(Eintrag 483; Literatur, Phantastik, Fantasy, Science Fiction, Mythen) —
Hal Duncan (*1971) zeigt sich mit seinem auf Deutsch
(glänzend übersetzt von Hannes Riffel, soweit ich aufgrund der großzügigen Leseprobe sagen kann) letztes Jahr im Shayol Verlag erschienenen Debütroman
»Vellum« (2005) als ein vermessener, waghalsiger, hochambitionierter Querbeet-Phantast. Zusammen mit dem bisher erst auf Englisch vorliegenden
»Ink« (2007) bildet »Vellum« einen rand- und bandlosen Zweiteiler unter dem Titel
»THE BOOK OF ALL HOURS« (
›Das Ewige Stundenbuch‹). — Hier nun ein erstes ungeordnetes Bündel meiner Leseerfahrung mit diesem Buch.
Worum geht’s?
Tja,
puh,
äh, diese Frage überfordert mich ein wenig, denn eine Handlung im üblichen Sinne (eine Geschichte wird von A nach Z erzählt) aus dem heftigen Mythen-Shake und dem fortwährenden Random-Wechsel der Zeiten- und Welten-Jukebox herauszulesen, ist nicht so einfach,
oh nein. Auf jeden Fall aber kann ich sagen, dass mich der Stil und die in »Vellum« zusammengeschmissenen Themen überwiegend bezaubern. Vom Gebaren her kommt Hal Duncans Roman für mich daher, als ob ein zum rotzig-romantischen Goth-Punk mutiertes
»Finnegans Wake« sich ‘ne Acid-Pappe geschmissen hat, um anschließend mörderheftig im Darkroom mit Grant Morrisons
»The Invisibles« zu knutschten, wovon es sich dann erholt, indem es abwechselnd beim Wasserpfeifenblubbern chillt bzw. zu lebhafter Musik abzappelt. — Typographischen Eskapaden gibt’s auch, aber die bleiben vergleichsweise zahm. Mal links, mal mittig, mal rechts stehende Zwischenüberschriften verkünden verschiedene Wirklichkeits-Verfassungen, ebenso wie ein Wechsel zwischen zwei verschiedenen Serif-Schriftgestaltungen des Fließtextes. In der zweiten Hälfte kommt es dann in einer ziemlich beeindruckenden SF-Cyberpunk-Szenerie auch zu informationstechnologischen Spielereien mit kurzen sans serif-Einschüben, wenn sich ein Schwarm von mit künstlicher Intelligenz gesegneter Nanopartikel, so genannte Bitmites, durch die verschiedenen Schizo-Schichten einer Anarchoterroristen-Psyche zu hacken versucht.

Losgehen tut es auf jeden Fall mit einer brennenden Welt-Karte. Grob gesagt stossen Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftswelten aufeinander im großen Kampf um’s Dasein. Das zentrale Phantastik-Element sind die
›Unkin‹, sprich: engel-/dämonenhafte Wesen die’s druffhaben, mit dem
›Cant‹ (also beschwörenden Worten) die Wirklichkeit zu formen, außerdem werden Tattoo- und Blutmagie sowie Chakra-Wummen und KI-Nano-Schwärme eingesetzt. Auf der einen Seite steht die Herrschaft der Erzengel, das Imperium, die Faschos, die kapitalistischen Unterdrücker; auf der anderen Seite hat es die rebellischen Dämonen, die Anarchisten & Freiheitskämpfer, die Arbeiterbewegung. Das Ganze wird recht ungestüm durch Zeiten und Welten springend erzählt, von Babylons Inanna-Mythos, über Griechenlands Prometheus bis hin zu verschiedensten Konflikten (Erster Weltkrieg, Spanischer Bürgerkrieg, Irlandaufstand, Irakkieg, Terrorismus in der nahen Zukunft) sowie Andersweltgebieten durch welche die Flüchtlinge eines die Wirklichkeit verschlingenden Sturms zigeunern. Mittenmang verstrickt in diesen Himmel-, Fegefeuer- & Hölle-Strudel finden sich drei Studi-Kumpels und ein Mädel und ihr überirdischer Sohn wieder, deren Wege sich quer durch die Dimensionen im so genannten
›Vellum‹ kreuzen. Das Vellum ist die Welt als Buch, GOttes ultimative Gebrauchsanleitung für die Realität, das alle wahren Namen enthält, mit denen sich der besagte
›Cant‹ zwecks Wirklichkeits-Kontrolle bewerkstelligen läßt. Dieses
›Ewige Stundenbuch‹ löst sich aufgrund der unerhörten Eingriffe und Trickserein der Konfliktparteien auf, bzw. verwandelt sich drastisch, dort wo die entsprechend bratzigen Engel & Dämonen durchlatschen. Nur hat noch keiner einen wirklichen Plan, was eigentlich los ist. Ich auch nicht. Die Figuren irren durch die Vellum-Welt, umflirrt von Fetzenwirbeln aus Träumen, Erinnerungen und Visionen, unterwegs auf Expeditionen um die älteste Kultur der Menschheit zu finden, in Irrenhäusern darbend, in Schlachtfeldgräben kauernd, in Pubs mümmelnd und was nicht noch alles.
