Schnellschach mit Kopfab: The Last Samurai

Eintrag No. 41 - Zuvörderst: Ohne übergreifende Kenntnis der japanischen Geschichte zu haben, ahne ich doch, daß die Art wie sich dieses Land nach den Kanonaden der amerikanischen Schwarzen Schiffe von Anno-ungefähr 1870 öffnen MUSSTE, nicht okey war. Da teile ich jene vagen Symphatien für ein Land, das sehr schmerzlich die Entwicklung der Moderne vollzogen hat. - Also, mal gucken, wie ein US-Film da bestehen kann, obliegt ihm doch sozusagen die Pflicht, eine Versöhnung anzubieten. So zumindest nahm ich den Nimbus des Filmes vor Betreten des Turm-Kinos wahr.

Dem Japanischen wird in der Tat gehuldigt, angefangen mit der hervorragenden Ausstattung (die Samurai-Rüstungen sind beeindruckend), über die exzellenten Kampfszenen (gut vermittelt, daß Schwertkampf quasi tödliches Schnellschach der Körper ist, bei dem die Klingen Matt setzten) bis zum monatelang blühenden Kirschbaum (wie meine Kino-Begleitung Andrea mäkelnd bemerkt hat; aber auf's Mosern über solche Kleinigkeiten muß man immer röhren: "Eyh, das ist ein Film, noch dazu aus Hollywood". Damit wischt man läppische Einwände vom Tisch und spricht zugleich dem US-Studiobetrieb jede echte Mündigkeit ab). Zu meinem Mißfallen aber war es mit derartiger Respektsbezeugung bei der Musik zuende.

Der eigentlich Besseres zu bieten wissende Hans Zimmer (für Flauberts Wörterbuch der Gemeinplätze: "Unser Mann in Hollywood") hat für den Film nicht tief in seine Trickkiste gegriffen und nur eine recht einfaltslose, sich auf Bombast und Schmissigkeit verlassende Filmmusik geschrieben, in der eine japanische Alibi-Flöte und ein paar Trommler das ganze Lokal-Ambiente stemmen müssen. Leider keine stimmige Arbeit wie bei Gladiator, ehr ein Es muß krachen-Score a la The Rock. Herrgott, selbst der futuristische Akira hat mehr traditionelle japanische Musik als The Last Samurai.

Gut gefallen hat mir: das Spiel von Ken Watanabe als Ober-Samurai-Rebell. DAS ist hier der Schauspieler, wegen dem man sich den Film gönnen sollte. / Tom Cruise Eröffnungsauftritt als Propagandaschreier für Winchester-Knarren. Das kann der Bub. Schöne Variante seiner Gerichtsrede in Eine Frage der Ehre oder seines Sextrainerauftritts in Magnolia / Erster Kampf im Nebelwald bis zum Tod des roten Samurai. Dieser Kampf, bei dem eine berittene Rebellen-Samuraiattacke die schlecht ausgebildeten kaiserlichen Armeen westlichen Stils niedermacht. Cruise verteidigt sich atemberaubend, und ein Bogen wird zur Eröffnungsszene des Films gebildet, in der Watanabe von einem wilden weißen Tiger träumt (so voll auf Zen halt). Diese Kampfsequenz legt es darauf an, daß man einfach nicht fassen kann, wie lange sie dauert, wie sehr sich Cuise verausgabt obwohl er umzingelt und unterlegen ist, wie lange er erbittert den Todesstoß abwendet. Sprich: das Schicksal klopft mächtig an die Zuschauerstirn. Wieder mal versucht ein Film zu veranschaulichen, WIE schwer es ist, einen Menschen zu töten. Und Andreas Deutung ist ganz richtig: Cruise und seine scheinbare Unüberwindlichkeit in seinem Todeskampf ist die Urszene, zu der Monty Pythons Die Ritter der Kokusnuß die Parodie ist. Ha, das ist doch nur eine Fleischwunde. Komm her, ich spuck dir in's Auge und blende dich! / Der Ninjaüberaschungsangriff mit Hausgefecht. Bemerkenswert: kämpfendes Kind. Delikater Topos und - ich prophezeie - wird in den nächsten Jahren vermehrt auftauchen. / Erstes Gespräch zwischen Cruise und Watanabe. / Wetten beim Training. / Cruise bei Flucht von Watanabe als Übersamurai, filmisch gestaltet mit Zen-Schnittfolge.

Einige Handlungsstränge (Watanbes Sohn, die Witwe des roten Samurai) hängen noch lose baumelnd herum, aber ich nehme mal an, daß dieser Film von Beginn dahingehend konzipiert wurde, daß er der durch Peter Jackson losgetretenen Special Extended Edition-Welle folgen kann.

Cruise nimmt als herausgestelter Star dem Film viel Kraft, oder anders: läßt ihn in meinen Augen zumindest arg als einen weiteren "Lektion in großer Geschichte für einfache Amerikaner"-Film erscheinen, von denen Steven Spielberg seit Jahren einen nach dem anderen dreht, mal besser, mal schlechter. (Edward Zwick weiß da auch nix besseres und in mir keimt der Verdacht, daß es nicht Herr Zwicks Produzentenhändchen war, welches für die Gelungenheit von Shakespeare in Love verantwortlich war.) Obwohl: inzwischen habe ich gelernt darüber zu schmunzeln und freu mich halt zur Abwechslung bei Filmen wie Master & Commander. Trotzdem: Cruise leistet seinen Karthasisparkur, den die Drehbuchschreiber ihm da ausgelegt haben, mit nervigen 9,2 in der A- und respektablen 8,0 in der B-Note ab.

Ach, und weil ich mit Andrea darüber am meisten diskutiert habe nach dem Film: der schrullige Veteran-Trainer-Offizier der US-Armee zu Beginn war wohl doch nicht John Cleese. Andererseits: selbst bei imdb.com kann ich weder die Rolle noch ihren Darsteller finden und das läßt mich nun wieder glauben, daß dies vielleicht doch ein Cleese-Cameo war.

Endlich mal wieder eine OV-Vorführungen im Frankfurter Metropolis zu Zeiten, in denen auch ich Arbeiter ins Kino kann. Hab mir gegönnt, gleich am zweiten Abend nach Eröffnung in den neuen Bond zu gehen. Großes Glück: letzte Karte (returnierte Reservierung) der ausverkauften Vorstellung bekommen.

Kurz: Ich bin sehr zufrieden mit »Skyfall«.
Der Titel-Vorspann ist vielleicht der beste seit ... ich weiß nicht seit wann, aber seit langem. Der Song von Adele gefällt mir von Mal zu Mal besser.

Stärkster Eindruck nach dem ersten Genuss: »Skyfall« ist optisch der edelste Bond aller Zeiten. Einige Strecken des Films sind so stilisiert und entrückend wie eine Vorspann-Sequenz. Regiesseur Sam Mendes präsentiert gleich mit der ersten Einstellung seine visuelle Visitenkarte: Bond kommt aus den Schatten auf uns zu, nur ein schmaler Lichtstreifen erhellt die Augenpartie von Bond (siehe die Szene in »American Beauty« mit Chris Cooper in Garage). Auch die Musik von Thomas Newman versteht mich zu begeistern und ist immer wieder (was heutzutage selten ist) sehr geschickt punktgenau auf die Äktschn angepasst.

Die Story ist vor allem im Mittelteil eine etwas vorhersehbare Mischung aus Routine und Wirrniss, aber das fällt angesichts der Genre-Konventionen, der überzeugenden Figuren und immer wieder feinen Dialogszenen nicht so sehr ins Gewicht. Ein paar der coolen Einzeiler nach Erledigung von Gegnern waren mir zu billig, kann ich aber verzeihen (der volle Saal fand’s witzig).

Wie so oft bei Bond-Filmen ist der ideologische Unterton des Filmes ein Problem. Zwar fand ich es großartig, dass ›M‹ (Judi Dench) im Mittelpunkt der Handlung steht (sprich: sie soll für die Sünden ihrer Vergangenheit büßen), aber ein wenig Kopfschmerzen bereitete es mir schon, wie unverhohlen der Film mit Pathos den britischen Geheimdienst samt seiner clandestinen Mordbuben a la Bond rechtfertigt. Immerhin ein netter Anlass für Dench Zeilen aus dem feinem Gedicht »Ulysses« von Lord Tennyson zu zitieren (Zeile 66-70):

We are not now that strength which in old days
Moved earth and heaven, that which we are, we are;
One equal temper of heroic hearts,
Made weak by time and fate, but strong in will
To strive, to seek, to find, and not to yield.

Aber im Sinne einer Selbstverhandlung & -Vergewisserung des Bond-Mythos geht das ganze »Alter Hund, neue Tricks«-Gedöns in Ordnung, wenn der Film uns mit Retro-Glorie z.B. des »Goldfinger«-Astin Martins inkl. klassischen Bond-Musikthema beschert. Erfrischend auch die Abkehr vom Gadget-Wahn vergangener Filme. Die letzten beiden Bonds mit Daniel Craig hielten sich in Sachen Technik-Spielereien ja schon merklich zurück, aber »Skyfall« macht aus dem Verzicht auch ein begrüßenswertes Nebenthema (und »Skyfall« kann sich mit dieser »Zurück zu den Anfängen«-Programmatik erfolgreich vom Franchise-Konkurrenten »Mission Impossible« abgrenzen).

Überhaupt überraschend, wie der Film die Struktur-Tradition von Bond-Filmen umkrempelt. Der Film hakt die größte, übertriebene Äktschn-Materialschlacht gleich im ersten Akt ab, absolviert im zweiten Akt dann exotische Schauplätze mit kleinerem Handgemenge und gönnt sich im dritten Akt ein Finale mit Geballer in einem für Bond-Maßstäbe unspektakulärem gewöhnlichen Verhandlungssaal, einer Verfolgung zu Fuß mitten durch londoner U-Bahn-Gedränge und improvisiertem Stellungskampf in einem alten Haus. Bei ungeschickter Inszenierung wäre das wohl ziemlich fad, aber wie gesagt: so schön und edel wie das alles gefilmt wurde, macht »Skyfall« richtig Laune.

Meine Lieblingsszenen:

  1. Natürlich der erste Auftritt von Javier Bardem als Silva;
  2. Der Fitniss- und Psychotest von Bond im provisorischen Ausweichquartier des MI6;
  3. Das Thekengespräch zwischen Bond und der mysteriösen Sévérinne im Drachen-Casino. Bérénice Marlohes eigentlich völlig überzogene Theatralik kommt wunderbar rüber.

Am meisten aber hat mich verblüfft, dass der Film sich immer wieder mal anfühlt, wie James Bond goes Harry Potter: Hirsch-Symbole, Fackelleuchten-Lumos-Zauber, Drachen-Symbole, Echsen-Ungeheuer, Bunker- und U-Bahn-Dungeons, ein Haus in Schottland in dem Voldemort wohnen könnte, ein Bösewicht der aussieht wie ein Angehöriger der Malfoy-Familie, eine auf Asia-Edelgoth geschminkte Slytherin-Schönheit. — Hat mich (zu meinem Amüsement) ein wenig irritiert.

