Crossover: Todorov & »Brazil«

Eintrag No. 627 — Erster Einblick in ein derzeit im Werden befindliches Illustrations-Projekt (Ergänzung 13. November 2010: Zur Buchseite von Simon Spiegels »Theoretisch phantastisch. Eine Einführung in Tzvetan Todorovs Theorie der phantastischen Literatur«). Nur soviel: es hat mit Phantastik und Todorov zu tun, und ausgebrütet hat es niemand geringerer als mein liebster Internet-Dissens-Partner Simifilm (der Mann, der dafür sorgt, dass mein Hirn und Anspruch auf Zack bleiben).

Wie Molochronik-Leser vielleicht wissen, bin ich nicht gerade begeistert über Todorovs oft zitierte Schrift »Einführung in die fantastische Literatur« … nun ja, genauer: ich bin nicht so glücklich darüber, dass diese merklich in die Jahre gekommene und von den Moden ihrer Entstehungszeit gefärbte Schrift immer noch so ein prominenter Ausgangspunkt für Beschäftigung mit ›der Phantastik‹ ist (denn das, was T. T. meint, kennt man von jeher unter dem stimmigeren Begriff ›Ambivalenz‹). Nichts desto Trotz freue ich mich darüber, dass ich da was Kluges vom Simi illustrieren darf.

Und wie sich Molochronik-Kenner vielleicht denken können, hat Terry Gilliams Film »Brazil« auf meine Entwicklung einen kaum zu überschätzenden Einfluss ausgeübt. »Brazil« funktioniert wie alle groß- und einzigartigen Kunstwerke wie ein fraktaler Kristall … immer und immer wieder fügen sich kleine Ideen-Partikel zu neuen Ästen die sich zurückkrümmen auf die Gesamtform, damit werden zum einen Verweise hinaus zu anderen Werken und in die Welt geschafen, und zum anderen kann man fast an jeder belieben Stelle ein Detail herauspicken und daran zeigen, was für das ganze Werk charakteristisch ist. Das für mich schönste Requisit dieser Art in »Brazil« ist der sogenannte ›Executive Decision Maker‹, den der Bürokrratenheld Sam nach einer Beförderung geschenkt bekommt. Aufsteigen in der Stufenleiter der Macht, aber der von Verantwortung und Paranoia Geplagte soll sich mit einem simplen ›Hirn aus, Zufall an‹-Gegenstand behelfen.

Hier also, was dabei herauskommt, wenn in Molos Hirn Todorov und »Brazil« aufeinandertreffen.

Phantastik-Entscheidungshilfe

Und nochmal: »Das Ende der Science Fiction«

Kleiner Stegreif-Vortrag, der mir gerade aus dem Hirn gepruzelt ist, eigentlich für den entsprechenden Thread im SF-Fan-Forum. Sollen aber die Molochronik-Leser auch was von haben.

Bei der Frage zum »Ende der SF« kommen schnell mal mindestens folgende drei Auffassungen des Genre-Begriffs ›SF‹ einander ins Gehege:

  1. SF, so wie der Handel, das Marketing sie verstehen, aufs Buch pappen (oder auch nicht). So ärgerlich eine Praxis hier zuweilen sein kann, ermuntere ich dazu, mal gelassen zurückzutreten und sich zu besinnen: »Ach ja, hier geht es ums Ansprechen und Zum-Produkt-Lotsen von potentiellen Käufern. Also letztendlich um Aufmerksamkeitsmanagement« (nannte sich früher: Marktschreierei). — Wollen wir also die Zurechnungsfähigkeit dieser Art von ›Deutungshoheit‹ den Genre-Begriff SF betreffend mal mit großer Vorsicht genießen, ohne zu vergessen, jenen Verlagen und Programmgestaltern unseren Respekt und Dank zu zollen, die auf diesem Felde (noch) keinen (kompletten) Schindluder treiben.
    Wenn sich bei den Gepflogenheiten, wie und ob und was als SF etikettiert wird merklich etwas so geändert hat, so dass man von einem »Ende der SF« unken kann, dann liegt das sicher zum einen an einer mutmaßlichen oder gut extrapolierten Sondierung des möglichen gesamten Publikums (vulgo: des Mainstreams oder Ottonormalpublikums); und (bei den umsichtigeren Programmgestaltern) auch an den Stimmungslagen, die dem Fachpublikum (also: SF-Fandom) abgelauscht werden. Also, spielt eine Rolle auch der SF-Genre-Begriff von …
  2. … der Peer-Group, der Leserkreise, die mehr oder minder ausschließlich, oder zumindest mit großem Interesse und einhergehender Leidenschaft ›auch‹ SF lesen und entsprechend in eine vom Fandom gepflegte Diskurs-Tradition eingebunden sind. Wenn ich als Stichpunkte anführen darf, dass …
    • a) durch das Pendeln der Kreativen zwischen Markttauglichkeit (Wiedererkennbarkeit, Genre-Formel) und — man verzeihe mir den hehren Ausdruck — ›künstlerischer Ambition‹ (Originalität, Abweichung) …
    • b) … im Laufe von Jahren eine Genre-Dialektik der Ausreifung, Verfestigung, Hochblüte, Selbstbezüglichkeit, Überstrappazierung, Routinie-Ermüdung, Neulandsuche, Grenzüberschreitung, Abzweigung und Ausdifferzierung stattfindet, und es …
    • c) … deshalb logischerweise viele verschiedene Gruppen gibt, die z.B. einer bestimmten Spielart der SF die Treue halten, so ist es nicht verwunderlich, wenn …
    • d) … die Gespräche der Kenner über SF (und was SF sei) mitunter wie ein babylonisches Gezeter anmutet.
    (Notfalls hier einfach an Morgan Freeman in dem Costerner-»Robin Hood« denken: »Gott liebt die wunderbare Vielfalt.«)
    Schnell vergisst man da die Einigkeit der Liebe für das Genre angesichts der schier unüberschaubaren verschiedenen und teils einander widerstrebenden Sichtweisen. Die Klage der einen über ein »Ende der SF« mag dann durchaus begründet sein, weil eben ihre Variante im Rückgang befindlich ist; während andere, neue Varianten, Wiedergeburten des Genres noch oft genug gedreht, gewendet und von genügend Lesern abgeschmeckt werden müssen, bis sich verfestigt, dass es sich hier ›auch‹ tatsächlich um SF handelt (egal was Gruppe 1) auf den Umschlang etikettiert, oder kritische (oder einfach nur besonders hartnäckige) Mengen von Gruppe 2) noch abschlägig herumdefinieren).
  3. Schließlich der einzelne Leser, bei dem es eben vor allem darauf ankommt, wie seine ureigenste Lesereise sich gestaltet und gestaltet hat, wie der Verlauf dieser Reise wiederum seine Kenntnis, sein Urteilsvermögen, seinen Geschmack geformt hat. Nicht zuletzt hängt die Beantwortung der Frage nach einem »Ende der SF« durch diesen gedachten einzelnen SF-Lesern davon ab, wie seine Kenntnisse des Genre-Begriffes geartet sind, z.B. stur dem folgend, was Gruppe 1) deklariert (wie brunzdumm das auch teilweise sein mag); oder einem essentialistischen Genre-Verständnis folgend mit fixen EIn- und Ausschlusskriterien;
    … diese beiden Beispiel-SF-Fans werden öfter herbe Enttäuschungen verbuchen müssen angesichts des Wandels der Moden und Begrifflichkeiten als z.B. SF-Fans, die sich lieber pragmatisch mit Einzelfällen auseinandersetzen, denen ein-eindeutige Schubladen-Taxonomien suspekt sind, und die über genug gedankliches Slalom-Geschick verfügen, auch mal etwas als SF zu nehmen, das weder von einer Quelle kommt, die SF-Stallgeruch hat, noch dass SF drauf steht.

Ich persönlich z.B. kann durchaus der Aussage zustimmen, dass ›SF‹ als Marktschreier-Anpreisungs-Schlagwort in den letzten Jahren von bestimmten Verwerten gemieden wird, sich de facto aber die SF als Ganzes, mit mannigfachen verschiedenen Erscheinungsformen tummelt und sprießt wie Bolle. — Oder, wie auch schon mal gesagt wurde, nicht nur von mir: SF hat gewonnen, sie wird deshalb seltener augenfällig ausgeschildert, weil man stillschweigend davon ausgeht, dass die SF-Zeit schon da ist (nur eben — William Gibson folgend — nicht gleichmäßig verteilt, und sicher nicht mehr so optimistisch Pfadfinder-fröhlich zu haben wie in manchen vergangenen Segmenten des Annodunnemals).

