MOLOsovskysCHRONIK
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geschrieben von molosovsky,
am: Dienstag, 26. Mai. 2009
Eintrag No. 551 — China Miéville (*1972) pflegt die löbliche Programmatik, sich, wenn möglich, für jedem Roman ein anderes Genre vorzuknöpfen und daraus schubladensprengende Phantastik zu machen. So ist »The City & The City« erstmal ein klassischer Detektiv-Krimi, wenn Commissar Tydor Borlu den Mord an einer unbekannten jungen Frau aufzuklären hat.

Die Sprache ist knapp, eben typisch ›Hard-Boiled‹-Krimi, auch wenn Miéville (wie immer) einige Wortschöpfungen präsentiert und vertraute Begriffe so verwendet, dass sie neuartig schillern. Trotz der knappen Sprache ist der Roman ungeheuer dicht gewebt, sprich: bietet viele Details und Ideentupfer, statt Gelaber und unnötiger Rekapitulationen. Zudem sind mir einige äußerst gelungene Dialoge aufgefallen, dank derer Miéville sich und seinen Lesern ermüdend weitschweifige Figurenschilderungen erspart.

Bewundernswert finde ich das große Phantastikkonzept von »The City & The City«. Da gibt es zwei Städte, die irgendwo in Osteuropa an einer Flussmündung liegen: das etwas altmodischere aber politisch pluralere Besžel, die Heimat von Kommissar Borlu, und das einheitsparteiisch regierte aber durch Auslandsinvestitionen florierende Ul Qoma. Die Städte liegen auf seltsam-›magische‹ Art in- und nebeneinander. Keiner weiß, ob dieser Zustand vor vielen Jahrhunderten durch die Trennung einer Stadt, oder das Zusammenwachsen zweier Städte hervorgerufen wurde.

Die Grenze zwischen Besžel und Ul Qoma verläuft sehr unterschiedlich. Da gibt es Bereiche, die eindeutig, ›total‹, nur einer der beiden Städte angehören, dann ›alter‹-Orte, deren Zugehörigkeit wechseln kann und schließlich schraffierte ›crosshatched‹-Zonen. Die Einwohner der beiden Städte achten penibel darauf, nur die zur eigenen Stadt gehörenden Dinge und Personen wahrzunehmen, und die andere Stadt zu ignorieren (›to unsee, unsmell something‹).

Mit Worten wie ›grosstopically‹ und ›topolganger‹ hilft Miéville, die Komplexität von Besžel und Ul Qomo zu beschreiben. — ›Topolganger‹ bezeichnet das Gegenstück eines Ortes in der anderen Stadt. Eine Straße die nicht total in einer Stadt liegt, hat dann zwei Namen. So ist Ioy Street der Ul Qoma-›topolganger‹ von RosidStrász in Besžel,. Für die Bewohner von Besžel sind die Leute aus Ul Qomo zwar ›grosstopically‹ anwesend, aber es ist Besžel-Bewohnern nicht erlaubt die ›anderen‹ in Ul Qoma direkt und bewusst wahrzunehmen, denn schon allein das wäre eine Grenzverletzung.

(Wie so oft, wenn ich einen neuen Roman von Miéville auf Englisch lese, frage ich mich, wie sich wohl solche sprachlichen Eigenarten auf Deutsch meistern lassen. — Ach ja: mein geliebtes ›ersatz‹ kommt vor, hurrah!)

Von Klein an werden die Bewohner beider Städte darauf getrimmt, die eigenen kulturelle Merkmale zu verinnerlichen, und diejenigen der anderen Stadt zu ignorieren. Die entsprechenden Kulturabgrenzungsregeln beziehen sich auf solche Dinge wie Schrift und Sprache, körperliche ethnische Merkmale, und erstrecken sich bis hin zu Gesten und Farben.

Das macht natürlich alles mögliche Alltägliche, beispielsweise Straßenverkehr und Feuerwehreinsätze, ziemlich kompliziert, und erst recht Politik und Geschäfte und eben Verbrechen.

Die Einhaltung der Trennung überwacht eine unheimliche Macht namens ›Breach‹. Breach ist nicht nur die Bezeichnung für die Straftat der Grenzverletzung selbst, sondern auch die Überwachungsinstanz, ihre Mitarbeiter, ja der zwischen/über dem Zweistadtgefüge liegende Ort des ›Bruches‹, des ›Risses‹ wird so genannt. Und vor Breach haben alle Bewohner von Besžel/Ul Qoma große Angst, denn die Breach-Angehörigen verfügen über imense Macht und ihnen entgeht nichts was in den beiden Städte geschieht. Das mindeste, was im Roman einer Person die einen Breach begeht widerfährt, ist, dass sie in einen tiefen Schlaf versetzt wird, der andauert, bis der Delinquent des Landes verwiesen wurde. Doch das ist noch milde, denn für gewöhnlich verschwinden Breach-Missetäter spurlos und für immer.