Fazit: Kurzweiliger dritter Eintrag in den Daniel Craig-Abschnitt von Bonds Karriere. — 9 von 10 Punkten.

Bonus #1: Nicht verpassen sollte man die »Skyfall«-Folge der brillanten Web-Show »Half in the Bag« von Mike Stoklasa und Jay Bauman. Lasst Euch von den ersten Minuten nicht an der Nase herumführen. Nach dem launischen Genöle und der exzellenten Aufzählung der Logik-Löcher beginnt die ernsthaftere Besprechung ab ca. Minute 7:40.

Bonus #2: Ebenfalls sehenswert ist Jeremy Jahns knappe und knackige Besprechung.

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10 + + + + + Maßstabsetztendes Meisterwerk; Olympisch.
09 + + + + Überwiegend exzellent; Packend.
08 + + + Bemerkenswert mit leichten Schwächen; Anregend.
07 + + Befriedigendes Handwerk; Kurzweilig.
06 + Unterhaltsam mittelprächtig; Akzeptabel.
Unsichtbare Grenze der absoluten Mittelmäßigkeiten
05 - Brauchbar mittelprächtig; ganz nett, aber insgesamt lau.
04 - - Überwiegend mittelprächtig; Anstrengend bzw. langweilig.
03 - - - Bis auf wenige Momente daneben gegangen; Nervig.
02 - - - - Ziemlich übeles Machwerk; Zeitverschwendung.
01 - - - - - Grottenschlechtes übles Ärgernis; Pathologisch.

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Molos Wochenrückblick No. 42

Eintrag No. 702 — Diesmal mit weniger Links, dafür um so mehr Kultur-Meldungen aus dem Haushalt.

Zitat: Gefunden am letzten Dienstag als Tagesspruch des diesjährigen »Raben«-Kalenders. Wunderschönes auf den Punkt bringen der tatsächlichen Entwicklung einer erfolgreichen Wirtschaftsform.

Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden!
Capitalism is the astounding belief that the most wickedest of men will do the most wickedest of things for the greatest good of everyone.
— John Maynard Keynes (zitiert von Michael Alpert in »Moving Forward: Programme for a Participatory Economy« {2000}, wahrscheinlich eine Paraphrase eines Satzes von Sir George Schuster in »Christianity and human relations in industry« {1951})

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Lektüre: Vergangene Woche habe ich drei ›kleinere‹ Werke geschafft.

Lewis Carroll (Text) & Mahendra Singh (Illustrationen): »The Hunting of the Snark«Nummero Eka: Schon in Wochenrückblick No. 17 empfohlen, mittlerweile ist’s erschienen, wurde endlich von mir bestellt und verköstigt: die von Mahendra Singh illustrierte Ausgabe von Lewis Carrolls unsterblicher Ballade »The Hunting of the Snark«. Das klassische Non-Sense-Poem von Carroll aus dem Jahre 1876 gehört zu meinen Allzeit-Lieblingstexten. Wem die Originalfassung zu schwer ist, dem sei die Übersetzung von Klaus Reichert ans Herz gelegt (die Insel Taschenbuch-Ausgabe ist zweisprachig und enthält auch die klassischen Illustrationen von Henry Holiday).

Was Mahendra Singh geschaffen hat, ist nichts weniger eine fruchtbare Comic-Neudeutung dieses Klassikers als proto-surrealistisches Meisterwerk. Immerhin schafft Carrolls Non-Sense eine den Ambitionen vieler Surrealisten ähnliche Stimmung, nämlich eine ungewöhnliche, vielleicht sogar befreiende traumdurchwirkte Sicht auf die Wirklichkeit anzuregen, und so tummeln sich in Singhs fein, fast schon fragil gezeichneter Fassung Anspielungen auf Klassiker wie Salvador Dali, Alberto Savinio, Giogio de Chirico und (meinem speziellen Liebling) René Magritte, aber auch solcher Kunstschaffenden, die sich später von Carroll und den Surrealisten inspirieren ließen, wie den Beatles, Douglas Adams und George ›Krazy Cat‹ Herriman.

Lewis Trondheim: »Nichtigkeiten 1 – Der Fluch des Regenschirms«, Reprodukt 2011.Nummero Deux: Seit ich den ersten Comic von ihm gelesen habe (das war 1998 »Die Fliege«), wurde der bemerkenswert produktive Lewis Trondheim zu einem regelmäßigen Aufheiterer meines Lebens. »Nichtigkeiten 1 – Der Fluch des Regenschirms« ist 128 dick und liefert tagebuchartige Einseiter-Gägs, unter anderem übers die Anschaffung von Katzen; die Verleihung des großen Comic-Preises; Reisen nach Edinburg und die Insel Réunion; Herumfuchteln mit ‘nem Spielzeug-Laserschwert und mannigfaches Grübeln über Zufall, Schicksal und die eigene berechtigte oder doch nur außer Rand und Band geratene Paranoia.

Am meisten mit-›gelitten‹ habe ich, als Trondheims seine Ernüchterung schildert, nachdem er mit seinem Sohn »Alien« geguckt hat. Der elfjährige Filius hängt gelangweilt auf’m Sofa, der Film geht an ihm vorbei und so stellt er ununterbrochen Fragen wie »Sind sie gelandet?«, »Wer ist der Boss?«, »Spielt der Film jetzt nur noch im Raumschiff?«, »Wieso hat der Robotor so ‘ne weiße Flüssigkeit?« und »Wieso ist es denn so dunkel?«. — Trondheim daraufhin: »Hätte ich mit 11 ›Alien‹ gesehen, ich wäre bis ans Ende meiner Tage traumatisiert gewesen.« — Und der Sohn rennt befreit davon auf der Jagd nach was zu naschen.

Charles Portis: »True Grit«, Rowohlt Taschenbuch 2011.Nummero Three: Es war zuvörderst eine Laune des Augenblicks und weil ich vergessen hatte, mir etwas zum Lesen mitzunehmen, weshalb ich letzten Mittwoch im Bahnhofs-Buchladen zur deutschen Ausgabe von Charles Portis’ »True Grit« gegriffen habe; dann natürlich, weil in den kommenden Tagen die (Neu-)Verfilmung durch die von mir geschätzten Coen-Brüder anläuft und ich ab und zu gerne checke, welche Entscheidungen beim Umsetzten von einem Medium ins andere getroffen wurden; und schließlich, weil ich eine Schwäche für Western-Geschichten habe.

Ich verkünde folgendes nicht leichtfertig, denn es ist ein Urteil, das nur wert hat, wenn man es selten ausspricht, aber dieser schmale Roman ist makellos … ma-kel-los. Keine Zeile zuviel die stört, ablenkt, sinnlos rumhängt oder auf unnötige Abwege führt; keine Zeile zu wenig (also es fehlt nix wesentliches, keine wichtigen Fragen bleiben offen). Einfach perfekt, wenn die Erzählerinnen-Stimme der vierzigjährigen alten Jungfer Matti sich an ihre Jugendzeit erinnert, als sie vierzehn-jährig loszog, um die Heimführung der Leiche ihres Vaters zu organisieren, der von seinem angetrunkenen Farmhelfer im Suff und SpielverliererZorn erschossen wurde. Und da sie schon unterwegs ist, heuert Matti den herum- (und ein wenig herunter-)gekommenen Marshall Rooster an, um den ins Indianerterretorium geflohenen Mörder zu fassen.

Etwas verärgert, aber überwiegend amüsiert haben mich folgende Zeilen zum Buch aus der ›Literatopia‹-Rezension von Angelika:

Dennoch aber muss der geneigte Leser leidlich feststellen, dass Mattie so gar nichts kindliches mehr an sich hat. Im Gegenteil. Charles Portis präsentiert seine junge Heldin sehr kalt und bestimmt und lässt sich damit die Gelegenheit entgehen, einen zerbrechlicheren Charakter vorzuzeigen, der vielleicht berührbarer gewesen wäre. So jedoch ist es bedauernswert, dass diese sonst sehr bestechende und furios wirkende Handlung niemals wirklich emotional werden will und damit ebenso ein bisschen oberflächlich wie kurzweilig bleibt.
Das verrät viel über die Leserin und wenig über die Güte des Buches. Man ›kann‹ einem Buch vorwerfen, das es nicht liefert, was man gerne hätte oder erwartet. Man sollte sich aber vielleicht vor dem Urteils-Äußern fragen, ob man nicht am Buch vorbeigelesen, z.B. in diesem Falle übersehen hat, aus welcher Lebenswelt Matti kommt und wie sie von dieser geprägt wurde; warum sie von ihren Mitmenschen als ungewöhnlich angesehen wird (frühreif, stur, unsentimental, helles Köpfchen, zäh, religiös streng, belesen); dass Matti durchaus ein paar wenige Male weint. Man achte allein auf Mattis inniges Lobpreisen eines wesentlichen Helden des Buches, dem Cowboy-Ponny Little Blackie! — Wie dem auch sei, hier noch mein liebster Matti-Spruch (Seite 167):
{I}ch {…} hatte keine Lust, mich auf ein Wortgefecht mit einem Betrunkenen einzulassen. Was hast du schon erreicht, wenn du einen Narren besiegst?

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Film: Einmal geliehene DVD, einmal Kino mit Andrea.

»snatch – Schweine und Diamenten«»snatch – Schweine und Diamanten«
Der erste Film von Guy Richie, den ich gesehen habe, war seine Neuauflage der Abenteuer von Sherlock Holmes, mit der ich durchaus zufrieden war. Sein zweiter Film, »snatch – Schweine und Diamanten«, wurde mir im Laufe der Jahre von vielen Bekannten empfohlen. Ganz ehrlich: ich habe den Eindruck, dass der Film wenig mehr tut, als auf einer Welle zu reiten, die von Tarantinos »Reservoir Dogs« und »Pulp Fiction« losgetreten wurde … auch wenn »snatch« das besser macht, als so manch anderer Flick, der uns die raubeinige Welt von Gangstern als chaotische, brutale und groteske Abenteuerwelt unterjubeln will. Die Inszenierung ist flott, die Handlung um den Diebstahl eines fetten Diamanten hinreichend verknäult um zu unterhalten, und das Spiel des Ensembles so lustvoll und deftig, dass ich über die Belanglosigkeit des Ganzen gerne hinwegsehe. Erstaunlich, wie solide Jason Statham agiert. Die größte Wonne bereitete mir Alan Ford als schmieriger Gangsterboss Bricktop.

Fazit: Netter Film für Zwischendurch, gut für eine Handvoll Schmunzler, auch wenn er mir zu berechnend cool daherkommt. — 6 von 10 Punkten (= Unterhaltsam mittelprächtig; Akzeptabel).

