PentaLink: Tsundoku, Stanley Kubrik, Lovelace & Babbage, Politische Korrektheit, Wu Ming

Bevor ich morgen für ein paar Tage in der Pampas verschwinde (gehe seit langer Zeit mal wieder auf einen Follow-Con, wobei ich nicht so recht weiß, ob es Follow eigentlich noch gibt, bzw. wie weit der langsame Verfall dieses ältesten deutschsprachigen Fantasy-Vereins vorangeschritten ist), will ich den ersten Eintrag der Reihe »PentaLink« loswerden.

Eine der häufigsten Fragen von Molochronik-Lesern lautet: »Wann gibt’s ‘nen neuen Wochenrückblick?« — Offizelle Antwort: so ziemlich sicher gar nimmer mehr. Brotjob, Übersetzen und lektorieren für Golkonda, zwei geheime Übersetzungsprojekte, sowie ein im Werden befindliches Podcast-Projekt halten mich von der nicht unerheblichen Arbeit ab, die so ein Wochenrückblick machte.

Lösung: immer wenn ich fünf Link-Tipps zusammen habe, werde ich die nun weitergeben. Kurz, dreckisch, ohne Terminplan.

Und los gehts.

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Andrea Diener — bekannt als Kommentatorin des Bachmann-Wettlesens, Reisenotizen-Bloggerin, eine der vernünftigen Stimmen bei der FAZ, und als WRINT-Weltenbummlerin — hat nach einigen arbeitsreichen Jahren nun wohl wieder mehr Zeit für sich, und also ein eigenes ›Spaßprojekt‹ begonnen: »Tsundoku«, ein Bücherpodcast. Neuste Folge ist am Sonntag online gegangen — »TSU005: Zen und Zebrafische«.

Ich empfehle auch schwer die beiden Folgen, in denen Andrea Gäste empfängt: einmal »TSU002: Smartphone vs. Distelfink«, wenn sie mit Hanna Lühmann, und dann »TSU004: Ein bisschen wie wachträumen«, wenn sie mit Julia Bähr über Literatur babbelt. Ich beobachte wohlig, wie sich ein kleines Thema einschleicht (bzw. halt zufällig so ergibt): lobende Erwähnung von Phantastik-Literatur (für Leute, die eigentlich keine Phantastik mögen) zum Ende der Sendung (einmal Michael Ende, dann »Die Frau des Zeitreisenden« von Audrey Niffenegger).

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»Renegade Cut« (Englisch) von Leon Thomas ist eines meiner liebsten Video-Bloggs. Mai war bei ihm Kubrik-Monat und er hat feine, kleine Besprechungen zu »2001 — A Space Odyssey«, »Dr. Strangelove«, »Eyes Wide Shut« und »The Shining« zusammengestellt.

Nicht verpassen sollte man seine vierteilige Analyse von »A Clockwork Orange« Teil Eins, Zwei, Drei, Vier.

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Wie gerufen, auasi als kleiner Nachklapp zu meiner ausführlichen Empfehlung des brillanten Comics »The Thrilling Adventures of Lovelace & Babbage«, kommt dieser Auftritt der Schöpferin Sydney Padua bei »Talks at Google«:

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Meine lebende Lieblings-Feministin (und Unruhestifterin, Kulturkritikerin) Laurie Penny (von der ich einen Text ihrer Begegnung mit dem späten Terry Pratchett übersetzt habe »Sex, Tod und Natur«; und ich empfehle nachdrücklich ihre Streitschriften »Fleischmarkt« und »Unsagbare Dinge«), hat einen dringend nötigen Text für ›The New Statesman‹ (Englisch) geschrieben: »What’s wrong with political correctness?«.

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Seit ewig und drei Tagen wird wurde das italienische Autorenkollektiv Wu Ming (ehemals Luther Blissett) bei uns von den Verlagen ignoriert, obwohl ihr Debütroman »Q« als Taschenbuch bei Piper vielfache Neuauflagen erfahren hat. Es freut mich, dass nun mit ›Assoziation A‹ ein kleiner Verlag endlich die Eier hat, diesem Ignoranz-Übel entgegen zu wirken und nun die vorzüglichen Werke von Wu Ming auf Deutsch veröffentlicht. Es geht los mit »54«, einem wüsten Mix aus Thriller, Spionage- & Mafia-Farce, wenn Cary Grant, Tito, Heroinschmuggler und Partisanenschicksale aufeinandertreffen.

Thekla Dannenberg hat eine schöne Empfehlung für die Krimi-Kolumne ›Mord und Ratschlag‹ des ›Perlentauchers‹ geschrieben: »Keine Moral ohne Eleganz«.

»Mad Max: Fury Road«, oder: »What a movie! What a lovely movie!!!« (inkl. »Mad Max« 1-3)

Letzte Woche besorgte ich mir, in Vorbereitung auf den vierten Teil, die Blu Ray-Box mit den ersten drei ›Mad Max‹-Filmen. Allein schon erfreulich, dass seit den Achtzigern die FSK-Einstufung der ersten beiden Teile überarbeitet wurde, und ich die Filme nun also mit fettem Sound und feinem Bild ungekürzt genießen konnte.

Weniger geil finde ich die dürftige Sonderausstattung der Box. Lediglich Teil 2, »The Road Warrior« bietet eine interessante Kommentartonspur mit Schöpfer & Regiesseur George Miller und Kameramann Dean Semmler, sowie eine ganz nette Einleitung zum Film vom in den USA renommierten Filmkritiker Leonard Martin.

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Den ersten »Mad Max« (1979) sah ich irgendwann in den späten Achtzigern als VHS-Video auf Deutsch, und fand ihn großartig. Ich war damals schon auf dem besten Wege ein von Schopenhauer, Orwell, Lem und Godfrey Reggio (dem Schöpfer der ›Qatsi‹-Filme) geprägter Zivilisations-Pessimist und Querulant zu werden. Folgerichtig erntete der erste »Mad Max« (ganz wie meine anderen frühen SF-Prägungen jener Jahre: »Die Klapperschlange«, »The Thing«, »Alien«, »Blade Runner« und natürlich »Clockwork Orange«) einst wie heute mein affirmatives Kopfnicken, für seine Darstellung einer Welt, die sich mit ihrer Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen selbst vergiftet, sowie seiner überzeichneten Darstellung von Männerkult-Irrsinn.

Gefreut hat mich, dass ich nun die australische Originalversion schauen konnte, und ich stellte fest, dass der Film zwar merklich gealtert ist, …

  • (für mich am auffälligsten bei den idyllischen Szenen, wenn Max zusammen mit seiner Frau Jessie eine Picknick-Auszeit nimmt, um nicht schon nach der Hälfte der Story määäd zu werden;
  • vor allem, wenn Max über seine Gefühle spricht, auch wenn ich mit Giggelm verstehen kann, warum Mel Gibson — damals noch ein strahlendes Milchgesicht — u.a. mit dieser Szene, vor allem im Kontrast zum Ende, wo er dann eben grausam Rache nimmt, zu einer neuen Art von Antiheld-Sexsymbol wurde;
  • und auch bei unheimlicher Spannung, wenn Jessie von den bösen Bikern durch den Wald gehetzt wird)

… trotzdem hat für mich weder die Rache- und ›Ich will meine moralische Mitte als anständiger Mensch nicht einbüßen‹-Geschichte an Kraft, noch der Weltenbau einer bröckelnden Zivilisation, die auf den letzten Nanometern des grünen Bereichs vor sich hin krebst, und der entsprechend Anstand, Mitleid und Hoffnung abhanden gekommen sind, ihre beklemmende Eindrücklichkeit eingebüßt.

Nicht zu vergessen das wunderbar durchgeknallte Verhalten des Hauptbösewichts Toecutter (Hugh Keays-Byrne) und seines Motoradclans. Toecutter ist auf originelle Weise zugleich bedrohlich und schräg komisch, z.B. wie er Leute auf äußerst seltsame Art beim Dialog im Gesicht berührt, oder wie er Zeichentrickfigur-gleich ›erschrickt‹, wenn er von einer wehrhaften, alten Frau mit Schrotwumme bedroht wird.

Zugegeben: vielen Szenen merkt man heute das niedrige Budget (das meiste wurde mit Bier bezahlt; das Setting ergab sich größtenteils dadurch, dass George Miller & sein Team kein Geld hatten, um Ortschaften und Straßen absperren zu lassen, oder Drehortmiete zu zahlen, weshalb man auf verlassene, verfallene Bruchbuden und abseitige Landstraßen auswich) dieses Debüts deutlich an — was andererseits aber bedeutet, wie erstaunlich es ist, was für großartige Äktschnszenen die Macher für wenig Kohle zusammengezaubert haben. Die Eröffnungssequenz mit der Polizeihatz auf Nightrider kann immer noch als eine der olympischen Verfolgungsjagdten der Kinogeschichte gelten. Die Musik, auch wenn sie große Suggestionskraft hat, wirkt bisweilen geradezu bizzar altmodisch. Aber immerhin altmodisch-bizzar mit Charakter!

Fazit: Dreckiger, kompakter Racheflick der trotz seines Alters & seines knappen Budgets immer noch beeindruckt. — 7 von 10 Punkten.

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In Folge meines kleinen Blu Ray-Festivals konnte ich eine meiner krassesten SF-Genre-Bildungslücken schließen, denn endlich endlich endlich habe ich »Mad Max: Road Warrior« (1981) gesehen. In den vergangenen Jahrzehnten hätte ich zwar hie und da mal Gelegenheit gehabt, gekürzte Fassungen zu sehen, aber da trotzte und verzichtete ich lieber. Entweder ganz oder gar nicht.

Kein Wunder, dass viele Fans von der ursprünglichen Trio diesen Teil für den Besten halten, denn er bietet alle Pluspunkte des ersten Films und hat sie prächtig weiterentwickelt. Liegt sicherlich vor allem daran, dass George Miller diesmal ein richtiges Budget und mehr Erfahrung hatte. Sein Ziel, sich an der Ästhetik von Stummfilmen zu orientieren und ›visuelle Musik‹ zu schaffen, gelingt hier schon ziemlich gut. Die Texte würzen die Geschichte, sind aber zu deren Verständnis absolut nicht notwendig. Der Film erzählt vor allem mittels stilsicherer Bildkomposition und Schnittfolge, sowie einem diesmal atmosphärisch richtig gut passenden, wuchtigen, bedrohlichen Soundtrack.

Der erste Teil entpuppt sich nun als Prolog, in dem Max mit dem Ringen um seinen Verstand, seinem Verlust desselben nach Ermordung seiner Familie, und seiner Rache an den Rockern noch die Hauptfigur gibt. Ab »Road Warrior« ist er ›nur‹ noch ein durch die Wüstenei der zusammengebrochenen Zivilisation ziehender Wanderer, der in die Konflikte anderer Leute verstrickt wird. Kern der Geschichte ist dabei noch deutlicher die Abhängigkeit von Treibstoff, ohne den es keine Bewegung, kein Fortkommen, keine Flucht vor Bedrohungen oder vor sich selbst gibt.

Ich bin ja sehr skeptisch gegenüber der — vor allem auf Joseph Campell gründenden — Monomythos-Gestaltung kulturindustrieller Narrationen, aber bei »Road Warrior« finde ich es ganz okay, dass es auf der einen Seite ‘nen braven, weiß/pink-gekleideten Raffinerie-Clan mit seinem Sprecher Pappagallo (Mike Preston) — ein idealistischer ›Gutmensch‹ — gibt, der von einer verrohten, größtenteils (denn es gibt einen Fiesling, der ein Pink-Mobile steuert & sich sogar den Bart entsprechend gefärbt hat … wird allerdings bald gegrillt) schwarze Kluft bevorzugenden Punk/Rocker-Horde, unter der Führung von Lord Humungus (Kjell Nielsson), belagert und verfolgt wird. Das simple Strickmuster funktioniert, weil es mit sicheren Händchen für markante Details und originelle Momente inszeniert wurde.

