Molos Wochenrückblick No. 66 / 67

Eintrag No. 745 — Hier also wieder mal eine Doppelnummer (um die Wochenzählung aufrecht zu erhalten). Es herrscht Wochenrückblick-Sommerpause bis Ende August, Anfang September, weil ich ziemlich viel Brotjob-Dienst schiebe, meine derzeit laufenden Serien (»Eine andere Welt« von Grandville und meine Buchregal-Wanderung) jedoch nicht gefährden möchte. Nächster Wochenrückblick kommt voraussichtlich erst in zwei Wochen.

Lektüre: Da ich nicht viel Musenzeit zum Lesen habe, bevorzuge ich in den letzten Wochen ›leichte‹ Comic-Stoffe. Guter Grund endlich mit »Hellboy« aufzuholen. Jahrelang hatte ich mich nicht um den großen Roten gekümmert und nur die ersten drei Sammelbände auf Englisch im Haus. Mittlerweile genieße ich den neunten Sammelband, »The Wild Hunt«. »Hellboy« ist eine der ganz wenigen Phantastik-Serien / Franchise-Produktionen, der ich verfallen bin. Ich mag die Comics, ich mag die Spielfilme (die endlich endlich den großartigen Ron Perlman zu einem Hauptdarsteller-Star gemacht haben), ich mag die Zeichentrick-DVDs, ja ich fand sogar die erste Doppelfolge der deutschsprachigen Hörspiele von Lausch ganz nett. Himmel!!! Ich hab einen »Hellboy«-Schlüsselanhänger … soviel zu meinem Status als Fanboy. — Als nächstes steht bevor, mir das gute Dutzend Sammelbände des Ablegers »B.P.R.D.« anzuschaffen. Seufz … Freu.
— Ach ja: passend zum Thema gratuliert für ›Der Tagesspiegel‹ Moritz Honert dem deutschen Verlag von »Hellboy«, Cross Cult, zum Zehnjährigen: Happy Birthday, Höllenjunge.
— Und dann hat auch noch ein Deutscher, Hendrik Berends, den »Re-kreiere ein Hellboy-Cover«-Wettbewerb von Dark Horse gewonnen. Glückwunsch!

Ebenfalls am nachholen bin ich, was die Werke von Meister Neal Stephenson angeht. Endlich habe ich mir sein Roman-Debüt »The Big U« aus dem Jahre 1984 besorgt und bin seit vorgestern halb durch damit. Eine wunderbare, lustige Campus-Gaudi in der sich Zimmergenossen mit Metal- und Orgelmusik bekriegen; ein Englisch-Prof. erklärt, warum Noten geben wie Poesie ist; einer Gruppe CoSim- & Rollenspieler, die baff vor Staunen ist, wie ein Computergenie bei seinem erstem Spiel den zweiten Weltkrieg mit den Achsenmächten gewinnt; Studentenparlamets-Sitzungen mit Budget-Gerangel und Vorbereitungen zum großen Fantasy Island-Fest des Frauen-Wohnflügels. — Erstaunlich, wie hoch die Ansprüche von Stephenson an sich selbst sind, denn er stuft dieses Debüt als minderwertig ein. Erst, als die Preise für diesen vergriffenen Roman unverschämt hochschnellten, stimmte er zu, dass man ihn neu auflegt (sehr anständigt von ihm!). Und wiedermal muss ich eine Schande der deutschen Verlagslandschaft ankreiden, denn bisher gibt es diesen unterhaltsamen Roman nur als teure (wenn auch schöne) Edition Phantasia-Ausgabe in kleiner Auflage. Ich halte es nicht für sooo wahrscheinlich, dass eine Taschenbuchausgabe zwangsläufig ein völliges Verlustunternehmen darstellen würde. — Schon richtig, dass in diesem seinem ersten Roman noch nicht der ganze Stephenson in voller Pracht erblüht. Aber eine seiner bedeutensten und kurzweiligsten Stärken brilliert bereits deutlich, sein geschicktes Händchen fürs Satirisch-Humoristische.

Nun aber zu den Links, diesmal ohne Kategorien, und mit einer Extra-Portion Filmchen.

  • Schöne Gelegenheit zum ersten mal etwas von Brad ›Cinema Snob‹ Jones vom ›That Guy With The Glases‹-Portal zu verlinken. Geht es um Nazis in der Popkultur, gibt es wenige, die unentschlossen bleiben, ruhig Blut wahren oder mit ›ist egal‹-Haltung in der Mitte verharren. Die meisten finden Nazis in der leichten Unterhaltung entweder meistens prinzipiell & ohne wenn und aber unakzeptabel, oder haben (wie ich oftmals) ihren Spaß damit, wenn diese Musterbösewichter auf die Bühne gerufen werden, um zu machen, was sie gut können: Bösewichter abgeben. Der ›Cinema Snob‹ bespricht hier einen billigen Kriegsmoral-Aufpepper aus dem Jahre 1942 namens Hitler Dead or Alive in dem drei Straßengangster mit Tommy-Gun dem Gröfaz auf die Pelle rücken.
  • ›Cartoon Brew‹ führt vor, um wie vieles das Kinder- und Jugendfernsehprogramm früher besser war als heute. So hat man in den Siebzigern jemanden wie Terry Gilliam erklären lassen, wie man einfache Trickfilme macht. Terry Gilliam's Do It Yourself Animation Show.

  • Ich liebe die Zauberer und Komiker, die bei den TED-Talks auftreten. Jüngst hat der Schweizer Marco Tempest geziegt, wie man mit drei iPod-touch-Geräten einen Saal voller Tech-Geeks zum Staunen bringt: Die Magie der Wahrheiten und Lügen









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Neu-York, oder »Berlin am Hudson«

(Eintrag No. 458; Woanders, Kunst, Alternativwelt) — Man stelle sich vor, dass die Nazis nicht nur in Europa gesiegt (wie das wäre, kann man z.B. im Alternativwelt-Krimi »Vaterland« {1992} von Robert Harris lesen), sondern auch jenseits des Atlantiks Nordamerika eingeheimst hätten ins Roich.

Die Künstlerlin Melissa Gould hat sich dazu am Beispiele eines ›Neu-Yorks‹ en detail alle Mühe gegeben diese ›schauderhafte kontrafaktische Vorstellung‹ zu veranschaulichen. Sie hat alte Karten von New York genommen und die tatsächlichen Namen durch Bezeichnungen alter Karten von Berlin ersetzt.

Das ist dann…

…an exploration of psychological transport, place, displacement and memory. This re-imagining of the city plays with comparison and misrecognition, exploring the coexistence of past and present, fiction and reality.
…eine Erforschung psychologischer Verfrachtung, Orte, Fehlplatzierungen und Gedenkinhalte. Diese Neu-Imaginierung der Stadt spielt mit der Vergleichbarkeit und dem Nicht-Wiedererkennen, ergründet so die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Zukunft, von Fiktion und Wirklichkeit.

Stegreif-Übersetzung von Molo.

Hier zur Seite des Projekts »Neu-York«, mit 21 Detailansichten, Projektbeschreibung, einem Englisch-Deutschen und Deutsch-Englischen Index, Gästebuch und der Möglichkeit einen Druck der Karte zu kaufen (derzeitiger Preis: 2500 US$).

Gefunden im »Strange Maps«-Blog; darauf aufmerksam geworden durch Neil Gaiman.

