molochronik

George R.R. Martin: »Armageddon Rock«, oder: Herzblut mit ›Sex, Drugs & Rock’n Roll … & Fantasy‹

Diesen Roman habe ich zum ersten Mal in den frühen Neunzigern (Heyne-Ausgabe) als Teen gelesen, & er hat mich schon damals schwer beeindruckt. Vorausschicken muss ich folgendes: als 72er-Jahrgang blicke ich von Außen auf die kurze Ära der Hippies, der 68er-Gegenkultur, der Blumenkinder zurück, aber meine Perspektive auf diese Bewegung ist im Zweifelsfall von Sympathie & Respekt geprägt. — Seid also gewarnt: wer die Gegenbewegung der Spät-60er/Früh-70er & ihre (alles andere als eindeutigen Strömungen) für eine liederliche Irrung der Nachkriegsgeschichte hält, & also eher mit einer z.B. Jan Fleischauer-artigen Sicht auf diese Zeit zurückschaut, wird von Ton & Haltung des Romanes wohl ziemlich genervt werden.

Andererseits empfehle ich »Armageddon Rock« allen, die George R.R. Martin vor allem als Schöpfer des Fantasy-Epos über die »World of Ice & Fire« verehren und/oder durch die TV-Verfilmung »Games of Thrones« auf ihn aufmerksam geworden sind, & ihn als Großmeister unerwarteter Handlungsstrangverläufe schätzen, der seine Leser — z.B. mit dem Abbleben von Figuren — zu überraschen versteht. Der zeitgenössische, Weltruhm genießende Martin wirkt im Vergleich zu dem jungen Autor, der »Armageddon Rock« schrieb, fast schon (auf augenzwinkernde Art) abgebrüht, der sich nicht mehr so weit aus dem Fenster lehnt, was seine politische & ideologische Haltung betrifft. Aufgemerkt also, dass der kommerzielle Flop & die Welle negativer Kritiken für »Armageddon Rock« nach Erscheinen des Buches 1983 den Autor dermaßen knickten, dass er sich auf Jahre vom Romanschreiben abwandte, um sich im kommerziellen Betrieb der Film- & TV-Branche zu tummeln (u.a. bei Serien wie »The Beauty & the Beast«).

Was bietet also »Armageddon Rock«?

Strukturell teilt sich der Roman in etwa zwei Hälften. Die Karriere des Ex-Hippies & Polit-Aktivisten Sandy Blair verlief enttäuschend & die feste Beziehung zu einer Immobilienmarklerin bröckelt; aus dem umtriebigen Musik-Journalisten & Mitgründer eines Underground-Magazins der frühen Siebziger wurde ein erfolgloser Roman-Autor der sich leer & ziellos fühlt. Sein ehemaliger Geldgeber-Kammerad vom Magazin hat ihn schon vor Jahren rausgekegelt, & das früher engagierte, freche Blatt glattgebügelt & lässt es nun zur Melodie des Kommerzes & der Mode pfeifen. Kurz: Sandy fühlt sich in den frühen Achtzigern der Ronald Reagan-Zeit fehl am Platze, ohne genau zu wissen, warum. Doch er bekommt eine Chance von seinem alten Magazin-Kumpel: Unter mysteriös-grauseligen Ritualmord-Umständen ist der ehemalige Manager der fiktiven, super-duper-erfolgreichen Band Nazgul (stelle ich mir vor wie eine Ideal-Kreuzung aus The Doors, Led Zeppelin, Deep Purple und Hawkwind) ums Leben gekommen, & Sandy soll eine große Reportage über diesen Manager, sowie die noch am Leben befindlichen Mitglieder der Gruppe schreiben. Bald schon beschließt Sandy, dass er um die ganze Geschichte des Unterschiedes zwischen damals & heute richtig fassen zu können, nach langer Zeit auch wieder Kontakt mit seinen ehemaligen Freunden & Freundinnen aus WG- & Studienzeiten knüpfen will. Immerhin geht um den verlorenen Geist einer untergegangenen Zeit, & was aus ihm geworden ist: Wo sind all die Träume von einer besseren Welt geblieben? (Matthias Beltz hat der deutschen Sprache diesen Weltschmerz des vergeblichen Widerstandes gegen die Hegemonial-Authoritäten folgendes knappe, herzzerreißene Kalauer-Poem vermacht: »Parmesan und Partisan | Wo sind sie geblieben | Partisan und Parmesan | Alles wird zerrieben«.) Also fährt Sandy quer durch die USA & mit dieser ersten Road Trip-Hälfte breitet Martin ein abwechslungsreiches »Einst & Jetzt«-Panorama aus.