Auch jetzt noch macht »Road Warrior« gute Laune und bietet Spannung, Äktschn, sowie die Kurzweil, sich anhand der Optik von Kulissen, Fahrzeugen, Requisiten und Kostümen den tieferen Weltenbau selbst auszumalen, sprich: der Film ist extrem gut gealtert und zurecht ein Klassiker.

Fazit: Furchterregende Bösewichte und naive Paradies-Sucher, ein cooler Hund, ein gefährlicher, verwilderter Junge und ein Max, der sich widerwillig zu den Guten gesellt. Passt alles. — 9 von 10 Punkten.

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Hab von »Mad Max: Beyond Thunderdome« (1985) öfter mal nebenbei Passagen gesehen, aber nie aufmerksamer hingeguckt. Erst jetzt auf Blu Ray die Nerven und Geduld gehabt, den Film aufmerksam von Anfang bis Ende zu gucken (okey, ich hab mir zur Linderung zwischendurch was zum Saufen holen müssen, um das ganze zu erstragen). Strenggenommen: Desto weniger man über diesen Film sagt, desto besser. Meiner Meinung nach gehört der gar nicht zum ›Mad Max‹-Kanon, sondern ist ein Hochstapler. Macht doch voll keinen Sinn, der Schmarrn.

Viele Stimmen meinen, dass die Peter Pan-Gefilde, in die der Films etwa ab der Hälfte abdriftet, voll unpassend sind. Gegen diese Handlungswendung (ja, gegen die damit verbundenen, ideologischen Obertöne) habe ich — theoretisch — gar nix. Dass Max nach seinen schief gelaufenen Verhandlungen in der von Aunty Entity (Tina Turner) kontrollierten Bartertown in die Wüste geschickt wird, dort dann auf einen Stamm ›verwilderter‹ Kindern und Teens trifft und zu deren Messias wird, ist an sich eine interessante Geschichte. Doch im Gegensatz zu den anderen ›Mad Max‹-Filmen ist »Thunderdome« merklich harmloser, die Härte fehlt, und sie fehlt schmerzlich, was dem Weltenbau die Luft rauslässt. Vor allem die Äktschn des letzten Drittels, wenn die Kiddis und Max in Bartertown den Bösen auf die Pelle rücken, sowie die abschließende Autohatz durch die Wüste sind zu unbeschwert, zu glatt, zu easy, und das Markenzeichen der ›Mad Max‹-Filme, lange, gnadenlose Verfolgungsäktschn, kommt viel zu kurz. Statt dessen gibts fröhliche Rutschpartien und ›Ab 12‹-gerechtes Umhaun von bösen Schergen mit Schaufel und Bratpfanne.

Was ist mit dem (für mich unverständlicherweise) als legendär geltenden Thunderdome-Kampf von Max gegen den hühnenhaften Blaster (»Two men enter. One man leaves«)? Selten etwas so Planloses und Lächerliches gesehen … Cartoon-Geräusche wenn die Gummiseile schnalzen!

Am sauersten ist mir allerdings die Musik von Maurice Jarre aufgestoßen. Ab einem gewissen Punkt, wenn Max in der Oase der Kinder erwacht, übernimmt eine verspielt-fröhliche Melodie den Soundtrack, rennt gefühlt auf Dauerwiederholung, und hat zumindest mir die Stimmung gehörig vertüdelt (gar nicht zu reden von Tina Turnes schröcklichen Vor- & Abspann-Songs, die ich im Radio schon furchtbar fand).

Das erste Drittel des Films, vor allem die Audienz von Max bei Aunty Entity und ihrer Crew, ist ziemlich okay und lässt von einem besseren Film träumen … der Rest ist, leider, eher zum Vergessen.

Fazit: Abgesehen von einigen Szenen (vor allem des ersten Drittels) und dem schön gestaltetem Setting der enttäuschendste, weil zu weiche und harmloser Eintrag der Reihe. — 4 von 10 Punkten.

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Und nun also »Mad Max: Fury Road«. Lange her, dass mich die Trailer eines Filmes dermaßen angefixt haben. Lange her, dass ich befürchtet habe, mit zu hochgeschraubten Erwartungen ins Kino zu gehen, und mir eine entsprechend bratzige Enttäuschung einzuhandeln. Doch dieser Kinobesuch war (trotz meiner Abneigung für 3D) für mich wie eine segensreiche Messe.

Egal, wie viele Filme von George Miller man großartig findet (und die beiden »Schweinchen Babe«-Streifen gehören zu meinen Allzeitlieblingen, bieten sie doch Tierfabel-Fantasy auf konkurrenzlos exzellentem Niveau), dass »Fury Road« derartige Begeisterungs- und Debatten-Wellen aufbrausen lässt, und man vielstimmig ein »Diesmal kann man dem Hype glauben« vernimmt, hätte wegen der über 10 Jahre langen Produktionszeit mit ihren zahlreichen Stolperstellen kaum jemand zu hoffen gewagt.

Aber die Beharrlichkeit der Macher, sowie u.a. solch strategisch kluge Entscheidungen, sich nicht von einem fixen Starttermin gängeln zu lassen, sondern solange an dem Film zu pfriemeln, bis er eben perfekt ist, haben dazu geführt, dass wir Zeuge werden, wie ein Film sein Genre eine umfangreiche Frischzellenkur verpasst, und mit geschickten Kombos dringend nötiger Konventionsbrüche aktuelle Denkfaulheits-Moden in die ›Schäm Dich‹-Ecke schickt.

Was ich auch an Hintergrundinfos über die Arbeit und die kreativen Entscheidungen lese, erfüllt mich mit Bewunderung und Zustimmung. Millers eigentlich bevorzugte Version — schwarz/weiß — war dem Studio/Vertrieb zu heikel, also her mit dem Zweitbesten: einer extrem übersättigten Farbskala, bei der man den Eindruck hat, dass in jedem Augenblick gleich Acryl-Masse von der Leinwand trieft.

Dem Weltenbau und Wahn seiner Bewohner angemessen richtet sich der Film an Erwachsene (bei uns ›Ab 16‹, in USA ›Restricted‹), ist entsprechend rau, schnell, überladen, atemlos, und bombardiert sein Publikum mit verstörenden Dingen, heftigem Sound Getöse und bratziger Musik. — Im Kino haben nach der bis zur Titeleinblendung dauernden Eröffnungssequenz, wo ich wohlig geseufzt habe, um mich herum einige Zuschauer gestresst aufgestöhnt.

Noch so eine kluge Entscheidung: Chefin des Schnitts war Millers Lebensgefährten Margaret Sixel (Oscar her für die Dame, zumindest eine Nominierung!), die sich selbst eigentlich für unqualifiziert einschätzte, weil sie keine Äktschmfilm-Erfahrung hatte (worüber man angesichts ihrer Arbeit bei »Schweinchen Babe in der großen Stadt« und den »Happy Feet«-Filmen streiten kann). Genau dieser frische Blick allerdings, sowie der Umstand, dass sie zwei Jahre (!!!) Zeit hatte (10 Stunden Arbeit am Tag, 6 Tage die Woche = ca. 6000 Stunden Arbeit am Schnitt), um 450 Stunden Material mit über 2000 Cuts auf zwei kurzweilige Stunden zu verdichten, machen den Film zu einem gloriosen Fest der Bewegung.

Ich kann gut nachvollziehen, dass der Film manche vor den Kopf stößt, bzw. sie vor lauter ›Wrömm-Wrömm‹, ›Krach-Peng‹, ›Hetz-Hetz-Ächz‹ und ›Ka-Ploink‹ die subtileren Aspekte schlicht an ihnen vorbeigerauscht sind.

Ich wage die hochmütige These: »Fury Road« ist ein Shibboleth-Test, an dem sich zeigt, wer Filme zu lesen, bzw. zu überblicken vermag. — Das Spektakel erdrückt die Handlung, es mangelt daher an Story und Charakterentwicklung? — Weit gefehlt, allerdings werden Handlungs- und Figurenentwicklung eben kaum in fein abgepackten Erklärungswortmeldungen vermittelt, sondern vielmehr mit den Einzelheiten des Weltenbaus, mit Stimmungs- und Stil-Kontrasten, mit Körpersprache und Mimik, sowie vor allem damit, wie die Figuren handeln, wie sich im Laufe des Filmes ihre Konstellationen zueinander und Verhaltensweisen miteinander wandeln.

Die dümmsten Gegenstimmen — ich meine natürlich die jämmerlichen Männerrechtswirrköpfe — bekunden lediglich ihre Unkenntnis (oder unaufmerksame Lesart) der Reihe, wenn sie kritisieren, dass Max ja gar nicht der Hauptheld der Story ist. War er in Teil 2 und 3 auch nicht, und in Teil 1 erst ab dem Zeitpunkt, als der beherztere und charismatischere Polizei-Kumpel, Goose, von den Rockern abgefackelt wurde.

Jeff Vandermeer hat freilich vollkommen Recht, wenn er derartiges Unvermögen, ein Werk fruchtbar zu lesen, exemplarisch übertreibt und entsprechend bemängelt:

Mad Max: Fury Road ist die schlechteste Umsetzung eines Agatha Christie ›Mord in einem verschlossenen, leeren Zimmer‹-Rätsels, das ich je gesehen habe.

Fazit: Ich zitiere meinen nach dem Kinobesuch geschriebenen Tweet.

10 von 10 Punkten.

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10 + + + + + Maßstabsetztendes Meisterwerk; Olympisch.
09 + + + + Überwiegend exzellent; Packend.
08 + + + Bemerkenswert mit leichten Schwächen; Anregend.
07 + + Befriedigendes Handwerk; Kurzweilig.
06 + Unterhaltsam mittelprächtig; Akzeptabel.
Unsichtbare Grenze der absoluten Mittelmäßigkeiten
05 - Brauchbar mittelprächtig; ganz nett, aber insgesamt lau.
04 - - Überwiegend mittelprächtig; Anstrengend bzw. langweilig.
03 - - - Bis auf wenige Momente daneben gegangen; Nervig.
02 - - - - Ziemlich übeles Machwerk; Zeitverschwendung.
01 - - - - - Grottenschlechtes übles Ärgernis; Pathologisch.

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ZUCKERL:

Hier meine Auswahl an Besprechungen, Texten und Videos zu »Mad Mad: Fury Road«.

• Meine Heldin Laurie Penny hat für ›Buzzfeed‹ den Text »Mad Max« Is A Feminist Playbook For Surviving Dystopia (What might happen if women’s rights evaporate has been examined in nightmare detail. »Mad Max: Fury Road« offers a solution) geschrieben.

• Ziemlich begeisterte Reaktion auf Furiosa von Laura (auf Englisch), die mit eineinhalb Armen geboren wurde: My Reaction to Mad Max: Fury Road and the Utter Perfection that is Imperator Furiosa.

