Molos Wochenrückblick No. 64

Eintrag No. 740 — Kinners, wie die Zeit vergeht! Wisst Ihr noch, wann ich das letzte Mal von meinen Entscheidungen bei ›Wer ist dir lieber?‹ berichtet habe? — Nein? — Vor über drei Monaten! — Also nicht lange gefackelt. Entscheidungen müssen her!!!

Jack Nichsolson oder Heath Ledger (als Joker): Wenn es nur darum ginge, wer der bessere Joker war, würde ich ›weder / noch‹ sagen, wenn es darum geht, wessen Schauspielerleistung ich höher schätze, dann Nicholson.Yul Brunner oder Telly Savalas: Meine Stimme geht an den König von Siam!Physik oder Chemie: Finde beides zu interessant und wertvoll, um mich entscheiden zu wollen, also wieder ›weder / noch‹.Tim Taylor oder Al Borland: Ähh, das ist wohl TV-Kultur. Habe keine Ahnung. Kenne beide nicht.Beckmann oder Kerner: Diesmal kenne ich immerhin die Namen dieser TV-Fuzzis. Weiß aber sonst zu wenig, um die unterscheiden zu können. Also wiederum, ›kenne beide nicht‹.Inge Meysel oder Marie-Luise Marjan: Und nochmal ›kenne beide nicht‹.Lena oder Nicole: Schlimme als das grausige »Ein bischen Friede« ist selbst lena nicht. Trotzdem unterm Strich für mich ein ›weder / noch‹-Fall.Spiegelei oder Rührei: Klarer Fall. Ich bin ein Rührei-Typ.Jim Knopf oder Lukas der Lokomotivführer: Ich mag Lukas ein kleines bischen mehr.Darth Vader oder Yoda: Seit »The Attack of the Clones« ist für mich der Kampf-Flummi nicht mehr zu toppen.David Beckham oder Victoria Beckham: Bin nicht kompetent genug, hier eine Entscheidung zu treffen, also ›weder / noch‹.Prince William oder Kate Middleton: Ebenso. Wertner Enke oder Uschi Glas: Ich boller einfach mal so rum und wähle den Enke.Cats oder Das Phantom der Oper: Hmmm, schwer. Als Teen mochte ich beide. Aber die Texte von Cats sind (siehe T. S. Eliot) doch 'nen winzigen Tick gehaltvoller.Humphrey Bogart oder Ingrid Bermann: So sehr ich die Bergman mag, den Bogart finde ich einfach noch besser.Max oder Moritz: Ist das nicht völlig Wurscht? Ich werf ne Münze … halt nein, ich finde, Max sieht nicht so nervig aus. Adam oder Eva: Meine Sympathien liegen bei Frauen, die mir was zu Essen bringen.Liz Taylor oder Richard Burton: Wieder ein ›weder / noch‹-Fall.Frühling oder Herbst: Mein liebste Jahreszeit ist eh der Herbst.Harry oder Sally: Als Rollenvorbild für mich bevorzuge ich Harry.Cornflakes oder Müsli: In Phasen die sich über mehrere Jahre erstrecken, mag ich mal das eine, mal das andere lieber. Derzeit bin ich ein Müsli-Typ.

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Wunderbare Neuigkeiten! Matt Ruff präsentiert auf seiner Website nun erste offizielle Infos über seinen (auf Englisch) im Frühjahr 2012 erscheinenden fünften Roman »The Mirage«. Hier eine schnelle Übersetzung von mir vom Waschzettel des Buches:

9. November 9, 2001: Fundamentalistische Christen haben vier große Düsenmaschinen entführt. Zwei davon steuerten sie in die Tigris & Euphrat-Welthandels-Türme in Baghdad, und das dritte in das Arabische Verteidigungsministerium in Riad. Die Passagiere des vierten Flugzeuges, dessen Bestimmung Mekka gewesen sein soll, bringen ihre Maschine in der Wüste zum Abstürzen.
Die Vereinigen Arabischen Staaten rufen einen Krieg gegen den Terror aus. Eine Koalition arabischer und persischer Truppen landet an der Ostküste Amerikas und errichtet in Washington D.C. eine Grüne Zone …
Heute, einige Jahre später, ebbt der Krieg in Amerika langsam ab. Mustafa al Baghdadi, ein Agent der arabischen Heimatsicherheitsbehörde, verhört im Irak einen festgenommenen Selbstmordbomber. Der Gefangene behauptet, dass die Welt in der sie leben ein Trugbild ist — in der wirklichen Welt ist Amerika eine Supermacht und die arabischen Staaten nur eine Ansammlung ›rückwärtsgewandter Drittwelt-Nationen‹. Eine Ausgabe der New York Times vom 12. September 2001, die bei der Durchsuchung der Wohnung des Attentäters gefunden wird, scheint seine Aussage zu bestätigen.
Es bleibt nicht bei diesem einen Zwischenfall. Andere festgenommene Terroristen erzählen die gleiche Geschichte, und man findet weitere ›Artefakte‹. Der Präsident verlangt Antworten, doch Mustafa und sein Team entdecken bald, dass weitere Interessensgruppen ihre Finger im Spiel haben. Der Verbrecherboss Saddam Hussein führt eigene Ermittlungen durch, und der Chef des Nachrichtendienstes des Senates, ein Kriegsheld namens Osama bin Ladin, macht vor nichts Halt um die Wahrheit über das Trugbild zu verbergen.

