen Kraft hantieren, die alle Sicherheiten und Annehmlichkeiten des bekannten Englands zu zerstören droht. Wir ahnen, daß Childermass sich in einer Weise an die neue Ordnung anpassen wird, zu der Strange und Norrell nicht fähig oder willens sind. Er ist nicht die Art von Charakter, die sich im Vordergrund von Regency-›romance novels‹ finden läßt; dafür ist er zu gerissen, vertrackt und selbstgewahr (ihm bleibt gar keine andere Wahl). Am ehesten kann man ihn noch mit Becky Sharp [15] vergleichen, doch ist er viel mehr als diese gegen die Strömung der Epoche ausgerichtet. Während Sharp in einer Welt, die sie nieder zu halten trachtet, schlicht so gut wie sie vermag vorankommen gedenkt, schaut Childermass nach vorne (und in die Vergangenheit) und hofft auf eine andere Ordnung, in welcher der Rabenkönig zurückkehrt. Er fügt sich weder in die Geschichte von Strange noch die Norrell, und wird sich mit keinem der beiden dauerhaft verbünden. Stattdessen will — und verdient er — eine eigene Geschichte.
Von welcher Macht, die das England von Strange und Norrell so nachdrücklich bedroht, ist Childermass denn nun der Herold? Eine Art den Roman zu lesen besteht darin, Zauberei als die Rückkehr der tatsächlichen Historie zu deuten, die mit ihren Kämpfen, Vertracktheiten und Brutalitäten über die künstlichen ›Historien‹ unserer kollektiven Vorstellungen hereinbricht. Eine Art Überfall der tatsächlichen Wirklichkeit auf die konstruierten Welten aus Höflichkeit, als die wir uns das Regency England vorzustellen gewohnt sind.
Anders ausgedrückt, ist der Roman so etwas wie ein Zusammenprall von zwei Typen von Geschichten. Auf der einen Seite haben wir Austens brilliante, manchmal bittere, aber grundsätzlich mit Zurückhaltung dargebrachte Geschichte eines Englands, in dem insbesondere Frauen durch ihre gesellschaftliche Stellung dazu gezwungen werden, bestimmte Rollen zu verkörpern. Belle verleiht einem Gefühl Ausdruck, das auch mir vertraut ist: eine unter anderm etwas gekränkte Überraschung darüber, daß die weiblichen Figuren weniger selbst handeln, sondern vielmehr ihr Handeln durch andere bestimmt wird, und auch mich erfüllt der Wunsch, im Zweifel trotzdem auf der Seite Clarke zu stehen. Mrs. Strange und Lady Poole sind derart vollkommene Vertreterinnen eines weiblichen Regency-Ideals, daß sie fast schon parodistisch wirken; selbst Fanny Price [16] hat mehr kecken Mut, als die gutgelaunt duldsame Arabella. Unsere von Austen stammenden Ideen darüber, was Heirat und Klasse damals bedeuteten, vermischen sich undeutlich mit den verschwommenen Ansichten über Liebe und bessere Gesellschaft des Regency Englands, die auf Georgette Heyer und ihre minder begabte Nachahmer und Nachahmerinnen zurückverfolgen lassen.
Auf der anderen Seite haben wir die Geschichtswerke von E.P. Thompson, Douglas Hay [17] und anderen Sozialgeschichtlern, die eben über jene Menschen schrieben, die in Jane Austens Romanen nicht wirklich vorkommen (Sozialgeschichtler wurden auch sogar dann von feministischen HistorikerInnen dafür gescholten, nicht ausführlicher über Frauen geschrieben zu haben, selbst wenn man wenigstens damit angefangen hatte). Wie John Holbe schreibt, wird uns das reiche Innenleben der Diener in Clarkes Buch vorgeführt; es treten zudem enteignete französische Flüchtlinge, Juden, Arbeiter, freie Landpächter und ärmliche Bauern auf, die an den Rändern der gesellschaftlichen Fassaden hereinlugen. Die damalige Zeit war auch deren England, und gegen Ende des Buches zwingt uns Clarke, das nicht zu übersehen. Das wahrhafte England dieser Epoche, war das England eines Ned Ludd [18], der London Corresponding Society [19], und dem, was später der Grundstock der charitativen Bewegung werden sollte. In diesem England trug sich die Geschichte vom Werdegang der englischen Arbeiterklasse zu (und E.P. Thompson erzählt sie großartig). Diese Geschichte erlangt gegen Ende des Romanes Bedeutung; wir bekommen einen Eindruck davon, wie das Regency England unserer gewöhnlichen literarischen Vorstellung durch etwas Fremdartigeres und Komplexeres ersetzt wird.
Selbstverständlich könnte dies hier eine völlig falsche Interpretation von JS&MN sein. Es könnte auf meinem Wunschdenken beruhen, wenn ich einen dunklen, revolutionären Subtext in Clarke’s ungereimt reaktionären England hineinlese. Und obwohl ich mir große Mühe gegeben habe, kann ich mir immer noch nicht vorstellen, wie Becky Sharp am Vorabend von Waterloo in Brüssel auf der Straße Jonathan Strange bei dessen gedankenverlohrenen Spaziergang begegnet. Entsprechend darf ich hoffen, daß Susanna Clarke uns in ihrem Antwortschreiben für CT, noch mehr von dem erzählen wird, was uns (wie wir meinen) noch nicht klar ist.
•••••
1 ›Claims of History‹: Unübersetzbares Wortspiel. ›Claim‹ = Klage, Anspruch, Anrecht; aber auch Schürfgrund, siehe z.B. Goldgräber- und heutige Werbebranche-Sprache. ••• Zurück
2 Edward Palmer Thompson (*1924, †1993): englischer Historiker sozialistischer Schule und Friedensaktivist; Verfasser von Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987. ••• Zurück
3 Corn Law (= ›Getreide-Gesetzte‹): In Kraft von 1815 bis 1845; belegten Getreidegüter billiger Anbieter aus dem Ausland mit Importzöllen zum Schutz der heimischen Agrarproduktion. ••• Zurück
4 Robert Owen (*1771, †1858): Walisischer Unternehmer, früher Sozialist und Begründer der Genossenschaftsbewegung. In der deutschen Wikipedia heißt es zu ihm:
Owen wurde als Sohn eines Sattlers geboren. Er arbeitete sich bis zum Fabrikbesitzer in der Baumwollindustrie hinauf. Bereits früh beschäftigte er sich mit den sozialen Bedingungen der Industriearbeit und führte 1799 in seiner Baumwollspinnerei in New Lanark (Schottland) ein Experiment für menschenwürdigere Arbeitsbedingungen durch. Er versuchte nachzuweisen, dass die Lohnsklaverei und Unterdrückung der Arbeiter keine Voraussetzung für eine effektive Produktion ist. Deshalb verkürzte er die Arbeitszeit auf 10,5 Stunden, gegenüber den damals üblichen 13 bis 14 Stunden in anderen Fabriken. Er richtete Kranken- und Altersrentenversicherungen ein, er ließ erträgliche Behausungen bauen und räumte Mietvergünstigungen ein. Die Güter des täglichen Bedarfs wurden zu niedrigen, aber rentablen Preisen gehandelt. Der Handel von Alkohol wurde auf dem Fabrikgelände verboten. Besonders viel tat Owen für die Kinder: Er verbot die Arbeit von Kindern unter 10 Jahren, errichtete eine Schule, die Kinder ab 2 Jahren aufnahm. ••• Zurück
5 Siehe Fußnote 18 dieses Essays. ••• Zurück
6 John Wesley (*1703, †1791): Englischer Erweckungsprediger und Mitbegründer der methodistischen Bewegung. Der hier zitierte Ausspruch stammt aus Wesleys Journals (Eintrag vom 25. Mai 1768; ürsprünglich in 20 Bänden 1740-89 erschienen; neu editiert durch N. Curnock 1909-11.) ••• Zurück
7 Englisch ›Reason‹ mit großem ›R‹. ••• Zurück
8 John Brewer: Derzeit Englisch- und Geschichts-Professor an der Universität von Chicago. ••• Zurück
9 Roy Porter (*1946, †2002): Englischer Professor für Geschiche, hat sich besonders hervorgetan als Spezialist für Medizin- und Geologiegeschichte. ••• Zurück