Die Nazgul: Der pragmatische Drummer Gopher John, der getrieben von einem Gefühl der Fairness versucht, seinem Provinz-Club jungen Bands Starthilfe zu geben; der sexy, geile Arschloch-Gitarrist Maggio, der über seiner Drogen- & Sexsucht fett & unansehnlich geworden ist; Faxon, der künstlerische Songschreiber-Kopf der Band, vermögend, distanziert, im Familienglück lebend & trotzdem voll Sehnsucht nach alten kreativen Zeiten. Und als Erinnerungs-Gespenst nie fern: Hobbins, der kleine, hypercharismatische Albino, der 1971 von einem Scharfschützen während eines Konzerts ermordete Sänger der Nazgul. — Sandys Freunde: die lebensfrohe, optimistische Maggie, Einsamkeit & Jobroutine machen sie schön langsam fertig; die naive Bambi, die sich früher im gewaltbereiten Protestmilieu tummelte, hat ihr Glück in einer friedlich-abgeschiedenen Kommune bei Kindern & selbstgemachtem, vegetarischem Essen gefunden; Lark, einst leidenschaftlicher Polemiker gegen das Establishment & nun singt er als zynischer Werbefuzzi das Hohelied des Neoliberalismus; der freche intellektuelle Frauenheld Froggy, der als kleiner Uni-Dozent versucht, seinen Studenten die Ideale der Vergangenheit zu vermitteln; und die tragischste Figur des Buches, Slum, der pazifistische, gutmütige Kiffer — eine Art Inkarnation von Tom Bombadil — Sohn aus wohlhabender, konservativer Familie, der vor der Einberufung zu Army nach Kanada floh & von seinem herrischen Vater an die Feldjäger verraten & in die Klapse gesteckt wurde.

Die zweite Hälfte hebt damit an, dass ein geheimnisvoller Millionär mit Leidenschaft für Okkultismus den Plan verfolgt, die Nazgul wieder zusammenzubringen, eine große Revival-Tour auf die Beine stellen will, um so mit der Macht der Nazgul-Musik & mit Hilfe von Blutmagie abzuschließen, was einst versandet ist: nämlich die finsteren, erzkonservativen, unterdrückerischen Kräfte der kapitalistischen US-Gesellschaft zu überwinden, auf die sich der Roman anhand des militärisch-industriellen Komplexes, Nixon, des Vietnamkrieges, der unverhältnismäßigen Polizeigewalt gegen Demonstranten, der Attentaten auf J. F. & Robert Kennedy sowie Martin Luther King bezieht (eingeflochten ist auch die Klage über den zu frühen Tod von Jim Morrison, Jimmy Hendrix & Janis Joplin). Sandy wird als Promotor angeheuert & begleitet also die Proben & Konzerte der wiedervereinigten Nazgul. — (Wie der ermoderte Hobbins ersetzt wurde, will ich nicht verraten. Lest selber, Ihr Süßwassermatrosen!)

