molochronik

Molos Wochenrückblick No. 32

Eintrag No. 682 — Diese Woche mal mehr Kunst, Literatur & Zuckerl und weniger Politik & Religionskritik. Privat tut sich nicht so viel. Ich bossle an meinem Eintrag zu den »Alien«-Filmen, & übersetzte Texte aus dem Amerikanischen. Beobachte misstrauisch, wie die Sonne an einem Tag bei niedrigen Temperaturen scheint, am nächsten Tag der Schnee bei noch nierigeren fällt, am übernächsten wieder alles wegschmilzt, als ob nichts gewesen wäre. — Die Enten am Main scheinen in den Wintermonaten von Jahr zu Jahr übermütiger zu werden, was ich ganz allgemein für ein gutes Zeichen halte, es fragt sich nur, ob es auch ein gutes Zeichen für die Menschheit ist.

Lektüre: Wie gehabt, Mervyn Peakes »Gormenghast« und Arno Schmidts »Zettel’s Traum«. Bei Schmidt bin ich mit dem ersten Teil von sechs durch und schnitze nun an meinem zweiten Lesebericht. — Neu hinzugekommen sind Comic-Sammelband 2 und 3 der achten »Buffy«-Staffel, sowie »Leibnitz - Leben, Werk, Lehre« von Kuno Fischer. Letzteres natürlich angeregt von Stephensons »Barock-Zyklus«, in dem Leibnitz eine wesentliche Rolle spielt. Unterwegs genieße ich seit einigen Wochen die englische Hörbuchfassung und hörte am Wochenende zum Beispiel die wunderschöne Stelle aus dem zweiten Band »The Confusion«, wenn Leibnitz den jungen Mathematiker und Newton-Adepten Fatio durch die Bibliothek von Schloss Wolfenbüttel führt, ihm ein Bücherrad zeigt und dabei die Unzulänglichkeiten linearer Ordnungssysteme erklärt

Netzfunde

  • Friedhelm Rathjen erzählt für ›Die Zeit‹ davon, wie es damals war, als »Zettel's Traum« als Faksimile-Druck erstmals erschien: PoePos Trauma.
  • Gigantische Neuigkeit. Eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe, war die englischsprachige Ausgabe von Wu Ming: »Manituana«. Wu Ming ist ein italienisches Autorenkollektiv, das vor Jahren unter dem Namen ›Luther Blissett‹ auch in deutschen Landen beachtlichen Erfolg mit dem in der Reformationszeit angesiedelten Agenten-Thriller »Q« verbuchen konnten. Ich verstehe absolut nicht, warum kein deutscher Publikumsverlag sich für die nachfolgenden Romane dieser dollen Autoren zu interessieren scheint. — Der obige Link bringt Euch zu Umsonst-Versionen von »Manituana«, dem ersten Teil eines Triptychs über die Heraufkunft der modernen Welt, in dem das Dreieck Nordamerika, Europa und Afrika die Schauplätze sind. In »Manituana« wird die Anfangsphase des amerikanischen Unabhänigkeitskrieges geschildert, größtenteils aus der Sicht der Bewohner der Six Nations, besonders aus der friedlich sich miteinander vermischenden Indianer und englischen Kolonisten.
  • Die Entwicklungen um Wikileaks interessieren mich natürlich auch, aber statt selbst etwas zu kommentieren, beschränke ich mich diese Woche darauf, auf die Übersicht Wikileaks und die Pressefreiheit von ›Perlentaucher‹-in Anja Seelinger hinzuweisen.

(Deutschsprachige) Phantastik-Funde

  • Frohe Kunde erreichte mich über den für 18. Januar 2011 angesetzten Neustart der Bibliotheka Phantastika. Sehnlichst vermisst habe ich neue Rezensions-Einträge. Ich freue mich schon sehr darauf, was das neue Team bieten wird. Erstaunlich finde ich, wie professionell allein schon der Trailer ist. Immerhin ist die BibPhant eine private Unternehmung und kein Marketing-Heckmeck.