»The King’s Speech«»The King’s Speech«
Wieder einmal bringt sich eine Geschichte als Oscar-Kandidat in Stellung, die uns davon erzählt, wie ein gehandicapter Mensch mit seinem Defekt zurande kommen muss. In diesem Falle ist es der Stotterer Bertie, der wider Willen und unerwartet Thronfolger wird, und zum Beginn des zweiten Weltkrieges gefälligst meistern muss, via Radioansprachen seinen Untertanen Inspiration und Mut zu spenden, im Kampf gegen Hitler und Stalin. — Der Film schwelgt deutlich zu verliebt im Ambiente des ›good old England‹, was ich aber verzeihen kann. Immerhin erzählt »The King’s Speech« ganz effektiv davon, wie sehr Menschen mit der ihnen aufgebürdeten Stellung, der Rolle die sie einnehmen müssen und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Zwängen zu hadern haben. Als jemand, der als Kind und Teen unter Stress gestottert und gelispelt hat, fand der Film, trotz seiner offensichtlichen Kalkuliertheit, mit mir ein wohlgesonnenes ›Opfer‹. — Das alles hätte schwer daneben gehen können, wenn nicht die beiden Hauptdarsteller (Colin Firth als sprachgestörter Prinz, und Geoffrey Rush als unkonventionell-fortschrittlicher Sprachtherapeut), und die sie unterstützende NebendarstellerInnen, hier nicht wahrlich meisterlich auftrumpfen würden.

Fazit: Berührende Studie einer Milieu-Zwänge überwindenden Männerfreundschaft; zudem auch anschauliche Darstellung, wie sehr das Selbstwertgefühl und Ansehen eines Menschen von seiner Sprache abhängen.— 8 von 10 Punkten (= Bemerkenswert mit leichten Schwächen; Anregend).

Netzfunde

  • Zu den Artikeln der diesmonatigen Ausgabe von ›Le Monde Diplomatique‹, die jetzt schon im Netz nachzulesen sind, gehört Die Bahnhofslektion — Das Beispiel Stuttgart 21 und die Grundlagen der Demokratie von Lutz Wingert. Wunderbar, wie darin mittels einer längeren Analogie phantastisch geschildert wird, in welcher Art von Schein-Demokratie wir leben:
    {…} Restaurant-Demokratie {…}: Vorzugsweise am Wahltag äußern die Bürger ihre Wünsche. Der Kellner in Form einer Partei nimmt sie entgegen und trägt sie in die gut abgeschirmte Küche. Dort halten die ministeriellen Köche gerne Rücksprache mit den meist privatwirtschaftlichen Experten über Grundlage und Zutaten des Menüs, je nachdem, ob es sich um ein Menü in Sachen Gesundheit, Finanzmarktregulation oder Stadtentwicklung handelt. Nach der Vorspeise werden Umfragen im Gästeraum des Bürgerpublikums gemacht und an die Kellner gemeldet. Wem die dann servierten Entscheidungen nicht schmecken, der kann beim nächsten Mal andere Wünsche anmelden oder sich an andere Kellner wenden.
  • Eine feine Zusammenfassung der weltpolitischen Entwicklungen bietet dieser Vortrag von Noam Chomsky, dem großen alten Herren der US-eigenen Landes-Kritik, gehalten am 25. Januar an der Universität von Tennessee.
  • ›Telepolis‹ beglückt uns mit einem langen Artikel von Tom Appelton, der mit Im (sic!) Anfang war das Bild das Werk von Robert Crumb erläutert, insbesondere dessen Bibel-Umsetzung »Genesis«.

(Deutschsprachige) Phantastik-Funde

Zur Erinnerung:
Hinweise auf bemerkenswerte deutschsprachige Internet-Beiträge zum Thema Phantastik (in allen ihren U- & E-Spielarten) bitte per eMail an …

molosovsky {ät} yahoo {punkt} de

… schicken. — Willkommen sind vor allem Hinweise zu Texten, die wenig beachtete Phantastikwerke behandeln (z.B. also Einzelwerke statt Seriensachen), oder die über Autoren, Theorie und Traditionsentwicklungen berichten.

Zuckerl
  • Eine wunderbare Spielerei, eine Art interaktives Blödsinn-Comicfilmchen, liefert Motiza von ›baboon‹. Alles beginnt stets von Neuem mit einem Samenkorn. Doch was machen damit? Es in einen Blumentopf pflanzen oder von einem Vögelchen fressen lassen? Viel Spaß mit dem Erkunden der Möglichkeiten (freut Euch über das Hasi!)
  • Passend zu meinem letzten ›Fetzenschädel‹-Eintrag kann man bei antville-Kollegen pheake darüber abstimmen, wie ›Copy-Karl‹ zu Guttenberg am besten zurücktreten sollte.

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Molos Wochenrückblick No. 41

Eintrag No. 700 — Es freut mich, dass mein für den Golkonda Verlag erstelltes Portrait der Brüder Strugatzki Verwendung findet auf der Website ›Life in the 22. Century‹ von Andreas Reber.

Lektüre / Film: Habe »Unendlicher Spass« zur Seite gelegt, aber nicht abgebrochen. Mir ist was dazwischen gekommen, nämlich die Krimi-Serie »Castle«.

Ich teste immer wieder mal TV-Serien an, und finde da auch so einiges, was ganz amüsant ist, aber es ist schon eine Weile her, dass mich eine Serie so schnell so begeistert hat wie diese ziemlich klassische Krimi-Kiste mit einer Priese Screwball Komödie. — Man nehme ein Pärchen und kehre die Geschlechter-Rollenklischees um: also hier einen selbstverliebten & plapperhaften Thriller-Autor, Rick Castle, dort eine herbe & abgebrühte Kommissarin, Kate Beckett, beide erfolgreich auf ihrem Gebiet, verbandle die beiden in einem Geflecht aus gegenseitiger Faszination und vorsichtiger Distanz und schicke sie los im Gewimmel von New York um Mordfälle zu klären.

Was mich nun unter anderem arg angefixt hat, ist das Metafiktion-Spiel, das die Sendung veranstaltet: Castle begleitet Beckett vor allem deshalb, weil sie seine Inspiration für seine neue Romanfigur, Nikki Heat, ist. Und den ersten Nikki Heat-Roman, »Heat Wave«, gibt es schon in Echt als Taschenbuch, und den habe ich letzte Woche unterwegs schwupps verschnabbuliert. Keine hohe Prosa, sondern ebenso wie Brunetti, Jury und Co schlicht gute kurzweilige Krimi-Unterhaltung. — Die Serie und das Buch zeichnen sich durch flotte Dialoge und geschickt konstruierte Fälle aus. Ein großes Vergnügen.

Netzfunde

(Deutschsprachige) Phantastik-Funde

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Rüge

  • Der Science Fiction-Podcast Schriftsonar nervt mich ungemein mit seiner platten viel zu langen Elektropampenmusik. Und in der jüngsten, der 40. Ausgabe, fröhnen die Macher einem simpel gestrickten Anti-Intellektualismus, dass die Schwarte kracht, anlässlich des Romans »Anathem« von Neal Stephenson (ca. ab Minute 24:00):
    Michael Schneiberg: Ich fand Umberto Eco immer furchtbar. Für mich ist das ein eingebildeter Bildungsbürger. Kann ich nichts mit anfangen. Und Neal Stephenson, so leid es mir tut, ich liebe ihn für seine frühen Bücher (auch wenn das wieder ein Klischee ist), der entwickelt sich echt zum verdammten Besserwisser.
    F. C. Stoffel: Es hat sich bei mir über die vielen Jahrzehnte, wo ich wirklich schon viel gelesen habe, eine sehr provokante These verfestigt, die ich auch an sehr vielen Science Fiction-Autoren bestätigt sehe, nämlich: richtig gute Schriftsteller dürfen nicht zu intellektuell sein. {…} Autoren dürfen nicht zu intellektuell werden, weil dann werden sie selbstverliebt.

    Allerdings wird in dieser Ausgabe dann auch »Die gelöschte Welt« von Nick Harkaway begeistert gelobt, was mich wieder ein wenig versöhnt mit der Sendung.

Zuckerl

  • Das Blog ›Lost & Taken‹ präsentiert: 19 Alte Bücher-Strukturen.
  • Wieder mal Johann Sebastian Bach, diesmal in Form einer Interpretation mittels Floppy-Laufwerk-Orgel, die in den letzten Tagen im Netz herumempfohlen wurde, unter anderem von Cory Doctorow bei ›Boing Boing‹: Floppy drive organ plays toccata.
  • Will zeigt uns in seinem ›A Journey Round My Skull‹-Blog einige wunderschöne pop-ige japanische Apokalypsen aus den frühen Siebzigern von Takabata Sei: The Collapse of a World Condemned.
  • Wahnsinnsmeldung bei ›Dark Horizons‹: Möglicherweise verfilmt Paul Thomas Anderson als nächstes Thomas Pynchon!
  • Zum Schluss ein Filmchen, eine wüste wilde nicht-sequentielle Aneinanderreihung aberwitziger Szenen, des Künstlers David OReilly. Warnung: nichts für schwache Gemüter oder Menschen, die eng gezogenere Geschmacks-Grenzen haben. Teilweise verstörender und/oder ekliger Inhalt. Dennoch wollte ich diese Gemme nicht unempfohlen lassen.

The External World from David OReilly on Vimeo.

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Die »Alien«-Filme, oder: Sabber bitte nicht alles voll, Schatzi

»Alien Anthology Box«Eintrag No. 697 — Von allen großen SF-Franchises gefallen mir die »Alien«-Filme am besten, trotz aller Macken (vor allem derer von Film 3 und 4). Nun habe ich die ausführlichen Zusatzmaterialien der BlueRay-Ausgabe von »Alien Anthology« genossen, was ein gelegener Anlass ist, meine alten Einträge aus der (leider immer noch kaputten) Film-Datenbank des SF-Netzwerkes aufzubrezeln.

Auch wenn die Filme als Klassiker der SF gelten und damit ihr Inhalt als bekannt vorausgesetzt werden darf, warne ich, dass ich im Folgenden beiläufig so manche überraschende Wendung verrate. — Allein schon, dass in allen vier Filmen Ripley die menschliche Protagonistin ist, gibt preis, wer den ersten Film überleben wird. Wer die Alien-Filme noch nicht kennt, dem rate ich, sich doch erst einmal die Filme zu gönnen, und erst dann diese meine bescheidene Liebeserklärung zu lesen.

Warum gefallen mir die »Alien«-Filme so dolle? — Darum:

  1. Abgesehen vom allgemein hohem Produktions-Niveau begeistert mich das SF-Design, so, wie das ›used future‹-Konzept beim ersten Mal und in Folge (mehr oder weniger) immer wieder gelungen umgesetzt wurde.
  2. Weil jeder der vier Filme durch das Spiel eines exzellenten Schauspieler-Ensembles geprägt wird. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass keiner der vier Flme auch nur eine einzige Fehlbesetzung zu beklagen hat (ja, ich finde, dass auch Wynona Ryder in Film 4 vorzüglich ihre Rolle ausfüllt).
  3. Weil jeder der vier Filme es wagt, seine jeweils eigentümliche Version des Kampfers gegen das Biest zu liefern; also, weil Varianz und nicht Einheits-Rezept die Reihe prägt.
  4. Und schließlich, weil das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt mein persönliches Movie-Lieblingsmonster ist.

