Klappentext-Variationen mit Ju Honisch und »Die Quellen der Malicorn«

Mit einiger Verspätung, weil ich in den letzten Wochen vor lauter 200-Stunden-Plus-Brotjob, Angekränkeltsein & ›Nebenbei-Übersetzen‹ von Hellboy-Prosastories zu nix komme (von »GTA V« ganz zu schweigen … hüstel), ist es nun endlich so weit, dass ich folgenden wunderschönen Gastbeitrag von Ju Honisch aufbereiten konnte.
Ju ist nicht ›nur‹ (eine irre gut kochende!) Nachbarin & seit einigen Jahren meist meine Mitfahrgelegenheit zum BuCon im nahen Dreieich, zudem ist sie eine erfahrene Fantasy/SF/Filk-Haudegin (die ganz früher, wie ich auch, bei einem lustigen Fantasy-Verein war, der das »Fest der Fantasy« der Völker Magiras ausrichtet) die u.a. als studierte Anglistin & Historikerin richtig was auf dem Kasten hat, und durch ihre Verbindungen zu Kreativen & Fans des englischsprachigen Raumes über ein erkleckliches Maß an Genre-Weisheit gebietet.
Was mich darüber hinaus auf ganz besondere Weise mit ihr freundschaftlich und literaturleidenschaftlich verbindet, ist der Umstand, dass ich als Beta-Leser ihrer ersten beiden historischen Fantasy-Romane fungieren durfte (»Das Obsidianherz« und »Salzträume« {Band 1 / Band 2}).
Viel Vergnügen mit ihrem Beitrag über Wohl & Weh von Klappentexten.
Cheers
Alex / molo

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Vielen Dank an Molo, der mich auf sein Blog losgelassen hat, während ich weitere Ecken der Blogosphäre bereise.

Richtig? Falsch? Oder anders?

Klappen- oder Werbetexte sollen Anreize schaffen. Der potentielle Leser soll drauf gucken und sagen: »Ui, das klingt interessant! Das will ich unbedingt lesen!«

Aber Bücher lassen sich nicht gar so einfach in ein paar wenige Sätze zusammenfassen, schon gar nicht, wenn sie über 600 Seiten und mehr als nur einen Handlungsstrang haben. So ist es kaum verwunderlich, dass die meisten Autoren mit den Klappentexten, die die Verlage für verkaufsfördernd halten, oft nicht so ganz hundertprozentig konform gehen. Manchmal liest man sie und erkennt sein Buch nur in Bruchstücken wieder. Dann steht man vor den glatten Worten und möchte sagen: »Aber … aber … aber … es geht doch eigentlich um was ganz anderes?« — »Doch nur so verkauft sich’s«, sagt dann der Verlag. Und das ist schließlich ein Argument.

Ju Honisch: »Die Quellen der Malicorn« bei Heyne Taschebuch. In »Die Quellen der Malicorn« geht es u.a. um Macht und Machtmissbrauch. Damit verkauft man natürlich keine Phantastik. Und es ist ja tatsächlich nicht so, als würde einem irgendeine ›Lehre‹ um die Ohren geschlagen. Das Buch beschreibt ein Abenteuer, das mit wechselnden Personen in zwei verschiedenen Welten stattfindet, in unserer (in der Jetztzeit in Irland) und in Talunys, einem mythischen Reich, zu dem die geheimen Zugänge auf einmal wieder offen sind.

In der Phantastik ist Magie eine feste Größe. Sir Terry Pratchett schreibt

»any sufficiently advanced magic is indistinguishable from technology«.
Anmerk Molo: Auf Deutsch etwa »Jede hinreichend fortschrittliche Magie ist von Technologie nicht zu unterscheiden«, was freilich eine sinnreiche Umkehrung von Arthur ›2001‹ C. Clarkes Gesetzt No. 3 ist: »Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.«

Damit gibt er dem Möglichen mehr Raum. Und er hat recht. Ein Flugzeug wäre einem Mittelaltermenschen als Magie erschienen. Und was uns magisch anmutet, mag wiederum nur eine Technik / Geistestechnik sein, die wir noch nicht ge- oder erfunden haben.

