VIERTE FOLGE VON MOLOS WANDERUNGEN DURCH

DER BÜCHERGILDE GUTENBERG
Eintrag No 456 —
Entgrenzter Beginn: wie sehr treibt mich die Sehnsucht, mich immer und immer wieder der süßen Illusion hinzugeben, ich könne mich zurücklehnen, die Welt wie ein Gemälde betrachten, und zugleich hineinfallen lassen, mit all dem mitempfinden, was sich da im Laporello meines Panoramablicks tummelt. Ich weiß, dass diese Spielart des
›Kuchen essen, und Kuchen behalten‹ ein Ding der Unmöglichkeit ist. Aber es ist diese Spannung, dieses Pendeln, was mich auf Trapp hält bei all meinen Wanderungen durch die Gefilde der Literaturen, Künste, Medien: einerseits der Schönheitsrausch angesichts der Vielfalt und Seltsamkeit der Erscheinungen des Universums, andererseits die Skepsis gegenüber den Verlogen- und Beschränktheiten des Menschen
(inklusive meiner eigenen Person).
Ein hilfreicher Rat gegen die Gefahren eines enthemmten Holismus scheint mir da das Sprüchlein:
»Der Teufel steckt im Detail«[01], besonders dann, wenn mensch interpretiert. Es ist bestimmt keine exzentrische Übertreibung, wenn ich als Liebhaber der phantastischen Künste der Meinung bin, dass gerade die Phantastik manniglich zu schaffen hat mit einem besonders verknotungs- und verirrungsgefährdetem Gefizzel beim Auseinanderklamüsern von Wahrheit und Lüge, Illusion und Ent-Täuschung, richtig- und daneben-liegen beim Interpretieren. — Ein kleiner Zitatenkranz als Einstimmung.
In meiner
ersten Wanderung durch die von Jorge Luis Borges zusammengestellte Anthologiereihe habe ich mittels eines Schlenkers auf Ecos Roman
»Der Name der Rose« ein Beispiel für eine harsche Weisung zu Problemen der Wahrheitsnavigation gegeben:
Wer zweifelt, wende sich an eine Autorität, befrage die Schriften eines heiligen Vaters oder Gelehrten, und schon endet jeder Zweifel.
Diese Art von streng hierarchischer Formatierung der Zugänge zur Wahrheit ist charakterisch für vormoderne Gesellschaftsverfassungen. Und wiederum bei Eco
(in seinem Vortrag »Mögliche Wälder«) fand ich eine exemplarische Aussage dazu, was nun den Umgang mit Wahrheitsspannung seit dem Aufbruch der Moderne, spezieller, seit dem Anheben des pluralistischen Spiels der erzählenden Fiktionen betrifft, wenn er auf den Punkt bringt:
Indem wir Romane lesen, entrinnen wir der Angst, die uns überfällt, wenn wir etwas Wahres über die Welt sagen wollen.
Bereits ganz und gar weltliche Äußerungen über die Welt, über Vergangenheit und Zukunft und andere nicht
(an)fassbare Phänomene wollen da auf ihren Wahrheits- und Vorgaukelei-Gehalt abgeklopft werden. Wie arg potenziert sich diese Notwendigkeit aber erst, wenn wir das Gebiet der Phantastik betreten? Die sich dabei
(nicht für alle locker zur lustvollen) Spannung aufschaukelnden Bredoullien des Durchblickenwollens, umschreibt
Ludwig Wittgenstein ganz treffend, als er schrieb
[02]:
Die Sprache verkleidet den Gedanken. Und zwar so, daß man nach der äußeren Form des Kleides, nicht auf die Form des bekleideten Gedankens schließen kann; weil die äußere Form des Kleides nach ganz anderen Zwecken gebildet ist als danach, die Form des Körpers erkennen zu lassen.
Die stillschweigenden Abmachungen zum Verständnis der Umgangssprache sind enorm kompliziert.

Zu den stillschweigenden Abmachungen bei Interpretationen gehört im Allgemeinen, dass man sich Werke nicht zurechtbiegt, oder dass man sich nicht nur jene Stellen aus ihnen herauspickt, die zur eigenen Sicht der Dinge passen
(oder zumindest, dass man derartig einseitigen Beispiel-Gebrauch eingesteht und erklärt). Gemäß einer der
(leider) immer noch einflußreichsten Theorien zum
›Phantastischen‹, Tzetvan Todorovs
»Einführung in die fantastische Literatur«, liegt
… das Fantastische im Moment der Ungewissheit …
und dabei wird Jaques Cazottes bekanntester Text als Beispiel für typische
›fantastische Literatur‹ im Todorov-Sinne herangezogen
[03].