Was den letzten Punkt angeht, könnte ich nun anheben zu einem ausgiebigen (und als eigenen Molochronik-Eintrag eigentlich schon lange ausstehenden) Verehrungs-Bekenntnis für das Schaffen von Hans Rudi Giger. Seine »Necronomicon«-Bildbände gehörten zu den ersten zehn Büchern, die ich mir als Teenager angeschafft habe. Damals, in der Hepberger Provinz hatte ich zwar noch keine Möglichkeit, den Film »Alien« zu sehen, aber aus SF-Filmlexikas der Stadtbibliothek und der Buchläden kannte ich Abbildungen vom Monster und von Giger-Kunst, und vom ersten Moment an, war ich diesen Kreationen mit Haut und Haar verfallen.

Man kann sich, denke ich, vorstellen, mit welcher Wucht Gigers Bildbände und meine empfängliche, jugendliche Phantasie zusammenprallten. Auch wenn ich zu einigen Aspekten seines Werkes auf Distanz bleibe (vor allem zu dem ganzen schwarzmagischen Okkultkram), bin ich immer noch davon überzeugt, dass er einer der visionärsten und bedeutendsten bildenden Künstler der letzten Jahrzehnte ist. Neben seinem untrüglichen Gespür dafür, zu veranschaulichen, wie beklemmend das Sein in der heutigen Welt sein kann (kosmisches Grauen!), beeindruckt mich seine erstaunliche Gabe, Grauseliges und Schönes miteinander zu verschmelzen (sehr oft, indem Dinge sexualisiert werden; Giger ist zweifelsohne einer der großen Erotomanen der Kunst), und nicht zuletzt entzückt mich sein desöfteren aufblitzender Humor, sei es in der bitteren Variante deiner »Todgeburtmaschinen«, sei es in satirischer Form, beispielsweise seinem Vorschlag, die Schweiz mit fünf Eisenbahn-Untertunnelung ein riesiges Pentagram einzubohren.

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»Alien«Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt
So ist das mit den Meisterwerken: Wollte ich meine Lieblings-Szenen des Filmes anführen, könnte ich gleich den ganzen Film nacherzählen. Allein schon der Beginn, wenn das große Raumschiff Nostromo vom Bordcomputer gesteuert zum Leben erwacht, gehört zu meinen Höhepunkten der Kinogeschichte. Für mich ist und bleibt »Alien« der prägende Pionier in Sachen ›used future‹, auch wenn »Star Wars« die Ehre gebührt, dieses Konzept bei seinen Tatooine-Schauplätzen etwas früher präsentiert zu haben, (aber: das ›used future‹-Konzept gründet sich bei beiden Filmen auf dem Geschick des Set-Dekorateurs & Produktions-Designers Roger Christian, der es verstand, auf Industrie- und Flugzeug-Schrottplätzen Material für seine SF-Kulissen zusammen zu klauben). Filmgeschichtlich gesehen, ist »Alien« der erste Film, der ein mich vollends überzeugendes SF-Design bietet.

Der erste Teil ist ein finsteres Horror-Märchen, mit dem Weltall, einem fremdartigen Planten als finsteren Wald, und der Nostromo als Platzangst bereitendem düsteres Schloss. Die Mär beginnt ruhig und kühl, steigert sich im weiteren Verlauf zu einer immer panischeren Count-Down-Hetze, und entlässt uns am Ende wieder zu den Klängen sanfter orchestraler Abspannmusik in den Cryo-Schlaf. Die Story ist freilich wenig mehr als ein ›Zehn kleine Jägermeister‹-Spiel, doch die Spannung zu der sich dieses im Verlauf aufschwingt, ist für mich heute noch vorbildlich.

Sehr fein finde ich die kleine Crew mit ihren unterschiedlichen Typen. Überzeugend prollige Gesellen hatschen mit Hawaihemd und Baseballkapp herum, und vor allem eine bürokratisch denkende (genauer: programmierte) Figur ist mit ihrer Kaltherzigkeit ein feines Neben-Monster.

Ich bevorzuge die ursprüngliche, etwas gemächlichere Fassung ohne die ›zum Ei verpuppen‹-Szenen der Quadrology-Edition. — Fazit: 10 von 10 Punkten.

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»Aliens«Aliens – Die Rückkehr
Stimmungsvolle Menschen- und Kolonie-Architektur (die Verlade-Robots!, siehe Kampfmaschinen in »Matrix 2 & 3«), auch wenn die dicken Wummen ein wenig überzogen sind. Feines Alien-Design (nicht von, aber nach Giger), und das Groß-Puppenspiel der Alien-Queen ist meisterlich, trotzdem finde ich die Königin nicht vollends gelungen. Am meisten grummle ich, dass die Masse der Normal-Aliens der Faszinatationskraft des Monsters abträglich ist. Auch wenn das Konzept, dass sich in für sie fruchtbarer Umgebung die Aliens wie ein Insektenstaat organisieren und entsprechend vermehren, prinzipiell interessant ist, werden die Viecher in diesem Film über Gebühr zu Schießbudenfiguren degradiert. Aber dies ist der Äktschn-Kracher unter den Alien-Filmen und erfüllt diese Aufgabe geradezu perfekt. Kein Wunder, das James Cameron mit diesem Streifen Maßstäbe für große SF- und Baller-Flicks gesetzt hat, die seitdem nur selten wieder erreicht wurden.

Einige sehr dick aufgetragene Charaktere laufen herum, die aber durchwegs funktionieren (brillant zum Beispiel Bill Paxton als nervig-cooler Cowboy). Sehr feiner kleiner Schleimer-Bösewicht, und Lance Hendrickson gibt mit anrührenden Körpereinsatz einen äußerst überzeugenden Androiden. Die überlebende Newt ist wohl nicht nur für mich einer der wenigen Fälle, wo ein Kind in einem Äktschnfilm nicht nervt.

Der Extendet Cut ist stimmiger als die Kinofassung, und funktioniert als schräger Vietnam-Film. — Fazit: 9 von 10 Punkten.

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»Alien3«Alien3
Natürlich trauere ich darum, dass von den im Bonus-Matrial vorgestellten Plänen von Vincent Ward zu diesem Teil so wenig umgesetzt wurde. Wahrlich eine großartige Idee, Ripley und ein Alien auf einer aus Holz gemachten Sphäre mönchischer Technik-Verweigerer abstürzten, und das Monster als Inkarnation des Leibhaftigen unter den religiös Erhitzten wüten zu lassen, die daraufhin das Grundübel in der verdorbenen Frau vermuten. Übrig blieb nur, dass sich Ripley und eben wieder nur ein Alien in der Umgebung eines karg ausgerüsteten Gefängnisses für Schwerverbrecher wiederfinden, und dass diese ausnahmslos männlichen Gefangenen ihrer Hysterie mit einem spirituellem Reinheitsgelübte Herr zu werden trachten.

Film 3 präsentiert sich uns wieder als Kammerspiel, wie auch der erste Teil. Zwei leidenschaftliche Theaterschauspieler zeigen, wie man mit Kleinigkeiten Spannung in Dialoge bringt: ein Hoch auf das ›Pärchen‹ Sigorney Weaver und Charles Dance.

Der (zugegeben seltene) Humor liegt mir mehr als der in Teil 2. David Fincher beweist sein Talent bei diesem seinem Spielfilm-Debut bereits mit dem Anfang, der mit beunruhigenden Fragmenten die Ausgangssituation darstellt, und alle Hoffnungen, mit denen der zweite Film endete, zunichte macht. Überhaupt finde ich die düstere Konsequenz (viele beschreiben die Stimmung des Filmes als bedrückend nihilistisch) dieses Teils richtiggehend erfrischend. Dieser Alien-Film eignet sich vorzüglich für trübsinnige Tage, wenn man etwas braucht, in das man sich mit Depri-Laune reinkuscheln kann.

Dieser Film ist erstaunlich gut, wenn man zur Kenntnis nimmt, was für Probleme es bei der Produktion gab. Enttäuschend nur, dass die Schlussjagd sich etwas lang dahinzieht und das die Tricktechnik, mit der Alien umgesetzt wurde, in einigen Szenen sehr zu wünschen übrig lässt. — Fazit: 8 von 10 Punkten.

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»Alien Resurrection«Alien – Die Wiedergeburt
Ich kann verstehen, dass sowohl viele Alien-Fans, als auch viele aus dem Kreise des ›gewöhnlichen‹ Publikums diesen bisher letzten Film der Reihe für mehr oder minder misslungen einstufen. Film 4 ist mit Abstand der hysterischste, der sich am weitesten vom ›Originalton‹ entfernt, und dessen Inszenierung zwischen Äktschn-, Humor- und Horror-Aspekten eine heikle Gratwanderung zusammenwackelt.

Interessanterweise lassen sich einige Sequenzen des Filmes als Selbstbespiegelung von Franchise-Ausbeuterei und überdrehter Alien-Begeisterung lesen: Skrupellose Wissenschaftler (Symbol für Filmproduzenten und Franchise-Spin Doktoren) sind dabei, Aliens zu züchten, und versuchen sie zu zähmen. Einer der Wissenschaftler ist geradezu vernarrt in die Monster und gibt sich ein zärtlich-neckisches Mimik-Duell (grandios dargebracht von Brad Dourif). — Ripley wird von Entsetzten überwältigt, als sie ein Kabinett mit misslungenen Mensch/Alien-Klon-Mischlingen entdeckt (Symbol für: enttäuschte Fans, die nicht ertragen, was aus ihrem geliebten Monster-Franchise gemacht wurde), und einem besonders erbärmlichen Exemplar verpasst die den ›gnädigen‹ Flammentod (eigentlich ziemlich ›ungnädig‹, denn Verbrennen ist recht grauselig; sie hätte dem armen Klon besser erstmal eine Kugel in den Kopf jagen sollen). — Unschuldige Menschen (Symbol für: Alien-Fans, die nicht anders können, als sich einen neuen Alien-Film angucken wollen zu müssen) werden als Versuchskaninchen missbraucht und finden sich über Alien-Eiern fixiert, damit die frischschlüpfenden Face Hugger gleich einen Wirtskörper haben.

Ich kann mir nicht helfen und finde diesen Teil trotz all seiner Unzulänglichkeiten ziemlich unterhaltsam. Genial zum Beispiel die Idee eines guten Untergrund-Androiden (menschlicher als die Menschen) und der drastisch erbärmlichen Klonkreuzung »Ripley 8«. Ich liebe auch den Stationskommandanten (ich sag nur Schuhe putzen), seinen Sicherheitschef und die Weltraum-Piraten. — Meine Lieblingsvignette spielt in der Kantine, wenn die Piraten beim Fernsehgucken Zeit totschlagen und Wynona Ryder versucht, mit Boxhandschuhen aus einer Blechtasse zu trinken.

Der ganz große Flop des Filmes ist mit Abstand das peinlich-behämmerte Design der menschlichen Äuglein in Totenkopfeinfassung für die neue Alien-Brut. Diese neue Alien-Züchtung ist schlicht ein Griff ins Klo. Da hilft der peinsame Abgang des Viehs auch nicht mehr viel.
Fazit: 7 von 10 Punkten.