10 Lord Wellington = Arthur Wellesley (*1769, †1852): Der bedeutenste Kriegsgegner Napoleons, zeitweise britischer Außen- und Kriegsminister. ••• Zurück
11 Lord Liverpool = Sir Henry Bathurst, 3rd Earl Bathurst of Bathurst (*1762, †1834): Britischer Politiker, der im Laufe seiner Karriere viele verschiedene Ämter inne hatte (Lord der Admiralität, Lord des Schatzamtes, Leiter der staatlichen Münze, Präsident des Handelsamtes, Außenminister, Kriegs- und Kolonialminister). ••• Zurück
12 William Pitt der Jüngere (*1759, †1806): Angehöriger der Whigs, zweimaliger Premierminister von England. Dank einer seiner legendären Reden im Parlament konnte die Sklaverei in England abgeschafft werden. Siehe auch JS&MN: Fußnote 2, Kapitel 10. –/– Sir Robert Peel (*1788, †1850): Angehöriger der Torys, Begründer der konservativen Partei, zweimaliger Premierminster. Neben seinem Erzrivalen Pitt einer der großen Redner der englischen Politikgeschichte. ••• Zurück
13 Georgette Heyer (*1902, †1974): Englische Schriftstellerin; verfasste überwiegend historische Liebesromane, aber auch Kriminalromane und Kurzgeschichten die im 20. Jahrhundert angesiedelt sind. ••• Zurück
14 Lizzie Bennett: Romanheldin von Jane Austens Stolz und Vorurteil (1813). ••• Zurück
14 Becky Sharp: Romanheldin von William Makepeace Thackerays Jahrmarkt der Eitelkeiten (1848). ••• Zurück
16 Fanny Price: Romanheldin von Jane Austens Mansfield Park (1814). ••• Zurück
17 Douglas Hay: Kanadischer Professor mit dem Spezialgebiet Rechts- und Sozialgeschichte. ••• Zurück
18 Ned Ludd (*?, †?): Legendärer Anführer der revolutionären Maschinenstürmer (= Luddisten), die 1814 militärisch niedergeschlagen und in die austalischen Strafkolonien deportiert wurden. ••• Zurück
19 London Corresponding Society = LCS (gegründet 1792): Traten für eine Parlamentsreform zwecks besserer Vertretung der Arbeiterklasse ein. ••• Zurück
Geschieben von molosovsky am: Mittwoch, 15. Nov. 2006
Zu den auffälligsten Eigenschaften von Susanna Clarkes JS&MN gehören die reichlichen Fußnoten, die zwischen trockenem Zitieren imaginärer Magiegeschichtsschreibung und wahrhaft andersweltlichen Erzählungen wechseln, gleichsam einer Reihe bezaubernder Miniaturen. Die erste begegnet uns gleich auf der allerersten Seite: ein knapper Verweis auf das — erst in etwa zehn Jahren nach Beginn der Romanhandlung erscheinende — Buch Geschichte und Ausübung der englischen Zauberei von Jonathan Strange (und das nach Erscheinen wohl für weitere zehn Jahre niemand lesen kann, da der grollende Mr. Norrell es sofort mittels Magie vor dem Auge der Öffentlichkeit verbirgt). Dank dieser Fußnote, begegnet dem Leser im Roman der Name des Zauberers zuerst, der auch im Titel des Buches an erster Stelle steht, und das, obwohl sich ungefähr die anfänglichen 170 Seiten außschließlich um Mr. Norrell drehen. Was aber die unterschiedliche Bedeutung und Macht der beiden Zauuberer betrifft, ist diese Ersterwähnung angemessen.
Manchmal beherrscht die mürrische Schwärze der Fußnoten die unteren 7/8 der Buchseiten, und lassen dem Haupttext nur ein paar wenige Zeilen, um sich als dünner Fluß über den Anmerkungen entlangzuschlängeln. Der Leser muß sich entscheiden, ob er nun einen der Sätze des Haupttextes fertigliest, oder eben beiseite läßt und riskiert, die Handlung des Haupttextes aus den Augen zu verliehren, um zum Beispiel die interessante Geschichte der Tochter des Meisters von Nottingham zu lesen, und wie ihre Niedertacht vergolten wird. [1] Diese Aufspaltung der Aufmerksamkeit dürfte jedem vertraut sein, der Sachbücher liest, und mir fällt auf, daß sich JS&MN in mehrerlei Hinsicht als Sachbuch bezeichnen läßt. Ich will nicht behaupten, daß Buch wäre kein Roman, sondern nur, daß es eine Leseerfahrung beschert, die der eines Sachbuches sehr ähnlich ist. (Die Fußnoten sind zudem ein hervoragendes Mittel, um Information zu liefern, die den Figuren des Romans vertraut, aber dem Leser unbekannt sind. Damit werden die ermüdenden »ich gebe für Dich, liebe Mitfigur, der dies alles hinreichend bekannt ist, mal diesen lagen Monolog über unsere eigene Geschichte und Kultur zum Besten«-Informationsbrocken vermieden, die so viele Fantasy- (und noch mehr) Science Fiction-Werke verderben.)
Doch wenn JS&MN soetwas wie ein gelehrtes Sachbuch ist, wer ist dann der Gelehrte? Von außerhalb des Buches können wir fragen: wer erzählt den Roman? Innerhalb der Grenzen des Buches würde die Frage genauer lauten: Wer hat diese imaginäre Geschichte des jüngsten Wiederauflebens der englischen Zauberei geschrieben? Offensichtlich ein Historiker der Zauberei. Jemand aus England, nicht sehr viel jünger als Lady Pole, wie ich mir denke. Man achte auf folgende Stelle:
Falls der ein oder andere Leser sich nicht mehr an die Zaubererbuden unserer Kindheit erinnert, muss festgehalten werden, dass die Form der Bude {von Vinculus} einen Kasperltheater oder dem Stand eines Ladenbesitzers auf einem Jahrmark ähnelte, und dass sie aus Holz und Leinwand bestanden. Ein gelber Vorhang, der bis auf halbe Höhe mit einer dicken Schicht Dreck verziert war, diente als Tür als auch als Aushängeschild, um die im Inneren angebotenen Dienste anzupreisen.[2]
In der Zeit bevor die Zauberei nach England zurückkehrte, genauer: bevor Mr. Norrell alle Staßenzauberer verscheuche, war die Erzählerperson also ein Kind oder nur wenig älter. Zu der Zeit, in der das Buch erzählt wird, aber muß es freilich mengenhaft angewandte Zauberer geben, und somit keinen Platz mehr für die tricksenden Krämer vergangener Zeiten.
Desweiteren vermute ich, daß die Erzählerperson Sir Walter Pole gekannt, oder zumindest gesehen hat:
Ich dagegen fand [3] ihn {Pole} gar nicht so unansehnlich. Gewiss, die einzelnen Gesichtszüge waren überaus hässlich {…} Aber zusammengesetzt ergaben diese hässlichen Teile ein doch angenehmes Ganzes. Wenn man das Gesicht im entspannten Zustand sah (stolz und überhapt nicht melancholisch), dachte man, dass es immer so aussehen müsste, dass kein zweites Gesicht so wenig geeignet wäre, Gefühle auszudrücken. Aber man hätte sich nicht gründlicher täuschen können.[4]
Mir fällt auf, daß diese Beschreibung um einiges persönlicher ist, als jene von Childermass oder Mr. Norrell oder anderer Figuren. Die Beschreibung ist anteilnehmend und bezieht sich auf Feinheiten der Gesichtsbewegung, wie sie sich auf einem Kupferstich niemals erkennen lassen. Nun könnte man sehr wohl einwenden, daß im Verlauf von JS&MN so einiges geschieht, was kein Zeitgenosse oder Historiker der Zauberei beobachtet haben könnte; z.B. was Stephen über etwas, was der Mann mit dem Haar wie Distelwolle sagte, dachte, oder was die beiden in Afrika gesehen haben, oder wie Mr. Norrell dreinblickte, als er vor seiner Bibliothek in Hurtfew stand und Strange von drinnen hört, und so weiter. Das mag alles offentlichlich richig sein. Doch wo es Fußnoten gibt, da ist auch jemand der vor einem hohem Stapel Bücher sitzt, und nach einer Zitatstelle sucht, die sich nicht finden läßt — auch wenn sich das nur nachträglich aus dem Zusammenhang so sehen läßt. Meine Schlußfolgrung ist, daß diese parteiische Allwissenheit auf die Vorstellungskraft der Erzählerfigur zurückgeht, eines Historikers der Zauberei.