Für mich dabei Ärgernis: alle Beispiele die Todorov aus Cazottes
»Der verliebte Teufel« pflückt, stammen aus Abschnitten des späteren Verlaufs des Buches, in denen sich der Held der Erzählung, der junge Adelige
Alvares, tatsächlich nicht ganz sicher ist, ob seine aufgegeilten Sinne nur verrückt spielen und ihm die wildesten Einbildungs-Streiche spielen, oder ob die junge Verführerin
Biondetta wirklich der Leibhaftige in Frauengestalt ist. — Ja, Alvares mag sich sich ungewiss sein, aber als Leser bin ich’s nicht einen Moment und wundere mich, wie Todorov die deutlichen Hinweise auf den wundersamen, märchenhaften Charakter der Erzählung unter den Teppich kehrt. Der Roman beginnt immerhin damit, dass Held Alvares in Neapel bei einem lockeren Abend mit Wein und Plausch die Bekanntschaft mit von Alchemie und Geisterbeschwörung raunenden Fremden macht. Im zweiten Kapitel begibt man sich in die nahen Ruinen von Portici und mit Kerzen, Zauberkreisen und Beschwörungsformeln zitiert Alvares den Anleitungen der Fremden folgend Beelzebub herbei, und für mich gibt es hier keine Ungewisseheit darüber, ob der Text lediglich ein Scharadenspiel schildert, oder ob tatsächlich Magisches geschieht. Ein Fenster des Gewölbes öffnet sich und
[04]
… ein Lichtstrom bricht durch die Öffnung, glänzender als das Tageslicht; ein Kamelskopf, ebenso scheußlich durch seine Dicke wie durch sein Aussehen, zeigt sich am Fenster; übergroß sind seine Ohren. Das häßliche Gespenst öffnet seinen Rachen und antwortet in einem der übrigen Erscheinung angemessenem Tone:
»Was willst du?«
Und zauberhaft-grotesk geht’s wenige Zeilen später weiter, als
[05] …
… das anstaunenswürdige Kamel seinen sechszehn Fuß langen Hals aus{reckt}, sein Haupt in die Mitte des Saales {neigt} und ein weißes Löwenhündchen mit feiner, glänzend-seidener Wolle aus{spie}…
Der Hund spricht dann auch noch, und statt seiner steht dann plötzlich ein junger Page am Ort der Teufelsbeschwörung. Der Page ist eigentlich ein junges Mädel
(Biondetta eben), das Mädel ist eigentlich eine Sylphe, ist eigentlich der Teufel.
Freilich kann man diese Teufelsbeschwörung und die damit zusammenhängenden Okkult-Fuzzis unter anderem auch als Metapher lesen. Die gewagteste Deutung dazu von mir läßt mich an Mädchenhandel denken. Aber ausdrücklich nahegelegt wird diese oder andere Deutungen, die Zauberhaftes ausschließen und stattdessen tatsächliche Echtweltmacheleukes als Erklärung nahelegen, nicht. Dazu gleich mehr.
Entsprechend gepfeffert war eine Retourkutsche des polnischen Phantasten
Stanislaw Lem gegen Todorovs strukturalistische Zurechtbiegung in
»Science Fiction Studies«. Lem greift in seinem Essay dabei selber — mit phantatischem, also verdeutlichenden,
›sehen machenden‹ Kniff — auf eine Metapher zurück, nämlich
›das Bett des Prokrustes‹ und mokiert sich zurecht über die äußerst enge Kropusauswahl, auf die Todorov seine Thesen zum
›fantastischen Genre‹ stützt.
Hinfort nun mit diesem kleinteiligen Einblick in das Hin- und Her zum Nutzen und Übel von über’s Ziel hinauspreschendem Strukturalismus und entsprechend polemischem Zurückgegrunze, und lieber hingewandt zu der ertragreichen und fruchtbaren Internet-Ressource des Romanisten
Erich Köhler, der sich in seinen
»Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur« (Aufklärung, Teil II, Hrsg: Dietmar Rieger; Seite 111 bis 120) mit Umsicht und Einsicht Jaques Cazottes verliebtem Teufel widmet.
Dort kann man lernen, dass Cazotte als Monarchist und gläubiger Kathole zwar ein streitbarer Gegner der Aufklärung (insbesondere Voltaires) und der Französischen Revolution war, dass er aber als Künstler und phantastischer Hallodri durchaus genug Eigenwilligkeit im Blut hatte, um mit »Der verliebte Teufel« ein Werk vorzulegen, dass sich als Übergangsbrückchen zwischen die älteren Märchenerzählungen (
Conte merveilleux) und den sich neuerdings aufmachenden phantastischen Erzählungen der Romantik deutschen Schlages (
Conte fantastique) positioniert. Zudem ragt »Der verliebte Teufel« als anti-aufklärerisch-philosophische Erzählung (
Conte anti-
philosophique) hervor.
Dazu eine kleine Interpretationsphantasie von mir: Sehr deutlich klingt bei Cazotte an einer Stelle an, dass es einst die Mathematik war, deren Ausraffinierung für das Finanz- und Versicherungswesen binnen einer Genration während der Renaissance dafür sorgte, dass die Astrologie vom wahrscheinlichkeitsberechnenden Risikomanagements verdrängt wurde
[06]. Das liest sich dann so, wenn Alvares sich mit Biondetta syphilischer Expertise im Casino vergnügt
[07]:
Nichts in der Welt geschieht zufällig. Alles war und ist eine Folge notwendiger Berechnungen, welche nur die Wissenschaft der Zahlen verstehen lehrt, deren Grundsätze so abstrakt und so tief sind, daß sie einen Lehrer erfordern, den man auffinden und sich zu eigen machen kann.
