Eintrag No. 538 — Wie aufmerksame Molochronik-Leser wissen, bin ich zur Jahreswende 2007/2008 vom Pynchon-Fieber erfasst worden, weiland ich damals die englische Ausgabe von
»Against the Day« (2006, Deutsch 2008 als »Gegen den Tag«) verschlang. Mittlerweile habe ich mir alle sechs Romane dieses erstaunlichen Schriftstellers zugelegt, sowohl auf Deutsch, als auch auf Englisch.
»Gegen den Tag« (= GDT) ist aufgrund seines Umfangs von über 1000 Seiten, der verwirrenden Figurenvielzahl und der thematischen Breite sicherlich nicht unbedingt der die beste Eintrittskarte zu Pynchon Prosawelten
(auf den ersten Blick zumindest, denn bei mir hat das dicke Ding ja voll gezündet). Allerdings kann ich sagen, dass verglichen mit Pynchons bekanntesten, von mir erst etwa zu einem Drittel bewältigtem Werk
»Gravity’s Rainbow« (1973, Deutsch 1981 als »Die Enden der Parabel«), GDT ein zwar langer, aber bequem zu absolvierender Spaziergang ist.
Nun aber zu meiner zweiten abgeschlossenen Pynchon-Lektüre,
»The Crying of Lot 49« (1966, Deutsch 1973 als »Die Versteigerung von No. 49«). Der oftmals ausgesprochenen Empfehlung, dass dieser (zweite) Roman von Thomas Pynchon (*1937) den bekömmlichsten Einstieg in sein Werk bietet, kann ich von meiner bisherigen Warte aus voll und ganz zustimmen. Hier lernt man auf kurzer Strecke in sechs Kapiteln bereits die wichtigsten Themen, atmosphärischen Facetten und erzählerischen Kniffe dieses Autors kennen.
Bei
»The Crying of Lot 49« handelt es sich grob gesagt um eine Konspirations-Räuberpistole. Oedipa Maas, die Heldin des Mitte der 1960ger-Jahre angesiedelten Romans, erfährt nach dem Tod ihres Ex-Geliebten, dass sie von diesem steinreichen Immobilien- und Industrie-Mogul Pierce Inverarity zur Testamentsvollstreckerin bestimmt wurde. Um dieser angesichts des riesigen Vermögens ungeheuren Aufgabe gerecht zu werden, beginnt Oedipa eine Recherche-Rundreise durch Kalifornien und stößt dabei im Zusammengang mit einer Briefmarkensammlung aus dem Nachlass des Verstorbenen, auf die undurchschaubare Verschwörung eines Post-Untergrundnetzwerkes, des Tristero-Systems. Ihren Anfang nahm diese geheimnisumrankte Organisation irgendwann in den Wirren der europäischen Geschichte, als sich die Tristero-Intriganten dem Thurn & Taxis-Monopol der Briefzustellung entgegenstellten. Die Fährte dieses Ringens zwischen staatstragenden Kommunikations-Monopolisten und anarchistischen Tristero-Rebellen zieht sich durch die Jahrhunderte bis hin in Oedipas Lebenswelt. Einmal darauf aufmerksam geworden, entdeckt sie überall die geheimen Tristero-Zeichen, z.B. das Akronym W.A.S.T.E. auf als Mülleimern getarnten Tristero-Briefkästen, komische Schreibfehler auf
Pots- Poststempeln, oder ein Symbol, das ein durch einen Dämpfer unnütz gemachtes Posthorn zeigt. —
(Es besteht für mich kein Zweifel, dass Pynchons Charadenspiel-Thematik inspirativ auf nachfolgende Fiktionen wie die »Illuminatus!«-Trio (1975, Deutsch 1977) von R. A. Wilson & Robert Shea, oder Umberto Ecos »Das Fouccaultsche Pendel« (1988, Deutsch 1989) eingewirkt hat.)

