MOLOsovskysCHRONIK
Netztagebuch eines amœnokratischen Phantasten



>>>ANMELDEN<<<

... Tags
... Abo


molosovsky (07.Feb.12): Siehe Impressum, Zapfen …
Zapfen (06.Feb.12): Na, dies lob ich mir
molosovsky (12.Jan.12): Grenzübergang 2011 / 2012
molosovsky (05.Jan.12): Kai Diekmann
molosovsky (12.Dez.11): Niebelschütz als Fantasy
molosovsky (06.Dez.11): Portrait: Paolo Bacigalupi
molosovsky (05.Nov.11): IMPRESSUM
molosovsky (04.Nov.11): »Zodiac« von Stephenson
oliverj (04.Nov.11): Ermunterung
Thomas Hofmann (30.Okt.11): Herr Poppy
www.flickr.com
Elemente von molosovsky Zum Fotostream von molosovsky wechseln
Creative Commons-LizenzvertragDie Inhalte dieses Blog dürfen nur unter Beachtung folgender Lizenz von Creative Commons bearbeitet werden. Wenn Sie bezüglich der Rechte hier nicht sicher sind, folgen Sie bitte dem CC-Link oder wenden sich per eMail an mich.
Molos Wunschliste, falls Ihnen die Molochronik gefällt, und Sie mir aus Dankbarkeit eine Freude machen möchen.
Add to Technorati Favorites
Bloggeramt.de
Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de
[Valid RSS]
Site Meter
Made with Antville
powered by

Please login first.

geschrieben von molosovsky,
am: Sonntag, 21. Dez. 2008
{Diese Rezension erschien ursprünglich in »Magira 2007 — Jahrbuch zur Fantasy«, Hrsg. von Michael Scheuch und Hermann Ritter. Hier nun korrigiert und exklusiv um einige weiterführende Links erweitert.

>>>> Hier gehts zum Trailer der Sammelrezi mit Introdubilo und Warentrenn-Überleitungen.}

Eintrag, No. 529
Der vorherrschende literarische Modus des zwanzigsten Jahrhunderts war der des Phantastischen.
Mit diesem prächtigen Satz eröffnet Tom Shippey (*1943) seine große Führung durch das Schaffen und die Gedankenwelt des Mittelerdemeisters. Zugestanden: meine Begeisterung für Tolkiens Werk hält sich in Grenzen, aber das mindert nicht meine Faszination für diesen schrullig-konservativen Kreativ-Revolutionär der Phantastik. Trotz der Bedenken die mich zu vielen Aspekten von Tolkiens Fantasy umtreiben, teile ich die empörte Verdutzung der Phantastophilen über die ignorante Ablehnung und das zickige Unverständnis, mit der sich das ›literarische Establishment‹ größtenteils dem Papa Hobbit nähert[01].

Andererseits finde ich es genauso beunruhigend, wie Teile des Mikromilieus der Genre-Phantastikfans Tolkien unbekümmert nach jeweiliger Lust und Laune zurechtbiegen. Zugestanden: sich mit eigener Interpretation und Aneignung für ein Werk zu begeistern, oder simpel gesagt: für sich zu entdecken, schafft neue Perspektiven auf dieses Werk (auch für andere Leser, wenn man sich austauscht), aber dennoch bleibt es eine wichtige Orientierungsmarke, wenn man Schwammigkeitsriffe und Wischiwaschistrudel zu meiden trachtet, was denn ein Autor mit seinem Werk beabsichtig hat. Auf meinen Warnschildern an der Tolkien-Interprationsgrenze zum Unsinn stünde z.B. »Pfeiffenkraut ist kein Mittelerde-Marihuana!« und »Tolkien ist kein Pionier neuheidnischer Popular-Spiritualität!«.

