geschrieben von molosovsky, am: Dienstag, 14. Dez. 2010
Eintrag No. 682 — Diese Woche mal mehr Kunst, Literatur & Zuckerl und weniger Politik & Religionskritik. Privat tut sich nicht so viel. Ich bossle an meinem Eintrag zu den »Alien«-Filmen, & übersetzte Texte aus dem Amerikanischen. Beobachte misstrauisch, wie die Sonne an einem Tag bei niedrigen Temperaturen scheint, am nächsten Tag der Schnee bei noch nierigeren fällt, am übernächsten wieder alles wegschmilzt, als ob nichts gewesen wäre. — Die Enten am Main scheinen in den Wintermonaten von Jahr zu Jahr übermütiger zu werden, was ich ganz allgemein für ein gutes Zeichen halte, es fragt sich nur, ob es auch ein gutes Zeichen für die Menschheit ist.
Lektüre: Wie gehabt, Mervyn Peakes »Gormenghast« und Arno Schmidts »Zettel’s Traum«. Bei Schmidt bin ich mit dem ersten Teil von sechs durch und schnitze nun an meinem zweiten Lesebericht. — Neu hinzugekommen sind Comic-Sammelband 2 und 3 der achten »Buffy«-Staffel, sowie »Leibnitz - Leben, Werk, Lehre« von Kuno Fischer. Letzteres natürlich angeregt von Stephensons »Barock-Zyklus«, in dem Leibnitz eine wesentliche Rolle spielt. Unterwegs genieße ich seit einigen Wochen die englische Hörbuchfassung und hörte am Wochenende zum Beispiel die wunderschöne Stelle aus dem zweiten Band »The Confusion«, wenn Leibnitz den jungen Mathematiker und Newton-Adepten Fatio durch die Bibliothek von Schloss Wolfenbüttel führt, ihm ein Bücherrad zeigt und dabei die Unzulänglichkeiten linearer Ordnungssysteme erklärt
Netzfunde
Friedhelm Rathjen erzählt für ›Die Zeit‹ davon, wie es damals war, als »Zettel's Traum« als Faksimile-Druck erstmals erschien: PoePos Trauma.
Gigantische Neuigkeit. Eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe, war die englischsprachige Ausgabe von Wu Ming: »Manituana«. Wu Ming ist ein italienisches Autorenkollektiv, das vor Jahren unter dem Namen ›Luther Blissett‹ auch in deutschen Landen beachtlichen Erfolg mit dem in der Reformationszeit angesiedelten Agenten-Thriller »Q« verbuchen konnten. Ich verstehe absolut nicht, warum kein deutscher Publikumsverlag sich für die nachfolgenden Romane dieser dollen Autoren zu interessieren scheint. — Der obige Link bringt Euch zu Umsonst-Versionen von »Manituana«, dem ersten Teil eines Triptychs über die Heraufkunft der modernen Welt, in dem das Dreieck Nordamerika, Europa und Afrika die Schauplätze sind. In »Manituana« wird die Anfangsphase des amerikanischen Unabhänigkeitskrieges geschildert, größtenteils aus der Sicht der Bewohner der Six Nations, besonders aus der friedlich sich miteinander vermischenden Indianer und englischen Kolonisten.
Die Entwicklungen um Wikileaks interessieren mich natürlich auch, aber statt selbst etwas zu kommentieren, beschränke ich mich diese Woche darauf, auf die Übersicht Wikileaks und die Pressefreiheit von ›Perlentaucher‹-in Anja Seelinger hinzuweisen.
(Deutschsprachige) Phantastik-Funde
Frohe Kunde erreichte mich über den für 18. Januar 2011 angesetzten Neustart der Bibliotheka Phantastika. Sehnlichst vermisst habe ich neue Rezensions-Einträge. Ich freue mich schon sehr darauf, was das neue Team bieten wird. Erstaunlich finde ich, wie professionell allein schon der Trailer ist. Immerhin ist die BibPhant eine private Unternehmung und kein Marketing-Heckmeck.
Eine exemplarisch über-spoilte Rezension hat mein Missfallen erregt. Anzurechnen (und damit nachzusehen) ist Thomas Nussbaumer, dass wohl seine Faszination für China Miévilles »Die Stadt & Die Stadt« Ursache dafür ist, dass er viel zu viel von den Wendungen dieses Romans in seiner Rezension für die Phantastik-Couch verrät.
Zwei irre Link-Tips von Harald S. haben mich erreicht (1000 Dank dafür!): Einmal die steampunkig ausgestopften Tiere der Künstlerin Lisa Black; — und zum zweiten absolut beunruhigend grotesken aber auch faszinierend schönen Möbel-Kreationen von Michel Haillard.