Laßt uns doch über den Gröfaz lachen

(Eintrag No. 323; Geselschaft, Film, Dröttös Roich, Woanders) — Daniel Levy und Helge Schneider verhohnepiepeln Hitler und freilich wird sich schon im Vorfeld fett darüber echaufiert.

Nix lachen über Hitler! Böser Humor! usw.

Ich finde es sehr traurig, wie arg verklemmt bei uns der spielerisch-ästhetische Umgang mit der Nazivergangenheit ist. Was ist so schwer daran, die Nazis, deren Leithammel und ›die armen von denen verführten Mitläufer und willigen Helfer‹ als depperte Gestörte vorzuführen (oder auch als knackig-unheimliche Monster)? Für mich ergibt sich häufig prickelnde Schönheit (die ja nicht immer eindeutig sein muß um interessant zu sein), wenn man die glorreiche und meiner Meinung heilsame Tradition aufgreift, die durch Chaplin, Lubitsch und Co begründet wurde.

Andrea hat das hiesige Hickhack zum Thema in »die allerhöchstwahrste wahrheit über adolf hitler« bereits fruchtbar kommentiert.

Ergänzend dazu noch ein Fund von mir. In »Sour Krauts, Not a Bit« verteidigt der Enländer Roger Boyes ›uns Deutsche‹ gegen den Vorwurf, daß wir so völlig humorfrei sind. Das ganze ist Teil eines Vorabberichts zum mittlerweile erscheinenen Buch »My Dear Krauts«, in dem der ehemalige Teutonenskeptiker Boyes schildert, wie er in seinen Jahren als Deutschland-Korrespondent der Times seine Vorurteile über z.B. die berüchtigte Humorfreiheit der Deutschen korrigierte. Hier ein Zitat aus dem seinem Artikel in der »Times2« zum Levy/Schneider-Film:

The big test will come in the new year in the form of the first German-made comedy about Hitler. The Führer is shown as an impotent bed-wetter who likes to play in the bath. Judging by the press preview, German audiences will be rolling in the aisles. My bet is that British audiences will not — we have laughed ourselves dry about the Nazis. But I don’t begrudge the Germans their chance to laugh at Hitler — because I trust them not to mock or forget Hitler’s victims. That is why I feel more relaxed with, and about, the Germans. They have been liberated not by Sherman tanks but by Benny Hill and Borat.

Desweiteren finde ich folgende Ansichten aus »Sour Krauts…« bemerkenswert:

  • What the Germans seem to object to is a sudden switch from slapstick to sarcasm or irony.
  • In Germany, humour is stockaded, kept apart from everyday life … they will fail to spot the inherent absurdities of their own office life.
  • The Germans really do laugh, loudly and with only a slight delay, at British humour.

Und ich stimme dieser tragischen Analyse zu:

I have a theory about this banter-less society, but when I tried to advance it in a radio show it was greeted with a glacial silence. It is simply this: the fast barrow-boy wit of the urban proletariat has its roots in Yiddish, arriving in the East End or the Bronx via a generation or two of East European immigration. It came to German cities too — and, for all the familiar reasons, disappeared. So we try not to mention that.

Im Dezember 06 hatte man auch im englischen SpOn über Boyes berichtet. Dort wird der Appell Boyes hervorgehoben, daß in Deutschland eine ›Entwicklungshilfe in Sachen Humor‹ von Nöthen ist. Knackig und erhellend:

  • …the Germans like to be mocked and criticized. It's the masochistic element in their mentality.
  • Besides, I don't think there's anything wrong with being fascinated with the Nazi period. It was a uniquely evil period and I don't think there's anything unhealthy about reflecting what the roots of evil are.

Letzteres sehe ich zwar durchaus heikler als Boyes, denn ich glaube durchaus, daß eine ›Faszination für das Böse‹ zur obsessiven Fixierung umkippen, und zu einer ungesunden ›Infektion des Bösen‹ führen kann. — Dennoch: es ist nun mal ein himmelweiter Unterschied, ob man den Nazis und Schickelgruber Apologien angedeihen läßt, oder man sich über diese Bagage und ihren Obermotz lustig macht. — So gar nicht verstehen kann ich die Argumentation, daß man die Opfer verhöhnt, wenn man die Täter verulkt. Ist mir schlicht zu hoch.

Lovecrafts Träumereien

Eintrag No. 274 — Und wieder blüht ein neues, lesenswertes Phantastik-Blog auf, denn Hannes Riffel (Übersetzer, Phantastikbuchladen-Inhaber, Mitbetreuer der Hobbit-Presse bei Klett Cotta und Shayol e.V-Vorsitzender) ist mit »Blumen für Algernon« unter die Blogger gegangen. Jemand wie er, der »Moby Dick«, Arno Schmidt, Lovecraft und Vandermeer hoch schätzt, der Lanzen für die Kurzgeschichte bricht und lustige Fantasy/SF/Horror-Phantastik Top 100-Listen veranstaltet, über die Imho-itis stöhnt, kann mir nur sympathisch sein.

Schon zum dritten Mal seit Blogjungferneintrag berichtet Hannes mit »Aus der Pestzone« von seiner derzeitigen Lovecraft-Wiederlesephase (hier zu Teil 1 »Immer wieder« und Teil 2 »Das Grauen«). Da ich mir die ganzen tollen englischen Editionen z.B. wie »From the Pest Zone. The New York Stories« und »Letters from New York« von S. T. Joshi nicht leisten kann, les ich die Leseeindrücke von Hannes um so interessierter. Hannes erwähnt dabei erfeulicherweise Lovecrafts rassistisch-›faschistoide‹ Verirrungen, die eben durch Joshis Ausgaben deutlich werden. Ich staune nicht schlecht, wenn Hannes dann raunt:
Natürlich folgt daraus nicht, dass es irgendwie verwerflich sein könnte, Lovecraft zu lesen und zu schätzen. Aber es ergeben sich doch einige interessante Gedanken über den einflussreichsten Horrorautor des 20. Jahrhundert und den Ursprung seines "kosmischen Schreckens" in äußerst banalen Alltagsängsten. Nicht umsonst hat Suhrkamp vor Jahren die -- bereits fertig übersetzte! -- Lovecraft-Biographie von de Camp nicht veröffentlicht; zu unangenehm erhellend waren die darin enthaltenen Lovecraft-Zitate (nachzulesen in der 2002 bei Festa erschienenen Ausgabe).
Wenn das stimmt, dann frag ich mich, für WEN aus Suhrkamps Sicht die de Camp-Bio zu ›unangenehm‹ gewesen wäre. Für ›naive‹ Phantastik-Kunden vielleicht, die Lovecraft als Kultautoren bussi-butzi-mäßig verehren und von etwaigen Beschmutzungen bewahrt sehen möchten? Was auch immer Suhrkamps Gründe gewesen sein mögen, stimme ich Hannes Riffel auf jeden Fall zu, {daß} es keinen Grund {gibt}, Lovecraft auch nur entfernt in Schutz zu nehmen. — Zweifelsfrei war Lovecraft ein großartiger Phantast, ein moderner Vertreter außenseiterischer Gnostik, dessen Leben und Werk als verqueres Ineinander von Selbstkultivierung und Umweltentfremdung daherkommt, mit eben einer Vielzahl an verschieden hellen und düsteren Facetten.