Nun bietet Tom Shippey als einer der angesehensten, lebenden Tolkien-Experten mit seinem Buch angenehm verständliche Erläuterungen zum Mittelerdewerk[02]. Ein besonderer Glücksfall, denn nicht nur wandelt Shippey als Gelehrter für angelsächsische Literatur auf den gleichen Pfaden wie sein Vorgänger Tolkien, darüber hinaus ist Shippey selbst Herausgeber von Phantastik und (unter dem Pseudonym John Holm) auch ein Fabulierer. Er blickt also sowohl aus der Vogelperspektive akademischer Gelehrsamkeit, als auch aus der Froschperspektive schriftstellerischen Erzählens auf die Thematik. Skeptisch-bockige Verächter und überbegeisterte Zurechtdeuter können die Bröselig- oder Festigkeit ihrer Vorurteile anhand dieses Sachbuchs prüfen.

Der Hauptteil des Buches gliedert sich (weitestgehend chronologisch) in sechs Kapitel. Alles beginnt mit der eintönigen Korrigiererei von Studentenarbeiten, einer leeren Blattrückseite und einem gelangweilten John Reul Roland der gedankenlos einen Satz hinkritzelt, und ich meine natürlich: Alles beginnt mit dem »Loch in der Erde in dem einst ein Hobbit lebte«. Woher kommt das Wort »Hobbit«, und was soll man von anachronistischen Vokabeln wie »komfortabel«, »Tabaksdose«, »Postzustelldienst« und »Pfiff einer Lokomotive« in »Der Kleine Hobbit« halten? Hier ein Beispiel für Shippeys willkommenes Orientierungsgeschick:
Ein Autor, der eine Erzählung vor dem Hintergrund einer fernen Zeit darstellt, wird oft finden, dass die Kluft zwischen dieser Zeit und dem Bewusstsein des modernen Lebens allzu groß ist, um sich leicht überbrücken zu lassen; und folglich wird dann in den historischen Rahmen eine Gestalt von wesentlich modernerer Haltung und Empfindungsweise eingeschleust, die den Leser in seinen Reaktionen anleitet und ihm hilft, sich vorzustellen, ›wie es wäre‹, dabei zu sein.«[03]
Bilbo, dieser bequeme Mittelschichtbürger der viktorianisch-edwardischen Epoche, dient als »Spiegelteleskop in eine fremde Welt«[04], und fühlt sich entsprechend Fehl am Platze in dem archaisch-heroischen Reich von Mittelerde. Wortklaubereien behagen nicht jedem, aber wer eben von Tolkien diesbezüglich infiziert wurde, wird bereits in diesem ersten Kapitel reichhaltig verköstigt, mit Interessantem zu Begriffen wie Baggins (altes Nordenglisch für Brotzeit), oder »burglar« und »bourgeois« (der eine bricht in Burgen ein, der andere wohnt darin). Aufregend fand ich zum Beispiel auch, wie Shippey zeigt, dass die Schlacht der Fünf Heere im Grunde viele Wendungen des Ersten Weltkrieges in eine Pfeil und Bogen-Szenerie versetzt. Da organisiert Bard wie ein Infanterie-Offizier die kollektive Abwehr, da wird bis zum letzten Pfeil gekämpft (statt bis zur letzten Kugel) und werden Stellung gehalten, und Shippey resümiert diese Schlacht entsprechend:
Zwar ist der Sieg am Ende einem einzelnen und seiner von den Ahnen ererbten Waffe zu verdanken, doch liegt der Nachdruck der Schilderungen auf dem kollektiven Handeln, auf Planung und Organisation – mit einem Wort, auf Disziplin.[05]
Mit Spekulationen über den Zusammenhang von alten Wörtern für Höhlenbewohner (Holbytla), Hasen und Hobbits schließt Shippey das erste Kapitel ab, und verdeutlicht dabei, dass Tolkien daran gelegen war, eine Brücke zwischen Moderne und Vergangenheit zu bauen, und wie gut ihm das mit den Hobbits geglückt ist.

