Molosovsky: Veröffentlichungen & Werke

Noch nicht eingepflegt sind meine eigenen Prosa- & Lyrik-Werke, die in kleinster Handpresse-Auflage bzw. im Phantastik-Fandom (»Fantasia« und »Follow«) erschienen sind.

BUCH: Übersetzung & Lektorat | BLOG: Übersetzungen | Eigene Print-Texte | Podcasts

•••

BUCH: Übersetzung & Lektorat

»Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes« für den Golkonda Verlag, 2011. Übersetzung der Kurzgeschichten:
»Der Turmbau zu Babel«,
»Geschichte deines Lebens«,
»Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes«,
»Der Kaufmann und das Portal des Alchemisten« und
»Ausatmung« von Ted Chiang.

••• Leseprobe als PDF auf der Website des Verlages.

Klappentext:

Geschichten, die ein ganzes Universum enthalten: Die Wahrheit über den Turmbau zu Babel; der folgenreiche Erstkontakt mit einer außerirdischen Spezies; die Verzweiflung angesichts des Verlusts eines unersetzlichen Menschen; ein Zeitreiseabenteuer der anderen Art; und ein bestürzender Ausflug an die Grenzen des wissenschaftlich Machbaren …

Kein anderer Science-Fiction-Autor hat in den letzten zwanzig Jahren auch nur ansatzweise so viel Begeisterung ausgelöst wie Ted Chiang. Kein anderer Science-Fiction-Autor wurde für ein so schmales Werk mit mehr Preisen ausgezeichnet. Nun liegt endlich auch auf Deutsch ein Auswahlband mit seinen Erzählungen vor.

Gewinner des Kurd Lasswitz Preis in der Sparte »Bestes ausländisches SF-Werk mit deutscher Erstausgabe 2012«; sowie nominiert in der Sparte »Beste Übersetzung zur SF mit deutscher Erstausgabe 2012« & durch eine Fachjury aus Übersetzerkollegen auf den dritten Platz gewählt.

••• Empfehlung des Literaturkritikers Denis Scheck in der »Druckfrisch«-Sendung (ARD) vom 24. Dez. 2013:

•••

»Medusas Rache — Hellboy Stories 1« für den Golkonda Verlag, 2012. Übersetzung der Kurzgeschichten:
»Medusas Rache« von Yvonne Navarro,
»Puzzle« von Stephen R. Bissette,
»Eine Mutter weint um Mitternacht« von Philip Nutman,
»Versicherungen« von Greg Rucka,
»Folie à Deux« von Nancy Holder,
»Dämonenpolitik« von Craig Shaw Gardner und
»Ein grimmiges Märchen« von Nancy A. Collins.

••• Leseprobe der ersten Seiten von »Medusas Rache« bei Amazon.de verfügbar.

Klappentext:

1994 erblickte Hellboy zum ersten Mal das Licht einer Comicseite und entwickelte sich in den nächsten Jahren zu einem phänomenalen Erfolg, der 2004 und 2008 mit den Kinofilmen von Starregisseur Guillermo del Toro seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Im Dezember 1999 wiederum erschien der erste von inzwischen drei Sammelbänden mit Hellboy-Geschichten, die bisher nur auf Englisch erhältlich sind. Dem wollen wir nun abhelfen, denn ob im Comic, auf der Leinwand oder in Form des gedruckten Wortes — niemand erlebt so faszinierende, so unheimliche, so abgefahrene Abenteuer wie Hellboy!

Einige der besten Phantastik-Autoren der angloamerikanischen Szene haben zur Feder gegriffen, um dem roten Riesen die Ehre zu erweisen. Jede Erzählung ist mit einer ganzseitigen Illustration von Hellboy-Schöpfer Mike Mignola versehen — ein Augenschmaus für Kenner und ein Muss für jeden Sammler.

•••

»Eine offene Rechnung — Hellboy Stories 2« für den Golkonda Verlag, 2015. Übersetzung der Kurzgeschichten:
»Waffenbrüder« von Frank Darabont,
»Der vor dem Zaubrer flieht« von Peter Crowther,
»In der Flut« von Scott Allie,
»Newford-Spuk-Schwadron« von Charles de Lindt,
»Wassermusik« von David J. Schow,
»Der Vampir-Prozess« von James L. Cambias,
»Eine offene Rechnung« von Ed Gorman & Richard Dean Starr, und
»St. Hellboy« von Tom Piccirilli.

Klappentext:

Frank Darabont, bekennender Hellboy-Fan unter Hollywoods Filmemachern, deutet das Motto des zweiten Bandes von Hellboy-Geschichten bereits im Vorwort an: Man reist nicht, um anzukommen, man reist, um unterwegs zu sein. Fast ausnahmslos große anglo-amerikanische Horror-Autoren, darunter David J. Schow, Tom Piccirilli und Ray Garton, entführen uns in Hellboys Welt. Ihnen ist es zu verdanken, dass Hellboys Sprüche so gut passen wie die »rechte Faust des Schicksals« aufs Auge der Ungeheuer − und zwar immer und überall.

Mit dem roten Riesen als Reisegefährten fühlt sich auch der Leser in Mike Mignolas Comic-Universum aus Folklore, Geistergeschichten und aberwitzigem Fantasy-Horror sehr schnell wohl, egal ob in den Abwasserkanälen von New York City oder in einem klassischen Westernsaloon, der nach Whisky, Staub und Pferdeschweiß riecht. Gegen Ende der Reise winkt dann doch ein schmackhaftes Ziel: »Leckere Zähne« aus der Feder von Guillermo del Toro. Der zweite Regisseur im Bunde trifft genau den richtigen Ton, um uns von einem weiteren Hellboy-Film träumen zu lassen — wobei jede der hier versammelten Geschichten zweifellos einen höllisch guten Roadmovie abgeben würde.

•••

»Nimmèrÿa 2: Nimmeryána« von Samuel R. Delany (Herausgegeben von Karlheinz Schlögel; Übersetzung von Annette Charpentier) für den Golkonda Verlag, 2015.

Lektorat/Durchsicht der überarbeiteten Neuauflage.

Klappentext:

Dies ist die Geschichte von Pyrn, dem Mädchen, das auf dem Rücken eines Drachens in die Hauptstadt Nimmèrÿas reitet. Aus ihrer Sicht nehmen wir an dem von Gorgik angeführten Sklavenaufstand teil, mit ihr erleben wir die Machtspiele und sexuellen Verstrickungen der Städter. Pyrns Reise führt sie auch in den gefährlichen Süden, zu den Mythen und Rätseln eines dunklen Kontinents.

Die prähistorische Welt Nimmèrÿas dient Delany dazu, über die Ursprünge unserer eigenen Zivilisation zu meditieren: Woher kommen die Dinge, die wir für selbstverständlich halten? Wo nehmen Sprache, Kultur und Macht ihren Anfang, und inwieweit sind wir noch immer von diesen Anfängen geprägt? Gleichzeitig erspart uns Delany die Komplexitäten dieser Welt nicht — sie ist voll von Mythen und Rätseln, von Gewalt und Sexualität, und bietet uns so eine wirklichkeitsnahe und farbenfrohe Fantasywelt.

•••

BLOG: Übersetzungen

Februar 2014: »Laurie Penny und Terry Pratchett sprechen über Sex, Tod und Natur« von Laurie Penny. Originaltext erschienen bei ›New Statesman‹, November 2012.

Juli 2009: »Eine Einführung in die Genre-Theorie« von Daniel Chandler; direkt zum PDF. Originaltext erschienen auf der Website des Autoren, August 1997.

Dezember 2006: ›Crooked Timber‹-Seminar zu »Der Eiserne Rat« von China Mieville. Originaltext erscheinen auf der Website von ›Crooked Timber‹, Januar 2005.

November 2006: ›Crooked Timber‹-Seminar zu »Jonathan Strange & Mr. Norrell« von Susanna Clarke. Originaltext erscheinen auf der Website von ›Crooked Timber‹, November 2005.

•••

Print-Texte

»Magira Jahrbuch zur Fantasy 2010«: Sammelrezension »Stromern auf ungetrampelten Pfaden« mit Besprechungen zu
»Eine Andere Welt« von Grandville und Plinius der Jüngere;
»The City & The City« von China Miéville;
»Shriek« und »Finch« von Jeff Vandermeer;
»The Sad Tale of the Brothers Grossbart« von Jesse Bullington.

»Magira Jahrbuch zur Fantasy 2009«: Sammelrezension »Wonniglich verirrt im Laybrinth der Phantastik« mit Besprechungen zu
»Das Obsidianherz« von Ju Honisch;
»Un Lon Don« von China Miéville;
»Wer länger lebt ist später tot — Operation Zombie« von Max Brooks;
»Die gelöschte Welt« von Nick Harkaway;
»Gegen den Tag« von Thomas Pynchon;
»Das Ewige Stundenbuch 1 — Vellum« von Hal Duncan;
»Das Haus« von Mark Z. Danielwski.

»Das Abenteuer Phantastik«: Essay für »Kritische Ausgabe 01/2008 — Abenteuer«.

»Magira Jahrbuch zur Fantasy 2008«: »Die Wilden Welten des Matt Ruff«.
• Teil 1: »Ein persönlich gefärbter Werksübersicht« (inkl. »Fool on the Hill«, »G.A.S. — Die Trilogie der Stadtwerke«, »Ich und die anderen«, »Bad Monkeys«);
• Teil 2: »Gespräch mit Matt Ruff in Frankfurt am Main, Februar 2008«.

»Magira Jahrbuch zur Fantasy 2007«: Sammelrezension »Gut gelaunte Phantastik-Empfehlungen des Lektürejahres 2006/2007« mit Besprechungen zu
»Der Barock-Zyklus« von Neal Stephenson;
»Jonathan Strange & Mr Norrell« und »Die Damen von Grace Adieu« von Susanna Clarke;
»Die Gelehrten der Scheibenwelt« von Terry Pratchett, Ian Steward und Jack Cohen;
»Wächter der Nacht«-Bücher von Sergeij Lukianenko;
»J. R. R. Tolkien — Autor des Jahrhunderts« von Tom Shippey.

»Magira Jahrbuch zur Fantasy 2006«: Sammelrezension »Launische aber aufrichtige Empfehlungen von seltsamen & verwirrenden Fantasybüchern der Phantastiksaison 2005/2006« mit Besprechungen zu
»Das Paradies der Schwerter« von Tobias O. Meißner;
»Anansi Boys« von Neil Gaiman;
»Aether« von Ian R. MacLeod;
»Der Eiserne Rat« von China Miévile;
»Die Stadt der Heiligen & Verrückten« von Jeff Vandermeer.

»Magira Jahrbuch zur Fantasy 2005«: »Seine Hemden sind bunter als seine Phantastik. Besprechung und Autopsie zu »Der Blumenkrieg« von Tad Williams..