Oedipa versucht sich gegen Ende des Buches einen Überblick zu ihrem Dilemma zu verschaffen, und kommt auf folgende vier Möglichkeiten (S. 189 f;
Zitatangaben nach der Deutschen Taschenbuchausgabe):
- … dass sie wirklich einen ›geheimen Schatz‹, ein…
… Nachrichtennetz, über dessen Drähte eine ganz schöne Menge von Amerikanern aufrichtig miteinander kommuniziert, während sie ihre Lügen, ihr routinemäßiges Geschwätz {…} dem offiziellen Verteilersystem der Regierung anvertrauen …
… entdeckt hat;
- … dass sie sich das nur einbildet;
- … dass sie auf einen elaborierten Komplott-Ulk ihres verstorbenen Liebhabers Pierce Inverarity hereingefallen ist, der Dank seiner weitreichenden Mittel in der Lage war, Spuren zu fälschen und Darsteller anzuweisen Oedipa etwas von der Tristero-Verschwörung vorzugaukeln;
- dass sich Oedipa diesen Komplott-Ulk nur einbildet
Die Auflösung werde ich hier natürlich nicht verraten und ich warne davor, im Netz danach zu suchen, denn das Vergnügen, welches die letzten Zeilen des Romanes bieten, ist zu köstlich, um es sich ver-spoilern zu lassen.
Lebhaft und abwechslungsreich gestaltet sich die Lektüre des Romans durch die Kombination von episodischen und verschachtelten Erzählens.
Episodisch, weil wir Oedipa bei ihrer Queste begleiten (und das Buch bietet vergnügliche Auftritte von Durchgeknallten, Außenseitern und Exzentrikern);
verschachtelt, weil immer wieder kürzere und längere Abzweigungen vom Hauptstrang genommen werden, z.B. wenn Abenteuerspielfilme des Kinderfernsehens, blutige jakobinische Theaterstücke parodiert, oder historische Ausflüge zur Tristero-Verschwörung dargeboten werden.
Sprachlich trumpft das Buch auf, indem es sowohl satirische Übertreibungskunst und slapstickhaftes Blöden meistert (z.B. wenn Oedipa sich mit dem Anwalt von Pierce Inverarity in einer zum Seitensprung ausartenden Motel-Nacht auf eine Partie Strip Botticelli einläßt und eine außer Kontrolle geratene Haarspraydose für totales Chaos sorgt), es auch vermag, die fragileren Tonlagen des Grübelns, Zweifelns und Sinn-Strebens der Heldin anzustimmen.

Gerade als Phantastik-Liebhaber bin ich hingerissen vom großen Geschick Pynchons für umfassende Metaphern, die sowohl blickerweiternd als auch desorientierend wirken, die offen und anknüpffreudig genug bleiben um mir als Leser Raum für eigene Deutungen zu gewähren, ohne dabei zu gängeln oder in die Beliebigkeit abzugleiten. Was kann und darf man sich mehr von einem kurzweilig zu lesenden Stück Literaur erwarten, wenn zugleich ernsthaft über die Herausforderungen des Lebens in der modernen Welt (oder des Mensch-Seins) erzählt werden soll?
Markant appeliert das Buch zu dieser Problematik dann an seine Leser, wenn eine Figur, der Bühnenkünstler Randolph Driblette, sagt (S. 85/86) …
{…} wer kümmert sich schon um Worte? Das sind nichts als Eselsbrücken {…} Die Wirklichkeit ist drin in diesem Kopf. In meinem. Ich bin der Projektor im Planetarium {…}
Groß war mein Vergnügen, als Kuppel für die Projektionen von Meister Pynchon zu dienen, dabei von ihm eingeladen und ermuntert zu werden, mein eigenes Licht leuchten zu lassen: innerhalb der kleinen sicheren Romanwelt von »Die Versteigerung von No. 49«, aber auch in der großen Welt der tatsächlich stattfindenden Kultur und Natur-Ereignisse.
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Geschieben von HPLCthulhu,
am: Sonntag, 25. Jan. 2009
Da fällt mir ein, ich sollte endlich auch mit selbigem Büchlein von Meister Pynchon mit dem lesen anfangen. Lange genug liegt es ja in einer Kiste rum.