Verklammert wird das alles einmal mit einer Art Detektivgeschichte, weil Sandy aufdecken will, wer den Nazgul-Manager wirklich gekillt hat (den offiziellen Ermittlungen traut er so weit, wie er ein Klavier werfen kann); zum zweiten steigert Martin mit großem Geschick die Heftigkeit der ›magischen Verwerfungen‹, die Hauptfigur Sandy drastisch anhand von Alpträumen & Visionen erlebt. Das ergibt dann umwerfend intensiv wirkende Passagen, z.B. wenn Sandy sich schlaflos im Chicago der Achtziger in einer großen Gespenster-Parade der Anti-Kriegs-Demonstranten & harsch durchgreifenden Sicherheitskräfte beim Parteitag der Demokraten 1968 wiederfindet.

Überhaupt Sprache & Stil: Eigentlich logo, dass ein Roman, der teils naiv, teils wehmütig, teils bitter, teils versöhnlich aber stets leidenschaftlich, subjektiv & emotionell danach trachtet, den Geist der »Make Love Not War!«- & »Macht Kaputt Was Euch Kaputt Macht!«-Zeit zu beschwören, in die Vollen greift. Da wird — auch Dank Sandys Schnodderschnauze — kurzweilig kalauert, gesudert, gewitzelt, gestichelt, debattiert. Auch sorgen knackige Beschreibungen von Saufen, Kiffen, Vögeln, Kater-Qualen, Musik-Lauschen & übermütigen Blödsinnsaktionen für Kurzweil. Alle Register der Stimmungsorgel zieht Martin insbesondere bei den schon orgiastischen Konzert-Beschreibung vor allem im letzten Drittel des Romans (Beispiele aus Kap. 20):

Faxons Gesicht war weiß und ausdruckslos geworden, aber seine Finger bewegten sich mit der sicheren Bestimmtheit von einst über die Saiten seines Rickenbacker, und tiefe dröhnende Töne verschmolzen mit dem Strom der Musik, Töne so tief wie das Räuspern Gottes, so bedrohlich wie das erste Grollen eines Erdbebens, so wahr und so schrecklich wie ein Atompilz. {…} Maggio tanzte wild über die Bühne wie jemand, dem man einen elektrischen Schlag versetzt hatte, aber er grinste in einem fort und fletschte höhnisch die Zähne, und seine Gitarre spuckte beißendes, tosendes Feuer. Wie rasend riss er an den Seiten, und die Akkorde flogen wie Rasiermesser. Hobbins wandte sich zu ihm um, funkelte ihn an und kratzte über sein eigenes Instrument. Klänge und Melodiefetzen schossen hin und her, während sie gemeinsam improvisierten. Die Leute standen auf den Stühlen, klatschten über den Köpfen in die Hände, krümmten sich zur Musik, schüttelten sich, fickten die Luft mit den Fäusten.

Ganz selten stieß ich auf Stellen, die ich unelegant fand (z.B. die 1-A Brüste einer Aktivistin, ihre sexy Brustwarzen, die sich stets durch den Stoff abzeichnen! Dafür ist Stoff ja da! … Und Nippel!!). — Außerdem wurde ich durch die Zweitlektüre daran erinnert, was für ein bombiger Geschichtenerzähler Martin ist. Er schreibt zwar im Großen & Ganzen gefällig, also führt keine hoch-›lüterarischen‹ Kunststückchen auf, vielmehr versteht er es z.B. geschickt, das Tempo abzuwechseln, mal zu raffen, mal zu weiten, oder mit ›Leitmotiven‹ zu arbeiten, was den Text zuweilen sehr überzeugend wie einen dieser überlangen, komplexen Prog-Rock-Songs wirken lässt. Ach, & wie es sich für einen apokalyptischen, von düsterer Hippie-Romantik geschwängerten Roman gehört, wird »The Second Coming« von William Butler Yeats ausführlich als Songtext eines Nazgul-Stückes zitiert.