Bei Erich Köhler erfährt man desweiteren genaueres über die von Cazotte in im Nachwort nur angedeuteten zwiefachen allegorischen Schichtung von »Der verliebte Teufel«. Zum einen schildert die Erzählung da, auf der Ebene der individuellen Person, den Kampf der Tugenden und Laster um die Seele von Don Alvares, was in der Sprache der mittelalterlichen Gelehrsamkeit
›Psychomachia‹ genannt wird; und zum anderen, auf der Ebene der gegeneinander strebenden gesellschaftlichen Kräfte, versucht Cazotte das Hauen und Stechen der alten, sich im Rückzugsgefecht befindlichen Ordnung
(kirchliche und aristokratische Authorität mit ihren Glaubens- und Offenbahrungswahrheiten) gegen die neuen, aufstrebenden weltlichen Tendenzen der Aufklärung
(Bank- und Handelswesen, Empirie, Naturwissenschaft, Pluralität mit ihren klassenübergreifenden Lustbarkeiten) zu fassen.
Nicht zuletzt aber hat mich, trotz der ideologischen Gräben die Cazotte und mich trennen, der blumige Zauber indirekt zur Sprache gebrachter Erotik und wild wallender sinnlicher Begierden begeistert, der (im schönsten Sinne) leidenschaftliche Schwulst des Buches. Da wird
›Ach‹ und
›Oh‹ geseufzt und gestöhnt, da zupfen Whippets gar sehr bedeutungsschwanger an Männerröcken und wird mit einer metaphorischen Lust (wenn auch für heutige Zeiten empörend einfältig) über die Rollenbilder von Männlein und Weiblein fabuliert, dass man das Spitzentüchelchen rausholen möchte um sich Luft zuzufächeln. Nicht immer tönt das dann anachronistisch oder flasch, zum Beispiel wenn Ich-Erzähler Alvares sinniert:
Der Mann entstand aus Ton und Wasser. Warum das Weib nicht aus Tau, Dünsten, Lichtstrahlen, aus einem verdichteten Regenbogen? Was ist möglich, und was ist es nicht?
In diesem Sinne wünsche ich den aus Regenbogendunst gepressten Molochronik-Lesern ein schönes Wochenende.
ANMERKUNGEN:
[01] »Der liebe Gott steckt im Detail – Mikrostrukturen des Wissens«, so nannte der Kunstgeschichtler und Kulturhistoriker Aby Warburg 1925 seine Hamburger Vorlesungen, und irgendwer hat fluggs den entsprechenden Austausch von
›Gott‹ mit
›Teufel‹ getätigt. Vielleicht ringen die beiden ja
›im Detail‹ miteinander, so wie die zwei mythologischen Wölfe, ein guter und ein böser, laut den Legenden nordamerikanischer Indianer im Herzen eines Mannes miteinander ringen. — Zur Bedeutung von Details siehe auch: John Irving:
»Witwe für ein Jahr«, bzw. die Verfilmung dessen erster Hälfte
»The Door in the Floor« …
It's the small details. •••
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[03] »Einführung in die fantastische Literatur« (fr. 1970; dt. 1972), Kap. 2
»Definition des Fantastischen«. Freilich kann man aus Todorovs Großgedankenspiel-Vorlage durchaus Nützliches machen, wie Simon Spiegel mit seinem Buch
»Die Konstitution des Wunderbaren – Zu einer Poetik des Science Fiction Films« (2007) beweist. In meiner Empfehlung dort biete ich auch einen kurzen Überblick zu Todorov durchaus orientungsspendender Phantastik-Einteilung in die fünf verschiedenen Geschmacksrichtungen (i)
Reine Phantatsik; (ii)
Phantastisch-Wunderbares; (iii)
Phantastisch-Unheimliches; (iv)
Unvermischt Wunderbares und (v)
Unvermischt Unheimliches. — Die Gleichung
›Fantastik = Ungewißheit‹ erscheint mir zudem sprachlich ungeschickt, weil es z.B. mit
›Ambivalenz‹ einen viel gebräuchlichern Begriff für die Schwebe des Unentschiedenen gibt. •••
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[04] »Der verliebte Teufel« dritte Fassung von 1776, Büchergilde Gutenberg, S. 21. — Nebenbei:
»Babylon 5«-Freunde werden das Böse erkannt haben an seiner typischen Verführungsfrage, wie in der SF-Serie die
›Shadows‹ stellen. Die Guten fragen dort ja:
»Wer bist du?« Und beide bekommen ja dann für ihre ideologische Verbohrtheit von den Menschen gehörig die Leviten gelesen. •••
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[06] Mehr zu diesem gigantischen aber etwas im okkulten dümpelden Epochenwendethema findet sich abenteuerlich aufbereitet in Neal Stephensons
»Barock Zyklus«, wenn der jesuitische Agent de Gex im Band
»System of the World« (Heyne Manhattan, angekündigt für Herbst 2008) über die alle Hierarchien auflösenden Kräfte des Kommerzes flucht; und erzähl-philosophisch aufbereitet in Peter Sloterdijks
»Die letzte Kugel – Zu einer philosophischen Geschichte der terristsichen Globalisierung« in
»Sphären II – Globen« (Suhrkamp 1999), erweitert gesondert erschienen als
»Im Weltinnenraum des Kapitals« (Suhrkamp 2005). Auch der leider immer noch zu sehr übersehene Wolf von Niebelschütz kommt in seinem galantem Roman
»Der Blaue Kammerherr« (Suhrkamp 1949), mit einer schwummrig machenden Passage auf das Getrickse fiskalischer Zahlen zu sprechen, im vierten Band
»Die Bürgerin Valente«, dort im elften Kapitel (
»Der Traum vom Brunnenschacht, plutonisch«). •••
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[07] »Der verliebte Teufel«, Büchergilde Gutenberg, S. 49. •••
Zurück Eintrag No. 387 —
Zur Einstimmung: Was ist eigentlich so besonders
(im Guten wie im Schlechten) an der Phantastik-Sparte Science Fiction? Handelt es sich dabei nicht schlicht um eines jener Genres, in denen man noch in aller naiven Ruhe Cowboy und Indianer spielen darf, nur halt mit fesch ausgerüsteten Space Rangern und schleimig-befremdlichen Außerirdischen? Auch, ja, schon, aber zieht Euch mal folgenden Abschnitt aus
»Girlfriend in a Coma« (1998) Douglas Coupland rein. Da wird knapp und virulent zur Sprache gebracht, welche roten Fäden das Grundgewebe der SF bilden.