Lindsay Ellis von ›Chez Apocalypse‹ bietet einen Mini Canon über alle (zwei) Inkarnationen von Mad Max:

Movie Bob’s Besprechung (Engl.). Wem der Mann zu schnell babbelt — hier die Textversion:

• In Cannes lief »Mad Max: Fury Road« außerhalb des Wettbewerbes. Hier die inforeiche Pressekonferenz:

• Und schließlich Meister George Miller selbst im Gespräch mit ›vice‹:

• Als Kontrastprogramm, hier noch eine wahnsinnig prätentiöse deutsche youtube-Kritik von ›Filmanalyse‹:

Molosovsky: Veröffentlichungen & Werke

Noch nicht eingepflegt sind meine eigenen Prosa- & Lyrik-Werke, die in kleinster Handpresse-Auflage bzw. im Phantastik-Fandom (»Fantasia« und »Follow«) erschienen sind.

BUCH: Übersetzung & Lektorat | BLOG: Übersetzungen | Eigene Print-Texte | Podcasts

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BUCH: Übersetzung & Lektorat

»Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes« für den Golkonda Verlag, 2011. Übersetzung der Kurzgeschichten:
»Der Turmbau zu Babel«,
»Geschichte deines Lebens«,
»Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes«,
»Der Kaufmann und das Portal des Alchemisten« und
»Ausatmung« von Ted Chiang.

••• Leseprobe als PDF auf der Website des Verlages.

Klappentext:

Geschichten, die ein ganzes Universum enthalten: Die Wahrheit über den Turmbau zu Babel; der folgenreiche Erstkontakt mit einer außerirdischen Spezies; die Verzweiflung angesichts des Verlusts eines unersetzlichen Menschen; ein Zeitreiseabenteuer der anderen Art; und ein bestürzender Ausflug an die Grenzen des wissenschaftlich Machbaren …

Kein anderer Science-Fiction-Autor hat in den letzten zwanzig Jahren auch nur ansatzweise so viel Begeisterung ausgelöst wie Ted Chiang. Kein anderer Science-Fiction-Autor wurde für ein so schmales Werk mit mehr Preisen ausgezeichnet. Nun liegt endlich auch auf Deutsch ein Auswahlband mit seinen Erzählungen vor.

Gewinner des Kurd Lasswitz Preis in der Sparte »Bestes ausländisches SF-Werk mit deutscher Erstausgabe 2012«; sowie nominiert in der Sparte »Beste Übersetzung zur SF mit deutscher Erstausgabe 2012« & durch eine Fachjury aus Übersetzerkollegen auf den dritten Platz gewählt.

••• Empfehlung des Literaturkritikers Denis Scheck in der »Druckfrisch«-Sendung (ARD) vom 24. Dez. 2013:

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»Medusas Rache — Hellboy Stories 1« für den Golkonda Verlag, 2012. Übersetzung der Kurzgeschichten:
»Medusas Rache« von Yvonne Navarro,
»Puzzle« von Stephen R. Bissette,
»Eine Mutter weint um Mitternacht« von Philip Nutman,
»Versicherungen« von Greg Rucka,
»Folie à Deux« von Nancy Holder,
»Dämonenpolitik« von Craig Shaw Gardner und
»Ein grimmiges Märchen« von Nancy A. Collins.

••• Leseprobe der ersten Seiten von »Medusas Rache« bei Amazon.de verfügbar.

Klappentext:

1994 erblickte Hellboy zum ersten Mal das Licht einer Comicseite und entwickelte sich in den nächsten Jahren zu einem phänomenalen Erfolg, der 2004 und 2008 mit den Kinofilmen von Starregisseur Guillermo del Toro seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Im Dezember 1999 wiederum erschien der erste von inzwischen drei Sammelbänden mit Hellboy-Geschichten, die bisher nur auf Englisch erhältlich sind. Dem wollen wir nun abhelfen, denn ob im Comic, auf der Leinwand oder in Form des gedruckten Wortes — niemand erlebt so faszinierende, so unheimliche, so abgefahrene Abenteuer wie Hellboy!

Einige der besten Phantastik-Autoren der angloamerikanischen Szene haben zur Feder gegriffen, um dem roten Riesen die Ehre zu erweisen. Jede Erzählung ist mit einer ganzseitigen Illustration von Hellboy-Schöpfer Mike Mignola versehen — ein Augenschmaus für Kenner und ein Muss für jeden Sammler.

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»Eine offene Rechnung — Hellboy Stories 2« für den Golkonda Verlag, 2015. Übersetzung der Kurzgeschichten:
»Waffenbrüder« von Frank Darabont,
»Der vor dem Zaubrer flieht« von Peter Crowther,
»In der Flut« von Scott Allie,
»Newford-Spuk-Schwadron« von Charles de Lindt,
»Wassermusik« von David J. Schow,
»Der Vampir-Prozess« von James L. Cambias,
»Eine offene Rechnung« von Ed Gorman & Richard Dean Starr, und
»St. Hellboy« von Tom Piccirilli.

Klappentext:

Frank Darabont, bekennender Hellboy-Fan unter Hollywoods Filmemachern, deutet das Motto des zweiten Bandes von Hellboy-Geschichten bereits im Vorwort an: Man reist nicht, um anzukommen, man reist, um unterwegs zu sein. Fast ausnahmslos große anglo-amerikanische Horror-Autoren, darunter David J. Schow, Tom Piccirilli und Ray Garton, entführen uns in Hellboys Welt. Ihnen ist es zu verdanken, dass Hellboys Sprüche so gut passen wie die »rechte Faust des Schicksals« aufs Auge der Ungeheuer − und zwar immer und überall.

Mit dem roten Riesen als Reisegefährten fühlt sich auch der Leser in Mike Mignolas Comic-Universum aus Folklore, Geistergeschichten und aberwitzigem Fantasy-Horror sehr schnell wohl, egal ob in den Abwasserkanälen von New York City oder in einem klassischen Westernsaloon, der nach Whisky, Staub und Pferdeschweiß riecht. Gegen Ende der Reise winkt dann doch ein schmackhaftes Ziel: »Leckere Zähne« aus der Feder von Guillermo del Toro. Der zweite Regisseur im Bunde trifft genau den richtigen Ton, um uns von einem weiteren Hellboy-Film träumen zu lassen — wobei jede der hier versammelten Geschichten zweifellos einen höllisch guten Roadmovie abgeben würde.

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»Nimmèrÿa 2: Nimmeryána« von Samuel R. Delany (Herausgegeben von Karlheinz Schlögel; Übersetzung von Annette Charpentier) für den Golkonda Verlag, 2015.

Lektorat/Durchsicht der überarbeiteten Neuauflage.

Klappentext:

Dies ist die Geschichte von Pyrn, dem Mädchen, das auf dem Rücken eines Drachens in die Hauptstadt Nimmèrÿas reitet. Aus ihrer Sicht nehmen wir an dem von Gorgik angeführten Sklavenaufstand teil, mit ihr erleben wir die Machtspiele und sexuellen Verstrickungen der Städter. Pyrns Reise führt sie auch in den gefährlichen Süden, zu den Mythen und Rätseln eines dunklen Kontinents.

Die prähistorische Welt Nimmèrÿas dient Delany dazu, über die Ursprünge unserer eigenen Zivilisation zu meditieren: Woher kommen die Dinge, die wir für selbstverständlich halten? Wo nehmen Sprache, Kultur und Macht ihren Anfang, und inwieweit sind wir noch immer von diesen Anfängen geprägt? Gleichzeitig erspart uns Delany die Komplexitäten dieser Welt nicht — sie ist voll von Mythen und Rätseln, von Gewalt und Sexualität, und bietet uns so eine wirklichkeitsnahe und farbenfrohe Fantasywelt.

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BLOG: Übersetzungen

Februar 2014: »Laurie Penny und Terry Pratchett sprechen über Sex, Tod und Natur« von Laurie Penny. Originaltext erschienen bei ›New Statesman‹, November 2012.

Juli 2009: »Eine Einführung in die Genre-Theorie« von Daniel Chandler; direkt zum PDF. Originaltext erschienen auf der Website des Autoren, August 1997.

Dezember 2006: ›Crooked Timber‹-Seminar zu »Der Eiserne Rat« von China Mieville. Originaltext erscheinen auf der Website von ›Crooked Timber‹, Januar 2005.

November 2006: ›Crooked Timber‹-Seminar zu »Jonathan Strange & Mr. Norrell« von Susanna Clarke. Originaltext erscheinen auf der Website von ›Crooked Timber‹, November 2005.

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Print-Texte

»Magira Jahrbuch zur Fantasy 2010«: Sammelrezension »Stromern auf ungetrampelten Pfaden« mit Besprechungen zu
»Eine Andere Welt« von Grandville und Plinius der Jüngere;
»The City & The City« von China Miéville;
»Shriek« und »Finch« von Jeff Vandermeer;
»The Sad Tale of the Brothers Grossbart« von Jesse Bullington.

»Magira Jahrbuch zur Fantasy 2009«: Sammelrezension »Wonniglich verirrt im Laybrinth der Phantastik« mit Besprechungen zu
»Das Obsidianherz« von Ju Honisch;
»Un Lon Don« von China Miéville;
»Wer länger lebt ist später tot — Operation Zombie« von Max Brooks;
»Die gelöschte Welt« von Nick Harkaway;
»Gegen den Tag« von Thomas Pynchon;
»Das Ewige Stundenbuch 1 — Vellum« von Hal Duncan;
»Das Haus« von Mark Z. Danielwski.

»Das Abenteuer Phantastik«: Essay für »Kritische Ausgabe 01/2008 — Abenteuer«.

»Magira Jahrbuch zur Fantasy 2008«: »Die Wilden Welten des Matt Ruff«.
• Teil 1: »Ein persönlich gefärbter Werksübersicht« (inkl. »Fool on the Hill«, »G.A.S. — Die Trilogie der Stadtwerke«, »Ich und die anderen«, »Bad Monkeys«);
• Teil 2: »Gespräch mit Matt Ruff in Frankfurt am Main, Februar 2008«.

»Magira Jahrbuch zur Fantasy 2007«: Sammelrezension »Gut gelaunte Phantastik-Empfehlungen des Lektürejahres 2006/2007« mit Besprechungen zu
»Der Barock-Zyklus« von Neal Stephenson;
»Jonathan Strange & Mr Norrell« und »Die Damen von Grace Adieu« von Susanna Clarke;
»Die Gelehrten der Scheibenwelt« von Terry Pratchett, Ian Steward und Jack Cohen;
»Wächter der Nacht«-Bücher von Sergeij Lukianenko;
»J. R. R. Tolkien — Autor des Jahrhunderts« von Tom Shippey.

»Magira Jahrbuch zur Fantasy 2006«: Sammelrezension »Launische aber aufrichtige Empfehlungen von seltsamen & verwirrenden Fantasybüchern der Phantastiksaison 2005/2006« mit Besprechungen zu
»Das Paradies der Schwerter« von Tobias O. Meißner;
»Anansi Boys« von Neil Gaiman;
»Aether« von Ian R. MacLeod;
»Der Eiserne Rat« von China Miévile;
»Die Stadt der Heiligen & Verrückten« von Jeff Vandermeer.

»Magira Jahrbuch zur Fantasy 2005«: »Seine Hemden sind bunter als seine Phantastik. Besprechung und Autopsie zu »Der Blumenkrieg« von Tad Williams..

»Magira Jahrbuch zur Fantasy 2003«: Einzelne Rezensionen zu
»Perdido Street Station« von China Miéville;
»Der Steinkreis des Chamäleons« von Ricardo Pinto;
»Siegfried und Krimhild« von Jürgen Lodemann;
»Der Mann der Donnerstag war« von Gilbert K. Chesterton.

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Podcasts

Juni 2015: Zu Gast bei ›Polyneux spricht‹ in der Sendung über »Bloodborne«.

März 2015: Zu Gast (zusammen mit Markus Widmer) bei ›Sigma 2 Foxtrot‹ in der Sendung über China Miéville.