Martin meidet trotz aller merklich spürbaren persönlichen Leidenschaft für ›seine‹ 68er-Gegen- & Musikkultur einseitige Polemik oder platte Parteilichkeit (einige Stellen wirken vielleicht wie blauäugige Verklärung, vor allem was die Musik tatsächlicher Gruppen von damals angeht; aber das wird durch entsprechend wehmütige Schilderungen, wie Kurzsichtig man doch damals war aufgewogen). — Martin gibt sich als nostalgisch-skeptischer Gegner von Fanatismen, Bevormundung & Beengung jeglicher Coleur zu erkennen & der Roman schließt also mit dem beherzigenswerten Fazit, dass Menschen & persönliche Beziehungen glücklicher machen & die Welt wohl besser aussähe, wenn man diese pflegte, statt sich mit kämpferischem Zorn für Ideologien einzusetzen. — Ein wunderbarer Roman, von mir bei Goodreads mit 5 von 5 Sternchen & dem Ettikett »All Time Favorite« bedacht, der glänzend verdeutlicht, dass man den Alternativkultur-Slogan »Sex Drugs & Rock’n Roll« getrost um den vierten Punkt »UND Phantastik« ergänzen kann.

Bonus:

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George R.R. Martin: »Armageddon Rock« (EV: 1983); Aus dem Amerikanischen von Peter Robert; 28 Kapitel auf 391 Seiten; Überarbeitete broschierte Neuausgabe bei Golkonda 2014; ISBN: 978-3-944720-35-7.
ISBN eBook-Ausgabe: 978-3-944720-36-4.
Für ganz innige, bibliophile Martin-Liebhaber gibt es direkt beim Verlag eine auf 111 Exemplare limitierte & signierte Vorzugsausgabe.

»Warum ›Groschen‹ und nicht ›Cent‹?«

Habe vor einigen Tagen spät Nachts noch die weitergeleitete Frage einer Leserin beantwortet, warum ich an einer bestimmten Stelle meiner Übersetzung von Ted Chiangs Story »Geschichte Deines Lebens« aus dem Band »Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes« der Begriff ›Groschen‹ und nicht ›Cent‹ verwendet habe. — Überraschenderweise waren Golkonda-Herausgeber Hannes & Karlheinz von meiner Antwort so erfreut, dass sie als Newsblog-Eintrag auf der Verlagsseite verbreitet wurde.

Ich will meine Antwort den MoloChronik-Lesern nicht vorenthalten und biete sie also auch in meiner mir eigenen Textformatierung hier an:

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Frage: Warum wird ›Groschen‹ verwendet und nicht ›Cent‹? (Seite 43, Zeile 16 in »Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes«)

Antwort: Gerehrte Fragestellerin.

GOtt sei Dank eine Frage nach einer Übersetzung-Detail-Entscheidung, die ich beantworten kann. (Es ist nämlich keineswegs so, dass ich jede einzelne Übersetzungs-Entscheidung, die auf meinem Mist gewachsen ist, im Nachhinein selbst noch nachvollziehen könnte.)

Warum an der genannten Stelle ›Groschen‹ und nicht ›Cent‹?

Kurze Antwort: Weil im Original eben nicht ›cent‹ steht, sondern ›one slim dime‹.

Aber: ›one slim dime‹ hieße wortwörtlich eigentlich in etwa ›ein mickriges / lausiges Zehn-Cent-Stück‹. Im deutschsprachigen Raum gab es in Österreich vor der Einführung des Euro noch Groschen; in der BRD (in der ich groß geworden bin) war umgangssprachlich damit ein 10-Pfennig-Stück gemeint. Trotzdem nicht ganz das Gleiche wie ein amerikanisches 10-Cent-Stück.

Also längere Antwort: Wichtiger als das wörtliche Übersetzen einzelner Ausdrücke an und für sich ist bei einer Übersetzung von Prosa, Erzählungen, Romanen (zumindest meiner Ansicht nach), die Stimmung, den Rhythmus, den Erzählton zu treffen und möglichst viele der kulturellen, sozialen, zwischenmenschlichen, psychologischen etc. Anspielungen, Anklänge in die deutsche Fassung rüberzuholen, wie nur geht.

