VIERTE FOLGE VON MOLOS WANDERUNGEN DURCH

DER BÜCHERGILDE GUTENBERG
(Eintrag No 456; Literatur, Phantastik, Klassiker) —
Entgrenzter Beginn: wie sehr treibt mich die Sehnsucht, mich immer und immer wieder der süßen Illusion hinzugeben, ich könne mich zurücklehnen, die Welt wie ein Gemälde betrachten, und zugleich hineinfallen lassen, mit all dem mitempfinden, was sich da im Laporello meines Panoramablicks tummelt. Ich weiß, dass diese Spielart des
›Kuchen essen, und Kuchen behalten‹ ein Ding der Unmöglichkeit ist. Aber es ist diese Spannung, dieses Pendeln, was mich auf Trapp hält bei all meinen Wanderungen durch die Gefilde der Literaturen, Künste, Medien: einerseits der Schönheitsrausch angesichts der Vielfalt und Seltsamkeit der Erscheinungen des Universums, andererseits die Skepsis gegenüber den Verlogen- und Beschränktheiten des Menschen
(inklusive meiner eigenen Person).
Ein hilfreicher Rat gegen die Gefahren eines enthemmten Holismus scheint mir da das Sprüchlein:
»Der Teufel steckt im Detail«[01], besonders dann, wenn mensch interpretiert. Es ist bestimmt keine exzentrische Übertreibung, wenn ich als Liebhaber der phantastischen Künste der Meinung bin, dass gerade die Phantastik manniglich zu schaffen hat mit einem besonders verknotungs- und verirrungsgefährdetem Gefizzel beim Auseinanderklamüsern von Wahrheit und Lüge, Illusion und Ent-Täuschung, richtig- und daneben-liegen beim Interpretieren. — Ein kleiner Zitatenkranz als Einstimmung.
In meiner
ersten Wanderung durch die von Jorge Luis Borges zusammengestellte Anthologiereihe habe ich mittels eines Schlenkers auf Ecos Roman
»Der Name der Rose« ein Beispiel für eine harsche Weisung zu Problemen der Wahrheitsnavigation gegeben:
Wer zweifelt, wende sich an eine Autorität, befrage die Schriften eines heiligen Vaters oder Gelehrten, und schon endet jeder Zweifel.
Diese Art von streng hierarchischer Formatierung der Zugänge zur Wahrheit ist charakterisch für vormoderne Gesellschaftsverfassungen. Und wiederum bei Eco
(in seinem Vortrag »Mögliche Wälder«) fand ich eine exemplarische Aussage dazu, was nun den Umgang mit Wahrheitsspannung seit dem Aufbruch der Moderne, spezieller, seit dem Anheben des pluralistischen Spiels der erzählenden Fiktionen betrifft, wenn er auf den Punkt bringt:
Indem wir Romane lesen, entrinnen wir der Angst, die uns überfällt, wenn wir etwas Wahres über die Welt sagen wollen.
Bereits ganz und gar weltliche Äußerungen über die Welt, über Vergangenheit und Zukunft und andere nicht
(an)fassbare Phänomene wollen da auf ihren Wahrheits- und Vorgaukelei-Gehalt abgeklopft werden. Wie arg potenziert sich diese Notwendigkeit aber erst, wenn wir das Gebiet der Phantastik betreten? Die sich dabei
(nicht für alle locker zur lustvollen) Spannung aufschaukelnden Bredoullien des Durchblickenwollens, umschreibt
Ludwig Wittgenstein ganz treffend, als er schrieb
[02]:
Die Sprache verkleidet den Gedanken. Und zwar so, daß man nach der äußeren Form des Kleides, nicht auf die Form des bekleideten Gedankens schließen kann; weil die äußere Form des Kleides nach ganz anderen Zwecken gebildet ist als danach, die Form des Körpers erkennen zu lassen.
Die stillschweigenden Abmachungen zum Verständnis der Umgangssprache sind enorm kompliziert.