Januar 2013: Folge 98 der Komplettlesung von Egon Friedells »Kulturgeschichte der Neuzeit« für ›Radio Orange 94.0‹; Lesung des Abschnittes über Arthur Schopenhauer und Selbstgespräch. Gestaltet von Herbert Gnauer. — Zur Sendung.

Grenzübergang 2013 / 2014

Ich stecke fest und der diesjährige Jahresrückblick kommt nicht voran. Habe mich nun entschieden, dass ich via Twitter — Molos Zwitscherei — bescheid gebe, wenn ich fertige Kategorien hier ergänze. Damit ihr geschätzte MolochronikLeser aber schon mal was habt, hier das bisherige ›Work in Progress‹.

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Willkommen bei meinem Jahresrückblick zu den edelsten Zeitverschwendungen, der explosivsten Unterhaltungsmunition, lindernsten Seelenmedizin & potentesten Bewusstseinshanteln des Jahres 2013.

Überflüssig zu erwähnen – aber sicherheitshalber hier noch extra betont –, dass dies meine persönlichen Favoriten des Jahres 2013 sind, & ich deshalb mit GOttgleicher Objektivität alle anderen Bestenlisten zunichte mache. Wenn Eure Lieblinge hier nicht aufgeführt werden, könnt Ihr ja zur Abhilfe Haare raufen & mit den Zähnen klappern. Vielleicht bringts ja was.

Titel, die ich nicht gesehen, gelesen, gehört oder gespielt habe, bleiben natürlich aussen vor. Vor allem bei den Filmen & Games wurde ich vieler Sachen, die mich brennend interessiert hätten, 2013 noch nicht habhaft (ganz besonders bitter beklage ich, dass der neuste in Deutschland anlaufende Ghibli-Zeichentrickfilm »Der Mohnblumenberg« in der ach so mondänen Metropole Frankfurt grad mal eine Woche in den Kinos war).

Die Sortierung folgt diesmal dem Alphabet (nach Autorennachnamen oder Titel), die Reihenfolge stellt also in sich keine Wertung dar (besondere Hervorhebungen wurden in die Kurzbeschreibung integriert).

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GUT BUCH (Prosa)
  • »Pulsarnacht« von Dietmar Dath: Siehe meine Besprechung in diesem Blog. Spontane Kurznotiz nach Beenden des Buches: »Es ist für mich 100 x vergnüglicher, mich mit den Romanzumutungen von Dath abzurackern, als Spaß zu haben mit den mundgerechten Schreibformel-Ergebnissen eines Eschbach«
  • »Nimmèrÿa 1: Geschichten aus Nimmèrÿa« von Samuel R. Delany: Meine erstes Buch von Delany mit dem er sich in meine oberste Fantasy-Liga katapultiert hat (in der sich auch Mervyn Peake, John Harrison & China Miéville befinden). Mit wunderschöner Sprache & erlesenem Stil schildern fünf Kurzgeschichten Schicksale größtenteils einfacher Leuz in einer gut geerdeten Fantasywelt (kann aber auch eine verschollene, unbekannte Vorgeschichtsepoche sein, wie ein fiktives akademisches Vorwort andeutet). Es geht um die Queste der Erkundung der eigenen Sexualität, um sozialen Wandel im Zuge sich ausbreitenden Handels & Geldwirtschaft, um Adelsintrigen, Drachenreiter & Befreiungen aus Verließen. Mich begeistert, wie scheinbar spielerisch Delany es versteht hohen Ton, philosophische Spekulation und gewöhnliches Leben zu vereinen. Freue ich schon sehr auf die weiteren Bände dieser deutschen Ausgabe der Geschichten aus Nimmèrÿa und anderer Bücher von Delany.
  • »The Quantum Thief« (Jean le Flambeur #1)von Hannu Rajaniemi: Was für ein Debüt! Schon mal vom Start weg grandios, wenn ein Hi-Tech-SF-Thriller sich vor dem ehrenwerten Klassiker »Arsene Lupin« von Maurice Leblanc verbeugt. Hier gibt es alles, was das Herz begehrt: interessanten Weltenbau; entsprechend der vielfältigen ausgeklügelten Technik-Gadgets & Szenerien wohlfeile SF-Poesie. Die Handlung verläuft zweigleisig: a) ein Meisterdieb auf der Suche nach seinem irgendwo versteckten Selbst und b) ein idealistischer Amateurdetektiv soll einen Mord an einen Chocolatier aufklären. Die Äktschnszenen sind bombastisch, Humor- & Emotionseinlagen sind gelungen, die Schreibe ist komplex & kompakt und der Roman damit ein Feuerwerk der Vielfalt: Kurz: ein Spitzen-Titel der Lust auf mehr macht (Band zwei »The Fractal Prince« liegt schon bereit).
  • Thomas Pynchon hat sich seit »Against the Day« in den letzten Jahren zu einem meiner Helden gemausert, zu einem der Autoren, von denen ich mich mit Freuden überfordern lasse. »Mason & Dixon« & »Gravity’s Rainbow« stehen mir noch bevor. Zweiteren habe ich mittlerweile drei Mal angefangen & stecke immer noch irgendwo in der Mitte. — Aber folgende beiden Romane habe ich letztes Jahr genossen:
    »Bleeding Edge«
    »Vineland«
  • Neal Stephenson:
    »Zodiac«
    »Interface«
  • Tad Williams: »The Dirty Streets of Heaven« (Bobby Dollar #1), ungekürztes engl. Hörbuch, gelesen von Joe May: Finde ich ja total toll, dass ich nach vielen, vielen Jahren mal wieder was von Tad Williams gefunden habe, was mir richtig gefällt (Mega-Verrisse schreibe ich nämlich eigentlich nicht so gern). Obwohl dieser Roman nicht mehr darstellt, als dass Herr Williams aufgeschlossen hat an die Mode, sich klassische Mythen, wozu auch der Fundus phantastischer Figuren & Themen der Bibel gehören, in zeitgenössischer Stadtlandschaft tummeln zu lassen (er ist nun also da angekommen wo »The Sandman«, die »Books of Blood«, »Hellblazer«, »Preacher« & mannigfache andere urbane Fantasy schon seit Jahrzehnten weilen), ist das Ergebnis doch eine sehr kurzweilige Freude. Krimi, Komik & Tragik, Spannung, ein bisschen Horror, dargeboten durch einen sich am Noir Krimi-Schnodder orientierenden Erzähler, eine gute Portion »Fuck You!« in Richtung religiöses Schwarz-Weiß-Denken, ein Engel der sich mit einer Höllenschönheit im Bett wälzt … und die Sache ist perfekte Kurzweil. — Habe leider noch nicht prüfen können, was die deutsche Fassung taugt & bin sehr gespannt, welche Umsetzung & Reaktionen Buch 2, »Happy Hour In Hell«, auf dem Deutschen Markt erleben wird, denn da dreht Williams richtig heftig auf und bietet (für seine Verhältnisse heftig krasse) Grausamkeit, Groteskerien, Blutorgien & Ekelsex, dämonische Frauen die mit bezahnten Muschies Männer vergewaltigen, bis zum wonniglichen Brechreiz.
  • Desweiteren erwähnenswert & einen Versuch wert:
    • J. R. R. Tolkien: »The Lord of the Rings«, ungekürztes Hörbuch gelesen von Rob Inglis:
    • Suzanne Collins: »The Hunger Games«-Trio (»The Hunger Games«, »Catching Fire«, »Mockingjay«)
GUT BUCH (Sach)
GUT COMIC
  • Hiromu Arakawa: »Fullmetal Alchemist«:
  • China Miéville: »Dial H for Hero«:
  • Osamu Tezuka: »Buddah«, 8 Bände
  • :
GUT MUKKE
  • »Random Access Memory« von Daft Punk:
  • »The Last of Us« von Gustavo Santaolalla:
  • »The Golden Age« von Woodkid:
GUT GAME (PS3)

Zum ersten Mal die Sparte ›Games‹ & hier kommt die alphabetische Sortierung voll sinnvoll zum Zug, denn mich bei diesen Titel entscheiden zu müssen, welches nun die anderen überragt, ist mir unmöglich. Alle Gold!