Zur Erinnerung:
Hinweise auf bemerkenswerte deutschsprachige Internet-Beiträge zum Thema Phantastik (in allen ihren U- & E-Spielarten) bitte per eMail an …

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… schicken. — Willkommen sind vor allem Hinweise zu Texten, die wenig beachtete Phantastikwerke behandeln (z.B. also Einzelwerke statt Seriensachen), oder die über Autoren, Theorie und Traditionsentwicklungen berichten.

Wortmeldungen

Rüge

Zuckerl

  • Naturkunde von ›National Geographic‹ Ten Weirdest New Animals of 2010: Editors' Picks.
  • Hübsch unheimliches Online-Comic auf der flickr-Seite von Aeron Alfrey:Junji Ito: Thing That Drifted Ashore.
  • Zwei irre Link-Tips von Harald S. haben mich erreicht (1000 Dank dafür!): Einmal die steampunkig ausgestopften Tiere der Künstlerin Lisa Black; — und zum zweiten absolut beunruhigend grotesken aber auch faszinierend schönen Möbel-Kreationen von Michel Haillard.
  • Mein Vergnügen erregt der Künstler Rob Sato, weil er Phantastik jenseits der glatten Marketing-Formeln bietet. Auch so einer, der ein geeigneter Bas-Lag-Illustrator wäre.
  • Auch diese Woche wieder ein Daddel-Tipp aus dem ›Newgrounds‹-Fundus: Zombie Trailer Park. Ich schaffe einfach Stage 4 nicht.
  • Zum Team des wunderbaren ›That Guy With The Glasses‹-Portals gehört ›Spoony‹, dessen Filmverrisse mir bisher ab und zu schon ganz gut gefallen haben, aber nun hat er sein erstes Meissterwerk abgeliefert, indem er furchtlos »Highlander: The Source« auseinander nimmt.

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Joe R. Lansdale: »Kahlschlag«, oder: Finde deine Mitte (Plus: einem Gedankensprung zum Fantasy-Genre)

Joe R. LansdaleEintrag No. 681 — Ein wunderbarer Stolz wärmt mich dieser Tage, der Stolz, einen (wenn auch kleinen) Teil zu einem richtig guten Buch beigetragen zu haben. Wie bereits hier berichtet, habe ich Joe R. Lansdales Roman »Kahlschlag« (neben Tobias O. Meißners »HalbEngel«) als Belegexemplar vom Golkonda-Verlag erhalten, weil die hintere Broschurklappe ein von mir erstelltes Autorenportrait ziert.

Der Roman kam mir gerade recht, denn ich habe schon lange nichts mehr von Lansdale gelesen. Dass der Mann richtig was auf dem Kasten hat, weiß ich durch seine »Jonah Hex«-Miniserien (den vielleicht besten Stories über diesem unheimlichen Western›helden‹: hier gibts mehr über »Two Gun Mojo« und »Riders of the Worm and Such«); seinen Kurzgeschichten in den ersten beiden Ausgaben der »Borderlands«-Anthos von Thomas F. Monteleone; seiner (Robert E. Howard-Homage-)Story »Jiving with Shadows & Dragons & Long, Black Trains« aus dem dritten Band mit Hellboy-Kurzgeschichten »Oddest Jobs«; sowie (last but not least) seiner Drehbucharbeit für den grandiosen ›Elvis & JFK als alte Knacker im Kampf gegen einen miesen Mumien-Motz‹-Film »Bubba Ho-tep«.

Außerdem bot sich »Kahlschlag« als Kontrastprogramm zu meiner derzeitigen Großlektüre von Arno Schmidts »Zettel's Traum« an, a) weil ich den Lansdale-Roman (anders als das A3 große »Zettel's Trumm«) unterwegs lesen kann; b) weil »Kahlschlag« flott und grad heraus erzählt, während das Großwerk von Schmidt schon auf unverschämte Weise höchste Konzentration einfordert.

