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George R.R. Martin: »Armageddon Rock«, oder: Herzblut mit ›Sex, Drugs & Rock’n Roll … & Fantasy‹

Diesen Roman habe ich zum ersten Mal in den frühen Neunzigern (Heyne-Ausgabe) als Teen gelesen, & er hat mich schon damals schwer beeindruckt. Vorausschicken muss ich folgendes: als 72er-Jahrgang blicke ich von Außen auf die kurze Ära der Hippies, der 68er-Gegenkultur, der Blumenkinder zurück, aber meine Perspektive auf diese Bewegung ist im Zweifelsfall von Sympathie & Respekt geprägt. — Seid also gewarnt: wer die Gegenbewegung der Spät-60er/Früh-70er & ihre (alles andere als eindeutigen Strömungen) für eine liederliche Irrung der Nachkriegsgeschichte hält, & also eher mit einer z.B. Jan Fleischauer-artigen Sicht auf diese Zeit zurückschaut, wird von Ton & Haltung des Romanes wohl ziemlich genervt werden.

Andererseits empfehle ich »Armageddon Rock« allen, die George R.R. Martin vor allem als Schöpfer des Fantasy-Epos über die »World of Ice & Fire« verehren und/oder durch die TV-Verfilmung »Games of Thrones« auf ihn aufmerksam geworden sind, & ihn als Großmeister unerwarteter Handlungsstrangverläufe schätzen, der seine Leser — z.B. mit dem Abbleben von Figuren — zu überraschen versteht. Der zeitgenössische, Weltruhm genießende Martin wirkt im Vergleich zu dem jungen Autor, der »Armageddon Rock« schrieb, fast schon (auf augenzwinkernde Art) abgebrüht, der sich nicht mehr so weit aus dem Fenster lehnt, was seine politische & ideologische Haltung betrifft. Aufgemerkt also, dass der kommerzielle Flop & die Welle negativer Kritiken für »Armageddon Rock« nach Erscheinen des Buches 1983 den Autor dermaßen knickten, dass er sich auf Jahre vom Romanschreiben abwandte, um sich im kommerziellen Betrieb der Film- & TV-Branche zu tummeln (u.a. bei Serien wie »The Beauty & the Beast«).

Was bietet also »Armageddon Rock«?

Strukturell teilt sich der Roman in etwa zwei Hälften. Die Karriere des Ex-Hippies & Polit-Aktivisten Sandy Blair verlief enttäuschend & die feste Beziehung zu einer Immobilienmarklerin bröckelt; aus dem umtriebigen Musik-Journalisten & Mitgründer eines Underground-Magazins der frühen Siebziger wurde ein erfolgloser Roman-Autor der sich leer & ziellos fühlt. Sein ehemaliger Geldgeber-Kammerad vom Magazin hat ihn schon vor Jahren rausgekegelt, & das früher engagierte, freche Blatt glattgebügelt & lässt es nun zur Melodie des Kommerzes & der Mode pfeifen. Kurz: Sandy fühlt sich in den frühen Achtzigern der Ronald Reagan-Zeit fehl am Platze, ohne genau zu wissen, warum. Doch er bekommt eine Chance von seinem alten Magazin-Kumpel: Unter mysteriös-grauseligen Ritualmord-Umständen ist der ehemalige Manager der fiktiven, super-duper-erfolgreichen Band Nazgul (stelle ich mir vor wie eine Ideal-Kreuzung aus The Doors, Led Zeppelin, Deep Purple und Hawkwind) ums Leben gekommen, & Sandy soll eine große Reportage über diesen Manager, sowie die noch am Leben befindlichen Mitglieder der Gruppe schreiben. Bald schon beschließt Sandy, dass er um die ganze Geschichte des Unterschiedes zwischen damals & heute richtig fassen zu können, nach langer Zeit auch wieder Kontakt mit seinen ehemaligen Freunden & Freundinnen aus WG- & Studienzeiten knüpfen will. Immerhin geht um den verlorenen Geist einer untergegangenen Zeit, & was aus ihm geworden ist: Wo sind all die Träume von einer besseren Welt geblieben? (Matthias Beltz hat der deutschen Sprache diesen Weltschmerz des vergeblichen Widerstandes gegen die Hegemonial-Authoritäten folgendes knappe, herzzerreißene Kalauer-Poem vermacht: »Parmesan und Partisan | Wo sind sie geblieben | Partisan und Parmesan | Alles wird zerrieben«.) Also fährt Sandy quer durch die USA & mit dieser ersten Road Trip-Hälfte breitet Martin ein abwechslungsreiches »Einst & Jetzt«-Panorama aus.