Was aber, wenn es in einer Welt Wesen gibt, die Magie beherrschen, und solche, die sie nicht beherrschen? Man kann schon davon ausgehen, dass es sehr schnell zu einer Zweiklassengesellschaft käme. Der Konflikt, der daraus entsteht, bietet mannigfaltige Möglichkeiten, ›Abenteuer‹ unterzubringen — auch in Harry Potter wird das schließlich thematisiert. Dennoch steht in keinem Klappentext:

Die Bücher von J.K. Rowling behandeln das Problem von Macht und Machtmissbrauch in einer modernen Gesellschaft, in der unterschiedlichen Menschen sehr unterschiedliche Technologien und Fertigkeiten zur Verfügung stehen, um Macht auszuüben und zu missbrauchen oder ein bestehendes soziales Gefüge so wie es ist zu erhalten, um die Rechte des Einzelnen zu sichern.

Mit dem Klappentext hätte niemand HP gekauft.

Ich mache mir also jetzt den Spaß und poste hier ein paar Klappentexte: alle für das gleiche Buch. Ich sage nicht, welcher es über den Verlag ins Internet geschafft hat, welcher auf dem Buchrücken steht oder welcher (meiner) in der Versenkung verschwunden ist:

Klappentext-Variation #1: »Abiturientin Una ist gerade von ihrem Freund verlassen worden, und statt des Party-Sommers in Spanien ist nun Urlaub mit den Eltern in Irland angesagt. Verständlich, dass sich Unas Begeisterung in Grenzen hält. Doch in Irland, der Insel der Mythen und Sagen, ist nichts unmöglich, und so findet Unas Langeweile bald ein Ende, als sie auf einer ihrer ausgedehnten Radtouren Kanura begegnet, der Una mit in seine Welt nimmt — die Welt der Einhörner und Nymphen. Dort entdecken die beiden nicht nur ihre Gefühle füreinander, sondern kommen auch einer Verschwörung auf die Spur, die beide Welten für immer zerstören könnte …«

Klappentext-Variation #2: »Nach Jahrhunderten bricht in der Welt Talunys erneut Krieg aus. Hier herrschen die friedliebenden Einhörner, das kunstsinnige Gestaltwandler-Volk der Tyrrfholyn. Im Kampf verschlägt es den Fürstensohn in die Menschenwelt, von wo er Una mit zurücknimmt. Una, eine emanzipierte, junge Menschenfrau mit Witz und Verstand, findet sich in einer Welt wieder, in der ein grausames Regime sich anschickt, alles zu unterwerfen, was es für minderwertig hält. Plötzlich geht es in diesem Krieg auch um ihr Leben und nicht nur um das eines Mannes, der sehr viel mehr ist als — einfach nur ein Mann.«

Klappentext-Variation #3: »Einst waren sie ein fester Bestandteil unseres Lebens, weise, friedvoll und verehrt: Einhörner. Doch sie verschwanden und wurden zur Legende. Das dachte auch Una, bis sie eines Tages an einer Quelle in Irland einem jungen Mann begegnet, der von sich behauptet, aus einer anderen Welt zu kommen und ein Einhorn zu sein. Bevor Una weiß, wie ihr geschieht, zieht er sie mit in sein Reich und damit in einen gefährlichen Kampf zwischen der guten Magie der Einhörner und der ihrer dunklen Gegner.«

Klappentext-Variation #4: »Irland hat Hunderte von gut verborgenen ›Heiligen Quellen‹. Seit der Christianisierung sind sie jeweils einem Schutzheiligen zugeordnet. Doch es gab sie schon vorher, und sie galten in jenen altkeltischen Tagen als Übergänge in die Anderwelt. In ›Die Quellen der Malicorn‹ sind sie das auch wieder, und die deutsche Touristin Una wird in eine andere Welt verschleppt, während mythische Wesen von dort nach Irland kommen. Gemeinsam mit Irene, einer irischen Musikerin aus Deutschland, und einer übriggebliebenen Göttergestalt des keltischen Mythos’ suchen sie nach der Lösung des Geheimnisses, das hinter all den rätselhaften und erschreckenden Ereignissen steckt.«

Lesern von 15 bis 95, so hatte der Verlag es sich gewünscht, sollte dieses Buch gefallen. Das ist eine eher weite Kategorisierung des Zielpublikums. Ich würde mich natürlich freuen, wenn ich den Geschmack eines so weiten Feldes getroffen hätte.