Molos Wochenrückblick No. 66 / 67

Eintrag No. 745 — Hier also wieder mal eine Doppelnummer (um die Wochenzählung aufrecht zu erhalten). Es herrscht Wochenrückblick-Sommerpause bis Ende August, Anfang September, weil ich ziemlich viel Brotjob-Dienst schiebe, meine derzeit laufenden Serien (»Eine andere Welt« von Grandville und meine Buchregal-Wanderung) jedoch nicht gefährden möchte. Nächster Wochenrückblick kommt voraussichtlich erst in zwei Wochen.

Lektüre: Da ich nicht viel Musenzeit zum Lesen habe, bevorzuge ich in den letzten Wochen ›leichte‹ Comic-Stoffe. Guter Grund endlich mit »Hellboy« aufzuholen. Jahrelang hatte ich mich nicht um den großen Roten gekümmert und nur die ersten drei Sammelbände auf Englisch im Haus. Mittlerweile genieße ich den neunten Sammelband, »The Wild Hunt«. »Hellboy« ist eine der ganz wenigen Phantastik-Serien / Franchise-Produktionen, der ich verfallen bin. Ich mag die Comics, ich mag die Spielfilme (die endlich endlich den großartigen Ron Perlman zu einem Hauptdarsteller-Star gemacht haben), ich mag die Zeichentrick-DVDs, ja ich fand sogar die erste Doppelfolge der deutschsprachigen Hörspiele von Lausch ganz nett. Himmel!!! Ich hab einen »Hellboy«-Schlüsselanhänger … soviel zu meinem Status als Fanboy. — Als nächstes steht bevor, mir das gute Dutzend Sammelbände des Ablegers »B.P.R.D.« anzuschaffen. Seufz … Freu.
— Ach ja: passend zum Thema gratuliert für ›Der Tagesspiegel‹ Moritz Honert dem deutschen Verlag von »Hellboy«, Cross Cult, zum Zehnjährigen: Happy Birthday, Höllenjunge.
— Und dann hat auch noch ein Deutscher, Hendrik Berends, den »Re-kreiere ein Hellboy-Cover«-Wettbewerb von Dark Horse gewonnen. Glückwunsch!

Ebenfalls am nachholen bin ich, was die Werke von Meister Neal Stephenson angeht. Endlich habe ich mir sein Roman-Debüt »The Big U« aus dem Jahre 1984 besorgt und bin seit vorgestern halb durch damit. Eine wunderbare, lustige Campus-Gaudi in der sich Zimmergenossen mit Metal- und Orgelmusik bekriegen; ein Englisch-Prof. erklärt, warum Noten geben wie Poesie ist; einer Gruppe CoSim- & Rollenspieler, die baff vor Staunen ist, wie ein Computergenie bei seinem erstem Spiel den zweiten Weltkrieg mit den Achsenmächten gewinnt; Studentenparlamets-Sitzungen mit Budget-Gerangel und Vorbereitungen zum großen Fantasy Island-Fest des Frauen-Wohnflügels. — Erstaunlich, wie hoch die Ansprüche von Stephenson an sich selbst sind, denn er stuft dieses Debüt als minderwertig ein. Erst, als die Preise für diesen vergriffenen Roman unverschämt hochschnellten, stimmte er zu, dass man ihn neu auflegt (sehr anständigt von ihm!). Und wiedermal muss ich eine Schande der deutschen Verlagslandschaft ankreiden, denn bisher gibt es diesen unterhaltsamen Roman nur als teure (wenn auch schöne) Edition Phantasia-Ausgabe in kleiner Auflage. Ich halte es nicht für sooo wahrscheinlich, dass eine Taschenbuchausgabe zwangsläufig ein völliges Verlustunternehmen darstellen würde. — Schon richtig, dass in diesem seinem ersten Roman noch nicht der ganze Stephenson in voller Pracht erblüht. Aber eine seiner bedeutensten und kurzweiligsten Stärken brilliert bereits deutlich, sein geschicktes Händchen fürs Satirisch-Humoristische.

Nun aber zu den Links, diesmal ohne Kategorien, und mit einer Extra-Portion Filmchen.

  • Schöne Gelegenheit zum ersten mal etwas von Brad ›Cinema Snob‹ Jones vom ›That Guy With The Glases‹-Portal zu verlinken. Geht es um Nazis in der Popkultur, gibt es wenige, die unentschlossen bleiben, ruhig Blut wahren oder mit ›ist egal‹-Haltung in der Mitte verharren. Die meisten finden Nazis in der leichten Unterhaltung entweder meistens prinzipiell & ohne wenn und aber unakzeptabel, oder haben (wie ich oftmals) ihren Spaß damit, wenn diese Musterbösewichter auf die Bühne gerufen werden, um zu machen, was sie gut können: Bösewichter abgeben. Der ›Cinema Snob‹ bespricht hier einen billigen Kriegsmoral-Aufpepper aus dem Jahre 1942 namens Hitler Dead or Alive in dem drei Straßengangster mit Tommy-Gun dem Gröfaz auf die Pelle rücken.
  • ›Cartoon Brew‹ führt vor, um wie vieles das Kinder- und Jugendfernsehprogramm früher besser war als heute. So hat man in den Siebzigern jemanden wie Terry Gilliam erklären lassen, wie man einfache Trickfilme macht. Terry Gilliam's Do It Yourself Animation Show.

  • Ich liebe die Zauberer und Komiker, die bei den TED-Talks auftreten. Jüngst hat der Schweizer Marco Tempest geziegt, wie man mit drei iPod-touch-Geräten einen Saal voller Tech-Geeks zum Staunen bringt: Die Magie der Wahrheiten und Lügen









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Molos Wochenrückblick No. 64

Eintrag No. 740 — Kinners, wie die Zeit vergeht! Wisst Ihr noch, wann ich das letzte Mal von meinen Entscheidungen bei ›Wer ist dir lieber?‹ berichtet habe? — Nein? — Vor über drei Monaten! — Also nicht lange gefackelt. Entscheidungen müssen her!!!

Jack Nichsolson oder Heath Ledger (als Joker): Wenn es nur darum ginge, wer der bessere Joker war, würde ich ›weder / noch‹ sagen, wenn es darum geht, wessen Schauspielerleistung ich höher schätze, dann Nicholson.Yul Brunner oder Telly Savalas: Meine Stimme geht an den König von Siam!Physik oder Chemie: Finde beides zu interessant und wertvoll, um mich entscheiden zu wollen, also wieder ›weder / noch‹.Tim Taylor oder Al Borland: Ähh, das ist wohl TV-Kultur. Habe keine Ahnung. Kenne beide nicht.Beckmann oder Kerner: Diesmal kenne ich immerhin die Namen dieser TV-Fuzzis. Weiß aber sonst zu wenig, um die unterscheiden zu können. Also wiederum, ›kenne beide nicht‹.Inge Meysel oder Marie-Luise Marjan: Und nochmal ›kenne beide nicht‹.Lena oder Nicole: Schlimme als das grausige »Ein bischen Friede« ist selbst lena nicht. Trotzdem unterm Strich für mich ein ›weder / noch‹-Fall.Spiegelei oder Rührei: Klarer Fall. Ich bin ein Rührei-Typ.Jim Knopf oder Lukas der Lokomotivführer: Ich mag Lukas ein kleines bischen mehr.Darth Vader oder Yoda: Seit »The Attack of the Clones« ist für mich der Kampf-Flummi nicht mehr zu toppen.David Beckham oder Victoria Beckham: Bin nicht kompetent genug, hier eine Entscheidung zu treffen, also ›weder / noch‹.Prince William oder Kate Middleton: Ebenso. Wertner Enke oder Uschi Glas: Ich boller einfach mal so rum und wähle den Enke.Cats oder Das Phantom der Oper: Hmmm, schwer. Als Teen mochte ich beide. Aber die Texte von Cats sind (siehe T. S. Eliot) doch 'nen winzigen Tick gehaltvoller.Humphrey Bogart oder Ingrid Bermann: So sehr ich die Bergman mag, den Bogart finde ich einfach noch besser.Max oder Moritz: Ist das nicht völlig Wurscht? Ich werf ne Münze … halt nein, ich finde, Max sieht nicht so nervig aus. Adam oder Eva: Meine Sympathien liegen bei Frauen, die mir was zu Essen bringen.Liz Taylor oder Richard Burton: Wieder ein ›weder / noch‹-Fall.Frühling oder Herbst: Mein liebste Jahreszeit ist eh der Herbst.Harry oder Sally: Als Rollenvorbild für mich bevorzuge ich Harry.Cornflakes oder Müsli: In Phasen die sich über mehrere Jahre erstrecken, mag ich mal das eine, mal das andere lieber. Derzeit bin ich ein Müsli-Typ.