Jon R. Lansdale: »Kahlschlag«, Golkonda Verlag.Worum es geht: »Kahlschlag« spielt ›nur‹ in einer kleinen Welt, der Sägewerksiedlung Camp Rapture und dem boomenden Ölfeld-Ort Holiday, irgendwo im Ost-Texas der 1930-Jahre. Äktschn-mäßig passiert zwar viel, und Lansdale versteht es, mit einem abwechslungsreichen & starken Figuren-Ensemble aufzuwarten, aber die Handlung dreht sich eben ›lediglich‹ darum, dass Menschen mit den harschen Bedingungen des ländlichen Lebens und den Widrigkeiten, die sie sich einander antun, zurande kommen müssen und versuchen, so gut es geht Recht und Ordnung zu wahren. Die provinziellen Lebensumstände und die von ihnen geprägten Leut sind bisweilen drastisch, was das erste Kapitel bereits verdeutlicht: Gerade als ein Frösche regnen lassender Tornado übers Land fegt und das Haus der Jones abträgt, will der in seiner Trunkenheit grobe Deputy Jones mit Gewalt seine Frau Sunset gegen deren Willen besteigen, die im Handgemenge den Revolver ihres Mannes zu fassen bekommt. Blam! Gattentod durch Selbstverteidigung bei versuchter Vergewaltigung, was einiges in Bewegung und das Machtgefüge im Bezirk Camp Rapture in Unruhe ver-setzt. Zu den unmittelbaren Folgen gehört, dass Marilyn, die Mutter von Deputy Jones, seine Teenager-Tocher Karen und der Ort damit zurecht kommen müssen, dass ihr Sohn, Vater und Deputy tot ist.

Gedankenspiel: Als in sich abgeschlossene Einheiten stehen Bücher nur im Regal schön brav nebeneinander. Im Kopf von Lesern, vor allem in einem solchen Flipperkasten, zu dem mein Schädel zuweilen wird, kommen Bücher miteinander ins Gespräch, kommentieren und bespiegeln sich gegenseitig. — »Kahlschlag« hat mir wieder Mal deutlich vor Augen geführt, was mir bei vielen Fantasy- und SF-Genrestoffen prinzipiell missfällt: nämlich, dass phantastische Genre-Stoffe allzuflott mit der großen Schicksalskeule aufwarten und sich bei ihnen die Handlung mindestens um die Rettung der Welt und den Kampf gegen das absolute Böse dreht. Ich finde, dass die Genre-Phantastik viel von ihrem Potential verschenkt, wenn sie thematisch so hoch pokert. Wie ich in »Abenteuer Phantastik« schrieb, machen uns alle Romane, egal ob realistischer oder phantastischer Weltenbau, das Angebot, uns aus dem eigenen Alltag auf eine Reise in andere Welten aufzumachen. Ich halte es bei dabei für nebensächlich, ob diese ›entführende Verzauberung durch Sprache & Handlung‹ uns nun in phantastische oder realistische Gefilde versetzt. — Die Tugenden, mit denen mich ein realistischer Genre-Roman wie »Kahlschlag« (oder auch »Mitten in Amerika« von Annie E. Proulx, »Manituana« von Wu Ming oder »Sunnyside« von Glenn David Gold) begeistert, sind, sei's Zufall oder tieferes Sinnmuster, genau die, welche ich bei Genre-SF & -Fantasy oftmals vermisse oder eben als Un-Tugenden wahrnehme:

  1. Die Details des AlltagsLebens, die vielleicht auch, vor allem was Landschaft und Wetter angeht, in vorsichtiger aber athmosphärisch kraftvoller Dosierung mit einer Priese Poesie dargestellt werden;
  2. Figuren, die erst in zweiter Instanz Funktionen erfüllen um eine (spannende, romantische, komische ect.) Handlung voranzutreiben, sondern die vor allem erst mal eben Charaktere, Typen, Personen sind die sich eben durch ihr jeweiliges Leben wurschteln. — Gerade die konservativ-naive Einfallslosigkeit, der folgend viel Genre-Phantastik (vor allem Fantasy & Space Opera) durch stark kontrastierte Gut- & Böse-Verteilungen geprägt wird, muss mit funktionalen Figuren operieren und es ist kein Wunder, wenn zumindest ich das dann meist unglaubwürdig finde und/oder mich schnell langweile.

»Kahlschlag« sei also sowieso allen empfohlen, die Lust auf ein kurzweiliges gutes Buch haben, dass sich durch seinen makellosen Stil, glaubwürdige & überraschende Figuren und eine spannende Handlung auszeichnet; ganz besonders aber möchte ich es Freunden der Genre-Phantastik zur inniglichen Beherzigung anraten, damit sie ein Gespür für Dinge entwickeln können, deren Mangel viele (Epic) Fantasy & Space Opera zu einer mauen Lektüre macht.