  • »The Last of Us« von Naughty Dog: Immer wieder klopfe ich meine Gemütslage in Sachen Games ab, & komme stets zu dem Ergebnis, dass TLoU mein bisheriger Lieblingstitel aller Zeiten ist. Okey, der Multiplayer ist mörderschwer & ich inmitten lauter Kopfschuss- & Schleichkünstler eine absolute Nulpe. No Fun. Aber wer braucht Mehrspieler, wenn die Einzelspieler-Geschichte so überragend gut geschrieben & inszeniert ist. Das Genöle von Rezensenten, die meinen, TLoU wäre eigentlich arg flach & glänze nur darin, die Spieler ›emotionell zu manipulieren‹, entstammt zwar einer durchaus bedenkenswerten Kritik-Tradition, die 90° zur ›Effekt bewirkt Affekt‹-Programmatik des Urvaters der modernen Reisser-Poetik Edgar Allan Poe verläuft, aber völlig verkennt & entsprechend fehlurteilt, wie heftig & imho relevant die Tragödie ist, die dieses Spiel erzählt & spürbar macht. — Ein Mensch reisst nieder, weil er nicht loslassen kann; wird zum Zerstörer, weil er Nähe erzwingen will; raubt der Mehrheit die Hoffnung, weil er seine eigene Verzweiflung alleine nicht bewältigen kann. — Nicht nur die reisserischen, spektakulären, schockenden Sequenzen & Aspekte wurden hochwirkungsvoll umgesetzt, auch & gerade die umsichtige Sorgfalt, mit der die zarten (»You’re gonna so sing for me when we get through this«), kleinen (»Gnomes are super cute. Not Fairies though. They creep me out.«), beiläufigen (»Your watch is broken«) menschlichen Details platziert wurden, macht das Spiel für mich so groß. Überall subtil verteilte Spuren von Kindern & zerstörten Familien, der Härte des Überlebens in der Postapokalypse. und dann erst die Giraffen, der Schwan, der Hirsch, der Schneehase. — Taschentücher bereithalten.
  • »Grand Theft Auto V« von Rockstar: Eingestanden, dass auch mich leichte Wehmut umflorte, weil der Titel nicht mit der Wirkmacht bei mir einfetzt, wie ich erwartet habe. Andererseits war meine Erwartung eben auch ungescheit heftig uffgedreht … eine Grundstellung, mit der man sich fast zwangsläufig einen Kick ins Gemüt reserviert. Doch trotz der ein oder anderen nervigen Nebenfigur, kleiner Macken des Einzelspieler-Modus, & des mich ziemlich frustrierenden, weil lahmarschigen Mehrspieler-Modus, wurde ich beschert mit einer überwältigend gestalteten Welt, vielen amüsanten Details, ‘nem flockigen Gameplay & mit Michael, Franklin & Trevor eine wuchtige Spielfiguren-Trio. — Sonderpunkte gibt’s für den coolen Soundtrack unter anderem mit Tangerine Dream. — Weitere Sonderpunkte gibt’s für Yoga als Minispieleinlage. Macht immer gute Laune, wenn Michael mit hochrotem Kopf wieder in die Senkrechte kommt.
  • »Ni no Kuni« Take-5 & Studio Ghibli: Dummerweise habe ich »Ni no Kuni« gar nicht fertig spielen können, weil mein Speicherstand bei einem Crash verlorenging. Aber die ¾ der Geschichte, die ich absolviert habe, riechen locker (!) für einen Platz unter den Jahresbesten. Die Gestalter von Studio Ghibli & ihr Hauskomponist Joe Hisaishi brillieren darin, allen zu zeigen, wie umfassend doll ein Game daherkommen kann. Die Bossfights auf ›normal‹ brachten mich lustvoll zum Schmitzen. Besonders begeistert mich, wie die Story unerschütterlich auf Prinzipien des Ausgleich-Schaffens und der Harmonie-Verbreitung aufbaut. Hier kann man seine (völlig unironisch gemeint) Gutmenschen-Mukkis trainieren, und das sollten viel mehr große Titel wagen. — Zur Sicherheit Taschentücher bereithalten. — Genuss des Spieles kann dazu führen, dass man mit Decke als Umhang und Stecken als Schwert durch die Nachbarschaft rennt um Leuten zu helfen.
  • »Ico« von Team Ico: Okey, ich hinke ein klein wenig hinterher, dass ich erst im vierten Quartal 2013 dazu kam, diesen Klassiker aus dem Jahre 2001 zu spielen. Ändert aber nix an meiner Begeisterung für dieses eigentlich sehr simple Spiel. Junge mit Hörnern & Mädchen in Weiß wollen aus einer gigantischen Burgruine entkommen. Rufen. Händchen halten. Schattenmonster kloppen. Kisten schieben. Klettern. Hebel umlegen. Was für eine überraschende Stimmungs-Melange aus kraftvoller Zärtlichkeit & unheimlicher Menschenleere. Habe nach über 10 Jahren sofort verstanden, was ein Freund damals meinte, als er mir »Gormenghast«-Fan dieses Spiel empfahl. — Für den Schluss unbedingt Taschentücher bereithalten.
GUT FILM
  • »Django Unchained«: Herr Tarantino trifft stets meinen Geschmack & jeder seiner Flicks beglückt mich mit grandiosen Ideen, kreativem Erzählen, aufwühlenden Wendungen & Perspektiven, vor allem aber mit knackigen, langen Dialogen. Herr Waltz diesmal als heldenhaft guter Deutscher, Herr Caprio zu Abwechslung mal als egomanischer Herrenmensch & viele weitere Darsteller in hinreissenden Rollen. Zudem: angenehm humorig-launig diese engagierte Anklage des ansonsten missachteten Themas Sklaverei in USA.
  • »The East«: Überraschungstreffer. Wollte eigentlich nur mal wieder einen Film mit der mich stets begeistern Ellen Page gucken. Trotz der enttäuschend konventionell-feigen Schlussvolte ein aufwühlender, ruhiger Film über die Rache der Leute mit zuviel Gewissen. Allein die Szene mit der Widerstandskämpfer-Initiation beim gemeinsamen Abendessen zog mir den Teppich unter den Füssen weg. So geht Publikumsbeschämung die inspiriert. — Ein halbes Taschentuch bereithalten.
  • »Gravity«: Abgesehen von der umwerfen Achterbahnfahrt im All; den spektakulär perfekten Bildern & teilweise irre langen Kamereinstellungen; der überzeugenden Veranschaulichung, dass das Kaporresgehen von Dingen große Schönheit zeitigt; erstaunte mich hier, wie gut Frau Bullock sein kann, wenn man ihr entsprechend was zu tun gibt.
  • »The Hobbit (2): The Desolation of Smaug«: Siehe meine Besprechung in diesem Blog. Kurzfassung: Bisher mein liebster Mittelerde-Rambazamba.
  • »Jack Reacher«: Derzeit mit liebster Film mit Tom Cruise, was weniger an Herrn Cruise liegt (der hier schlicht gutes Handwerk abliefert), sondern der geschickten, angenehm altmodischen Inszenierung zu verdanken ist. Absoluter Hammer allerdings ist Werner Herzog (& seine leblosen, vor niederträchtiger List funkelnden Augen) als gieriger, strenger & grausamer Oberböser. — Siehe auch meine Rezension zu dem (hier nicht verfilmten) ersten Roman von Lee Child mit Titelhelden Jack Reacher.
  • »Pacific Rim«: Auch Herr del Toro ist so einer, der bisher nichts abgeliefert hat, was mir missfällt. Guckt genau hin, wie edel, wahrhaftig & freudvoll stumpfe Prügeleien zwischen Riesenmonstern & Titanen-Roboterrüstungen sein können, wenn sie ohne dummes Ironie-Augenzwinkern, sondern mit viel Detail-Liebe & Choreographie-Können aufgeführt werden. Bienchen jeweils für Rinko Kikuchi als zarte aber wehrhafte Mako Mori; den feinen Stockkampf; & die allerliebst gestaltete fremdartige Welt, aus der die Monster kommen. — Mein persönlicher Lieblingsfilm des Jahres!
  • »Silver Linings Playbook«: Sozusagen »Harry Meets Sally« für Leuz mit bipolarem Dachschaden (also MelanchoManiker wie mich, auch wenn ich bisher nur laienhaft von meinen Freunden diagnostiziert wurde). Nicht mehr als eine Gute Laune-Romanze, aber eben erfreulich herzhaft gegen das verständliche Theater anstänkernd, normal & brav sein zu wollen. Wenn schon normal sein, dann weil es einem selbst gut tut, nicht weil es ›die anderen‹ halt gern so hätten. Hut ab für das Tanzfinale, das mit all seiner Ungeschicklichkeit menschlich berührt. — Mindestens ein Taschentuch bereithalten.
  • »12 Years A Slave«: Neben »The East« sicherlich der ernsteste, erwachsenste Film dieser Liste, & im Gegensatz zu »Lincoln« eine rundum gelungene, notwendige, schmerzliche, intensive & plättende Geschichtslektion. Auch die Inszenierung traut sich immer wieder Sachen aufführen, die man selten so konsequent gemacht vorgesetzt bekommt. Ein Meisterwerk. — Mindestens eine Packung Taschentücher bereithalten.
  • Ebenfalls gut, wenn auch mit Abstrichen oder Vorsicht zu genießen:
    »The Conjuring«: Gute Gespensterfilme sind rar, aber hier wurde fast alles richtig gemacht. Herausragende Geräusch- & Klanggestaltung, sachte Steigerung, geschickte Kamera & überzeugende Darsteller — Bienchen für Lily Taylor — sowie eine Menge frischer Ideen lassen diese eigentlich ausgelutsche Formel knackig-firsch erscheinen.
    »Elysium«: Schade, dass Herr Blomkamp das Niveau nicht halten kann, das er mit »District 9« selbst vorgelegt hat. Aber immerhin trumpft Sharlto Copley als energischer Söldner & Judy Forster als skrupellose Präsidentin auf. Zudem immer noch einer der besten SF-Weltenbauten der letzten Jahre & unübersehbar sozialkritisch obendrein.
    »Hänsel & Gretel: Witch Hunters«: Sicherlich der behämmerste Streifen, der es auf diese Liste geschafft hat. Da aber hier Schwachsinn erstaunlich hoch gestapelt wird, gepaart mit haarsträubend planlosen Schauspielern & einer Schwemme lachhafter Gimicks ein kurzweiliges Vergnügen … vorausgesetzt man hat was zu Kiffen oder (wie in meinem Fall) Saufen.
    »How I Live Now«: Frau Ronan seh ich ja immer gern, & wenn schon Bürgerkrieggrauen & Atombombendystopie, dann bitte auch mal einfach aus der Sicht von Jugendlichen auf dem Land, die von den anspringenden Ausnahmezustand-Maßnahmen überrollt werden & ums Zusammenfinden & Überleben kämpfen. Mindestens ein Taschentuch bereithalten.
    »Iron Man 3«: Shane Black hat’s halt druff & deklassiert locker die Vorgänger-Teile. Überraschend, wie bissig so ein Megabudget-Vehikel die jüngere ›War on Terror‹-Zeitgeschichte kommentieren kann. Bienchen für Ben Kingsley der in diesem Film wieder Mal zeigt, wie groß seine Bandbreite ist.
    »I Spit On Your Grave«: Wollte dieses Remake eines stur durchgezogenen Schnetzlers eigentlich nur nebenbei gucken. Die ersten ca. 40 Minuten sind äußerst unangenehm, wenn eine Schriftstellerin ausführlich zuerst belästigt, dann psychisch & schließlich körperlich vergewaltigt wird. Der erbarmungslose Racheparkour mit seinen originell-grausamen Hinrichtungsmethoden entschädigt jedoch voll & hat mich begeistert. Der sadistische Feministen-Sympatisant in mir kam voll auf seine Kosten.
    »Lincoln«: Mit seiner ungehemmt aufdringlichen Absicht, hier ein schultaugliches Geschichtslehrstück abzuliefern nervt Spielberg freilich volle Kanne, aber das mindert nicht das Vegnügen, Herrn Lewis dabei zuzusehen, wie er sich in den beliebtesten Präsi der USA verwandelt.
    »Prisoners«: Die Kamera von Meister Deakins & die ruhige Musik von Jóhannson machen aus diesem beklemmenden Depri-Thriller um eine entführte Tochter etwas ganz Besonders. Bienchen für die Person, die sich am Ende als Bösewicht entpuppt. — Ganz toll & mich fibbern lassend: Regiesseur Denis Villeneuve wird die von mir ins Deutsche übertragene Geschichte »Geschichte Deines Lebens« von Ted Chiang verfilmen!!!
    »Rush«: Ich hasse Autos & noch inniger hasse ich Formel 1. Aber Daniel Brühls Portrait von Niki Lauda ist atemberaubend. Zudem wird eine beherzigenswerte Lektion über fruchtbare & schädliche Arten Rivalitäten zu pflegen geliefert.
    »The Worlds End«: Obwohl dies der schwächste Teil der ›Cornetto‹-Trio ist, wird hier vor dem Hintergrund einer clandestinen Alien-Invasion wieder mal die Geistlosigkeit provinzieller Bürgerlichkeit vorgeführt & zudem die Herausforderung des Erwachsenwerdens sowie Verzweiflung des Klammerns am Jugendlichkeitswahn veranschaulicht. Und Herr Pegg glänzt als ergreifender Tragikomiker.
    »World War Z«: Als Verfilmung der packenden, fiktiven Interview-Collage von Max Brooks freilich Mist, aber wenn man das mal außen vor lässt & den Film für sich nimmt, ein ganz vergnüglicher Zombie-Äktschnkracher, mit unverschämt wimmeligen & quirligen Untoten-Tsunamis. Bienchen für Daniella Kertesz als zähe israelische Soldatin.
GUT SERIE
  • »Elementary«:
  • »Legend of Korra«, Staffel 1 »Air«, Staffel 2 »Spirits«:
  • »Person of Interest«:
  • »Sleepy Hollow«:
  • »Star Trek« (»Next Generation«, »Deep Space Nine«, »Voyager«, »Enterprise«):
  • »Veronica Mars«:
  • »West Wing« und »The Newsroom«:
BESTE/SCHLIMMSTE MOMENTE
  • Twittern macht großen Spaß. Traue mich auch immer mehr auf Englisch zu schreiben.
  • Kaum gebloggt. Molochronik hat darben müssen.
  • Zum ersten Mal via Bildschirmtelefonie mit jemanden über große Strecke kommuniziert (Hi David!). — Würd ich gern öfter machen.
  • Sommerurlaub in Berlin inkl. Übersetzerklause & Grillfest beim Golkonda Verlage.
  • Einen Abend in Berlin angeregt mit einem sehr hellen Zehn(?)-Jährigen über Kosmologie, Wissenschaftstheorie & Mathematik ausgetauscht.
  • Gäste im Herbst. Unter anderem wurde eine Kurzgeschichte geschrieben (wobei mir eine Zeichnung aus dem Ärmel geplumpst ist) & an einem Roman gearbeitet (ich durfte als Ideenabklopf-Gehilfe dienen) .
  • Erschöpfte Verfassung meinerseits & Brüllangriff gegen meine Person führte zu schlaflosen Alptraumtagen & -nächten.
  • PS3-Leseköpfe kaporres. Dann aber Wahnsinninsaktion von hilfreichem Freund, der sich darum kümmerte, dass Ersatz gestellt wird (im Zuge dieses Vorgangs ist mir die zweite Zeichnung des Jahres aus dem Ärmel geplumpst).
  • BuCon in Dreieich. Michael Marrak wiedergetroffen! Spontan für Herrn Mäurer die zwei von Carl Amery herausgegeben G. K. Chesterton-Bände der SF-Klassiker-Reihe des Heyne-Verlages beim anwesenden Antiquariathändler besorgt.
  • Musste Zähne knrischend aus Zeitgründen zurücktreten von dem Projekt, die zweiteilige Bastei-Ausgabe von »Perdido Street Station« für die im März 2014 bei Heyne erscheinende einbändige Neuausgabe abzuklopfen. — Konnte immerhin bescheid geben, dass ›theology‹ auf Deutsch nicht ›Theosophie‹ heißt.
  • TV-Literaturkritiker Denis Scheck empfiehlt den von mir übersetzten Golkonda-Band mit Kurzgeschichten von Ted Chiang (»Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes«) sowohl auf der Buchmesse, als auch in seiner Sendung »Durckfrisch« als eines der besten Bücher des Jahres.