Zu den stillschweigenden Abmachungen bei Interpretationen gehört im Allgemeinen, dass man sich Werke nicht zurechtbiegt, oder dass man sich nicht nur jene Stellen aus ihnen herauspickt, die zur eigenen Sicht der Dinge passen
(oder zumindest, dass man derartig einseitigen Beispiel-Gebrauch eingesteht und erklärt). Gemäß einer der
(leider) immer noch einflußreichsten Theorien zum
›Phantastischen‹, Tzetvan Todorovs
»Einführung in die fantastische Literatur«, liegt
… das Fantastische im Moment der Ungewissheit …
und dabei wird Jaques Cazottes bekanntester Text als Beispiel für typische
›fantastische Literatur‹ im Todorov-Sinne herangezogen
[03].
Für mich dabei Ärgernis: alle Beispiele die Todorov aus Cazottes
»Der verliebte Teufel« pflückt, stammen aus Abschnitten des späteren Verlaufs des Buches, in denen sich der Held der Erzählung, der junge Adelige
Alvares, tatsächlich nicht ganz sicher ist, ob seine aufgegeilten Sinne nur verrückt spielen und ihm die wildesten Einbildungs-Streiche spielen, oder ob die junge Verführerin
Biondetta wirklich der Leibhaftige in Frauengestalt ist. — Ja, Alvares mag sich sich ungewiss sein, aber als Leser bin ich’s nicht einen Moment und wundere mich, wie Todorov die deutlichen Hinweise auf den wundersamen, märchenhaften Charakter der Erzählung unter den Teppich kehrt. Der Roman beginnt immerhin damit, dass Held Alvares in Neapel bei einem lockeren Abend mit Wein und Plausch die Bekanntschaft mit von Alchemie und Geisterbeschwörung raunenden Fremden macht. Im zweiten Kapitel begibt man sich in die nahen Ruinen von Portici und mit Kerzen, Zauberkreisen und Beschwörungsformeln zitiert Alvares den Anleitungen der Fremden folgend Beelzebub herbei, und für mich gibt es hier keine Ungewisseheit darüber, ob der Text lediglich ein Scharadenspiel schildert, oder ob tatsächlich Magisches geschieht. Ein Fenster des Gewölbes öffnet sich und
[04]
… ein Lichtstrom bricht durch die Öffnung, glänzender als das Tageslicht; ein Kamelskopf, ebenso scheußlich durch seine Dicke wie durch sein Aussehen, zeigt sich am Fenster; übergroß sind seine Ohren. Das häßliche Gespenst öffnet seinen Rachen und antwortet in einem der übrigen Erscheinung angemessenem Tone:
»Was willst du?«
Und zauberhaft-grotesk geht’s wenige Zeilen später weiter, als
[05] …
… das anstaunenswürdige Kamel seinen sechszehn Fuß langen Hals aus{reckt}, sein Haupt in die Mitte des Saales {neigt} und ein weißes Löwenhündchen mit feiner, glänzend-seidener Wolle aus{spie}…
Der Hund spricht dann auch noch, und statt seiner steht dann plötzlich ein junger Page am Ort der Teufelsbeschwörung. Der Page ist eigentlich ein junges Mädel
(Biondetta eben), das Mädel ist eigentlich eine Sylphe, ist eigentlich der Teufel.
Freilich kann man diese Teufelsbeschwörung und die damit zusammenhängenden Okkult-Fuzzis unter anderem auch als Metapher lesen. Die gewagteste Deutung dazu von mir läßt mich an Mädchenhandel denken. Aber ausdrücklich nahegelegt wird diese oder andere Deutungen, die Zauberhaftes ausschließen und stattdessen tatsächliche Echtweltmacheleukes als Erklärung nahelegen, nicht. Dazu gleich mehr.
Entsprechend gepfeffert war eine Retourkutsche des polnischen Phantasten
Stanislaw Lem gegen Todorovs strukturalistische Zurechtbiegung in
»Science Fiction Studies«. Lem greift in seinem Essay dabei selber — mit phantatischem, also verdeutlichenden,
›sehen machenden‹ Kniff — auf eine Metapher zurück, nämlich
›das Bett des Prokrustes‹ und mokiert sich zurecht über die äußerst enge Kropusauswahl, auf die Todorov seine Thesen zum
›fantastischen Genre‹ stützt.