Hier nun ein paar exemplarische ›unangenehme‹ Stellen aus de Camps-Bio (EA Originalausgabe 1975), von der ich eine Taschenbuchausgabe aus Ullsteins Reihe »Populäre Kultur« aus dem 1989er Jahr hab (und in der steht nix von Kürzung. NACHTRAG: Hannes Riffel hat mich in seinem Blog darüber informiert, daß die Ullstein-Ausgabe doch gekürzt ist. Nun, daß die Abbildungen fehlen wußte ich, doch dachte ich, damit wär's das {und Abbildungen weglassen ist ja auch eine Kostenfrage}. Eine ungekürzte Fassung liegt seit 2002 bei Festa vor). Kapitel 17. Verquere Gedanken mag für unbedarfte jedoch quitesch-innige Lovecraft-Beschöniger problematisch sein, denn da finden sich Absätze:

(S. 265): Lovecrafts Rasissmus, der nachgelassen hatte, kam wieder voll zum Ausbruch. In seinen Briefen aus den Jahren 1933 finden sich zahllose Beispiele für seine anti-ethnischen Triaden. Er zog gegen den »fremartigen und emotional abstoßenden Kulturstrom« der Juden und ihr »rücksichtsloses Unternehmertum« zu Felde und auch gegen ihre angebliche Beherrschung der amerikanischen Presse mittels Anzeigen, die dazu führe, daß der »Geschmack in hinterhältiger Weise in nichtarischen Geleisen geformt« werde. Er tobte gegen die Einwanderer: »kriechende Bauern«, »stinkende Mischlinge«, »Ghetto-Bastarde«, »Abschaum und Bodensatz in ihrer Heimat … die Schwächlinge, die sich in ihrem eigenen Volk nicht oben halten können.«

L. Sprague de Camp schildert weiter, wie sich Lovecraft von Amerika aus auf Europa und die Weltpolitik blickend, für die deutschen Nazis und ihren Gröfaz erwärmt: (S. 265): Hitler sei {so Lovecraft in seinen Briefen aus dem 1934 Jahr} »extrem, grotesk und gelegenlich auch barbarisch«, aber auch »zutiefst aufrichtig und patriotisch«. Obgleich er eine Gefahr darstelle, »kann uns dies nicht blind machen für die ehrliche Aufrichtigkeit im grundliegenden Drange dieses Mannes … Ich weiß, er ist ein Clown, aber bei Gott, der Junge gefällt mir!« {Hervorhebung so bei de Camp und entsprechend wohl dann auch schon bei H.P.L.}

De Camps Bio wäre ein schlechtes Werk, würde er nicht facettenreich und genauer auf die Widersprüche von Lovecrafts Meinen und Sinnen eingehen. Neben Hitler fand Lovecraft auch Roosevelt toll. Zurecht fragt sich de Camp (auf S. 266): Wie konnte ein Mann {H.P.L} Roosevelt unterstützen, sich als liberalen Demokraten bezeichnen, von der Unvermeidbarkeit des Sozialismus reden und gleichzeitig Hitler entschuldigen und schreiben: »Ich glaube, daß irgendeine Variante des Faschismus die einzige Form der zivilisierten Regierung ist, die unter der industriellen Ökonomie des Maschinenzeitalters möglich ist?«

De Camp zeigt, daß Lovecrafts Seelen- und Meinungsleben nicht in einfache klare Backformen pressen läßt — wie auch, wenn der Meister selbst losgelößt von politischen Realitäten sich im Grunde als (eben dunkel-)romantischer Schwärmer für ein radikales Künstlerutopia entpuppt (S. 266), und von sich behauptet: »Ich werde mich als eine Art Kreuzung zwischen einem Faschisten und einem nichtbolschewistischen Sozialisten der alten Art bezeichnen müssen«; und de Camp zitiert, wie für Lovecrafts eine Ideal-Vorstellung des sozialen Faschismus aussah (S. 266): Er {H.P.L. } war dafür, daß die »Staatsgeschäfte von Kommissaren geführt werden, die ein Diktator ernennt, welcher wiederum durch ein intelligentes und bildungsmäßig erlesenes Wahlmännergremium erkoren wird. … Das Wahlrecht sollten nur solche haben, die sowohl eine unparteiische Intelligenzprüfung als auch eine Prüfung ihrer ökonomischen, sozialen, politischen und allgemeinen kulturellen Kenntnisse bestanden haben; wobei selbstverständlich die Möglichkeit der Bildung für jedermann stets gleich sein müssen.« Er rief nach einer Diktatur, die »vollständige intellektuelle und künstlerische Freiheit garantierten.« – was eine absolut widersprüchliche und groteske Vorstellung ohne Aussicht auf Verwirklichung war.

Wichtig scheint mir jedoch, Lovecraft hier nun nicht als vollkommenen Fascho-Depp dastehen zu lassen (Juden Assimilieren, nicht Eliminieren, says H.P.L.), denn de Camp berichtet in diesem dunklen Kapitel der Biographie ausdrücklich auch davon, daß Lovecrafts Abwenung vom Antisemitismus eine der auffälligsten Veränderungen der letzten drei Lebensjahre von Lovecraft darstellt. In der Tat heißt es bei de Camp auf S. 267: 1935 war er {H.P.L.} von seinen faschistischen Neigungen kuriert. — Ich persönlich deute es grob so, daß Lovecraft als konsequenter Durchdenker und -Empfinder schlicht sich selbst gegenüber eingestehen mußte, daß eine zu einseitige Parteinahme für eine Rasse, Kultur oder Nation im Angesicht der chaotisch-cthonischen Kräfte des Universums schlicht kurzsichtiger Kinderkram ist. Lovecrafts Hass aufs Leben ließ deshalb entsprechende Schwingungen beim Klage- und Schauergesang über die Schlechthinigkeit der Welt und Menschheit wieder mehr und mehr beiseit. Für Freunde der Kulturgeschichte der Phantastik aber bleibt Lovecrafts Ausflug in den Stadtmoloch von New York eine der tragisch-gruseligen Episoden der modernen Literaturgeschichte.

»ENDSTUFE« von Thor Kunkel, oder: An welcher inversen Form von Eitelkeit krankt Molosovsky, wenn er gerne in solch einen schwarzen Spiegel schaut?

Reflexionen eines ehrenamtlichen Literaturfreundes

Eintrag No. 121 — Was für ein blauäugiger Narr muß ich sein, wenn ich mich im Folgendem mühe, meinem positiven Leseerlebnis, das ich mit »Endstufe« hatte, Ausdruck zu verleihen? Naivität oder Selbsttäuschung sind dabei noch die milderen Vorwürfe, Krypto- und Neofaschist oder antiamerikanischer Revanchist die strengeren Anschuldigungen, die deshalb auf mich fallen mögen. Nach längerem Nachdenken will ich dennoch wagen mein Quentchen beizutragen, denn die aggressive Deutungshoheit von Schwarz-Weißmalern stärkt mit ihrer vorliegenden Fülle in der deutschen Literaturlandschaft eine Rüpelhaftigkeit, mit der niemandem gedient ist.

