MOLOsovskysCHRONIK
Netztagebuch eines amœnokratischen Phantasten, Skribblers, Kritikers & Übersetzers


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geschrieben von molosovsky,
am: Donnerstag, 29. Aug. 2002
Eintrag No. 6 — Im schönen Taunus liegt das noch schönere Königstein, gegen unsittliche Umtriebe geschützt vom Bürgermeister der CDU. Der sah das Wahlplakat der Grünen und da fuhr der heilige Geist der Entrüstung in ihn: »Das ist ja eine pornographische Darstellung, mindestens jugendgefähredend, wenn nicht gar staatszersetzend!«

Dann laß er auch noch den Spruch »Wir machen’s gleich« und da gneiste der Gute, daß dies, zusammen mit dem Bild ja eine unmißverständliche und nichtzuwiderstehende Zwangsaufforderung zum totalen Gruppensex ist, womöglich mit Tieren und Minderjährigen. Kurzum: das Ordnungsamt muß rann und verbot der durchgeknallten Sittenschandepartei das Anbringen des Wahlplakates in Königstein, im schönen Taunus.

So stellte ich mir das vor, und wie ich mir das so vorstellte, da dachte ich mir, so geht's aber nicht ihr Heuchler, und schrieb an die Stelle für Plakatierungsgenehmigungen im Ordnungsamt Königstein.

Gerade las ich in der BILD-›Zeitung‹, daß das Ordnungsamt Königstein die Plakatierung des Wahlplakates der Grünen verhinderte, dem Schutz der Jugend wegen, weil das Plakat pornographisch sei. Dazu habe ich zwei Anliegen:
  • Ist es möglich, eine genauere Stellungsnahme mit Begründung von Ihnen oder den für die entsprechende Anordnung Verantwortlichen Königsteins ob des Verbotes zu bekommen?
  • Mich würde auch interessieren, welche anderen Plakate aus der Vergangenheit in Königstein aus ähnlichen Gründen nicht plakatiert werden durften und dürfen.
Ich hoffe, daß das Ordnungsamt Königstein in dieser Sache konsequent handelt, und zB die Auslage der BILD-›Zeitung‹ verbietet und den Verkauf nur unter dem Ladentisch (unter Vorlage eines Altersnachweises nur an Personen ab 18) zuläßt. Die im Vergleich zum Plakat der Grünen gallopierende Pornographie auf den Titelseiten der BILD ist geeignet, vor allem männlichen Jugendlichen ein Frauenbild zu vermitteln, daß ungefähr so geht: »Natasha ist traurig denn der Reisverschluß ihrer Hotpants klemmt... Wer hilft Natasha?«

Sehr würde ich mich über eine Antwort freuen,
mit freundlichem Gruß
molosovsky


Hier geht es zum zweiten Teil der Korrespondenz.

Stichworte: Gesellschaft, Politik

Geschieben von DarkObserver,
am: Freitag, 30. Aug. 2002
Als ich das Plakat irgendwo online sah, dachte ich, es sei eine Satire. Bei uns in Darmstadt habe ich es noch nicht gesehen. Ist ja cool! Daß sich die Gemeinde der Konservativen heutzutage noch über so etwas aufregen kann ist auch schon fast wieder Real-Satire.

Nicht weit von Königstein haben übrigens die Amis mit Hilfe von Nazi-Ärzten Experimente zur Gehirnwäsche und Folter durchgeführt, hast Du das gewußt? Codename Artischocke.

Geschrieben von molosovsky,
am: Freitag, 30. Aug. 2002
...gab's ja erschreckende in den ländlichen Verwerfungen. Habe schon einiges gehört von Höllenanlagen im Wald, Gebirge pp, Artischocke ist mir da auch untergekommen. In Hessen mir noch bekannt: die Glauburgausgrabungen (Keltenhügel) in der Wetterau. In den letzten Wochen haben die Ausgrabungsstätte die Allierten bombadiert. Gar nicht gut für die Archeologie.
Zur Real-Satire: es ist für mich ein Fakt, daß man sich hierzulande nur schwer damit zurechtfindet, wie weit die verschiedenen Menschenbilder auseinandergehen. Da purzeln die Ideologien von Jahrhunderten durcheinander. Einige leben bereits weitestgehend in einer Blade Runner-Welt, andere wollen 18tes oder 15tes Jahrhundert reinstallieren. Ich denke, Raum und potentielle Umsicht ist da, daß all diese Zeiten nebeneinander leben können.