Wie es sich für einen Miéville-Roman gehört, spielen politische Gruppierungen eine Rolle und es gibt viele gelungene Schilderungen von Besonderheiten unterschiedlicher Milieus.

Der erste Teil des Romans ist in Besžel angesiedelt, und unter anderem begleiten wir Tydor Borlu zur Sitzung eines Komitees, bei der entscheiden werden soll, ob man wegen des Mordes an der Unbekannten Breach beschwören soll; wir lernen Besžel-Faschos von den True Citizens und linksgesinnte Vereinigungs-Aktivisten kennen; wir erleben, welche Umstände ausländische Besucher verursachen und bestaunen den größten innerzwiestädtischen Grenzübergang Copula Hall. — Ul Qoma steht im Mittelpunkt des zweiten Teils, und ein wichtiger Schauplatz ist hier eine archäologische Grabungsstädte, auf der ein internationales Forscherteam arbeitet. Dramaturgischen Steigerungsschwung erlangt die Handlung durch Borlus Besucherstatus, und durch seine Zusammenarbeit als Berater für den Ul Qoma-Ermittler Quissim Dhatt. — Der Roman beginnt recht sachte und krimi-gewöhnlich, steuert jedoch mit einem wundervollen Spannungsbogen auf einen chaotisch-fulminanten Höhepunkt zu.

Richtig gut finde ich Phantastik nicht etwa dann, wenn sie mir Wohlfühlträumerei ermöglicht, sondern wenn sie meinen Assozationsmotor auf Touren bringt. Der Weltenbau und die Geschichte von »The City & The City« ermunterten mich zu aufregenden Gedankenspaziergängen über Phänomene zur Definition, Beachtung und Missachtung von Grenzen.

Die oben bereits verlinkte Autorin Cheryl Morgan bringt das in ihrem Blogeintrag zum Roman besser auf den Punkt als ich (Molo-Übersetzung):
Über das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von phantastischen Aspekten, {… und ob es sich bei dem Roman nun eigentlich überhaupt um Science Fiction oder um Fantasy handelt …} werden sich die Leute in Debatten verstricken. Das ist wunderbar ironisch, denn das Buch spricht die ganze Zeit über unsere Obsession was Kategorisierungen betrifft. {…} Obwohl sich das Buch offensichtlich mit Multikulturalismus auseinandersetzt, lässt sich sein Hauptanliegen auch auf solche Themen wie Geschlecht, ja sogar Fandom anwenden. {…} Nun ja, vielleicht schafft es China ja, mehr Leute zum Denken zu bringen. {…} Es ist gefährlich von Kategorisierungen besessen zu sein.

People will get themselves all mixed up over the presence or absence of fantastical elements {… whether it is actually a science fiction or fantasy book at all}. And that will be magnificently ironic because the book is all about our obsession with categorization. {…} While the book is obviously about multiculturalism, the same argument can be extended to issues such as gender, and even to fandom. {…} Ah well, maybe China will manage to get a few more people to think. {…} And obsession with categories is a dangerous thing.


SERVICE-LINKS:
  • Kleines englischsprachiges Promofilmchen (3 min 43 sec) in dem Miéville die Handlung und das Konzept von »The City & The City« antrailert, und schildert, was ihn am Detektiv-Krimigenre reizt. Hübsch illustriert!
  • Ausgabe 116 des Podcast-Magazins »I Should Be Writing«. Ab 19:17 gibt es ein ca. 45 Minuten langes Interview, unter anderem zu »The City & The City«. —— Sehr erhellend auch, wie Miéville das Vorurteil auseinandernimmt, ›sparsamer‹ Prosastil sei besser sei als ›üppig-saftiger‹. Außerdem beantwortet China auch einige Leserfragen.
•••••••••••
China Miéville: »The City & The City« (2009), 312 Seiten, (vier Teile in 29 Kapiteln, 88 Abschnitte); Macmillan (UK-Ausgabe), ISBN: 978-1-405-00017-8.

ERGÄNZ:
Wer sich fragt, wie man dieses komische ›z‹ mit dem Hatschek-Hakerl beim Stadtnamen ›Besžel‹ eingibt: das ist Unicode ›&# 382;‹ (ohne Leerzeichen). — Gefunden hier.