»Magira Jahrbuch zur Fantasy 2003«: Einzelne Rezensionen zu
»Perdido Street Station« von China Miéville;
»Der Steinkreis des Chamäleons« von Ricardo Pinto;
»Siegfried und Krimhild« von Jürgen Lodemann;
»Der Mann der Donnerstag war« von Gilbert K. Chesterton.

•••

Podcasts

Juni 2015: Zu Gast bei ›Polyneux spricht‹ in der Sendung über »Bloodborne«.

März 2015: Zu Gast (zusammen mit Markus Widmer) bei ›Sigma 2 Foxtrot‹ in der Sendung über China Miéville.

Januar 2013: Folge 98 der Komplettlesung von Egon Friedells »Kulturgeschichte der Neuzeit« für ›Radio Orange 94.0‹; Lesung des Abschnittes über Arthur Schopenhauer und Selbstgespräch. Gestaltet von Herbert Gnauer. — Zur Sendung.

Kleinigkeiten zu »Bloodborne«

Ich spiele derzeit auf meiner PS4 »Bloodborne« und bin verzweifelt, weil ich meinen siebten Gebiet-Bossgegner nicht packe (die Kuttendrillinge ›Shadow of Yharnam‹, die mich mit schnellem Katana, Feuerspritze und Feuerbällen-Fernbeschuss feddich machen). Mindert keineswegs meine Bewunderung für dieses Gothic Horror/Äktschn-Rollenspiel, mit seinem meisterhaften Design, Weltenbau, seiner irren Spannung und ja, wenn ich nicht gerade gegen Wände meines Könnens laufe, ist auch die Äktschn goil.

Sven Kiel vom »Hören, Sehen, Knöpfe drücken«-Blog hat für »Polyneux« einen feinen Beitrag über das Spiel von Hidetaka Miyazaki (Schöpfer der legendär schweren und atmosphärisch gewaltig-beklemmenden Fantasy/Horror-Spiele »Demon’s Souls« & »Dark Souls«) geschrieben: »One more, with Miyazaki«. Kann Sven nur zustimmen, wenn er die Freude am Grauen und Überwältigtsein beschreibt:

Ich öffne eines dieser riesigen Tore, wie ich sie in den Vorgängern zuhauf geöffnet habe und mir kriecht, beim Anblick dieses unbekannten Gebiets vor mir, ein Schauer über den Rücken. Ich spiele offline, weil ich mir die Überraschungen nicht durch Nachrichten oder Blutflecken anderer Spieler vorweg nehmen möchte. Ich fühle mich klein und schwach und weiß nicht, wie ich das alles bewältigen soll. Kurz gesagt: Ich habe keine Ahnung von Bloodborne und finde das wahnsinnig befriedigend.

Einige ungewöhnliche Eigenarten des Spiel-Designs verhandeln Rick & Jack von »Previously Recorded« sehr anschaulich. Eine entscheidende Errungenschaft von »Bloodborne« kann man gut verstehen, wenn man sich Jacks Mantra durch den Kopf gehen lässt:

You are in control
and it’s all your fault.

Du hast die Kontrolle,
und die Schuld liegt nur bei dir.

•••

»Bloodborne« bringt Liebhaber und Kenner klassischer, dunkler Phantastik zum Sabbern, weil es sehr liebevoll die kosmischen Schrecken der Tradition von H. P. Lovecraft umsetzt. Schön erklärt wird das von youtube-Kanal »Super Bunnyhop«, freilich mit massig Enthüllungen der Geschichte des Spiels (ich mag die Art, wie ›Super Bunnyhop‹ Lovecrafts Werk treu und korrekt, aber auch mit gebotem lässigen Tadel zusammendampft):

•••

Als Übersetzer kann ich gar nicht anders, als aufzumerken, wenn mir Übersetzungs-Schnitzer und geradezu tölpelhafter Schwachfug unterkommen. Bei der Eindeutschung von »Bloodborne« sind einige köstliche, unfreiwillig komische Unfälle passiert (freilich sei angemerkt, dass für die Spiele-Branche zu übersetzen — in der Branche als ›Game localization‹ bekannt — ein hartes Geschäft ist, bei dem man zumeist unter enorm hohem Zeitdruck steht, was keiner Übersetzung förderlich ist.) — Mir unverständlich, dass man sich nicht darum gekümmert hat, zumindest einen Korrekturleser/Berater zu konsultieren, der vertraut ist mit Horror/Fantasy-Feinheiten. Ich stünde für sowas zur Verfügung!

  • Aus ›visceral attack‹ wurde ›Eingeweideangriff‹. Ist zwar korrekt, klingt aber ulkig. Vielleicht ›Ausweideangriff‹?
  • Hintergrundgeschichte des Weltenbaus von »Bloodborne« ist eh schon rätselhaft genug. Wer nur auf die deutsche Fassung baut, darf sich zusätzlicher Verwirrung erfreuen. Hier die komplette Gegenstandsbeschreibung einer Ritual-Zutat:
    Third Umbilical Cord: A great relic, also known as the Cord of the Eye. Every infant Great One has this precursor to the umbilical cord.

    Every Great One loses his child, and then yearns for a surrogate. The Third Umbilical Cord precipitated the encounter with the Pale Moon, which beckoned the hunters and conceived the hunter’s dream.

    Use to gain Insight and, so they say, eyes on the inside, although no one rememberes what that truly means.


    Drittel einer Nabelschnur: Großartiges Relikt, das als Schnur des Auges bekannt ist. Jeder Großartige hat als Kind diesen Vorläufer der Nabelschnur.

    Jeder Großartige verliert sein Kind und sehnt sich nach einem Ersatz. Die dritte Nabelschnur löst die Begegnung mit dem bleichen Mond aus, der die Jäger ruft und den Traum des Jägers ersinnt.

    Nutze sie um Einsicht und angeblich innere Augen zu erhalten, obwohl sich niemand daran erinnern kann, welche Folgen das hat.

    Meine Annäherung: Mächtige Reliquie, auch bekannt als Strang des Auges. Zu jedem Großen Alten im Kindstadium gehört so eine Vorform der Nabelschnur.

    Jeder Große Alte büßt sein Kind ein und sehnt sich dann nach Ersatz. Das Drittel der Nebelschnur führte zu der Begegnung mit dem Bleichmond, der die Jäger lockte und den Traum des Jägers zeugte.

    Nutze sie um Einsicht zu gewinnen und, so sagt man, ins Innere zu blicken {oder auch: Augen im Inneren zu erhalten}, auch wenn niemand mehr weiß, was das bedeuten soll.

  • Es gibt im Spiel Gesten, um im Multiplayer die Kommunikation aufzupeppen. Klein aber fein-aua, wie ›Shake off cape‹ mit ›Umhang loswerden‹ übertragen wurde {besser: ›Umhang ausschütteln‹, oder auch sinngemäß ›Staub abschnütteln‹}.
  • Verschiedene Begriffe, denen man die Hektik der Übersetzungsarbeit anmerkt:
    • ›Oedon Writhe Rune‹ wurde zu ›Oeden-Winden Rune‹; besser: ›Oedon-Windung Rune‹, vielleicht sogar simpel (traut Euch, Game localization-Verantwortliche!) ›Oedon-Schnörkel Rune‹.
    • Aus einem ›Monocular‹ {Deutsch einfach und korrekt ein ›Monokular‹} wurde ein ›Fernrohr‹.
    • Aus ›Watch Dog of the Old Lords‹ wurde ›Aufpasser der alten Fürsten‹; besser: ›Wachhund der Alten Fürsten‹.
    • Beim Gegenstand ›Hintertomb-Chalice‹ wurden ›unceremonious catacombs‹ zu ›rücksichtslosen Katakomben‹, was freilich an lebende Gräber ohne Manieren denken läßt und ir-gend-wie zur Welt des Spieles passt. Gemeint sind freilich ›schlichte‹ oder ›unfeierliche‹ Katakomben.
    • Beim Gegenstand ›Ritual Blood‹ heißt es auf Deutsch ziemlich umständlich ›dieses ewig fließende Blut‹. Auf Englisch heißt es ›this incocgulable blood‹, was einfach ›dieses nicht gerinnende Blut‹ bedeutet.

ERGÄNZ: Hab die Kuttendrillinge erledigt. Brauchte dafür ca. 800 Heiltränke. Hau jetzt mein letztes Geld für Koks und Freudenmädchen raus und werd abfeiern (hab ja morgen frei). Verwendete keine der empfolenen Taktiken.

Problemstellung: drei Gegner. No. 1 flott mit dem Katana hinter mit her, das in Phase 2 des Kampfes eine ungescheite Reichweite hat; No. 2 nicht ganz so flott zu Fuß wie 1, aber nah bei, meist in geschickter L-Stellung, greift manchmal mit Schwert an, meist jedoch mit Flammenwerfer, und hat in Phase 2 des Kampfes mit Feuerpeitsche auch ne unverschämte Reichweite; No. 3 hält sich im Hintergrund und wirft Triple-Feuerbälle mit Zielfixierung, schlägt in Phase 1 gar nicht, in Phase 2 auch mal mit Keule zu.

Phase 2 beginnt, sobald Trefferpunkte eines Kuttentyps ca. runter sind auf 30%. Phase 3 (in der die Kerle dann zwei Riesenschlangen mit Sofort-Tot-Schaden & irrer Reichweite beschwören können, denen auszuweichen Glückssache ist) beginnt, wenn ein Kuttentyp hin ist und die zwei Verbleibenden nur noch ca. 10% Trefferpunkte haben, oder wenn 2 Kuttentypen perdü sind.

Statt, wie meist empfohlen, zu versuchen, die drei durch Laufen, Flugrollen oder Ausweichschritte zu vereinzeln, oder sie in Kulissen-Grabsteinen zu fixieren (dabei verhedder ich mich nur selbst), blieb ich immer schön nah dran. Angriffen ausweichen, aber stets so, dass man die beiden flotten 1 & 2 in Richtung des Fernkämpfers 3 lockt, so dass ich stets einem, meist zweien, manchmal auch allen drei Gegenern eine verabreichen konnte. — Wichtig ist, die drei gleichmäßig runterzufeilen, um die verschiedenen Kampfphasen kurz zu halten. Die dritte Kampfphase war bei meinem Erfolgsdurchgang gleich schlangenlos vorbei.

»Warum ›Groschen‹ und nicht ›Cent‹?«

Habe vor einigen Tagen spät Nachts noch die weitergeleitete Frage einer Leserin beantwortet, warum ich an einer bestimmten Stelle meiner Übersetzung von Ted Chiangs Story »Geschichte Deines Lebens« aus dem Band »Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes« der Begriff ›Groschen‹ und nicht ›Cent‹ verwendet habe. — Überraschenderweise waren Golkonda-Herausgeber Hannes & Karlheinz von meiner Antwort so erfreut, dass sie als Newsblog-Eintrag auf der Verlagsseite verbreitet wurde.