Zudem sei hervorgehoben, wie wunderschön diese broschierte Ausgabe geworden ist, abgefangen vom schönen Satz, über den Buchschmuck, bis hin zur sauberen Bindung und Verarbeitung.

Link-Service:
Es freut mich ganz besonders, dass »Kahlschlag« von ausgewiesenen Kennern mit großem Lob bedacht wurde.

Christian Koch von der Krimibuchhandlung Hammett jubelt:

Trotz aller seiner "kleinen Schicksale" und Lebensgeschichten spannt "Kahlschlag" so insgesamt doch einen sehr weiten Bogen. Für nachfühlende Leser/innen reicht die Bandbreite der Emotionen dann auch von Staunen bis Lachen, man fiebert förmlich mit und erschauert, es kommen einem manchmal sogar fast die Tränen. – Wer einen derart in ein Wechselbad der Gefühle versetzen kann, der muss eigentlich schon der höheren Erzählkunst befähigt sein ...

Und Dieter Paul Rudolph schreibt für die Krimi-Couch:

Lansdale nimmt das Triviale ernst, degradiert es nicht zum neckischen Beiwerk für »Kunstkrimis«, die sich krampfhaft darum bemühen, gestenreich an die Kolportage- und Pulpwurzeln des Genres zu erinnern, und in aller Lächerlichkeit scheitern. Bei Lansdale bedeutet trivial nicht minderwertig, sondern steht für die künstlerische Rückführung eines an sich sehr komplexen Stoffes auf seine populären Wurzeln.

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Joe R. Lansdale: »Kahlschlag« (»Sunset and Sawdust«, 2004); aus dem Amerikanischen von Katrin Mrugalla; 37 Kapitel auf 361 Seiten; Golkonda Verlag 2010; ISBN: 978-3-942396-01-1.

Molos Wochenrückblick No. 28

Eintrag No. 675 — Der Wochenrückblick fällt link-mäßig diesmal mager aus. Grund: Ich war angekränkelt und bin neben dem Brotjob vor lauter Zeichnerei und Übersetzerei zu wenig gekommen.

Lektüre: Immerhin bin ich beim Lesen von Arno Schmidts Riesenwerk »Zettel's Traum« ein gutes Stück weiter. Mehr dazu in meinem zweiten Lektürebericht.

Jon R. Lansdale: »Kahlschlag«, Golkonda Verlag.Fertig gelesen habe ich Joe R. Lansdales »Kahlschlag« und bin überaus zufrieden damit. Auch hierzu hoffe ich, bald eine Rezension liefern zu können. Der Roman hat mir wieder Mal klar vor Augen geführt, was mir bei vielen Fantasy- und SF-Genrestoffen prinzipiell missfällt: nämlich, dass viele phantastischen Genre-Stoffe gleich mit der großen Schicksalskeule aufwarten und sich bei ihnen die Handlung mindestens um die Rettung der Welt und den Kampf gegen das absolute Böse dreht. »Kahlschlag« spielt dagegen ›nur‹ in einer kleinen Welt, der Sägewerksiedlung Camp Rapture und dem boomenden Ölfeld-Ort Holiday, irgendwo im Ost-Texas der 1930-Jahre. Äktschn-mäßig passiert zwar viel, und Lansdale versteht es, mit einem abwechslungsreichen & starken Figuren-Ensemble aufzuwarten, aber die Handlung dreht sich eben ›lediglich‹ darum, dass Menschen mit den harschen Bedingungen des ländlichen Lebens und den Widrigkeiten, die sie sich einander antun, zurande kommen müssen und versuchen, so gut es geht Recht und Ordnung zu wahren.

Nun lese ich seit dem Wochenende unterwegs »Gormenghast (1): Der junge Titus« von Mervyn Peake in der Neuausgabe, für die Alexander Pechmann die Übersetzung von Annette Charpentier überarbeitet hat, sehr zur Verbesserung des Buches, wie ich anhand der bisherigen Stichproben zu urteilen wage. Wenn alles so klappt, wie ich hoffe, dann werde ich Mervyn Peake neben Wolf von Niebelschütz zum Gegenstand meines Beiträges für das nächstjährige »Magira«-Jahrbuch machen.

