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geschrieben von molosovsky, am: Samstag, 15. Dez. 2007
(Eintrag No. 425; Gesellschaft, Medien, Print vs. Net) — Toller Tagesanfang für mich. Andrea findet sich zitiert im »Perlentaucher«, dem sie vorgestern gratuliert hat zur dieswöchigen gewonnen Justizrunde um Weiterverwertung von Rezensions-Abstracts. Andrea schlug vor, das Internet nicht immer nur runterzumachen und als Pfui-Bäh-Medium hinzustellen, sondern ganz unaufgeregt die Habermas’schen Ausführungen über den Strukturwandel in der Öffentlichkeit auch mal auf das Internet umzuklappen. (Wir erinnern uns: Im Zeitalter der Aufklärung entstand eine neue Öffentlichkeit, mit Kaffehäusern, mit Salons, mit Zeitungen und Periodikas … es entstand das, was die Anglo-Amerikaner »Marktplatz der Ideen« nennen). — Gleich darunter (naja, dazwischen ist ein kleiner Werbekasten) berichtet »Perlentaucher« über den nächsten Deutungshoheitverteidigungsröhrer von Frank Schirrmacher. Schirrmacher versteht Öffentlichkeit als etwas mit Mauer und Kontrollschleusen drum rum. Schon vor Jahren basta-wortete er in etwa, dass ›wer jetzt nicht drin ist‹ (genau gemeint war glaub ich Journalismus in den großen Blättern und Medienplattformen), ›der kommt jetzt auch nicht mehr rein‹. Ganz auf der Linie geht seine Denke und Meinerei weiter im Kress-Report, allerdings nur für regestrierte Abonennten (soviel zum Thema Öffentlichkeit). Ich übersetzte mal:

Frank S.: »Unsere Situation kommt mir wie die des Films vor einigen Jahren vor: Da wurde das Kinosterben angekündigt, und dann kamen die großen Produktionen.« — Mit ›uns‹ meint Schirrmacher wohl die etablierten Journalisten und ›Old School‹-Medien. Das Kinosterben wurde u.a. dadurch erstmal verschoben, weil neue Technik die Filme mit neuem Zauber auflud. Zum einen Technik der Herstellung, als der Tonfilm die Monumentalstummfilme ablöste, der Farbfilm den S/W-Film in die Ecke stellte, als Stop Motion-Kameras neuen Augen-Zucker ermöglichten, zum anderen Technik der Saal-Ausrüstung, mit Dolby-Sound und Surroundsound oder diesertage mit tollen Digitalprojektoren, die aus Kinos Großfernsehbunkern machen, wo man außer Filmen dereinst auch Fußballspiele und in neuer Technik glänzendes 3-D-Kino genießen kann. Zudem: Mit Kinosterben war in den letzten Jahrzehnten vor allem auch die unseelige Entwicklung gemeint, wie große Popcorn-Tempel-Ketten (Multiplexse und Co.) kleinen Programmkinos verdrängten. Ich bin gespannt, welche Innovation die Zeitungen mit neuem Spektakelschmalz ausstatten sollen. Vielleicht gibt es einmal die Woche die F.A.Z. ja bald als Pop-Up-Zeitung (Schautafeln mit beweglichen Überraschungen), oder mit Aromakarten (der Duft zur Glosse)?

Frank S.: »Wir haben eine ähnliche Aufgabe: Inszeniertes Denken, die große Bühne.« — Mit ›wir‹ meint Schirrmacher hier wohl ›Zeitungen und Kino‹. Toll. Nicht Nachrichten, sondern eben inszenierte Nachrichten sind die Scholle, die Journalisten zu beackern haben. Der Journalist als Spielleiter, als Kontrollaufsicht im Rattenlabyrinth, die Promis und Mächtigen als Spielercharaktere und die Masse der Leser als NPCs (=NichtSpielerCharaktere) die als Hintergrundgeräusch fungieren dürfen, wenn sie sich ab und zu über den Abdruck ihrer Leserbriefe freuen dürfen. Im Internet, deutsch z.B. bei »Nachrichtenaufklärung« und bei den »Nachdenkseiten« kann man dann gucken, wo die Inszenierung der Medien alter Schule Schindluder treibt oder glattweg Wirklichkeit verdreht oder unter den Tisch fallen läßt.

Frank S.: »Das Internet ist wie eine Live-Sendung: Nachrichten, die neben uns herlaufen. Aber dann kommt ein Break, dann kommt die Tagesschau. Das sind wir, und wir sagen, was in der Welt passiert ist. Das ist Qualitätsjournalismus!« — Soso. Qualität ist also, wer (noch) das dicke Deuttungshoheitszepter schwingt. Nicht was wirklich der Fall ist sei Wirklichkeit, sondern das Maskenspiel des Medien-Establishments. Das entspricht eher dem Öffentlichkeitsverständis von Vatikan oder Geheimdiensten, als dem einer bürgerlich-weltlichen Zeitung. Irgendwie seh ich Schirrmacher da im Spartaner-Dress gegen die anrückenden Perser anstänkern, so nach dem Motto: »Dann schreiben wir eben im Schatten«. — Aus Schirrmachers Sicht funktionierten Zeitungen als große Zauberspiegelfenster, die aber lediglich einen Blick auf eine inszenierte Welt des Scheins freigeben, und verständicherweise sagen solche Illusionisten wie Schirrmacher dann solche Sachen wie ›Achten Sie nicht auf dem Mann hinter dem Vorhang‹.

Frank, schau, die Öffentlichkeit, zumindest deren weitaus größerer Teil, ist immer draussen, jenseits von Elitenmauern. Öffentlichkeit ist nur zu einem geringen Teil das, was man sich in Ball- und Thronsaal hinter dicken Mauern und bewacht von Armbrustschützen zutuschelt, sondern Öffentlichkeit ist die Rede auf dem Stadtplatz, das Getratsche auf der Duld. Öffentlichkeit ist nicht nur das Erbauungsprüchlein in aufwändig illuminierten Stundenbüchern für die Reichen und Schönen, sondern auch das spottende Grafitti auf den Mauern, die zwischen Stadt, Wald und Flur weitergegebene Kunde.
abgelegt unter: Gesellschaft
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