Ob das überhaupt geht? Und ob man all diese jungen und nicht ganz so jungen LeserInnen mit ein und demselben Klappentext ›kriegt‹, ist auch noch die Frage. Vermutlich hat der Verlag schon recht, wenn er etwas auf den Buchrücken schreibt, dass der ›großen Masse‹ am ehesten gefallen mag. Doch wer — um Himmels Willen — ist eigentlich diese viel zitierte große Masse?

Ich erlaube mir also zum Abschluss noch den üblen Streich, hier einen Klappentext zu verfassen, wie er vielleicht dem akademischen Bildungsbürgertum das gleiche Buch näher bringen und ihm gleichzeitig die Angst nehmen könnte, man würde das Abitur aberkannt bekommen, wenn man etwas liest (und auch noch zugibt!), in dem das Sagenhafte eine Rolle spielt. Ich weiß nicht mehr, welche deutsche TV-Liesl es war {Molos Link-Hinweis: ›Hust-hust‹}, die ihr wohlfundiertes Talkshow-Halbwissen dadurch aufwerten wollte, dass sie öffentlich erklärte, sie würde grundsätzlich nichts lesen, in dem so was wie Elfen, Hexen, Dämonen o.ä. vorkommen. Tja, Johann Wolfgang, da hättest du das mit dem Faust wohl besser lassen sollen. Das konnte ja nichts werden.

Klappentext-Variation #5: »Das Sagenhafte ist in uns angelegt. Seine Archetypen leben in unserer Seele und prägen unser Denken und Fühlen. Doch was, wenn sie einer fernen Realität entspringen und plötzlich und unvermutet in unser Leben treten? Die junge Deutsche, Una, macht Urlaub in Irland, als sich die Tore zur Anderwelt — wie in der keltischen Mythologie — plötzlich öffnen. Das, was auf der anderen Seite ist, ist keine rosa Märchenwelt, sondern ein geteiltes Land, in dem es Krieg gibt, ein Reich mit unterschiedlichen Herrschaftsstrukturen, mit Rassismus, Unterdrückung und einer — ganz wörtlich — schweigenden Minderheit, die ihre Sprachlosigkeit als Rettung vorm Untergang versteht. Von einem Wesen verschleppt, das zugleich Mann und Einhorn ist und das dennoch so gar nicht dem christlichen Symbol für Reinheit entsprechen will, erfährt Una, dass man an seine Grenzen gehen kann und jenseits dieser Grenzen immer noch etwas ist, das schön sein mag oder grausam, das man überwinden oder an dem man zugrunde gehen kann.«

Viel Spaß beim Lesen von »Die Quellen der Malicorn«!
Eure Ju Honisch

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Die bisherigen Stationen der Blogtour

Molos Wochenrückblick No. 66 / 67

Eintrag No. 745 — Hier also wieder mal eine Doppelnummer (um die Wochenzählung aufrecht zu erhalten). Es herrscht Wochenrückblick-Sommerpause bis Ende August, Anfang September, weil ich ziemlich viel Brotjob-Dienst schiebe, meine derzeit laufenden Serien (»Eine andere Welt« von Grandville und meine Buchregal-Wanderung) jedoch nicht gefährden möchte. Nächster Wochenrückblick kommt voraussichtlich erst in zwei Wochen.