Ist diese Person angewandter Zauberer? Ziemlich sicher ist sie das, denn es könnte sonst nur ein sehr armseliger Gelehrter der Zauberei in diesem zukünftigen England sein, der keine richtige Zauberei beherrscht. Wenn immerhin ein dreizehnjähriges Quäcker-Mädchen mit einem Spruch, der mit Kieselsteinen geschrieben wurde, zaubern kann [5], dann kann das sicherlich auch eine so gelehrte Person wie unser Erzähler. Einiges deutet auch auf diesen Umstand hin. Man beachte folgende Zitate aus der makaberen Passage mit den siebzehn toten Neapolitanern: Zu diesem Satz: »Leider gelang es Strange nicht, den Zauber zu finden, der die toten Neapolitaner in ihren bitteren Schlaf zurücksandte«, gehört folgende Fußnote: »Um das ›Leben‹ der Leichen zu beenden, schneidet man ihnen die Augen, die Zunge und das Herz heraus«. [6] Kein Verweis auf Thomas Lancaster oder andere Authoritäten der Zauberei; diese Anmerkung liest sich vielmehr wie ein unumwundener, durch Erfahrung gewonnener Ratschlag, von einem Zauberer der sich an andere Zauberer wendet: »…schneidet man ihnen die Augen aus…«. Leicht läßt sich ein Zauberer vorstellen, der das dann ließt und sich denkt: »Werde ich anwenden, wenn es mal nötig sein sollte«.
Und wie steht es um Thomas Lancaster und seine Abhandlung über die Sprache der Vögel, erstmals erwähnt von einem aufgebrachten Mr. Norrell nach seiner Begegnung mit Vinculus, und die später, während des Höhepunktes des Romans, so effektreich zum Einsatz kommt — woher hat die Erzählerperson eine Ausgabe dieses Buches? Die Bibliothek von Hurtfew, genauso wie die am Hannover-Square, werden am Ende des Romans von einer Säule endloser Dunkelheit in alle Weltgegenden verstreut …, was nicht danach klingt, als ob die Bücher problemlos zugänglich wären. Wir wissen, daß Mr. Norrell größte Anstrengungen unternommen hat, um jedes Buch über Zauberei, das es in England gibt, seiner Sammlung einzuverleiben. Kann es sein, daß unser Erzähler eine erschreckend genaue Liste all dieser Bücher und ihrer Inhalte hat? Nein. Als sie bei ihrem Auseinandergehen über den Verfall der englischen Zauberei reden, richtet Mr. Norrell eine irritierende Frage an Strange:
»Watershippes Ein schöner Wald verdorrt ist Ihnen sicherlich ein Begriff.«
»Nein, das kenne ich nicht«, sagte Strange. Er warf Mr. Norrell einen scharfen Blick zu, der zu besagen schien, dass er es aus dem gleichen Grund wie immer nicht gelesen hatte. »Aber ich komme nicht umhin, mir zu wünschen, Sir, Sie hätten einiges davon früher erwähnt.«[7]
Die Fußnote bei der Anführung von Watershippes Buch, läßt keinen Zweifel daran, ob der Erzähler es gelesen hat:
Ein schöner Wald verdorrt (1444) von Peter Watershippe. Ein zeitgenössischer Zauberer bescheibt hierin erstaunlich detailliert, wie die englische Zauberei verfiel, nachdem John Uskglass England verlassen hatte. Im Jahr 1434 (dem Jahr nach Uskglass Fortgang) war Watershippe ein junger Mann von fünfundzwanzig Jahren, der gerade begann, in Norwich Zauberei zu betreiben. Ein schöner Wald verdorrt enthält ein genaues Verzeichnis von Zauberstücken, die problemlos angewendet weden konnten, solange Uskglass und seine Elfenuntertanen in England weilten, nach seinem Fortgang jedoch keinerlei Wirkung mehr zeigten. Es ist fürwahr bemerkenswert, wie viele unserer Kenntnisse der Aureatischen englischen Zauberei von Watershippe stammen. Ein schöner Wald verdorrt scheint ein wütendes Buch zu sein, bis man es mit zwei späteren Büchern Watershippes vergleicht: Eine Verteidigung meiner Taten, verfasst während meiner fälschlichen Gefangennahme durch meine Feinde in Newark Castle (1459/60) und Verbrechen des falschen Königs (verfasst 1461?, veröffentlicht 1697, Penzance).[8]
Es sind also entweder noch mehr Ausgaben dieser Werke aufgetaucht, oder die Erzählerperson war in der Bibliothek von Hurtfew, oder Strange hat Norrell davon überzeugt, Exemplare der Bücher nach England zu schicken, oder …?
Nachem ich es mir zur Aufgabe gemacht hatte dieses Rätsel zu lösen, begann ich zu überlegen, ob es nicht einleuchtender wäre, wenn es sich bei der Erzählperson um jemanden handelt, den wir im Verlauf des Romanes bereits kennengelernt haben. Leider habe ich keinen überzeugenden Kandidaten ausmachen können. Auf seine Art ist John Segundus noch die naheliegenste Person dafür. Er ist ein Gelehrter der Zauberer und scheint dazu bestimmt, eher ein Bewunderer denn ein Ausübender zu sein, woran auch sein erfolgreicher Gebrauch von Pales Restauration und Rektifikation, um Lady Poles Finger wiederanzufügen und ihre Verzauberung aufzuheben, nichts ändert. [9] Aber er schrieb schon eine Biographie über Jonathan Strange, auf die mehrfach in den Fußnoten des Romans verwiesen wird, auch Segundus scheint kaum jemand zu sein, der sich derartig auf sich selbst bezieht. Auf jeden Fall verfügt er nicht über die Fertigkeit zu solch phantasievollen Annahmen wie sie den Roman auszeichnen. Die Herren Strange und Norrell haben besseres zu tun; Stephen Black hat anderswo genug zu schaffen; Miss Greysteel würde womöglich zögern sich selbst so schmeichelhaft darzustellen. Lady Pole will zwar sicherlich ihre Verfehlungen wieder gut machen, aber gibt es jemandes, die mit noch geringerer Wahrscheinlichkeit zur Zauberinn würde? Und sie würde, was bedeutender ist, ein düstereres Bild von Mr. Norrell zeichnen, und ein noch düstereres von Mr. Strange, als unsere Erzählerperson. Arabella Strange? Auch bei ihr habe ich nicht den Eindruck, daß sie sich zu einer Gelehrten der Zauberei entwickeln könnte. Childermass ist ein unmöglicher Kandidat. Nein, die Erzählerperson muß irgendein zukünftiger Zauberer sein.
Hier muß ich mich nun auf das Gebiet der unstichhaltigen Spekuliererei wagen. Ich denke, daß unser Erzähler jemand sein muß, der bei dem zweiten Treffen der Gelehrten Gilde der Zauberer von York anwesend war, die am Ende des Buches stattfindet. Die von Mr. Norrell enthobenen ›Zauberer‹ versammeln sich wieder unter der Anwesenheit vieler neuer Zauberer. Aller Bücher aus Mr. Norrells umherwandernder Bibliothek beraubt, müssen sie beginnen, die englische Zauberei auf die alte Weise neu zu erlernen, mit Hilfe des Buches des Rabenkönigs, das dieser auf Vinculus Haut geschrieben hat. Viel Uneinigkeit liegt vor ihnen, ganz so wie es Strange mit seinem auf der ersten Seite zitierten Kommentar vorhergesagt hat. »{Zauberer müssen} sich das Hirn zermartern und den Kopf zerbrechen, damit ein Mindestmaß an Gelehrtheit hineingeht, aber an liebsten streiten sie«. [10] (Diese Anmerkung beschreibt passender den Zeitumstände als der Roman von der Erzählerperson geschrieben wurde, als jene Zeit da es nur zwei Zauberer gab, auch wenn die beiden sich ständig stritten.) Die neue Gesellschaft ist um einiges durchmischter, sogar eine junge, »auffällig hübsche Person weiblichen Geschlechts in einem roten Samtkleid« ist darunter. [11] Die älteren Mitglieder kommen damit schlechter zurecht, sind sie doch insofern Norrelisten, weil sie glauben, daß ungeignete Personen keinerlei Zauberei ausüben sollen, und »Personen weiblichen Geschlechs« sind zwangsläufig nicht geeignet.