Ich will meine Antwort den MoloChronik-Lesern nicht vorenthalten und biete sie also auch in meiner mir eigenen Textformatierung hier an:

•••••

Frage: Warum wird ›Groschen‹ verwendet und nicht ›Cent‹? (Seite 43, Zeile 16 in »Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes«)

Antwort: Gerehrte Fragestellerin.

GOtt sei Dank eine Frage nach einer Übersetzung-Detail-Entscheidung, die ich beantworten kann. (Es ist nämlich keineswegs so, dass ich jede einzelne Übersetzungs-Entscheidung, die auf meinem Mist gewachsen ist, im Nachhinein selbst noch nachvollziehen könnte.)

Warum an der genannten Stelle ›Groschen‹ und nicht ›Cent‹?

Kurze Antwort: Weil im Original eben nicht ›cent‹ steht, sondern ›one slim dime‹.

Aber: ›one slim dime‹ hieße wortwörtlich eigentlich in etwa ›ein mickriges / lausiges Zehn-Cent-Stück‹. Im deutschsprachigen Raum gab es in Österreich vor der Einführung des Euro noch Groschen; in der BRD (in der ich groß geworden bin) war umgangssprachlich damit ein 10-Pfennig-Stück gemeint. Trotzdem nicht ganz das Gleiche wie ein amerikanisches 10-Cent-Stück.

Also längere Antwort: Wichtiger als das wörtliche Übersetzen einzelner Ausdrücke an und für sich ist bei einer Übersetzung von Prosa, Erzählungen, Romanen (zumindest meiner Ansicht nach), die Stimmung, den Rhythmus, den Erzählton zu treffen und möglichst viele der kulturellen, sozialen, zwischenmenschlichen, psychologischen etc. Anspielungen, Anklänge in die deutsche Fassung rüberzuholen, wie nur geht.

Die Stelle im Original:

Gary held up the tent flap and gestured for me to enter. »Step right up,« he said, circus barker-style. »Marvel at creatures the likes of wich have never been seen on God's green earth.«
»And all for one slim dime,« I murmured, walking through the door.

Wesentlich scheint mir hier, dass Gary — etwas albern, aber das macht ihn ja liebenswert — ein kleines Rollenspiel beginnt, absichtlich ironisch dramatisiert (um die Spannung zu mildern, sich gleich einer ganz großen, nicht nur wissenschaftlichen, neuen Sache gegenüber wieder zu finden) und sich des altertümlichen Sprachgehabes eines Jahrmarktschreiers bedient. DAS rüberzubringen lag mir am Herzen, und dass die Erzählerin mit ihrer eher beiläufigen, zurückhaltenden Art dennoch bei diesem Rollenspiel mitmacht, indem sie umgangssprachlich (›one slim dime‹) antwortet.

Deshalb also in der deutschen Fassung:

Gary hielt den Zelteingang auf, und bedeutete mir mit einer Handbewegung einzutreten. »Hereinspaziert, hereinspaziert«, sagte er wie ein Zirkusausrufer. »Bestaunen Sie Kreaturen, wie sie auf Gottes schöner Erde noch nie zu sehen waren.«
»Und das alles nur für ein paar Groschen«, murmelte ich, als ich durch die Öffnung trat.

Trotzdem, so könnte man beharren, ist one slim dime‹ eben eigentlich ein Groschen‹, ja ganz genau eben ein 10-Pfennig-Stück‹. Aber wie klingt das als Satz?

Letztendlich entscheide ich mich oftmals, was besser klingt, solange es im Grunde eher mehr als weniger inhaltlich stimmt. Buchstäbliche Bedeutung ist eben nicht alles beim Übersetzen.

Ich hoffe, diese Antwort ist hilfreich.

Herzliche Grüße
Alexander Müller / molosovsky

Laurie Penny und Terry Pratchett sprechen über Sex, Tod und Natur

Introdubilo des Übersetzers:
»Laurie Penny meets Terry Pratchett to talk about sex, death and nature« erschien am 21. November 2012 im ›New Statesman‹. Wo es mir hilfreich erschien, habe ich zur Orientierung für deutschsprachige Leser Jahresangaben, Originaltitel und weiterführende Links eingefügt.
Ich habe den Text aus mehreren Gründen für die Molochronik übersetzt. Natürlich erstmal, weil ich glaube, dass er sehr gut einfängt, was den bedeutenden Fantasy-Autoren Terry Pratchett auszeichnet. Siehe dazu auch meine Besprechung seiner mit Ian Steward und Jack Cohen verfassten Reihe »Die Gelehrten der Scheibenwelt«. — Seit gut dreißig Jahren bin ich ein begeisterter Leser der Romane von Pratchett (die Nomen-Trio, auch ›Bromeliade‹ genannt, ist mein Lieblingswerk). Er war einer der ersten englischen Schriftsteller, durch dessen Original-Ausgaben ich mich als Jugendlicher kämpfte.
Dann habe ich vor einigen Monaten die engagierte Journalistin, peppige Streitschrift-Autorin, inspirierende Feministin und amüsante Twitterantin Laurie Penny für mich entdeckt, als ich ihre Rede von der ›re:publica 2013‹ auf Youtube gesehen habe. Ich kann allen Molochronik-Lesern raten, sich mal ihre Bücher »Meatmarket« (deutsch bei Edition Nautilus als »Fleischmarkt« erschienen; hier die Leseprobe) und »Cybersexism« vorzunehmen.
Schließlich teile ich die Überzeugung, dass unsere derzeitigen gesetzlichen Bestimmungen und unser medizinisches System die Menschen dazu zwingt, dem Sterben mit der Angst des Ausgelieferten zu begegnen, statt mit der Würde von freien Personen, die legal ihren Tod selbst gestalten können.
Ich danke vielmals Laurie Penny und Helen Lewis von ›New Statesman‹ für ihre Zustimmung, dass ich kleiner Blogger diesen Text hier anbieten darf.
Viel Spaß beim Lesen
Euer Alex / molo
P.S.: SPOILER-WARNUNG!!! Im vorletzten Absatz des Textes wird für den Geschmack mancher Leser vielleicht etwas zu ausführlich eine Szene aus dem Buch »Das Mitternachtskleid« (»I Shall Wear Midnight«) nacherzählt. Ich habe dort einen fett formartierten Hinweis platziert.

•••••

Laurie Penny und Terry Pratchett sprechen über Sex, Tod und Natur

von Laurie Penny

12. November 2012: Terry Pratchett nutzt seit über 40 Jahren Science Fiction und Fantasy, um feinsinnige Satiren zu schaffen. Doch der Beginn einer Alzheimer-Erkrankung zwang ihn, sich mit einer unbequemen Frage auseinanderzusetzen – was wird geschehen, wenn er nicht mehr in der Lage sein wird zu schreiben?

Ich sitze in einem Kaffeehaus an der Hauptstraße von Sailsbury und ein gebrechlicher, alter Mann mit großem schwarzem Hut erzählt mir gerade, dass er sterben wird. »Keine Medizin kann das verhindern«, sagt Sir Terry Pratchett, 64, Nationalheiligtum, Autor von bisher 54 Büchern, Fürsprecher der Sterbehilfe und berufsmäßiger morbider Drecksack. »Zu wissen, dass man sterben wird, ist der erste Schritt zur Weisheit, nehme ich mal an«, erklärt er.

Diese Geschichte handelt vom Tod. Damit ist nicht der personifizierte Tod gemeint, dieser knöchrige, auf unbeschreibliche Weise stets grinsende Kerl mit der Sense, den funkelnden blauen Augen, der flucht und immer lieb zu Katzen ist und in fast jedem der über 30 Romane zählenden Scheibenwelt-Reihe von Pratchett einen Auftritt hat. Diese Geschichte handelt von der unangenehmen kleinen Tatsache des Todes, dieser sich auf Leben und Werk Pratchetts auswirkenden ›Widrigkeit‹, seit der Autor 2007 mit posteriorer kortikaler Atrophie, einer seltenen Form frühmanifestem Alzheimers, diagnostiziert wurde.

Vor 45 Jahren begann Pratchetts Schriftstellerlaufbahn. Mit über 80 Millionen weltweit verkaufter Bücher ist er Großbritanniens zweiterfolgreichster Autor. »Die Farben der Magie« (»The Colour of Magic«), sein erstes Buch der Scheibenwelt-Reihe, erschien 1983 noch als lupenreiner Vertreter der komischen Fantasy. Der Roman beschreibt den unscheinbaren Zauberer Rincewind der über die Scheibenwelt hetzt, die auf dem Rücken einer riesigen Schildkröte durch das Weltall getragen wird. Die nachfolgenden Bücher entwickelten sich zu etwas Komplexerem, das mehr Tiefe an den Tag legte. Im Laufe der Reihe fanden die Romane zu einer prägnanten, beissend satirischen Stimme. Die meisten erfolgreichen Science Fiction- und Fantasy-Autoren müssen früher oder später ihre eigene Politik ins Auge fassen, denn es geht eine gewisse moralische Verantwortung damit einher, Millionen von Lesern zu einem aus dem Nichts geschaffenen Universum einzuladen. Schriftsteller wie Ursula K. Le Guin, Robert Heinlein und China Miéville nutzten ihre fantastischen Werke ausdrücklich als Spielwiese für politische Thesen, indem sie ausgedachte Welten beschreiben, die alternative Entwicklungsmöglichkeiten der Menschheit vorstellen.

Pratchett hat den entgegensetzten Weg eingeschlagen. Er begann mehr wie jemand zu schreiben, der weiß, dass der faszinierendste Ort im bekannten und vorstellbaren Universum das Hier und Jetzt ist. Er nutzt nerdige Fantasy und Situationskomik als Mittel, um Geschichten über Rassismus und religiösen Hass, Krieg und Bigotterie, Liebe und Sünde und Sex und Tod, immer wieder über den Tod zu erzählen, eingebettet in Ersatz-Abenteuer von sprechenden Hunden, Zombie-Revolutionären, Werwölfen die Verbrechen bekämpfen, Zahnfeen, Krokodilgöttern und ulkigen kleinen Typen, die nicht ganz geheuere Würstchen an der Straßenecke feil bieten.

Um so seltsamer seine Bücher wurden, um so mehr glich ihr Klang und ihre visuelle Szenerie dem Großbritannien des späten zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts: Mann trifft auf Frau trifft auf Geschlechterrollen herausfordernden Zwerg; anständige Leute werden durch ihre eigene Feigheit in den Untergang getrieben; Priester verbreiten Lügen und blutsaugende Anwälte ziehen bei allem die Strippen, wobei allerdings auf der Scheibenwelt Anwälte tatsächlich Vampire sind.