Die Stelle im Original:

Gary held up the tent flap and gestured for me to enter. »Step right up,« he said, circus barker-style. »Marvel at creatures the likes of wich have never been seen on God's green earth.«
»And all for one slim dime,« I murmured, walking through the door.

Wesentlich scheint mir hier, dass Gary — etwas albern, aber das macht ihn ja liebenswert — ein kleines Rollenspiel beginnt, absichtlich ironisch dramatisiert (um die Spannung zu mildern, sich gleich einer ganz großen, nicht nur wissenschaftlichen, neuen Sache gegenüber wieder zu finden) und sich des altertümlichen Sprachgehabes eines Jahrmarktschreiers bedient. DAS rüberzubringen lag mir am Herzen, und dass die Erzählerin mit ihrer eher beiläufigen, zurückhaltenden Art dennoch bei diesem Rollenspiel mitmacht, indem sie umgangssprachlich (›one slim dime‹) antwortet.

Deshalb also in der deutschen Fassung:

Gary hielt den Zelteingang auf, und bedeutete mir mit einer Handbewegung einzutreten. »Hereinspaziert, hereinspaziert«, sagte er wie ein Zirkusausrufer. »Bestaunen Sie Kreaturen, wie sie auf Gottes schöner Erde noch nie zu sehen waren.«
»Und das alles nur für ein paar Groschen«, murmelte ich, als ich durch die Öffnung trat.

Trotzdem, so könnte man beharren, ist one slim dime‹ eben eigentlich ein Groschen‹, ja ganz genau eben ein 10-Pfennig-Stück‹. Aber wie klingt das als Satz?

Letztendlich entscheide ich mich oftmals, was besser klingt, solange es im Grunde eher mehr als weniger inhaltlich stimmt. Buchstäbliche Bedeutung ist eben nicht alles beim Übersetzen.

Ich hoffe, diese Antwort ist hilfreich.

Herzliche Grüße
Alexander Müller / molosovsky

Thomas Ziegler: »Sardor – Der Flieger des Kaisers«, oder: Mit dem Doppeldecker gegen das mahrisch-kosmische Grauen

War überrascht, wie sehr mich dieser schmale Band (erster Teil einer Trio) plätten und begeistern würde.

Düsterer Fantasy-Pulp um einen eigentlich behämmerten (weil platt-patriotischen) Kampfflieger des Deutschen Kaiserreiches – Dietrich von Warnstein –, den es bei einem Sturm mit seinem mascheinengewehrbestückten Doppeldecker in eine fremde Welt verschlägt, wo er mit der Seele eines seit zwanzigtausend Jahren schlummernden Gottkriegers – des titelgebenden Sardor – verschmilzt, um die Menschen (genauer: unchristliche Heidenvölker) beim Anbruch des Zweiten Kosmischen Krieges gegen mannigfache monströse Schrecken zu verteidigen. Sozusagen Portalfantasy a la »Unendliche Geschichte« für Fans von »Heavy Metal«-Comics (und Mukke), den heroischen Kämpfern und bestialischen Viechern von Frank Frazetta, den finsteren Bizarrerien eines Philippe Druillet, der »Chroniken des Schwarzen Mondes« und der Art von Warhammer-Fetzerei als Warhammer noch cool war (also etwa die Zeit der Erstveröffentlichung dieses Romans, 1984). — Kurz: Lovecrafts kosmischer Grusel trifft Howards Barbaren-Bratz.

Sprachlich stellenweise mitreissend, Dank eines dick aufgetragenen Pathos, der sich seiner Überspanntheit bewusst ist und entsprechend ungehemmt auf die Spitze zu treiben traut. Erzielt dabei einige Male – absichtlich! – wunderbar humorige Effekte, eben wenn das Grauslige, Eklige, Böse ins Komische kippt (man denke an entsprechende Momente in frühen Terry Gilliam-Werken wie »Jabberwocky«, oder die Harkonnen in David Lynchs Verfilmung von »Dune«).