Die Nazgul: Der pragmatische Drummer Gopher John, der getrieben von einem Gefühl der Fairness versucht, seinem Provinz-Club jungen Bands Starthilfe zu geben; der sexy, geile Arschloch-Gitarrist Maggio, der über seiner Drogen- & Sexsucht fett & unansehnlich geworden ist; Faxon, der künstlerische Songschreiber-Kopf der Band, vermögend, distanziert, im Familienglück lebend & trotzdem voll Sehnsucht nach alten kreativen Zeiten. Und als Erinnerungs-Gespenst nie fern: Hobbins, der kleine, hypercharismatische Albino, der 1971 von einem Scharfschützen während eines Konzerts ermordete Sänger der Nazgul. — Sandys Freunde: die lebensfrohe, optimistische Maggie, Einsamkeit & Jobroutine machen sie schön langsam fertig; die naive Bambi, die sich früher im gewaltbereiten Protestmilieu tummelte, hat ihr Glück in einer friedlich-abgeschiedenen Kommune bei Kindern & selbstgemachtem, vegetarischem Essen gefunden; Lark, einst leidenschaftlicher Polemiker gegen das Establishment & nun singt er als zynischer Werbefuzzi das Hohelied des Neoliberalismus; der freche intellektuelle Frauenheld Froggy, der als kleiner Uni-Dozent versucht, seinen Studenten die Ideale der Vergangenheit zu vermitteln; und die tragischste Figur des Buches, Slum, der pazifistische, gutmütige Kiffer — eine Art Inkarnation von Tom Bombadil — Sohn aus wohlhabender, konservativer Familie, der vor der Einberufung zu Army nach Kanada floh & von seinem herrischen Vater an die Feldjäger verraten & in die Klapse gesteckt wurde.

Die zweite Hälfte hebt damit an, dass ein geheimnisvoller Millionär mit Leidenschaft für Okkultismus den Plan verfolgt, die Nazgul wieder zusammenzubringen, eine große Revival-Tour auf die Beine stellen will, um so mit der Macht der Nazgul-Musik & mit Hilfe von Blutmagie abzuschließen, was einst versandet ist: nämlich die finsteren, erzkonservativen, unterdrückerischen Kräfte der kapitalistischen US-Gesellschaft zu überwinden, auf die sich der Roman anhand des militärisch-industriellen Komplexes, Nixon, des Vietnamkrieges, der unverhältnismäßigen Polizeigewalt gegen Demonstranten, der Attentaten auf J. F. & Robert Kennedy sowie Martin Luther King bezieht (eingeflochten ist auch die Klage über den zu frühen Tod von Jim Morrison, Jimmy Hendrix & Janis Joplin). Sandy wird als Promotor angeheuert & begleitet also die Proben & Konzerte der wiedervereinigten Nazgul. — (Wie der ermoderte Hobbins ersetzt wurde, will ich nicht verraten. Lest selber, Ihr Süßwassermatrosen!)

Verklammert wird das alles einmal mit einer Art Detektivgeschichte, weil Sandy aufdecken will, wer den Nazgul-Manager wirklich gekillt hat (den offiziellen Ermittlungen traut er so weit, wie er ein Klavier werfen kann); zum zweiten steigert Martin mit großem Geschick die Heftigkeit der ›magischen Verwerfungen‹, die Hauptfigur Sandy drastisch anhand von Alpträumen & Visionen erlebt. Das ergibt dann umwerfend intensiv wirkende Passagen, z.B. wenn Sandy sich schlaflos im Chicago der Achtziger in einer großen Gespenster-Parade der Anti-Kriegs-Demonstranten & harsch durchgreifenden Sicherheitskräfte beim Parteitag der Demokraten 1968 wiederfindet.