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Film: Bin unglücklich in letzter Zeit. Das Angebot an englischsprachigen Filmen in Ffm ist seit dem Ende des »Turm Kino« dramatisch zusammengeschrumpft. Wahnsinnig gerne würde ich z.B. »Machete« von Robert Roriguiz sehen, aber der läuft nur in einem Kino, einmal am Tag (um 23:15!) und auf Deutsch. Muss ich also wieder bis zur DVD warten.

Auf DVD habe ich zwei Sichtungen vorgenommen: zum einen endlich »Walhalla Rising« gesehen. Im ›OliBlog‹ gibt es eine gute Rezension zu dem Film, und ich baue meinen dort platzierten Kommentar mal aus: Ich finde nicht, dass der Film keine Geschichte erzählt. Freilich erzählt er eine, sogar eine ziemlich komplexe, aber der Film erzählt eben nicht auf konventionelle Art. Neben der offensichtlichen Handlung (Kampf-Sklave befreit sich, tötet seine ehemaligen Peiniger, schließt sich zusammen mit einem Jungen einer Gruppe christlicher Wikinger an, die Jerusalem beistehen wollen; man treibt ziellos im Nebel umher, erreicht ein unbekanntes, wildes Ufer und sucht nach Halt und Ziel in der Fremde) tut sich schon eine Menge, aber eben non-verbal & betörend intensiv vermittelt durch die Bilder, den Sound und die Musik. Zudem wagt der Film offene Enden und Rätsel wie selbstverständlich unbeantwortet zu lassen.

(SPOILER/ Was geschieht mit den nackichen Frauen-Sklaven im zweiten Kapitel?; Oder wie kommt es, dass ein Wikinger von den Naturwilden aufgenommenen wurde? /SPOILER-ENDE)

Was als Argument schnell mal als billige Entschuldigung für schlecht gemachte Stories angeführt wird, will ich hier als Lob und Anerkennung anwenden: dass nämlich einiges, vieles sogar der Phantasie des Zuschauers überlassen wird. Und da der Film so gut gemacht ist, verführt er dazu, dass man sehr intensiv in die damalige Zeit eintaucht. Zumindest mir scheint, dass dieser Film ein gnadenlos realistisches Bild von etwas vermittelt, das in Genre-Stoffen schnell mal verniedlicht, verkitscht und verharmlost wird.
Punkte: Etwa 8 von 10.

Zweitens habe ich nun die lange (Extended Collector’s Cut) Fassung »Avatar« auf DVD. Obwohl die arg konventionelle Handlung, sprich: Vorghersehbarkeit, den Genuss schwächt, bin ich selbst überrascht, wie sehr mich »Avatar« begeistert. Schade nur, dass es in dieser Welt scheinbar (noch) nicht möglich ist, so einen Stoff bei dem Aufwand für Ab-16 oder Ab-18 zu produzieren. — Die ca. 20 Minuten längere Fassung meiner DVD beginnt in einer Megametrople auf der Erde. Sehr gut als Kontrast zur späteren Natur-Buntheit geeignet. Die Ankunft auf Pandora war alles noch der ›übliche SF-Genre-Bombast‹. Als der Rollstuhlfaherer Jake später dank seines frischangezogenen Avatar-Körpers genießt, wieder rennen zu können, hatte ich zum ersten Mal im Verlauf des Filmes dieses wunderbare erhebene Gefühl, weshalb man wohl in diese Art von Film geht: Kloss im Hals wegen ansteckender Freude an der Freude der Figur. Da hat es ›Klick‹ gemacht und der Rest funktionierte prächtig bei mir.