Nur selten wird der Bogen überspannt mit einem Tacken zuviel Wiederholungen (Merke: beispielsweise ›Myriaden‹ und ›infernalisch‹ sollten nur alle 50 Manuskriptseiten verwendet werden). Ansonsten wunderbare rohe, lyrische Qualität. Viel Handlung wird nicht aufgeführt, dafür immer wieder Weltenbau-Ausflüge veranstaltet. — Ganz großartig fand ich, dass es in einem der frühen Kapitel eine richtiggehend mit Worten geschilderte Karte gibt, wenn eine Figur von der Höhe auf die weitere Umgebung guckt, die den Schauplatz dieses Romanes liefert.

Wunderbar auch, wie prall aufgepumpt die Überzeichnungen der eigentlich bekannten DüsterFantasy-Typen und -Kulissen rüberkommen. Da stimmen schon die Namen: die Krograniten-Berge, die Seufzerschründe, der Geborstene Berg, die Schmerzarchen der Eisernen, die Gehörnten, die Nachtmahre, der Bosling, der Schwarze Mirn, die Hainvölker (die Nurn unter Fürst Caliman; die Myrten unter Fürst Tur; die Anger unter Fürst Gorrenhart; die Woyden unter Fürstin Lidinya).

Im Grunde ein großes Wimmelbild, ein Panorama aufgemotzer Heere, exquisiter Grausamkeiten, titanischer (Alp)Traumlandschaften & Architekturen und morbider Verwesungsdioramen. Simpel und doch detailreich. Deshalb leicht lesbar (auch unterwegs) und dennoch sehr anregend.

Absolute Leseempfehlung (vier Sterne) vor allem für alle deutschsprachigen Fantasy-Fans und Autoren!

Band 2 gleich vorgenommen, und Band 3 steht bereit.

Bonus:

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Ziegler, Thomas: »Sardor – Der Flieger des Kaisers« (Sardor #1); Deutsche Erstauflage 1984; 10 Kapitel auf 184 Seiten; Broschierte Neuauflage Golkonda Verlag 2013; ISBN: 978-3-942396-51-6.
Auch als eBook erhältlich.

Drei Portraits: Alfred Bester, Christina Faust, Poppy Z. Brite

Eintrag No. 751 — Endlich dazu gekommen neue Autorenportraits für meine beiden Berliner Verlage feddich zu machen.

Alfred Bester für den nächsten Band der Sachbuchreihe »SF Personality« des Shayol Verlages.
Alfred Bester

Christina Faust für den im Herbst bei Golkonda erscheinenden Roman »Triaden« (zusammen mit Poppy Z. Brite).
Christina Faust

Poppy Z. Brite für den im Herbst bei Golkonda erscheinenden Roman »Triaden« (zusammen mit Christina Faust).
Poppy Z. Brite

Ted Chiang: »Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes« erscheint im Herbst 2011 bei Golkonda

Ted Chiang: »Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes«, Golkonda Verlag 2011Eintrag No. 737 — Es ist jetzt offiziell und kann auf der Website des Golkonda-Verlages bestöbert werden: der Kurzgeschichten-Band »Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes« von Ted Chiang. Fünf prämierte Kurzgeschichten von einem der aufregendsten Talente der Science Fiction des neuen Jahrtausends.

Die Geschichten von Ted Chiang sind eine der besten Visitenkarten für Science Fiction und Phantastik, denn er liefert ein gutes Beispiel nach dem anderen, wie (scheinbar) locker & elegant sich in diesen Genres unterhaltsames Erzählen und philosophische Tiefgründigkeit verbinden lassen. — Und ich Glückspilz darf als Übersetzer solcher Gemmen für einen richtigen Verlag debütieren. Bin immer noch baff. — ›Schuld‹ sind Frank Böhmert und vor allem Hannes Riffel, der erste, weil er mit einem Blogeintrag Leute zum Übersetzen ermunterte; zweiterer, weil er mich für den richtigen hielt, Teds brillante Geschichten zu übertragen.

