Mittwoch, 31. Mai 2006

Lovecrafts Träumereien

Eintrag No. 274 — Und wieder blüht ein neues, lesenswertes Phantastik-Blog auf, denn Hannes Riffel (Übersetzer, Phantastikbuchladen-Inhaber, Mitbetreuer der Hobbit-Presse bei Klett Cotta und Shayol e.V-Vorsitzender) ist mit »Blumen für Algernon« unter die Blogger gegangen. Jemand wie er, der »Moby Dick«, Arno Schmidt, Lovecraft und Vandermeer hoch schätzt, der Lanzen für die Kurzgeschichte bricht und lustige Fantasy/SF/Horror-Phantastik Top 100-Listen veranstaltet, über die Imho-itis stöhnt, kann mir nur sympathisch sein.

Schon zum dritten Mal seit Blogjungferneintrag berichtet Hannes mit »Aus der Pestzone« von seiner derzeitigen Lovecraft-Wiederlesephase (hier zu Teil 1 »Immer wieder« und Teil 2 »Das Grauen«). Da ich mir die ganzen tollen englischen Editionen z.B. wie »From the Pest Zone. The New York Stories« und »Letters from New York« von S. T. Joshi nicht leisten kann, les ich die Leseeindrücke von Hannes um so interessierter. Hannes erwähnt dabei erfeulicherweise Lovecrafts rassistisch-›faschistoide‹ Verirrungen, die eben durch Joshis Ausgaben deutlich werden. Ich staune nicht schlecht, wenn Hannes dann raunt:
Natürlich folgt daraus nicht, dass es irgendwie verwerflich sein könnte, Lovecraft zu lesen und zu schätzen. Aber es ergeben sich doch einige interessante Gedanken über den einflussreichsten Horrorautor des 20. Jahrhundert und den Ursprung seines "kosmischen Schreckens" in äußerst banalen Alltagsängsten. Nicht umsonst hat Suhrkamp vor Jahren die -- bereits fertig übersetzte! -- Lovecraft-Biographie von de Camp nicht veröffentlicht; zu unangenehm erhellend waren die darin enthaltenen Lovecraft-Zitate (nachzulesen in der 2002 bei Festa erschienenen Ausgabe).
Wenn das stimmt, dann frag ich mich, für WEN aus Suhrkamps Sicht die de Camp-Bio zu ›unangenehm‹ gewesen wäre. Für ›naive‹ Phantastik-Kunden vielleicht, die Lovecraft als Kultautoren bussi-butzi-mäßig verehren und von etwaigen Beschmutzungen bewahrt sehen möchten? Was auch immer Suhrkamps Gründe gewesen sein mögen, stimme ich Hannes Riffel auf jeden Fall zu, {daß} es keinen Grund {gibt}, Lovecraft auch nur entfernt in Schutz zu nehmen. — Zweifelsfrei war Lovecraft ein großartiger Phantast, ein moderner Vertreter außenseiterischer Gnostik, dessen Leben und Werk als verqueres Ineinander von Selbstkultivierung und Umweltentfremdung daherkommt, mit eben einer Vielzahl an verschieden hellen und düsteren Facetten.

Hier nun ein paar exemplarische ›unangenehme‹ Stellen aus de Camps-Bio (EA Originalausgabe 1975), von der ich eine Taschenbuchausgabe aus Ullsteins Reihe »Populäre Kultur« aus dem 1989er Jahr hab (und in der steht nix von Kürzung. NACHTRAG: Hannes Riffel hat mich in seinem Blog darüber informiert, daß die Ullstein-Ausgabe doch gekürzt ist. Nun, daß die Abbildungen fehlen wußte ich, doch dachte ich, damit wär's das {und Abbildungen weglassen ist ja auch eine Kostenfrage}. Eine ungekürzte Fassung liegt seit 2002 bei Festa vor). Kapitel 17. Verquere Gedanken mag für unbedarfte jedoch quitesch-innige Lovecraft-Beschöniger problematisch sein, denn da finden sich Absätze:

(S. 265): Lovecrafts Rasissmus, der nachgelassen hatte, kam wieder voll zum Ausbruch. In seinen Briefen aus den Jahren 1933 finden sich zahllose Beispiele für seine anti-ethnischen Triaden. Er zog gegen den »fremartigen und emotional abstoßenden Kulturstrom« der Juden und ihr »rücksichtsloses Unternehmertum« zu Felde und auch gegen ihre angebliche Beherrschung der amerikanischen Presse mittels Anzeigen, die dazu führe, daß der »Geschmack in hinterhältiger Weise in nichtarischen Geleisen geformt« werde. Er tobte gegen die Einwanderer: »kriechende Bauern«, »stinkende Mischlinge«, »Ghetto-Bastarde«, »Abschaum und Bodensatz in ihrer Heimat … die Schwächlinge, die sich in ihrem eigenen Volk nicht oben halten können.«