Holsten {der Kameramann, untergetauchter Deserteur, Multitoxiker} lockerte sein Halstuch: »Ich meine, hatte ich eine Wahl? Manchmal kommt man im Leben an einen Punkt, eine Art Weiche, es könnte rechts oder links abgehen. Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Man überlegt hin und her, wägt ab, doch da …»

»… ist der Zug abgefahren«, ergänzte Ferrie {der Produzent, brauner Dandy des SS-Hygieneinstitutes Berlin mit Dadtscha Gefilderaldo nahe der Wolfschanze}.

»Eben nicht.« Holsten schüttelte den Kopf. »Du sitzt bereits im Zug. Und Ddu weißt weder, wie du zu deinem Sitzplatz gekommen bist, noch hast du einen Schimmer, ob, wie und wo du aussteigen wirst.«

»Herzliches Beileid.« Ferrie öffnete das Handschuhfach {und holt eine Schnupftabakdose mit Koks hervor}. »Im Leben kommt es nicht auf Entscheidungen an, sondern auf den richtigen Riecher.« •••Seite 55

Der schwarze Spiegel »Endstufe« und »Sechsundufzich kleine Nazis«

•••••Zum Photo: Das Buch ohne Schutzumschlag, schwarz schimmernd und matt reflektiv, wie vom Stiefelfetischist und Protagonist Fußmann ausgesucht Unterlage: »Sechsundfufzich kleine Nazis«, gemalt in Hepberg, 17. Februar 1994; Acryl & Tusche; ca. 820 x 600 mm. Notizen am Rand: (Um stupide kleine Geister zu malen, muß der Maler stupide, eintönige Arbeit verrichten). In der Ausstellung »Der zerbrochene Spiegel« {damals in Wien} behauptete ein Kurator, die Tafelmalerei habe zum Faschismus geführt!?! Fakt ist, das es keinen homogenen demokratischen modernen Malstil gibt. (Hommage auf Andy Warhols einziges Bild, das ich mir aufhängen würde »Onehundered and one Coke bottels«.)

In meinem Zimmer hing damals folgendes Motivations-Grafitti:

»Das Weiße im Auge / des Feindes zu sehn / heißt nichts als geduldig / vorm Spiegel zu stehn.«

Die Zeilen sind aus dem Lied »Der alte Herr« von der Heinz Rudolf Kunze-CD »Brille«•••••

Feuillitonmörserrauchschwaden

Wenn es etwas im Zusammenhang mit dem Buch »Endstufe« gibt, daß ich als Leser von Romanen und damit als Kunde von Autoren und Verlagen für beklagenswert halte, dann sind es die fehlende Ruhe der bezahlten Literaturvermittler und der verbissen geführte Überbietungswettkampf im Aufdecken oder Arrangieren(wollen) von Skandalen. Hysterie und Hype trüben jede gelassene Beschäftigung mit Konsumkunst. Leider kann ich mir nun lediglich in der Vorstellung ausmalen, wie sich rücksichtsvollere Berichte über die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Hausverlag Rowohlt und dem Autor Kunkel auf die Aufnahme des Romans in der Öffentlichkeit ausgewirkt hätten. Ist es so schwer die Ablehnung Rowohlts oder das Einspringen von Eichborn unhysterisch zu respektieren? Henrik M. Broders* initialer Angriff im Rezeptionsraum – Kunkel der revanchistische Nazi-Relativierer und US-Leitkulturkritiker – gründet in einer exemplarischen Vernachlässigung journalistischer Anständigkeit (abgesehen, daß er vor Erscheinen des Buches stattfand): kläre den Standpunkt und wähle entsprechend die Mittel, hier: Berichterstattung oder Literaturkritik. Indem Broder unverhohlen einseitig Stellung für Rowohlts Bedenken bezieht, konnte aus einer ästhetischen Differenz ein ideologischer Konflikt werden. Große Kanonen rauchen ratzfatz den Ort des Geschehens zu, und für eine Weile kann man kaum ein Objekt vor sich klar erkennen.

••• * Ich bin nicht sicher, ob der Artikel überhaupt noch im Netz stehen darf, denn SpiegelOnline hat ihn spurlos verschwinden lassen und auf Herrn Broders Homepage findet er sich auch nicht mehr. Aus Vorsicht biete ich also keinen Link dahin an. Kann aber in jeder halbwegs ausgestatteten Bibliothek nachgelesen werden in Spiegel No 7/2004, »Steckrüben der Stalinisten« •••

Andere Lesermedlungen wußten das wummernde ideologisch-historische Gefecht außen vor zu lassen. Doch selbst unter denen, die es verstanden haben »Endstufe« als modernen Roman zu lesen, konnten nicht alle die überreich mit Konventionsbrüchen herausfordernde Lektüre ertragen, und kanzelten sie als eine geschmacklose ab.

••• Empfehlung dazu: Unglaublich schmissig und vergnüglich zu lesen ist die Kritik zu »Endstufe« des Blog-Kollegen praschl, deren Aussage und Urteil ich aber nicht zu teilen vermag. Aufschlußreich sind auch die der Besucher-Kommentare und deren ordentlich pubertäre Abwehr- und Bannungsformeln, sprich: Lächerlichmachungen des Autors und Lustfeindlichkeits- und Verklemmtheitsvorwürfe gegen ihn. Die Überlegung drängt sich mir auf, ob der Herrn praschl möglicherweise seinen verletzten Stolz als Besitzer einer exquisiten Dildosammlung zu rächen hatte. Kann sein, er ist so ein lockerer, offener Typ, auf dessen Wohnzimmercouch sitzend man einer Aussicht auf lustversprechendes Plastik ausgesetzt ist.}•••

Solch eine Einschätzung des Buches läßt mich lernwillig nachfragen, nach welchen Prämissen sich aus dem Ideenknäul Drittes Reich, Pornographie und Elitendekadenz etwas Geschmackvolleres stricken ließe? Globale Biopolitik ist ein kaltes und zutiefst verstörendes Thema, eines der unsentimentalsten Problemfelder der Gegenwart und das nicht erst seit gestern oder vorgestern. Doch warum sollte man gleich abwinkend zusammenzucken, wenn ein Sprachakrobat versucht, Romanlesern eine lächerlich-gruselige Aussichtsplattform auf diesen Abgrund anzubieten?

Das ist in keinster Weise höhnisch gemeint, sondern aufgrund der Erfahrung, daß für manche Narrationskundschaft die Leni Riefenstahl-Zitate in dem Disney-Zeichntrick »Der König der Löwen« schon ein zu selbstverständliches Aufgreifen von mit Nazis konnotiertem Medienhandwerk darstellen. Gerade weil »Endstufe« ein respektloses Graffiti an den manichäischen Mauern der Großdeuter von Gut und Böse darstellt, zog es wohl so viel Unbill auf sich. Dabei gehört das respektlose Beschmieren der Landmarken der Metaphysik zu den charakteristischsten Handlungen von moderner und engagierter Literatur. Es finden sich in Deutschland aber eben zu selten Autoren (oder Autorinnen) die den Mut aufbringen, sich mit den großen konkurrierenden Gesamtmenschheitswidrigkeiten auseinanderzusetzen, und nicht nur mit den lokalen Fieberdelirien zerbröselnder Nationalgemütlichkeiten.

Das Blobbel-Konzentrationslager Erste Welt

Abgesehen davon, daß mich schon Thor Kunkels Erstlingswerk »Das Schwarzlicht Terrarium« (2000) außerordentlich begeisterte, war ich neugierig, welche Spannungen und Harmonien zwischen Nazivergangenheit und Globalitätsgegenwart durch »Endstufe« wie zum klingen oder knattern gebracht werden.