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Wunderbare Neuigkeiten! Matt Ruff präsentiert auf seiner Website nun erste offizielle Infos über seinen (auf Englisch) im Frühjahr 2012 erscheinenden fünften Roman »The Mirage«. Hier eine schnelle Übersetzung von mir vom Waschzettel des Buches:

9. November 9, 2001: Fundamentalistische Christen haben vier große Düsenmaschinen entführt. Zwei davon steuerten sie in die Tigris & Euphrat-Welthandels-Türme in Baghdad, und das dritte in das Arabische Verteidigungsministerium in Riad. Die Passagiere des vierten Flugzeuges, dessen Bestimmung Mekka gewesen sein soll, bringen ihre Maschine in der Wüste zum Abstürzen.
Die Vereinigen Arabischen Staaten rufen einen Krieg gegen den Terror aus. Eine Koalition arabischer und persischer Truppen landet an der Ostküste Amerikas und errichtet in Washington D.C. eine Grüne Zone …
Heute, einige Jahre später, ebbt der Krieg in Amerika langsam ab. Mustafa al Baghdadi, ein Agent der arabischen Heimatsicherheitsbehörde, verhört im Irak einen festgenommenen Selbstmordbomber. Der Gefangene behauptet, dass die Welt in der sie leben ein Trugbild ist — in der wirklichen Welt ist Amerika eine Supermacht und die arabischen Staaten nur eine Ansammlung ›rückwärtsgewandter Drittwelt-Nationen‹. Eine Ausgabe der New York Times vom 12. September 2001, die bei der Durchsuchung der Wohnung des Attentäters gefunden wird, scheint seine Aussage zu bestätigen.
Es bleibt nicht bei diesem einen Zwischenfall. Andere festgenommene Terroristen erzählen die gleiche Geschichte, und man findet weitere ›Artefakte‹. Der Präsident verlangt Antworten, doch Mustafa und sein Team entdecken bald, dass weitere Interessensgruppen ihre Finger im Spiel haben. Der Verbrecherboss Saddam Hussein führt eigene Ermittlungen durch, und der Chef des Nachrichtendienstes des Senates, ein Kriegsheld namens Osama bin Ladin, macht vor nichts Halt um die Wahrheit über das Trugbild zu verbergen.

Und Matt hat auch schon zusammengeschrieben, welche Musik er beim Schreiben von »The Mirage« vor allem gehört hat.

Politik, Gesellschaft & Hochkultur:

  • Georg Dietz, ›Der Kritiker‹ unter den SpOn-Bloggern, klärt uns auf betreffs Sieben Wahrheiten über die Hochkultur. Durch die Brille der Genre-Theorie gesehen ist für mich schon lange klar, das ›Hochkultur‹ eben auch nur eine Nische für ein spezielles Fandom ist.

(Deutschrachige) Phantastik-Links

  • Für das Blog der ›Bibliotheka Phantastika‹ hat moyashi am Beispiel des »Games of Thrones«-Kalenders 2012 von Joe Picacio wunderbar zusammengemeckert, was an typischer Epic-Fantasy-Grafik nicht stimmt: Blind oder nicht blind, das ist hier udie Frage.
  • Simon Spiegel bietet als PDF auf seiner Website eine Rezi zu Alex Melzers »Weltenbauer: Fantatstische Szenarien in Literatur, Games und Film«. Wer sich selbst einen Eindruck von der exemplarischen Nutzlosigkeit von Melzeners Schrift verschaffen will, kann hier in einer umfangreichen Leseprobe stöbern.
  • »20th Century Boys« hat letztes Wochenende den Eisner-Award gewonnen, schöne Gelegenheit für den ›Tagesspiegel‹ Inga Steinmetz dieses beeindruckende Groß-Manga empfehlen zu lassen: Mörderische Freundschaft.
  • Noch was aus dem ›Tagesspiegel‹: Diesmal hat sich Steffen Richter der ersten sechs Titel der ›Neue Welt‹-Reihe des Verlages Matthes & Seitz angenommen: Luftschlösser und Quantenburgen. Diese Science Fiction-Reihe wurde von der Szene (mich eingeschlossen) selbst bisher kaum wahrgenmoen, mit Ausnahme von Thor Kunkels lesenswerten Roman »Schaumschwester«.
  • Viel Stoff für die Ohren bieten die Tonmitschnitte der Seminare Science Fiction and Politics von Courtney Brown. Bereits verkostet habe ich die Einführungsfolge, sowie die Beiträge zu Neal Stephensons »Snow Crash«. Ganz besonders freut mich, dass auch das Werk der Science Fiction-Musikerin Janelle Monáe berücksicht wird.

Zuckerl: Popkultur & Kunst

  • Seit ich als Hauptschüler Bachs Orgelmusik in der Einspielung von Helmut Walcha kennenlernte, und kurz darauf die Böhmsche Einspielung der Brandenburgischen, bin ich dem Jay Es Be verfallen. Letztes und dieses Jahr hatte ich wieder eine von diesen monatelangen Phasen, in denen ich auf dem Weg zur und von der Arbeit praktisch nur Bach hörte (Savall und Göbel-Einspielungen). — David Ramirer ist einer meiner Freunde, die so eine arge Bach-Begeisterung verstehen. Ihn hat’s, wie’s scheint, in letzter Zeit auch wieder vermehrt zum Thomas Cantor hingezogen, denn in seinem Blog tummeln sich wieder vermehrt elektromusikalische- und bildnerische Interprationen Bach’scher Werke: hier erstmal zum Hören für die freunde gehobener contrapunktik das »Ricercar a 6« (aus »Musikalisches Opfer«), und anschließend dann zwei visuelle Analysen / Umsetzungen dieses Stücks: ein wenig musikanalyse am mittwochabend und ein semi-chromatischer tanz.
  • Dank an Andrea für diesen Linktipp: Kent Rogowski macht Collagen aus verschiedenen Puzzels und nennt diese knallbunten Farbgranaten dann Love=Love.
  • Das Architektur-Blog ›The Web Urbanist‹ bietet einen umwerfenden Rundgang durch menschengemachte Himmelgewölbe: 15 Stunning Modern Ceiling Designs.
  • Zum Abschluss ein Filmchen bei ›Neatorama‹, das ich putzig-gruslig finde (aber vorsicht: manche von Euch finden folgendes sicherlich grausig-eklig!): Leckerer (toter!) Tintenfisch fängt wegen des Natriums in der Soja-Soße an zu zucken: Tanzender Tintenfisch

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Molos Wochenrückblick No. 63

Eintrag No. 735Lektüre: Geht etwas wild und durcheinander zu bei mir derzeit, da ich in einer Phase bin, in der ich verschiedenes durcheinander lese. Auf dem Gebiet der Sachbücher erfreue ich mich zweier Aufsatzsammlungen zum Thema Science Fiction.