Laurie Penny und Terry Pratchett sprechen über Sex, Tod und Natur

Introdubilo des Übersetzers:
»Laurie Penny meets Terry Pratchett to talk about sex, death and nature« erschien am 21. November 2012 im ›New Statesman‹. Wo es mir hilfreich erschien, habe ich zur Orientierung für deutschsprachige Leser Jahresangaben, Originaltitel und weiterführende Links eingefügt.
Ich habe den Text aus mehreren Gründen für die Molochronik übersetzt. Natürlich erstmal, weil ich glaube, dass er sehr gut einfängt, was den bedeutenden Fantasy-Autoren Terry Pratchett auszeichnet. Siehe dazu auch meine Besprechung seiner mit Ian Steward und Jack Cohen verfassten Reihe »Die Gelehrten der Scheibenwelt«. — Seit gut dreißig Jahren bin ich ein begeisterter Leser der Romane von Pratchett (die Nomen-Trio, auch ›Bromeliade‹ genannt, ist mein Lieblingswerk). Er war einer der ersten englischen Schriftsteller, durch dessen Original-Ausgaben ich mich als Jugendlicher kämpfte.
Dann habe ich vor einigen Monaten die engagierte Journalistin, peppige Streitschrift-Autorin, inspirierende Feministin und amüsante Twitterantin Laurie Penny für mich entdeckt, als ich ihre Rede von der ›re:publica 2013‹ auf Youtube gesehen habe. Ich kann allen Molochronik-Lesern raten, sich mal ihre Bücher »Meatmarket« (deutsch bei Edition Nautilus als »Fleischmarkt« erschienen; hier die Leseprobe) und »Cybersexism« vorzunehmen.
Schließlich teile ich die Überzeugung, dass unsere derzeitigen gesetzlichen Bestimmungen und unser medizinisches System die Menschen dazu zwingt, dem Sterben mit der Angst des Ausgelieferten zu begegnen, statt mit der Würde von freien Personen, die legal ihren Tod selbst gestalten können.
Ich danke vielmals Laurie Penny und Helen Lewis von ›New Statesman‹ für ihre Zustimmung, dass ich kleiner Blogger diesen Text hier anbieten darf.
Viel Spaß beim Lesen
Euer Alex / molo
P.S.: SPOILER-WARNUNG!!! Im vorletzten Absatz des Textes wird für den Geschmack mancher Leser vielleicht etwas zu ausführlich eine Szene aus dem Buch »Das Mitternachtskleid« (»I Shall Wear Midnight«) nacherzählt. Ich habe dort einen fett formartierten Hinweis platziert.

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Laurie Penny und Terry Pratchett sprechen über Sex, Tod und Natur

von Laurie Penny

12. November 2012: Terry Pratchett nutzt seit über 40 Jahren Science Fiction und Fantasy, um feinsinnige Satiren zu schaffen. Doch der Beginn einer Alzheimer-Erkrankung zwang ihn, sich mit einer unbequemen Frage auseinanderzusetzen – was wird geschehen, wenn er nicht mehr in der Lage sein wird zu schreiben?

Ich sitze in einem Kaffeehaus an der Hauptstraße von Sailsbury und ein gebrechlicher, alter Mann mit großem schwarzem Hut erzählt mir gerade, dass er sterben wird. »Keine Medizin kann das verhindern«, sagt Sir Terry Pratchett, 64, Nationalheiligtum, Autor von bisher 54 Büchern, Fürsprecher der Sterbehilfe und berufsmäßiger morbider Drecksack. »Zu wissen, dass man sterben wird, ist der erste Schritt zur Weisheit, nehme ich mal an«, erklärt er.

Diese Geschichte handelt vom Tod. Damit ist nicht der personifizierte Tod gemeint, dieser knöchrige, auf unbeschreibliche Weise stets grinsende Kerl mit der Sense, den funkelnden blauen Augen, der flucht und immer lieb zu Katzen ist und in fast jedem der über 30 Romane zählenden Scheibenwelt-Reihe von Pratchett einen Auftritt hat. Diese Geschichte handelt von der unangenehmen kleinen Tatsache des Todes, dieser sich auf Leben und Werk Pratchetts auswirkenden ›Widrigkeit‹, seit der Autor 2007 mit posteriorer kortikaler Atrophie, einer seltenen Form frühmanifestem Alzheimers, diagnostiziert wurde.

Vor 45 Jahren begann Pratchetts Schriftstellerlaufbahn. Mit über 80 Millionen weltweit verkaufter Bücher ist er Großbritanniens zweiterfolgreichster Autor. »Die Farben der Magie« (»The Colour of Magic«), sein erstes Buch der Scheibenwelt-Reihe, erschien 1983 noch als lupenreiner Vertreter der komischen Fantasy. Der Roman beschreibt den unscheinbaren Zauberer Rincewind der über die Scheibenwelt hetzt, die auf dem Rücken einer riesigen Schildkröte durch das Weltall getragen wird. Die nachfolgenden Bücher entwickelten sich zu etwas Komplexerem, das mehr Tiefe an den Tag legte. Im Laufe der Reihe fanden die Romane zu einer prägnanten, beissend satirischen Stimme. Die meisten erfolgreichen Science Fiction- und Fantasy-Autoren müssen früher oder später ihre eigene Politik ins Auge fassen, denn es geht eine gewisse moralische Verantwortung damit einher, Millionen von Lesern zu einem aus dem Nichts geschaffenen Universum einzuladen. Schriftsteller wie Ursula K. Le Guin, Robert Heinlein und China Miéville nutzten ihre fantastischen Werke ausdrücklich als Spielwiese für politische Thesen, indem sie ausgedachte Welten beschreiben, die alternative Entwicklungsmöglichkeiten der Menschheit vorstellen.

Pratchett hat den entgegensetzten Weg eingeschlagen. Er begann mehr wie jemand zu schreiben, der weiß, dass der faszinierendste Ort im bekannten und vorstellbaren Universum das Hier und Jetzt ist. Er nutzt nerdige Fantasy und Situationskomik als Mittel, um Geschichten über Rassismus und religiösen Hass, Krieg und Bigotterie, Liebe und Sünde und Sex und Tod, immer wieder über den Tod zu erzählen, eingebettet in Ersatz-Abenteuer von sprechenden Hunden, Zombie-Revolutionären, Werwölfen die Verbrechen bekämpfen, Zahnfeen, Krokodilgöttern und ulkigen kleinen Typen, die nicht ganz geheuere Würstchen an der Straßenecke feil bieten.

Um so seltsamer seine Bücher wurden, um so mehr glich ihr Klang und ihre visuelle Szenerie dem Großbritannien des späten zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts: Mann trifft auf Frau trifft auf Geschlechterrollen herausfordernden Zwerg; anständige Leute werden durch ihre eigene Feigheit in den Untergang getrieben; Priester verbreiten Lügen und blutsaugende Anwälte ziehen bei allem die Strippen, wobei allerdings auf der Scheibenwelt Anwälte tatsächlich Vampire sind.

»Terry verfügt einfach über ein großes Können beim Beschreiben von Menschen«, sagt Neil Gaiman, Mitautor und enger Freund von Pratchett. Gemeinsam haben die beiden 1990 den Bestseller »Ein gutes Omen« (»Good Omens«) verfasst. »Er hat ein gutes Händchen, wenn es um unverfälschte, menschliche Gefühle geht, und reiht sich damit hervorragend in die Tradition humoristischer englischer Literatur ein.«

»Man kann seine Sachen mit den klassischen Werken von P. G. Wodehouse oder Alan Coren vergleichen – diese Autoren haben den Stil der komischen Literatur geprägt – und Terry ist ein Meister auf diesem Feld. Außerdem beherrscht er sämtliche Sprachbilder einer Vielzahl verschiedener Genres und weiß, wie man sie einsetzt. Anfangs hat man Terry mit Douglas Adams verglichen, weil auch der über Dinge schrieb, die auf anderen Welten spielen, aber am meisten ähnelt er Wodehouse – allerdings ist Terrys Spannweite größer.«

Wie vielen Freunden von Pratchett fällt es Gaiman schwer, über dessen Krankheit zu reden, sogar so schwer, dass er sich uns über Skype anschließt, da ihm E-Mail zu kalt und karg ist. »Ich finde es großartig, dass Terry seinen Alzheimer verdammt noch mal zu seinem Verbündeten gemacht hat«, sagt Gaiman. »Ich liebe es, dass er seinen Alzheimer dazu nutzt, um die ›Dignity in Dying‹-Bewegung {Deutsch etwa: ›Sterben mit Würde‹ — AdÜ} bekannter zu machen.«

Alzheimer ist immer grausam, und die besondere Art, die man bei Pratchett diagnostizierte, zeichnet sich durch einen außerordentlich brutalen, ironischen Zug aus. Tastaturen kann Pratchett gar nicht mehr bedienen, und auch mit einem Stift weiß er nur noch wenig anzufangen. Seine letzten vier Bücher verfasste er vollständig als Diktate und mit der Hilfe von Rob Wilkins, der seit zwölf Jahren sein Assistent ist.

»Tippen kann ich gar nicht mehr, weshalb ich ›Talking Point‹ und ›Dragon Dictate‹ verwende«, sagt Pratchett, während Rob uns in einem überraschend großen, goldenen Jaguar zum Kaffeehaus fährt. »Das Programm wandelt gesprochene Rede in schriftlichen Text um«, erklärt er, »und es gibt eine Sprach-Ergänzung, die von einigen Leuten entwickelt wurde.«

Wie unterscheidet sich das nun davon, mit den eigenen Händen zu schreiben?

»Tatsächlich geht es so viel leichter«, sagt er. Ich zögere, und er bemerkt meine Skepsis.