»Terry verfügt einfach über ein großes Können beim Beschreiben von Menschen«, sagt Neil Gaiman, Mitautor und enger Freund von Pratchett. Gemeinsam haben die beiden 1990 den Bestseller »Ein gutes Omen« (»Good Omens«) verfasst. »Er hat ein gutes Händchen, wenn es um unverfälschte, menschliche Gefühle geht, und reiht sich damit hervorragend in die Tradition humoristischer englischer Literatur ein.«

»Man kann seine Sachen mit den klassischen Werken von P. G. Wodehouse oder Alan Coren vergleichen – diese Autoren haben den Stil der komischen Literatur geprägt – und Terry ist ein Meister auf diesem Feld. Außerdem beherrscht er sämtliche Sprachbilder einer Vielzahl verschiedener Genres und weiß, wie man sie einsetzt. Anfangs hat man Terry mit Douglas Adams verglichen, weil auch der über Dinge schrieb, die auf anderen Welten spielen, aber am meisten ähnelt er Wodehouse – allerdings ist Terrys Spannweite größer.«

Wie vielen Freunden von Pratchett fällt es Gaiman schwer, über dessen Krankheit zu reden, sogar so schwer, dass er sich uns über Skype anschließt, da ihm E-Mail zu kalt und karg ist. »Ich finde es großartig, dass Terry seinen Alzheimer verdammt noch mal zu seinem Verbündeten gemacht hat«, sagt Gaiman. »Ich liebe es, dass er seinen Alzheimer dazu nutzt, um die ›Dignity in Dying‹-Bewegung {Deutsch etwa: ›Sterben mit Würde‹ — AdÜ} bekannter zu machen.«

Alzheimer ist immer grausam, und die besondere Art, die man bei Pratchett diagnostizierte, zeichnet sich durch einen außerordentlich brutalen, ironischen Zug aus. Tastaturen kann Pratchett gar nicht mehr bedienen, und auch mit einem Stift weiß er nur noch wenig anzufangen. Seine letzten vier Bücher verfasste er vollständig als Diktate und mit der Hilfe von Rob Wilkins, der seit zwölf Jahren sein Assistent ist.

»Tippen kann ich gar nicht mehr, weshalb ich ›Talking Point‹ und ›Dragon Dictate‹ verwende«, sagt Pratchett, während Rob uns in einem überraschend großen, goldenen Jaguar zum Kaffeehaus fährt. »Das Programm wandelt gesprochene Rede in schriftlichen Text um«, erklärt er, »und es gibt eine Sprach-Ergänzung, die von einigen Leuten entwickelt wurde.«

Wie unterscheidet sich das nun davon, mit den eigenen Händen zu schreiben?

»Tatsächlich geht es so viel leichter«, sagt er. Ich zögere, und er bemerkt meine Skepsis.

»Überleg doch mal! Wir sind Affen«, sagt Pratchett. »Wir reden, und zwar ziemlich gern. Wir sind nicht auf die Welt gekommen um …«, er dreht sich zu mir und macht Klacker-di-klacker-Bewegungen, wie ein muffiger Opa, der das Internet für Quatsch hält, »… zu machen.« Für Technologie hegt Pratchett fürwahr so viel Leidenschaft, wie es sich für einen Fantasy-Schriftsteller gehört. Als sich vor einigen Jahrzehnten des Internet für Nicht-Spezialisten öffnete, blühten rasch Gemeinschaften wie ›alt.fan.pratchett‹ {seit 1992 — AdÜ} auf, in denen sich Leser treffen und Geschichten miteinander teilen konnten. »Du musst natürlich schon ein Stück weit ein Nerd sein, um damit zurecht zu kommen«, sagt er. Argwöhnisch beäugt er mich. »Wenn du kein Nerd bist, will ich gar nicht mir dir reden. Du hast doch sicherlich wenigstens schon mal das Gehäuse deines Computers aufgeschraubt, oder?«

Ich befürchte, dass das Interview gleich echt vorbei ist, wenn ich zugebe, mit einem Mac zu arbeiten und Angst davor habe, die Garantie einzubüßen. »Ist auch egal. Aber die Algorithmen sind faszinierend«, sagt er. »Ich habe denen alles zukommen lassen, was von meiner Schreiberei in elektronischer Form vorliegt, und die haben über Nacht alles durchgerührt und ausgeklügelt, wie meine Worte klingen würden und klingen sollten.«

»Wir basteln uns Hilfsmittel«, sagt Rob. »Die Computersysteme sind so eingerichtet, dass sie sich am Morgen, wenn der Wecker klingelt, von selbst einschalten. Terry muss dann also nicht mehr nach dem Einschaltknopf suchen.«


Der große Diktator

Pratchetts Assistent hantiert mit dem Mobiltelefon, und biegt ein zu dem Kaffeehaus, in dem wir unser Treffen abhalten wollen. Man kann sich von Terry nicht wirklich ein stimmiges Bild machen, ohne Rob Wilkins zu beachten, dessen Namen ich versehentlich als ›Wilikins‹ niederschreibe, ganz so wie ein treuer Butler mit verborgenen Charaktertiefen heißt, der in vielen Scheibenwelt-Romanen vorkommt.

Rob ist in vielerlei Hinsicht ein urtypischer Pratchett-Fan. Er hat ein großes Herz, ist bis zum Überfluss erfüllt von der nerdigen Energie der ersten Immigranten-Generation, die in das digitale Universum aufgebrochen ist, trägt ein schlecht sitzendes schwarzes T-Shirt und ist treu bis zum Geht-nicht-mehr. Wenn es einen Grund gibt, warum sich Pratchetts lähmende Krankheit nicht auf den Fortlauf seiner Neuerscheinungen ausgewirkt hat, heißt er Rob. Jederzeit, ob Tag oder Nacht, kommt er zu Terrys Wohnhaus, um ein Diktat entgegenzunehmen oder ein Problem zu lösen, und Terrys Ehefrau hat sich daran gewöhnt, dass das für die Schriftstellerei nötig ist.

»Es ist toll, wenn es uns gelingt, ein Hilfsmittel zu basteln, denn das bedeutet, dass wir ein Gefecht gegen die Krankheit gewonnen haben«, sagt er und eilt davon, um die Getränke zu bestellen. Beide sprechen im Plural, ›wir‹ und ›uns‹, über ihre Arbeit, entsprechend lautet der Twitter-Feed des Schriftstellers ›@terryandrob‹. Die beiden wirken, als wären sie seit Kindheitstagen befreundet. Sie plaudern über Alzheimer, als handle es sich dabei um ein ausgesprochen kniffliges Level eines Videospiels, das sie unbedingt meistern wollen. »Es dauert nicht mehr lange, und das Hilfs-System ist so weit, damit Terry einfach nur mit der Sprache das Licht einschalten, die Vorhänge öffnen und derartige Dinge erledigen kann«, sagt Rob. »Das ist ein großer Spaß. Jeden Tag werden wir damit einen Kampf gegen die Krankheit gewinnen.« Er nickt. »So was machen wir gern.«

Während Pratchetts Auftreten ruppig und pragmatisch wirkt, ist Rob ein überschwänglicher Charakter, von der Sorte, der einen Journalisten den er gerade zum ersten Mal begegnet herzlich umarmt, wenn sich dieser auch als Fan zu erkennen gibt. In der von Pratchett präsentierten, mit einem BAFTA ausgezeichneten BBC-Dokumentation »Choosing to Die« {Deutsch etwa: »Den Tod wählen« — AdÜ} über die Arbeit der schweizerischen Vereins ›Dignitas‹, gibt sich der Autor kurz angebunden und ernst, während er zwei tödlich erkrankte Männern begleitet, die ihrem Leben freiwillig ein Ende setzten. Rob ist derjenige, der sich darüber aufregt, wie unfair das alles ist.

Seit er diagnostiziert wurde, hat sich Pratchett zu einem Aktivisten für würdevolles Sterben entwickelt. Er widmet alle Kraft die er aufbringen kann, um Vorträge zu halten und Programme zu gestalten, und will damit helfen, das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die derzeitige Lage zu schärfen. »Das Problem besteht darin, dass die Menschen heutzutage glauben, nicht mehr sterben zu müssen«, sagt er. »Frühere Generationen hatten noch ein Verständnis vom Tod, denn sie haben selbst eine gesunde Portion Tod erlebt. Noch in der viktorianischen Zeit war es gut möglich, dass man die Beerdigung vieler Geschwister erlebte, ehe man selbst ein fortgeschrittenes Alter erreichte.«

»Heute aber wissen die Leute nicht so recht, was sie mit sich anfangen sollen, wenn sie zu einem Begräbnis gehen. In die Kirche gehen die meisten sowieso nicht mehr – dazu sind sie zu vernünftig –, aber bei einer Beerdigung weiß keiner mehr, was man singen soll, wann man sich erhebt, oder wo man sich hinstellt.«

Rituale sind in Pratchetts Welt etwas sehr Wichtiges. Er gehört nicht zu den Autoren, die jemals abgelehnt hätten, zum Ritter geschlagen zu werden. Stattdessen hat sich Pratchett eigens ein Schwert aus Meteoritenstahl schmieden lassen, denn wenn man schon in den Ritterstand erhoben wird, so dachte er sich, dann auch richtig.


Der Junge vom Land

Terry Pratchett wuchs in den Fünfzigern als Einzelkind in Buckinghamshire und Somerset auf. Lieder und Geschichten waren Teil seiner provinziellen Erziehung – Geschichten über Außerirdische und Reisen ins Weltall standen Seite an Seite mit Erzählungen über die anrüchigen Machenschaften holder Jungfrauen und ihrer Verehrer.

»Zur Science Fiction bin ich ja gekommen, weil ich mich ursprünglich für Astronomie interessiert habe«, sagt er. »Meine Mutter erzählte mir auf dem Weg zu Schule immer Geschichten. Sie begleitete mich den ganzen Weg über zweieinhalb Kilometer und ging dann weiter zur Arbeit.«

»Ich war ein Kind der Sozialwohnungen. Das Haus, in das ich hineingeboren wurde, hätte schon jemand der Stempeln ging nicht mehr betreten. In der Provinz arm zu sein bedeutet, dass man wirklich sehr arm ist. Mein Vater fing ab und zu einen Hasen, sammelte Pilze und Ähnliches, und konnte nur deshalb ein Auto durchbringen, weil er ein guter Mechaniker war.«

»Sie hatten keinen Schimmer, was für unglaublich gute Eltern sie waren. Ich selbst habe es nicht begriffen, bis ich erwachsen wurde. Eltern, die ihre Kinder vor der Glotze parken und sich selbst überlassen, sollte man die Rübe wegpusten.« Er gönnt sich das Privileg des in die Jahre gekommenen Brummbären, jedem einen knackigen Tod zu wünschen, oder, wenn man nicht seiner Meinung ist, einen frühen.