Es bereitet mir Vergnügen, mir vorzustellen, wie diese Frau in dem rotem Samtkleid ihren jugendlich-radikalen Strangeismus hinter sich läßt, um sich zu einer großen Zauberin zu entwickeln, die in ihrem späteren Leben das vorliegende, nur noch gemäßigt strangeistische Werk zu verfassen, welches wir nun lesen. Es gibt allerdings kaum Gründe anzunehmen, daß diese Überlegung stimmt. Es ist lediglich eine Art Sehnsucht, die aufkommt, wenn man einen Blick auf den Buchrücken wirft.
Das bringt mich nun dazu, kurz noch meine zweite Frage anzuführen: Wo sind die weiblichen Zauberer geblieben? Folgende Reaktion zu dieser Frage ist in einiger Hinsicht unangebracht. Aber es überkommt mich nun mal ein kleiner Stich der Entäuschung, wenn ich einen erstaunlichen Roman wie JS&MN lese, geschrieben von einer Autorin, in dem (männliche) Helden sich selbst entdecken, die Ordnung wiederherstellen und ihre verlohrenen Frauen aus der Gefangenschaft der Bösewichter befreien. Ich will nicht behaupten, daß dies dem üblichen Verlauf der Dinge widerspricht — ganz im Gegenteil. Es enspricht so gründlich gewohnten Romanentwicklungen, besonders auf dem Gebiet der ›Fantasy‹, daß ich nicht anders kann, als ein bischen verärgert darüber zu sein. (Dem entsprechend könnte ich fragen, warum Harry Potter nicht Hermione Potter ist? Warum nur?)
Mir ist klar, daß mein Eindruck zu sehr vom Makel naiver Lieschen Müller-Phantasien gezeichnet ist, um eine ästhetische Reaktion stichhaltig darzulegen. Ich kann mir eben viele gute Gründe vorstellen, warum das Buch nicht von Josephine Strange und Mr. Norrell handelt. Der naheliegenste ist, daß man einen anderen Mr. Norrell bräuchte, um so einen Roman plausibel erscheinen zu lassen. (Andererseits ist es keineswegs so, daß der vorliegende Mr. Norrell in seiner jetztigen Form unveränderlich die Erzählbühne betreten hat.) Zudem widerspricht der akribisch gepflegte historische Tonfall des Romans — der vielleicht noch genialer ist, als die einfallsreichen phantastischen Aspekte — der Wahrscheinlichkeit, daß es um eine Romanzen-Heldin geht, die ohne sich anzustrengen die gesellschaftlichen Konventionen überwindet. Denn selbst wenn die Zauberei vieles in der Welt von Clarkes Roman verändert hat, so hat sie doch in keinster Weise die englischen Sitten beeinträchtigt.
Aber ist nicht ein Schwarzer, ein befreiter Sklave der Held des überzeugend im Milieu der Napoleonischen Kriege angesiedelten Romans? Wäre eine Zauberin nicht noch unwahrscheinlicher und ungewöhnlicher? Eine Frau die mehr ist, als nur hübsch, liebenswürdig und Jonathan Strange zugetan? Eine Frau, die nicht nur wegen des wässerigen Lichtes eines Venzianischen Spiegels überzeugend leidet?
JS&MN ist ein wundervoller Roman, und ich scheue ein wenig davor zurück, Frau Clarke wegen dieser Dinge zu rügen, denn Literaturkritik entsprich eben nicht dem Umschreiben und Weiterspinnen, wie man es von Fan-Fiktionen kennt. Wie auch immer, sollte sich herausstellen, daß ich bezüglich der Frau im roten Samtkleid richtig liege, dann wäre ich selbst nur um so mehr von diesem vorzüglichen Buch angetan.
•••••
1 JS&MN: Engl. pp. 240-243; dt. S. 314-320. — Der beschriebene Effekt des oben Entlangwanders ist in der deutschen Ausgabe (wie im Falle der Geschichte der Tochter des Meisters von Nottingham) nicht immer umgesetz worden. Zu den Quellenangaben aus JS&MN. Englischsprachig nach der großen Paperbackausgabe von Bloomsbury (2004, mit insgesamt 724 Seiten); deutschsprachig nach der gebundenen Ausgabe von Bloomsbury Berlin, übersetzt von Anette Grube und Rebekka Göpfert (2004, insgesamt 1020 Seiten). ••• Zurück
2 JS&MN: Engl. p 179; dt. S. 237. ••• Zurück
3 Hervorhebung von Belle Waring. ••• Zurück
4 JS&MN: Engl. p. 65; dt. S. 94. ••• Zurück
5 JS&MN: Engl. p. 692; dt. S. 906. ••• Zurück
6 JS&MN: Engl. p. 333; dt. S. 437. ••• Zurück
7 JS&MN: Engl. p. 419-420; dt. S. 553. ••• Zurück
8 JS&MN: Fußnote 4, Kap. 39. ••• Zurück
9 JS&MN: Engl. p. 728; dt. S. 952. ••• Zurück
10 JS&MN: Engl. p. 3; dt. S. 13. ••• Zurück
11 JS&MN: Engl. p. 776; dt. S. 1013. ••• Zurück
Geschieben von molosovsky am: Mittwoch, 15. Nov. 2006
Hier also, mehr oder minder, zwei Gedanken über Susanna Clarkes JS&MN.
§1 Die Christlichen Zauberer
Schauplatz ist England zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Es gab mal eine Zeit, in der richtige Zauberei vorhanden war — doch die ist vergangen. Entsprechend kommt es zu der amüsanten Zusamenkunft der Gilde der Zauberer von York:
Sie waren Gentleman-Zauberer, das heißt, sie fügten niemanden mit Zauberei Schaden zu — taten aber auch niemanden etwas Gutes damit. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, keiner dieser Herren hatte je auch nur den kleinsten Zauber getrieben, noch durch einen Zauber ein Blatt an einem Baum erzittern lassen, ein Staubkörnchen vom Weg abgebracht oder ein einziges Haar auf einem Kopf verwandelt. Aber abgesehen von dieser geringfügigen Einschränkung standen sie in dem Ruf, zu den weisesten und zauberischsten Männern in ganz Yorkshire zu gehören.[1]
John Segundus tritt auf und »würde gerne wissen, so sagte er, warum moderne Magier unfähig seien, die Zaubereien zu vollführen, über die sie schrieben. Kurzum, er wollte wissen, warum in England nicht mehr gezaubert würde«. [2] Den anderen Gildenmitgliedern bereitet das Unbehagen.
Der Präsident der Gilde von York (ein gewisser Mr. Foxcastle) wandte sich an John Segundus und erklärte, dass es sich um eine falsche Frage handelte. »Sie setzt voraus, dass Zauberer zum Zaubern verpflichtet sind — was natürlich Unsinn ist. Ich nehme an, Sie sind nicht der Ansicht, dass es Aufgabe der Botaniker ist, neue Blumen zu erschaffen. Oder dass die Arbeit von Astonomen darin besteht, die Sterne neu anzuordnen. Zauberer, Mr. Segundus, studieren die Zauberei, die vor langer Zeit betrieben wurde. Warum sollte irgendjemand mehr erwarten?«[3]
Zauberei genießt kein gesellschaftliches Ansehen und gilt als »Busenfreundin von unrasierten Gesichtern, Zigeunern, Einbrechern; sie frequentiere schmuddelige Buden mit schmutzigen gelben Vorhängen. Oh nein! Ein Gentleman könne nicht zaubern. Ein Gentleman könne die Geschichte der Zauberei studieren (kein Unterfangen könnte ehrenwerter sein), aber er dürfe selbst nicht zaubern«. [4] Man beginnt eine Debatte und einige Mitglieder werden aus ihrem Historiker-Schlummer gerissen, um Segundus zur Seite zu stehen. Einer von ihnen — Honeyfood — erzählt kurz darauf Segundus von der Gilde der Zauberer von Manchester, einem gescheiterten Haufen positivistische Zauberei-Pfuscher.