Mein persönliches Verhältnis zu der Frage, wie offen oder abgeschlossen die Beziehungen zwischen dem Dritten Reich und der aktuellen Fortschrittszivilisation sind, möchte ich durch ein Zitat illustrieren. Der amerikanische Science Fiction-Autor Philip K. Dick schreibt in einer Anmerkung (1979) zu seiner Kurzgeschichte »Ach, als Blobbel hat man's schwer« (1963):

»Ich habe beim Schreiben {…} an den Krieg allgemein gedacht; vor allem daran, wie sehr der Krieg jemanden zwingt, so zu werden wie sein Feind. Hitler hat einmal gesagt, die Nazis hätten denn einen wahren Sieg errungen, wenn sie ihre Feinde, allen voran die Vereinigten Staaten, dazu zwingen könnten, so zu werden wie das Dritte Reich – d.h. zu einem totalitären Gesellschaftssystem –, um den Krieg zu gewinnen. Hitler hoffte, damals selbst bei einer Niederlage noch auf einen Sieg. Als ich sah, wie die amerikanische Rüstungsindustrie nach dem zweiten Weltkrieg immer höhere Zuwachsraten verbuchte, kam mir Hitlers These wieder in den Sinn, und ich wurde den Gedanken nicht los, daß der Scheißkerl verdammt recht gehabt hatte. Wir hatten Deutschland besiegt, doch sowohl die USA als auch die UdSSR mit ihren riesigen Polizeiapperaten wurden den Nazis von Tag zu Tag ähnlicher. Nun ja, ich hatte den Eindruck, die ganze Geschichte entbehre nicht eines gewissen sarkastischen Humors (in Grenzen).{..} Was mußte in Vietnam erst aus uns werden, um den Krieg zu verlieren, an einen Sieg gar nicht zu denken; können Sie sich vorstellen, was aus uns hätte werden müssen, um zu siegen? Hitler hätte sich wahrscheinlich nicht mehr eingekriegt vor Lachen, und zwar auf unsere Kosten… wie so viele Lacher letztlich auf unsere Kosten gingen. Und die klangen hohl und grausam, ohne jede Spur von Humor.«

•••»Zur Zeit der Perky Pat«, Haffmans 1994; nur die Geschichte auch in »Minority Report«, Heyne 2002.

Wie sehr wurde die Zukunft der Menschheit von den Nazis infiziert, und ist der entsprechende Virus ein genuin Deutsch-Nationalfaschistischer? Neben offenkundigeren Auswirkungen, wurde das 20. Jahrhundert durch das Dritte Reich auf eine sehr tückische Art infiziert, denn es hat sich bekannterweise erwischen lassen und wurde völlig zurecht – und mit Entsetzten – für seine unmenschlichen Untaten verurteilt. Mit gelassener Paranoia will ich vermuten dürfen, daß es nachfolgenden, allzu menschlichen totalitären Zukunftsgestaltern als lehrreiche Warnung gemahnte, sich eben fürderhin nicht erwischen zu lassen. Dem Auftreten von Verschwörungstheorien und anderen Harlekinaden der Phantasie sind damit Tür und Tor geöffnet, und zurecht mag man solche Spekulationen den Fabulieren, Mannierlichen und Nüchternen verzeihen, aber nicht den Berichterstattern, Gehässigen und Hysterischen. Schlechte Nachrichten – und die Entlarvung des Romans »Endstufe« als Rohrkrepierer revanchistischer Couleur wäre eine solche – sollten ruhig und klar begründet vermeldet werden.

Welche Entwicklungen seit dem Zweiten Weltkrieg bieten sich denn besipielsweise an oder drängen sich auf, wenn man heute (und in der nahen Zukunft) Ausschau hält, zum Beispiel nach Unternehmungen einer künstlichen Selektion und Zucht von Menschen im großen Maßstab? Versucht man sich das vorzustellen, bedenkt dabei den Wandel von der Industrie- zur Informationsgesellschaft, und orientiert sich grob an Allerweltsroutinen der Machtausübungspraxis – teile und herrsche; dezentralisiere und diversifiziere die Mittel; lärme im Osten und greife im Westen an; sähe Angst und bündle Hoffnung, und dergleichen mehr –, werden ehr früher als später Facetten des Unmenschlichen oder des Lebensentwertenden in der Gegenwart empfindbar.

Wenn mit der erwiesenen Umrundbarkeit der Erde, der Mensch traumatisiert ins unheimliche Äußerste ent-wohnt wurde, und durch die Reiseberichte der Ethnologen sich eine mannigfaltige Exotik der Conditio Humana verstörend vor uns kollektiven und individuellen Weltenentdeckern auftat, so hat das ans-Licht-Bringen der arischen Endlösungsmachenschaften größere Illusionsblasen über das Ausmaß menschenmöglicher Bestialität platzen lassen. Den sich ergebenden schmerzlichen Zwiespalt – die Wachsamkeit für ein »Nie wieder Ausschwitz!« zu wahren, jedoch auf die Gefahr von der permanenten Vergegenwärtigung des Grauens gelähmt zu werden – vermochte die Menschheit damals mit dem Anklagebegriff »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« zu bannen. Und während die Zivilisierten sich noch in Klausur darüber befinden, was in der Geschichte der (sagen wir) letzten 500 Jahre und seit Ende des Zweiten Weltkrieges ebenfalls als solches Verbrechen einzuordnen sei, bringen nur wenige den Mut auf klarzustellen oder zuzugeben, daß die posthumanistische Epoche nicht mehr abzuwenden ist, ja sogar im vollem Gange ist.

Mit dem Fiktionsvertrag ins Dritte Reich™

Vielleicht hätten mehr Rezensenten eine wohlwollendere Haltung gegenüber »Endstufe« gefunden, wenn der Roman sich weniger auf die Kokurrenz mit grellen und überzeichneten Narrationswelten, weitestgehend schon gewöhnlich bei Filmen, Bildliteratur und PC-Spielen, eingelassen, und sich zudem eines gemäßigteren oder erhabenerem Tons bedient hätte. Da mir das Buch gefallen hat, darf ich vielleicht eine Erklärung anbieten, warum der Autor mit seinem Buch und die Kritiker mit ihren Erwartungen sich beim Aufeinandertreffen weitestgehend mißverstehen mußten: Kunkel und Eichborn wiesen zu wenig auf den Komik- und Satireaspekt hin, wo die Kritiker doch einem Tatsachen-Enthüllungsroman entgegengefibbert haben. Bei solchen Ausgangspositionen nimmt es nicht wunder, daß faire Formen des Fiktionsvertrages nur selten zustande, und bislang kaum zur Sprache gekommen sind.

Betrachtet man eine Romanlektüre unter dem Gesichtspunkt des Fiktionsvertrages, wird Vertrauen zu einer entscheidenden Bedingung, und die Kontroverse um »Endstufe« stellt sich dann vor allem als aufgeregte Verunsicherung darüber dar, welche narrativen Bespiegelungen des Dritten Reiches zulässig sind und welche eben nicht. »Endstufe« bietet sich als Provokationsfiktion an, die als ernsten Basso Continuo die monströsen Diskurse zur Biopolitik und Anthropotechnik brummen, andererseits sprachparodistisch und thriller-komödiantisch Trivialgenre-Register präludieren läßt. Das Panorama, das »Endstufe« entfaltet, paart Zynik mit Slapstik, reiht Monströses an Haarsträubendes, jongliert mit Zitaten unterschiedlichster Herkunft und ratlos machenden Hinweisen. Selbst aus einer Nasenklammer – ohne die im Schlaf zu ersticken sich der Protagonist Fußmann panisch ängstigt –, wird ein Symbol des technikvertrauenden Menschen.