1) »Red Planets. Marxism and Science Fiction« (Hrsg. von Mark Bould und China Miéville), in dem sich 13 Texte finden. In der Einleitung leistet Mark Bould eine interessante Schau auf die Veränderung der Kommentierung der globalen Ökonomie durch die SF anhand von Jules Vernes »20.000 Meilen unter dem Meer« und »The Matrix«. — Die erste Abteilung »Things to Come« beschäftigt sich mit den Spuren des utopischen ›noch nicht‹ von Ernst Bloch; — die zweite Abteilung »When Worlds Collide« legt u.a. am Beispiel der Werke von Charles Stross und Ken MacLeod dar, wie SF geschichtliche Zustände kommentiert, in denen sich Gelegenheiten für revolutionäres Hanlen eröffnen; — die dritte Abteilung »Back to the Future« schlägt am Beispiel der Werke u.a. von Philip K. Dick, Ursula K. Le Guin und dem Weimarer Kino alternative Science Fiction-Studien vor, die vom durch Darko Suvin gesetzten Paradigma abweichen. In seinem Nachwort »Cognition as Ideology: A Dialectic of SF Theory« nimmt China Miéville dann Suvins Theorie derart beim Wort, dass deren unterschwellige ideologische Setzungen deutlich zu Tage treten.

2) Eine wahre Fundgrube (mit 554 großformatigen Seiten) ist »The Routledge Companion to Science Fiction« (Hrsg. Mark Bould, Andrew M. Butler, Adam Roberts & Sherryl Vint). In vier Abteilungen werden Aufsätze zu den Bereichen Geschichte (18 Texte), Theorie (14 Texte), Themen und Herausforderungen (12 Texte) und Subgenres (12 Texte) geboten. — Soweit ich die Texte zur Geschichte der SF gelesen habe (die Ausführungen zur Literatur, Film und Comics umfassen), bin ich schwer begeistert über die nüchternen und sachkundigen Darlegungen. — Der Theorie-Teil berücksichtigt neben den zu erwartenden Aufsätzen über Feminismus, Sprache, Postmoderne und postkoloniale Studien auch Texte über marxistische SF-Theorie, Queer-Theory, Virtualität und Posthumanismus. — Die Abteilung Themen und Herausforderungen sind vor allem für akademische Leser von Interesse, denn hier werden Themengebiete behandelt, die sich (wenn) noch eher am Rande der universitären Diskurse abspielen, also Sachgebiete wie z.B. Tierstudien, digitale Spiele, Umweltfragen, Musik und Pseudowissenschaft. — Der Subgenre-Teil widmet sich dann gebräuchlicheren speziellen Feldern und Betrachtungswinkeln wie Arthouse- und Blockbuster-Filmen, Hard-SF und Space Opera, Alternativgeschichten und Slipstream. Besonders freut mich natürlich der Aufsatz über Weird Fiction von China Miéville.

Bereite mich auf’s zehnjährige Jubiläumsrekapitulieren von IX.XI. vor, u.a. indem ich Mathias Bröckers (dessen »Die Drogenlüge« ich empfehlen kann) & Christian C. Walthers »11.9. Zehn Jahre danach« lese. Gutes Buch, das zusammenträgt, welche Teile der offiziellen Geschichtsschreibung (vor allem »9/11 Commission Report«) einer ordentlichen staatsanwaltlich-forensischen Untersuchung nicht genügen, wer also nochmal vorzuladen ist, welche Unterlagen freizugeben sind, welche Umstände von unabhängigen Experten geprüft werden müssten. Es ist ja wahrlich erstaunlich und empörend, was da von Statten ging und geht: wie die offizielle Untersuchung geführt wurde, welche Erkenntisse, Spuren und Zeugen (begründungslos oder mit platten Ausflüchten) unberücksichtigt blieben.

In der ›F.A.Z.‹ (im Netz nun anderswo nachzulesen) erschien am 15. Juli eine Kurzkritik von Raphael Gross, der sich darüber beklagt, dass das Buch in einer ARD-Sendung lobend vorgestellt wurde: Verschwörungstheorie: Was geschah am 11. September 2001? / Die ARD präsentiert ein Panorama der Unsicherheiten. — Eine, wie ich finde, ziemlich ungustiöse Kritik, denn Gross geht gar nicht auf die Sache selber ein, sondern verfrachtet Autoren und Ansinnen einfach mal in die böse Ecke des Krypto-Antisemitismus. — Erfrischend dann aber wieder die Erwiderung von Herrn Walthers im Blog von Herrn Bröckers: Versagende Überwachungsinstanzen.

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Um nicht kirre zu werden vor lauter Sachbuch-Fakten entspanne ich mich mit den »Demon Download«-Büchern von Jack Yeovil (= Kim Newman).

Ich habe diese Quatrologie vor ca. 20 Jahren unkomplett gelesen. Neben den »Warhammer Fantasy«-Romanen von Yeovil gehören die »Demon Download«-Bücher nicht nur zum Besten, was jemals für die legendäre Spieleschmiede ›Games Workshop‹ geschrieben wurde, sondern auch zum Höhepunk dessen, was ich (bisher) an knackiger, exzellent geschriebener Genre-Krachbumm-Phantastik kenne.

Allein die Mischung! Der ›Dark Future‹-Weltenbau ist in einer nahen, ziemlich kaputten Zukunft angesiedelt und erinnert an Stoffe wie »Mad Max« und »Die Klapperschlange«. Wir haben also knappe Rohstoffe, chaotische Zustände in gesetzlosen Zonen der U.S.A., eine korrupte Regierung die nach der Peiffe großer Technologie- und Bio-Ware-Unternehmen tanzt, überall auf der Welt gewalttätige Konflikte zwischen Unabhängigkeits-Kämpfern und Hegemonie-Söldnern, während mediale Blödmaschinen die neusten Promi-Skandale und Sexutainment-Spielchen verbreiten. Western-artig ist der Gesetzeshüter- und Banditen-Konflikt, nur wird weniger geritten als mit Autos, Trucks und Motorrädern herumgefahren. Vom Cyperpunk entleiht man sich transhumanistische Gadgets, Hackerei und Datensurfen. Von Lovecraft und den Seinen übernimmt Yeovil das Konzept der Großen Alten, also finsteren Dämonen, die danach trachten, ihr Unwesen auf der Erde zu treiben. Das alles ist angereichert mit deftigen parodistischen und satirischen Dreingaben, ohne dass die äktionreichen Stories darunter leiden.

(Deutschsprachige) Phantastik-Links

Zuckerl: Popkultur & Kunst

  • Habe in den vergangenen Tagen nach neuen Schreibtischhintergrund-Schmuckbildern gestöbnert und folgende Gemmen geerntet: Behold the Power; — Lions, Kenya (Photo von Wai Chun Turnbull bei ›National Geographic‹); — Tree, Arches National Park (Photo von Bill Keaton bei ›National Geographic‹).
  • Unter dem Titel Nahaufnahmen hat ›Der Freitag‹ ein schönes Portfolio der Reportagen-Illustrationen von Güdel zusammengestellt. Ich bin ein leidenschaftlicher Fürsprecher der Tradition, Zeitungstexte mit genuinen Illustrationen zu versehen.
  • Zweimal dolle Kunst, die im Blog ›This is colossal!‹ vorgestellt wurde: Zum einen die Verpixelten Tiere von Laura Bifano. Eine wahrhaft schräge Idee, in Gemäldeform Tiere so darzustellen, als ob sie aus Pixelblöcken zusammengesetzt wären.

    Zum zweiten die Stahldraht-Skulpturen von Tomohiro Inaba.

  • Am Schluss noch ein Clip mit humorigen Werbefilmchen für eine Hypotheken-Firma: Lustige ›Ameriquest‹ Werbung.

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Molos Wochenrückblick No. 22

Eintrag No. 658 — Die Reise nach Hamburg und der dortige Gründungskongress der ›Gesellschaft für Fantastikforschung‹ war eine wunderbare Sache. Meinen Bericht über den Eröffnungsabend habe ich noch während des Kongresses zustande gebracht (über den Rest berichte ich, sobald ich wichtigere Illustrations- und Textverpflichtungen abgearbeitet habe).

Lektüre: Kommt selten vor, aber die letzte Woche war ich ziemlich lesemüde. Doch wieder einmal hat der »BAROCK-ZYKLUS«-Virus mich erwischt. Dieses Riesenwerk von Neal Stephenson habe ich bereits jeweils einmal auf Englisch und Deutsch genossen. Am Mittwoch konnte ich dem Angebot einer kompletten englischen Hörbuchlesung nicht mehr widerstehen, und habe mir den ersten (»Quicksilver«) von 7 Teilen besorgt, also die ersten ca. 15 Stunden von insgesamt etwa 124 Stunden. Und ich kann sagen, die Lesung von Simon Prebble gefällt mir und ich bin (wieder mal) hingerissen. Ja, ich gehe sogar so weit, im Augenblick geneigt zu sein, dieses Riesenwerk als den bisherigen Lektürehöhepunkt meines Lebens einzustufen.