Es war eine Gilde, die vor nicht allzu langer Zeit erst gegründet wurde {…} und ihre Mitglieder waren Herren der ärmeren Sorte, durchaus achtbare ehemalige Händler, Apotheker, Anwälte, pensionierte Mühlenbesitzer, die ein bisschen Latein gelernt hatten und so weiter. Leute, die man Halb-Gentlman nennen könnte. Ich glaube, Dr. Foxcastle war froh, als sich die Gilde auflöste — er findet es nicht richtig, dass Leute dieser Art Zauberer werden. Und doch, wissen Sie, waren ein paar sehr kluge Männer darunter. Sie hatten sich wie Sie zum Ziel gesetzt, die praktische Zauberei in die Welt zurückzubringen. Sie waren praktische Männer und wollten die Prinzipien der Vernunft und der Wissenschaft auf die Zauberei anwenden, so wie sie es in ihren Manufakturen getan hatten. Sie nannten es ›Rationale Thaumaturgie‹. Als ihr Vorhaben scheiterte, verließ sie der Mut. Nun, das kann man ihnen nicht verübeln. Aber ihre Enttäuschung brachte sie in allerhand Schwierigkeiten. Sie begannen zu glauben, dass es auf der Welt nie Zauberei gegeben habe und auch nie geben würde. Sie behaupteten, dass die Aureatischen Zauberer Betrüger gewesen oder selbst getäuscht worden waren. Dass der Rabenkönig eine Erfindung der Nordengländer gewesen wäre, um der Tyrannei des Südens zu entgehen (da sie selber aus dem Norden waren, hatten sie einiges Verständnis dafür). Oh, ihre Argumente waren raffiniert — ich weiß nicht mehr, wie sie die Existenz von Elfen erklärten.[5]
Hätte Max Weber [6] doch nur Zauberei als Berufung geschrieben und dargelegt, wie im Verlauf der Beschäftigung mit Zauberei diese sich schrittweise selbst entzaubert hat.
Ein törichter Trugschluß der Fantasy — mit Tolkien als klassischem Fall — ist die unvernünftige, auf Gefühl beruhende Annahme, daß, wenn es Elfen und Zwerge und magische Ringe und Zauberer und Drachen wirklich gäbe, Politik und moralische Grundsätze um so vieles einfacher wären, daß Feudalismus mit Elfen gerechter wäre. [7] Oder wie Isaiah Berlin [8] in Zwei Freiheitsbegriffe schrieb: »Deshalb kommen all jene, die ihre Hoffnungen auf eine die ganze Welt erfassende Umwälzung setzten, etwa auf einen »Endsieg« der Thaumaturgie oder dem Triumph der Weißen über die Schwarze Magie, nicht umhin, zu glauben, alle politischen und moralischen Probleme ließen sich in magische Probleme umformen.« [9] Darauf wäre Jane Austen auch ohne Sir Isaiahs Hilfe gekommen.
Dem entspricht Mr. Norrells Hilfslosigkeit nach seiner Ankunft in London, trotz der Kräfte die in ihm schlummern, mit den herrschenden Machthabern in Kontakt zu treten, bis etwas Zauberhaftes geschieht:
Wie der Held in einem Märchen hatte Mr. Norrell festgestelt, dass es die ganze Zeit in seiner Macht gestanden hatte, zu tun, was er tun wollte. Auch ein Zauberer hat Angehörige, und zufälligerweise hatte er einen entfernten Verwandten (mütterlicherseits), einen Mann, der sich bei Mr. Norrell höchst unbeliebt gemacht hatte, indem er ihm einen Brief schrieb.[10]
Es gibt in dem Roman einen Wendepunkt, als sich die Zauberei wahrhaftig wieder Geltung als grundlegende Kraft verschafft, und aufhört nur eine Angelegenheit zu sein, die locker über der Oberfläche der gewichtigeren Sphäre der Sitten schwebt. Aber bleiben wir bei der Austen’schen Ausgangssituation, bevor die Salonzimmer-Atmosphäre durch das Ausgesetztsein mit viel größen Reichen zerstreut wird.
Man könnte sagen, daß Clarke ›Magischen Realismus‹ schreibt. Das wirft aber zumindest die Frage auf, ob der Begriff ›Magischer Realismus‹ hier überhaupt nützlich ist. In einer angenehmen Sammlung [11] mit Definitionen und Glossen zu diesem Begriff, findet sich auch der Vorschlag von Gene Wolfe [12], daß »Magischer Realismus Fantasy ist, die auf Spanisch geschrieben wurde.«
Ich gebe hier die erste Definition wieder, die zugleich die chronologisch früheste aus dem Jahre 1925 ist:
Magischer Realismus {…} Wir kennen diese Welt, wenn wir sie auch – nicht nur weil wir aus einem Traume kommen – mit neuen Augen sehen. {…} eine innig irdische, weltfromme Art {ist} hervorgetreten. {…} Bei näherem Zusehen nämlich findet sich, daß die neue Gegenstandswelt den gewöhnlichem Begriffen des Realismus fremd bleibt. {…} Verfügt sie doch über eine Fülle gerade von jener Periode {des Expressionismus} her vererbter Mittel, die alles bedeutsam machen und an Geheimnisse rühren, die dem Simplen in seiner Sicherheit immer bedrohen werden. {…} Dieses ruhige Anstaunen der Magie des Seins, des schon Vorgestaltetseins überhaupt, ist der wiedergewonnene, in neuer Art durchpflügte Boden, auf dem sich wieder verschiedene Weltanschauungen pflanzen lassen. {…} Denn für diese neue Kunst besteht die Problematik darin, auf dem Wege über die Intuition eine innerliche Schau der Tatsachen der äußeren Welt zu geben.[13]
Klingt das für Sie wie eine Beschreibung von Clarkes Prosa? Ich bin mir nicht sicher.
Vielleicht sollten wir den ›auf Spanisch geschrieben‹-Stier bei den Hörnern packen. Dazu lohnt es sich, die beiden folgenden Zitate zu beachten. Das erste stammt aus einem Interview, das Salon.com[14] mit Suanna Clarke geführt hat:
Dein Buch, Susanna, fällt besonders durch einen Tonfall auf, der sich wie die Stimme der Aufklärung anhört. Es ist die Stimme der Vernunft, die Du mit einem ausgeprägten Sinn für gesunden Menschenverstand all diese traumgleichen Dinge beschreiben läßt. Es ist in der Tat ein Tonfall, der zur Geburt der Romanform selbst gehört. Es ist die Grundstimme aller Romane.
Susanna Clarke: Das stimmt, auch wenn ich nicht sagen kann, das ich dies irgendwie mit Absicht tat. Mich selbst betrachte ich nicht als Romanautorin. Ich betrachte mich als eine Schriftstellerin. Ich erzähle Geschichten. Der Tonfall von JS&MN ist mir sozusagen zufällig passiert, als ich versucht habe Jane Austen mit Zauberei zu kombinieren.
Das zweite Zitat stammt von Gabriel Garcia Márquez :
Der Erzählton den ich in Einhundert Jahre Einsamkeit verwendet habe, geht zurück auf die Art und Weise, wie meine Großmutter Geschichten zu erzählen pflegte. Zwar schilderte sie Dinge, die übernatürlich und phantastisch klangen, aber sie sprach davon mit völliger Natürlichkeit. {…} Am Wichtigsten war dabei ihr Gesichtsausdruck. Auch wenn all ihre Zuhörer erstaunt dreinblickten, verzog sie keine Miene. Bei meinen früheren Schreibversuchen wollte ich eine Geschichte erzählen, jedoch ohne selbst an sie zu glauben. Ich sah ein, daß ich beim Schreiben erst einmal selbst an die Geschichte glauben, und mit demselben Ausdruck niederschreiben mußte, den meine Großmutter beim Erzählen hatte: einem unerschütterlichen Gesicht.[15]
Es ist verführerisch anzunehmen, daß als gemeinsamer Nenner hier weniger Realismus, denn vielmehr das Understatement, die Untertreibung auffällt. Das paßt gut zu einer Passage aus der englischen Wikipedia über ›Magischen Realismus‹. Dort wird vorgeschlagen, daß sich schon E.T.A. Hoffmann für diesen Begriff qualifiziert, aufgrund seines ›nüchternen Tonfalls eines Stellung beziehndem Journalisten‹, mit dem er seine übernatürlichen Geschichten darbietet.