(S. 269 der TB-Ausgabe von Flamingo; Übersetzung von Molo):
Ask whatever challenges dead and thoughtless beliefs. Ask: When did we become human being and stop being whatever is was we were before this? Ask: What was the specific change that made us human? Ask: Why do people not particularily care about their ancestors more than three generations back? Ask: Why are we unable to think of any real futury beyond, say, a hundered years from now? Ask: How can we begin to think of the future as something enormous before us that also includes us? Ask: Having become human, what is it that we are now doing or creating that will transform us into whatever it is that we are slated to next become? {…} What is destiny? Is there a difference between personal destiny and collective destiny? {…} Is Destiny artificial? Is it unique to Man? Where did Destiny come from?
Was immer toten und gedankenlosen Glauben herausfordert, das frage. Frage: Wann wurden wir zu menschlichen Wesen und hörten aus zu sein, was immer wir zuvor waren? Frage: Welcher Wandel war es genau, der uns zu Menschen machte? Frage: Warum haben Menschen keine besondere Verbundenheit mit ihren Vorfahren, die weiter als drei Generation zurückreichen? Frage: Warum sind wir unfähig uns irgendeine echte Zukunft jenseits von, sagen wir, einhundert Jahren vorzustellen? Frage: Wie können wir damit anfangen, uns die Zukunft als etwas riesiges das vor uns liegt und das uns beinhaltet vorzustellen? Frage: Was von dem das wir, nachdem wir zu Menschen geworden sind, nun tun oder erschaffen, wird uns umwandeln, was immer vorgesehen ist, in das, was wir als nächstes werden? {…} Was ist Schicksal? Gibt es einen Unterschied zwischen dem Schicksal eines Einzelnen und dem Schicksal einer Gruppe? {…} Ist Schicksal etwas künstliches? Ist es etwas nur dem Menschen eigenes? Woher kommt Schicksal?

Weil die erzählten Vorstellungen von der Zukunft immer auch ein Jounglierspiel mit Aufputsch- und Beruhigungsreizen zwischen Hoffnungs-Versprechen und
›Teufel an die Wand‹-Malerei sind, gehört SF
(und Phantastik allgemein) zur fordersten Front im Infowar um die Imagination der Massen. Kolonisierungsgerangel um die Konsumenten-Hirne nennt sich das dann.
Da ist es für mich eine außergewöhnliche Freude die Sachbuchneuerscheinung eines SF-Forum-Kumpels vorzustellen, bei der ich mit Lob kaum übertreiben kann.
»Die Konstitution des Wunderbaren – Zu einer Poetik des SF-Films« von
Simon Spiegel ist nicht das x-te Durchhechel-Lexikon, sondern bietet einen im besten Sinne abwägenden und klärenden Rundgang durch Geschiche und Eigenheiten des SF-Films, und liefert dabei ganz nebenbei so manch erhellende Einsicht zu Genre- und Verfahrens-Problemen der phantastischen Disziplinen.
Spiegel spricht dabei offen von der Herausforderung sich als ›Film-Fan‹ film- und medienwissenschaftlich objektiv mit seinem geliebten Genre auseinanderzusetzten. Doch er hat diese Schwierigkeit gemeistert, denn es bleibt immer kenntlich, wo Spiegel mit geisteswissenschaftlicher Distanz über den Gegenstand referiert, und wo er sparsam
(sozusagen zur Auflockerung) seinen persönlichen Geschmack offenbart. Erfrischend persönlich, und einnehmend sympathisch sind schon Widmung und Motto: In der Widmung kommt die Tragik vieler männlicher SF-Begeisterten zur Sprache, daß SF Frauen überwiegend kalt läßt. Und statt einem klugen oder coolen Spruch, gibts einen (
Tusch!) Gary Larson-Witz als Motto. Perfekt.
Das Buch ist zweigeteilt: die ersten 120 Seiten bieten eine (Schnell-)Übersicht der SF-Forschungsgeschichte, auf die Umzirkelungen der Definitionsbemühungen, und der (auch literatur-)geschichtlichen Entwicklung sowie der philosophisch-gesellschaftlichen Aspekte des SF-Genres folgen.