Der Weltenbau ist in jeder Hinsicht ein Wahnsinn!!! Sicherlich das beste auf diesem Gebiet seit LOTR, nur thematisch und stilistisch viel näher bei meinen persönlichen Vorlieben. Die Darsteller sind durch die Bank gut. — Der Star des Filmes ist für Stephen Lang. Mir ist der Schauspieler sonst nur noch prägnant als unglücklich verliebter schwuler Gewerkschaftsaktivist aus »Last Exit Brooklyn« in Erinnung (»Public Enemy« hab ich komplett verdrängt) und bin mehr als baff von seiner Darstellung des Security-Chefs. — Positiv aufgefallen ist mir zudem, dass es keine ›Bösewichter‹ gibt, sondern nur Figuren, die konsequent ihren eigenen Erfahrungen (Traumas?) gemäß handeln.

Ein Ärgernis ist für mich die zu weichgespülte Musik von James Horner, vor allem sein ermüdender Einsatz des Trompeten-Motivs, das Horner schon tausendmal als ›Gefahr in Verzug!‹-Zeichen eingesetzt hat (und ich finde es oberätzend, wenn man mitten in einem Film, hier »Avatar«, an andere Filme, z.B. »Krull« und »Willow« erinnert wird). Und ein, zwei Mal war der ›Eingeborenen‹-Schmalz etwas zu heftig für meinen abgebrühten Geist.
Punkte: Etwa 9 von 10.

Netzfunde

  • Peter Sloterdijk hat für ›SpOn‹ den Debatten-Text Der verletzte Stolz vorgelegt und macht damit wieder mal, was er gut kann, nämlich Antike und Gegenwart aufeinander beziehen und lässt dabei z.B. dem dummen Westerwelle-Geblah von der heutigen ›römischen Dekadenz‹ die Luft raus.
  • ›Telepolis‹ hat mit dem Wirtschaftswissenschaftler Franz Hörmann gesprochen: Finale Krise des Finanzsystems im nächsten Jahr?. Hörmann ist einer der sympathischen Vertreter seiner Zunft, da er gerade heraus feststellt, die Mainstream-Wirtschaftswissenschaften seien Quark, Herrschaftspropaganda und alles andere als Wissenschaft.

(Deutschsprachige) Phantastik-Funde

Zur Erinnerung:
Hinweise auf bemerkenswerte deutschsprachige Internet-Beiträge zum Thema Phantastik (in allen ihren U- & E-Spielarten) bitte per eMail an …

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… schicken. — Willkommen sind vor allem Hinweise zu Texten, die wenig beachtete Phantastikwerke behandeln (z.B. also Einzelwerke statt Seriensachen), oder die über Autoren, Theorie und Traditionsentwicklungen berichten.

Zuckerl

  • Wer noch Zeit zum Verschwenden hat, kann das effektiv mit dem Spieleportal von Newgrounds erledigen. Entdeckt über das lustige Sydney Shark.
  • Bei ›CartoonSnap‹ zeigt man ein altes, ziemliches schräges Jack Kirby-Comic: The Fourth Dimension Is A Many Splattered Thing(etwa: »Die Vierte Dimension ist ein vielgestaltig Ding«).
  • Lehrreiche Veranschaulichung von ›The Map Room‹: Zehn Jahrhunderte in fünf Minuten. Leider hat man vergessen, irgendwo die Jahreszahl einzublenden. Aber damit lässt sich dieser Clip formidabel für ein kleines Wissensquiz in trauter Runde verwenden.
  • ›Art & Letters Daily‹-Redakteur Denis Dutton hat 2009 »The Art Instinct« vorgelegt, und bei ›TED‹ gibt es nun einen ca. 15 Minuten langen Vortrag zu eben dem Thema dieses Buches: A Darwinian theory of beauty (›Eine darwinistische Theorie der Schönheit‹). Glorioserweise hat RSAnimate-Künstler Andrew Park mitgeholfen, die Theorie zu veranschaulichen!


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Illustrationen für Golkonda & AndroSF

Eintrag No. 669 — Zweierlei erfreuliche Buch-Neuigkeiten.

Erstens ging ein Buch in der AndroSF-Reihe in Druck (und wird also in Bälde bestellbar sein), zu dem ich einige Innenillustrationen und das Titelbild beizutragen die Ehre hatte: Simon Spiegel »Theoretisch phantastisch. Eine Einführung in Tzvetan Todorovs Theorie der phantastischen Literatur«.

Simon Spiegel: »Theoretisch Phantastisch – Eine Einführung in Tzvetan Todorovs Theorie der phantastischen Literatur«.