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10 + + + + + Maßstabsetztendes Meisterwerk; Olympisch.
09 + + + + Überwiegend exzellent; Packend.
08 + + + Bemerkenswert mit leichten Schwächen; Anregend.
07 + + Befriedigendes Handwerk; Kurzweilig.
06 + Unterhaltsam mittelprächtig; Akzeptabel.
Unsichtbare Grenze der absoluten Mittelmäßigkeiten
05 - Brauchbar mittelprächtig; ganz nett, aber insgesamt lau.
04 - - Überwiegend mittelprächtig; Anstrengend bzw. langweilig.
03 - - - Bis auf wenige Momente daneben gegangen; Nervig.
02 - - - - Ziemlich übeles Machwerk; Zeitverschwendung.
01 - - - - - Grottenschlechtes übles Ärgernis; Pathologisch.

Ein Schwarzer Schwan und das Vermächtnis des Tron

Eintrag No. 695 — Endlich mal wieder im Kino gewesen. Das Angebot englischsprachiger Filme hat sich in Frankfurt ja leider vermindert. Mit einem Doppel-Pack habe ich gestern also meinen Rückstand ein wenig gutmachen können, so richtig mit Maxi-Kübl (salziger) Popkorn und 1,5-Liter Pott Pupsi-(rülps)-Cola.

Lustig, dass, obwohl die beiden Filme kaum unterschiedlicher sein könnten, beide auf ihre Art sich um das Thema Perfektionismus drehen.

»Tron Legacy«
Mit dem ursprünglichen Film »Tron« aus den Achtzigern verbinden mich nostalgische Erinnerungen, denn ich hatte das Hörspiel zum Film (mit Volker Kraeft und Orginalgeräuschen aus dem Film!). »Tron« habe ich erst einige Jahre später auf Video gesehen. Obwohl ich den Film als Pionierleistung wertschätze, muss ich zugeben, dass er mich nicht so doll vom Hocker gerissen hat, wie wohl viele SF-Fans meiner Generation. Dazu ist die Story zu wirr-naiv und selbst für mich, der ich nur oberflächliche Kenntnisse über Informatik und das kybernetische Innenleben von Computern habe, zu platt und haarsträubend. Ich halte es auch für überspannt, »Tron« als Cyberpunk- oder Science Fiction-Vertreter einzustufen. Der Weltenbau ist m.E. eindeutig Science Fantasy oder, wer darauf besteht, Cyber-Fantasy.

{Hier meine Kurz-Rezi aus der SF-Datenbank von einst:
Ein Hoch auf Mœbius, Syd Mead und Co, die eine feine Computer-Fantasywelt entworfen haben.

Respekt für David Warner, der sich hinreissend entblödet, und seinen Saft vom KI-Obermotz geben und nehmen lässt.

Der Kaugummifaktor ist hoch, aber der Charme der exotischen Virtuel-Reality-Bilder hat für mich bis heute wenig eingebüßt.

Besonders ist mir auch noch das sehr gute Sound-Design aufgefallen (immerhin ‘ne spannende Frage: was machen z.B. schwebende Zerstörer in einer VR für Geräusche?)
7 von 10 Punkten.}

Nun also, nach viel Trubel auf dem Comic Con und einem von »Tron«-Pfadfindern geschürten Wahnsinns-Erwartungs-Hype wurden wir mit der Fortsetzung »Tron Legacy« beschenkt. Ein enttäuschendes Geschenk, wie ich finde. Die Story ist noch wirrer und dünner als die des ersten Teils. Zwar macht es Spaß, Jeff Bridges und Oliva Wilde zu sehen, aber die Texte, die die Darsteller aufsagen müssen, machten meinem Hirn Aua. Und Michael Sheen beweist wieder einmal, dass er nicht nur ein exzellenter Drama-Mime sein kann, sondern auch das Fach des überzogenen Genre-Wichts bis zum Gottserbarm auszureizen versteht (Gut so!!!). — Die langen Dialogfoltern wären nicht sooo schlimm, wenn die Äktschn richtig funzen würde. Tut sie aber nicht. Selten habe ich so aseptische Verfolgungsjagdten und Kämpfe gesehen. Der eine Kampf in der ›End Of The Line‹-Bar, an dem auch Wilde beteiligt war, gehört zu den lahmarschigsten die ich seit langem gesehen habe.

Groß getönt wurde über die revolutionäre computergezauberte Verjüngungskur, mittels der man aus Jeff Bridges den nach Perfektion strebenden Bösewicht CLU gemacht hat. Zwar fasziniert das Ergebnis, bleibt aber merklich hinter der bereits vorgelegten Leistung von Finchers »Benjamin Button« zurück und ist damit irgendwie peinlich-spooky. Auch die 3D-Qualität war eher mau, verglichen mit der, die ich von »Avatar« kenne.

Was bleibt Gutes zu sagen? Die Design-Leistungen (sowohl Optik als auch Sound) sind durchaus gelungen (auch wenn ich gestehen muss, dass mir die Grid-Welt mir zu steril ist), und die Musik von Daft Punk hat mir gefallen, auch wenn sie stellenweise die übliche Mainstream-Soße über alles schüttet.

Ergänz (03. Februar 2011): Auf DVD oder Blue Ray besorgen werde ich mir »Tron Legacy« aber schon, und zwar, wenn, dann die Ausgabe, mit richtig viel ›Making of‹-Bonus. Ich bin jetzt schon sicher, dass (wie bei »Tron«) diese Berichte aufregender sind als der Film selbst. Das meine ich jetzt nicht zynisch oder lustig. Ich habe mich immer schon begeistern können, für die Kunst und die kreativen und technischen Leistungen, die nötig sind, um effekt-reiche Filme auf die Beine zu stellen.

Fazit: Erstaunlich lahmes und lebloses Effekt-Kino, dessen Schau- & Klangwerte die Makel nicht wett machen können.
5 von 10 Punkten. (7 von 10, wer auf ›cool‹ und ›Monomythus-Pathos‹ steht)

(Und für Chester A. Bum ist »Tron Legacy« wieder mal der beste Film, den er je gesehen hat!)

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»Black Swan«
Ich habe keine Ader für Ballett (genauer: gibt tolle Ballettmusik, aber der Tanz lässt mich normalerweise kalt). Da bin ich freilich baff, wie intensiv es der Film verstand, mich mitzunehmen auf die Krisen-Achterbahn einer perfektionistischen, zerbrechlichen und neurotischen Tänzerin, die mehr als nur ein bisschen ins Trudeln gerät, angesichts der selbst und von anderen gestellten Ansprüche.

Am ehesten kann ich die Geschichte beschreiben als gelungen gerührten Mix aus Oscar Wildes »Dorian Grey« und Finchers »Fight Club«. — Ninas (Portman) Sicherungen brennen durch, bei ihrem Versuch, künstlerisch über sich hinauszuwachsen. »Schwanensee« soll inszeniert werden, und die Rolle des unschuldig-romantischen, fragil-grazilen weißen Schwans passt ihr wie angegossen. Die Inszenierung baut aber auf den Clou, dass eine Tänzerin nicht nur den weißen Schwan, sondern auch den dämonisch-verruchten schwarzen Schwan geben soll, und das darzustellen, ist für die verklemmte Nina schwer … womöglich zu schwer.

Der Film ist ein gefundenes Fressen für alle Zuschauer, die in der Gruppe oder für sich allein gerne herumpsychologiesieren, oder es lieben mutzumaßen, was denn nun vom Gezeigten Wirklichkeit, was Wahntrugbild war. — Für mich ist der Film vor allem ein starkes, berührendes und doch schock-schonungsloses Anschauungsstück dazu, was es bedeuten kann, wenn das Leben sich der Kunst unterzuordnen hat, wenn die eigene Persönlichkeit nur Büttel für den unbedingten Willen zur großen Artistik ist.

Es hilft freilich, wenn nicht nur die Hauptdarstellerin überzeugt, sondern sich auch in den Nebenrollen lauter gute Leute von ihrer besten Seite zeigen, unter anderem Barbara Hershey als Mutter die vehement erzwingen will, dass ihre Tochter jene Karrierehöhen erreicht, die sie selbst aufgeben musste, eben weil sie Nina bekommen hat; — Vincent Cassel, der den Ensembleleiter des Balletts spielt, als künstlerlisch-manipulativen Vater-Mephistopheles; — und in einer kleinen Rolle endlich mal wieder Winona Ryder, richtig durchgeknallt und verzweifelt. Bravo!

Der kritische Phantast in mir begeistert sich natürlich dafür, wie geschickt »Black Swan« seine Spezieleffekte dosiert, um erscheinen zu lassen, was man normalerweise nicht sieht, nämlich die Innenwelt einer Person (nebenbei: es gibt Spiegel-Metaphern zum Saufüttern!!!). Und ich bin begeistert von der Tempo-Gestaltung des Filmes, der sich genug Zeit lässt, mich erstmal mit der noch halbwegs intakten Nina vertraut zu machen. Um so wuchtiger dann der Stimmungswechsel, wenn Nina die Souveränität gegenüber ihren Phantasien und Trieben einbüßt, und sich zu allen bisherigen Stressierungen auch noch verborgene Sehnsüchte gesellen, die nach Erfüllung drängen.

Zu Mäkeln habe ich lediglich, dass mir die Kameraarbeit nicht durchgehend gefiel. Die Bildgestaltung und Führung waren exzellent, aber bei einigen Szenen wurde eine sehr körnige Bildqualität verwendet, die mir nicht liegt.

Fazit: Natalie Portman trumpft auf mit einer Bravourleistung in diesem Mädchen-Psycho-Fantasy/Horror-Flick der schmerzhaft-poetischen Sorte.
9 von 10 Punkten.

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10 + + + + + Maßstabsetztendes Meisterwerk; Olympisch.
09 + + + + Überwiegend exzellent; Packend.
08 + + + Bemerkenswert mit leichten Schwächen; Anregend.
07 + + Befriedigendes Handwerk; Kurzweilig.
06 + Unterhaltsam mittelprächtig; Akzeptabel.
Unsichtbare Grenze der absoluten Mittelmäßigkeiten
05 - Brauchbar mittelprächtig; ganz nett, aber insgesamt lau.
04 - - Überwiegend mittelprächtig; Anstrengend bzw. langweilig.
03 - - - Bis auf wenige Momente daneben gegangen; Nervig.
02 - - - - Ziemlich übeles Machwerk; Zeitverschwendung.
01 - - - - - Grottenschlechtes übles Ärgernis; Pathologisch.

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Molos Wochenrückblick No. 28

Eintrag No. 675 — Der Wochenrückblick fällt link-mäßig diesmal mager aus. Grund: Ich war angekränkelt und bin neben dem Brotjob vor lauter Zeichnerei und Übersetzerei zu wenig gekommen.

Lektüre: Immerhin bin ich beim Lesen von Arno Schmidts Riesenwerk »Zettel's Traum« ein gutes Stück weiter. Mehr dazu in meinem zweiten Lektürebericht.