Als Herzstück des Buches folgen nun drei Kapitel über »Der Herr der Ringe« (desweiteren der Knappheit wegen HDR abgekürzt). Da (verständlicherweise) wohl kein deutscher Verlag auf absehbare Zeit (wenn überhaupt jemals) das Risiko und die ungeheuere Anstrengung wagen wird, die komplette dreizehnbändige »HISTORY OF MIDDLE-EARTH« zu übersetzen, sind diese Kapitel für alle, die sich hierzulande tiefer mit dem wichtigsten (wenn auch bei Weitem nicht einzigsten) Keimtext der heutigen Fantasy auseinandersetzen wollen, ein wunderbare Speisung, ein ausführlicher Ersatz für den editierten Nachlass. Zuerst widmet sich Shippey Tolkiens Tastversuchen um Struktur und Handlungsplan von HDR. Es ist eine verwickelte Queste für sich, wie sich Tolkien von Dezember 1937 an, Welle um Welle, lange Zeit planlos, mehrmals immer wieder von Vorne beginnend, langsam bis zur 1954/55 veröffentlichten Endfassung durchwurschtelte. Mit seiner Autopsie des Rats von Elrond (dieser unübersichtlichen Vorstandssitzung) verdeutlicht Shippey, dass dieses Kapitel in zweifacher Hinsicht einen bedeutenden Wendepunkt bezeichnet: erstens für Tolkien selbst, der bei seiner Arbeit an diesem Abschnitt endlich klare Sicht auf die großen tragenden Handlungssäulen seiner Wortkathetrale erlangte; zweitens als Wegscheide der Handlung, die mit der Mission der Ringzerstörung nun ein klares Ziel bekommen hat. Selbst für mich als Tolkienskeptiker ist es ein unterhaltsamer Unterricht, wie Shippey die ungeheuerlich unkonventionelle Komplexität von Tolkiens Schöpfung am Beispiel dieses Kapitels erläutert. In den beiden nächsten Kapiteln über die ideologischen und dann die mythologischen Dimensionen von HDR, legt Shippey die großen Themen aus, die Tolkien umtrieben. So zum Beispiel die quälende Menschheitsfrage nach dem Ursprung des Bösen, und warum es so viel Leid und Schmerz in der Welt gibt. Wie kann Gott das gewollt haben? Shippey zeigt, dass Tolkien sich dieser erzphilosophischen Probleme und Prüfungen des Glaubens annimmt, indem er zwei christliche Vorstellungen des Bösen, die ihn beschäftigt haben, gegenüberstellt: Erstens die orthodoxe Auffassung z.B. eines frühchristlichen Denkers wie Boethius, derzufolge das Böse keine eigenständige Wesenheit besitzt, nicht wirklich selbst etwas schaffen kann und nur durch die Abwesenheit des Guten Gestalt annimmt; zweitens das Gebäude des manichäischen Dualismus, demzufolge das Böse durchaus eine eigenständige dunkle Macht, und das Erdenrund ein Schlachtfeld des ewigen Kampfes zwischen Licht und Finsternis ist. Im Detail findet sich dieser Gegensatz z.B. in der Widersprüchlichkeit des Meisterringes wieder. Ist Saurons Über-Gadget ein psychischer Verstärker für unbewusste Ängste und egoistische Regungen? Oder ist der Ring selbst ein Charakter mit eigenem Willen? Auch als Nichtchrist kann einem dieses Beispiel Respekt für den Künstler Tolkien einflößen, wie er mittels dieses unentschiedenen Gegensatzes die zweifache Bitte um Schutz vor inneren und äußeren Versuchungen des Vater Unser-Gebets verarbeitet[06]. Beim Aufdröseln der mythologischen Dimension von HDR kommt Shippey schließlich auf zwei Vermittlungsambitonen Tolkiens zu sprechen. Einerseits war Tolkiens Anliegen, Verständnisbrücken zu errichten, zwischen christlichem Glauben und vorchristlicher heroischer Literatur (der sich J. R. R. und seine Inkling-Freunde, wie wir heute sagen würden, als Fans gewidmet haben), und andererseits zwischen christlichem Glauben und der nachchristlichen Gegenwartswelt (als welche der von den Schrecknissen der Moderne Traumatisierte seine Zeit empfand). Sozusagen locker nebenher liest sich das alles aber auch wie eine kleine (englische) Literatur- und Ideengeschichte, wenn Beziehungen zwischen Tolkiens Werk und solchen Klassikern wie Milton, Shakespeare und natürlich immer wieder »Beowulf« und die nordischen Sagas geknüpft werden.