Hinfort nun mit diesem kleinteiligen Einblick in das Hin- und Her zum Nutzen und Übel von über’s Ziel hinauspreschendem Strukturalismus und entsprechend polemischem Zurückgegrunze, und lieber hingewandt zu der ertragreichen und fruchtbaren Internet-Ressource des Romanisten
Erich Köhler, der sich in seinen
»Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur« (Aufklärung, Teil II, Hrsg: Dietmar Rieger; Seite 111 bis 120) mit Umsicht und Einsicht Jaques Cazottes verliebtem Teufel widmet.
Dort kann man lernen, dass Cazotte als Monarchist und gläubiger Kathole zwar ein streitbarer Gegner der Aufklärung (insbesondere Voltaires) und der Französischen Revolution war, dass er aber als Künstler und phantastischer Hallodri durchaus genug Eigenwilligkeit im Blut hatte, um mit »Der verliebte Teufel« ein Werk vorzulegen, dass sich als Übergangsbrückchen zwischen die älteren Märchenerzählungen (
Conte merveilleux) und den sich neuerdings aufmachenden phantastischen Erzählungen der Romantik deutschen Schlages (
Conte fantastique) positioniert. Zudem ragt »Der verliebte Teufel« als anti-aufklärerisch-philosophische Erzählung (
Conte anti-
philosophique) hervor.
Dazu eine kleine Interpretationsphantasie von mir: Sehr deutlich klingt bei Cazotte an einer Stelle an, dass es einst die Mathematik war, deren Ausraffinierung für das Finanz- und Versicherungswesen binnen einer Genration während der Renaissance dafür sorgte, dass die Astrologie vom wahrscheinlichkeitsberechnenden Risikomanagements verdrängt wurde
[06]. Das liest sich dann so, wenn Alvares sich mit Biondetta syphilischer Expertise im Casino vergnügt
[07]:
Nichts in der Welt geschieht zufällig. Alles war und ist eine Folge notwendiger Berechnungen, welche nur die Wissenschaft der Zahlen verstehen lehrt, deren Grundsätze so abstrakt und so tief sind, daß sie einen Lehrer erfordern, den man auffinden und sich zu eigen machen kann.
Bei Erich Köhler erfährt man desweiteren genaueres über die von Cazotte in im Nachwort nur angedeuteten zwiefachen allegorischen Schichtung von »Der verliebte Teufel«. Zum einen schildert die Erzählung da, auf der Ebene der individuellen Person, den Kampf der Tugenden und Laster um die Seele von Don Alvares, was in der Sprache der mittelalterlichen Gelehrsamkeit
›Psychomachia‹ genannt wird; und zum anderen, auf der Ebene der gegeneinander strebenden gesellschaftlichen Kräfte, versucht Cazotte das Hauen und Stechen der alten, sich im Rückzugsgefecht befindlichen Ordnung
(kirchliche und aristokratische Authorität mit ihren Glaubens- und Offenbahrungswahrheiten) gegen die neuen, aufstrebenden weltlichen Tendenzen der Aufklärung
(Bank- und Handelswesen, Empirie, Naturwissenschaft, Pluralität mit ihren klassenübergreifenden Lustbarkeiten) zu fassen.
Nicht zuletzt aber hat mich, trotz der ideologischen Gräben die Cazotte und mich trennen, der blumige Zauber indirekt zur Sprache gebrachter Erotik und wild wallender sinnlicher Begierden begeistert, der (im schönsten Sinne) leidenschaftliche Schwulst des Buches. Da wird
›Ach‹ und
›Oh‹ geseufzt und gestöhnt, da zupfen Whippets gar sehr bedeutungsschwanger an Männerröcken und wird mit einer metaphorischen Lust (wenn auch für heutige Zeiten empörend einfältig) über die Rollenbilder von Männlein und Weiblein fabuliert, dass man das Spitzentüchelchen rausholen möchte um sich Luft zuzufächeln. Nicht immer tönt das dann anachronistisch oder flasch, zum Beispiel wenn Ich-Erzähler Alvares sinniert:
Der Mann entstand aus Ton und Wasser. Warum das Weib nicht aus Tau, Dünsten, Lichtstrahlen, aus einem verdichteten Regenbogen? Was ist möglich, und was ist es nicht?
In diesem Sinne wünsche ich den aus Regenbogendunst gepressten Molochronik-Lesern ein schönes Wochenende.