Lektüre: Da ich nicht viel Musenzeit zum Lesen habe, bevorzuge ich in den letzten Wochen ›leichte‹ Comic-Stoffe. Guter Grund endlich mit »Hellboy« aufzuholen. Jahrelang hatte ich mich nicht um den großen Roten gekümmert und nur die ersten drei Sammelbände auf Englisch im Haus. Mittlerweile genieße ich den neunten Sammelband, »The Wild Hunt«. »Hellboy« ist eine der ganz wenigen Phantastik-Serien / Franchise-Produktionen, der ich verfallen bin. Ich mag die Comics, ich mag die Spielfilme (die endlich endlich den großartigen Ron Perlman zu einem Hauptdarsteller-Star gemacht haben), ich mag die Zeichentrick-DVDs, ja ich fand sogar die erste Doppelfolge der deutschsprachigen Hörspiele von Lausch ganz nett. Himmel!!! Ich hab einen »Hellboy«-Schlüsselanhänger … soviel zu meinem Status als Fanboy. — Als nächstes steht bevor, mir das gute Dutzend Sammelbände des Ablegers »B.P.R.D.« anzuschaffen. Seufz … Freu.
— Ach ja: passend zum Thema gratuliert für ›Der Tagesspiegel‹ Moritz Honert dem deutschen Verlag von »Hellboy«, Cross Cult, zum Zehnjährigen: Happy Birthday, Höllenjunge.
— Und dann hat auch noch ein Deutscher, Hendrik Berends, den »Re-kreiere ein Hellboy-Cover«-Wettbewerb von Dark Horse gewonnen. Glückwunsch!

Ebenfalls am nachholen bin ich, was die Werke von Meister Neal Stephenson angeht. Endlich habe ich mir sein Roman-Debüt »The Big U« aus dem Jahre 1984 besorgt und bin seit vorgestern halb durch damit. Eine wunderbare, lustige Campus-Gaudi in der sich Zimmergenossen mit Metal- und Orgelmusik bekriegen; ein Englisch-Prof. erklärt, warum Noten geben wie Poesie ist; einer Gruppe CoSim- & Rollenspieler, die baff vor Staunen ist, wie ein Computergenie bei seinem erstem Spiel den zweiten Weltkrieg mit den Achsenmächten gewinnt; Studentenparlamets-Sitzungen mit Budget-Gerangel und Vorbereitungen zum großen Fantasy Island-Fest des Frauen-Wohnflügels. — Erstaunlich, wie hoch die Ansprüche von Stephenson an sich selbst sind, denn er stuft dieses Debüt als minderwertig ein. Erst, als die Preise für diesen vergriffenen Roman unverschämt hochschnellten, stimmte er zu, dass man ihn neu auflegt (sehr anständigt von ihm!). Und wiedermal muss ich eine Schande der deutschen Verlagslandschaft ankreiden, denn bisher gibt es diesen unterhaltsamen Roman nur als teure (wenn auch schöne) Edition Phantasia-Ausgabe in kleiner Auflage. Ich halte es nicht für sooo wahrscheinlich, dass eine Taschenbuchausgabe zwangsläufig ein völliges Verlustunternehmen darstellen würde. — Schon richtig, dass in diesem seinem ersten Roman noch nicht der ganze Stephenson in voller Pracht erblüht. Aber eine seiner bedeutensten und kurzweiligsten Stärken brilliert bereits deutlich, sein geschicktes Händchen fürs Satirisch-Humoristische.

Nun aber zu den Links, diesmal ohne Kategorien, und mit einer Extra-Portion Filmchen.

  • Schöne Gelegenheit zum ersten mal etwas von Brad ›Cinema Snob‹ Jones vom ›That Guy With The Glases‹-Portal zu verlinken. Geht es um Nazis in der Popkultur, gibt es wenige, die unentschlossen bleiben, ruhig Blut wahren oder mit ›ist egal‹-Haltung in der Mitte verharren. Die meisten finden Nazis in der leichten Unterhaltung entweder meistens prinzipiell & ohne wenn und aber unakzeptabel, oder haben (wie ich oftmals) ihren Spaß damit, wenn diese Musterbösewichter auf die Bühne gerufen werden, um zu machen, was sie gut können: Bösewichter abgeben. Der ›Cinema Snob‹ bespricht hier einen billigen Kriegsmoral-Aufpepper aus dem Jahre 1942 namens Hitler Dead or Alive in dem drei Straßengangster mit Tommy-Gun dem Gröfaz auf die Pelle rücken.
  • ›Cartoon Brew‹ führt vor, um wie vieles das Kinder- und Jugendfernsehprogramm früher besser war als heute. So hat man in den Siebzigern jemanden wie Terry Gilliam erklären lassen, wie man einfache Trickfilme macht. Terry Gilliam's Do It Yourself Animation Show.