Mit den beiden letzten Kapiteln leistet Shippey entsprechende Klärung zum »Silmarillion« und den kleineren Schriften Tolkiens. Da ich hoffentlich bereits genug Beispiele der klugen Beschäftigung Shippeys mit den Eingeweiden von Tolkiens Weltenbau angeführt habe, möchte ich das Augenmerk der geneigten Leser nun lieber auf die Einleitung und den Epilog von Shippeys Schatzkiste von einem Buch lenken. Diese beiden Teile sind nicht nur für Leser von Interesse, die ihre Sicht auf Tolkien schärfen möchten, sondern schildern anregend den merkwürdigen literaturkritischen Diskurs zu Tolkien und Phantastik. Shippey geht den Argumenten der Kritiker Tolkiens und dem überraschenden Erfolg vor allem von HDR auf den Grund, mit (wie ich finde) einer erfrischenden Portion streitbarer Plausibilität. Die Begeisterung des Publikums für Mittelerde wird drastisch kontrastiert durch die Ausgrenzung der Mehrheit der Gärtner der so genannten ernsthaften Literaturzirkel. Ein Exempel für die gespaltene Zunge der Kritik liefert Shippey z.B. mit Philip Toynbee, der 1961 in einem Artikel für die »Times« schrieb, dass die Kriterien, die ein guter Schriftsteller zu erfüllen habe, sein sollen:
  1. ein Privatmann zu sein, der sich nicht ums Publikum schert;
  2. er solle über alles schreiben und damit relevant machen können;
  3. er solle ein Artefakt schaffen, dass zuvörderst ihn selbst zufriedenstellt;
  4. und schließlich soll dieses Werk dann bei seinem Erscheinen schockierend, verblüffend und etwas für das Bewusstsein der Öffentlichkeit Unerwartetes sein.
Und dann tadelt dieser Toynbee im selben Jahr Tolkien, und war sich sicher, dass dessen Bewunderer ihre Mittelerde-Aktien bald wieder loswerden wollen, weil der ganze »Irrsinn« bereits der Gnade des Vergessens anheimfällt[07]. Shippey findet es kümmerlich, dass es Autoren wie James Joyce oder T.S. Eliot nicht angekreidet wurde und wird, dass sie ihre klar erkennbar modernen Werke mit Motiven alter Mythen und Sagen angereichert haben, genau dies aber gern gegen Tolkien angeführt wird. Und am ärgerlichsten: diese Ressentiments werden kaum jemals ordentlich begründet, und so vermutet Shippey, dass die damaligen Vorurteile der zumeist linksorientierten, protestantischen Literatur-Cliquen aus besserem Hause, gegenüber dem aus einfacheren Verhältnissen stammenden Katholen Tolkien für diese Betriebsblindheit verantwortlich waren, und sich diese Rhetorik gut eingeschliffen bis heute erhalten hat.