Es gehört zu den Fähigkeiten von Romanen, den Lesern Trost und Hoffnung zu spenden, Halt und Rat zu bieten, oder auf sinnlich-touristische Gedankenreisen mitzunehmen, und wie bereitwillig wird den Autoren denen solche Bücher gelingen Respekt und Lob entgegengebracht. Fern von solchen Annehmlichkeiten, kann man in »Endstufe« schon ziemlich vergeblich nach unbedenklichen Identifikationsfiguren für entspannungsbedürftige Leser suchen (abgesehen vielleicht von einem Frankfurter Privatdetektiv, dessen Recherchen nach dem in Amerika verschollenen Fußmann das Buch abschließen {oder für die ganz Abgebrühten: vielleicht Heinz Rühmann mit seinen Cameoauftritten als Spanner?}).

Keine Helden, keine poetische Moral, nur menschliche Abgründe und moralische Sprengsätze. Wer Fiktionsverträge mit »Endstufe« eingegangen ist, die zu Interpretationen führen, daß Kunkel den Holochaust nichten wolle, hat zum Beispiel die Furcht des Protagonisten vor dem KZ, daß ihm als kapitaler Sittenstrolch droht überlesen (S. 180), wie auch auffälligere Hinweise auf die Selektions- und Todespolitik des NS-Regimes. Thor Kunkel stellt noch vor Handlungsbeginn die Höllenfahrtscharakteristik und die auf den Kopf gestellten Konvention des Buches klar, beginnend mit hybriden Widmungspersonal

Für Jesus, Nietzsche, Mohammed{…}

fortfahrend mit punkderber Oswald Spengler-Zitatverfremdung als eines der beiden Motti

                                  Sex
Das Geld wird nur vom Blut überwältigt und aufgehoben.

bis zum zweiseitigen Vorspann mit einer Opiumrauschvision über das heutige Berlin des Lebensborngynäkologen Pfister {Fickprotokollautor der Sachsenwaldfilme}, nebst seinen alternativen Rassegesetzten

1. Legislativ richtig ist, was evolutionär richtig ist.
2. Keine Jurisdiktion ohne genetisches Zeugnis.
3. Ist die Exekutive sexy, freut sich der Exekutierte.

Zumindest ich konnte mich nicht hineinsteigern in die Annahme, daß »Endstufe« beansprucht, eine argumentativ wohlbesonnene und beruhigend dargebrachte Narration zu sein.

Als Comicleser habe ich schließlich anerkennend genickt, als im Lauf des Handlungshollerdimott sogar auf das Superheldenmotiv und seine Herkunft (Doctor Magneto – Seite 487) angespielt wurde. Indem der Schluß ambivalente Lesarten zuläßt – entweder als Fußmanns Sehnsuchtshalluzination nach seiner toten Angebeteten, oder als indirekte Schilderung einer science-fictionhaften Begegenung der »elektrozoischen« Art –, lädt »Endstufe« seinen letzten Spott auf Humanismusutopien ab, in denen man für sich zwar beansprucht wie ein Vegetarier zu denken, sich aber wie ein Fastfoodkunde benimmt.

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Weitere Molochronik-Beiträge zu Thor Kunkel und seinen Roman »Endstufe«:

Wahnwellenversprengtes Denken aufgrund Melange aus literarischer Inkompetenz und mieser Profilierungspraxis {Gesellschaft – Über Angriffe des Frankfurter AStA gegen Andrea wegen der »Endstufe«-Lesung am 20. April im Uni-Campus West.}
Die Welt durch die Brille von Kultur-Gonzos: Die Nazi-Mädels vom Kulturzentrum der Uni Frankfurt {Grafimente – Zum Kulturzeit-Bericht von Tilman Jens über die »Endstufe«-Lesung am 20. April.}
Hitler-Geburtstag als Journaillien-Fetisch {Über die Zeitungsreaktionen auf die »Endstufe«-Lesung am 20. April.}
Skribbel für Thor Kunkel {Grafimente – Zwei lustige Blätter.}
Verlag mag nicht {Zur Meldung, daß Rowohlt »Endstufe« ablehnt und Eichborn übernimmt.}

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WOANDERS: Auf den Seiten von Single-Generation findet sich eine brauchbare Übersicht zu »Endstufe« und den Rezensionen.

Und: ich habe im Scifi-Forum einen Thread zu »Endstufe« gestartet.

Hitler-Geburtstag als Journaillen-Fetisch

Eintrag No. 94 — Betrifft die Lesung von Thor Kunkel am 20 April 2004 im Poeltzig-Bau (so die richtige heutige Bezeichnung) der Universität Frankfurt.

Ich habe es gewußt, daß einige Autoren der öffentlichen Kulturrezeption ihre juckenden Finger nicht zu zügeln vermögen, wenn sie auf dunkle Zeichen oder hintersinnige Zusammenhänge aufmerksam machen können.

Der 20. April - ein Schwarzes Loch im Kalender, Gröfaz aus dem Uterus als Singularität die alles verfinstert, was an diesem Tag getan (oder dann doch besser unterlassen) wird. Ist der 20. April ein Feier- oder Gedenktag der Bundesrepublik? Meines wissens nach nicht, aber vielleicht ist er ein geheimes, ein invertiertes Jubiläum.

Von mir darf ich mit aller Bescheidenheit behaupten origineller und neugieriger reagiert zu haben, als ich nach Kenntnisnahme der Führer-Versautheit des Datums mal bei wissen.de nachschaute, wer denn noch alles Geburtstag an diesem Apriltag hat. Was soll ich sagen: müssen sich Brigite Mira und Jasmin »Blümchen« Wagner (Achtung! Nachname eines bekannten Antisemiten) an ihrem eigenen Geburtstag schämen? Dürfen Science-Fiction-Fans diesen Tag nicht als Geburtstag des Pioniers Kurd Laßwitz feiern? Und was ist mit Napoleon III, Harold Lloyd, Pietro Aretino, Jean Miro, Sir Eliot Gadiner, Karl I von Rumänien, der Heiligen Rosa von Lima und all den anderen (insgesamt 54) Personen, die, wie es der Zufall will, auch an Bad Adolfs Geburtstag geboren wurden, sei es vor oder nach ihm?

Nein meine lieben Journalisten, als jemand, der den Stress eures professionellen Schreibenmüssens nicht teilt und die Welt entsprechend unparanoider betrachten kann, muß ich tadeln: so geht das nicht.

Frankfurter Rundschau: »…weil Kunkel im ehemaligen IG Farben-Haus las und das auf den Tag genau 115 Jahre nach Adolf Hitlers Geburt.«
Perlentaucher (Referenz auf FR-Beitrag): »…als Thor Kunkel vorgestern (am 20. April!) im IG-Farben-Haus…«
Wobei ich sagen muß, daß der FR-Beitrag nicht halb so gehässig ist, wie der Bericht der F.A.Z.
F.A.Z.: »…dem 20. April, einem Datum, das für die Festkultur im Dritten Reich eine wichtige Rolle spielte (und für manche heute noch spielt): An Adolf Hitlers Geburtstag also las Kunkel…«

Der Autor verliert hier auffällig viel Worte über diesen Zufall, muß nicht nur auf das Datum hinweisen, sondern auf den Nimbus, die negaitive Heiligkeit desselben beschwören. Ist das nötig? Muß hier ein etwa ein Gedenken aufrechterhalten, verteidigt werden?