Ansonsten greife ich für Zwischendurch zu meinen neuen »Transmetropolitan«-Sammelbänden. Ist ewig her, seit ich die Abenteuer von Spider Jerusalem in Einzelheften gelesen habe. Stelle fest, dass diese gesellschafts-kritische Science Fiction-Satire immer noch beachtlichen Wumms hat. Nicht umsonst bewachen Spider und seine Mutantenkatze Missgeburt meinen Verstärker.

NETZFUNDE

  • Im ›Guardian‹ erzählt der unvergleichliche Stephen Fry unhaltsam und geistreich wie immer, warum er, aus jüdischer Familie stammend, die Musik von Richard Wagner mag: Why Stephen Fry loves Wagner. Weitere gute Nachricht Mr. Fry betreffend: er wird in der Fortsetzung von Guy Richies »Sherlock Holmes« den älteren Bruder des Meisterdetektivs, Mycroft Holmes, geben.
  • Für ›Telepolis‹ berichtet Thomas Pany über die ertstaunlichen Ergebnisse eines US-Studie, derzufolge Atheisten besser über Religionen Bescheid wissen (als religionsgläubige Bürger).
  • Anlässlich der Biographie »Sarah: The Life of Sarah Bernard« liefert Graham Robb für ›New York Review of Books‹ einen unterhaltsamen Text über The Divine Sarah. Großes Schmunzeln erregte bei mir die Anekdote betreffs eines Ausspruchs von Alexandre Dumas den Jüngeren, der sinngemäß meinte:
    »Wissen Sie«, sagte er über die bekanntermaßen gertenschlanke Schauspielerin, »sie ist eine derart notorische Lügnerin, dass es mich nicht wundern würde, wenn sie in Wirklichkeit fett wäre!«
  • Sven Ahnert hat für die ›NZZ‹ ein Werkstattgespräch mit dem exzellenten Übersetzer Nikolaus Stingl geführt (der unter anderem meine Säulenheiligen Thomas Pynchon und Neal Stephenson ins Deutsche überträgt): Auf der Jagd nach dem richtigen Ton.

(Deutschsprachige) PHANTASTIK-FUNDE

  • Florian Schwebel hat für ›Lesen was klüger macht‹ einen ausführlichen Essay zum Thema Mythen (in/out) geschrieben. Ebenfalls lesenwert ist sein bereits etwas älterer Beitrag Das Ende des Fiktionsvertrags.
  • Es erstaunt mich immer wieder, wie groß und gut organisiert die Life-Rollenspiel-Bewegung hierzulande ist. Da gibt es zum Beispiel (bisher von mir nicht bemerkt) ein eigenes Webportal für Filme, auf dem nun die neue Reihe ›Das Phantastische Quartett‹ debutierte. In Folge 1 plauschen, moderiert von Anet Enzmann, Gesa Schwartz, Thomas Finn und Thomas Plischke über die immer wieder gern gestellte, und wohl nie endgültig zur Zufriedenheit aller beantwortbaren Frage: Was ist eigentlich Phantastik?. Das macht Freude, das bringt Laune. Ich sehe weiteren Folgen des ›Q4‹ gespannt entgegen.


LARP.TV

Zur Erinnerung:
Hinweise auf bemerkenswerte deutschsprachige Internet-Beiträge zum Thema Phantastik (in allen ihren U- & E-Spielarten) bitte per eMail an …

molosovsky {ät} yahoo {punkt} de

… schicken. — Willkommen sind vor allem Hinweise zu Texten, die wenig beachtete Phantastikwerke behandeln (z.B. also Einzelwerke statt Seriensachen), oder über die Autoren, Theorie und Traditionsentwicklungen berichten.

RÜGE
  • Richard Kämmerlings ist der neue leitende Kulturredakteur der ›Die Welt‹, und wie es sich anschickt, beginnt er seine Tätigkeit mit einem programmatisch-fordernden Text: Blühe, deutsches Faserland, in dem er sich wundert und beklagt, dass es immer noch keine (und das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen) ›Great German Novel‹ gibt, also ein Erzählwerk, das geeignet ist, ein Pendent zu Werken amerikanischer Autoren wie Jonathan Franzen zu sein. — Das ausführliche Ausdeuten, wie dünngeistig diese Forderungs-Jammerei ist kann ich mir sparen, denn das erledigte bereits Gregor Keuschnig von ›Glanz & Elend‹ mit seinem Beitrag Wiederbelebungsversuch an einer Leiche. Trefflich diagnostiziert Keuschnig:
    In Kämmerlings’ Traum spiegelt sich nämlich eine Sehnsucht, die disparate Gesellschaft- und Kulturentwürfe, ein Wesensmerkmal der Moderne, nicht zur Kenntnis nimmt. Wenn er schon den deutschsprachigen Kulturraum verengt auf das ›deutsche‹ respektive das ›ostdeutsche‹ — wie soll dann als Beispiel für eine zweihunderte Jahre gewachsene Einwanderungskultur wie die USA ein äquivalenter Roman entstehen können? Woraus speist sich die Annahme, dass Franzens Familie in irgendeiner Form repräsentativ für die USA ist? Da macht man sich ernsthaft Sorgen um Kämmerlings’ Amerika-Bild.

ZUCKERL

  • Habe das Blog des französischen Künstlers Sam van Olffen entdeckt. Wie Ann Vandermeer in einem ›io9‹-Beitrag trefflich beschrieb, bietet von Olffen schwindelerregende Kreuzungen aus Steampunk und Surrealismus.
  • Das ›Graphic Novel Info‹-Blog hat eine lobenswerte Übersicht zu verschiedenen Beiträgen über den von mir sehr verehrten Künstler Jaques Tardi zusammengestellt, anlässlich der Verfilmung von Tardis »Adeles ungewöhnliche Abenteuer«-Comics durch Luc Besson und dem Erscheinen des zweiten (und abschliessenden) Bandes »Elender Krieg«: Jacques Tardi in den Medien.

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Hamburg: ›Gesellschaft für Fantastikforschung‹, Eröffnung

Eintrag No. 657 — Schnell und dreckig hier meine heute im Laufe des Tages schnell zusammengetippen Eindrücke und Ratz-Fatz-Protokolle des ersten Tages des Gründungskongresses der ›Gesellschaft für Fantastikforschung‹.

Donnerstag, 30. Sept. 2010 — 07:58
Nun im Zug von Frankfurt nach Hamburg. Leichtes Unwohlsein bei der Anfahrt, was mir schon lange nicht mehr passiert ist. Merke, dass ich anders als ich es mir selbst eingeredet habe, ziemlich nervös vor Aufregung und Vorfreude bin. Die Sonne ist bereits aufgegangen, verbrigt sich aber hinter einem die Gesamtheit des Firmamentes verhüllenden zart-grauen Wolkenparavent, ja, einzelne Nebelbänke reichen herab bis auf den Grund, so dass mein Blick aus dem Zug keines Landschaftspanoramas, sondern nur einzelner Fragmente aus Bäumen, Feldern und vereinzelten Häusern ansichtig wird, ganz so, als auf Papierfetzen gezeichnete Skizzen an mir vorbeizögen. Keine zwanzig Minuten, und meine Übelkeit ist verflogen und meine alte Liebe für Eisenbahnfahrten erfüllt mich. — Verpflegung: das Cola von Red Bull und »Quicksilver« von Neal Stephenson als englisches Hörbuch.