Geschieben von Irene,
am: Freitag, 30. Aug. 2002
Das Foto ist doch einem Kunstwerk nachgestellt. Ein älteres Bild, auf dem eine Frau mit etwas spitzen Fingern einer anderen an die Brustwarze faßt. Da könnte doch der Herr Molosovsky einen Hinweis nachreichen, wenn er schon einen direkten Draht zu einer Kunsthistorikerin hat....

Geschrieben von molosovsky,
am: Freitag, 30. Aug. 2002
(Kunstgeschichte) - Hängt im Louvre, stammt aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, bildet zusammen mit einigen anderen Bildern einen rätselhaften Zyklus eines oder mehrer anonymer Maler(s) und so sieht es aus.
Im Weitbrecht-Verlag erschien 1996 der Roman Die Purpurlinie von Wolfgang Fleischhauer, der einen ganz interessanten Garn um diese Gemälde wickelt.

Geschrieben von DarkObserver,
am: Samstag, 31. Aug. 2002
die Dame heißt Gabrielle d'Estrees, nicht d'Estelle. Wie auch immer: Lesbische Zärtlichkeiten zwischen Schwestern, auf einem so alten Gemälde, tsk tsk.

Geschieben von molosovsky,
am: Samstag, 31. Aug. 2002
den Schreibfehler. Aber: das Bild ist nicht unbedingt auf "lesbisches Pärchen" zu reduzieren. Es in Richtung "Symbolvotschaft über Macht, Abhängigkeit pp." zu deuten ist auch plausibel.
Denk an das Nosterdamus-Problem, da gibt's ja auch zwei grobe Interpreten-Lager:
- er war ein Visionär, ein Prophet und bezog sich mit seinen Schriften auf die Zukunft (Hausmeisteresoterik);
- er fand sich durch die Zeitumstände gezwungen, kritische Anmerkungen und Interpretationen zu/von Politik und Gesellschaft hinter Symbolen und Allegorien zu verstecken (Historikeresoterik).
Zähle mich zur 2. Gruppe.

Geschrieben von DarkObserver,
am: Samstag, 31. Aug. 2002
Wo die Symbolbotschaft "Macht, Abhängigkeit" herkommen soll, ist für mich jedoch nicht einsichtig. Die Szenerie im Hintergrund mit der Mutter(?!) hat eher etwas Anheimelndes für mich. Der sichere Nährboden für dekadente Spielchen quasi...oder vielleicht bin ich nur zu lüstern ;-)

Geschieben von merzmensch,
am: Dienstag, 28. Aug. 2007
Wenn die zitierte Klassik von unsren Dorfältesten bereits so empfindlich empfunden wird - Goethe verzeih mir die Tautologie - dann kann uns nichts mehr helfen. Der Bürgermeister, der Sittliche, der hat eine falsche Vorstellung über das Wesen der Pornographie - aber es ist ja bereits im Lesebrief bestens zum Ausdruck gekommen.

Bald aber werden im BILD die Klassiker nachgebildet aka "Natasha hilft Tanja beim Baden".

Achja, Louvre... Der Bürgemeister würde todt umfallen, begehe er jemals die schandhaften Hallen jener unstittlichen Kollektion. Da er aber wohl nie den Taunuskreis verlassen hat, wird er noch lange leben.

Geschrieben von molosovsky,
am: Dienstag, 28. Aug. 2007
Kleiner Hinweis für zukünftige Zufallsvorbeileser, daß es was unseren aller Dorfältesten, unseren Olympier angeht grad aktuell was gibt hier.

In die Gedanken- und Gefühlswelt von Bürgermeistern und ihrem Milieu kann ich mich ja immer nicht so richtig reindenken. Insofern bin ich über den kleinen Bürgermeisterkunde-Unterricht sehr dankbar, merzmensch.

Was ich mir ja vorstellen kann: als Amtspersonen dürfen wahrscheinlich auch Bürgermeister nicht so viel assoziieren, weshalb ihnen, wenn ein nicht vollends valiumumflortes Plakat die anzustacheln vermag, dann eben besagte Assoziation durchgeht wie läufige Gäule. (Nebenbei: ›valium-umflort‹, seltener Fall eines umum im Deutschen.)

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