Vor über vierzig Jahren, als er begann Romane zu schreiben, waren Pratchett und seine Frau Lyn »Hippies, aber Hippies mit Jobs«, sagt er. »Ich trug einen Bart, in dem hätte sich Darwin verlaufen können, aber ich verdiente mein Geld als Korrektor einer Zeitung. In unserem kleinen Häuschen war gerade mal genug Platz für ein Kind. Rhianna ist ein Einzelkind, was vielleicht auch ganz gut so ist. Als Einzelkind gehst du entweder unter, oder du entwickelst dich zu einem Kämpfer. Rhianna ist eine Kämpferin.«

Rhianna Pratchett hat sich selbst bereits zu einer angesehenen Spiele-Autorin entwickelt. Kürzlich wurde bekannt, dass sie der kreative Kopf des Franchise-Neustarts von Lara Croft {»Tomb Raiber«, 2013 — AdÜ} ist, und sie wird als Co-Autorin die BBC Schreibenwelt-Serie »The Watch« betreuen, weshalb Fans wie ich sich vor Vorfreude bereits die Backe zerkauen. Meine wird wohl nie mehr ganz verheilen, nachdem ich eine ganz besonders aufregende Rollenbesetzung erfahren habe, über die ich absolut nichts sagen darf.

Unter der Leitung von Pratchetts neuer Produktionsgesellschaft ›Narrativia‹ wird »The Watch« die beliebte Saga der Stadtwache aus der Scheibenwelt dort fortsetzen, wo die Bücher aufhören, und Rhianna ist ein wichtiges Mitglied des Autorenstabes. Der Schriftsteller erzählt mir, wie zufrieden er ist, dass Rhianna die Scheibenwelt-Reihe fortschreiben wird, wenn er dazu nicht mehr in der Lage ist. »Die Scheibenwelt ist bei meiner Tochter in guten Händen«, versichert mir Pratchett.

Rhianna ist umgeben von der Scheibenwelt ihres Vaters aufgewachsen und kennt sie in- und auswendig. Als ich ihm so zuhöre, wie er über seine Tochter spricht, merke ich, dass er zum ersten Mal die Möglichkeit anerkennt, irgendwann nicht mehr schreiben zu können.

»Das Großartigste an Terry, was mich an ihm meisten fasziniert, ist, wie sehr er das Schreiben liebt«, sagt Neil Gaiman. »Das ist nicht bei jedem Schriftsteller so – wir sind da verteilt über die ganze Bandbreite zwischen den Extremen. Aus Douglas Adams musste man die Romane herausquetschen wie den letzten Rest aus einer leeren Zahnpastatube. Und dann gibt es einen wie Terry, der lieber schreibt als sonst irgendwas zu machen. Seit ich ihn kenne – ich begegnete ihm, als er noch als Pressesprecher bei CEGB angestellt war –, hat er jede Nacht nach der Arbeit zuhause seine vierhundert Worte verfasst.«

Derzeit erscheinen noch Bücher von ihm in rascher Folge, wenn auch querbeet – als ob er Projekte abschließen wolle, bevor es zu spät ist. Nun erscheinen Geschichten, die lange in der Warteschleife kreisten. Im letzten Sommer {2012} kam »Die lange Erde« (»The Long Earth«) auf den Markt, ein in der nahen Zukunft angesiedeltes Hard-SF-Epos über Alternativwelten und Ressourcenverteilung. In diesem Winter {2012} erscheint »Dunkle Halunken« (»Dodger«), eine historisch-fantastische Geschichte aus dem viktorianischen London, in der Charles Dickens, Henry Mayhew und eine Handvoll Figuren aus den Werken von Dickens auf widerliche Weise zum Leben erweckt werden. Obwohl das Marketing sich an jungendliche Leser richtet, wurden die Geschichten mit ihren Verteilungskämpfen, den menschlichen Grausamkeiten und den in Kloaken-Strömen treibenden Leichen immer düsterer.

»Was soll man Kindern erzählen?«, fragt Pratchett, als wir noch im Kaffeehaus sind. »›Mach dich auf ein kurzes Leben gefasst‹«, sagt er und nimmt einen Schluck Tee. »Es läuft darauf hinaus, dass wir uns gegenseitig wegen der Rohstoffe die Schädel einschlagen werden, und die meisten Rohstoffe dafür verschwenden uns zu bekämpfen.«

»Neulich war ich in Indonesien, wo man Palmöl-Plantagen besichtigen kann. Wir sind mit dem Hubschrauber geflogen und die Plantagen erstrecken sich über den ganzen Horizont. Ist das Palmöl erstmal abgeerntet, bleibt nur Wüste zurück – und ich meine richtige Wüste: steiniger Boden, auf dem nichts mehr gedeiht. Schlamassel dieser Art werden wir mit unserem Leben bezahlen.«

Und in diesem Augenblick fängt er an zu singen, was ich nicht im übertragenen Sinne meine. Ruhig und deutlich beginnt er das alte englische Volkslied »The Larks They Sang Melodious« {Deutsch etwa: »Melodisch sangen die Lerchen« — AdÜ} anzustimmen. Er hat eine schöne Stimme. Sein zitternder Bariton hat nichts von seiner Kraft eingebüßt und es ist Terry piep egal, dass er die Aufmerksamkeit des halben Kaffeehauses auf sich zieht.

Zwei ganze Strophen singt Pratchett. Das Lied ist erfüllt von Feuerschein und Sehnsucht und Nostalgie nach wärmeren, jüngeren Tagen. Wenn man mit halbgeschlossenen Augen zuhört, kann man sich vorstellen, am Lagerfeuer einem älteren Verwandten zu lauschen, der von Liebe und Tod erzählt, keineswegs unwahrhaft, auch wenn einiges ein wenig ausgeschmückt worden sein mag. Wir sitzen aber nicht am Lagerfeuer, sondern in einer Starbucks-Filiale, trinken etwas schalen Tee, und »The Larks They Sang Melodious« wurde nicht geschrieben, um zu brasilianischen Dudel-Jazz gesungen zu werden.

»Alles rückt näher zusammen, wenn man gemeinsam singt«, sagt er. »Ich kenne die Lieder, die mein Großvater und mein Vater gesungen haben. Und Rhianna kennt die Lieder, die ich gesungen habe, denn heutzutage kann man fast alle Lieder, die jemals komponiert wurden, irgendwo bekommen.«

Er ist ein glühender Fan traditioneller Musik und berichtet stolz: »Maddy Prior hat mich mal geküsst. Nein, nein, du bekommst keinen Ärger, wenn du das aufschreibst«, sagt er und fragt: »Hast du je von Thomas Tallis gehört?« Ohne meine Antwort abzuwarten, fährt er fort: »Letztens bin ich durch meine Küche spaziert, das Radio war an und es lief gerade »Spem in alium« und ich sank nieder auf die Knie. Echt. Dabei ist es mir völlig schnurz, ob jemand in die Kirche geht.«

Ich erwähne nicht, dass nun alle Welt die Harmonien von Tallis und seine vierzigstimmige Motette kennt, weil sie in dem Bums-Bestseller »Fifty Shades of Grey« erwähnt werden.

»In dem Lied das ich gerade gesungen habe, dreht sich natürlich eigentlich alles um Sex«, sagt er grinsend.


Ist dies das Ende?

Sex und Tod und die blutroten Klauen und Fangzähne der Natur. Humor, der so schwarz ist wie der Hut eines Fantasy-Schriftstellers. Unangenehme menschliche Wahrheiten auf den Tisch knallen und ein klein wenig Feenstaub darüber streuen. Das war von Anfang an der Kern des Schaffens von Pratchett. Die garstigen Sachen mit Musik und Magie garnieren, um sie erträglicher zu machen, jedoch ohne dabei die Kinder auch nur eine Sekunde lang zu belügen. Die Kampagne für Sterbehilfe ist lediglich der folgerichtige, praktische Abschluss dieser Haltung.

»Lass uns von Harold Shipman reden«, sagt er, und ich weiß, dass Pratchett mich auf den Arm nehmen will. Ich bin nicht die erste, der die verblüffende Ähnlichkeit – struppiger, weißer Bart und scharfe Gesichtszüge – zwischen dem Fantasy-Autoren und Harold Shipman auffällt, der auch als ›Dr. Tod‹ bekannt ist. Der Hausarzt hat sich 2004 erhängt, nachdem heraus kam, dass er unzählige Patienten in ihren Betten umgebracht hat.

»Was Shipman getan hat war schrecklich. Alle anderen Ärzte haben wegen ihm ihren Mumm eingebüßt. Jetzt müssen alle Ärzte auf Biegen und Brechen jeden armen Kerl am Leben erhalten, egal wie sehr er leidet. Aber der Unterschied besteht darin, dass Shipman Leute umgebracht hat, die nicht krank waren!« Sich mit einem Mann, der höchstwahrscheinlich dem Tod näher ist als man selbst, über den Tod zu unterhalten ist ziemlich unangenehm, vor allem wenn man beginnt über die Feinheiten der Krankheit zu reden, die ihn auf die eine oder andere Weise ums Leben bringen wird. Doch Pratchetts ruppige ›so ist das nun mal‹-Haltung macht das Ganze erträglicher, in etwa so, wie wenn man ein Pflaster mit einem schnellen Ruck entfernt.

Ich fange an zu fragen: »Haben dir die Ärzte schon gesagt – ich meine –«, er unterbricht mich, noch ehe ich den Knoten in meiner Zunge lösen kann. »Ob mir die Ärzte schon mitgeteilt haben, wann ich sterben werde?« Auf einmal vermute ich, dass er in den letzten Monaten schon öfters unangenehme Sätze für Verwandte und Journalisten ergänzen musste.

Nein, bisher gibt es noch keinen absehbaren Zeitpunkt. »Wer nicht weiß, dass ich so eine Krankheit habe, würde es gar nicht bemerken«, sagt er leise. Das stimmt nicht ganz: Pratchett ist blitzgescheit, und in seiner Gegenwart möchte man sich am liebsten vergewissern, schön gerade zu sitzen und ob man seine Schnürsenkel auch ordentlich gebunden hat. Dennoch wirkt er zerbrechlicher als man von jemanden der 64 Jahre alt ist glauben möchte, und manchmal driftet er am Ende eines Satzes ab.

Und tatsächlich hat mich Rob, kurz bevor dieses Interview in Druck ging, kontaktiert, um zu berichten, dass Pratchett Anfang November {2012} in New York bei einer Buch-Tournee fast an etwas, was sie für einen Herzinfarkt hielten, gestorben ist. Die beiden waren nach einem Besuch von Ground Zero mit einem Taxi auf dem Rückweg zum Hotel, erzählt Rob: »Auf einmal ging es Pratchett sehr schlecht. Wir saßen auf der Rückbank des Taxis und ich merkte, dass er sehr angestrengt atmete.« Wenige Minuten darauf verlor Terry das Bewusstsein.