Wenn die Phantastik als Ganzes angegriffen wird, stelle auch ich Tolkien-Skeptiker mich beherzt auf die Seite des verständigen, aber alles andere als oberflächlichen Fürsprechers des Mittelerde-Meisters Shippey. Immerhin kann auch einer, der Tolkiens Werk für doof hält, die eigenen Argumente an so einem klugen Kenner wie Shippey schärfen. Nur zu gern habe ich mich von der Shippey-Lektüre zu »Hausaufgaben« anstiften lassen: z.B. mal mit Boetheus-Lektüre anzufangen und die Kurzgeschichten von Tolkien auf Englisch anzuschaffen und neuzulesen. — Abschließend möchte ich noch ganz unaufgeregt einem Wunsch Ausdruck verleihen: Eine günstige Taschenbuchausgabe von »J. R. R. Tolkien – Autor des Jahrhunderts« wäre sehr fein (und wenn’s noch’n büschen dauert bis dahin), denn immerhin kostet die gebundene Ausgabe 25,- € und es wäre schön, wenn ein verführerischer Taschenbuchpreis von ca. 12,– € weitere Leserkreise verführte, sich einmal »ernsthaft« mit dieser prominenten Zweitwelteschöpfung auseinanderzusetzen. Aber selbst wenn so eine Taschenbuchausgabe nicht zustande kommen sollte, ist es schön zu wissen, dass Klett-Cotta auch Shippeys »Der Weg nach Mittelerde« im Herbst 2007 auf Deutsch zugänglich machen wird. Ich freue mich schon darauf.

»J. R. R. Tolikien – Autor des Jahrhunderts« (dt. »J. R. R. Tolkien – Author of the Century«, engl. 2000), übersetzt von Wolfgang Krege; Seiten: 396 Seiten; ISBN (gebunden): 978-3-608-93432-8.

•••••
ANMERKUNGEN:
[01] Hier zum Sich-gruseln die ersten Zeilen des exemplarisch zickigen und unverständigen Eintrags in Frank Schäfers »Kultbücher« (Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2000, S. 81ff):
Ein riesiger, stofflich ausufernder, immerhin dreibändiger Schmarrn der erst 1969 ins Deutsche übersetzt wurde, was einigermaßen erstaunlich ist, denn der notorische Nachkriegs-Eskapismus wäre mit diesem atavistischen {gemeint ist vulgo: »rückständigen«, womöglich sogar »zurückgebliebenen« – Molo} Pseudo-Mathos doch eigentlich auch recht gut bedient gewesen. So erlößte jene Romantrilogie die meisten deutschen Traumtänzer und Schwarmgeister erst in den 70er und 80er Jahren (im Gefolge des Fantasy-Booms) aus ihrer Realitätsstarre und schickte sie auf eine weite Reise nach »Mittel-Erde«.
••• Zurück

[02] Shippey ist mir schon bei den Dokumentationen der Jackson’schen »Special Extended Edition« von »Der Herr der Ringe« angenehm aufgefallen. – Ich gestehe freimütig: Tom macht als leidenschaftlicher Experte bei diesen Dokus auf mich einen herzerfrischend sympathischen Eindruck. Vom Team des ganzen Verfilmungszirkus traue ich nur den beiden Künstlern John Howe und Alan Lee, sowie Christopher Lee zu, eine mit Shippey vergleichbare sinnfällige Schau auf Tolkiens Schaffen zu haben. ••• Zurück

[03] S. 46. ••• Zurück

[04] S. 47. ••• Zurück

[05] S. 82. ••• Zurück

[06] »Führe uns nicht in Versuchung / und erlöse uns von dem Bösen.« ••• Zurück

[07] Knuffig auch Hermann Hesses Urteil 1922 über E. A. Poe:
Die ganze ihm nachfolgende Literatur des Grauens und der Phantastik wird rasch wieder untergehen.
»Schriften zur Literatur« ••• Zurück