Für mich als Vertreter einer maximalphantastischen Genre-Sicht ist die Dilemmaschwemme des ersten Teils so vergnüglich zu lesen wie ein Intrigantenstadel, sozusagen beste Diskurs-Seifenoper, vor allem, weil ich Simon Spiegel die meiste Zeit schmunzelnd zustimmen kann. So ist die SF ein dauerhaft populäres Genre, wird zugleich aber von den vermeindlichen Kulturfuzzis (wenn überhaupt) überwiegend scheel beäugt. Macher und Leser der SF stehen in innigeren Austausch, als das in
›relevanteren‹ und
›wertvolleren‹ Fiktionsgefilden üblich ist. Nicht selten waren SF-Macher erstmal selbst Fans, und da die etablierten Akademiker nur langsam in die Puschen kamen, haben vor allem zu Beginn der SF-Kernepoche
(das sogenannte ›Golden Age‹, etwa Ende der Dreissigerjahre bis zu den Fünfzigern des letzten Jhd.) die Fans selbst die Forschung erledigt. Spiegel erteilt dabei den oftmals peinlichen Adelungsabsichten von SF-Liebhabern, aber auch den auf idologiekritischen Vernageltheiten fußenden Schlechtreden von SF eine klare Absage. Vielmehr geht es dem Autor darum, genauer darauf zu achten, wie SF-Filme als Prozesse funktionieren, und welche Konstruktionsleistungen das Publikum anstellen muß, um SF-Filme verstehen und genießen zu können.
BOCKSPRUNG ÜBER TODOROV HINWEG
In seiner Übersicht zu den Definitionsanstengungen begeistert mich Simon Spiegel mit seiner Art, wie er die im deutschprachigen unseelig einflußreiche Arbeit »Einführung in die fantastische Literatur« von Tzvetan Todorov als Leiter nutzt, die man getrost vergessen kann, sobald mit mit ihrer Hilfe fruchtbarere Aussichtsplattformen auf Phantastikgenre erklommen hat. Warum hack ich so polemisch auf Todorov rum? Na weil sein Genre-Ansatz ein
systematischer ist
(es gibt auch normative, narratologische, historische, wirtschaftliche und rezeptionsorientierte), mit dem Genres anhand (S. 24) …
»›objektiver‹«, textueller, formal-semnatischer Merkmale bestimmt und voneinander abgegrenzt {werden}.
Todorov ist überhaupt nicht daran gelegen zu untersuchen, wie Phantastik in freier Wildbahn daherkommt, sondern es geht ihm um einen Idealtypus, nämlich: wenn der Leser bei einem Werk nicht klar entscheiden kann, wie die Wirklichkeitsverfassung geartet ist. Je nachdem, wie ein unerklärliches, übernatürliches Ereignis in einer ›realistischen‹ Fiktion aufgelöst wird (realitätskonform oder nicht), unterscheidet Todorov dann zwischen:
- Reiner Phantastik: Übernatürliches wird weder als Lug und Trug rational aufgelößt, noch als wirklich Übernatürlich bestätigt. Der Leser bleibt am Ende zweifelnd zurück (z.B.: »Total Recall«);
- Phantastisch-Wunderbarem: Übernatürliche Dinge werden am Ende als genau das, Übernatürlich, erklärt. (z.B.: »The Sixth Sense«);
- Phantastisch-Unheimlichen: Was zuerst wie eine übernatürliche Unmöglichkeit scheint, wird rational erklärt (mein Beispiel: »Pakt der Wölfe«);
- Unvermischt Wunderbares: Der Weltenbau ist unverhohlen von übernatürlichen Dingen geprägt (mein Beispiel: »Harry Potter«);
- Unvermischt Unheimliches: Viele als realistisch verortete Krimis bieten Spannung, indem eine Tat präsentiert wird, die sich augenscheinlich nur mittels ›Magie‹ vollbringen ließ. Exemplarisch z.B. das Motiv des Ermoderten im von innen verschlossenen Zimmer, bekannt durch Kriminalerzählungen von z.B. Agatha Christie und Arthur Conan Doyle.
Diese systematische Einteilerei steht und fällt mit dem Gegensatz zwischen
›realistisch‹ (im Sinne von wirklichkeitskonform, was der Fall ist) und
›unrealistisch‹ (im Sinne von Hirngespinst und was nicht der Fall sein kann, z.B. eierlegende Wollmilchschweine). Und was Autoren und Leser, sprich: Menschen überhaupt für realistisch und unrealistisch nehmen, hängt nun mal sehr von der jeweiligen Sicht auf Welt und Leben ab. Zudem ist Todorov herzlich Wurscht, ob die in einer Geschichte gegebene
(oder nicht gegebene) Aufklärung lediglich eine formale Konvention ist oder nicht (
Ätsch, war alles nur geträumt). Als Begriffssteigeisen für die ersten Dutzend Höhenmeter taugen Todorovs fünf Begriffe durchaus, alle anderen Wörter seine »Einführung…« kann man jedoch getrost dem Vergessen anheim fallen lassen.
Spiegel kommt zur nützlichen Einsicht, daß Phantastik weniger ein fixes Genre ist, daß sich mittels inhaltlicher Merkmale bestimmen läßt, sondern vielmehr ein Modus, eine Art und Weise der Vermittlung von Fiktionen ist, und Spiegels Versuch einer Definition trägt dem mit gebotener Umsicht Rechnung, wenn er schreibt
(S. 41):
Der phantastische Modus definiert sich duch die Dominanz eines phantastischen Elements. Ein phantastisches Element liegt dann vor, wenn ein unaufgelöstes, durch einen Realitätskompatibilitäts-Klassifikator als solches markiertes, nicht-realitätskompatibles Ereignis oder Phänomen in einem klassisch erzählten Film oder Text auftritt, der sonst keinen Hinweis auf eine ›nicht-wörtliche‹ oder ›poetische‹ Leseweise gibt.