Außerdem bezeichnet Herr (oder Frau) rik in seinem F.A.Z.-Beitrag alle Anwesenden der Lesung als Ahnungslose (weil keiner gegen Kunkel protestiert). Na, wer urteilt, schmeißt da wahllos und undifferenziert eine Leutegruppe in einen Topf? Ich zumindest kann hiermit meine Empörung über diese auch mich betreffende Titulierung äußern, Frau (oder Herr) rik, denn 1972 geboren, habe ich die Geschichte des III. Reiches und der Shoa eben auch nur erlernen können. Vielleicht werden ja Angehörige anderer Gesellschaftsschichten mit geheimen teuren Zeitmaschinen in die Lage der Zeitzeugenschaft versetzt. Herr rik, dokumentiert zudem erst die (kritische) Nachfrage des Moderators, um dann einige Zeilen später zu schreiben, der Abend sei unkritisch verlaufen. Auch kann nicht nicht davon die Rede sein, Herr Kunkel habe sich inzeniert, er tat dies sogar weniger, als rik in seinem Beitrag im Nachhinein die Lesung darstellt.

Ich für meine Person als Leser möchte betonen, daß ich die Verbrechen des III. Reiches nicht leugne, ja, sie sind eine Singularität an Menschenverachtung und Wahnsinn und sie verursachen heute noch viel Schmerz in den Seelen der Überlebenden dieser Zeit und aller Nachgeborenen, deren Familiengeschichte davon berührt ist. Wenn ich mir ein heutiges Deutschland in einem Alternativwelt-Europa vorstelle, das weder Hitler noch die Nazis erlebt hat, das keine Judenausrottung und Vernichtung sonstigen unwerten Randgruppen-Lebens ertragen mußte, und wenn ich dieses Alternativwelt-Deutschland mit unserem tatsächlichen heutigen vergleiche, fühle ich den Schmerz des Verlustes, zum Beuspiel darüber, daß uns heute ein etabliertes jüdisches Bürgertum mit seinem Geisteswitz fehlt, daß uns heutigen Deutschen unerträglich viele der hervorragensten Köpfe (und Herzen) fehlen, die vernichtet oder vertrieben wurden.

Trotzdem kann ich mich mit diesem Schmerz vergnügen, wenn Kunkel seine nach präpubertären Kalauer miefenden derben Scherze mit der vermeitlichen Elite z.B. der SS oder der NS-Wissenschaft treibt. Zugegeben: Chaplin hat das in »Der Große Diktator« mit dem aus den Fenster springenden Raketentestern knapper und eleganter gemacht. - Kunkel hat wohl zu hoch gepokert, als er glaubte, daß man diesen Schmerz soweit angenommen hat, daß nicht jedesmal verletzt oder paranoid aufgebrüllt werden muß, wenn eine fiktionale Narration Dissonanzen zumutet. Als lustige Zeichnung bei Walter Moers mögen solche Scherze noch angehen, als reiner Text ist es anscheinend zu schwer, die Feinheiten groben Nazi-Porno-Trash zu erkennen. (Meine Entschuldigung an Herrn Moers - falls Sie das hier lesen und sich unangenehm platziert fühlen, wieder mal herhalten müssen, so als anerkannter Grenz- und Tabuüberschreiter.)

Man kann Kunkel mit aller Berechtigung vorwerfen, daß er einen ätzenden, bisweilen extrem geschmacklosen Humor pflegt. Eine Dauer-Verfremdung durch unerträgliche Sprachartistik, in der die Nicht-Provokation scheinbar Aussnahme bleibt.

Ein Herr aus dem Publikum der IG-Farben-Haus-Gröfaz-Jubiläums-Lesung hat es aber ganz richtig erfaßt:

»Das ist eine Satire auf das III. Reich.«

Spontaner Applaus des ahnungslosen Publikums.
Darüber hat niemand geschrieben und es findet sich bei den Berufsschreibern auch niemand, der es für seine Sache hält, den (zugegeben grenzwertigen) Humor in Kunkels Darstellung von kranken, pathologisch mitleidsunfähigen Triebdeppen zu verteidigen. Auch gut, machs ich das halt.

Ach übrigens: Von den bisher berichtent habenden Journalisten war niemand so fleißig, mal Veranstalter oder Verlag zu fragen, wie es zum Ungeschick des Datums kam. Wie kleine Dr. Watsons ziehen sie lieber die Schlüße, die ihre Bildung und Fixierung zulassen. Nehmt entsprechend diese meinen Einspruch auf eure Deutungshoheit entgegen.

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Weitere Molochronik-Einträge zu Thor Kunkel und seinen Roman »Endstufe«:
Verlag mag nicht
Skribbel für Thor Kunkel
Die Welt durch die Brille von Kultur-Gonzos : Die Nazi-Mädels vom Kulturzentrum der Universität Frankfurt
Wahnwellenversprengtes Denken aufgrund Melange aus literarischer Inkompentenz und mieser Profilierungspraxis

Verlag mag nicht: Zu Thor Kunkels »Endstufe«

Eintrag No. 44 - Vor wenigen Jahren im Cafe-Rowohlt der Frankfurter Buchmesse: ich hochnervös weil armer Hund stehe inmitten dieser gutgelaunten, einander ästheteisch taxierenden Gesellschaft, es gibt riesige Shrimps auf knoblauchgebutterten Baguetts, netter Cool- oder Bar-Jazz aromatisiert die Athmo. Verschiedene Autoren kommen in der Stehgruppe vorbei, zu der mein Herzelieb Andrea, ich und Freund HelK gehören. Beispielsweise wurde mir da der Herr Spinnen sympatisch wie Lottogewinn, als er mir gestand: »Ja, auf das Nikolaus Heidelbach-Umschlagbild für ›Belgische Riesen‹ bin ih sehr stolz … ja, ich würde mir gerne Originale von ihm zu Hause aufhängen, aber ein echter Heidelbach ist nicht billig.«
»Ist er ja auch wert.«
»Oh ja, gewiss« — ect.