Geschrieben von
molosovsky,
am: Sonntag, 25. Jan. 2009
@HPLCthulhu:
Was soll ich noch groß sagen? Nur rann, keine Hemmungen! Ich wage zu prophezeien, dass Du mit »Die Versteigerung von No. 49« schnell durch sein wirst. Ich hatte das Büchlein in zwei Tagen gelesen, und mich dann nach abgeschlossener Lektüre noch Stunden damit vergnügt, den vielen Querverbindungen (sowohl innerhalb des Buches, als auch hinaus zu anderen Büchern, Medien und der Welt) nachzuspüren.
Geschrieben von HPLCthulhu,
am: Dienstag, 24. Feb. 2009
Ich hab ein paar Tage länger gebraucht, weil ich am Abend nie mehr als 10 Seiten oder so geschafft hab. Aber das Buch war es wirklich wert. Ich hätte es schon vier Jahre früher (also gleich nach dem Erwerb) lesen sollen.
Viele Grüße
Thomas
Geschrieben von
molosovsky,
am: Donnerstag, 26. Feb. 2009
MoinMoinThomas.
Ist verständlich, dass »No. 49« durchaus schön sachte 10-Seiten-weise gelesen werden will. Ich bin da wohl ne Wildsau und las es, wie das allermeiste, ziemlich flott (und auch viel unterwegs in der U-Bahn, beim Schlangestehen usw.) —— »No. 49« lohnt sich allein deshalb, weil dieses schmale Büchlein zeigt, wie wenig es braucht, um einen wirklich wilden, vielseitigen und auch weitreichenden Garn zu spinnen. Nix da mehrere Bände mit je mindestens nem halben Dutzend SeitenHundertschaften. Nope. 200 Seiten dichte Sprache und komplexe Struktur reicht für ein ordentliches Kopffeuerwerk, und ich persönlich ziehe das jederzeit einem 1200-seitigen Herzschmelzkäse-RacheIntrigeAugenzwinkersoufflett vor.
Wahrscheinlich werde ich heute noch mit »V.« (deutsch) fertig. Der ist zwar auch doll, aber nicht sooo leicht eingängig und einfach (was aber nun nicht heißt, dass er arg schwerer oder schlechter als »Gegen den Tag« und »No. 49« ist. Nur anders und bei »V.« {1961} merkt man das Alter stärker als bei »No. 49«). Dennoch ein feines Buch. Kam diesmal auch langsamer voran, was aber daran liegt, dass ich nach Jahren der (finanziell bedingten) Comic-Ebbe in den letzten Wochen/Monaten einiges an Graphikromanen un Comics besorgt und zwischengeschoben habe.
Als nächste Prosa gönne ich mir wahrscheinlich entweder »The Terror« oder »Drood« von Dan Simmons. Hab ne Schwäche für SF-Autoren, die sich in historischen Gefilden austoben.
Geschrieben von HPLCthulhu,
am: Donnerstag, 26. Feb. 2009
Ich hätte gern schneller und länger gelesen, aber ich hab nur am Abend Zeit zum lesen. Und dann wollen auch Frau und Hund meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Jedenfalls bin ich angetan und du hast recht, 200 Seiten zeigen wieder was machbar ist. Die anderen Pynchon Werke stehen definitiv auf meiner Wunschliste, ich lass mich überraschen welches als nächstes den Weg zu mir findet.
Zur Entspannung hab ich jetzt Metro 2033 reingeschoben, das liest sich schnell und einfach, ohne das man sich groß konzentrieren muss.
Comics hab ich auch noch einen ganzen Stapel der gelesen werden will, mach ich auch nur scheibchenweise.
Terror hab ich auch noch vor mir. Den anderen Simmons Roman kenne ich nicht. Ist vermutlich aber nicht verwunderlich da ich nur Bücher die mir auf deutsch vorliegen lese. Sonst dauert das ja noch länger. :-)
Geschrieben von
molosovsky,
am: Donnerstag, 26. Feb. 2009
»Drood« ist der neuste Simmons, mit Wilkie Collins (Autor von »Dame in Weiß«) als Erzähler und Charles Dickens als dubiosen Charakter.