»Überleg doch mal! Wir sind Affen«, sagt Pratchett. »Wir reden, und zwar ziemlich gern. Wir sind nicht auf die Welt gekommen um …«, er dreht sich zu mir und macht Klacker-di-klacker-Bewegungen, wie ein muffiger Opa, der das Internet für Quatsch hält, »… zu machen.« Für Technologie hegt Pratchett fürwahr so viel Leidenschaft, wie es sich für einen Fantasy-Schriftsteller gehört. Als sich vor einigen Jahrzehnten des Internet für Nicht-Spezialisten öffnete, blühten rasch Gemeinschaften wie ›alt.fan.pratchett‹ {seit 1992 — AdÜ} auf, in denen sich Leser treffen und Geschichten miteinander teilen konnten. »Du musst natürlich schon ein Stück weit ein Nerd sein, um damit zurecht zu kommen«, sagt er. Argwöhnisch beäugt er mich. »Wenn du kein Nerd bist, will ich gar nicht mir dir reden. Du hast doch sicherlich wenigstens schon mal das Gehäuse deines Computers aufgeschraubt, oder?«

Ich befürchte, dass das Interview gleich echt vorbei ist, wenn ich zugebe, mit einem Mac zu arbeiten und Angst davor habe, die Garantie einzubüßen. »Ist auch egal. Aber die Algorithmen sind faszinierend«, sagt er. »Ich habe denen alles zukommen lassen, was von meiner Schreiberei in elektronischer Form vorliegt, und die haben über Nacht alles durchgerührt und ausgeklügelt, wie meine Worte klingen würden und klingen sollten.«

»Wir basteln uns Hilfsmittel«, sagt Rob. »Die Computersysteme sind so eingerichtet, dass sie sich am Morgen, wenn der Wecker klingelt, von selbst einschalten. Terry muss dann also nicht mehr nach dem Einschaltknopf suchen.«


Der große Diktator

Pratchetts Assistent hantiert mit dem Mobiltelefon, und biegt ein zu dem Kaffeehaus, in dem wir unser Treffen abhalten wollen. Man kann sich von Terry nicht wirklich ein stimmiges Bild machen, ohne Rob Wilkins zu beachten, dessen Namen ich versehentlich als ›Wilikins‹ niederschreibe, ganz so wie ein treuer Butler mit verborgenen Charaktertiefen heißt, der in vielen Scheibenwelt-Romanen vorkommt.

Rob ist in vielerlei Hinsicht ein urtypischer Pratchett-Fan. Er hat ein großes Herz, ist bis zum Überfluss erfüllt von der nerdigen Energie der ersten Immigranten-Generation, die in das digitale Universum aufgebrochen ist, trägt ein schlecht sitzendes schwarzes T-Shirt und ist treu bis zum Geht-nicht-mehr. Wenn es einen Grund gibt, warum sich Pratchetts lähmende Krankheit nicht auf den Fortlauf seiner Neuerscheinungen ausgewirkt hat, heißt er Rob. Jederzeit, ob Tag oder Nacht, kommt er zu Terrys Wohnhaus, um ein Diktat entgegenzunehmen oder ein Problem zu lösen, und Terrys Ehefrau hat sich daran gewöhnt, dass das für die Schriftstellerei nötig ist.

»Es ist toll, wenn es uns gelingt, ein Hilfsmittel zu basteln, denn das bedeutet, dass wir ein Gefecht gegen die Krankheit gewonnen haben«, sagt er und eilt davon, um die Getränke zu bestellen. Beide sprechen im Plural, ›wir‹ und ›uns‹, über ihre Arbeit, entsprechend lautet der Twitter-Feed des Schriftstellers ›@terryandrob‹. Die beiden wirken, als wären sie seit Kindheitstagen befreundet. Sie plaudern über Alzheimer, als handle es sich dabei um ein ausgesprochen kniffliges Level eines Videospiels, das sie unbedingt meistern wollen. »Es dauert nicht mehr lange, und das Hilfs-System ist so weit, damit Terry einfach nur mit der Sprache das Licht einschalten, die Vorhänge öffnen und derartige Dinge erledigen kann«, sagt Rob. »Das ist ein großer Spaß. Jeden Tag werden wir damit einen Kampf gegen die Krankheit gewinnen.« Er nickt. »So was machen wir gern.«

Während Pratchetts Auftreten ruppig und pragmatisch wirkt, ist Rob ein überschwänglicher Charakter, von der Sorte, der einen Journalisten den er gerade zum ersten Mal begegnet herzlich umarmt, wenn sich dieser auch als Fan zu erkennen gibt. In der von Pratchett präsentierten, mit einem BAFTA ausgezeichneten BBC-Dokumentation »Choosing to Die« {Deutsch etwa: »Den Tod wählen« — AdÜ} über die Arbeit der schweizerischen Vereins ›Dignitas‹, gibt sich der Autor kurz angebunden und ernst, während er zwei tödlich erkrankte Männern begleitet, die ihrem Leben freiwillig ein Ende setzten. Rob ist derjenige, der sich darüber aufregt, wie unfair das alles ist.

Seit er diagnostiziert wurde, hat sich Pratchett zu einem Aktivisten für würdevolles Sterben entwickelt. Er widmet alle Kraft die er aufbringen kann, um Vorträge zu halten und Programme zu gestalten, und will damit helfen, das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die derzeitige Lage zu schärfen. »Das Problem besteht darin, dass die Menschen heutzutage glauben, nicht mehr sterben zu müssen«, sagt er. »Frühere Generationen hatten noch ein Verständnis vom Tod, denn sie haben selbst eine gesunde Portion Tod erlebt. Noch in der viktorianischen Zeit war es gut möglich, dass man die Beerdigung vieler Geschwister erlebte, ehe man selbst ein fortgeschrittenes Alter erreichte.«

»Heute aber wissen die Leute nicht so recht, was sie mit sich anfangen sollen, wenn sie zu einem Begräbnis gehen. In die Kirche gehen die meisten sowieso nicht mehr – dazu sind sie zu vernünftig –, aber bei einer Beerdigung weiß keiner mehr, was man singen soll, wann man sich erhebt, oder wo man sich hinstellt.«

Rituale sind in Pratchetts Welt etwas sehr Wichtiges. Er gehört nicht zu den Autoren, die jemals abgelehnt hätten, zum Ritter geschlagen zu werden. Stattdessen hat sich Pratchett eigens ein Schwert aus Meteoritenstahl schmieden lassen, denn wenn man schon in den Ritterstand erhoben wird, so dachte er sich, dann auch richtig.


Der Junge vom Land

Terry Pratchett wuchs in den Fünfzigern als Einzelkind in Buckinghamshire und Somerset auf. Lieder und Geschichten waren Teil seiner provinziellen Erziehung – Geschichten über Außerirdische und Reisen ins Weltall standen Seite an Seite mit Erzählungen über die anrüchigen Machenschaften holder Jungfrauen und ihrer Verehrer.

»Zur Science Fiction bin ich ja gekommen, weil ich mich ursprünglich für Astronomie interessiert habe«, sagt er. »Meine Mutter erzählte mir auf dem Weg zu Schule immer Geschichten. Sie begleitete mich den ganzen Weg über zweieinhalb Kilometer und ging dann weiter zur Arbeit.«

»Ich war ein Kind der Sozialwohnungen. Das Haus, in das ich hineingeboren wurde, hätte schon jemand der Stempeln ging nicht mehr betreten. In der Provinz arm zu sein bedeutet, dass man wirklich sehr arm ist. Mein Vater fing ab und zu einen Hasen, sammelte Pilze und Ähnliches, und konnte nur deshalb ein Auto durchbringen, weil er ein guter Mechaniker war.«

»Sie hatten keinen Schimmer, was für unglaublich gute Eltern sie waren. Ich selbst habe es nicht begriffen, bis ich erwachsen wurde. Eltern, die ihre Kinder vor der Glotze parken und sich selbst überlassen, sollte man die Rübe wegpusten.« Er gönnt sich das Privileg des in die Jahre gekommenen Brummbären, jedem einen knackigen Tod zu wünschen, oder, wenn man nicht seiner Meinung ist, einen frühen.

Vor über vierzig Jahren, als er begann Romane zu schreiben, waren Pratchett und seine Frau Lyn »Hippies, aber Hippies mit Jobs«, sagt er. »Ich trug einen Bart, in dem hätte sich Darwin verlaufen können, aber ich verdiente mein Geld als Korrektor einer Zeitung. In unserem kleinen Häuschen war gerade mal genug Platz für ein Kind. Rhianna ist ein Einzelkind, was vielleicht auch ganz gut so ist. Als Einzelkind gehst du entweder unter, oder du entwickelst dich zu einem Kämpfer. Rhianna ist eine Kämpferin.«

Rhianna Pratchett hat sich selbst bereits zu einer angesehenen Spiele-Autorin entwickelt. Kürzlich wurde bekannt, dass sie der kreative Kopf des Franchise-Neustarts von Lara Croft {»Tomb Raiber«, 2013 — AdÜ} ist, und sie wird als Co-Autorin die BBC Schreibenwelt-Serie »The Watch« betreuen, weshalb Fans wie ich sich vor Vorfreude bereits die Backe zerkauen. Meine wird wohl nie mehr ganz verheilen, nachdem ich eine ganz besonders aufregende Rollenbesetzung erfahren habe, über die ich absolut nichts sagen darf.

Unter der Leitung von Pratchetts neuer Produktionsgesellschaft ›Narrativia‹ wird »The Watch« die beliebte Saga der Stadtwache aus der Scheibenwelt dort fortsetzen, wo die Bücher aufhören, und Rhianna ist ein wichtiges Mitglied des Autorenstabes. Der Schriftsteller erzählt mir, wie zufrieden er ist, dass Rhianna die Scheibenwelt-Reihe fortschreiben wird, wenn er dazu nicht mehr in der Lage ist. »Die Scheibenwelt ist bei meiner Tochter in guten Händen«, versichert mir Pratchett.

Rhianna ist umgeben von der Scheibenwelt ihres Vaters aufgewachsen und kennt sie in- und auswendig. Als ich ihm so zuhöre, wie er über seine Tochter spricht, merke ich, dass er zum ersten Mal die Möglichkeit anerkennt, irgendwann nicht mehr schreiben zu können.

»Das Großartigste an Terry, was mich an ihm meisten fasziniert, ist, wie sehr er das Schreiben liebt«, sagt Neil Gaiman. »Das ist nicht bei jedem Schriftsteller so – wir sind da verteilt über die ganze Bandbreite zwischen den Extremen. Aus Douglas Adams musste man die Romane herausquetschen wie den letzten Rest aus einer leeren Zahnpastatube. Und dann gibt es einen wie Terry, der lieber schreibt als sonst irgendwas zu machen. Seit ich ihn kenne – ich begegnete ihm, als er noch als Pressesprecher bei CEGB angestellt war –, hat er jede Nacht nach der Arbeit zuhause seine vierhundert Worte verfasst.«

Derzeit erscheinen noch Bücher von ihm in rascher Folge, wenn auch querbeet – als ob er Projekte abschließen wolle, bevor es zu spät ist. Nun erscheinen Geschichten, die lange in der Warteschleife kreisten. Im letzten Sommer {2012} kam »Die lange Erde« (»The Long Earth«) auf den Markt, ein in der nahen Zukunft angesiedeltes Hard-SF-Epos über Alternativwelten und Ressourcenverteilung. In diesem Winter {2012} erscheint »Dunkle Halunken« (»Dodger«), eine historisch-fantastische Geschichte aus dem viktorianischen London, in der Charles Dickens, Henry Mayhew und eine Handvoll Figuren aus den Werken von Dickens auf widerliche Weise zum Leben erweckt werden. Obwohl das Marketing sich an jungendliche Leser richtet, wurden die Geschichten mit ihren Verteilungskämpfen, den menschlichen Grausamkeiten und den in Kloaken-Strömen treibenden Leichen immer düsterer.