Das erinnert mich an den klassischen Essay von Mark Twain »Wie man einen Zauber spricht«. Halt, moment, der Titel lautet etwas anders:
Eine humorvolle Geschichte erzählt man ernsthaft, der Erzähler tut gut daran zu verheheln, daß an dem was er sagt, irgendetwas komisch sein könne; doch der Erzähler einer witzigen Geschichte, wird schon im Voraus verkünden, daß er nun eine der lustigen Geschichten zum Besten gibt, die er je gehört hat, und er legt dann mit beflissener Freude los, und ist die erste Person die lacht, wenn er mit dem Erzählen fertig ist. Manchmal, wenn er sehr erfolgreich war, ist er so glücklich und fröhlich, daß er die Pointe wiederholt und von Gesicht zu Gesicht seiner Zuhörer blickt, den Beifall einstreicht und die Pointe dann nocheinmal zum Besten gibt. Dem beizuwohnen ist eine erbärmliche Angelegenheit.[16]
Ich denke, man kann nachvollziehen, daß sich ein ähnlicher Gegensatz zeichnen läßt, zwischen ›Magischem Realismus‹ und einigen über das Ziel hinausschießenden Gothic-Werken oder epischen Schwert und Magie-Trilogien, die sich, während sie einen bei den Schultern packen, kaum zurückhalten können auszurufen: »Wäre ist es supertoll einem Elf zu begegnen!« Wie auch immer, worum es mir geht ist folgendes: Es gibt immer nur eine gewisse Anzahl von Methoden, um so etwas wie eine Ironie der Untertreibung stabil aufrechtzuerhalten, bei der die Erzählerstimme in keinster Weise signaliert, hinlängliche Kenntnis von den erstaunlichen Inhalten zu haben. Bei Clarke gibt es darüberhinaus noch eine weitere Feinjustierung der Erzählerstimme, in der Art und Weise, wie die Renaissance der angewandten englischen Zauberei für diese christlichen Gentleman erstaunlich ist; aber trozudem — da sie von Anfang an zaubernde Christen sind, wenn auch auf dem absteigenden Ast — sind sie doch auf andere Weise als wir erstaunt. Twain hätte das gefallen: eine Art, eine humoristsche Geschichte zu erzählen, ist eben sie wie eine komische Geschichte zu erzählen, und dabei nicht zu vergessen Beifall einzustreichen und im falschen Moment eifrig von Gesicht zu Gesicht zu schauen.
Es ist nicht leicht genau zu erklären, warum diese Art von stabiler Ironie so zufriedenstellend ist. Zumindest ist sie das ganz bestimmt für mich. Es liegt wie ich glaube nicht daran, daß es eine ›realistisch‹ Geschichte ist, denn das ist sie oft nicht. Darüber sollten Sie miteinander diskutieren!
Und nun zu einer ganz anderen Sache.
§ 2 Und wenn deine Augen Bettzwingen[17] wären, und ich ein englisches Himmelbett, so sollten sie keinen Splitter von mir locker kriegen
Clarkes Roman erinnert mich an Eine Geschichte zweier Städte. Ich will auf eine etwas gewundene, doch wie sich hoffentlich erweisen wird, interessante Art meine Ansicht darlegen.
In JS&MN treten zwei bedeutsame Dienerfiguren auf. Die erste ist Norrells Agent, der rätselhafte und ziemlich unabhängige Childermass. Die andere ist Stephen Black, Lord Poles treuer, milder und fähiger Negerdiener, den der finstere Elfenbösewicht — der Herr mit Haar wie Distelwolle — versucht von seiner bescheidenen Position zu erheben, und damit Stephens verlohrenen wahren Namen wiederherzustellen und ihn auf den Thron von England befördern möchte.
Wenn man geneigt ist, JS&MN als eine Parabel über konservative politische Weisheiten zu lesen, könnte man den Herren mit dem Haar wie Diestelwolle als eine zum Absurden reduzierte Parodie eines ins Wahnhafte übersteigerten Jakobieners auffassen. Ausgeklügelte Vorschläge für ideale Reiche; herzlose und unaufrichige, im Wesentlichen selbstbezogene Vorschläge für äußerst irrige Abwege. Die sprichwörtlich trügerische Schönheit der Elfen, die um so vieles vollkommener scheint, als die der Menschen. Die Gedankengänge von Elfen, die im Grunde einem unmenschlichen Verstand entspringen. In Kürze folgt weiteres zum Jakobismus.
Auch werden weitere Ängste der Immigranten-Problematik angesprochen.
Nach den Vögeln geisterten als nächstes die großflächigen Pfützen, mit denen alle Felder übersäht waren, in Mr. Norrells Vorstellungskraft herum. Während die Kutsche auf der Straße fuhr, wurde jede Pfütze zu einem silbernen Spiegel des leeren, winterlichen Himmels. Für einen Zauberer gibt es keinen großen Unterschied zwischen einem Spiegel und einer Tür. England schien vor seinen Augen fadenscheinig zu werden. Er hatte das Gefühl, als könnte er durch jede dieser Spiegeltüren hindurchgehen und sich in einer der anderen Welten wiederfinden, die einst an England grenzten. Noch schlimmer, er begann darüber nachzudenken, dass andere Personen dies vielleicht taten. Die Landschaft von Sussex begann auf unangenehme Art dem England zu gleichen, das in der alten Ballade beschrieben wird:
Dieses Land ist viel zu nieder,
In den fernen Himmel es entflieht,
Bebt wie windgepeitschter Regen,
So der Rabenkönig seine Kreise zieht.
Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Mr. Norrell das Gefühl, dass es in England womöglich zuviel Zauberei gab.[18]
Eine andere zentrale und einprägsame Teilgeschichte ist Mrs. Strange Flucht aus ihrer Gefangenschaft im Elfenreich, durch einen Spiegel hindurch — in die Arme von gütigen, gediegenen und zuverlässigen Engländern.
Hektisch ließ sie den Blick durch den unbekannten Raum schweifen, über die unbekannten Gesichter, die fremden Dinge. »Bin ich im Elfenland?«, fragte sie.
»Nein, Madam«, sagte Flora.
»In England?«
»Nein, Madam.« Tränen begannen über Floras Gesicht zu fließen. Sie legte sich eine Hand auf die Brust, um sich zu beruhigen. »Sie sind in Padua. In Italien. Ich heiße Flora Gerysteel. Sie kennen mich nicht, aber auf Wunsch Ihres Mannes habe ich hier auf Sie gewartet. Ich habe ihm versprochen, Sie hier zu treffen.«
»Ist Jonathan hier?«
»Nein, Madam.«
»Sie sind Arabella Strange«, sagte Dr. Greysteel überrascht.
»Ja«, sagte sie.
»Oh, meine Liebe!«, rief Tante Greysteel und bedeckte mit einer Hand ihren Mund, mit der anderen ihr Herz. »Oh, meine Liebe!« Dann flatterten ihre Hände um Arabellas Gesicht und Schultern. »Oh, meine Liebe!«, rief sie ein drittes Mal. Schließlich brach sie in Tränen aus und umarmte Arabella.[19]
Phantastische Namen — Lancelot Greysteel, Floras Vater — die sehr wirkungsvoll mit Tränen und flatternden weiblichen Händen zusammenspielen. Alles sehr sentimental, allerdings reizvoll inszeniert. (Auch die Szene, in der Frank, der treue Diener der Greysteels, den »giftigen, feigen Lump« [20] Drawlights wegen eines heimtückischen Vorschlags gehörig tritt, liefert ein weiteres Portait der Tugenden loyaler Bediensteter.)