Jon R. Lansdale: »Kahlschlag«, Golkonda Verlag.Fertig gelesen habe ich Joe R. Lansdales »Kahlschlag« und bin überaus zufrieden damit. Auch hierzu hoffe ich, bald eine Rezension liefern zu können. Der Roman hat mir wieder Mal klar vor Augen geführt, was mir bei vielen Fantasy- und SF-Genrestoffen prinzipiell missfällt: nämlich, dass viele phantastischen Genre-Stoffe gleich mit der großen Schicksalskeule aufwarten und sich bei ihnen die Handlung mindestens um die Rettung der Welt und den Kampf gegen das absolute Böse dreht. »Kahlschlag« spielt dagegen ›nur‹ in einer kleinen Welt, der Sägewerksiedlung Camp Rapture und dem boomenden Ölfeld-Ort Holiday, irgendwo im Ost-Texas der 1930-Jahre. Äktschn-mäßig passiert zwar viel, und Lansdale versteht es, mit einem abwechslungsreichen & starken Figuren-Ensemble aufzuwarten, aber die Handlung dreht sich eben ›lediglich‹ darum, dass Menschen mit den harschen Bedingungen des ländlichen Lebens und den Widrigkeiten, die sie sich einander antun, zurande kommen müssen und versuchen, so gut es geht Recht und Ordnung zu wahren.

Nun lese ich seit dem Wochenende unterwegs »Gormenghast (1): Der junge Titus« von Mervyn Peake in der Neuausgabe, für die Alexander Pechmann die Übersetzung von Annette Charpentier überarbeitet hat, sehr zur Verbesserung des Buches, wie ich anhand der bisherigen Stichproben zu urteilen wage. Wenn alles so klappt, wie ich hoffe, dann werde ich Mervyn Peake neben Wolf von Niebelschütz zum Gegenstand meines Beiträges für das nächstjährige »Magira«-Jahrbuch machen.

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Film: Bin unglücklich in letzter Zeit. Das Angebot an englischsprachigen Filmen in Ffm ist seit dem Ende des »Turm Kino« dramatisch zusammengeschrumpft. Wahnsinnig gerne würde ich z.B. »Machete« von Robert Roriguiz sehen, aber der läuft nur in einem Kino, einmal am Tag (um 23:15!) und auf Deutsch. Muss ich also wieder bis zur DVD warten.

Auf DVD habe ich zwei Sichtungen vorgenommen: zum einen endlich »Walhalla Rising« gesehen. Im ›OliBlog‹ gibt es eine gute Rezension zu dem Film, und ich baue meinen dort platzierten Kommentar mal aus: Ich finde nicht, dass der Film keine Geschichte erzählt. Freilich erzählt er eine, sogar eine ziemlich komplexe, aber der Film erzählt eben nicht auf konventionelle Art. Neben der offensichtlichen Handlung (Kampf-Sklave befreit sich, tötet seine ehemaligen Peiniger, schließt sich zusammen mit einem Jungen einer Gruppe christlicher Wikinger an, die Jerusalem beistehen wollen; man treibt ziellos im Nebel umher, erreicht ein unbekanntes, wildes Ufer und sucht nach Halt und Ziel in der Fremde) tut sich schon eine Menge, aber eben non-verbal & betörend intensiv vermittelt durch die Bilder, den Sound und die Musik. Zudem wagt der Film offene Enden und Rätsel wie selbstverständlich unbeantwortet zu lassen.

(SPOILER/ Was geschieht mit den nackichen Frauen-Sklaven im zweiten Kapitel?; Oder wie kommt es, dass ein Wikinger von den Naturwilden aufgenommenen wurde? /SPOILER-ENDE)

Was als Argument schnell mal als billige Entschuldigung für schlecht gemachte Stories angeführt wird, will ich hier als Lob und Anerkennung anwenden: dass nämlich einiges, vieles sogar der Phantasie des Zuschauers überlassen wird. Und da der Film so gut gemacht ist, verführt er dazu, dass man sehr intensiv in die damalige Zeit eintaucht. Zumindest mir scheint, dass dieser Film ein gnadenlos realistisches Bild von etwas vermittelt, das in Genre-Stoffen schnell mal verniedlicht, verkitscht und verharmlost wird.
Punkte: Etwa 8 von 10.

Zweitens habe ich nun die lange (Extended Collector’s Cut) Fassung »Avatar« auf DVD. Obwohl die arg konventionelle Handlung, sprich: Vorghersehbarkeit, den Genuss schwächt, bin ich selbst überrascht, wie sehr mich »Avatar« begeistert. Schade nur, dass es in dieser Welt scheinbar (noch) nicht möglich ist, so einen Stoff bei dem Aufwand für Ab-16 oder Ab-18 zu produzieren. — Die ca. 20 Minuten längere Fassung meiner DVD beginnt in einer Megametrople auf der Erde. Sehr gut als Kontrast zur späteren Natur-Buntheit geeignet. Die Ankunft auf Pandora war alles noch der ›übliche SF-Genre-Bombast‹. Als der Rollstuhlfaherer Jake später dank seines frischangezogenen Avatar-Körpers genießt, wieder rennen zu können, hatte ich zum ersten Mal im Verlauf des Filmes dieses wunderbare erhebene Gefühl, weshalb man wohl in diese Art von Film geht: Kloss im Hals wegen ansteckender Freude an der Freude der Figur. Da hat es ›Klick‹ gemacht und der Rest funktionierte prächtig bei mir.

Der Weltenbau ist in jeder Hinsicht ein Wahnsinn!!! Sicherlich das beste auf diesem Gebiet seit LOTR, nur thematisch und stilistisch viel näher bei meinen persönlichen Vorlieben. Die Darsteller sind durch die Bank gut. — Der Star des Filmes ist für Stephen Lang. Mir ist der Schauspieler sonst nur noch prägnant als unglücklich verliebter schwuler Gewerkschaftsaktivist aus »Last Exit Brooklyn« in Erinnung (»Public Enemy« hab ich komplett verdrängt) und bin mehr als baff von seiner Darstellung des Security-Chefs. — Positiv aufgefallen ist mir zudem, dass es keine ›Bösewichter‹ gibt, sondern nur Figuren, die konsequent ihren eigenen Erfahrungen (Traumas?) gemäß handeln.

Ein Ärgernis ist für mich die zu weichgespülte Musik von James Horner, vor allem sein ermüdender Einsatz des Trompeten-Motivs, das Horner schon tausendmal als ›Gefahr in Verzug!‹-Zeichen eingesetzt hat (und ich finde es oberätzend, wenn man mitten in einem Film, hier »Avatar«, an andere Filme, z.B. »Krull« und »Willow« erinnert wird). Und ein, zwei Mal war der ›Eingeborenen‹-Schmalz etwas zu heftig für meinen abgebrühten Geist.
Punkte: Etwa 9 von 10.

Netzfunde

  • Peter Sloterdijk hat für ›SpOn‹ den Debatten-Text Der verletzte Stolz vorgelegt und macht damit wieder mal, was er gut kann, nämlich Antike und Gegenwart aufeinander beziehen und lässt dabei z.B. dem dummen Westerwelle-Geblah von der heutigen ›römischen Dekadenz‹ die Luft raus.
  • ›Telepolis‹ hat mit dem Wirtschaftswissenschaftler Franz Hörmann gesprochen: Finale Krise des Finanzsystems im nächsten Jahr?. Hörmann ist einer der sympathischen Vertreter seiner Zunft, da er gerade heraus feststellt, die Mainstream-Wirtschaftswissenschaften seien Quark, Herrschaftspropaganda und alles andere als Wissenschaft.

(Deutschsprachige) Phantastik-Funde

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Hinweise auf bemerkenswerte deutschsprachige Internet-Beiträge zum Thema Phantastik (in allen ihren U- & E-Spielarten) bitte per eMail an …

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… schicken. — Willkommen sind vor allem Hinweise zu Texten, die wenig beachtete Phantastikwerke behandeln (z.B. also Einzelwerke statt Seriensachen), oder die über Autoren, Theorie und Traditionsentwicklungen berichten.

Zuckerl

  • Wer noch Zeit zum Verschwenden hat, kann das effektiv mit dem Spieleportal von Newgrounds erledigen. Entdeckt über das lustige Sydney Shark.
  • Bei ›CartoonSnap‹ zeigt man ein altes, ziemliches schräges Jack Kirby-Comic: The Fourth Dimension Is A Many Splattered Thing(etwa: »Die Vierte Dimension ist ein vielgestaltig Ding«).
  • Lehrreiche Veranschaulichung von ›The Map Room‹: Zehn Jahrhunderte in fünf Minuten. Leider hat man vergessen, irgendwo die Jahreszahl einzublenden. Aber damit lässt sich dieser Clip formidabel für ein kleines Wissensquiz in trauter Runde verwenden.
  • ›Art & Letters Daily‹-Redakteur Denis Dutton hat 2009 »The Art Instinct« vorgelegt, und bei ›TED‹ gibt es nun einen ca. 15 Minuten langen Vortrag zu eben dem Thema dieses Buches: A Darwinian theory of beauty (›Eine darwinistische Theorie der Schönheit‹). Glorioserweise hat RSAnimate-Künstler Andrew Park mitgeholfen, die Theorie zu veranschaulichen!


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Molos Wochenrückblick No. 24

Eintrag No. 662Film: Hinke ja arg weit hinterher, was das Liefern von Film-Rezis oder zumindest Film-Kurzreszis angeht. Also hohle ich mal nach, zumindest von meinen jüngsten Kino-Besuchen zu berichten

Vor ca. zwei Wochen war ich in »Ponyo – Das große Abenteuer am Meer«, und wieder mal bin ich überwältigt von der Macht, die ein ›Studio Ghibli‹-Film über mich hat. Der Film richtet sich unverkennbar zuerst mal an Kinder von etwa 4 bis 7 Jahren, aber wie meine Begleiterin Andrea so trefflich sagt: »Bei einem Miyazaki-Film dauert es etwa zwei Minuten, und ich bin wieder am Staunen wie eine Fünfjährige«. Wie immer bin ich mitunter am meisten von den stillen Momenten fasziniert, wenn ›eigentlich‹ nix passiert. Die kann Regisseur Miyazaki inszenieren, wie kaum jemand sonst. Und fast das Herz gesprengt hat mir natürlich der große Äktschn-Höhepunkt, wenn Ponyo auf wilden Meerenwogen parallel zum einem Auto der Küstenstraße folgt.
— Kurz: ca. 9 bis 10 von 10 Punkten.

Und dann hatte ich letzte Woche Gelegenheit, mir den neuen David Fincher »The Social Network« anzuschauen. Wieder erstaunlich, wie mühelos Fincher sich in einem neuem Genre tummelt. Im Grunde funktioniert »The Social Network« wie ein Theaterstück oder ein Woody Allen-Film. Leute sitzen herum und reden, nicht zu knapp. Der Film veranschaulicht gelungen, wie man als Macher eines Projekt getrieben wird von dem Verlangen, etwas gestalten und bewegen zu wollen, und natürlich, wie im Zuge des Begehrens, Ruhm und Geld anzuhäufen im juristischen Slalomlauf so manche Freundschaft auf der Strecke bleibt. Dass freundschaftliche Bindungen der Erschaffung einer sozialen Netzwerk-Plattform geopfert werden, ist nur die offensichtlichste Ironie des Filmes.
— Wertung: ca. 7 bis 8 von 10 Punkten.

Ach ja: Chester A. Bum findet natürlich auch wieder mal, dass »The Social Network« der beste Film ist, den er je gesehen hat.