›Cappuccino‹, Grindelallee — 14:46
Nach meiner Ankunft im A&O-Hostel (empfehlenswert, gleich beim Hauptbahnhof) erstmal das gemacht, was ich am liebsten in einer fremden Stadt mache: mich verlaufen. Also drei Stunden grob nach Gefühl nördlich durch Hamburg gelatscht; den Rathausplatz passiert; an den Verlagshäusern von ›Der Spiegel‹, ›Die Zeit‹ (Grusel! gleich gegenüber: Scientology) sowie ›Gruner + Jahr‹ vorbei. Letzteres hat mich sogar architektonisch beeindruckt. Die Wege, welche ich instinktiv einschlagen wollte, waren alle mit Baustellen verrammelt, und so wäre ich fast in Richtung Hafenstadt abgeirrt, konnte mich aber dann nach Konsultation des Sonnenstandes neu orientieren, fand so zum Hanseturm, den Messehallen und schließlich zur Grindelallee. War natürlich (Aberglaube Aberglaube – ganz Sternzeichen Widder) eine halbe Stunde zu früh vor Ort, habe den Kongressort besichtigt, dem netten Herrn Organisator Schmeink die Hand geschüttelt und tanke nun erstmal eine Runde heiße Schoko, Fritz Cola und Internet, und markiere mir im Kongressprogramm die Vorträge, die mich interessieren.

Hörsaal GfF — 16:22
Endlich Simon Spiegel in Persona getroffen und dann Anmeldung erledigt. Gigantisches Zuckerl im Kongress-Sackerl: Band 1 der Strugatzki-Werksausgabe von Heyne. Nun auch Frank Weinreich lebendfrisch die Hand geschüttelt (Frank gegenüber plagt mich ja ein schlechtes Gewissen, weil ich in seinem Blog meist nur besserwisserische Widerspruch-Kommentare platziere; aber ich schätze seine Texte sehr).
Vorrede Lars Schmeink: Sehr angenehm sein Gebrauch der Expeditions-Metapher. GfF soll Basis-Camp sein. Das überraschend große Interesse lässt die Hoffnung zu, dass aus der deutschsprachigen Gesellschaft in naher Zukunft eine europäische wird. Fein auch sein Ansatz, den ›Fantastik‹-Begriff weit abzustecken, damit all die verschiedenen Einzelunternehmungen berücksichtigt werden. Klare Unterscheidungen zu finden ist ein Ziel.

Diskussion: »Researching the Fantastic in the 21st Century«

Gunzenhäuser: Fantastik hat bemerkenswerte Präsenz ist auf dem Feld der Computerspiele (aber auch TV und Kino). Vor allem Spiele: Raum und Performanz wichtig.
Ruthner: Außenseiterthema in den 90ern (Wendelin Schmidt-Dengler empfahl, dem CV auch ernste Themen hinzuzufügen). Spezialgebiet Vampire, in letzter Zeit aber Entwicklungen (»Twillight«) die ihn zuwider sind. — Sieht 2 Strömungen der Fantatstik-Forschung: 1) Rhetorisch = linguistisch & strukturalistisch, nach Todorov; / 2) ›Liminality‹ (ist wohl DAS neue Modewort in der akademischen Beschäftigung mit Fantastik … zumindest mir neu. Hab auch erst mal Wiki konsultieren müssen. Verlinkt habe ich den deutschen Eintrag, aber der englische ist, wie so oft, ergiebiger.).

Tomkowiak: Ebenfalls Außenseitererfahrungen im akademischen Betrieb (›Fantastik ist zu populär‹). Oft toter Punkt in Artikeln und Diskussion, wenn bestimmt werden sollte, was Fantastik ›genau‹ ist. Beschäftigung mit Paul Albrecht Müller (Nazi-Superhelden) erhellte, dass Fantastik viel mit Realität und Ideologie zu tun hat. Fantastik oftmals genutzt um Wissenschaftsprobleme z.B. der Unsterblichkeitsforschung zu veranschaulichen. Nun Forschung fantastischer Kinderliteratur & Filme.

Coelsch-Foisner: Wie die Fantastik-Phänomene und -Strategien mit Wirklichkeit interagieren und sie unterbricht. Körperlichkeit, Metamorphosen, Transformationen und Korrespondenz in Wissenschaft und Gesellschaft. — Besonderes Interesse an Fantastik-Entwicklungen nach Fall der Mauer; Fantastik und Erinnerungsorte! ›Fantastik-Effekt‹ der deformierten Füße von chinenischen Lotos-Damen. — Freut sich auf Kollaboration. Fantastik wirkt auf Alltagsleben ein.

Was ist neu auf dem Feld der Fantastik-Forschung im 21. Jahrhundert?

R: Großer Korpus gegenwärtiger Kunst, die fantastisch ist.

C-F: Erstaunt, dass sich niemand mit Fantastik in der Werbung beschäftigt! YES!!! — Identitäts-Konstrukte und Überschreitung von Grenzen.

G: Generationsfrage; junge Leute begeistern sich. Werkzeugkasten um über das Neue nachzudenken, sich ihm anzunähern.

Welche institutionellen Rahmenbedingungen für Fantastik-Forschung sind erwünscht?

R: Nationalliteratur-Foschung erscheint ihm Schrebergartenhaft GENAU!. Kollaps der Geisteswissenschaften im anglo-amerikan. sorgt dafür, dass Leute aus unterschiedlichen Disziplinen nun miteinander reden. — Fantastik wurde zum Mainstream (deshalb seine Nostalgie).

C-F: Literatur zu einer Rückkehr verhelfen, Fantastik reizvoll für junge Leute. Natürwissenschaftler-Kongress zeigt deren Interesse an Fantastik.

T (zu R): Wegen Nostalgie-Klage. Unterscheidung U- und E-Kultur sollte aufgegeben werden. In der Schule muss man mit Mainstream anfangen, um die jungen Leute abzuholen.

R: Fühlt sich missverstanden. Meinte Kulturindustrie, die ›Verkindergartung‹ der Fantastik geht von ihr aus. Börsenhandel der ganzer Länder verwüstet; was könnte ›fantastischer‹ sein?

Auditorium-Fragen

Frage nach nicht-fiktionaler Fantastik; 1) Wie ist das Verhältnis von Fiktion und Fantastik? / 2) Verhältnis europäischer und amerikanischer Fantastik-Forschung?

R: Zu 1): Kulturwende, alles ist konstruiert, alles fiktionalisiert. Fantastik ist Sonderfall der Fiktion. Wirtschaftstheorie ist ebenso Fantastik wie Asimov oder Tolkien.

C-F: Zu 1): Wie Museen Geschichte vermitteln. Zieht ›Narration‹ den Begriff ›Fiktion‹ vor. / Zu 2): Großes Interesse der USA an Osteuropa.

Geld war immer schon Fiktion, wir behandeln als aber als etwas Wirkichliches. Das Fantastische ist nicht mehr so fantastisch. Also: Ändert sich nicht etwas an der Funktionsweise, wenn etwas ehemals Marginalisiertes nun hochpopulär wird?

C-F: Fantastik ändert sich dauernd und überschreitet sich selbst.

Grenzüberschreitung. Wegen Sprache: Europa viele Sprachen, in Spanien lebendige Entwicklung; wird Englisch hegemoniale Sprache der Fantastik-Foschung und der GfF?

Schmeink: GfF beginnt als deutschsprachig, auf europäischer Ebene ist Englisch aber Austauschsprache. Schönes Ziel wäre, mehr verschiedene europäische Texte ins Englische und Deutsche zu übersetzen.

Kapitalistische Wirtschaftstheorie wie Märchen: ›keiner‹ denkt, dass sie wahr ist, aber man glaubt willentlich daran, weil man es für das Bestmögliche hält.

T: Beispiel Dan Brown, Leser beginnen dessen Verschwörungsgeschichte zu glauben. Kräfte die gegen die Menschheit vorgehen … da trifft sich die Börse mit der Fantastik.

R: Siehe großer Aufschwung der Fantastik in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. — Fantastik als Facette der Andersartigkeit; Identität, Spiegelbild und Projektion. Vorschlag des Studienfelds ›Kultur-Teratologie‹ (= etwa: ›Kulturelle Monsterkunde‹).

Was ist pragmatischer Zusammenhang zwischen Geldern für Fantastik-Forschung und deren Beliebheit?

G: Fantastik immer noch nicht allzu akzeptiert im akademischen Bereich, trotz deren Beliebheit.

R: ›Gentrifizierung‹ der Fantastik an Unis. Fantastik-Forschung nur die nächste Modewelle, hat er so nicht erwartet.