Wie dem auch sei, möchte ich dem Leser mit einem gegenteiligen Urteil über die Greysteels bekannt machen. John Clute [21] schreibt:
Ungefähr an dieser Stelle verliehrt Clarke fast den Faden. Nach dem scheinbaren Tod seiner Frau, begibt sich Strange nach Vendig, wo er auf S. 568 (dt. 748) — ziemlich spät um neue bedeutende Charaktere einzuführen — einer ganzen Familie namens Greysteel begegnet, die in der Tat absolut keine Bedeutung für die Geschichte haben, die nicht auch anders, in ein, zwei Absätzen und durch die Augen und Taten anderer Figuren, vermittelt werden könnte. Doch Clarke kann nicht von ihnen lassen, auch wenn der enorme Prolog, den ihr Roman darstellt darum bettelt, zu einem Abschluß zu kommen. Wieder einmal bin ich der Meinung, daß dies eine Falle der Stilistik ist: Die Beschreibung der Greysteels in Clarkes unaufhaltbar makellosem Austen’schen Ton, bereitet so viel Vergnügen, und man mehr erfahren über deren Englischhaftigkeit möchte, und so hat es niemanden gekümmert der Autorin nahezulegen, die Greysteels gänzlich zu kürzen, und Clarke droht an dieser Stelle fast der Roman gerade wegen seiner Tugenden zu entgleiten. Stilistische Tugend ist nicht genug {…} Doch am Ende, als es keine Möglichkeit mehr gibt an den Greysteels festzuhalten, verlassen diese letztendlich die Erzählbühne. Die Geschichte entledigt sich ihrer. Sie versinken in einem Schlammteich. Und Tschüß.
Dieser Ansicht kann ich gar nicht genug widersprechen. Nun zu den Ähnlichkeiten zwischen Clarke und Dickens. Ich denke dabei an die Rolle der heldenhaften Diener in Eine Geschichte zweier Städte: Jerry Cruncher, und vor allem, Miss Pross. Meine Meinung ist, daß Clarke gewisse Themen von Dickens erneuert, die, um es freundlich zu sagen, ohne Erneuerung nicht wiederbelebt werden können.
Doch zuerst möche ich die Leser an etwas über Dickens Roman erinnern, daß vielleich in Vergessenheit geraten ist. Zwei Städte, mit seiner Behandlung des Themas der Wiederauferstehung, ist ein furchteinflößender Roman. Es gibt darin verlohrene Namen, Bestattung von Lebenden, ›Von den Toten Wiederauferstandene‹, wahnsinnige Revolutionäre, Fluchten nach England aus einem angrenzenden, feindlich gesonnenem fremden Land, und sogar so etwas wie eine heldenhafte Selbstopferung eines Wechwselbalges. (»Was ich tue, ist etwas viel, viel Besseres, als ich je getan…« [22]) Hier einige Zitate, die mir gefallen. Sie sind sehr stimmungvoll.
In all den kalten, ruhelosen Stunden bis zum Morgengrauen flüsterten sie Mr. Jarvis Lorry, der dem begrabenen und wiederausgegrabenen Mann gegebübersaß und darüber grübelte, welche geistigen Kräfte ihm für immer verloren und welche wiederherstellbar seien, wieder die alte Frage zu »Ich hoffe, Sie kehren gern ins Leben zurück?«
Und die alte Antwort: »Das weiß ich nicht.«[23]
Diese Frage und ihre Beantwortung sind so gruselig wie jede Gespenstergeschichte. Und weiter heißt es, während unsere Heldenfiguren aus einem alptraumhaften Land fliehen:
Der Wind führt uns hierher, die Wolken fliegen uns nach, der Mond schwimmt hinter uns drein, und die ganze stürmische Nacht scheint uns zu verfolgen; sonst aber werden wir einstweilen von nichts verfolgt.[24]
Die Revolutionäre verhalten sich — um es auf den Punkt zu bringen — wie kinderverschleppende Elfen, die durch das heimtückische Befolgen ihrer undurchschaubaren Befehle Menschenleben ruinieren.
»Seht«, sagte Madame, »mir selbst ist dieser Doktor gleichgültig. Er mag seinen Kopf behalten oder verlieren, ich kümmere mich nicht darum; mir ist es einerlei. Aber die Evrémondes müssen alle ausgerottet werden, und Weib und Kind müssen dem Gatten und Vater folgen.«
»Sie hat einen schönen Kopf dazu«, krächzte Jaques drei. »Ich habe blaue Augen und goldenes Haar dort gesehen, und sie sahen reizend aus, als Samson sie in die Höhe hielt.« Der Blutsäufer[25] sprach wie ein Epikuräer.
Madame Defarge schlug die Augen nieder und dachte ein wenig nach.
»Auch das Kind«, bemerkte Jaques drei mit nachdenklichen Genuß in seinen Worten, »hat goldenes Haar und blaue Augen. Und wir haben selten ein Kind dort. Es ist ein hübscher Anblick.«[26]
Defarge hat natürlich ihre Beweggründe. Doch obwohl Dickens sich diese Gründe nur ausgedacht hat, vermeidet er es, sie als unerklärlich abzutun. Defarge ist schlicht deshalb unmenschlich: »…weil sie {die Familie Evrémondes} ihre natürlichen Feinde und ihre Beute waren und als solche kein Recht hatten zu leben. Sie zu erweichen war hoffnungslos, weil sie kein Mitleid kannte, nicht einmal mit sich selbst. Wenn sie in einem der vielen Straßentumulte, an denen sie beteiligt war, erschlagen worden wäre, hätte sie sich gewiß nicht bemitleidet.« [27]
Weiter in der Angelegenheit die Diener betreffend. Unmöglich, hierzu nicht Orwells Essay über Dickens zu zitieren:
Erstaunlich aber ist – bei einem Radikalen des neunzehnten Jahrhunderts –, daß er, wenn er auf teilnahmvolle Art das Bild eines Dienstboten zeichen will, einen deutlich feudalen Typus schafft. Sam Weller, Mark Tapley, Clara Peggott – sie alle sind feudale Figuren. Sie gehören zum Genre des ›alten Familiengefolges‹, sie identifizieren sich mit der Familie ihres Herren und sind zugleich hündisch treu und völlig zutraulich. Zweifellos leiten sich Mark Tapley und Sam Weller bis zu einem gewissen Grad von Smollett und mithin von Cervantes her; aber es ist interessant, daß so ein Typus auf Dickens offenbar anziehend gewirkt hat. Sam Wellers Haltung ist ganz une gar mittelalterlich. Er läßt sich verhaften, um Mr. Pickwick ins Fleet-Gefängnis zu folgen, und lehnt es später ab zu heiraten, wiel er das Gefühl hat, Mr. Pickwick benötige seine Dienste noch. Es gibt eine charakteristische Szene mit den beiden:
»… aber mit oder ohne Lohn, mit oder ohne Anerkennung, mit oder ohne Wohnung, mit oder ohne Kost – Sam Weller, den Sie in dem alten Wirtshause im Borough aufgefischt haben, bleibt bei Ihnen, mag kommen, was da wil. « {…}
»Mein guter Junge«, sagte Mr. Pickwick, als Mr. Weller, etwas über seinen Enthusiasmus, sich wieder gesetzt hatte, »du mußt das junge Mädchen doch auch bedenken.«
»Tue ich auch, Sir«, sagte Sam. »Ich habe das junge Frauenzimmer bedacht, ich habe mit ihr gesprochen und ihr gesagt, wie meine Lage ist; sie ist bereit, zu warten, bis ich sie heiraten kann, und ich glaube auch, daß sie’s tun wird. Tut sie’s nich, so is es eben nich das junge Frauenzimmer, wofür ich sie halte, und ick lasse ihr mit Vergnügen fahren.«
Man kann sich leicht vorstellen, was die junge Frau im wirklichen Leben hierzu gesagt hätte. Man beachte jedoch die feudale Atmosphäre. Sam Weller ist selbstverständlich bereit, seinem Herren Jahres seines Lebens zu opfern, und gleichzeitig kann er sich in seiner Gegenwart hinsetzten. Einem modernen Diener würde beides nicht in den Sinn kommen. Dickens Ansichten zur Dienstbotenfrage gehen nicht wesentlich über den Wunsch hinaus, daß Herr und Diener einander lieben sollen. Sloppy in Unser Gemeinsamer Freund repräsentiert, obwohl er als Figur ein fürchterlicher Fehlschlag ist, die gleiche Loyalität wie Sam Weller. Selbstredend ist eine solche Loyalität naturlich, menschlich und liebenswert; aber das war der Feudalismus auch.[28]
Das Sam-Problem ist freilich auch das Sam und Frodo-Problem — und deshalb auch ein ewiges Problem der Fantasy-Literatur mit ihrer Fixierung auf den Feudalismus. (Dennoch: innige Bindungen zwischen Menschen entsprechen nicht gleich den Banden zwischen Homosexuellen.). Lassen sie mich an die Herr und Diener-Paare aus Zwei Städte erinnern: Jarvis Lorry/Jerry Cruncher und Lucie Manatte/Miss Pross.