ANMERKUNGEN:
[01] »Der liebe Gott steckt im Detail – Mikrostrukturen des Wissens«, so nannte der Kunstgeschichtler und Kulturhistoriker Aby Warburg 1925 seine Hamburger Vorlesungen, und irgendwer hat fluggs den entsprechenden Austausch von
›Gott‹ mit
›Teufel‹ getätigt. Vielleicht ringen die beiden ja
›im Detail‹ miteinander, so wie die zwei mythologischen Wölfe, ein guter und ein böser, laut den Legenden nordamerikanischer Indianer im Herzen eines Mannes miteinander ringen. — Zur Bedeutung von Details siehe auch: John Irving:
»Witwe für ein Jahr«, bzw. die Verfilung dessen erster Hälfte
»The Door in the Floor« …
It's the small details. •••
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[03] »Einführung in die fantastische Literatur« (fr. 1970; dt. 1972), Kap. 2
»Definition des Fantastischen«. Freilich kann man aus Todorovs Großgedankenspiel-Vorlage durchaus Nützliches machen, wie Simon Spiegel mit seinem Buch
»Die Konstitution des Wunderbaren – Zu einer Poetik des Science Fiction Films« (2007) beweist. In meiner Empfehlung dort biete ich auch einen kurzen Überblick zu Todorov durchaus orientungsspendender Phantastik-Einteilung in die fünf verschiedenen Geschmacksrichtungen (i)
Reine Phantatsik; (ii)
Phantastisch-Wunderbares; (iii)
Phantastisch-Unheimliches; (iv)
Unvermischt Wunderbares und (v)
Unvermischt Unheimliches. — Die Gleichung
›Fantastik = Ungewißheit‹ erscheint mir zudem sprachlich ungeschickt, weil es z.B. mit
›Ambivalenz‹ einen viel gebräuchlichern Begriff für die Schwebe des Unentschiedenen gibt. •••
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[04] »Der verliebte Teufel« dritte Fassung von 1776, Büchergilde Gutenberg, S. 21. — Nebenbei:
»Babylon 5«-Freunde werden das Böse erkannt haben an seiner typischen Verführungsfrage, wie in der SF-Serie die
›Shadows‹ stellen. Die Guten fragen dort ja:
»Wer bist du?« Und beide bekommen ja dann für ihre ideologische Verbohrtheit von den Menschen gehörig die Leviten gelesen. •••
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[06] Mehr zu diesem gigantischen aber etwas im okkulten dümpelden Epochenwendethema findet sich abenteuerlich aufbereitet in Neal Stephensons
»Barock Zyklus«, wenn der jesuitische Agent de Gex im Band
»System of the World« (Heyne Manhattan, angekündigt für Herbst 2008) über die alle Hierarchien auflösenden Kräfte des Kommerzes flucht; und erzähl-philosophisch aufbereitet in Peter Sloterdijks
»Die letzte Kugel – Zu einer philosophischen Geschichte der terristsichen Globalisierung« in
»Sphären II – Globen« (Suhrkamp 1999), erweitert gesondert erschienen als
»Im Weltinnenraum des Kapitals« (Suhrkamp 2005). Auch der leider immer noch zu sehr übersehene Wolf von Niebelschütz kommt in seinem galantem Roman
»Der Blaue Kammerherr« (Suhrkamp 1949), mit einer schwummrig machenden Passage auf das Getrickse fiskalischer Zahlen zu sprechen, im vierten Band
»Die Bürgerin Valente«, dort im elften Kapitel (
»Der Traum vom Brunnenschacht, plutonisch«). •••
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[07] »Der verliebte Teufel«, Büchergilde Gutenberg, S. 49. •••
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Geschieben von
molosovsky am: Samstag, 02. Feb. 2008
Geschieben von simifilm am: Samstag, 02. Feb. 2008 — Wegen eines Editierunfalls von Molo von selbigen hier eingespeist worden (und dabei gleich von Tipfehler bereinigt)
Es gibt ja genug an Todorov zu kritisieren, aber man ist nun wirklich schlecht beraten, wenn man Lem als Paten für eine Anti-Todorov-Position heranzieht. Bei allen Verdiensten, die sich Lem als Autor von SF erworben hat, seine Erwiderung auf Todorov ist schlicht ignorant und insgesamt ziemlich unbrauchbar. Sie zeigt vor allem, dass er nicht einmal im Ansatz versteht, um was es dem Strukturalismus eigentlich geht.