C-F: Hat Erfahrung gemacht, dass sich viele Leute aus verschiedenen Fachbereiche für Fantastik interessieren. (Salzburgs Life-Science-Direktor ist SF-Fan — Hört Hört!). Fantastik kann zu vielen Forschungsfeldern Beitrag leisten: z.B. Trauma-, Kriegs-, Propaganda-Studien. Fantastik wurde da noch nicht hinreichend gewürdigt! YES

(Trommelwirbel) Deutsche Frage: Englisch = Einbahnstraße. Begriff des Fantastik so weit, spielt schon ins Spiritistische. Sieht wenig Zusammenhang mit Film & Literatur. Sind mehr Mythen des Alltags. Wo ist der Anschluss an Literatur?

C-F: Siehe Fandom und Fan-Fiction, also Literatur spielt durchaus eine große Rolle bei Fantastik-Forschung.

Findet problematisch, dass Fantastik-Begriff der GfF sehr weit ist. Was ist Unterschied zu Mythos?

G: Deshalb fasziniert sie Fantastik, sie kehrt stets wieder, ändert sich, hat eben auch mythische Qualität.

Fantastik-Aufschwung durch neue Technologien gefördert?

G: Neue Medien vermischen verschiedene Kulturen. ›Neue Fantastik‹ hat mit diesen neuen Technologien zu tun (Computer, Filme).

C-F: Technologie beeinflusst Fantastik und vice versa.

R: Fantastik ist Schatten der Moderne.

70er- und 80er-Jahre wurde Fantastik niedergemacht von der Ideologiekritik.

R: Verstehe. Gustavson: »F. = reaktionär«, schon klar. Gibt aber auch z.B. feministischen Einsatz für die Fantastik.

G: Viele Beispiele für Fantastik, die von politischen Bewegungen genutzt wird, natürlich verschiedene Anwendungen möglich.

Frage nach der Fantastik und Phantastik.-Unterscheidung. ETA Hoffman = PH und »Twillight« = F, und wie kann ein Werk (z.B. »Harry Potter«) vom einem zum anderen werden? Bestimmte Fantastik tut sich schwer, ernsthaft besprochen zu werden, andere hatte diese Probleme nie?

C-F: Das war nie so klar. Blickwinkel ändern sich. Mary Shelly-W. war in den 70 die Frau von Shelly… nun ist es umgekehrt. Hängt von Klassifizierung ab.

Verlegerfrage: Anteil von fantastischen Werken war nie so groß wie heute. Früher war Fantastik subversiver, gegen den Massengeschmack gerichtet.

R: Vielleicht ähnlich wie ›Pornofizierung‹ der Gesellschaft, nun eine ›Fantastikisierung‹ der Gesellschaft?

C-F: Dramatische Veränderungen in Gesellschaft. Einige fantastische Schreibweisen beschäftigen sich genau damit, wie man mit großen Veränderungen umgeht, fertig wird.

Ausklang: Foyerumtrunk und Häppchenmampfen zusammen mit Simon, Jörg Hartmann und Melanie Knaup. Anschließendes Geplausche in einem Eiscafe mit Simon und Melanie (die tapfer uns Labermännchen ertragen und Paroli geboten hat). — Auf dem Weg ins Hostel noch mal für eine Stunde in St. Georg verlaufen. Leicht gruselig die Prostituierten und ein Typ, der mir erklärt, dass er sich in meinem Windschatten, genauer, vor mir herlaufend mit mir als Sichtschutz, den Blicken irgendwelcher ihm Übel wollender Menschen entziehen muss. Ich tue so, als ob ich kein Deutsch verstehe: »I don’t understand a word you say … Suite yourself … Take care.« — 00:20 Richtung Bett.

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Tzvetan Todorov mit Genreschubladen-Kopf

Eintrag No. 649 — Das war eine schwere Geburt und hat mich daran erinnert, warum ich vor vielen Jahren gemerkt habe, dass ich nicht wirklich dazu tauge mit Graphik-Design und Illustrationen meine Brötchen zu verdienen. Gewisse Dinge kann ich ja locker aus dem Handgelenk schütteln, meine Improvisationen zum Beispiel.

Aber mein lieber Schwan, was für eine Tortur, wenn es nicht so einfach klappt!

An dem Titelbild für ein kommendes Buchprojekt über Todorovs Fantastik-Theorie habe ich Woche um Woche herumgeschustert und mich nur mit kleinen Hühnertapperl dem hier vorliegenden Ergebnis annähern können. (Ergänzung 13. November 2010: Zur Buchseite von Simon Spiegels »Theoretisch phantastisch. Eine Einführung in Tzvetan Todorovs Theorie der phantastischen Literatur«.) Und auch diese Illu ist stellenweise immer noch peinsam für mich: den Drachen links kann ich nicht ausstehen, bekomme ihn aber nicht besser hin und muss damit leben, dass irgendwann eben mal Schluss sein muss (dafür ziehe ich mich an dem SF-Motiv in der rechten Schublade hoch, dem einen Detail des Bildes, das mich rundum freut).

Tzvetan Todorov

Wenn ich dazu komme und den Mut aufbringe, dann präsentiere ich die ganzen versauten Entwürfe und Zwischenschitte zu diesem Illu. Das Original ist keine Augenweide, denn es ist aus Stücken zusammengeklebt und benötigte entsprechend ausgiebige Digitalkosmetik.

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Molos Wochenrückblick No. 16

Eintrag No. 646 — War diese Woche meistens in der Minderheit … zumindest, als ich wieder mal bei »Wer ist Dir lieber?« vorbeigeschaut habe um abzustimmen. — Butter oder Margarine?: die Mehrheit mag Butter, aber ich nicht. — Caesar oder Cleopatra?: die Mehrheit mag Cleopatra, aber ich nicht. — Lady Gaga oder Madonna?: die Mehrheit mag Madonna, aber ich nicht. — Lediglich bei den Abstimmungen zu Vollmond oder Neumond, sowie Fox Moulder oder Dana Scully gehörte ich zur Mehrheit: Vollmond und Moulder. (Bei den anderen Abstimmungen war ich unentschlossen oder kannte die entsprechenden Kandidaten gar nicht.).

Lektüre: Derzeit ein etwas planloses Lesen verschiedener Sachen. Kapitelweise oder abschnittwiese wechsle ich zwischen Peter Watsons »The German Genius« und dem ersten Roman einer Quatro, seinem, wie der Autor selbst meint, bedeutendstem Werk. Ich bin sehr zerquält. Nach mehr als der Hälfte von Band 1 zweifle ich wirklich an dem Verstand entweder meiner selbst, oder eben all derer, die diesen Autor und sein Werk so hoch einschätzen.

Desweiteren lese ich zur Erholung querbeet in Mark Twains Spätwerk herum. Vor allem »Der Geheimnisvolle Fremde« (hier zur Originalfassung bei ›Project Gutenberg‹: »The Mysterious Stranger«), nach dem Tod von Twain 1916 erstmals erschienen, hat es mir angetan. Diese Wenig bekannte Fantasy-Geschichte spielt 1590 in einem österreichischen Kaff, und der jugendliche Erzähler Theodor erzählt, wie er und seine Kumpels Nikolaus und Seppi von einem Engel namens Satan besucht werden (einem Neffen des Gestürzten). — Und dann bin ich bei »The Walking Dead« mittlerweile auf Seite 800 von 1088. Ich wähne ein Muster zu erkennen, das mir nicht so ganz schmeckt. Trotzdem: ein großartiges Comic. Hier zu Heft 1 umsonst (auf Englisch).

Link-Dank: Marcus Mielke hat für sein Empfehlungs-Blog »365 Tage im Netz« die Molochronik für seinen dritten Eintrag erkoren!