  • Ich liebe die Zauberer und Komiker, die bei den TED-Talks auftreten. Jüngst hat der Schweizer Marco Tempest geziegt, wie man mit drei iPod-touch-Geräten einen Saal voller Tech-Geeks zum Staunen bringt: Die Magie der Wahrheiten und Lügen









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Buchregal-Führung (5): Okkultkram, Erotika & ferne Gegenden

Eintrag No. 739 — Kommen wir nun zum untersten und letzten Regalbrett des nord-östlichen 80-cm-Billys. Hier gehts okkult und durcheinander zu. Kein Wunder, denn dieses Regal ist etwas schwer zugänglich und da sammelt sich nun mal schnell, was ich nur selten rausziehe.

Es beginnt links mit ein wenig Erotica: der kleine Jan Saudek von Taschen; ein kleiner Katalog des Frankfurter Kunstvereins aus dem Jahre 1998 mit Zeichnungen des wahnsinnigen Javier Gil und der Taschenbildband »Digital Desires« von Natacha Merritt.
— Darauf liegen die Tarot-Karten, mit denen ich ab und zu rummwurschtl: eines von Milo Manara, das klassische Rider Waite-Deck und die unglaublich coolen ›World of Darkness‹-Karten aus der Welt des Rollenspiels »Mage – The Ascension«.
— Daneben dann einige alte Bücher von Andrea, die ich gerne in Verwahrung genommen habe: über Hexen, Haiti & Voodo, wobei »Der Tanz des Himmels mit der Erde« von Maya Deren sicherlich der beste Titel ist. Auch der weiter rechts stehende (ebenfalls Andrea gehörende) Band »The Magic Island« von William Seabrook ist ein lesenswerter Klassiker über die magische Seite von Haiti
— Nun meine paar alten Magie-Bücher, die im Lauf der Zeit nicht aussortiert wurden: toll zum Blättern der fette »Alchemie & Mystik«-Ziegel von Taschen; dann die Werke von Austin Osman Spare; und das wundervolle Buch zum Giger-Tarot und das Nachschlagewerk von Akron & Banzhaf zum Crowley-Tarot (ein Klassiker der Wohngemeinschafts-Esoterik).
— Bereichernde Schau auf die Geschichte der modernen Esoterik bieten die beiden Bücher von Colin Wilson »Das Okkulte« und »Mysteries«, auch wenn ich den Ausführungen über die geistigen X-Kräfte nicht mit dem Herz folgen mag.
— Schnitt und wir befinden uns in einer kleinen Abteilung mit Büchern über ferne Weltgegenden und historische Reiseaufzeichnungen des Unionsverlages und des Erdmann Verlages.
— Auch wenns nicht komplett ist, mag ich die etwas zerfledderte Diogenes-Ausgabe von Jules Vernes »Die großen Seefahrer & Entdecker«; daneben steht der »Südöstliche Bildersaal« des unvergleichlichen Fürst Pückler (mein erster Kandidat für eine deutsche ›Liga der außergewöhnlichen Gentlemen‹).
— Ganz rechts, eigentlich völlig Fehl am Platze, steht das dicke Ding mit den vergnüglichen Aufzeichnungen von Karl Ignaz Hennetmair »Ein Jahr mit Thomas Bernhard«.

Oben auf liegen noch zwei Sachbücher: einmal das etwas trockene aber ausgiebige Recherchefrüchte bergende »Magie & Magier im Mittelalter« von Christa Tuczay und der etwas planlose aber ebenfalls stoffreiche Titel »Der Teufel« von Alfonso di Nola.

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Damit ist die Wanderung durch das erste Regal abgeschlossen. Stehen noch sieben vor uns.