Gro&szlig;er horizontaler Trenner
Geschieben von HPLCthulhu,
am: Freitag, 29. Mai. 2009
Nächstes Jahr um die Zeit sprechen wir uns wieder, wenn dann endlich die deutsche Übersetzung raus ist. :-)
Ne Mieville im Original, da brauche ich wirklich viel zu lang. Klingt aber wie immer sehr sehr interessant.

Gruß
Tom
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Geschrieben von lucardus,
am: Sonntag, 09. Aug. 2009
Ja, ein guter Miéville. Nicht ganz leicht anfangs, aber später flutschte das Englisch deutlich besser.

Was Moorcock anbelangt ist mir nicht ganz klar, wo ich im Roman die String-Theorie wiederfinde. Aber ich habe mir die ganze Zeit ein Berlin vorgestellt, in dem West- und Ostteil sich überlappen und ein Trabifahrer es nicht wagt, den vor ihm fahrenden Golf anzuschauen, während der wiederum um einen verkehrsregelnden Vopo herum schlenkert und so tut, als sei dieser nicht vorhanden.

Auch das gegenseitige Erkennen an Kleidung, Körpersprache und ähnlichem ist durchaus realistisch. Wenn alle mitspielen und "übersehen" ist das ohne weiteres möglich ohne auf phantastische Element zurückgreifen zu müssen. Man denke nur mal an einen blutenden Menschen, um den in der Fußgängerzone alle herumfließen, als würden sie ihn nicht wahrnehmen ...
Kleiner horizontaler Trenner.
Geschieben von molosovsky,
am: Dienstag, 02. Jun. 2009
Vor ein paar Tagen habe ich schon eine erste Rezi-Linksammlung zu »The City & The City« für das Bas-Lag-Forum zusammengestellt.

Gestern Abend habe ich dann auch noch dieses ausführliche (engl.) Interview zum Roman entdeckt.
Kleiner horizontaler Trenner.
Geschieben von molosovsky,
am: Donnerstag, 25. Jun. 2009
Hätte ich fast verschwitzt endlich mal zu verlinken: Michael Moorcocks großes Lob für den Roman, in einer längeren Rezi für den »Guardian«:
»The spaces in between: Michael Moorcock is transported by China Miéville's extraordinary cityscape«. Mein Lieblingsabsatz aus der Empfehlung:
»The City & The City« unterscheidet sich sehr {von Miévilles anderen Büchern}. Das Buch ist in unserer Welt, in einer post-sowietischen Gegend angesiedelt, und greift für die Ideen auf String-Theorie, und für die Handlung auf gewöhnliche Alltagserfahrungen zurück. Abgesehen von einer außergewöhnlichen Einzelheit, könnte man dieses Buch als clevere Mystery-Geschichte bezeichnen, die aus der Sicht eines balkanesischen Polizisten erzählt wird, der damit ringt, mit den Problemen einer Gesellschaft fertig zu werden, die erdrückt wird von den Traditionen und Geisteshaltungen, wie sie bis in die jüngste Vergangenheit durch das herrschende autoritäre Regime bestimmt wurden. Grauer Beton, ratternde Straßenbahnen und veraltete Büroausstattung lassen an Greenes »Der Dritte Mann« denken und an die Besatzungezonen Wiens. Fast kann man irgendwo in den hallenden Kanaltunneln das Zupfen einer Zitter hören.

The City and the City is very different. It takes place in our familiar world, a post-Soviet locale which draws on string theory for its ideas and conventional experience for its story. Apart from one exceptional detail, this book could be a clever mystery story told from the point of view of a Balkan policeman struggling to cope with the problems of a society burdened by traditions and attitudes from its recent authoritarian past. Featureless concrete, rattling trams and antiquated office equipment invoke Greene's The Third Man and Vienna's zones of occupation. You can almost hear a zither twanging somewhere in an echoing sewer.
Aber Vorsicht!!!
Moorcock spoilert enorm. Verrät viel über den Verlauf der zweiten Hälfte des Buches. Ist also nix für Leute, die den Roman lieber mit all seinen Überraschungen selber entdecken wollen.
Kleiner horizontaler Trenner.
Geschieben von molosovsky,
am: Sonntag, 28. Jun. 2009
Krassgeil! In der Sommerlese, -hör & -guck-Empfehlungsliste der heutigen »FAZaS« nennt Eleonore Brüning als ›Buch für Unterwegs‹ China Miévilles »The City & The City«.
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Geschieben von molosovsky,
am: Freitag, 08. Jan. 2010
Marcus Hammerschmitt hat für die ORF Futurzone eine Jubel-Rezi zum Buch geschrieben. — Vorsicht: Hammerschmitts Rezi ist (noch) spoilerlastiger als meine!