NETZFUNDE

(Deutschsprachige) PHANTASTIK-FUNDE

  • Thomas Neumann rezensiert Douglas Coupland: »Generation A« für ›Literaturkritk.de‹. Das ist wieder so ein Symptom, das mich beunruhigt. Ein SF-Roman wie der von Coupland wird in der SF-Szene selbst eher übersehen. Ich kann »Generation A« nur empfehlen. Zugleich sehr komisch, berührend und philosophisch. Hier die Seite zur deutschen Ausgabe bei Klett-Cotta; dort gibt es auch eine Leseprobe der ersten 25 Seiten. Die Figuren des Buches erzählen sich ab der Hälfte gegenseitig spontan ausgedachte Geschichten. Hier ist eine davon als Motion-Comic: »The Short & Brutal Life of the Channel 3 News Team«.
  • Noch mal Klett-Cotta: Die ersten beiden Bände der neuen Ausgabe von Mervyn Peaks »Gormenghast«-Büchern sind nun erschienen und auch hier bietet Klett-Cotta Leseproben im Netz an, und Interessierte sollten die Vorwörter von Kay Meier (für Band 1: »Der junge Titus«) und Tad Williams (für Band 2: »Im Schloss«) lesen. Vor allem Meiers Einleitung gefällt mir sehr, Williams ist mir etwas zu reisserisch und spoilert mir zu viel von der Handlung (doch seine ehrliche Begeisterung ist trotzdem ansteckend).
  • Fra Anubis von »Lake Hermanstadt« hat mit Dunkle Pilze einen großartigen Blog-Eintrag über die Bande zwischen moderner Phantastik und durchgeknallten Ideologien geschrieben.
  • Hat im strengen Sinne nix mit Phantastik zu tun: langer Auszug aus dem Buch »Literatur und Lust. Glück und Unglück beim Lesen« von Thomas Anz. Dennoch auch für Phantastik-Genreleser interessant.
Zur Erinnerung:
Hinweise auf bemerkenswerte deutschsprachige Internet-Beiträge zum Thema Phantastik (in allen ihren U- & E-Spielarten) bitte per eMail an …

molosovsky {ät} yahoo {punkt} de

… schicken. — Willkommen sind vor allem Hinweise zu Texten, die wenig beachtete Phantastikwerke behandeln (also Einzelwerke statt Seriensachen), oder über Autoren, Theorie und Traditionsentwicklungen berichten.

ZUCKERL

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Molos Wochenrückblick No. 5

Eintrag No. 624 — In der Welt gehts zu wie eh und je: das Böse triumphiert, die Guten zagen herum und dazwischen lebts sich so lala, zumindest für uns hier im wohligen Norden (den meisten auf dem Planeten gehts ja bedeutend schlechter, wie der Empfindungspirat schon vor einiger Zeit deutlichst darzustellen wußte).

Einige Comics beim T3 geholt. — Yann & Olliver Schwartz, Spirou & Fantasio Spezial »Operation Fledermaus«: Nach »Potrait des Helden als junger Tor« das zweite Mal, dass ein Abenteuer der beiden klassischen franko-belgischen Comichelden im von den Nazis besetzten Brüssel spielt. Diesmal mit dollen Gastauftritt von »Tim & Struppi«-Bösewicht Dr. Müller als Folterscherge! — Andreas Platthaus hat letztes Jahr bereits zur Originalausgabe einen schönen Text in seinem F.A.Z.-Comicblog geschrieben: Nazis als Schießbudenfiguren.

Garth Ennis & Jacen Burrows, »Chronicles of Wormwood«: Wurde mir hier ja von Molochronikleser Miracleman empfohlen und brav wie ich bin, hab ich mir das Teil besorgt, auch wenn mir die Zeichnungen, vor allem die Kolorierung, nicht wirklich zusagen.

Brian Wood & Riccardo Burchielli & Ryan Kelly, »DMZ: Hearts and Minds«, Sammelband 8. Hatte noch keine Zeit, genauer reinzuschauen, außer, dass der Band die Hefte 42 bis 49, und damit zwei Stories, nämlich »No Future« und eben »Hearts and Minds« vereint.

Ansonsten immer noch mit Vergnügen dabei Ian Tregillis’ sein »Bitter Seeds« zu lesen.

NETZFUNDE

  • Seit ich als 17-jähriger seine Graphic Novel-Umsetzung von Leo Malets »120 Rue de la Gare« und ein paar Jahre später den einzigartigen Phantastik-Band »Hier Selbst« gelesen habe, bin ich ein treuer Fan des Comic-Meisters Jaques Tardi. Da freut es mich, dass die neueste Nummer des Magazins Reddition sich Tardi und seinem Werk widmet. Das 76 Seiten umfassende und (nur!) Acht Euro kostende Heft bietet: Einen Biographie-Essay (Leseprobe # 1); je einen Beitrag zu Tardis phantastischen Schöpfungen »Hier Selbst« und der Reihe »Adeles ungewöhnliche Abenteuer«; zwei Texte zu Tardis Umsetzung der Niederschlagung der Pariser Kommune von 1871 »Die Macht des Volkes«; einen Text über die Zusammenarbeit Tardis mit Malet (Leseprobe # 2); einen Text über die Tardi- & Legrand-Zusammenarbeit »Der Kakerlakenkiller«; sowie einen Text über Tardis Arbeiten zum Ersten Weltkrieg »Soldat Valot«, »Grabenkrieg«, »Elender Krieg« (Leseprobe # 3).
  • Wegen des (verhunzt-ironischen) Schlusses nicht ganz überzeugender, aber dennoch lesenswerter Artikel Trailer zum einem bald erscheinendem Buch von Paul Bloom brachte »The Chronicle Review of Higher Education«: The Pleasures of Imagination (Die Freuden der Vorstellungskraft ). Nette Sammlung von Anekdoten zum Thema: Warum verbringen wir so viel Zeit damit, uns mit Dingen zu beschäftigen, die nicht real sind? — Kurz vor Schluss gibts drei Erklärungen:
  1. Fiktive Figuren sind in der Regel interessanter und schlauer als unsere Freunde und Familie, und die Abenteuer fiktiver Personen sind normalerweise viel aufregender;
  2. Das echte Leben kreucht langsam dahin, mit lagen Spannen in denen nichts besonders geschieht. Der Kritiker Clive James wird zitiert: »Fiktionen sind Leben, bei dem man die öden Teile weggelassen hat«;
  3. {Und am wichtigsten dünkt mir:} Die ›Techniken der Vorstellungskraft‹ vermögen uns Stimulationen zu bieten, mit denen die echte Welt nicht aufwarten kann. Ein Roman kann sich von der Geburt bis zum Tode einer Figur erstrecken, und uns zeigen, wie sie sich in verschiedenen Situationen verhält. In der Wirklichkeit kann man nie wissen, was jemand anderes tatsächlich denkt; bei einem Roman kann es uns der Autor einfach mitteilen.
WORTMELDUNGEN
Nix besonderes.
RÜGE
  • Hiermit erteile ich die erste Wochenrückblick-Rüge.
    Das Gute zuerst: nachdem es in den vergangenen Monaten bereits Lesungen der deutschen Fassung von Thomas Pynchons jüngsten Buch »Inherent Vice« gegeben hat, verkündet nun die bis Winter 2010 reichende Rowohlt-Vorschau, dass die gebundene Ausgabe »Natürliche Mängel« im September 2010 erscheinen soll (siehe Seite 24 / 25 der Vorschau). Ich baue & vertraue darauf, dass die Übersetzung von Nikolaus Stingl wieder sehr fein wird.
    Aber was ist da beim Cover geschehen! Welcher DeDysing-Ungeist suchte da Rowohlt heim! 78 blaue kleine Surfer, ein in die andere Richtung orientierter kleiner margentaner Surfer. Ooops, Titel und Autor vergessen?!? — Ach, weiß’te was Hein Blöd, da klatschen wir unten rechts einfach einen Kreis hin und feddich. — Liebe junge hippe Buchgestalter! Gehts weniger in Clubs und mehr in Landschaftsgärten. Schauts weniger TV- und mehr Kupferstiche!

ZUCKERL

  • Das Flickr-Album »Stormtroopers 365« von Stéfan ist atemberaubend, komisch, überraschend … kurz: einfach ein Vergnügen, wenn man sich die Bilder z.B. als Diashow anguckt. Macht Euch nen Kaffee, Tee, oder n Weinchen, oder Bierchen auf und nehmt Euch die Zeit. Vergesst nicht bei der Diashow die Titelinfos mit einzuschalten! Die ersten paar Bilder zeigen einen einsamen Stormtrooper, zu dem sich aber bald ein zweiter gesellt (frisch aus der Verpackung). Einer der beiden stolpert von einem Mißgeschick ins andere. Sehr lustig finde ich, wie die zwei immer wieder Luke Skywalker verhöhnen.

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