Überhaupt Sprache & Stil: Eigentlich logo, dass ein Roman, der teils naiv, teils wehmütig, teils bitter, teils versöhnlich aber stets leidenschaftlich, subjektiv & emotionell danach trachtet, den Geist der »Make Love Not War!«- & »Macht Kaputt Was Euch Kaputt Macht!«-Zeit zu beschwören, in die Vollen greift. Da wird — auch Dank Sandys Schnodderschnauze — kurzweilig kalauert, gesudert, gewitzelt, gestichelt, debattiert. Auch sorgen knackige Beschreibungen von Saufen, Kiffen, Vögeln, Kater-Qualen, Musik-Lauschen & übermütigen Blödsinnsaktionen für Kurzweil. Alle Register der Stimmungsorgel zieht Martin insbesondere bei den schon orgiastischen Konzert-Beschreibung vor allem im letzten Drittel des Romans (Beispiele aus Kap. 20):

Faxons Gesicht war weiß und ausdruckslos geworden, aber seine Finger bewegten sich mit der sicheren Bestimmtheit von einst über die Saiten seines Rickenbacker, und tiefe dröhnende Töne verschmolzen mit dem Strom der Musik, Töne so tief wie das Räuspern Gottes, so bedrohlich wie das erste Grollen eines Erdbebens, so wahr und so schrecklich wie ein Atompilz. {…} Maggio tanzte wild über die Bühne wie jemand, dem man einen elektrischen Schlag versetzt hatte, aber er grinste in einem fort und fletschte höhnisch die Zähne, und seine Gitarre spuckte beißendes, tosendes Feuer. Wie rasend riss er an den Seiten, und die Akkorde flogen wie Rasiermesser. Hobbins wandte sich zu ihm um, funkelte ihn an und kratzte über sein eigenes Instrument. Klänge und Melodiefetzen schossen hin und her, während sie gemeinsam improvisierten. Die Leute standen auf den Stühlen, klatschten über den Köpfen in die Hände, krümmten sich zur Musik, schüttelten sich, fickten die Luft mit den Fäusten.

Ganz selten stieß ich auf Stellen, die ich unelegant fand (z.B. die 1-A Brüste einer Aktivistin, ihre sexy Brustwarzen, die sich stets durch den Stoff abzeichnen! Dafür ist Stoff ja da! … Und Nippel!!). — Außerdem wurde ich durch die Zweitlektüre daran erinnert, was für ein bombiger Geschichtenerzähler Martin ist. Er schreibt zwar im Großen & Ganzen gefällig, also führt keine hoch-›lüterarischen‹ Kunststückchen auf, vielmehr versteht er es z.B. geschickt, das Tempo abzuwechseln, mal zu raffen, mal zu weiten, oder mit ›Leitmotiven‹ zu arbeiten, was den Text zuweilen sehr überzeugend wie einen dieser überlangen, komplexen Prog-Rock-Songs wirken lässt. Ach, & wie es sich für einen apokalyptischen, von düsterer Hippie-Romantik geschwängerten Roman gehört, wird »The Second Coming« von William Butler Yeats ausführlich als Songtext eines Nazgul-Stückes zitiert.

Martin meidet trotz aller merklich spürbaren persönlichen Leidenschaft für ›seine‹ 68er-Gegen- & Musikkultur einseitige Polemik oder platte Parteilichkeit (einige Stellen wirken vielleicht wie blauäugige Verklärung, vor allem was die Musik tatsächlicher Gruppen von damals angeht; aber das wird durch entsprechend wehmütige Schilderungen, wie Kurzsichtig man doch damals war aufgewogen). — Martin gibt sich als nostalgisch-skeptischer Gegner von Fanatismen, Bevormundung & Beengung jeglicher Coleur zu erkennen & der Roman schließt also mit dem beherzigenswerten Fazit, dass Menschen & persönliche Beziehungen glücklicher machen & die Welt wohl besser aussähe, wenn man diese pflegte, statt sich mit kämpferischem Zorn für Ideologien einzusetzen. — Ein wunderbarer Roman, von mir bei Goodreads mit 5 von 5 Sternchen & dem Ettikett »All Time Favorite« bedacht, der glänzend verdeutlicht, dass man den Alternativkultur-Slogan »Sex Drugs & Rock’n Roll« getrost um den vierten Punkt »UND Phantastik« ergänzen kann.

Bonus:

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George R.R. Martin: »Armageddon Rock« (EV: 1983); Aus dem Amerikanischen von Peter Robert; 28 Kapitel auf 391 Seiten; Überarbeitete broschierte Neuausgabe bei Golkonda 2014; ISBN: 978-3-944720-35-7.
ISBN eBook-Ausgabe: 978-3-944720-36-4.
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