Dienstag, 26. Mai 2015

Schnellschach mit Kopfab: The Last Samurai

Eintrag No. 41 - Zuvörderst: Ohne übergreifende Kenntnis der japanischen Geschichte zu haben, ahne ich doch, daß die Art wie sich dieses Land nach den Kanonaden der amerikanischen Schwarzen Schiffe von Anno-ungefähr 1870 öffnen MUSSTE, nicht okey war. Da teile ich jene vagen Symphatien für ein Land, das sehr schmerzlich die Entwicklung der Moderne vollzogen hat. - Also, mal gucken, wie ein US-Film da bestehen kann, obliegt ihm doch sozusagen die Pflicht, eine Versöhnung anzubieten. So zumindest nahm ich den Nimbus des Filmes vor Betreten des Turm-Kinos wahr.

Dem Japanischen wird in der Tat gehuldigt, angefangen mit der hervorragenden Ausstattung (die Samurai-Rüstungen sind beeindruckend), über die exzellenten Kampfszenen (gut vermittelt, daß Schwertkampf quasi tödliches Schnellschach der Körper ist, bei dem die Klingen Matt setzten) bis zum monatelang blühenden Kirschbaum (wie meine Kino-Begleitung Andrea mäkelnd bemerkt hat; aber auf's Mosern über solche Kleinigkeiten muß man immer röhren: "Eyh, das ist ein Film, noch dazu aus Hollywood". Damit wischt man läppische Einwände vom Tisch und spricht zugleich dem US-Studiobetrieb jede echte Mündigkeit ab). Zu meinem Mißfallen aber war es mit derartiger Respektsbezeugung bei der Musik zuende.

Der eigentlich Besseres zu bieten wissende Hans Zimmer (für Flauberts Wörterbuch der Gemeinplätze: "Unser Mann in Hollywood") hat für den Film nicht tief in seine Trickkiste gegriffen und nur eine recht einfaltslose, sich auf Bombast und Schmissigkeit verlassende Filmmusik geschrieben, in der eine japanische Alibi-Flöte und ein paar Trommler das ganze Lokal-Ambiente stemmen müssen. Leider keine stimmige Arbeit wie bei Gladiator, ehr ein Es muß krachen-Score a la The Rock. Herrgott, selbst der futuristische Akira hat mehr traditionelle japanische Musik als The Last Samurai.

Gut gefallen hat mir: das Spiel von Ken Watanabe als Ober-Samurai-Rebell. DAS ist hier der Schauspieler, wegen dem man sich den Film gönnen sollte. / Tom Cruise Eröffnungsauftritt als Propagandaschreier für Winchester-Knarren. Das kann der Bub. Schöne Variante seiner Gerichtsrede in Eine Frage der Ehre oder seines Sextrainerauftritts in Magnolia / Erster Kampf im Nebelwald bis zum Tod des roten Samurai. Dieser Kampf, bei dem eine berittene Rebellen-Samuraiattacke die schlecht ausgebildeten kaiserlichen Armeen westlichen Stils niedermacht. Cruise verteidigt sich atemberaubend, und ein Bogen wird zur Eröffnungsszene des Films gebildet, in der Watanabe von einem wilden weißen Tiger träumt (so voll auf Zen halt). Diese Kampfsequenz legt es darauf an, daß man einfach nicht fassen kann, wie lange sie dauert, wie sehr sich Cuise verausgabt obwohl er umzingelt und unterlegen ist, wie lange er erbittert den Todesstoß abwendet. Sprich: das Schicksal klopft mächtig an die Zuschauerstirn. Wieder mal versucht ein Film zu veranschaulichen, WIE schwer es ist, einen Menschen zu töten. Und Andreas Deutung ist ganz richtig: Cruise und seine scheinbare Unüberwindlichkeit in seinem Todeskampf ist die Urszene, zu der Monty Pythons Die Ritter der Kokusnuß die Parodie ist. Ha, das ist doch nur eine Fleischwunde. Komm her, ich spuck dir in's Auge und blende dich! / Der Ninjaüberaschungsangriff mit Hausgefecht. Bemerkenswert: kämpfendes Kind. Delikater Topos und - ich prophezeie - wird in den nächsten Jahren vermehrt auftauchen. / Erstes Gespräch zwischen Cruise und Watanabe. / Wetten beim Training. / Cruise bei Flucht von Watanabe als Übersamurai, filmisch gestaltet mit Zen-Schnittfolge.

Einige Handlungsstränge (Watanbes Sohn, die Witwe des roten Samurai) hängen noch lose baumelnd herum, aber ich nehme mal an, daß dieser Film von Beginn dahingehend konzipiert wurde, daß er der durch Peter Jackson losgetretenen Special Extended Edition-Welle folgen kann.

Cruise nimmt als herausgestelter Star dem Film viel Kraft, oder anders: läßt ihn in meinen Augen zumindest arg als einen weiteren "Lektion in großer Geschichte für einfache Amerikaner"-Film erscheinen, von denen Steven Spielberg seit Jahren einen nach dem anderen dreht, mal besser, mal schlechter. (Edward Zwick weiß da auch nix besseres und in mir keimt der Verdacht, daß es nicht Herr Zwicks Produzentenhändchen war, welches für die Gelungenheit von Shakespeare in Love verantwortlich war.) Obwohl: inzwischen habe ich gelernt darüber zu schmunzeln und freu mich halt zur Abwechslung bei Filmen wie Master & Commander. Trotzdem: Cruise leistet seinen Karthasisparkur, den die Drehbuchschreiber ihm da ausgelegt haben, mit nervigen 9,2 in der A- und respektablen 8,0 in der B-Note ab.

Ach, und weil ich mit Andrea darüber am meisten diskutiert habe nach dem Film: der schrullige Veteran-Trainer-Offizier der US-Armee zu Beginn war wohl doch nicht John Cleese. Andererseits: selbst bei imdb.com kann ich weder die Rolle noch ihren Darsteller finden und das läßt mich nun wieder glauben, daß dies vielleicht doch ein Cleese-Cameo war.

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