Molos Wochenrückblick No. 25

Eintrag No. 666 — Räume am Sonntag im Billy mit den gebundenen Schinken Zeugs aus der ersten in die zweiten Reihe, um Platz zu schaffen für Sachen, zu denen ich öfters greife, oder denen ich mich auf absehbare Zukunft vermehrt widmen will. Da fällt mir »Das Kritikon« von Gracian aus zwei Meter Höhe auf das Nachschlagwerk-Arbeitsregal, dass es die Dübel aus der Wand reisst. Perdauz aber auch, das Bookanier-Dasein ist gefährlich.

Lektüre: Auf dem Klo »Transmetropolitain«. — Unterwegs abwechselnd immer noch »Behemoth« von Westerfeld und Thompson, sowie zur Beschallung der »Barock-Zyklus« (engl.) von Stephenson. Bin mittlerweile im dritten von 8 Büchern angekommen. — Seit dem letzten Dienstag lese ich nun schließlich zu Hause, am Abend, endlich »Zettel's Traum« von Arno Schmidt, dem letzten Buch der Werksausgabe das mir fehlte, & auf das ich ca. 20 Jahre gewartet habe. Natürlich auch für Phantasten interessant, denn es wird (schier endlos) über Edgar Allan Poe doziert und gestritten, und es finden Verwandlungen und Poetisierungen längere Gedankenspiele statt. Nützlich für Leuts, die mehr zum Buch wissen wollen, ist dieser Prospekt des Suhrkamp Verlasges. Wenn alles klappt, dann werde ich hie und da ein wenig aus meiner Wanderung durchs »Zettel's Trumm« (Spitzname © Andrea) berichten. Ich schaffe pro Abend etwa zwei bis vier Seiten dieses Werkes. Hier derweil schon mal ein bildungsbürgerlich-gemütliches Stillleben mit Single Malt und Nüsschen.
»Zettel's Traum«-Stillleben mit Single Malt und Nüsschen.

Netzfunde

  • Anna Gielas hat für ›Der Freitag‹ einen lesenswerten Text über die frühe Royal Society, bzw. deren Vorgänger, Invisible College geschrieben: Gezeter, Trotz, Duellpistole.
  • Endlich! In der SPD versucht sich ein laizistischer Arbeitskreis zu formieren: Soziale und demokratische LaizistInnen. Ich drücke die Daumen! Wenn Ihr mal rausbekommt, was Eremitenhäuser sind, und warum die eine Millionen € im Jahr brauchen, dann gebt mir bescheit.
  • Nochmal ›Der Freitag‹: Längeres Gespräch mit Susie Orbach »Wir modellieren Körper«, worin dann auch auf das sehr erstaunliche Any-Body-Blog verlinkt wird. Leute davon zu überzeugen, ihren Körper modifizieren zu müssen, bzw. erstmal dafür zu sorgen, dass Menschen sich mit / in ihren eigenen Körper nicht wirklich zuhause fühlen, ist eines der fundamentalsten und perfidesten Herrschafts- & Unterdrückungs-Instrumente die es gibt (und eines der ältesten).

(Deutschsprachige) Phantastik-Funde

  • Die Damen & Herren der deutschen Steampunker.-Site ›Clockworker‹ waren Im Salongespräch: Oliver Plaschka. Oliver ist einer der ganz wenigen deutschsprachigen lebenden Genre-Phantasten, die für mich in die Suppe kommen. Seine »Die Magier von Montparnasse« fand ich richtig gut, mit »Fairwater – Die Spiegel des Herrn Barthalomew« bin ich zu 1/3 fertig und finde es ganz apart, und ich freue mich schon darauf »Der Kristallpalast« zu lesen.
  • Bin im Lauf der letzten Woche wieder von einem Agentur-Menschen angeschrieben worden, der einen Linktausch vorschlägt. Wiederum für eine Verlags-Portal- & Onlinebuchhandel- & Social Netwörk-Site. Diesmal aber für eine ganzer Reihe Verlage, die ich sehr schätze, wie Edition Nautilus, Reprodukt, Kein & Aber. Also, ganz umsonst, hier ein Empfehlungslink auf den Eintrag zu Kurt Vonneguts »Ein dreifach Hoch auf die Milchstraße« (inkl. drei Leseproben) im ›Tubuk‹-Blog.
  • Für den ›Tagesspiegel‹ jubelt Lutz Göllner über Verhängnisvolle Freundschaften, sprich »20th Century Boys« von Naoki Urasawa.
Zur Erinnerung:
Hinweise auf bemerkenswerte deutschsprachige Internet-Beiträge zum Thema Phantastik (in allen ihren U- & E-Spielarten) bitte per eMail an …