»Was soll man Kindern erzählen?«, fragt Pratchett, als wir noch im Kaffeehaus sind. »›Mach dich auf ein kurzes Leben gefasst‹«, sagt er und nimmt einen Schluck Tee. »Es läuft darauf hinaus, dass wir uns gegenseitig wegen der Rohstoffe die Schädel einschlagen werden, und die meisten Rohstoffe dafür verschwenden uns zu bekämpfen.«

»Neulich war ich in Indonesien, wo man Palmöl-Plantagen besichtigen kann. Wir sind mit dem Hubschrauber geflogen und die Plantagen erstrecken sich über den ganzen Horizont. Ist das Palmöl erstmal abgeerntet, bleibt nur Wüste zurück – und ich meine richtige Wüste: steiniger Boden, auf dem nichts mehr gedeiht. Schlamassel dieser Art werden wir mit unserem Leben bezahlen.«

Und in diesem Augenblick fängt er an zu singen, was ich nicht im übertragenen Sinne meine. Ruhig und deutlich beginnt er das alte englische Volkslied »The Larks They Sang Melodious« {Deutsch etwa: »Melodisch sangen die Lerchen« — AdÜ} anzustimmen. Er hat eine schöne Stimme. Sein zitternder Bariton hat nichts von seiner Kraft eingebüßt und es ist Terry piep egal, dass er die Aufmerksamkeit des halben Kaffeehauses auf sich zieht.

Zwei ganze Strophen singt Pratchett. Das Lied ist erfüllt von Feuerschein und Sehnsucht und Nostalgie nach wärmeren, jüngeren Tagen. Wenn man mit halbgeschlossenen Augen zuhört, kann man sich vorstellen, am Lagerfeuer einem älteren Verwandten zu lauschen, der von Liebe und Tod erzählt, keineswegs unwahrhaft, auch wenn einiges ein wenig ausgeschmückt worden sein mag. Wir sitzen aber nicht am Lagerfeuer, sondern in einer Starbucks-Filiale, trinken etwas schalen Tee, und »The Larks They Sang Melodious« wurde nicht geschrieben, um zu brasilianischen Dudel-Jazz gesungen zu werden.

»Alles rückt näher zusammen, wenn man gemeinsam singt«, sagt er. »Ich kenne die Lieder, die mein Großvater und mein Vater gesungen haben. Und Rhianna kennt die Lieder, die ich gesungen habe, denn heutzutage kann man fast alle Lieder, die jemals komponiert wurden, irgendwo bekommen.«

Er ist ein glühender Fan traditioneller Musik und berichtet stolz: »Maddy Prior hat mich mal geküsst. Nein, nein, du bekommst keinen Ärger, wenn du das aufschreibst«, sagt er und fragt: »Hast du je von Thomas Tallis gehört?« Ohne meine Antwort abzuwarten, fährt er fort: »Letztens bin ich durch meine Küche spaziert, das Radio war an und es lief gerade »Spem in alium« und ich sank nieder auf die Knie. Echt. Dabei ist es mir völlig schnurz, ob jemand in die Kirche geht.«

Ich erwähne nicht, dass nun alle Welt die Harmonien von Tallis und seine vierzigstimmige Motette kennt, weil sie in dem Bums-Bestseller »Fifty Shades of Grey« erwähnt werden.

»In dem Lied das ich gerade gesungen habe, dreht sich natürlich eigentlich alles um Sex«, sagt er grinsend.


Ist dies das Ende?

Sex und Tod und die blutroten Klauen und Fangzähne der Natur. Humor, der so schwarz ist wie der Hut eines Fantasy-Schriftstellers. Unangenehme menschliche Wahrheiten auf den Tisch knallen und ein klein wenig Feenstaub darüber streuen. Das war von Anfang an der Kern des Schaffens von Pratchett. Die garstigen Sachen mit Musik und Magie garnieren, um sie erträglicher zu machen, jedoch ohne dabei die Kinder auch nur eine Sekunde lang zu belügen. Die Kampagne für Sterbehilfe ist lediglich der folgerichtige, praktische Abschluss dieser Haltung.

»Lass uns von Harold Shipman reden«, sagt er, und ich weiß, dass Pratchett mich auf den Arm nehmen will. Ich bin nicht die erste, der die verblüffende Ähnlichkeit – struppiger, weißer Bart und scharfe Gesichtszüge – zwischen dem Fantasy-Autoren und Harold Shipman auffällt, der auch als ›Dr. Tod‹ bekannt ist. Der Hausarzt hat sich 2004 erhängt, nachdem heraus kam, dass er unzählige Patienten in ihren Betten umgebracht hat.

»Was Shipman getan hat war schrecklich. Alle anderen Ärzte haben wegen ihm ihren Mumm eingebüßt. Jetzt müssen alle Ärzte auf Biegen und Brechen jeden armen Kerl am Leben erhalten, egal wie sehr er leidet. Aber der Unterschied besteht darin, dass Shipman Leute umgebracht hat, die nicht krank waren!« Sich mit einem Mann, der höchstwahrscheinlich dem Tod näher ist als man selbst, über den Tod zu unterhalten ist ziemlich unangenehm, vor allem wenn man beginnt über die Feinheiten der Krankheit zu reden, die ihn auf die eine oder andere Weise ums Leben bringen wird. Doch Pratchetts ruppige ›so ist das nun mal‹-Haltung macht das Ganze erträglicher, in etwa so, wie wenn man ein Pflaster mit einem schnellen Ruck entfernt.

Ich fange an zu fragen: »Haben dir die Ärzte schon gesagt – ich meine –«, er unterbricht mich, noch ehe ich den Knoten in meiner Zunge lösen kann. »Ob mir die Ärzte schon mitgeteilt haben, wann ich sterben werde?« Auf einmal vermute ich, dass er in den letzten Monaten schon öfters unangenehme Sätze für Verwandte und Journalisten ergänzen musste.

Nein, bisher gibt es noch keinen absehbaren Zeitpunkt. »Wer nicht weiß, dass ich so eine Krankheit habe, würde es gar nicht bemerken«, sagt er leise. Das stimmt nicht ganz: Pratchett ist blitzgescheit, und in seiner Gegenwart möchte man sich am liebsten vergewissern, schön gerade zu sitzen und ob man seine Schnürsenkel auch ordentlich gebunden hat. Dennoch wirkt er zerbrechlicher als man von jemanden der 64 Jahre alt ist glauben möchte, und manchmal driftet er am Ende eines Satzes ab.

Und tatsächlich hat mich Rob, kurz bevor dieses Interview in Druck ging, kontaktiert, um zu berichten, dass Pratchett Anfang November {2012} in New York bei einer Buch-Tournee fast an etwas, was sie für einen Herzinfarkt hielten, gestorben ist. Die beiden waren nach einem Besuch von Ground Zero mit einem Taxi auf dem Rückweg zum Hotel, erzählt Rob: »Auf einmal ging es Pratchett sehr schlecht. Wir saßen auf der Rückbank des Taxis und ich merkte, dass er sehr angestrengt atmete.« Wenige Minuten darauf verlor Terry das Bewusstsein.

In einer schriftlichen Schilderung des Zwischenfalls, den er veröffentlichen möchte, meint Terry, sich nicht mehr an viel erinnern zu können, außer »dass ich mich elend fühlte, mir sehr kalt war, obwohl mir der Schweiß das Gesicht herablief. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren und bin scheinbar einfach weggedämmert. Rob fragte mich die ganze Zeit, ob es mir gut geht, und versicherte mir, dass die Fahrt nicht mehr lange dauern würde … bei allem, was dann geschah, muss ich mich auf Rob berufen.«

Was geschah, war, dass Pratchett zusammenbrach. »Ich musste mich auf den Rücksitz des Taxis knien und Wiederbelebungsmaßnahmen einleiten. Finger in den Hals und all das. Er wäre fast gestorben.«

Schnell wurde der Autor in ein Krankenhaus gebracht, aber er erholte sich rasch wieder. Die Ärzte erklärten ihm, dass er Herzflimmern erlitten hatte, verursacht durch die kumulativen Wirkungen der verschiedenen Medikamente, die man ihm wegen seines hohen Blutdrucks verschrieben hat. Der hektische Tournee-Plan verschlimmerte die Sache. Jetzt spielt er den Vorfall herunter. »Ich habe mal gehört, dass Signier-Tourneen einen schneller ins Grab befördern als Drogen, Suff und wilde Weiber«, teilt er dem ›New Statesman‹ mit. »Nicht alles davon habe ich selbst ausprobiert.« Der Vorfall hat ihn dazu gebracht, zu erwägen, ob er es ruhiger angehen und mehr Zeit dem Schrieben und der Familie widmen sollte. Aber er genießt das Leben auf Achse zu sehr, um davon abzulassen.

Zuvor, bei unserem Treffen, habe ich Pratchett gefragt, wie sich seine gesundheitliche Verfassung auf seine Haltung zum Leben auswirkt.

»Es macht mich unglaublich wütend. Wut ist etwas Wunderbares. Sie hält dich auf Trapp. Ich bin wütend auf die Banker und auf die Regierung. Sie sind verdammt unnütze Ärsche. Ich weiß genau, was Oma Wetterwachs (eine nüchterne Hexe, die sich nichts bieten lässt und die in einigen Scheibenwelt-Romanen auftritt) zu David Cameron sagen würde. Sie würde ihn wegfegen mit den Worten: ›Mit dir kann ich nichts anfangen‹. (Solche wir er) machen nichts, außer Anwälten in den Hintern zu kriechen. Warum wird niemand aufgeknüpft?«

Alle Scheibenwelt-Bücher durchzieht eine gewisse Krassheit. Befürchtet er nicht, mit seinen Auseinandersetzungen über den Tod die Kinder zu verschrecken? Ganz und gar nicht. Wenn etwas Pratchetts Beiträge zum Genre der Bücher für junge Erwachsene in den Regalen der Buchhandlungen auszeichnet, dann seine Bereitschaft, die jungen Leser mit einigen der grauenvollen Tatsachen des menschlichen Daseins zu konfrontieren, mit all der albernen Ernsthaftigkeit die man von einem sterbenden Satiriker erwarten darf, dessen persönliches Wappen ein lateinisches Motto ziert, das auch in seinen Romanen auftaucht: »›Noli timere messorem‹ – fürchte nicht den Schnitter.«

{SPOILER!!!} In seinem neuestem Jugendbuch »Das Mitternachtskleid« {»I Shall Wear Midnight«} gibt es eine längere Szene, in der die junge Heldin zuerst den Selbstmord eines Mannes verhindern muss, der kurz zuvor seine unverheiratet schwangere, dreizehnjährige Tochter derart schlimm verprügelte, dass diese eine Fehlgeburt hatte – und dann beerdigt die Heldin den Fötus. {ENDE SPOILER} Nicht gerade Harry Potter. Und dennoch verschlingen die Kinder diese Bücher, denn zu den Dingen, die Pratchett begriffen hat, gehört, dass Kinder zwar gerne Geschichten lesen, es aber nicht mögen, wenn man sie belügt.

Es bereitet ihm keinerlei Sorgen, dass junge Leser möglicherweise ihren Lieblings-Autor im Fernsehen offenherzig über seinen eigenen Tod reden hören. »Kindern Angst zu machen ist eine edle Sache«, sagt er. »Ich erzähle Kindern mit Freuden, dass sie sich auf ein kurzes Leben einstellen sollen. Folgendes ist jedoch dabei wichtig: man darf Kinder durch den finsteren Wald führen, aber man muss sie dann auch wieder zum Licht lotsen.«

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