Dabei sind die Übergänge und Heftigkeiten fließend und es ist durchaus keine endgültig objetive Sache, ob man als Leser ein Werk eher dem Gebiet der reinen Phantastik, des Unheimlichen oder des Wunderbaren zuordnet. Wer z.B. als überzeugter Gläubiger von der Existenz von Engeln, Dämonen und Magie überzeugt ist, wird andere Grenzen zwischen Phantastik, Unheimlichem und Wunderbarem ziehen, als ein skeptischer Naturalist.
GESCHICHTLICHES & PHILOSOPHISCHES
Im historischen Teil bietet Spiegel die sinnvolle Betrachtungsschwerpunkt-Unterscheidung zwischen der Entwicklung einzelner SF-typischer Motive, der Entstehung SF-typischer Vermittlungsmethoden und dem Auftreten der SF als eigenständiger Marktsparte an. Typische SF-Motive finden sich ja zuhauf schon in Werken, die lange vor dem Aufkommen des Begriffs SF entstanden sind. Als Mutter der modernen Phanatstik wird deshalb auch korrekterweise die
Gothic Novel genannt
(nur in etwa dem deutschen Begriff Schauerroman entsprechend). Ausgangspunkt sind Reaktionen von Autoren des späten 18./frühen 19. Jhd auf die Umwälzungen der im Aufstieg befindlichen Moderne, der erblühenden Wissenschaften und der Industriellen Revolution. Die Widersprüche zwischen alten und neuen Wegen der Weltbildgewinnung bilden das Spannungsfeld, auf dem bis heute die SF wie auf einem Trampolin seine Fabulationssprünge leistet. Spiegel führt das anhand von Horace Walpoles Ambition seinen Roman
»Das Schloss Otranto« (1764) betreffend vor. Bis heute aber ragt Mary Shellys Roman
»Frankenstein – Der moderne Promeutheus« (1818) aus dem Feld der Gothic Novels hervor, denn hier wird eindrücklich Heil und Unheil der menschlichen Ambition behandelt, sich als Schöpfer und Macher von naturgegebenen Grenzen zu befreien, und typisch SF ist bei diesem Roman eben, daß ausdrücklich Medizin und Wissenschaft
(siehe frühe Forschung zur Elektrizität) als Glaubwürdigkeitsstützen für die Schilderung widernatürlicher Machenschaften und unnatürlicherVorfälle herangezogen werden.
Als zwei weitere bis heute prägende SF-Strömungen läßt Spiegel dann den französischen Kintop-Pionier Gerge Méliès, und den amerkanischen Verleger Hugo Gernsback auftreten. Bei Méliès ist klar zu sehen, wie wunderbare Effekte erstmal für sich stehen, nur lose zu Handlungen verknüpft werden und seine Filme mehr mit marktschreierischem Tingeltangel-Spektakel als z.B. mit erzählendem Theater gemein habe. Gernsback ist ein Paradebeispiel für die Ambition, vergnüglich-unterhaltene
›romances‹ mit wissenschaftlichen Fakten und prophetischen Visionen (sic!) zu vermengen
(Das sind ja gleich drei Wünsche auf einmal!!! Soviel steht auch fest: Bescheidenheit ist selten der SF größte Zier … To infinity and beyond!).
Im philosphischen Teil zeigt Spiegel dann, daß moderne Phantastik sozusagen eine Verweltlichung religiöser Sprech- und Weltdeutungspraktiken ist. Die Rede von der Zukunft war bis zum Aufbruch der Moderne religiösen Darstellungen vorbehalten und unterlag heilgeschichtlichen Imperativen. SF (und andere Genre-Phantastik) kommt dagegen als Kunst-Mythos von allen für alle daher, genauer: als Neu-Aufbereitung und Wiederverwurschtung von althergebrachten Mythen, oder wie Spiegel knapp ausdeutet
(S. 103):
In der oft beschworenen nüchternen Wissenschaftlichkeit der SF steckt nämlich auch der ganz und gar irrationale Wunsch nach Erlösung durch den technischen Fortschritt: Die Geschichte dieses Fortschritts ist für die SF gernbackscher Prägung eine Heilsgeschichte.
Das Spektrum des Geschichtenerzählens über die Zukunft und den technischen Fortschritt kennt nun freilich mittlerweile nicht nur die diese Propaganda- und Verführungsfabulas der Gewinnerauch sie immer noch prägender sind (und sich besser verkaufen lassen) als pessimistische und kritische SF-Weltenbauten (was natürlich darauf ankommt, was ich hier genau mit ›pessimistisch‹ und was mit ›Verführungsfabulas der Gewinner‹ meine.
Dazu nur soviel: die Bugs sind auch nur Menschen! Don’t join the Spacecore.)
Klärend arbeitet Spiegel heraus, daß SF ein Modus ist, in dem Zukunfts-Ängste und -Hoffnungen dargestellt und verhandelt werden (S. 111):
SF ist also weniger der Mythos der Moderne, sondern der Modus, in dem sich moderne Mythen vorzugsweise manifestieren und im Film zur Sichtbarkeit gelangen.
