(Eintrag No. 299; Literatur, Gesellschaft) — Für
»Die Welt« dürfen sieben Herren ihre jeweiligen Buchmesse-Saison-2006-Perlen ausbreiten. Keinen Ranglistenhierachien, keiner Kanonambitionen gibt sich das Septett hin, sondern empfiehlt halt, was man für glänzend und wohlfeil rund hält.
Obere Reihe von links nach rechts: Krekeler, Werner, Müller, Wittstock; Untere Reihe: Krause, Stein, Kellerhof.
Elmar Krekeler mags vergnügt aberwitzig und legt uns Haas »Der Wetter vor 15 Jahren« (
›fintenreiche, literarisch abgründige, literaturbetrieblich aufreizende, fiese, geniale Geschichte‹), Galvinic »Die Arbeit der Nacht« (
›verdienten Durchbruch‹) und Stanisic »Wie der Soldat das Grammofon repariert« (
›steckt unser altes Deutsch unters Sauerstoffzelt‹) ans Herz.
Henrik Werner breitet drückt dreimal für das Themenfeld ›Historie‹ die Hupe: für Kosellecks »Begriffsgeschichten« (
›dem Verstehen {zuarbeiten}, wie es so weit mit uns kommen konnte‹); für Assmanns »Der lange Schatten der Vergangenheit«
(›akribische Vermessung des Spannungsfeldes zwischen persönlicher Erfahrung und offiziellem Gedenken‹) und Hinck »Romanchronik des 20. Jahrhunderts« Teil 3 »Historien« (
›geradlinig, gewitzt und meinungsfreudig‹).
Felix Müller gibt sich ebenfalls Geschichtssachbüchern hin, und macht Laune auf Sloterdijks »Zorn und Zeit« (
›zündende Assoziationskraft und höchste begriffliche Anstrengung‹), Bedinis »Der Elefant des Papstes« (
›wunderbar schillerndes Porträt Roms auf dem Höhepunkt der Renaissance‹) und Besiers »Das Europa der Diktaturen« (
›eindrucksvolle, gewaltige Arbeit‹).
Uwe Wittstock hatte nur Zeit oder Bock für zwei Favoritisierungen, nämlich
»Mikado« von Strauß (
›Geschichten, in denen Zeitkritik nicht zur sauren Predigt wird‹), und »Jedermann« von Roth (
›ist von großem literarischem Format‹).
Tilman Krause ist völlig und weg weil er »Drei Tage bei meiner Mutter« von Weyergans (
›dass man außer sich geraten möchte vor Entzücken‹), »Ich nicht« von Fest (
›Für Neubürger Pflicht-, für Altbürger Wehmutspensum!‹) und den Handke-Lenz'schen Briegwechsel »Berichterstatter des Tages« (
›tröstliches, ein heilsames Buch‹) zur inniglichen Beherzigung anführen kann.
Auch Hannes Stein bestreitet seine diesmalige Buchmessenempfehlungsgelegenheit mit ›nur‹ zwei Titeln: Bajohrs und Pohls über die Deutschen im Dritten Reich »Der Holocaust als offenes Geheimnis« (
›sine ira et studio‹), und den neuen Gedichten »Heimat« von Biermann (
›handelt gar nicht von Deutschland, sondern von Südfrankreich‹).
Zuletzt streut Sven Felix Kellerhof seine lockerern Tipps für Heavy-History-Lektüren an: Weinke »Die Nürnberger Prozesse« (
›knapp und präzise‹), »Halbmond und Hakenkreuz« von Mallmann und Cüppers (
›Pflichtlektüre‹) und »Gefangen unter Hitler« von Wachsmann (
›{zeigt nebenbei wie} harte Wissenschaft und Verständlichkeit fast mühelos koexistieren können‹).