Mein Vergnügen erregt der Künstler Rob Sato, weil er Phantastik jenseits der glatten Marketing-Formeln bietet. Auch so einer, der ein geeigneter Bas-Lag-Illustrator wäre.
Auch diese Woche wieder ein Daddel-Tipp aus dem ›Newgrounds‹-Fundus: Zombie Trailer Park. Ich schaffe einfach Stage 4 nicht.
Zum Team des wunderbaren ›That Guy With The Glasses‹-Portals gehört ›Spoony‹, dessen Filmverrisse mir bisher ab und zu schon ganz gut gefallen haben, aber nun hat er sein erstes Meissterwerk abgeliefert, indem er furchtlos »Highlander: The Source« auseinander nimmt.
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geschrieben von molosovsky, am: Dienstag, 01. Jun. 2010
Eintrag No.623 — Viel passiert die Woche. Dennis Hopper ist gestorben. Ich muss gestehen, dass ich »Easy Rider« bis heute nicht kenne. Und Hopper-Fans müssen gestehen, dass er peinlich oft in lauen und/oder trashigen Filmen den Bösewicht gegeben hat. Wer aber wissen will, wie gut er war, der gucke erst »Blue Velvet« (Hopper als völlig durchgenallt-dämonischer Bösewicht) und dann »True Romance« (Hopper als weiser, herzensguter Looser-Papa des von Christian Slater gespielten Helden).
Apropos Bösewicht: Roland Koch zog sich letzten Dienstag aus dem Rampenlicht der Politik zurück. Wahrscheinlich, um sich seine lava-festen schwarzen Handschuhe anzuziehen und weiße Fluffikatzen zu streicheln.
Lektüre: Komme wenig zum Lesen, aber wenn, habe ich derzeit meinen Spaß mit Ian Tregillis »Bitter Seeds« (Band 1 der »Milkweed«-Trio). Nach dem ersten Drittel (von 352 Seiten) kann ich sagen: Ist sehr fein. Erinnert mich an Kim Newmans »Anno Dracula«-Romane (obwohl: Tregillis erzählt weniger extravagant) und Scott Westerfields »Leviathan« (obwohl: Tregillis liefert kein Jugendbuch ab und ist entsprechend ›härter‹). Die Nazis haben in der ›Reichbehörde für die Erweiterung des germanischen Potentials‹ mittels Götterelektron-Verstärkern Superhelden-Krieger & -Agenten geschaffen. Die Engländer bekommen über einen ihrer Spione in Spanien Wind davon und wagen es, sich hilfesuchend an englische Warlocks zu wenden (die blieben bisher nämlich lieber unter sich und können mit traditioneller Blutmagie Elementare beschwören). — Ach ja: »Bitter Seeds« ist Ian Tregillis Debut-Roman, nachdem er bisher im »Wild Cards«-Anthologieteam Kurzgeschichten unter Geroge R. R. Martins Mentorenschaft veröffentlicht hat, und Mr. Tregillis hat eine umwerfend schöne Website (Link führt zur Blog-Abteilung). — Und hier gehts zur Galerie des Cover-Künstlers von »Bitter Seeds«: John Jude Palencar.
NETZFUNDE
In Sachen Copyright / Urheberrecht gibt es hier eine heftige Denkanregung zu bestaunen. Johanna Blakley erteilt als TED-Sendung »Lessons from fashion’s free culture« (»Lehren der freien Modewelt-Kultur«). In dem 16-minütigen (englischen) Vortrag erfährt man, dass es in der Modewelt kein Urheberrecht auf eimzelne Design-Ideen gibt, sondern nur eines auf Handelsmarken. Also, ein bestimmtes Muster, eine bestimmte Kleidform ect pp ff wird in der Modeindustrie nicht urheberrechtlich geschützt (wäre ja auch ein Unding, wenn man Lizenzen für Dinge wie Pagodenschultern, oder Picadilly-Kragen, bestimmte Abnähvarianten usw blechen müsste). Durchaus unter Schutz stehen aber die Marken-Logos von Channel, Gucci, Versace usw.
Sprung etwa in die 11 Minute des Vortrages: Verblüffend die Aufzählung von Industriefeldern, die mit äußerst geringem Schutz von geistigen Eigentum florieren: Nahrungsmittelrezepte und Aussehen, Gesamtform von Autos, Möbeldesign, Magietricks, Haarstilistik, Open Sorce Software, Databases, Tattoo-Künstler mögen kein Copyright (»Woll’n wa’ nich’. Iss’ nich’ cool, Dude«), Witze, Feuerwerkchoreographie, Spielregeln, Geruch von Parfumes.