Die erste Hälfte endet damit, indem Simon Spiegel seinen Lesern Einblick gewährt in den von vielen Köchen umgerührten Hexenkessel der flottierenden neu-religiösen und neu-mythischen Haltungen des SF-Fandoms. Das ist eine nette Gelegenheit für einen Fußnoten-Gastauftritt des Wissenschaftsphilosophen (und Bright) Daniel C. Dennett, der in seinem Buch
»Breaking the Spell – Religion as a Natural Phenonemon« schreibt
(S. 392, Fn 5. Übersetzung von Molo):
May the Force Be With You! Is Luke Skywalker religious? Think how differently we would react to this incantation if the Force were presented by Geroge Lucas as satanic. The recent popularity of cienmatic sagas with fictional religions — The Lord of the Rings and The Matrix offer two other examples — is an interesting phenomenon in its own right. It is hard to imagine such delicate topics being tolerated in earlier times. Our growing self-consciousness about religion and religions is a good thing I think, for all its excess. Like science fiction generally, it can open our eyes to other possibilities, and put the actual world in better perspective.
Um eine Unterscheidung von Dennett aufzugreifen, bietet SF wie alle moderne Genre-Phantastik
spirituelle Erlebnisse an, ohne daß man gleich in
religiöse Haltungen verfallen muß. Es ist dieser der SF innewohnende transzendeniere Drive, der für Fans so attraktiv ist, und der viele SF-Fans mit einem gewissen Elitenbewußtsein speißt. Spiegel scheut sich dabei nicht, zu erwähnen, daß im SF-Fandom deshalb heikle, fließende Übergänge zwischen wissenschaftlicher Spekulation, esoterischer Grenzwisschenschaft
(ich selbst nenne das grad heraus ›Aberglauben‹) und Verschwörungstheorien zu beoabachen sind. Aber Spiegel macht daraus keine Häme oder Denunziation des SF-Fandoms und rückt die SF auch nicht gleich in die Depperlecke. Diese mythisch-spirituelle Macht der SF bietet, meiner Ansicht nach, erfeuliche Handhabe zur Befreiung vom instrumentalisierenden Apparate- und Insitutionenen-Weltbild; aber ich stimme Simon Spiegel zu, wenn er auf die sich aus dem gleichen Quell nährenden, beunruhigenden Monsterentwicklungen wie Scientology und Aum-Sekte verweist. Man denke auch an die quasi-religiöse Erregtheit von unheilbringenden Utopie-Eroberungsunternehmung, die z.B. als fundamentalistische Kommunismus-, Nationalismus- und Kapitalismus-Heilslehren herumwüsten.
WILLKOMMEN IN DER MONTAGEHALLE
Im etwa 200 Seiten umfassenden Hauptteil seines Buches nimmt uns Spiegel dann in sieben Kapiteln mit in die Werkstatt der SF, und zeigt uns die Werkzeuge, mit denen SF (aber zu einem Gutteil eben die ganze moderne Phantastik) ihre Werke zusammenbosselt. Es geht dem Autor dabei nicht darum zu postulieren, wie gute SF zu sein hat, sondern Spiegel will genauer herausstellen, was SF-Werke auszeichnet, die als gelungen angesehen werden. Dies beginnt er erstmal mit der Erörterung narratologischer Fragen, also Fragen dazu, wie Geschichten erzählt werden und wie sie warum funktionieren. Nun kann man lernen, was genau fiktionale Welten sind, wie sie auf unserem Verstädnis und Wissen die reale (faktischen) Welt aufbauen, und wann sie in besonders in Filmgestalt ihre Zuschauer simpel gesagt überwältigen und kidnappen (ich sag nur Klangwelten & Heftigkeits-Steigerungs-Spirale).
(Peergroup-Druck mal beiseit) entscheidet letztendlich und wertet jeder Konsument einer Fiktion für sich selbst, wann ihm eine ausgedachte Geschichte oder gar Welt zu abgedreht, beleidigend, übertrieben ist. Solche Entscheidungen hängen davon ab, über welches Fakten-Wissen die Wirklichkeit betreffend der Leser verfügt, welche Art von Genuß er aus einer Fiktion ziehen will, welche Methoden der Darstellung, welche Themen und welche Handlungswendungen im vertraut und genehm sind, und wie flexibel die Vorstellungskraft und das Hineinsetzvermögen des Lesers ist. Um es kurz zu machen: gerade am Beispiel der in den letzten Jahren aufgekommen
›Virtuel Reality‹-SF-Sparte führt Simon Spiegel vor, wie vermeidlich Reales sich als Täuschung, Traum oder Halluzination entpuppt. Der Eigentümlichkeit von Filmen wie
»The Matrix«,
»eXistenZ« und
»Vanilla Sky« beruht nach Spiegel darauf (S. 162),
daß wir vorrübergehend keine Aussenansicht auf die fiktionale Welt erhalten und deshalb nicht sicher sein können, auf wie vielen Realitätsebenen sich die Handlung bewegt.
Und zu den Glanzstücken von Spiegels Buch gehört eine genaue Analyse der Gefängniszellen-Szene von David Lynchs Film
»Lost Highway«. Hier zeigt der Autor sehr gewitzt, wie ein willentlich äußerst rätselhafter Film plausibel aufgedröselt werden kann, wenn man bestimmte Konventionen, z.B. der SF (
Beam me up), als Erklärung heranzieht.
Zum wesentlichen Werkzeug von SF (wie aller Phantastik) gehört die Metapher, also das Kostümieren von Gedanken und Inhalten. Metaphern zeitigen Erkenntnis, indem sie locker Gemeinsamkeiten und Verbindungen herstellen, und somit neue Blickwinkel befördern.