molosovsky {ät} yahoo {punkt} de

… schicken. — Willkommen sind vor allem Hinweise zu Texten, die wenig beachtete Phantastikwerke behandeln (z.B. also Einzelwerke statt Seriensachen), oder die über Autoren, Theorie und Traditionsentwicklungen berichten.

Wortmeldungen

  • Habe mich im lauf der letzten Woche noch ein paar Mal in dem Exploitation SF-Thread bei ›SF-Netzwerk‹ gemeldet.

Zuckerl

  • ›BoingBiong‹ weist auf Joe Jubnas Schemakarte zu Japanischen Konsolen-Rollenspielen hin: The Japanese RPG formula. Köstlich, und zugleich geeignet als Beweiststück in meinem ewigen Prozess, warum ich mit den allermeisten Franchise-Sachen nix anzufangen weiß, denn was sich auf solche Karten zusammendampfen lässt, kann (in meinen Augen) nicht allzuviel taugen.
  • ›IO9‹ hat eine begrüßenswerte Top-20 mit die Welt rettenden Bibliothekaren zusammengestellt: 20 heroic librarians who save the world.
  • Unglaublich aber wahr. Bei ›Life‹ hat man eine alte Photo-Reportage ausgebuddelt, wie einst, im Januar des Jahres 1941 in den Wäldern des US-Staates Mayland, eine Gruppe Leuts (unter anderem William Seabrook) mit einem Voodoo-Ritual dafür sorgten, dass die Nazis den Krieg verlohren: Putting a Hex on Hitler, 1941.

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DVD-Woche: Präsidentengestrüpp, Spiegelkabinett & Bühnenzauberei

Eintrag No 546 — Hier die kurzen Bewertungen zu den in der letzten Woche geguckten Filme.

W. – Ein missverstandenes Leben.
Oliver Stone ist so einer, der auch dann einen spannenden Film abliefert, wenn eigentlich nur geredet wird. »W.« ist zwar nicht so spektakulär wie »JFK«, und nicht so unheimlich-tragisch wie »Nixon«, kann aber trotzdem mit diesen beiden anderen Präsidenten-Filmen von Meister Stone mithalten. — Die Handlung schreitet auf zweifache Weise episodisch pendelnd voran: a) zwischen der Vergangenheit des jungen W. und (dann grauhaarig) seiner Amtszeit zu Beginn des Irakkrieges; b) zwischen Bush dem Politiker (Abgehordneter und Präsi) und Bush den Privatmenschen (Sohn und Ehemann). Das zusammenklammernde Über-Thema ist die Emanzipation des jungen W. weg von seinem Vater, hin zum höheren GOtt-Vater. Gerade das religiöse Elememt des Filmes hat mich zugleich gruseln und schmunzeln lassen (z.B. wenn nach Konferenzrunden zum gemeinsamen Gebet die Hände gefaltet werden). — Einige Szenen und Aspekte haben mich laut auflachen lassen: als W. eine Eingabe zu harten Befragungsmethoden gutheißt und Waterboarding, Reizentzug und Reizüberlastung mit den Ritualen aus seinen Burschenschaftlertagen vergleicht. Wie die Oberstreberin Concoleza Rice als Alien im Männerkabinett herumwichtelt. Und grandios das ›Finale‹, wenn W. unkontrolliert zu plappern anhebt bei einer Pressekonferenz nach dem Einmarsch im Irak. Auch der Einsatz von schunkeltauglicher Country- und Bierfest-Musik brachte mich zum Lächeln.