Normale Gespräche und Begenungen dieser Art, bis auf einmal (endlich) auch ein waschechter irrer Autor für einige Zeit bei uns bleibt. Er redet schnell aber klar, wuschelt ab und an in seinen schulterlangen blonden Wuschelhaaren und erzählt, wie sehr ihn die Schreibarbeit freut, wie geil es ist sich vollkommen dem Manuskriptgebähren hinzugeben, vor dem Textprogramm zu verkriechen, Tür zu, HirnHerzBauchSchwanz auf und klapperdiklapperdiklapper die Buchstaben in das Manuskript hacken. Ich hatte Glück, denn dieser kleine Schreibteufel war Thor Kunkel und ich hatte erst vor wenigen Tagen seinen Erstling »Das Schwarzlichtterrarium« fertiggelesen. Ein großartiger Roman der Ende der Siebziger in Frankfurt/M spielt, und der - ganz kurz gesagt - es durchaus mit Pulp Fiction und Co aufnehmen kann. Ohne daß ich es merke, sind Thor Kunkel und ich am schnellschwätzen und loben/lästern über das Glasaugenschwemme-Cover von Schwarzlichtterrarium und irgendwann beginnt er zu umreißen, was sein derzeit in Arbeit befindliches Buch so bringen werde.
»Da gehts umd die Pornogeschäfte der Nazis.«
Seit damals gab es in meinem Hinterköpfchen einen Balkon, von dem aus ich manchmal in heimlicher Vorfreude in die Zukunft blickte und mich auf eben dieses Kunkel-Buch freute.
Nix da.
Nun, Jahre später, sollte endlich im März 2004 (sozusagen wieder als Geburtstagsbuch extra für mich - manchmal muß man sich die Welt zurechtinterpretieren, damit man noch was auf sich halten kann) dieser Roman unter dem Titel »Endstufe« erscheinen. Doch jetzt, so kurze Zeit vor Erscheinensollen macht der Rowohlt-Verlag einen Rückzieher, weil die Matrerie zu heikel ist oder was weiß ich. Genaueres erfährt man wie immer nicht in diesem Dünkelland und so werde ich weiter harren, auf eine Geschichte, in der Nazis mit Projektoren (Klack-Klack-Klack) in Wüstenzelten Scheichen Lichtspiele mit poppenden Herrenmenschen vorführen, in der Hoffnung, daß man für mehr solch rassige Naturkunst Rohstoffe tauschen kann. Wie bei vielem aus der Zeit des Dritten Reiches, glaubte ich zuerst, daß dies fiktiv sei, aber Thor versicherte, daß dies wirklich geschah, er hätte recheriert und sich einige der Pornos vorführen lassen, wäre herumgefahren und was nicht noch.

Romane von Maxim Biller (»Esra«) und Alban Nicolai Herbst (»Meere«) gerichtlich verboten, weil sich Ex-Lebenspartnerinnen der Autoren zu sehr in den Büchern abgebildet wähnen.
Wirbel in der Die Andere Bibliothek um das Annonymia- (»Eine Frau in Berlin«) und das »Manieren«-Buch von Asserate, weil einigen Journalisten zu hoch ist, wie Bücher entstehen; oder private bzw. Freimaurerlogen-Pissigkeiten sorgen hier dafür, daß es eine Zeit lang heißt: nicht echt, kolportiert, Mosebach-Ghostwriterei usw.

Und bei anderen Verlagen sind Lektoren und Programmmacher wirklich so blind, dumm und geil, daß sie sich auf sensationelle Enten einlassen (obwohl, z.B. ein ganzes aus der Nase gezogenes Buch eines angeblichen Ex-Stasi James Bond ist keine Ente mehr, sondern eine ausgewachsene Gans).

Angesichts dieser Entwicklung (Donalds Des-Informationskader arbeitet offenbar mal ruckelzuckellos) kann man verstehen, daß Rowohlt Muffensausen hat und »Endstufe« erstmal wieder hintanstellt. Ein bischen Pa-hö um ein Buch ist ja ganz fein fürs damit man darüber spricht und das Ding bekannt wird, aber so mit Gericht und Verbieten und vom Markt nehmen wird das teuer und am Ende hat bustäblich niemand was davon.

Gar grimmig ärgert mich das diesmal, denn Thor Kunkel ist ein sehr guter Autor, ihm traue ich zu, diesen Nazi-Porno-Irrwitz adäquat zu erzählen. Mal schauen: vielleicht wird Endstufe gleich auf Englisch in Übersetzung erscheinen, denn Engländer und Amis sind bestimmt hochbegeistert, wenn sie diese Geschichte in die Hand bekommen. Ich drück Thor Kunkel die Daumen, wünsche dem Rowohlt-Verlag Mut und Glück und Herzeruck, das Buch doch noch zu veröffentlichen: ich habe Ende März Geburtstag.

(P.S. Bericht zu all dem stand heute in SPIEGELonline. Da die aber früher oder später alle Artikel auf Bezahlen-dann-Lesen stellen, habe ich jetzt keinen Link gelegt. Aber bei <a href="hoehereweltenblog.twoday.net" target=_blank">hoeherewelten berichtet auch darüber.)


Nachbemerkung: Inzwischen hat sich - hurrah - der Eichborn-Verlag gefunden und wird nun im April Endstufe erscheinen lassen. Selbst wenn Thor Kunkel sich entpuppen sollte als politisch bedenklich verantwortungsloser oder unumsichtiger Autor, überrascht davon können nur Leute sein, die seine zwei bisherigen Bücher nicht kennen, denn die erfrischende, ihm künstlerische Autorität verleihende Qualität ist gerade seine Amoralität - frisches klares Menschendenken, daß den Chor der Moral im Angesicht des faktisch Realen als heuchlerisch begreift.


Ich sage: Beweist ein Künstler Talent und Können sind seine Werke über Kritik erhaben, Wurscht was für ein Charakterschwein oder Extremist der Küstler ist … natürlich mit Ausnahmen, aber ich denke nicht, daß Thor Kunkel ein Künstler ist, der sich einen Krieg, Genozid oder Weltenuntergang herbeisehnt, ja ihn herbeischreiben will … er scheint mir vielmehr bewußter als die meisten zu spühren, daß unsere so selbstverständliche Zivilisation bereits all dies längst ist und zeigt halt auf Dinge und Probleme, die er interessant findet. Mehr kann/darf man von einem Künstler nicht erwarten.


Die massenhaften Vergewaltigungen der deutschen Frauen sind schlimmer als der Holocaust. Das reizt natürlich das morallische Empfinden, und stellt die geschriebenen und ungeschriebenen Hierarchien an Greul und dem was wir das Böse nennen in Frage. Deutungshoheit muß deshalb verteidigt werden. So aber ist die Kunst: sie deutet auch ohne Hoheit, aus bloßer Faszination widmet sie sich auf Leben und Tod einer erzählerischen Sache, bietet letztendlich immer nur Phantastik.


Letztendlich ist das Thema so ungeheuerlich, daß wohl jeder weiß: Liebe Leut', vergleichen hat hier eigentlich keinen Sinn. Wie ich aus den Berichten erfahre, wird es aber nicht nur solche Vergleiche zwischen Kriegsverbrechen verschiedener Parteien geben, sondern auch solche zwischen damals und heute. Ich vermute mal ins Blaue, daß dieses Buch viel Ablehnung erfahren wird, wegen der zweiten Art von Vergleich, denn keiner möchte aufgeschreckt werden aus seiner Gewißheit, mit den Verbrechen der Nazis liege sowas wie der absolute Nullpunkt der Zivilisationsscheußlichkeiten vor. Jaaa, damals hat die Weltgemeinschaft wirklich mal nicht aufgepaßt, als eben ausgerechnet in Deutschland alle Sicherungen im Mitmenschlichkeits-Sicherheitskasten durchbrannten. Aber seitdem konnte es ja Gottlob nicht mehr SO weit kommen.. Naja, zumindest nicht mehr so offensichtlich. Solange wir aber weltgemeinschaftlich in einer merkantilen Technokratie und nicht in einer altruistischen Amoenokratie leben, wird Menschenverachtung und -mord ein wesentlicher Bestandteil der Zivilisation bleiben.

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