In einer schriftlichen Schilderung des Zwischenfalls, den er veröffentlichen möchte, meint Terry, sich nicht mehr an viel erinnern zu können, außer »dass ich mich elend fühlte, mir sehr kalt war, obwohl mir der Schweiß das Gesicht herablief. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren und bin scheinbar einfach weggedämmert. Rob fragte mich die ganze Zeit, ob es mir gut geht, und versicherte mir, dass die Fahrt nicht mehr lange dauern würde … bei allem, was dann geschah, muss ich mich auf Rob berufen.«

Was geschah, war, dass Pratchett zusammenbrach. »Ich musste mich auf den Rücksitz des Taxis knien und Wiederbelebungsmaßnahmen einleiten. Finger in den Hals und all das. Er wäre fast gestorben.«

Schnell wurde der Autor in ein Krankenhaus gebracht, aber er erholte sich rasch wieder. Die Ärzte erklärten ihm, dass er Herzflimmern erlitten hatte, verursacht durch die kumulativen Wirkungen der verschiedenen Medikamente, die man ihm wegen seines hohen Blutdrucks verschrieben hat. Der hektische Tournee-Plan verschlimmerte die Sache. Jetzt spielt er den Vorfall herunter. »Ich habe mal gehört, dass Signier-Tourneen einen schneller ins Grab befördern als Drogen, Suff und wilde Weiber«, teilt er dem ›New Statesman‹ mit. »Nicht alles davon habe ich selbst ausprobiert.« Der Vorfall hat ihn dazu gebracht, zu erwägen, ob er es ruhiger angehen und mehr Zeit dem Schrieben und der Familie widmen sollte. Aber er genießt das Leben auf Achse zu sehr, um davon abzulassen.

Zuvor, bei unserem Treffen, habe ich Pratchett gefragt, wie sich seine gesundheitliche Verfassung auf seine Haltung zum Leben auswirkt.

»Es macht mich unglaublich wütend. Wut ist etwas Wunderbares. Sie hält dich auf Trapp. Ich bin wütend auf die Banker und auf die Regierung. Sie sind verdammt unnütze Ärsche. Ich weiß genau, was Oma Wetterwachs (eine nüchterne Hexe, die sich nichts bieten lässt und die in einigen Scheibenwelt-Romanen auftritt) zu David Cameron sagen würde. Sie würde ihn wegfegen mit den Worten: ›Mit dir kann ich nichts anfangen‹. (Solche wir er) machen nichts, außer Anwälten in den Hintern zu kriechen. Warum wird niemand aufgeknüpft?«

Alle Scheibenwelt-Bücher durchzieht eine gewisse Krassheit. Befürchtet er nicht, mit seinen Auseinandersetzungen über den Tod die Kinder zu verschrecken? Ganz und gar nicht. Wenn etwas Pratchetts Beiträge zum Genre der Bücher für junge Erwachsene in den Regalen der Buchhandlungen auszeichnet, dann seine Bereitschaft, die jungen Leser mit einigen der grauenvollen Tatsachen des menschlichen Daseins zu konfrontieren, mit all der albernen Ernsthaftigkeit die man von einem sterbenden Satiriker erwarten darf, dessen persönliches Wappen ein lateinisches Motto ziert, das auch in seinen Romanen auftaucht: »›Noli timere messorem‹ – fürchte nicht den Schnitter.«

{SPOILER!!!} In seinem neuestem Jugendbuch »Das Mitternachtskleid« {»I Shall Wear Midnight«} gibt es eine längere Szene, in der die junge Heldin zuerst den Selbstmord eines Mannes verhindern muss, der kurz zuvor seine unverheiratet schwangere, dreizehnjährige Tochter derart schlimm verprügelte, dass diese eine Fehlgeburt hatte – und dann beerdigt die Heldin den Fötus. {ENDE SPOILER} Nicht gerade Harry Potter. Und dennoch verschlingen die Kinder diese Bücher, denn zu den Dingen, die Pratchett begriffen hat, gehört, dass Kinder zwar gerne Geschichten lesen, es aber nicht mögen, wenn man sie belügt.

Es bereitet ihm keinerlei Sorgen, dass junge Leser möglicherweise ihren Lieblings-Autor im Fernsehen offenherzig über seinen eigenen Tod reden hören. »Kindern Angst zu machen ist eine edle Sache«, sagt er. »Ich erzähle Kindern mit Freuden, dass sie sich auf ein kurzes Leben einstellen sollen. Folgendes ist jedoch dabei wichtig: man darf Kinder durch den finsteren Wald führen, aber man muss sie dann auch wieder zum Licht lotsen.«

Verpasste »Star Trek: The Next Generation«-Anspielung in deutscher Fassung von Thomas Pynchons »Vineland«

Mit Folgendem will ich nun nicht die deutsche Übersetzung von Thomas Pynchons »Vineland« (engl. 1990 / dt. 1993) durch Dirk van Gunsteren schlecht reden. Im Gegenteil: ich will zeigen, wie gemein und fizzelig die Fallen sein können, die man als Übersetzer meistern muss.

Habe schon auf Twitter kurz vermeldet, dass van Gunsteren einen speziefischen Ausdruck aus »Star Trek« (am öftesten verwendet in der Serie »The Next Generation«, 1987-1994) nicht erkannt und entsprechend holperig klingend übersetzt hat.

Obwohl ich als Übersetzer-Kollege nicht finde, dass man dem van Gunsteren einen Vorwurf machen kann, so wundert sich der SF- und Phantastik-Fachdepp in mir schon, dass Dirk bei der Dichte an Zaunpfahlwinkbegriffen nicht der vage Verdacht gekommen ist, dass Pynchon nicht nur allgemein beliebige Science Fiction-Metaphern aneinanderreiht, sondern eben ganz gezielt auf eine bestimmte SF-Sprache anspielt.

Hier die Originalpassage aus Chapter 8 von »Vineland« (Vintage Paperback-Ausgabe mit dem feinen Coverschmuck von Yuko Kondo), S. 110. Zaunpfahl-SF-Begriffe untertrichen hervorgehoben:

The penitents in the kitchen, weird-eyed as colonists on some galactic outpost, greeted her {= Prairie} arrival as a major event. As it turned out, none of them could fix anything even they liked to eat. Some here had grown indifferent to food, others actively hated it. Nevertheless, new recips were seized on like advanced technology from beyond the local star system. After checking out the vegetable patch, the orchards, the walk-in freezers an pantries of the Retreat, wondering if she was violating some Prime Directive, Prairie taught them Spinach Casserole.

Und hier die deutsche Fassung (Rowohlt Taschenbuch, 6. Auflage 2007), S. 140. Gleiche Hervorhebungsmethode wie oben:

Für diese Küchensträflinge mit dem irren Blick von Kolonisten auf irgendeinem galaktischen Vorposten war ihr Erscheinen eine Sensation. Wie sich herausstellte, war kein einziger von ihnen in der Lage, etwas zu kochen, das er gern aß. Manchen hier Essen einfach gleichgültig geworden, andere hassten es rundheraus. Dennoch stürzte man sich auf neue Rezepte, als wären sie ein Stück überlegener Technologie von außerhalb des heimischen Sonnensystems. Nach einer Inspektion der Gemüsebeete, der Obstgärten und der Kühl- und Speisekammern des Klosters brachte Prairie ihnen Spinatauflauf bei und fragte sich insgeheim, ob sie damit wohl irgendeine Grundregel des Ordens verletzte.

Molos Wochenrückblick No. 72 / 73

Eintrag No. 748 — Entschuldigt die Verspätung, dafür gibts diese Woche auch richtig was auf Brot, und so gut wie alles aus der Sparte ›Kunst & Popkultur‹. Für gewichtige Gesellschafts- & Poltikthemen hatte ich keinen Kopf.

Halt!

Moment!!

Der Sepp war ja im Lande!!!

Zumindest habe ich mir da die Zeit genommen, mir seine Bundestag-Rede anzugucken, bzw. ihren Abdruck in der ›F.A.Z.‹ durchzulesen. Ich erlaube mir zum einen, mir Sorgen zu machen, da der Sepp mit Origenes-Zitaten praktisch zum Kampf aufrechter Katholen und Christenmenschen gegen den Staat aufruft:

Wenn jemand sich bei den Skythen befände, die gottlose Gesetze haben, und gezwungen wäre, bei ihnen zu leben …, dann würde er wohl sehr vernünftig handeln, wenn er im Namen des Gesetzes der Wahrheit, das bei den Skythen ja Gesetzwidrigkeit ist, zusammen mit Gleichgesinnten auch entgegen der bei jenen bestehenden Ordnung Vereinigunen bilden würde …

Und zum Zweiten fand ich erschütternd, wie leicht es für den Sepp war, mit seiner Schlangenzungenkunst einen Gutteil der versammelten Politiker – die eigentlich eine zumindest skeptische und zurückhaltende Position zum Popst oder Pepst oder Papst und seiner Weltsicht haben sollten – an der Nase herumzuführen. Da scheint er nämlich die Grünen zu loben, begrüßt die Generation der ökologischen Bewegung, die seit den 70er Jahren ›nach frischer Luft in der Politik schrien‹, weil den ›jungen Menschen bewusst geworden war, dass irgendetwas mit unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt‹. — Und dann rammt er das katholische Menschenbild in den Bundestag, wenn er darauf besteht, dass auch der Mensch Natur ist, sich nicht selbst macht sondern (das steht zwischen den Zeilen) von GOtt geschaffen wurde. — Überrascht hat mich, dass Richard Kämmerlings ausgerechnet in der ›Die Welt‹ das ausdeuten durfte: Gegen alles, was wider die Natur des Menschen ist.

•••

Lektüre
Zu meiner Entspannungslektüre abends vorm Einschlafen habe ich »Habibi« von Craig Thompson erkoren. Ich konnte nicht widerstehen, als ich die günstige englische Ausgabe von Faber & Faber bei dem Buchhändler meines Vertrauens für Anglo-Amerikanisches sah (»Readers Corner«). Bei der auf Titel und Bild verlinkten deutschen Ausgabe von Reprodukt gibt es die ersten 20 Seiten als Leseprobe. Und die englische Website zum Buch bietet eine ehrfuchtsgebietende Erstellungs-Gallerie.

•••

Neal Stephenson: »Reamde«Mit »Reamde« von Stephenson bin ich durch und fand den Roman sehr unterhaltsam.

Ungewöhnlich ist wohl, dass Stephenson sich ›zurücklehnt‹ und es zu genießen scheint, ›einfach nur‹ einen kurzweiligen Thriller mit viel Verfolgung, Geballer und so manchen IT-Heckmeck anzubieten. Keinerlei phantastische Elemente. Neal wandelt sozusagen auf dem Genre-Feld von Tom Clancy und »24«.