Gro&szlig;er horizontaler Trenner
Geschieben von simifilm,
am: Sonntag, 21. Dez. 2008
Nein, ich will keine neue Phantastik-Diskussion starten ;), aber hier wäre doch anzumerken, dass dieses Zitat von Hesse nicht so recht passt, da sich Poes Werk fast ausnahmslos um den Konflikt Realität/Wunderbares dreht; es geht also um den Status eines (scheinbar?) unerklärlichen Ereignis in der modernen Welt. Tolkiens Fantasy geht ganz bewusst und erklärtermassen hinter diesen Bruch zurück, in eine vormoderne Welt, in der es diesen Konflikt (noch) nicht gibt. Insofern ist das Hesse-Zitat hier ein bisschen irreführend, weil er eben nicht über Fantasy im Stil von Tolkien, sondern über die Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts schreibt (soweit ich das aus dem Textschnipsel schliessen kann).

Fantasy im Stile Tolkiens kennt den Bruch, der ja auch bei Todorov so zentral ist, eben nicht, insofern sollte man das nicht alles in einen Topf werfen. Ich bin zwar kein Experte für Tolkien, aber nach allem was ich weiss, steht dieser gerade nicht in die Tradition von Poe, sondern orientiert sich an früheren Texten.

Kleiner horizontaler Trenner.
Geschrieben von molosovsky,
am: Montag, 22. Dez. 2008
Hi Simi.
Ich denke nicht, dass es eine Neuauflage unserer Phantastik-Diskussionen braucht. Ist doch okey, wenn ich den Begriff ›Phantastik‹ meistens eben nicht im Todorov’schen Sinne gebrauche, sondern als Sammelbecken für SF, Fantasy, Horror (und was noch alles drunter passt :) )

Zudem (aber nur als Zuckerl am Rande): Tolkiens Werk, z.B. HDR und »Hobbit«, bieten durchaus Schauerliteratur-Anteile. Und auf Mittelerde geschieht auch Wundersames, das den Leuten dort selbst nicht geheuer ist (z.B. die Wiederauferstehung Gandalfs. Das ist dann Wundersamkeit zweiter Ordnung, oder?) — Du weißt, wegen solcher Fizzeleien seh ich das nicht so durch die strenge Schubladenbrille.
Kleiner horizontaler Trenner.
Geschrieben von simifilm,
am: Montag, 22. Dez. 2008
Ich kritisiere gar nicht, dass Du nicht Phantastik im Sinne Todorovs meinst. Ich denke einfach, dass Deine Ausführungen und das Hesse-Zitat ein bisschen irreführend sind: Wenn Du zeigen willst, dass Tolkien und Konsorten nicht ernst genommen wurden, dann ist es doch seltsam, ein Zitat zu bringen, das von etwas anderem spricht. Gerade Poe fand schon früh Anerkennung und hatte einen riesigen Einfluss; hier gibt es zwar regionale Unterschiede, aber beispielsweise in Frankreich war sein Erfolg – gerade auch in "gehobenen Kreisen" – schon früh sehr gross und wirkte in den verschiedensten Bereichen nach (Symbolismus, Kriminalliteratur, frühe SF, Kurzgeschichten generell).

