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geschrieben von molosovsky, am: Freitag, 15. Aug. 2008
(Eintrag No. 521; Literatur, Phantastik, Science-Fiction, Weird-Fiction) — Zu meinen schönsten Lese-Erlebnissen gehört, wenn ich mich in die Schreibe eines (für mich) neuen Autors verliebe. Grob kann ich zwei Arten von neuer Liebe unterscheiden:
  • Einmal die harmlosere und für das Funktionieren im Alltag bekömmlichere Hingabe für Bücher, die mich gut unterhalten, die sich schön unangestrengt weglesen lassen. Das geht, wenn Geschichte, Setting und Figuren ausreichend interessant sind um mich zu fesseln, aufbereitet in übersichtlicher Manier, wenn der Stil weitestgehend konventionell (= klassisch) bleibt und sich die Seiten somit sich wie bei einer Dominokettenreaktion wie von selbst umblättern. Solche Bücher müssen nicht automatisch anspruchsloser Tüdelkram sein. Robert Harris, Annie E. Proulx, Gisbert Heafs oder auch der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk haben mich den letzten Monaten mit vorzüglich-kurzweiliger Relevanz versorgt.
  • Und dann gibt es die Romane, die sich hinsichtlich ihres Ideenreichtums und Hakenschlagens bei der strukturellen Darbietung, ihrer Sprachabwechslung und Stilregistervarianz förmlich überschlagen. Wenn Ezentrik-Erschütterungen am Teppich unter meinen Erwartungshaltungs-Füßen rütteln. Bücher, die sich schwer in einer bestimmten Schublade unterbringen lassen. Bücher, die vor allem zu Beginn und vielleicht auch immer wieder mal zwischendurch sperrig sind, die aber (wenns gut geht) die erhöhte Konzentrations- und Geduldsanstrengung mit einem ganz eigenen Faszinations- und damit Unterahltungszauber entlohnen.
Natürlich ist diese Zweiteilung taxonomischer Firlefanz, denn die allermeisten Romane lassen sich nur π-mal-Daumen und eben nicht eindeutig unter ›locker-flockig‹ oder ›aufregend-knifflig‹ wegsortieren. Die allermeisten Romane zeichnen sich durch ›sowohl als auch‹-Eigenschaften aus, auch wenn sie mehr oder minder deutlich einem der beschriebenen Pole näher sind (was ja nicht zuletzt von der jeweiligen Perspektive des Lesers abhängt).

Derart umständlich eingeleitet kann ich nun zur Sache kommen und über meine jüngste Lese-Verliebtheit plaudern. Nick Harkaway (1972 geborener Sohn von John le Carre) hat mit »The Gone-Away World« (in etwa: »Die verschwundene Welt«) einen Debutroman hingelegt, der vollends meinem Hunger nach kunterbunt-unterhaltsamer ›Anspruchs‹-Literatur gerecht wird. Im Augenblick habe ich noch die letzten paar dutzend Seiten des 531 Seiten dicken postapokalyptischen ›Fantasy-Romanes für Leute die normalerweise Fantasy scheuen‹ vor mir.

Zuerst aufgefallen ist mir die Sprache. Harkwaways Prosa suhlt sich mit Wonne in den vokabularischen Möglichkeiten, welche dem Englischen zuhanden sind, mit Genuss mischen sich hier hohe und niedere Ausdruck-Niveaus verschiedenster Milieus (mit besonderer Parodie-Aufmerksamkeit für Multi-Corperate-, Militär- und Studentenkneipen-Slang) und zuweilen durchquert man absatzlange Satzgeflechte die sich durch exqusite Fizzelfreude auszeichnen. Wer auf jazzigen, scheinbar improvisierten Sprachhumor steht, sollte dieses Buch auf jeden Fall mal beim Buchhändler seines Vertrauens für Englisches ankosten.

Zur Szenerie: alles beginnt damit, daß nach einer Explosion der Strom ausfällt, während der Erzähler und seine Kumpels und Kumpelinnen von der Haulage & HazMat Emergency Cicil Freebooting Company of Exmoor County Billiard in der Namenlosen Bar spielen. Jemand ist es gelungen, mit einem Sabotage-Akt das größte und wichtigste Objekt der noch bestehenden Welt empfindlich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die Welt wie wir sie kennen ist nämlich, perdauz!, vor einigen Jahren bei einem Nicht-Krieg durch den Einsatz einer neuen, seltsamen Sorte Bomben verschwunden. Die wenigen Bewohner der postapokalyptischen Szenerie haben sich zurückgezogen in den schmalen Streifen der lebenstauglichen Zone, welche sich an das mächtige Jorgmund Rohr schmiegt. Aus diesem Rohr wird eine mysteriöse Substanz versprüht, welche die monstergebährende Unwirklichkeit auf Abstand hält. Und eben dieses Jorgmund Rohr steht nun in Flammen. Der Erzähler und seine Freunde sind Veteranen des Un-Krieges, nach dem sie deserierten wegen unseliger Entwicklungen während der Wiederaufbau-Anstrengungen. Nun sollen sie als freie Söldner und Transportunternehmer mit einem Haufen dicker Sprengladungen per Vakuumeffekt den Großbrand löschen, um die Welt zu retten. Soweit die Infos des ersten Kapitels, die reich garniert werden mit Abschweifungen beispielsweise zu von Schweinen angetriebenen Notstromgeneratoren und zu den unterschiedlichen Entmenschlichungsgraden von admistrativen Schnöseln.

