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geschrieben von molosovsky, am: Freitag, 12. Nov. 2004

Stücke für narratives Improvisationsklavier

EDIT: Aufbereitung überarbeitet.
{Nachfolgendes Prosastückchen habe ich vor ca. 10 bis 12 Jahren geschrieben. Prosa- und Storyschreiben habe ich aus Selbstekel vor der Kunstwahnarroganz aufgegeben. Don Alphonso hat aber einen dermaßen feinen Eintrag über Ingolstadt geschrieben, daß ich gerne diese meine damalige Angekotzheit mit diesem Oberbayerischen Kaffschutzreservat teilen möchte.}
Handschrift &raquo;Nachtspaziergang&laquo;
•••••••••

»Von Dissonanzen, über Dissonanzen zu Dissonanzen.« — Robert S. über Frederic C.

Nachtspaziergang

Die Nacht spreizt sich über den Horizont. Dezemberhauchen: wirklich frische Luft. Ich stelze über den Asphalt des schlafenden Kaffs. Die Sterne blinzeln durch das schwarz gekräuselte Gewölk. Die entscheidenden Merkmale der oberbayerischen Donauumgebung von Ingolstadt?: dösend zerschundene Ackerflächen, durchstreuselt mit einigen Partisanengrüppchen Grün, alles gut eingezäunt von den endlosen Linien der Stromleitungswächter, spätestens alle zwei Kilometer kuhfladed ein Seelenweiler, bakteriell um den kleingeistigen Großstadtdilettanten Ingolstadt herum.

Von irgendwo im Osten wispert mir die Autonbahnvene Kryptisches über Geschwindigkeit und ferne Orte zu. Die mobilen Metallzellen – von hier nur als rote und weiße Lichterpaare zu sehen – strömen an den Raumhafenlichtern der Ölraffinerien vorbei. Das Brummkörperchen streift die große Feuerdrüse. Passanten des Autoblutherzens, eingeengt und eingepfercht in die jeweilige Audiobedröhnung. Stehengeblieben schließe ich die Augen um dieses Geräusch zu verwandeln: Schon raunen sich die Bäume WinternachtsNüchternheitsNeckigkeiten zu. Ein zum Waldbach gelauschter offener Kanal murmelt stetig antike Grüße: Alles fließt, Dein Heraklid.

Es hilft nichts, es bleibt Hepberg. Ich öffne die Augen wieder, der dunkle Wald klotzt wieder als Medley geschmacksneutraler Einfamilienpomeranzen den Weg um mich zurecht. Suche nach Mond in der Wolkenscham. Die Mutter der Träume, das Auge der Nacht versteckt sich. Die wenigen Wolken werden vom Wind durch den dunklen Ozean gewirbelt, wie er es braucht. Immer nur kurze, heftig kaltschnäuzige Böen, Verdammnis der Kälte. Ich suche weiter die Unauffindbare. Einmal durch Straßen oder auf Feldwegen spazieren, ohne dabei einem Trampelgesicht oder geistigen Kartoffelsack in sein gepreßtes Grüß GOtt! zu stolpern.

Ich lustwandle ohne Absicht und Ziel durch die Nacht und verpenne tagsüber alles, gerade rechtzeitig, um das Abendessen zum Frühstück zu verlunchen. Ist ja eine ganz natürliche Gesetzmäßigkeit: Wer die Nacht nutzt, um Kopfglühwürmchen zu fangen, kann die öde Sonnenwelt mit ihren sich zum Erkennen aufdrängenden Tatsachen und Präapokalypsileins kaum noch ertragen.

Rohbauten! Bieten gerade nachts einen mitleidensheischenden, zusammengedroschenen Anblick; Ziegelsteinlegoland; primitive Höhlenmenschenkulturen, wo immer man sie abstreitet. Die engen Zeilen zwischen Einfamilienparzellen rücken zu Gängen eines Verließes zusammen. Im leichten Nebel und der Dunkelheit erscheinen die hohen Bleib weg-Jägerzäune und Hau ab-Thuyenmauern wie verfallene Wände einer leblosen Korridorwelt, aus Schatten und xenophobischem Schweigen gebaut. Der Wind fängt seinen eigenen Schweif, wirbelt herum, versucht sich übermütig selbst einen zu blasen, weht plötzlich gegen die B 13 und das Autowispern verstummt, nur die Bäume flüstern weiter. Manchmal ist mir sogar die Stille zu laut.

Bäume: Wie oft bin ich von dem da schon runtergefallen? Schlank, mikadoverbogen, verpusteter Tusche auf dunkelgrauem Karton gleich. Ich bleibe vor einem Rohbau stehen, klobige Fassade. Überquere auf wogender Planke den Baugraben und betrete die Backsteinhöhle. Der Wind bleibt wie das wenige Licht freudlos an den leer glotzenden Fenstern und gähnenden Türen hängen, aber Dreck ist genug da, knirscht unter den Schuhen. Lasse unter einer zurückgelassenen Bierflasche das glasige Knistern ertönen, das ich so liebe. Zigarette. Wie viele Zementsäcke hab ich aus hochstöckigen Rohbautenfenstern stürzen lassen? Einmal in einer dunklen Nische kauern müssen, als das junge Glück den künftigen Ehekäfig abliebäugelte. Mein achtjähriges Herz pochte in der Erregung des möglichen Erwischtwerdens.

Zigarette in den Sand, Gelbschwänzchen in die Höh´. Wieder raus fäusten sich die Hände vor der Kälte fliehend in den Jackentaschen. Aufgeregt umwedelt und behechelt mich gleich wieder der Wind. (Wer geht hier mit wem Gassi?) Und alle zwanzig Meter speien die Leuchtzahnbürsten ihren Lichtkegel auf die Straße. Nachts ist dieses Spielzeugdiorama eine erträglichere Kulisse für meine dramalose Rolle.
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abgelegt unter: Prosa
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