Ich weiss wenig über die Tolkien-Rezeption in England, aber gerade in England gab es ja schon eine lange Tradition der Gothic Novel und der Scientific Romance; ganz grundsätzlich gab es auf der Insel viel weniger Berührungsängste mit "nicht-realistischer" Literatur. Hier von einem generellen Phantastik-Dünkel (ob nun im engen oder im weiten Sinn) zu sprechen, scheint mir deswegen in jedem Fall falsch. Der Witz ist doch wahrscheinlich, dass Tolkien eben nicht in dieser Tradition steht, weil seine Fantasy an einem anderen Punkt ansetzt, als die "gothische Tradition". Und wenn wir schon von Hesse sprechen: Was ist denn mit dem Glasperlenspiel? Das ist definitiv auch Phantastik (hier im weiten Sinn gebraucht); Hesse hat es ja durchaus mit dem Übersinnlichen und ich denke, dass ihm LOTR durchaus hätte gefallen können ...
Kleiner horizontaler Trenner.
Geschrieben von molosovsky,
am: Montag, 22. Dez. 2008
…und von Aburteilen ohne auch nur den Ansatz einer Begründung zu liefern. Ich schrieb ja auch nicht über einen generellen Phantastik-Dünkel, sondern vom speziefischen Dünkel der protestantisch-elitären Kreise Englands gegen Tolkien. Das Zitat von Hesse soll einen ähnlich gelagerten Dünkel illustrieren (denn ich vermute, dass Hesses Urteil zu Poe weniger auf Hesses literarischen Sachverstand, denn vielmehr auf seinen persönlichen weltanschaulich-ästhetischen Vorlieben und Abneigungen gründet), ohne dass ich dabei von meinen Lesern verlange, zwischen beiden Ablehnungen eine engere Verbindung oder Ähnlichkeit im Detail zu sehen (im Gegenteil). -- Wiegesagt: Tolkiens und Poes Werk sind wahrhaft zwei zu unterschiedliche Welten. Leider kann ich keine genaueren Belege dazu bieten, warum denn nun Hesse den Poe abkanzelt. Ich wage zu spekulieren, dass Poe dem Hesse zu atheistisch/nihilistisch, zu düster war. -- Interessant ist Deine Vorstellung, dass Hesse durchaus Gefallen an Tolkien hätte haben können. Ich selbst bezweifle das allerdings (Tolkien wäre Hesse womöglich doch zu katholisch und archaisch-heroisch gewesen). -- Dass Hesse nicht zu knapp selbst Phantastik fabrizierte dürfte jedem einleuchten, selbst wenn man Hesses Werk nur gestreift hat.
Kleiner horizontaler Trenner.
Geschrieben von simifilm,
am: Montag, 22. Dez. 2008
Das Zitat von Hesse soll einen ähnlich gelagerten Dünkel illustrieren […], ohne dass ich dabei von meinen Lesern verlange, zwischen beiden Ablehnungen eine engere Verbindung oder Ähnlichkeit im Detail zu sehen (im Gegenteil).

Dass das so verstanden wird, bezweifle ich. Dieser sehr knappe Kommentar in der Fussnote geht für mich eigentlich eher in die Richtung dessen, was Du selbst kritisierst – jemanden ohne genauere Ausführung abkanzeln; wobei ich Dir Recht geben muss, dass man Hesse nicht genug abkanzeln kann. ;)
Kleiner horizontaler Trenner.
Geschrieben von molosovsky,
am: Mittwoch, 24. Dez. 2008
@Simi:
Es liegt nun mal nicht in meiner Macht zu bestimmen, wie meine Texte von Lesern ausgelegt werden. Alles was ich versuchen kann kann, ist, auf Nachfrage zu präzisieren. Was ich ja getan habe.

Beim Platzieren solcher Fußnoten-Verweise wie dem Hesse-Zitat ist aber durchaus ein Anliegen von mir, neugierig zu machen auf die sich stets unübersichtlich verzweigenden Seitenpfade in der großen Frage danach, was die ›löbliche‹ und die ›schmähenswerte‹ Phantastik ist.

Ob man Hesse nicht genug dissen kann? Ich mag seine Gedichte vielleicht am meisten, und ich finde es seltsam, dass Hesse kaum als Phantast gelesen und behandelt wird (denn er ist m.M. ein ziemlich prominenter Erz-Phantast der deutschsprachigen Literatur). In meiner Jugend habe ich mit einigen seiner Romane gerungen; bei einigen habe ich sogar heftig affektierten Anteil genommen, geheult und gezürnt. Im Lauf der Zeit aber nahm ich Abstand von Hesse, finde seine Prosa (und vor allem seine Standpunkte) zuweilen arg schal und naiv. Insofern kann man Hesse ruhig dissen.