In einer sich über mehrere Kapitel erstreckenden Rückblende berichtet dann der Erzähler von seiner Kindheit: wie er vom Spielplatz weg vom gleichalterigen Gonzo William Lubitsch und seiner Familie adoptiert wurde, wie die beiden Jungs mit viel Hingabe und Talent Kampfsportkünste lernten (wobei Gonzo sich der harten, der Erzähler sich der weichen Schule widmet). Haarsträubende Erzähl-Umwege legen die Historie des ›Hauses des Stimmenlosen Drachen‹ von Meister Wu dar und seiner obskuren Feinde, der Ninjas der ›Uhrwerk Zeiger Gesellschaft‹. — Der Amateur-Kampfsportler Harkaway ist stolz darauf, einen anspruchsvollen Roman mit Ninjas geschrieben zu haben. Entsprechend bietet »The Gone-Away World« wirklich atemberaubend inszenierte Kämpfe (beispielsweise wird vorgeführt, wie gefährlich Tupperware ist und wie ältere Ehepaare mit Pheromonen und afrikanischen Bienen einen Pulg gutausgebildeter Meuchelmörder beizukommen vermögen). — Weiter geht’s mit Unispökes, Razzien, Folterverhören durch quasi-staaliche Sicherheitsorgane. Politische Wirren machen sich langsam im ersten drittel des Buches breit, wenn Harkaway anhand des Hickhakcs um das fiktive Land Addeh Katir (irgendwo an den Ostausläufern des Himmalayas gelegen) sehr trefflich bös-satirisch über die finstereren Machenschaften des neolieberalen Großkapitalwahnsinns und fatal-hirnloser internationaler Gier-Diplomatie fabuliert. — Der Erzähler und sein Kumpel Gonzo geraten in die Nicht-Kriegswirren um Addeh Katir, und hier, etwa zur Halbzeit, beginnt sich der Roman endgültig zu einem überwältigenden Pandämonium zu entfalten, wenn wir lernen die Go Away-Bomben zu lieben und das kosmische Grauen aus dem freigesetzten, wankelmütigen ›Zeugs‹-Gewaber und Gestobe der menschlichen Träume und Angste steigt.

Ach ja: außerdem gibt es die ein oder andere herzige Liebesgeschichte, einen Kompanie irre guter Pantomimen, einen Zirkus bei dem alle K heißen, einen revolutionären Piraten sowie ein mit Safran handelndes extrawortgewaltiges Ehepaar. Die Auftritte all dieser Figuren, und die stets gegenwätige Schlagfertigkeit der Gedanken des namenlos bleibenden Erzählers lassen mich Euch empathisch zurufen: Auf zur Probe, wagt es und genießt diesen Roman!!! (vor allem, wenn Euch reizt, wie eine Mischung aus China Miévilles »The Iron Council«, Matt Ruffs »G.A.S.«, »Fight Club« und »Big Fish« anmuten könnte).
Ich muss jetzt ungedingt die letzten Seiten fertiglesen.

P.S.: Die Umschlaggestaltung der UK-Ausgabe ist perfekt. Hier geht es zu einer kleinen Flickr-Dokumentation der Entwicklungsgeschichte des Covers.

•••••
Nick Harkaway: »The Gone-Away World«; 531 Seiten (16 Kapitel); William Heinemann 2008; ISBN-Trade Paperback: 978-0-4340-1843-7
abgelegt unter: Literatur
Geschieben von lucardus am: Freitag, 15. Aug. 2008
ich bin mir nicht sicher, ob das im Augenblick nicht zuviel Humor für mich ist. Ruff und Adams gleichzeitig. Hmm. Das stelle ich erstmal zurück. :)
Geschrieben von molosovsky, am: Montag, 25. Aug. 2008
Der Roman von Harkaway ist auf vergnügliche Weise seltsam und u.a. deshalb schwer einzuordnen. Ja, er ist sehr komisch, aber auch sehr unheimlich (vor allem in der zweiten Hälfte). Auch wenns romantisch, nachdenklich, zeitkritisch, äktschnreich oder unheimlich abgeht, bleibt allerweil das merklich große Sprachspielvergnügen von Harkaway ein dominantes Merkmal des Romanes. Einige (anglo-amerikanische) Rezensenten haben, nicht ganz zu unrecht, Harkaways Debut mit PG. Woodhouse, Ian Banks und Thomas Pynchon verglichen.
Seit 2459 Tagen aktiv. Am 18. November 2008 gab’s zuletzt ‘ne Änderung.
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