Fazit: Obwohl insgesamt zu zahm, unterhält der Film vor allem Dank seiner überragenden Darsteller, vorausgesetzt man bringt die Nerven mit, dem Menschen Bush jr. näher kommen zu wollen.
8 von 10 Punkten.

Mirrors
Das Gute an dem Film: Ex-Detective Kiefer Sutherland dreht als Nachtwächter eines brandgeschädigten, leerstehenden Art-Deko-Kaufhaus (ehemals eine Klinik) in New York seine einsamen Runden, ringt als Ex-Alkie mit Psychoproblemen (mit dem fing er überhaupt erst an, weil er als Bulle jemanden im Dienst erschossen hat), und wird schön langsam irre wegen des dämonischen Spiegelspukes der zuerst im kaputten Gebäude, später auch außerhalb um sich greift. Das Nervige an dem Film: eine aufgesetzte Familien-Beziehungskiste mit einer überspannten Frau und zwei Kindern, von denen der kleine Junge im Lauf des Filmes zum Wirt für die Dämonen zu werden droht. Irgendwann verfranzt sich die Handlung auch in die Provinz zu Hinterwäldlern, bzw. in ein Kloster, wo eine Nonne ein finsteres Geheimnis pflegt. — Die paar pfundigen Gruselpassagen mit Brandopfern die nur im Spiegel existieren, einem maulaufreissendem Mord an einer hübschen Blondine in der Badewanne und die überraschende Schlußvolte machen das Kraut auch nicht fett.

Fazit: Kann trotz ›schöner‹ Verfalls-Optik und einem (wie meistens) überzeugend intensiv spielenden Sutherland nicht überzeugen. Zu lang, zu zäh und (tödlich für jegliche Phantastik) zu bieder-schwachsinnig.
4 von 10 Punkten.

Der Illusionist
Da leider die wichtige Rolle der von zwei Männern umgarten Herzensdame dieses romantisch-historischen Zauberer-Thrillers enttäuschend fade von Jessica Biel dargestellt wird, zündet der Schmacht- und Seufz-Faktor nicht. Bleibt aber immerhin noch das Männertrio, dessen Spiel überzeugt. Ed Norton gibt als die Massen faszinierender Illusionist (der aus einfachen Handwerkermilieu stammt) den zurückhaltenden und stets kontrollierten Perfektionen; Rufus Sewell glänzt als österreichischer Kronprinz wieder mal in der Rolle eines energischen Unsympathlers; und Paul Giambetti darf als Inspektor hin- und hergerissen sein, denn seine Figur ist ein begeisterter Fan des Illusionisten, muß aber der Dienstpflicht wegen dessen vermeindlichen betrügerischen oder gar mörderischen Umtriebe auf die Schliche kommen. — Die Rekonstruktion der Bühnenauftritte des Illusionisten sind fein gemacht (wenn auch die ersichtlichen CGI-Effekte den Zauber abschwächen); der z.T. auf alt getrimmte optische Stil paßt gut zur Stimmung; und die Musik von Philip Glass trägt wie immer bereichernd zur Athmo bei.

Fazit: Tolles männliches Darsteller-Trio in einem ruhig-gediegenen inszenierten Historienkrimi.
6 von 10 Punkten.

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10 + + + + + Maßstabsetztendes Meisterwerk; Olympisch.
09 + + + + Überwiegend exzellent; Packend.
08 + + + Bemerkenswert mit leichten Schwächen; Anregend.
07 + + Befriedigendes Handwerk; Kurzweilig.
06 + Unterhaltsam mittelprächtig; Akzeptabel.
Unsichtbare Grenze der absoluten Mittelmäßigkeiten
05 - Brauchbar mittelprächtig; ganz nett, aber insgesamt lau.
04 - - Überwiegend mittelprächtig; Anstrengend bzw. langweilig.
03 - - - Bis auf wenige Momente daneben gegangen; Nervig.
02 - - - - Ziemlich übeles Machwerk; Zeitverschwendung.
01 - - - - - Grottenschlechtes übles Ärgernis; Pathologisch.
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