L. Sprague de Camp schildert weiter, wie sich Lovecraft von Amerika aus auf Europa und die Weltpolitik blickend, für die deutschen Nazis und ihren Gröfaz erwärmt: (S. 265): Hitler sei {so Lovecraft in seinen Briefen aus dem 1934 Jahr} »extrem, grotesk und gelegenlich auch barbarisch«, aber auch »zutiefst aufrichtig und patriotisch«. Obgleich er eine Gefahr darstelle, »kann uns dies nicht blind machen für die ehrliche Aufrichtigkeit im grundliegenden Drange dieses Mannes … Ich weiß, er ist ein Clown, aber bei Gott, der Junge gefällt mir!« {Hervorhebung so bei de Camp und entsprechend wohl dann auch schon bei H.P.L.}

De Camps Bio wäre ein schlechtes Werk, würde er nicht facettenreich und genauer auf die Widersprüche von Lovecrafts Meinen und Sinnen eingehen. Neben Hitler fand Lovecraft auch Roosevelt toll. Zurecht fragt sich de Camp (auf S. 266): Wie konnte ein Mann {H.P.L} Roosevelt unterstützen, sich als liberalen Demokraten bezeichnen, von der Unvermeidbarkeit des Sozialismus reden und gleichzeitig Hitler entschuldigen und schreiben: »Ich glaube, daß irgendeine Variante des Faschismus die einzige Form der zivilisierten Regierung ist, die unter der industriellen Ökonomie des Maschinenzeitalters möglich ist?«

De Camp zeigt, daß Lovecrafts Seelen- und Meinungsleben nicht in einfache klare Backformen pressen läßt — wie auch, wenn der Meister selbst losgelößt von politischen Realitäten sich im Grunde als (eben dunkel-)romantischer Schwärmer für ein radikales Künstlerutopia entpuppt (S. 266), und von sich behauptet: »Ich werde mich als eine Art Kreuzung zwischen einem Faschisten und einem nichtbolschewistischen Sozialisten der alten Art bezeichnen müssen«; und de Camp zitiert, wie für Lovecrafts eine Ideal-Vorstellung des sozialen Faschismus aussah (S. 266): Er {H.P.L. } war dafür, daß die »Staatsgeschäfte von Kommissaren geführt werden, die ein Diktator ernennt, welcher wiederum durch ein intelligentes und bildungsmäßig erlesenes Wahlmännergremium erkoren wird. … Das Wahlrecht sollten nur solche haben, die sowohl eine unparteiische Intelligenzprüfung als auch eine Prüfung ihrer ökonomischen, sozialen, politischen und allgemeinen kulturellen Kenntnisse bestanden haben; wobei selbstverständlich die Möglichkeit der Bildung für jedermann stets gleich sein müssen.« Er rief nach einer Diktatur, die »vollständige intellektuelle und künstlerische Freiheit garantierten.« – was eine absolut widersprüchliche und groteske Vorstellung ohne Aussicht auf Verwirklichung war.

Wichtig scheint mir jedoch, Lovecraft hier nun nicht als vollkommenen Fascho-Depp dastehen zu lassen (Juden Assimilieren, nicht Eliminieren, says H.P.L.), denn de Camp berichtet in diesem dunklen Kapitel der Biographie ausdrücklich auch davon, daß Lovecrafts Abwenung vom Antisemitismus eine der auffälligsten Veränderungen der letzten drei Lebensjahre von Lovecraft darstellt. In der Tat heißt es bei de Camp auf S. 267: 1935 war er {H.P.L.} von seinen faschistischen Neigungen kuriert. — Ich persönlich deute es grob so, daß Lovecraft als konsequenter Durchdenker und -Empfinder schlicht sich selbst gegenüber eingestehen mußte, daß eine zu einseitige Parteinahme für eine Rasse, Kultur oder Nation im Angesicht der chaotisch-cthonischen Kräfte des Universums schlicht kurzsichtiger Kinderkram ist. Lovecrafts Hass aufs Leben ließ deshalb entsprechende Schwingungen beim Klage- und Schauergesang über die Schlechthinigkeit der Welt und Menschheit wieder mehr und mehr beiseit. Für Freunde der Kulturgeschichte der Phantastik aber bleibt Lovecrafts Ausflug in den Stadtmoloch von New York eine der tragisch-gruseligen Episoden der modernen Literaturgeschichte.

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