Hier Hammerschmitts Endwertung, der ich zustimmen kann (ich halte »The Scar« für Miévilles bisher bestes Buch):
Mieville hat ein spannendes Buch geschrieben, das wie üblich mit sorgsam ins Erzählgewebe eingebettetem Recherchefleiß, authentischen Figuren und einem bizarren Szenario aufwarten kann. Obwohl das paradox klingt, ist es sein bisher realistischstes - seine eigene Erzählung hat das erzwungen. »The City and the City« ist nicht Mievilles bestes Buch bisher, aber es steht meilenweit über dem Mist, der sonst in dem Genre leider die Regel ist. So hat er es wieder einmal geschafft, Weltklassephantastik zu schreiben, die dem Massenpublikum zu schwierig sein wird. Das weiß er genau, und daher gebührt ihm für seine Kunst, seinen Mut und seine Beharrlichkeit Dank.
Im September 2010 soll die deutsche Ausgabe erscheinen. Leider ist das Coverbild wieder nicht so dolle. Ich finde es traurig, dass die Lizenz für eines der wirklich feinen US-/UK-Cover so viel teurer zu sein scheinen, als das, was man hierzulande einem Coverzusammenschusterer zahlt.
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Geschieben von molosovsky,
am: Donnerstag, 06. Mai. 2010
Zu dritten Mal ergattert China den Arthur C. Clarke Award, nachdem er ihn 2001 für »Perdido Street Station« und 2005 für »Iron Council« errungen hat. Damit ist China zum bisherigen König dieses Preises aufgestiegen. Anscheinend lebe ich im falschen Land :-)

Hier die Preisrede.



Sehr schön die Spitze gegen das ›Literarische Establishment‹ (‘nen Booker Prize-Juror). Und am Ende seh ich den sonst so eloquenten China den Tränen nahe, als er der wichtigsten Person dankt, der »The City & The City« gewidmet ist, seiner verstorbenenn Mutter, die als großer Crime Fiction Fan den Roman wohl gerne gelesen hätte.

So. Damit wäre die YouTube-Einbindungsentjungferung der Molochronik absolviert. Immerhin feiert dieses Blog bald 3000tägiges Jubiläum und da muss ich ja schließlich mal nachdenken, wie man der alten Dame neuen Pepp verpasst, nicht wahr, ne, Oider.

Räusper.

Ach ja: »Kraken«, der neueste Miéville-Roman, ist superb. Bin seit gestern am Lesen, auf Seite 115 von 482. Ganz großer Stoff. Mehr dazu hab ich hier bereits vermerkt.

Und hier noch ein Link zu einem feinen »An A-Z of China Miéville« bei Panmacmillan.
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Geschrieben von molosovsky,
am: Freitag, 07. Mai. 2010
Inzwischen hab ich nachgeguckt: Oben erwähne ich ja, dass vor kurzem irgendein Booker Prize-Juror, nämlich John Mullan, hochnäsig erklärte, warum eigentlich noch nie ein SF-Buch diesen rennomierten englischen Literaturpreis bekommen hat. Die Frage hat der SF-Autor Kim Stanley Robinson in einem Artikel gestellt (und dabei z.B. darauf hingewiesen, dass eine HochLit-Heilige wie Virginia Woolf ein Olaf Stapelton-Fan war).

Und Mullans Antwort mit ihrer Hochnäsigkeit zu übersetzten ist gar nicht so leicht:
Als ich 18 war {Mullan sieht auf seinem Uni-Website Photo wie einer in den 40gern aus} wurde SF als Genre genauso wie andere Genre akzeptiert. Jetzt aber wird es in ›besonderen‹ {= special} Ecken der Buchläden angeboten, wird von einer ›seltsamen‹ {= special} Art von Leuten gekauft, die ›komische‹ {=special}, seltsame {= weird} Veranstaltungen besuchen um sich zu treffen. {Eben so genannte Cons / Conventions wo oft auch Leute in Kostümen rumgeistern}.

When I was 18 it was a genre as accepted as other genres, but now it is in a special room in book shops, bought by a special kind of person who has special weird things they go to and meet each other.

Gute Zusammenfassung (an der ich mich auf die Schnelle auch hier orientierte) dieser Auseinandersetzung bietet das »IO9«-Webzine: »Science Fiction vs. Literary Establishment Round One Million«.
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Geschieben von molosovsky,
am: Dienstag, 11. Mai. 2010
Grenzgeniale Videospiel-Idee von Alexander Lohmann. Genau solche Anregungen zu eigenen Gedankenspielen sind es, die für mich die Romane von Miéville so reizvoll machen.
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