Zum erstgenannten Paar liefert Dickens fabelhafte visuelle Kontraste, die eines Mervyn Peake [29] würdig wären. Der alte Bankier in seinem Glasdom und sein Stachelkrone tragender Handlanger. Über Crunchers Kranz aus schwarzen Haaren schreibt Dickens: »Er sah so sehr nach Schosserarbeit aus [30] und glich so viel mehr dem Rand einer stark mit Spitzen besetzten Mauer als einem behaarten Kopf, daß sich der geschickteste Bockspringer geweigert hätte, über ihn, den gefährlichsten Mann der Welt, zu springen.« [31]
Und zu Lorry: »Er trug eine merkwürdig kleine, saubere, flachsblonde Lockenperücke, die dicht an den Kopf anschloß; sie mochte aus natürlichem Haar gemacht sein, sah aber weit eher aus, als wäre sie aus Seiden- oder Glasfäden gesponnen.« [32]
Es gibt eine entsprechende Treuebeziehung. Auf seinem Weg nach Frankreich, um sich der wertvollen Unterlagen von Tellson anzunehmen, erklärt Lorry, warum Cruncher die denkbar beste Wahl für seinen Leibwächter darstellt: »Niemand wird Jerry in Verdacht haben, etwas anderes zu sein als ein englischer Bullenbeißer [33] oder eine andere Absicht hegen als auf jeden loszufahren, der Hand an seinen Herren legt.« [34] (Und ja, auch wenn Lorry nichts davon weiß, ist Jerry ein Teilzeit-Wiederauferwecker. Selbst treue Hunde buddeln oder hecken ab und zu in ihrer Freizeit irgendwelche eigenen Sachen aus.)
Lorry und Cruncher sind ja schon ein ›reizendes‹ Paar. Doch zu einer äußerst gewaltigen Szene kommt es, als Miss Pross gegenüber Defarge zeigt, was für Kräfte in ihr schlummern. Dickens kann nicht widerstehen, diese Zwillings-Horatius auf der Brücke [35] und ihre selbstaufopfernde Edelmütigkeit, ins Lächrliche zu ziehen. Immerhin sind sie ja nur Diener, die ihren Herren die Flucht ermöglichen.
»Meine Meinung, Miss, ist, daß Ihr recht habt«, antwortete Mr. Cruncher. »Und auch, daß ich zu Euch halten will, im Recht wie im Unrecht.«
»Furcht und Hoffnung, für unsere liebe Herrschaft machen mich so wirr«, fuhr Miss Pross unter hellen Tränen fort, »daß ich keinen Plan fassen kann. Könnt Ihr einen Plan fassen, mein lieber, guter Mr. Cruncher?«
»Was meine künftige Lebensweise betrifft, Miss«, entgegnete Mr. Cruncher, »hoff ich’s nicht. Wollt Ihr mir den Gefallen tun, Miss, sich zwei Versprechen und Gelübte zu merken, die ich in dieser vertrackten Lage hier machen möchte?«
»Ach, um Himmels willen«, rief Miss Pross, immer noch laut weinend, »nur gleich heraus damit und aufgeräumt, wie’s ein richtiger Mann macht.«
»Erstlich«, sagte Mr. Cruncher, der am ganzen Leib zitterte und mit leichenblassen, feierlichen Gesicht sprach, »wenn die armen Dinger glücklich heraus sind, will es nie wieder tun, nie, nie wieder!«
»Ich bin fest überzeugt, Mr. Cruncher«, entgegnete Miss Pross, »daß Ihr’s nie wieder tun werdet, was es auch sei, und ich bitte Euch, es nicht für notwendig zu halten, näher darauf einzugehen, was es ist.«
»Nein, Miss«, gab Jerry zurück, »Ihr soll weiter nichts davon hören. Zweiteres, wenn die armen Dinger glücklich heraus sind, will ich gar nie mehr was gegen Mrs. Crunchers Rutschen sagen, nie, nie wieder!«
»Was für eine Wirtschaftseinrichtung das auch sein mag«, sagte Miss Pross, indem sie die Augen zu trocknen und sich zu fassen versuchte, »so bezweifle ich nicht, es ist das beste, Ihr überlaßt es ganz Mrs. Cruncher eigener Entscheidung — ach, meine armen Lieben!«[36]
Schließlich taucht die elfengleich-böse Defarge auf und Pross liefert ihr einen heftigen Kampf. Nun mache ich etwas Ungewöhnliches, indem ich einen Gutteil von Kapitel 14 »Ausgestrickt« aus Teil III von Zwei Städte anführe. Falls Ihnen dieser entsetzliche Mangel an Konzentration für Clarkes Roman mißfällt, bitte einfach weiterblättern, weiterblättern. Mein Grund diesen ganzen Abschnitt anzuführen ist, daß die schiere Seltsamkeit — seltsam für Dickens oder sonstjemandes Verhältnisse — des Dialoges als Ganzes goutiert werden sollte. Beide Figuren reden zu sich selbst in bizarren Selbstgesprächen. Aufgrund der Sprachbarriere kann keine der beiden die andere verstehen, was die Szene undurchschaubar wirken läßt. Man muß bis zu Stan Lees blechernen Dialogen für Kirbi-Werke warten, bis einem vergleichbar unnatürliche Kampf-Selbstgespräche geboten werden. [37]
In ihrer Aufregung bange vor der Einsamkeit der verlassenen Zimmer und vor eingebildeten Gesichtern, die hinter jeder offenen Tür lauerten, holte Miss Pross ein Becken mit kaltem Wasser und fing an, sich die Augen zu waschen, die ganz geschwollen und rot waren. Von ihrer fieberhaften Befürchtung verfolgt, konnte sie es nicht ertragen, wegen des abtropfenden Wassers minutenlang nicht sehen zu können, sondern hielt immer wieder inne und sah sich um, ob sie niemand beobachte. In einer dieser Pausen fuhr sie erschrocken zurück und schrie auf, denn sie sah eine Gestalt im Zimmer stehen.
Das Waschbecken fiel zu Boden und zerbrach, und das Wasser floß auf Madame Defrages Füße zu. Auf seltsam rauhen Wegen und durch viel vergossenes Blut waren diese Füße diesem Wasser genaht.
Madame Defarge sah sie kalt an und sagte: »Wo ist die Gattin Evrémondes?«
Es fiel Miss Pross ein, daß alle Türen offenstanden und dadurch die Flucht verraten könnten. Ihr erstes war, sie zu schließen. Das Zimmer hatte vier, und sie schloß alle. Dann stellte sie sich vor die Tür des Gemachs, das Lucie bewohnt hatte.
Madame Defarges dunkle Augen folgten ihr bei dieser raschen Bewegung und verharrten auf ihr, als sie beendet war. Miss Pross war nicht weniger als schön; die Jahre hatten ihr schroffes, eckiges Wesen weder gezähmt noch gemildert; aber auch sie war auf ihre besondere Weise eine entschlossene Frau und maß Madame Defarge mit den Augen von Kopf bis Fuß.
»Dem Aussehen nach könntest du Luzifers Frau sein«, sagte Miss Pross, während sie verschnaufte. »Dennoch sollst du mich nicht kleinkriegen. Ich bin eine Engländerin.«
Madame Defarge sah sie geringschätzig an, aber doch mit derselben Empfindung wie Miss Pross: daß sie beide kampfbereit waren. Sie sah eine energische, unnachgiebige, kräftige Frau vor sich, wie Mr. Lorry in vergangenen Jahren in derselben Gestalt ein Weib mit starker Hand gesehen hatte. Sie wußte recht gut, daß Miss Pross der Familie treu ergeben war; Miss Pross wußte recht gut, daß Madame Defarge der Familie todfeind war.
» |