Der arme Neal begibt sich zu jedem seiner frisch erschienenen Bücher aus seiner Schriftsteller-Klasue und absolviert Promostunts wie zum Beispiel dieses ›Goodreads‹ Video-Interview. Das Gespräch bietet einiges interessantes, aber stellenweise meine ich doch wahrzunehmen, wie Neal zwischen Langeweile und Genervtheit schwankt, dies aber ganz gut zu überspielen weiß. — Stephenson ist mein Held, wenn er auf eine Leserfrage, ob er weitere Fortsetzungen zum »Barock-Zyklus« plant und liefern will, in etwa folgendes antwortet: Ja, er hatte unglaublich viel Spaß mit den Figuren aus dem »Barock-Zyklus«, und er könnte locker und würde gerne mehr über sie schreiben, aber er befürchtet, dass er dann nur noch über die Shaftoes, die Waterhouses, Enoch Root & Co. schreiben würde bis er alt ist, und als Schriftsteller will er doch noch einige andere Gipfel erklimmen. — Sag ich ja: heutzutage ist es edler und abenteuerlicher, keine Serienware zu schreiben!

•••

Immerhin hat »Reamde« meine Stephenson-Begeisterung nun so sehr entfacht, dass ich mir am Wochenende endlich das »The Mongoliad«-App besorgt habe, und bisher (nach 6 von aktuell 42 Kapiteln) finde ich diesen historischen, im Jahre 1241 n.d.Z. einsetzenden ›Martial Arts‹-Roman von »Neal Stephenson, Greg Bear and Friends« ganz fein. — Es gibt vier Handlungsstränge: a) christliche Schwertbrüder aus allen möglichen Ecken Europas, die nahe der polnischen Stadt Legnica lagern. Eine Gruppe macht sich auf den Weg nach Karakorum, mit dem Ziel, Ugedai, den Kahn der Kahns zu töten um die Mongolen zu schwächen. Die restlichen Schwertbrüder bleiben zurück, um am b) Zirkus des Schwertes der Mongolen teilzunehmen, einer Reihe von Duellen Mann gegen Mann. Erster ausführlicher Kampf: junger Wikinger mit großem Schwert gegen jungen japanischen Krieger mit Stangenwaffe. Schließlich gibt es noch c) Ereignisse am Hofe des großen Kahns in Karakorum und d) in Rom.

•••

Nachdem ich das längste Hörbuch meines bisherigen Lebens vor einiger Zeit abgeschlossen (die ca. 130 Stunden des »Barock-Zyklus«) habe, folgt seit letzter Woche die Hörbuchfassug »Illuminatus! – The Eye in the Pyramid«, dem ersten Buch der »Illuminatus!«-Trio von Robert Shea und Robert Anton Wilson. Der Vortrag des Erzählers Ken Campbells, und des Dialogsprechs Christopher Fairbank gefällt mir unglaublich gut. — Hier der Beginn von Campbells Vortrag als illustriertes ›youtube‹-Filmchen (die Soundqualität des Hörbuches ist freilich um einiges besser).

•••

Film

  • Jim Emerson bietet auf seiner ›vimeo‹-Seite schon seit langen nette kleine Filmchen an, aber in den letzten Tagen hat er einen interessanten Dreiteiler, »In The Cut«, zusammengestellt, in dem er der Frage nachgeht, anhand welcher handwerklichen Kriterien des Schnitts man gute von schlechten Äktschn-Sequenzen unterscheiden kann. Er analysiert zuerst ›schlechten‹ Äktschn-Schnitt in Shots In The Dark (anhand von »The Dark Knight«); dann ›guten‹ Äktschn-Schnitt in A Dash Of Salt (anhand von »Salt«); und als Referenz zeigt er die Tugenden von drei Klassikern der Autohatz-Äktschn in I Left My Heart In My Throat in San Franciso (anhand von »The French Connection«, »Bullitt« und »The Lineup«). — Ich kann mir vorstellen, dass nun viele Molochronik-Leser (wie ich) der Meinung sind, dass »The Dark Knight« sicherlich bratziger und unterm Strich ›besser‹ ist als »Salt«. Dem Urteil von Emerson was die beiden herausgestellten Autoverfolgungen dieser Filme betrifft, kann ich aber nicht widersprechen.

In the Cut, Part I: Shots in the Dark (Knight) from Jim Emerson on Vimeo.

  • Auch Rob Ager analysiert Filme. Allerdings konzentriert er sich auf weit mehr, als das reine Handwerk, sondern kümmert sich um Themen, Zeichen, Querverweise, Perspektiven und wie diese erzählerisch arrangiert werden. Ein besonders gelungenes Beispiel für Agers ausführliche ›youtube‹-Dekonstruktionen ist sein Vierteiler »A City Of Nightmares« zu David Lynchs »Mulholland Drive«.

Literatur
  • Übersetzen betrachte ich als sehr edle Sache. Nicht umsonst bin ich sehr froh, dass ich nach Jahren des Übersetzens aus Lust und Laue nun für Golkonda Ted Chiangs Kurzgeschichten übersetzten durfte. — Einer der ›prominentesten‹ und fleissigsten Übersetzer, Joachim Körber, hat letztens mit Torsten Dew vom ›Wortvogel‹-Blog ein langes und interessantes Interview über seine Arbeit geführt: Teil 1: »Gott, habe ich dieses Buch gehasst«; und Teil 2: »Niemand sitzt in New York und sieht sich Wim Thoelke an!«.
  • In den nächsten Tagen erscheint auf Engisch der abschließende dritte Roman von Scott Westerfelds (Prosa) und Keith Tompsons (Illustrationen) »Leviathan«-Trio. Den namensgleichen ersten Band habe ich hier kurz bejubelt. Für ›io9‹ haben die beiden ein paar Worte dazu verlohren, warum sie den Ersten Weltkrieg als Setting für ihre Geschichte gewählt haben: Why World War I should be the new World War II.

Wunderwelt der Pflanzen

  • Der Klangkünstler Diego Stocco zaubert Rhythmus-Mukke mit einem Bonsai als Instrument: Music From a Bonsai.

Diego Stocco - Music From A Bonsai from Diego Stocco on Vimeo.

  • Ich finde es immer wieder erstaunlich, wenn ich entdecke, dass es in der tatsächich stattfindenden Wirklichkeit ›magisch‹ anmutende Bauten gibt, denen ich zuerst in Fantasy-Welten begegnet bin. In so manchem Fantasyweltenbau züchten z.B. Elfen sozusagen Mega-Bonsai-Architektur. Hier nun ein Bericht der ›Architzer‹-Website über aus Baumwurzeln geschaffene Brücken in Indien: Living Infrastructure.

Kunst

  • Wie man mit Schnürchen feine Zeichnugen an die Wand nadelt, zeigt die Künstlerin Debbie Smyth.
  • Porzellan taugt immer noch als Material für modern-barocke Kunst, wie Katsuyo Aoki zeigt.
  • Monstertorten in quitscherosa bietet uns Scott Hove.
  • Colin Johnson erstellt große Collagen-Zeichnungen. Entdeckt habe ich ihn über seine Arbeit »Everything or Nothing«
  • Befremdlich-poetische Miniatur-Skulpturen baut Thomas Doyle.
  • Zum Schluss hält Sunni Brown eine ergreifende ›TED‹-Rede für die Kunst des Kritzelns: Doodlers, unite!

•••••
Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

»Fünf Projekte die jemand anderes unbedingt machen sollte« von China Miéville (Gastblogeintrag 3/3 für »Omnivoracious«)«

(Eintrag No. 564; Woanders, Ideen, Fantasy, Geschichte, Biologie, Soziologie) — Hier nun ein Anreisser zum dritten (und letzten) Gastblogbeitrag von China Miéville, der letzte Woche bei »Omnivoracious« unterwegs war, auch anlässlich der Vorstellung seines jüngsten Romans »The City & The City«.

In »Leave an Idea, Take an Idea« stellt Miéville vier Buch-Ideen und eine Projekt-Idee vor.

Meine komplette Übersetzung von »Schenk eine Idee, nimm eine Idee« kann man auf der deutschen Miéville-Fansite »www.bas-lag.com« lesen.

  1. Aus dem Rahmen gefallen: Ein Sachbuch, eine Essay- und Interviewsammlung über Menschen, deren Mitgliedschaft bei einer Organisationen gegen unsere groben Erwartungen verstößt. Beispielsweise jüdische Mitglieder der Palästinensischen Befreiungsorganisation, muslimische Mitglieder der Bharatiya Janata Partei, Protestanten die der Sinn Fein beigetreten sind, singhalesischen pro-Tamilien-Aktivisten, und so weiter.
  2. Ideen im Überfluss: »Eine Stadt, deren Straßen mit Zeit gepflastert sind«, brabbelt Madoc. »Köpfe aus Licht … ein Wer-Goldfisch…«, und so weiter. Madocs Ideen reichen vom Über-Einsichtsvollem: »Greife sollten nicht heiraten«, über das Numinöse: »Ein alter Mann … dem das Universum gehörte«, bis zum Humoristischen: »Zwei alte Weiber fahren mit einem Wiesel in Urlaub«, bis hin zum (scheinbar) Banalem: »Ein kleines Stück blauer Karton«.
  3. Außergewöhnliche Widersprüchlichkeit: »Romaine die Prophetin (sic!) war ein Mann, der seine Authorität auf seinen göttlichen Attributen gründete.« {…} Sicher, sicher ließe sich ein erstaunliches Buch über Romaine Rivière schreiben, der behauptete der Urenkel der heiligen Jungfrau zu sein, und der zu einem auf dem Kopf stehenden Kreuz betete. Er war verheiratet und hatte Kinder, dennoch drängt sich beharrlich die Frage auf: Liegt es vielleicht nicht an einer ›außergewöhnlichen Widersprüchlichkeit‹, dass er sich die Geschlechtergrenze übertretend benamste?
  4. Fremdländer: Eine Herde {Wallabies} hoppelt emsig im Peak-District-Nationalpark. Dort gibt es auch einen Schwarm Papageien. In der Themse tummeln sich Wollhandkrabben — bei denen es nicht mehr passend ist, sie als ›chinesisch‹ zu bezeichnen, genauso wenig wie bei den Muntjaks, die in Süd- und Mittel-England sowie Wales heimisch geworden sind. Es gibt kleine Süsswasserquallen vom Amazonas die es sich in Yorkshire bequem gemacht haben. Biberratten, Fasane, Mogolische Rennmäuse.
  5. Ein Meta-Vorschlag: Ich schlage vor, dass jemand mit der nötigen Zeit, Konzentration, Coding-Fähigkeit und Durchhaltekraft (die ich nicht nicht habe) die Website ›soemajet.com‹ einrichtet, das steht für ›SOllte Echt MAl Jemand Tun‹.