Achtung: Metaphern funktionieren nicht so streng wie Allegorien, denen immer fixe Entsprechungsregeln zugrunde liegen. Eine Metapher bietet mehrere Deutungsmöglichkeiten an, eine Allegorie nur eine
(eine Frau mit Augenbinde, Schwert und Wage ist immer Justitia; das böse Imperium aus »Star Wars« kann man deuten als Anspielung auf die Nazis, oder auf den militärisch-industriellen Komplex Amerikas, oder auf die kommerzielle Hollywoodmaschinerie). Interessant ist, wie Spiegel zeigt, daß sich bei Metaphern im Kleinformat die Spannung zwischen Konvention (Vertrautem) und Abweichung (Originellem) wiederholt, von der auch die Entwicklung eines Genres angestrieben wird. Grob gesagt: Was heute ungewöhnlich ist, schleift sich schön langsam zu etwas Üblichen ein und verkommt schließlich zur langweiligen Rezeptur
(und mit etwas Glück und der Hilfe vieler dienstbarer & begeisterter Geister kann ein Revival den Kreisel neu andrehen).
Die folgenden Kapitel beschreiben nun im einzelne SF-spezifische Ästhetikfragen (wie Naturalisierung und Verfemdung, Erhabenes und Groteskes) und absolvieren dabei quasi nebenbei auch philosophisch-anthropolgisch Steifzüge, am deutlichsten im Kapitel über (konzeptionelle) Durchbrüche, wenn Simon Spiegel seinen Leser einen Diskurs zur Frage
»Was ist der Mensch?« offeriert. Das ist für mich wahrhaftige Sachbuchwonne, denn alle Phantastik wird zutiefst von
›philosophischen Energien‹ durchströmt.
›ERLEUCHTUNG DURCH FABULATIONEN‹
Bisher habe diesen enorm wichigen Begriff der SF,
Sense of Wonder, ausgespart, obwohl er sich wie ein Leitmotiv mit Variationen (das Novum, der Conceptual Breakthrough) durch Simon Spiegels Buch verteilt. In seinem knappen, dafür aber sehr persönlich gehaltenen Schlusswort legt Spiegel die Haltung des nach strenger Distanzierung trachtenden Wissenschaftlers ab, und schildert richtiggehend ergreifend seine Kino-Sense of Wonder-
›Initiation‹, wenn er sich erinnert, wie er als Sechzehnjähriger zum ersten Mal
»Blade Runner« sah (S. 331f):
…nichts hatte mich auf das vorbereitet, was ich in den folgenden zwei Stunden erleben sollte — denn ein Erlebnis war diese Vorführung in der Tat. Ich sah nicht einfach einen Film, ich wurde vielmehr von ihm in Bann geschlagen, verfolgte mit offenem Mund die Geschehnisse auf der Leinwand, tauchte ganz in das düstere Los Angeles des Jahres 2019 ein. {…} Am nächsten Tag war ich immer noch wie benommen. Mir war klar, daß ich etwas Besonderes gesehen hatte, daß »Blade Runner« mehr war als ›bloß ein Film‹. Auf der Kinoleinwand hatte sich eine neue Welt entfaltet, wurden große Themen und tiefe Gedanken verhandelt, die ich zwar kaum artikulieren, dafür umso intensiver fühlen konnte. Kino war mit einem Mal mehr als reine Unterhaltung, es war zu etwas Wichtigem un Kostbaren und Wunderschönem geworden.
Wenn ich nun ›Sense of Wonder‹ schlicht mit
›umfassenden Staunen‹ übersetzte, kann ich hoffentlich überzeugend meine Ansicht unterstreichen, daß Phantastik-Genres mit nichts weniger hantieren, als eben der grundmenschlichen Sehnsucht und Fähigkeit, sich vom eigenen Leben und der Welt an sich hingerissen verblüffen zu lassen. Die SF bedient sich zum Herstellen glaubwürdiger Einbettung für dieses umfassende Staunes vornehmlich des Fundus, den Wissenschaften und Technik zur Verfügung stellen. Diese Fähigkeit zum Staunen ist es, die Menschen einerseits davor bewahrt, von den niederziehenden und beengenden Tatsachen des wirklich stattfindenden Lebens vollends entmutigt zu werden; aber (leider) kann andererseits dieses Staunen mißbraucht werden, um daraus betäubende, entmündigende Verführungskarotten zu machen, denen Spektakeljunkies willig hintergerzockeln.
Simon Spiegel schafft es Dank klaren Stils, gewissenhafter Recherche sowie einem guten Händchen für griffige Zitate und augenöffnende Beispiele
(dem Buch liegt eine DVD mit wundervollen Exempeln bei!), seinen Leser ein aufgewecktes Gespür für dieses Staunen zu vermitteln, vor allem natürlich, was SF-Filme angeht, aber auch Phantastik und Geschichenerzählen überhaupt betreffend. Die argumentative Schärfe und umsichtige Art Spiegels essentialistischen, idealistischen und
(durch welche Motive auch immer) ›willkürlich‹ bestimmten Wertungs-Hierarchien auszudribbeln, macht darüberhinaus das Buch zu einer unverzichtbaren Lektüre für alle, die sich für SF, Film und Medien interessieren.
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Simon Spiegel: »Die Konstitution des Wunderbaren – Zu einer Poetik des Science-Fiction-Films«
Zürcher Filmstudien 16; Schüren Verlag; Marburg 2007; 33 z.T. farb. Abb., DVD mit Filmbeispielen, 385 Seiten.