»Vellum« ist sicherlich ein ungewöhnliches und äußerst konzentriertes, dabei aber zugleich lustvoll auf Umwegen wandelndes Buch, das auch wenn’s langweilig ist eben durch Sprachschönheit zu bezaubern versucht (und das zu etwa 2/3 auch ganz gut bis hervorragend schafft). Und
›Schönheit‹ ist eben nicht unbedingt deckungsgleich mit
›Spannung‹. Insofern hat Duncan meine Sympathien, weil er sich traut, deutlich aus dem Rezept-Stadel der Schema-Genreliteratur auszuscheren. (Frei nach der vulgär-Adrono’schen Formel:
Es tut weh, es muß also Kunst sein.). — Nebenbei: erstaunliche Ähnlichkeiten bestehen auch zwischen
»The Book of All Hours« und den
»Anderswelt«-Büchern von Alban Nicolai Herbst.

Nicht vollends von der Hand zu weisen ist der Vorwurf, dass hier ein junger Autor geradezu versessen nach ganz irre großer Bedeutung strebt und dabei die Gemüts-Laken von schamhafteren, zurückhaltenderen Lesern unflätig mit seinen Hirnwichsereien voll sudelt. Wer sich also nicht bekleckern lassen will, möge einen großen Bogen um »Vellum« machen. — Aber den Unentschlossenen und Neugierigen möchte ich folgendes zu bedenken geben (und die nach ästhetischen Exzessen Suchenden können’s als Empfehlung nehmen): stilistisches und ästhetisches Hirnwichsen ist eine sooo schändliche Sache nicht. Immerhin: wie soll und kann Literatur die Herausforderungen durch den Weltensturm an Verunsicherung, dem Scharaden- und Ränkespiel mit interessenstützender Großraumphantastik der Echtwelt begegnen, wenn nicht zum Beispiel mit einer schon ins Unanständige gesteigerten Fabulations- und Mythenmixmanie?
Ich will nicht verhehlen, dass »Vellum« mir streckenweise ziemlich auf die Nerven ging, vor allen mit seinen lyrisch-idyllischen Passagen, wenn wenig los ist, aber sich viel angeschmachtet, oder liturgisch-ritueller Habitus zu schematisch abgehakt wird. Aber das ist nun mal der Preis, den man entrichten muss beim Lesen eines Buch, dass sich intensiv und mit z.T. aktionsreicher Wonne auf alle möglichen Extreme einlässt, Orientierungs-Sicherheiten gewollt aufgibt, Grenzen zwischen Welten, Zeiten, zwischen Ich und Du und Innen und Außen mit Schmackes verwischt. Andere Lesern werden vielleicht gerade diese rrrromantischen Schmachtpassagen der in verschiedensten Weibchen-Männchen-, Männchen-Männchen-Kombination Liebenden zu schätzen wissen, oder begeistert die formalhaften Schritte der Ereignis-Abfolge von altbekannten Mythen genießen (vor allem wenn man diese Mythen eben noch nicht durch das Selber-Lesen der klassischen Quellen kennt).
»Vellum« hat mich jedenfalls hinreichend angefixt, dass ich mir auch den zweiten Band
»Ink« zugelegt und in sachtem Tempo begonnen habe. Mal gucken, wohin am Ende die Reise geht, bzw. welchen wonniglichen Gehirn- und Gemüts-Sturm mir
»Das Ewige Stundenbuch« in Gänze zu bereiten versteht.