Als Zuckerl hier nun ein Blick auf eine frühe Arbeitsphase meiner Übersetzung der Titelgeschichte.

Ted Chiang für Golkonda

Eintrag No. 724 — Seit einigen Wochen (oder Monaten?) merke ich, dass ich immer weniger Zeit habe (u. a. deshalb diese Woche kein Rückblick … dafür gibts übermorgen eine Doppelnummer).

Einer der Gründe meiner knackigen Auslastung war, dass ich, wann immer ich die Konzentration dafür zusammenkratzen konnte, an meinem ersten Übersetzungsprojekt für einen richtigen, ja sogar sehr feinen Verlag gebosselt habe: »Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes« von Ted Chiang. Ein wunderbarer Band mit fünf beeindruckend guten SF-Geschichten (›SF‹ eher im Sinne von Speculative Fiction‹).

Näheres zum im Herbst 2011 erscheinenden Buch wird nachgepflegt, sobald weitere Infos auf der Golkonda-Website geboten werden. Hier schon mal das Autoren-Portrait für die hintere Broschur-Klappe:

Ted Chiang

Molos Wochenrückblick No. 49

Eintrag No. 710 — Nun also, mit einem Tag Verspätung, der Wochenrückblick. Ich bin derzeit für eine Woche in Berlin, um mich in der dortigen Phantastik-Szene zu tummeln. Gerade sitze ich in der »Brezelbar«, gleich gegenüber vom »Otherland«-Buchladen, wo ich endlich ›meinen‹ Golkonda-Verleger Hannes Riffel kennen gelernt habe.

Molo in der »Brezelbar«, Berlin Kreuzberg, April 2011.

Jetzt lass ich es mal offiziell werden: Florian Breitsameter von SF-Fan hat sich in dem Thread »Was kommt da auf uns zu?« erfreut gefragt, was deutsche Leser aufgrund dieser Meldung des SF-Magazins »Locus« erwarten dürfen:

German rights to three stories from »Stories of Your Life and Others« by Ted Chiang plus the novella »The Merchant at the Alchemist's Gate« and the story »Exhalation« went to Golkonda Verlag, Berlin via Christian Dittus at Paul & Peter Fritz in Zuerich.

Mit der gebotenen Demut (aber auch völlig enthusiasmiert) kann ich verkünden, dass ich in den letzten Monaten für Golkona fünf Kurzgeschichten von Ted Chiang übersetzt habe, die im weiteren Verlauf des Jahres als Teil des Projekts, bemerkenswerte Kurzgeschichtensammlung neuer Science Fiction-Autoren anzubieten (nach David Marusek und Angélica Gorodischer) erscheinen werden. — Demütig bin ich, weil dies meine erste Arbeit als Übersetzer für einen Verlag ist, ich entsprechend nervös bin, was die beiden Korrekturleser mir an Rückmeldungen geben werden; demütig auch, weil ich hoffe, den feinen Geschichten von Ted Chiang gerecht zu werden; enthusiasmiert, weil diese Geschichte wunderbar sind, mir großartig gefallen, da sie wunderbare Exempel für das Genre SF (im Sinne von Speculative Fiction‹) sind. Da kommen zusammen: kosmologische Erkundungen in frühgeschichtlicher Epoche; eine Verbeugung vor den Geschichten aus 1001 Nacht; eine Erstkontaktgeschichte aus Sicht einer Linguistin; eine Gegenwart, in der es Engelserscheinungen gibt; zuletzt eine wahrhaft großartige Parabel anhand einer Roboterwelt. — Ich halte Euch auf dem Laufenden.

Hier nun die Links der Woche, diesmal ohne große Unterteilung. Ich hatte viel zu tun, deshalb kann ich keinen großen Fang bieten.