Netzfunde

  • Interessanten Einblick in den Buchkaufhaushandel bietet das Hugendubel Verdi Info-Blog. Besonders gefallen mir die ›Sprachlos‹-Einträge, die ergreifend den Frust engagierter Buchverkäufern, die bei Hugidubi arbeiten, bebildern.
  • Für ›Jungle World‹ legt Alex Feuerherdt mit Hauptsache Religion einen feinen Kommentar zu den derzeit abgegeben Profilierungsschwachsinn der ›C‹-Parteien vor.
  • Apropos ›jüdisch-christliche Wurzeln‹: Jeder, der sich auch nur halbwegs mit Kultur- und Religionsgeschichte beschäftigt, und dabei nicht durch Interessens-Doktrinierungen gehirngewaschen wurde, weiß, dass die Rede vom ›jüdisch-christlichen‹ Fundament des Hauses Europa einfach Quatsch ist. Man konsultiere einfach mal ein Kulturgeschichtswerk, in dem Begriffe wie ›Volksreligion‹ und ›Elitenreligion‹ vorkommen. (Zum Beispiel »Lebensformen Europas« von Wolfgang Reinhard.) — Über Holger Kleins Stackenblochen-Blog fand ich meinen Weg zu einem Kommentar von Don Alphonso in seinem F.A.Z. Stützen der Gesellschaft-Blog, den ich gerne auch hier zitieren möchte:
    Christliches Abendland heisst immer: Ich bin zu blöd, die Schattenseiten der letzten 1200 Jahre zu kennen.
    Jüdisch-Christliches Erbe heisst oft mitunter: Ich finde es geil, mein Herrenrassentum so zu verkleiden, dass ich mich notfalls auf Deinen Antisemitismus rausreden kann, wenn Du mich für den stinkenden Fascho hältst, der ich bin. Dabei wird es schwer sein, einen Juden zu finden, der sich auf dieses angebliche Erbe berufen möchte: Als ob es noch nicht genug Geschlichtsklitterung und Fälschung in dem Bereich gegeben hätte.
    Klar gesagt: Es gibt kein jüdisch-christliches Erbe. Die allerwenigsten, denen das aus dem Maul trieft, kennen vom Judentum mehr als die Kipah. Christentum und Judentum sind allein schon wegen der Frage des Messias absolut unvereinbar gewesen, und das Verhältnis hat sich von 800 bis 1945 dann auch merklich verschlechtert, um es höflich zu formulieren.
  • Auch wenn ich, nein: gerade weil ich ja ein bekennender und überzeugter Atheist bin, kann ich nur den Kopf schütteln über diesen Blödsinn: Nicht nur Kirchenaustritt, auch Enttaufung möglich. Zugegeben: nachdem viele ja ohne gefragt zu werden als Kleinkinder getauft wurden, fände ich es nur angebracht, wenn es die Möglichkeit gäbe, sich als Erwachsener, der eine entsprechende Weltsicht angenommen hat, zeremoniell Ent-taufen lassen zu können. Andererseits kann man das ja auch selbst gestalten und vornehmen, sei es alleine, oder im Kreise entsprechend Gleichgesinner. Ohne, dass man einen umgemodelten Föhn kaufen muss. — Durchaus originell finde ich allerdings den im Artikel vorgeschlagenen Gerbauch der Verse von Catull (aus »Carmen 85«) als Ent-Taufungs-Formel, auch wenn diese Zeilen, typisch für diesen römischen Dichter, etwas zu zerknirscht für meinen Geschmack sind:
    Odi et amo. Quare id faciam, requiris Fort Asse? Nescio, sed fieri Sentio et excrucior.
    Ich hasse und liebe. Du fragst vielleicht, warum ich das tue. Ich weiß es nicht, aber ich fühle, dass es geschieht und ich quäle mich.
  • James Buchan schrieb für ›guardian‹ eine lesenswerte Besprechung des Buches The German Genius: Europe’s Third Renaissance, the Second Scientific Revolution and the Twentieth Century von Peter Watson.
  • Und Marc Fabian Erdl jubiliert in ›Der Freitag‹ ausführlich über die erste komplette deutsche Ausgabe der geheimen Tagebücher von Samuel Pepys (einer durchaus wichtigen Nebenfigur in Neal Stephensons »Barock-Zyklus«): Geiler Bock, Staatsbeamter.
  • Der großartige Jeff Vandermeer berichtet in seinem Blog flappsig aber erhellend davon, wie sein diesmaliger Anlauf Thomas Pynchons »Gravities Rainbow« (dt. »Die Enden der Parabel«) zu lesen nun vergnügt von statten geht: This Book Is Restoring Mah Brain Powers to Mah Brain und Reading Gravity’s Rainbow: First 75 Pages, Initial Contact. Ich selber gurke derweil irgendwo auf Seite 300 herum, und kann mich nicht so recht entscheiden, ob ich den Roman auf Englisch oder Deutsch lesen soll und pendle entsprechend zwischen beiden Sprachen.
  • Für ›Telepolis‹ liefert Jens Wernicke mit Demokratie als Standortnachteil eine Zusammendampfung des langen Beitrages Lahme Dame Demokratie – Kann der Verfassungsstaat im Systemwettbewerb noch bestehen? von Herfried Münkler aus ›Internationale Politik‹. Einfach nur gruselig, wie deutsche CDU (sic!)-Ministerpräsidenten die entmündigende Projektdurchsetzung von islamischen Nicht-Demokratien bewundern.
  • Da beleibt mir nur, mich der Hoffnung anzuschließen, die Daniel Domscheit-Berg für ›Der Freitag‹ in seinem Text Der gute Verrat zur Sprache bringt, nämlich, dass als Ausgleich für solche Sehnsüchte der Gestaltungsmächtigen in Zukunft vermehrt mutige Geheimnisverräter rechtzeitig zur Kenntnis genommen werden, und dass die Anerkennung von solchen Petzer-Helden zunehmen wird.

(Deutschsprachige) Phantastik-Funde

  • Klaus Jarchow liefert seinem ›Stilstand‹-Blog einen feinen kleinen Text über die Tugend von die Phantasie kitzelnden Leerstellen in Texten, Ehret die Lücken!, illustriert anhand der Geschichte »Die Grube und das Pendel« von Edgar Allan Poe.
  • Holger M. Pohl hat eine neue Kolumne für ›Fantasyguide‹ verfasst: Proll vs. Niemand. Auch wenn mir HMPs Text ein wenig zu gehässig geraten scheint, finde ich es trefflich, wie er die in SF-Genrekreisen typische Erregung einiger über den Erfolg anderer kommentiert. Stein des Anstoßes war dieser Thread bei SF-Netzwerk: Kritik an SF Neuerscheinungen, Iwoleit vs. Heitz oder schaden Autoren wie Heitz der SF?, aus dem dann dieser allgemeinere Thread hervorging: Exploitation SF, Annäherung an ein Phänomen. Ich denke ja, es ist unfair, sich bei der Klage über die Verflachung des geliebten Genres lediglich auf die erfolgreichen Autoren einzuschießen. Immerhin ist es das Zusammenspiel von Autoren-Ambition, Programmgestaltung und Vermarktungstrategien der Verlage, sowie der Nachfrage von Kunden, die dazu führen, dass enervierend seichtes Zeugs das Feld dominieren.
  • Noch einmal SF-Netzwerk, wo in diesem Thread Übersetzungen, Beurteilung von Romanübersetzungen einige kluge Ausführungen zur Kunst des Übersetzens zu finden sind.
Zur Erinnerung:
Hinweise auf bemerkenswerte deutschsprachige Internet-Beiträge zum Thema Phantastik (in allen ihren U- & E-Spielarten) bitte per eMail an …

molosovsky {ät} yahoo {punkt} de

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Zuckerl

  • Wie immer empfehle ich das neuste RSAnimate-Filmchen. Diesmal illustrieren die Meister von ›cognitive media‹ einen Vortrag von Sir Ken Robinson zum Thema Changing Education Paradigms, und besonders gelungen finde ich, wie das noch übliche Schulsystem mit der Logik von Fabriken verglichen wird.

  • Sobald ich mein PayPal-Konto entsprechend aufgepimpt habe, werde ich das hier bestellen: The Science Tarot. Obwohl ich mit ›Eso-Kram‹ nichts mehr (oder nicht mehr viel) am Hut habe, hege ich immer noch eine Schwäche für originelle Tarot-Karten. Ich verstehe das Tarot als eine Art interaktives Comic, das sich immer wieder zu neuen Geschichten auslegen lässt.
  • Mike Shaughnessy hat für ›BoingBoing‹ einen bewegenden Text zum Thema ›der Blick von Immigranten auf die neue Heimat‹ geschrieben, und es geht nicht um Muslime in der westlichen Welt, sondern um einen Deutschen in Amerika: My Man Anton Schutz: An Immigrant's View of the New York.
  • Dem ›Wall Street Journal‹ hat der geniale Scott Adams — der als Schöpfer der »Dilbert«-Strips dafür sorgt, dass Büromalochern dank Humor emotionelle Gesundheit bewahren — ein Interview gegeben: How to Write Like a Cartoonist.
  • Als sichere Weihnachtsbeglückung für mich darf ich mich auf den nächsten Film der Coen-Brüder freuen: True Grit, und ich bin schon sehr gespannt, wie sich dieser Rache-Western machen wird. Hier der bisher zweite, längere Trailer.

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Kino- & DVD-Schau: Kapitalismuskritik a la Tykwer, Liam Neeson gibt Mr. Gnadenlos, Tarantino zündelt mit Nazis

Eintrag No. 585

»The International«
Im Zeitalter des inflationären Einsatzes von Wackelkameras ist der ruhige, schwebende Kamerastil eines Tykwer-Films eine willkommene Abwechslung. »The International« erzählt mit der trockenen Art eines (im besten Sinne) »Tatort«-de Luxe vom Versuch eines Interpol-Ermittlers (herrlich zerknautscht: Clive Owen) und einer New Yorker Staatsanwältin, einer mächtigen, global agierenden Big Player-Bank ihre kriminellen Machenschaften nachzuweisen. Sehr angenehm ist dabei, dass hier keine üblichen Bösewichter finster herumglucksen, sondern die ›Bösen‹ als tödlich-pragmatische, aber im Grunde (allzu)menschliche Geschäftsleute gezeigt werden. — Der Film orientiert sich dabei an einem wahren Fall aus den Achtzigerjahren und es ist gruselig, wenn ein fiktiver italienischer Politiker nüchtern erklärt, dass es im Grunde darum geht, wer die Schulden von Waffendeals und großen Geschäftskrediten kontrolliert, denn wer die Schulden kontrolliert, kontrolliert alles andere.

Ein besonderes Zuckerl ist für mich auch das subtile Augenmerk, das Tykwer und sein Team der Inszenierung von Architektur widmen, sowie den verschiedenen Begegnungs- und Geschäftsprotokollen. Vor allem, was sehr schwer ist, eine Zufallsbegegnung auf den Straßen New Yorks wirkt glaubhaft. Dann bietet der Film auch einige äußerst gelungene Verfolgungssequenzen sowie eine effektvollen Ballerei an einem prominenten Ort. Und schließlich endet der Film mit einer überraschenden Pointe, die mich noch lange nach-schmunzeln ließ.