(Ich hab den Vortrag direkt bei TED gefunden. Die »Perlentaucher« haben ihn über »BoingBoing« gefunden und am 28. Mai in ihrer Feuilletons-Rundschau die gleiche Stelle wie ich in ihrer Meldung zusammengefasst.)
»Die Welt« glänzt durch Weisheit und ein gutes Händchen, denn für die hat am 25. Mai Frank Fischer vom genialen »Umblätterer«-Team den ›Nachruf‹ anlässlich der letzten Folge von »Lost« schreiben dürfen: Das letzte Abendmahl
Andrea hat am Samstag Grand Prix geguckt, zusammen mit Tine, Daniel und Eric. Ich selber habe an dem Abend gearbeitet und nix mitbekommen. Doch dank diesem Live-Ticker in den »Reisenotizen« konnte ich dann zuhause fast sagen: ich war dabei.
Ab morgen kann man die Ausstellung »Zelluloid. Film ohne Kamera« in der Schirn Kunsthalle Frankfurt besichtigen. Das Team der Schirn überrascht mich mich immer wieder damit, wie kontraststark die Ausstellungsfolge, und wie effizient die Räumlichkeiten gestaltet wurden (vielleicht nicht immer passend für den Andrang von mehreren gleichzeitig herumwuselnden Gruppen). Diesmal begibt man sich in ein dunkles, großes Kleinkinowabenwerk, das auf mich wie ›Caligari goes New Wave‹ wirkt. Zu sehen (und hören) gibt es direkt auf Filmstreifen gezeichnete, geritzte, collagierte oder chemisch hervorgezauberte Kunst (im Katalog habe ich eine Frau sogar mit der Heinz Ketchup Flasche hantieren sehen). Meine beiden Lieblingsclips im Youtube-Kanal der Schirn sind: Ian Helliwells »Orbiting the Atom« und Jennifer Wests »Wearing Thick Heavy«.
So sieht das Haus aus, bei dem die Bücher »Q« und »Altai« von Wu Ming (ehemals Luther Blissett) auf Japanisch erscheinen werden. Ich hoffe, bald mal mit einer Rezi zu »Manituana« aufwarten zu können. Dieser historische Roman aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg hat mich schwer beeindruckt. Er wird aus Sicht der ›Native Americans‹ der Six Nations erzählt. Eine beeindruckende längere Strecke schildert, wie sich englandtreue Siedler, Indianer und Mischlinge zwecks Ersuchen von diplomatisch-militärischer Unterstützung nach London begeben. Die Exotengruppe aus der Ostküstenwildnis und ihr Blick auf die wuselige Gesellschaft Londons des Jahres 1775-1776 ist ›phantastischer‹ als viele Fantasy- oder SF-Stoffe.
Hurrah! Klett Cotta bringt eine Neuausgabe von »Gormenghast« heraus. Molochronikleser wissen, dass für mich die »Gormenghast«-Romane von Mervyn Peake wichtige Klassiker und Meisterwerke der ›anderen Fantasy‹ sind (die ›eine‹, also ›übliche‹ Mainstream-Fantasy ist natürlich jene, welche von Tolkien, Rollen- und Computerspielen geprägt wird). — Kai Meyer und Tad Williams durften Vorworte für die ersten beiden schreiben. Und: Klett Cotta wird wohl auch den vor einigen Monaten in England im Nachlass von Peake gefundenen, und von seiner Witwe Maeve Gilmore kompletierten vierten Band auf Deutsch veröffentlichen. — Hier die Titelbilder der ersten beiden Bände der Neuausgabe, die im August 2010 erscheinen sollen. Ich bin zear nicht superduperhappy (das Schloss links ist mir zu europäisch, die Farben zu knallig und die Ornamente etwas zu arschgeweihig) aber immerhin: viel schöner als die bisherigen deutschen Ausgaben. Ungeschickt finde ich, dass die Bücher wieder um die 22,– € kosten werden. Ein Preis, den wohl größtenteils nur Leute zu berappen willig sind, die Mervyn Peake bereits schätzen. Dabei bräuchten wir (weil die deutsche Fantasy-Szene viel zu Tolkien-dominiert ist) mal eine deutsche Taschenbuchausgabe von »Gormenghast«, einfach, damit mehr Leut den Zugriff beim Einkauf wagen.
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01. April 2012: Während der Layout-Neugestaltung des Blogs, gibt es vorrübergehend keine Link- oder ›Molochronik DeLuxe‹-Liste oder Buttons.
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