Offen bleiben muss derweil (hier zumindest) die Frage, worauf Hesses Absage gegenüber Poe gründet. Wenn ich mich recht erinnere, war zur Zeit aus der das Zitat stammt (1922) in Frankreich die Poe-Renaissance schon im vollem Gange. Wiegesagt: alles was ich vermuten kann, ist, dass Hesse nichts mit diesen dunkel-romantischen Strömungen anzufangen wußte, im Zuge derer Poe zu Lob und Ehren kam.
Kleiner horizontaler Trenner.
Geschieben von bembelkandidat,
am: Mittwoch, 24. Dez. 2008
an dieser Stelle wünsche ich Dir eine schöne, fröhliche und besinnliche Weihnachtszeit!

Alles Gute für Dich und Deine Lieben und ein Frohes Fest

wünscht bembelherzlich

Dein Bembelkandidat
Kleiner horizontaler Trenner.
Geschrieben von molosovsky,
am: Mittwoch, 24. Dez. 2008
…lieber bembelkandidat!
Auch Dir wünsche ich angenehme Feiertage. Und möge die wilde Jagd Dich verschonen.
Kleiner horizontaler Trenner.
Seit 3639 Tagen aktiv. Am 07. Februar 2012 gab’s zuletzt ‘ne Änderung.

Einmal im Monat kann man als Flattr-Teilnehmer der Molochronik etwas zukommen lassen.
Google+ klicken, wenn Sie die Molochronik empfehlen möchten.

Übersicht meiner
Filmrezis und
Buchbesprechungen.
Molos Serie zu Neil Gaimans mit umfangreichen »Hilfreichen Handreichungen« als PDF.
Folge 1: »Präludien & Notturni«
Folge 2: »Das Puppenhaus«
Folge 3: »Traumland«
Molos Wanderungen durch &raquo;Bibliothek von Babel&laquo;-Banner, gro&szlig;. der Büchergilde Gutenberg
Jaques Cazotte:
»Der verliebte Teufel«
G. K. Chesterton:
»Apollos Auge«
Lord Dunsany:
»Das Land des Yann«
J. L. Borges:
»25. August 1983«
Deutsche Fassungen (auch als PDF) der phantastischen Literaturseminare von ›Crooked-Timber‹ über:
»Der Eiserne Rat« von China Miéville
Remix von Marcus Hammerschmitt:
»White Light / White Heat«
Großes Lob für & Zitate aus:
Neal Stephensons »Diamond Age«
Großes Buh für & Zitate aus:
Tad Williams »Der Blumenkrieg«
Material zum Kapieren:
Der katholische Tolkien
Vorstellung zum 60gen:
Mervyn Peake »Gormenghast«
Molos Übersetzung von Daniel Chandler:
»Eine Einführung in die Genre-Theorie«
Wallpaper für Lovecraft-Fans:
»Soggoth-Idylle mit Hasen«
Wallpaper für Freunde farbiger Plüschodelik:
»Große Acryl-Impro«
Molos beste Dichtheit:
»Verborgene Orte«
Molos kapriziöse Kurzprosa:
»Zehn Etüden«
Exzessive Melomanie als mp3:
Molomukke Eins, Zwei, Drei, Vier & Fünf, sowie die Vertonung von »The Second Coming«
Impropathos auf ‘nem Steinway-Flügel:
»Am Herzen Herumhängen – Arbeiten für den Inkubus«
Kommentierte Links
Zeichenerklärung:
= Neueste Links
E = teilweise oder ganz Englisch
Molo macht mit bei:
Magira Jahrbuch
• FanSite: China Miéville
• Forum: BibPhant
• Forum: SF-Fan
• Forum: SF-Netzwerk
Brights Forum &
Brights-Blog
Wikipedia
BLOGS
FILM
LITERATUR & KULTUR
AUTOREN
PHANTASTIK
WELT & POLITIK
PHILOSOPHIE
KUNST
COMICS & GRAPHIC NOVELS