Hier geht es zu den Molochronik-Trailern der anderen beiden »Omnivoraciuous«-Gastblogbeiträge von Miéville:

»Fünf Bewegungen auf die man achten sollte« von China Miéville (Gastblogbeitrag 2/3 für »Omnivoracious«)

(Eintrag No. 563; Literatur, Phantastik, Fantasy, Woanders) — Eine kleine Zusammenfassung des zweiten Beitrages von China Miéville bei »Omnivoracious«, wo sich Miéville diese Woche (auch anlässlich seines jüngsten Romanes »The City & The City«) als Gastblogger herumgetrieben hat.

In »Neither a Contract Nor a Promise« erfindet, prognostiziert, spielt Miéville mit der Idee über fünf kommende, wünschenwerte, zu befüchtende Literatur- und Kunstströmungen.

Die komplette Übersetzung könnt Ihr auf der deutschen Miéville-Fansite »www.bas-lag.com« lesen.

  1. Zombiefail ‘09-ism: Der Standpunkt der Autoren wird sein, dass was als Kräftigung (man scheut sich in diesem Zusammenhang von ›Wiederbelebung‹ zu sprechen) eines alten Themas anhob, sich mittlerweile wie ein Virus derart verbreitet hat, dass ihre Allgegenwart in ambulonecrotophilen Kitsch umschlug. Zombies, die einst das kulturelle Unterbewußtsein heimsuchten wie unheilvoller Tadel, haben sich zu knuddeligem Spielzeug gewandelt, zu toten Metaphern (ta-da!) die uns nicht länger in Wallung bringen. Paradoxerweise werden die Zombiefail ‘09-istischen Autoren aus Respekt für die zunehmend herabgewürdigten Zombies entweder diese Banalisierung ausdrücklich mit melancholischem Spott untergraben, oder sich weigern überhaupt über sie zu schreiben und stattdessen aus verschiedenen anderen Mythen verschmähte Monster plündern, an denen die Welt zugrunde gehen kann.
  2. Post-Elegieanismus: Egal ob der Weltuntergang nun eintritt wegen dem Versiegen des Erdöls, dem Ansteigen des Meeresspiegels, der Rache der Natur, wegen Krieg, Kriegsherren, atomarem Weltenbrand oder — D’oh! — einem künstlich gezüchteten Virus, er wird weder schmerzhaft schön, noch eine Moralität sein. Darauf werden die Post-Elegieanisten beharren. Diese grummelige Gruppe literarischer Querdenkender wird verärgert sein über die spärlich getarnte Endzeit-Pornographie der unzähligen, vorgeblich ›trostloten‹ und ›dystopischen‹ (richtig…) Apokalyptik-Fiktionen und -Kulturen. Visionen, in denen verblüffend großartige Eisschollen am Chrysler-Wolkenkratzer vorrübertreiben, mit schwermütig vollmundigen Beschreibungen von Aschelandschaften, und die klumpige Bukolik all der zugewucherten Städte wird so gar nicht nach ihrem Geschmack sein.
  3. HochLit Prätorianer: Dementsprechend wird diese Bewegung fortfahren, jene Aspekte von Fiktionen zu bevorzugen, die, zumindest für einige, das unentbehrliche Ein und Alles der Literatur selbst ist — ein Fest der ›Innerlichkeit‹ und eines bestimmten Protagonistenkonzepts der ›Person‹; eine Prosa, die für sich beansprucht ›sparsam‹ und ›genau‹ zu sein; ein Streben zum Metaphernhorizont, um vollendet irgendeine ›menschliche Wahrheit‹ mittels konkreterer Dinge zu beschreiben (Geschirr, Malfarbe, ein bestimmtes Tier, eine Wetterbegebenheit ect., auf die sich vorzugsweise im Buchtitel bezogen wird); ein Wechselspiel kunstvollen Wiedererkennens und so weiter.
  4. Noird: Weird Noir, ausgesprochen ›Nward‹. Kandidaten für diese Bewegung tauchen bereits auf in Form von Kriminalromanen, speziell solchen des Hard Boiled-Schlages, die durchdrungen sind mit fremdartigen Seltsamkeiten. {…} Du wirst wohl Noird lesen, wenn ein(e) makelhafte(r) Held(in) mit Filzhut ein Tiefes Wesen mit Fragen löchert, Beweisstücke findet, die sich nachdem sie eingetütet und ettiketiert wurden von selbst zu wertlosen Schmuck rekonfigurieren, Tchotchkes und Odradeken; oder der (die) Held(in) erkennt, dass der Mörder ein personifizierter Alptraum einer schleierhaften Komplikation des Alltäglichen ist.
  5. Salvagepunk: Wenn (Walter) Benjamin warnt, dass die historische Geschichte ein Engel ist, der auf einen gewaltigen Schutthaufen starrt, dann ignoriert Slavagepunk den Engel und stöbert im Schutt auf der Suche nach einem Auto das man kurzschließen kann.

Hier geht es zu den Molochronik-Trailern der anderen beiden »Omnivoraciuous«-Gastblogbeiträge von Miéville:

»Fünf Gründe warum Tolkien rockt« von China Miéville (Gastblogbeitrag 1/3 für »Omnivoracious«)

(Eintrag No. 560; Literatur, Phantastik, Fantasy, Woanders) — Anlässlich seines neuen Romanes »The City & The City« verdingt sich der englische ›Weird Fiction‹-Autor China Miéville seit Anfang dieser Woche als Gastblogger bei »Omnivoracious«. Wie schon desöfteren bin ich von Chinas Schreibe so hingerissen, dass ich mich als Übersetzter ins Zeug gschmissen habe.

Erstaunlich, was er in seinem Gastbeitrag zum Besten gibt. Wir erinnern uns: Miéville hat zu Beginn seiner Laufbahn als Autor heftig gegen den Übervater der modernen Fantasy polemisiert (siehe hierzu seine ›klassische‹ Betrachtung »Mittelerde trifft auf Mittelengland« vom Januar 2002). Bei all dem enthusiasmierten High Fantasy-Wahn, der (seit) damals auf der Welle der Peter Jackson-Filme mitgischt(e), war diese stellenweise respektlos tönende, aber durchaus fundierte Kritik eine Linderung für meine nervösen ästhetischen Nerven. — Selber neige ich dazu, zustimmend zu nicken, wenn man an der Vormachtstellung der Tolkien’schen Fantansy-Tradition kratzt, dennoch habe ich mich auch schon mit dem gebotenen Respekt zu Tolkien und seinem Werk geäußert (am bündigsten wohl in meiner Besprechung von Tom Shippeys Buch).

Nun also, einige Jahre reifer, hat Miéville in seinem Beitrag »There and Back Again« fünf Gründe zusammengetragen, weshalb ›wir‹ (Phantastik-, Fantasy & wie ich s auffasse auch Literaturfeinschmecker) Tolkien dankbar sein sollten.

Hier nur auszugsweise Chinas Argumente. Die komplette Übersetzung könnt Ihr auf der deutschen Miéville-Fansite »Bas-Lag.com« lesen.

  1. Nordische Magie: Allzu lange waren die griechisch-römischen Geschichten die fetten Pantheons auf dem Gelände. Zeus hier, Persephone da, Skylla & Charybdis dort, das Rauschen war endlos, und jeder der von Mythen hingerissen war, musste sich anstrengen mal was anderes zu vernehmen. {…} Man vergleiche damit die knotige, herbstliche, blutige Unvorhersagbarkeit der nordischen Geschichten, mit ihren anti-moralischen, schwer zu fassenden Feinheiten, ihren grundlosen und faszinierend-variantenreichen Götterrängen, ihren herzerweichend bizarren Nomenklaturen: Ginnungagap; Yggdrasil; Ratatösk. Aus dieser Tradition hat Tolkien geschöpft und sie glorifiziert {…} Wir wussten schon immer, dass diese anderen Götter und Monster cooler sind.
  2. Tragik: Die letzten Tränen in den Augen der Charaktere und Leser sind nicht solche der unumwundenen Freude. Ja, einerseits gewinnen die Guten; aber andererseits, was für eine Schande, dass eine ganze Epoche ihre Glorie verliert. Die Magie zieht natürlich nach Westen, doch auf eigentümliche Weise wird einer Erzählform abgeschworen, mit dem seltsamen Echo nach der letzten Schlacht, dem Nach-Ende von »Der Herren der Ringe«, der Säuberung des Auenlands, das Peter Jackson sträflicherweise weggelassen hat. {…} die Tragik der schleichend flatterhaften Alltäglichkeit verleiht Mittelerde eine kraftvolle Melancholie, die bedauerlicherweise bei vielem was folgte fehlt.
  3. Der Wächter im See: Sag über ihn was Du willst, aber Tolk fährt gute Monster auf. Shelob, Smaug, der Balrog … mit ihren erstaunlichen Namen, dem furchterregenden Elan ihrer Beschreibungen, ihren unterschiedlichen ungezähmten Böswilligkeiten, sind diese Kreaturen ganz in unsere Weltsicht eingeflossen.
  4. Allegorie: Indem er Allegorien abschwört, weigert sich Tolkien der Haltung zuzustimmen, dass fiktionale Werke eingeengt und präzise auf irgendeine zu reduzierende Art und Weise hauptsächlich, einzig und allein oder tatsächlich ›über‹ etwas anderes oder ›von‹ etwas anderem sprechen; dass die Arbeit des Lesers die eines Code-Brechers ist, dass wir mit dem richtigen Schlüssel einen hermeneutischen Algorithmus anwenden und das Buch ›auflösen‹ können. Tolkien weiß, dass dies sowohl zu plumpen Fiktionen als auch zu klobigen Codes führt.
  5. Zweitschöpfung: {D}er Paradigmenwechsel, für den es auch andere Beispiele geben mag, für den aber Tolkien mit weitem Vorsprung der exemplarische Herold ist, bedeutet eine außerordentliche Umkehrung des Verfahrens, und bereichert das Handwerk des Erzählens um einzigartige Werkzeuge und Möglichkeiten. Die Ordnung ist auf den Kopf gestellt: zuerst kommt die Welt, und erst dann geschehen in dieser Welt Dinge, treten Geschichten hervor.

Hier geht es zu den Molochronik-Trailern der anderen beiden »Omnivoraciuous«-Gastblogbeiträge von Miéville:

Sie sind nicht angemeldet

Creative Commons-LizenzvertragDie Inhalte dieses Blog dürfen nur unter Beachtung folgender Lizenz von Creative Commons bearbeitet werden. Wenn Sie bezüglich der Rechte hier nicht sicher sind, folgen Sie bitte dem CC-Link oder wenden sich per eMail an mich.
Sie dürfen: Teilen; Remixen/Bearbeiten. — Unter folgenden Bedingungen: Namensnennung; nicht kommerziell; Weitergabe unter gleichen Bedingungen.