Du magst damit recht haben, dass es eine unglückliche Situation ist, dass Todorov in der deutschsprachigen Diskussion nach wie vor so wichtig ist, aber ich finde es eigentlich fast bedenklicher, dass auch Lems Erwiderung noch immer fleissig hervorgekramt wird, denn sie ist viel problematischer, um nicht zu sagen: dümmer.
Geschrieben von
molosovsky, am: Samstag, 02. Feb. 2008
Ich bin grad noch beim html-Gefrickel und hab noch gar nicht die ganze Besprechug hier eingepflegt, Simi!
Waaaa, ist das peinlich. Falschen Button gedrückt (›Abschicken‹ statt ›offline speichern‹).
Zum Hick-Hack Todorov und Lem. Muss man sich entscheiden und gleich das Fähnchen für die eine oder andere Seite schwenken? Ich hab das hier ja hoffentlich klar vermieden. Aber interessant ist eben das Hin- und Her, respektlos gesagt (und Deine Vorlegung aufgreifend, Simi) das ›dumm & dümmer‹-Dribbeln. Im weiteren Text oben dann gleich mehr und bessere Deutungen zu Cazotte.
Nebenbei: Todorov kommt für meinen Geschmack auch in der französischen Wikipedia noch viel zu gut weg. Da ist wohl ein gewisser kontintntal-eurozentrischer störrischer Stolz am Wirken. Ich habe mit viel Mühe die französischen Einträge zu Todorov, seiner »Einführung…« und zu dem Begriff ›fantastique‹ studiert.
Bitte reagiere erst weitergehend, Simi, wenn ich hier fertig bin. Sollte heute abend der Fall sein! — Ich bin aber schon froj, dass Du nicht enervierst aufgestöhnt hast, von wegen: »Immer die gleichen Kerben, in denen der Molo rumpuhlt«.
Geschrieben von
simifilm, am: Sonntag, 03. Feb. 2008
Von Fähnchen schwingen kann nicht die Rede sein, schliesslich kritisiere ich Lem und Todorov ja gleichermassen. Du hast wahrscheinlich Recht, wenn Du kritisierst, dass Todorov eine zu wichtige Stellung in der deutschsprachigen Diskussion innr hat. Aber: Diese Situation verbesserst Du nicht, wenn Du derart schwache Erwiderungen wie jene Lems gegen ihn ins Feld führst. Lems Verdienste um die SF sind unbestritten, aber seine Erwiderung auf Todorov zeugt primär von Ignoranz und richtet sich letztlich gar nicht gegen Todorov, sondern gegen den Strukturalismus insgesamt. Nun kann man auch am Strukturalismus einiges kritisieren, Lems Einwände zeigen aber deutlich, dass er im Grunde gar nicht versteht, um was dem Strukturalismus und letztlich auch der modernen Literaturwissenschaft geht. Die Diskussion Lem/Todorov führt zu gar nichts, weil Lem von ganz anderen Dingen spricht. Es gibt sehr viel bessere, stichhaltigere Kritiken an Todorov als jene Lems.
Geschrieben von
molosovsky, am: Sonntag, 03. Feb. 2008
und nix wird geschwungen, simi.
Was ich an Lems Erwiderung nützlich finde, habe ich ja schon oben im Haupttext angemerkt. Ansonsten hast Du freilich Recht, wenn Du Lem grandioses ›am Thema vorbeireden‹ attestiert (bzw. eben nicht drauf eingehen, worum es dem Todorov und dem Strukturalismus geht). — Aber ich kenne den Lem-Text noch nicht so lange und finde ihn deshalb wohl (noch) erfrischender als Du. — Ansonsten fand ich, was Cazotte angeht, eben einen dritten LitWissenschaftler, der die anderen beiden locker in den Schatten stellt, was Nützlichkeit angeht: diesen Romanisten Erich Köhler. Da bekommt man als Interessierter was Gescheites in die Hand gedrückt, was tatsächlich das Textverständnis fördert & vertieft.