Simon (dessen »Die Konstitution des Wunderbaren – Zu einer Poetik des Science-Fiction-Films« ich allen Genre-Theorie-Interessierten ausdrücklich empfehle) erklärt darin Todorovs Thesen so, dass man sie verstehen kann. Zudem gibt es im ersten, dem Theorieteil, einiges über: den Struktualismus, das Verhältnis von Erzähler und Leser, Realismus, Brüche und Unsicherheiten (inkl. Phantastik & (ta-da!) Pseudophantastik), Erzählweisen, den zweifachen Tod der Phantastik; — und dann, im zweiten Teil werden praktische Deutungs-Beispiele geliefert anhand von Henry James, Edgar Allen Poe, »The Blair Witch Project«, Franz Kafka, Thomas Mann und »Pan’s Labyrinth«. — Link zu dem Buch wird ergänzt, sobald es eine Buchwebsite gibt.

Zweitens sind die ersten beiden Bücher des Golkonda Verlages mit von mir gezeichneten Autoren-Portraits erschienen und heute per Post bei mir eingetroffen. — Fühl sich großartig an, für einem so exzellenten Verlag und dessen feine & ordentlich gemachte Bücher etwas beitragen zu können, und sei es nur eine kleine Zeichnung für die hintere Broschurklappe.

Jon R. Lansdale: »Kahlschlag«, Golkonda Verlag.Jon R. Lansdale »Kahlschlag«. Der Roman beginnt auf Seite eins mit einem Kill, als Sunset Jones ihren Mann Pete erschießt, als er sich gerade wieder mal besoffen über sie hermachen will. Bin schon gespannt, was in diesem, im Texas der 1930er angesiedelten, Roman abgeht. — Lansdales Schreiben kenne ich bisher nur von a) seinen exzellenten Jonah Hex-Comics, den sicherlich besten Geschichten, die es bisher zu diesem unheimlichen Westernhelden gibt; und b) durch seinen Beitrag »Jiving with Shadows & Dragons & Long, Black Trains« aus dem dritten Band mit Hellboy-Kurzegschichten »Odeest Jobs«. (Und dann habe ich noch vor vielen Jahren einen Roman und einige Kurzgeschichten von Lansdale gelesen, kann mich aber nicht mehr an Detail erinnern.)

Tobias O. Meißner: »HalbEngel«, Golkonda Verlag.Und ›last but not least‹ ist es mir eine ganz besondere Freude, dass meine Portraitzeichnung von Tobias O. Meißner nun die neuabgemischte Auflage seines 1999-Buches »HalbEngel« ziert. — Soweit ich mitbekommen habe, war es Tobias selbst, der meine ursprünglich für »Magira« angefertigte Zeichnung als Autorenportrait für »HalbEngel« wünschte, und damit losgetreten hat, dass ich nun immer wieder mal neue Illus für den Golkonda Verlag machen werde. Ich danke ihm viele tausend Male und verspreche, dass ich nun aber wirklich bald eine gute Farbkopie des Originals zu ihm nach Berlin schicke. — Und ja, auf das Buch selbst bin ich auch gespannt. Immerhin geht Meißner einen Weg der Phantastik-Poetik, den ich so ähnlich wohl auch eingeschlagen hätte, wenn ich nicht vor lauter Verzagtheit (sprich: letztendlich Dummheit & Unfähigkeit) seit Jahren mit Geschichtenschreiben pausieren würde.

Portraits für Golkonda

Eintrag No. 639 — Große Freude bei mir, denn aus Berlin erreichte mich zuerst eine Anfrage von Golkonda Verlag, ob man mein Portrait-Illu von Tobias O. Meißner für die Autoren-Seite der Verlags-Website verwenden dürfe.

Aber gerne doch!

Und weil ich den Golkonda Verlag sowieso lieb hab’ und den noch recht jungen Verlag für eine erfeuliche Bereicherung der deutschsprachigen ›Szene‹ halte, zeichnete ich auch gleich noch einen Joe R. Lansdale und einmal die Strugatzki-Brüder für den Verlag.

Joe R. Lansdale:
Joe R. Lansdale

Arkadi & Boris Strugatzki
Arkadi & Boris Strugatzki

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