Fazit: Kühler Thriller mit gutem Ensemble der im Regen mit einem trügerischen Hoffnungsregenbogen in Berlin beginnt und in der blendenden Abendsonne der Wahrheit über den Dächern Istanbuls endet.
8 von 10 Punkten.

»96 Hours«
Ich muss Oli für seine Empfehlung danken (siehe Verknüpfung beim Filmtitel und Plakat), denn diese schnörkellose ›Einer gegen Alle‹-Gemme wäre mir sonst glatt entgangen. Es ist eine Wonne Liam Neeson als skupellosen Ex-SpecialOps-Agenten zu sehen, spielt der Mann doch in den letzten Jahren vornehmlich sanftere Typen. Nun also besucht er (endlich!) wieder das Rollenfach des ›Ruck-Zuck iss die Fresse dick‹-Rächers (wir erinnern uns mit Wonne an »Darkman«).

»96 Hours« nimmt sich am Anfang schön Zeit, uns Neesons Figur als verkrampften Ruhestand-Looser vorzustellen, der seiner Ex-Frau (ahhh, die Janssen, selbst als überspanntes Bitch noch hinreissend) und Teen-Tochter mit seiner Paranoia auf die Nerven geht. Wie er sich aber dann in Paris auf eigene Faust, alle Regeln missachtend, durch die Ränge eines albanisch-französischen Frauenhändlerringes kämpft, um seine entführte Tochter zu retten, ist eine wuchtige Schau. — Die Erbarmungslosigkeit des Helden ist eigentlich zutiefst unsympathisch und bei einigen Wendungen sogar abstoßend. Das kleine Wunder dieses Films aber ist, das wir trotzdem zu ihm halten und am Ende mit ihm fühlen.

Fazit: Jack Bauer kann so was von einpacken.
8 von 10 Punkten.

»Inglourious Basterds«
Vorweg (1): Ich mag Tarantinos Filme und finde auch den Popstar Quentin amüsant (meine Sympathien gründen etwas irrational auf dem Umstand, dass er ebenfalls am 27. März Geburtstag hat). — Vorweg (2): Obwohl ich durchaus querbeet Filme aus allen möglichen Epochen, Genres & Ländern verköstigt habe, bin ich doch weit davon entfernt, ein derartig ›belesener‹ Filmfreak zu sein, um alle Verweise, Zitate, Hommagen und Anspielungen eines hypertextgeilen Regiesseurs wie Tarantino zu bemerken. Ich denke aber nicht, dass dies zwingend notwendig ist, um seine Filme genießen oder verstehen zu können. — Vorweg (3): Ich will hier nichts groß von der Handlung des Filmes verraten, deshalb nur ganz allgemeine Stichpunkte.

Der Film ist ›Zwoter Weltkriegs-Fantasy‹, ein Märchen für große Kinder. — Es ist eine Wonne zu erleben, wie hervorragend sich eine Schaar exzellenter deutschsprachiger Schauspieler(innen) in so einem knackigen Film macht. Ein ähliches Vergnügen hatte ich so zuletzt bei Dietels »Schtonk!«. Neben dem vielfach gelobten Christoph Waltz will ich hier besonders Diane Krüger und August Diehl erwähnen. — Vorsicht: es wird sehr viel in verschiedenen Sprachen geredet (GOttseiDank) und ziemlich wenig geballert und geprügelt. Wer also einen atemlosen Äktschnfilm erwartet, wird wohl enttäuscht. — Verstörend: die Nazis sind durchwegs kultivierter, schneidiger als die Basterds. Der Ami Tarantino traut sich, die Amis als ziemlich grobgeschnitze Bullies zu portraitieren, die mit der Bauernschläue von Schnappsschmugglern gesegnet sind.

Fazit: Komplexes und zünftiges Äktschn-Komödien-Märchen über Nazis, Rachejuden, deutsche Widerstandskämpfer und Wendehälse.
9 von 10 Punkten.

•••••

10 + + + + + Maßstabsetztendes Meisterwerk; Olympisch.
09 + + + + Überwiegend exzellent; Packend.
08 + + + Bemerkenswert mit leichten Schwächen; Anregend.
07 + + Befriedigendes Handwerk; Kurzweilig.
06 + Unterhaltsam mittelprächtig; Akzeptabel.
Unsichtbare Grenze der absoluten Mittelmäßigkeiten
05 - Brauchbar mittelprächtig; ganz nett, aber insgesamt lau.
04 - - Überwiegend mittelprächtig; Anstrengend bzw. langweilig.
03 - - - Bis auf wenige Momente daneben gegangen; Nervig.
02 - - - - Ziemlich übeles Machwerk; Zeitverschwendung.
01 - - - - - Grottenschlechtes übles Ärgernis; Pathologisch.

Kino & DVD-Schau: Vampirschnulze mit viel Haarfestiger, Depp-Räuber & Bale-Gendarm, Leo & Kate im Ehe(un)glück

Eintrag No. 584 — Heute weiter mit aktuelleren Filmen, die ich in den letzten Wochen auf DVD oder im Kino gesehen habe.

»Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen«
Trockenes Stubenhockermädchen Bella und schüchterner Gutmenschvampier Edward vergucken sich ineinander. Alle anderen Schulteens benehmen sich verglichen mit den beiden wie Kindergartengemüse. Es passiert die allermeiste Zeit ziemlich genau exakt gar nix, außer Blickballettgetrippel und Rücksichts-Schüchternheits-flokskelgepokere. In einer Biostunde wird der Vortrag des Lehrers zugunsten der rrrrromantischen Musikbegleitung zum Geschmachtes ausgeblendet: mich hätten die Infos über Plattwürmer aber echt mehr interessiert! — Schulteens und Vampire sehen aus, wie frisch einem Kosmetikwerbeclip oder -Plaket entsprungen: da sitzt jede Strähne; alles porentief rein. — Dann spielt Edwards Familie plötzlich Baseball bei Gewitter zur Musik von Muse. Muse ist super, kann aber den Film nicht aufwerten (sondern nur kurz erträglicher machen). — Mir war beim Gucken extrem fad und ich driftete ab zu folgendem Gedankenspiel: Edward wurde als Siebzehnjähriger um 1900 zum Vampir und verknallt sich nun als etwa 105-Jähriger in die siebzehnjährige herb-süße Bella. Ist das nun eine verkappte Päderastengeschichte? Was sagt das Jugendamt?!?

Ich weiß schon, warum ich Vampirgeschichten die emotionell komplexer (und brutaler) sind bevorzuge. Freunde der Molochronik, meidet das bieder brav-naive »Twillight« und haltet lieber Ausschau nach der knackigen neuen Serie von Alan ›Six Feet Under‹ Ball »True Blood« nach den Büchern von Charlaine Harris.

Und der Film versagte bei mir nicht nur deshalb, weil ich ein unrrromantisches Männchen bin. Auch meine Partnerin hat sich gelangweilt. Wir haben uns gegenseitig mit Lästern wachgehalten. Dafür taugt der Streifen.

Fazit: Öde, klebrige Franchise-Schmachtwatte mit ein paar schönen Landschaftsaufnahmen vom Nordosten der USA.
2 von 10 Punkten.

»Public Enemies«
Und wieder schafft es Michael Mann nicht, mich zu überzeugen. Schon dessen von vielen als Meisterwerke gefeierte Katz- und Maus-Jagdten »Heat« und »Collateral« fadisierten mich mit ihrer aufdringlich zur Schau gestellten Coolheit und bei dem Tabakindustrie-Drama »The Insider« bin ich eingepennt. (Nur »Der letzte Mohikaner« konnte mich überzeugen und ich frage mich, warum Mann sich seitdem so zum Schlechten entwickelt hat.) Nun also hat Mann 100 Millionen für beste Ausstattung und Kostüme sowie einen Reigen doller Mimen ausgeben dürfen, und was macht er: filmt das Ganze nervigst mit wackeliger Videohandkamera, deren Bildqualität auf der großen Leinwand so minder ist, dass jeder Schwenk zu einer hektischen Schlierenparade wird. Sorry, aber da fühl ich mich mehr als leicht verarscht. — Eingedenk meiner Begeisterung für ›klassische‹ Gangsterstoffe bin ich mehr als enttäuscht, dass die Arbeit der großartigen Darsteller in diesem Film bei mir gar nicht zündet.

Fazit: Trotz schöner Kostüme und Ausstattung und der ein oder anderen dollen Ballerei ein unterm Strich sehr hässlich anzusehender, zäher Gangster-Film.
4 von 10 Punkten.

»Zeiten des Auffruhrs«
Der Originaltitel »Revolutionary Road« bezieht sich auf den Namen der idyllischen Vorstadtstraße, in der auf einem kleinen Hügel ein schnuckeliges Haus steht das sich im Laufe des Filmes zu einem Gefängnis für Alice und Frank Wheeler entwickelt. Der Film spielt zwar in den 50ern, aber der Druck und die Macht von subtilen Konformitätszwang, blödem Nachbarschaftsgerede und den ach so hochgeschätzten ›traditionellen‹ Familienrollenbildern ist von zeitloser Aktualität. — Frank pendelt also zu seinem langweiligen Bürojob in die Stadt, Alice hängt allen zuhause ihren Träumen von einem aufregenderen Leben in Europa nach. Das Unglück kommt in diesem ›banalen‹ Drama in Gestalt von ungeplantem Kindersegen und verlockenden Beförderungsangeboten daher. — Unglaublich ist die Erschütterung des gepflegt langweiligen Alltags, wenn Frank und Alice heftig aneinander vorbei streiten bzw. sich gegenseitig erstickend lieben, oder wenn der manisch-depressive Sohn der Vermieterin zu Besuch ist. Dieser von Michael Shannon gespielte Kerl nimmt kein Blatt vor den Mund und trifft mit seinen analytischen Gemeinheiten regelmäßig ins Schwarze. — Thomas Newman hat eine exzellente minmalistische Filmmusik geschaffen und die trügerische Idylle kommt Dank Roger Deakins Kameraarbeit fein zur Geltung.

Fazit: Erstklassiges (schwer tragisches) Liebes-, Ehe- und Vorstadtdrama. Großartige letzte Szene!
10 von 10 Punkten.

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10 + + + + + Maßstabsetztendes Meisterwerk; Olympisch.
09 + + + + Überwiegend exzellent; Packend.
08 + + + Bemerkenswert mit leichten Schwächen; Anregend.
07 + + Befriedigendes Handwerk; Kurzweilig.
06 + Unterhaltsam mittelprächtig; Akzeptabel.
Unsichtbare Grenze der absoluten Mittelmäßigkeiten
05 - Brauchbar mittelprächtig; ganz nett, aber insgesamt lau.
04 - - Überwiegend mittelprächtig; Anstrengend bzw. langweilig.
03 - - - Bis auf wenige Momente daneben gegangen; Nervig.
02 - - - - Ziemlich übeles Machwerk; Zeitverschwendung.
01 - - - - - Grottenschlechtes übles Ärgernis; Pathologisch.
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