Ganz allgemein: ich habe ja tatsächlich so meine Probleme mit dem Strukturalismus (zu dem Todorov ja gehört; ob heute noch, weiß ich nicht, aber zumindest damals in den 70ern, als er seine »Einführung…« veröffentlichte), wahrscheinlich, weil ich in den letzten 20 Jahren als Querbeet-Dilettant zu sehr von angloamerikanischer Kulturwissenschaft geprägt wurde. — Ich habe an anderer Stelle glaub ich schon angedeutet, dass ich Todorovs Text zwar (was seine Wirkung angeht) ziemlich verachte, aber den Text selbst ganz amüsant & denkanregend (also durchaus lesenswert) finde. Allein um den Wumms an Behämmertheit zu erfahren, wenn T. im letzten Kapitel die Psychoanalyse triumphieren läßt, ist ein Stück ›Horrorliteratur‹ für sich :)
Und im Guten bekommt man eben mal dieses 5-Schubladensystem geliefert. Auch wenn ich da schon lange vor mich hinausschieb, mal andere schöne Grundeinteilungen aufzutun.
Geschrieben von
simifilm, am: Sonntag, 03. Feb. 2008
Nur noch so viel: Von wegen "Verachtung des Strukturalismus" – Zwar gibt es heute wohl nur noch wenige, die die 'reine Lehre' des Strukturalismus betreiben, wie sie in den 60ern und 70ern postuliert wurde (Uwe Durst ist diesbezüglich einer der letzten Mohikaner), umgekehrt gibt es aber wohl auch kaum Literaturwissenschaftler, die davon nicht beeinflusst sind. Auch wenn man viele Dinge heute nicht mehr so rigide versteht wie früher, bildet der Strukturalismus in gewissem Sinne eine Basis, hinter die man kaum mehr zurück kann. Genau so wie bei der Psychoanalyse sind hier gewisse Einsichten und Methoden zum Allgemeingut geworden, die von kaum jemandem bestritten werden.
Geschrieben von
molosovsky, am: Montag, 04. Feb. 2008
MoinMoin Simi.
Erstmal wieder Kompliment (bzw. Befindlichkeitsmeldung): ich freu ich wiedermal enorm über den Plausch mit Dir, und wie Dein reges Mitmachen bei mir dieses Blog aufwertet. Leider kann ich Dir übers Internet keinen guten Alvorada-Kaffe oder so einschenken.
Zum Strukturalismus. Wenn Du in meine
›primären‹ Themen-Schubladen klickst, wirst Du sicherlich nachvollziehen, dass ich mit viel zu künstlerisch-wildem Impetus an Strukturen herangehe; als Zeichner (abstrakter) Improvisationen, als Musiker mehrschichtiger Melodiengeflechte usw. — Ich muss einfach noch viel mehr trainieren, meine entsprechenden Talente auf Gebieten wie Medien- & Kulturwissenschaften zu trainieren (ohne dabei den Charme des Dilettanten einzubüßen!)
Natürlich verdamme ich nicht DEN Strukturalismus. Allein schon meine jahrelange Beschäftigung mit der Semiotik hat mich nicht davor bewahrt. Und ich muss ja auch nicht allgemein gegen die französische oder europäische Schule anstinken. Da habe ich keinen Grund dazu.
Aber wie alle Denkschulen birgt auch der Strukturalismus Gefahren. Die größte ist in meinen Augen der Essenzialismus, der, wenn er auf die Spitze getrieben wird, in meinen Augen kaum mehr ergibt als eine Art akademischer Esoterik (im Sinne platonischer Hermeneutik). Da mache ich eben insbesondere der »Einführung in die fantastische Literatur« von Todorov meine (sicherlich zu bubenmäßig ungestümen) Vorwürfe. — Aber wir haben ja an anderer Stelle schon geklärt, dass Todorov selbst mit einem späteren Text Unelegantes seiner »Einführung…« bereinigt (Du gibst auch in Deinem Buch einen entsprechenden Hinweis in einer Fußnote;
»Konstitution des Wunderbaren«, S. 26, FN 6; Todorov läßt seinen ›essentialistischen‹ systematischen Ansatz fallen zugunsten eines historischen).
Leider hatte ich noch keine Gelegenheit mich z.B. in Dursts Schriften zu vertiefen, und das, obwohl es hier in
Frankfurt an der Uni eigens einen Arbeitskreis Phantastik gibt, der das in Gruppenarbeit ausführlich tut. Als Amateur und Nicht-Akademiker zögere ich (noch), mit denen Kontakt aufzunehmen.