Netzfunde

  • Was es nicht alle gibt im Internet. Ein ganzes, langes Blog mit Bildern aus Filmen, in denen Computer vorkommen: Access Main Computer File.
  • Hübsch schräg geraten ist China Miévilles Vorschlag zu einer sechsteiligen Comic-Miniserie für Marvel: Scrap Iron Man (Altmetall-Mann).
  • Tolle Comic-Kunst bietet Dan Hipp in seinem Blog. Als erstes aufgestöbert habe ich seine Überkreuzung von Tim & Struppi mit Alien: Tin Tin: The Hugged Face, aber großartig finde ich auch diesen Hellboy.
  • Matt Roeser gestaltet für die Bücher, die er liest, eigene Umschlagsentwürfe, zu sehen in seinem New Cover-Blog. Finde ich sehr schade, dass derartig geschmacksvolles Design derzeit einfach nicht Mode bei den Verlagen ist. Wie gerne würde ich in einer Alternativwelt leben, in der Könner wie Roeser die offiziellen Titelbilder anfertigen.
  • Neues aus der deutschen Science Fiction-Szene: Uwe Post und Sven Kloepping haben ein Portal für Deutsche Science Fiction eröffnet. Bisher macht es einen guten Eindruck.
  • Makoto Azuma ist ein japanischer Blumenkünstler, der sehr seltsame Dinge mit Pflanzen anstellt. Hier ein paar Beispiele:
    TOKYO FIBER '09 (Auftragsarbeit); — Black Pineeee (Auftragsarbeit); — Hand Vase (Privatarbeit); — Armored Pine (Privatarbeit).
  • Unter dem Titel Diese Suche ergibt keinen Treffer hat die ehemalige Community-Managerin von ›Der Freitag‹ , Teresa Bücker, für selbige Zeitung über ihre Erfahrungen berichtet. Als jemand, der selbst (für SF-Netzwerk) als Globalmoderator wurschtelt, spricht sie mir aus der Seele, wenn Frau Bücker schreibt:
    Communities entstehen entlang von Interessen, Fragen oder ähnlichen Gewohnheiten, etwa dem Konsum von bestimmten Medien und Produkten. Für Außenstehende sind die Verhaltensweisen innerhalb dieser Gemeinschaften nur schwer zu fassen, denn homogene Verbünde neigen zu Gruppendynamiken und Riten, die codiert sind, die auf den ersten Blick keinen Sinn ergeben. Der ausschnitthafte Blick auf digitale Gemeinschaften von „interessierten Beobachtern“ führt dann zu Fehlinterpretationen, zu stark selektiven Wahrnehmungen, an deren Ende steht: das Netz ist voller Rüpel, Dummköpfe, lichtscheuer Nerds, Magermädchen aus pro-anorektischen Foren oder passiver Sonntagssurferinnen.
  • Don Alphonso hat ein schiaches Haus in meiner unmittelbaren frankfurter Nachbarschaft dazu genutzt, ein paar orientierende Stilkritik-Watschen unter dem Titel Ornament und bürgerliches Verbrechen in seinem ›F.A.Z.‹-Blog »Stützen der Gesellschaft« anzubringen.
  • Nochmal ›F.A.Z.‹: Jetzt erst von mir entdeckt wurden die wunderbaren alliterierenden Non-Sense-Kurzkurzgeschichten Dudenbrooks von Jochen Schmidt, mit wunderschönen s/w-Illustrationen von Line Hoven. Hier geht es zum derzeit neuesten Buchstaben K wie Karla.

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Golkonda-Portrait: Frank Böhmert

Eintrag No. 704 — Es freut mich ungemein, dass ich im Zuge meiner (ehrenamtlichen) Autorenportrait-Zeichnerei für den kleinen aber feinen Golkonda-Verlag aus Berlin den von mir sehr verehrten Frank Böhmert (hier geht’s zu seinem Blog) konterfeien konnte. Folgende Zeichnung wird als Portrait auf der hinteren Broschurklappe des Romanes »Bloß weg hier!« (erscheint im Sommer dieses Jahres) zu finden sein.

Frank Böhmert:
Frank Böhmert

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