Und Matt hat auch schon zusammengeschrieben, welche Musik er beim Schreiben von »The Mirage« vor allem gehört hat.

Politik, Gesellschaft & Hochkultur:

  • Georg Dietz, ›Der Kritiker‹ unter den SpOn-Bloggern, klärt uns auf betreffs Sieben Wahrheiten über die Hochkultur. Durch die Brille der Genre-Theorie gesehen ist für mich schon lange klar, das ›Hochkultur‹ eben auch nur eine Nische für ein spezielles Fandom ist.

(Deutschrachige) Phantastik-Links

  • Für das Blog der ›Bibliotheka Phantastika‹ hat moyashi am Beispiel des »Games of Thrones«-Kalenders 2012 von Joe Picacio wunderbar zusammengemeckert, was an typischer Epic-Fantasy-Grafik nicht stimmt: Blind oder nicht blind, das ist hier udie Frage.
  • Simon Spiegel bietet als PDF auf seiner Website eine Rezi zu Alex Melzers »Weltenbauer: Fantatstische Szenarien in Literatur, Games und Film«. Wer sich selbst einen Eindruck von der exemplarischen Nutzlosigkeit von Melzeners Schrift verschaffen will, kann hier in einer umfangreichen Leseprobe stöbern.
  • »20th Century Boys« hat letztes Wochenende den Eisner-Award gewonnen, schöne Gelegenheit für den ›Tagesspiegel‹ Inga Steinmetz dieses beeindruckende Groß-Manga empfehlen zu lassen: Mörderische Freundschaft.
  • Noch was aus dem ›Tagesspiegel‹: Diesmal hat sich Steffen Richter der ersten sechs Titel der ›Neue Welt‹-Reihe des Verlages Matthes & Seitz angenommen: Luftschlösser und Quantenburgen. Diese Science Fiction-Reihe wurde von der Szene (mich eingeschlossen) selbst bisher kaum wahrgenmoen, mit Ausnahme von Thor Kunkels lesenswerten Roman »Schaumschwester«.
  • Viel Stoff für die Ohren bieten die Tonmitschnitte der Seminare Science Fiction and Politics von Courtney Brown. Bereits verkostet habe ich die Einführungsfolge, sowie die Beiträge zu Neal Stephensons »Snow Crash«. Ganz besonders freut mich, dass auch das Werk der Science Fiction-Musikerin Janelle Monáe berücksicht wird.

Zuckerl: Popkultur & Kunst

  • Seit ich als Hauptschüler Bachs Orgelmusik in der Einspielung von Helmut Walcha kennenlernte, und kurz darauf die Böhmsche Einspielung der Brandenburgischen, bin ich dem Jay Es Be verfallen. Letztes und dieses Jahr hatte ich wieder eine von diesen monatelangen Phasen, in denen ich auf dem Weg zur und von der Arbeit praktisch nur Bach hörte (Savall und Göbel-Einspielungen). — David Ramirer ist einer meiner Freunde, die so eine arge Bach-Begeisterung verstehen. Ihn hat’s, wie’s scheint, in letzter Zeit auch wieder vermehrt zum Thomas Cantor hingezogen, denn in seinem Blog tummeln sich wieder vermehrt elektromusikalische- und bildnerische Interprationen Bach’scher Werke: hier erstmal zum Hören für die freunde gehobener contrapunktik das »Ricercar a 6« (aus »Musikalisches Opfer«), und anschließend dann zwei visuelle Analysen / Umsetzungen dieses Stücks: ein wenig musikanalyse am mittwochabend und ein semi-chromatischer tanz.
  • Dank an Andrea für diesen Linktipp: Kent Rogowski macht Collagen aus verschiedenen Puzzels und nennt diese knallbunten Farbgranaten dann Love=Love.
  • Das Architektur-Blog ›The Web Urbanist‹ bietet einen umwerfenden Rundgang durch menschengemachte Himmelgewölbe: 15 Stunning Modern Ceiling Designs.
  • Zum Abschluss ein Filmchen bei ›Neatorama‹, das ich putzig-gruslig finde (aber vorsicht: manche von Euch finden folgendes sicherlich grausig-eklig!): Leckerer (toter!) Tintenfisch fängt wegen des Natriums in der Soja-Soße an zu zucken: Tanzender Tintenfisch

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Spar-Ausgabe: Molos Wochenrückblick No. 30

Eintrag No. 678 — Ich muss Euch leider mit einer schlanken Ausgabe des Wochenrückblicks abspeisen. Obwohl ich seit dem Wochenende frei habe, bin ich wenig zum Stöbern im Internet gekommen, und die Beute ist entsprechend mikrig. Zudem befinde ich mich im Endspurt meiner Kurzgeschichten-Übersetzerei (zu der ich leider noch nicht sagen kann, was ich da von wem für wen übersetzte … aber soviel sei verraten: ich bin mächtig stolz und froh angesichts der hohen Güte der Stories). — Da es nicht so aussieht, als ob ich diese Woche zu sehr viel mehr kommen werde als Übersetzen und an den Texten zu feilen, werde ich erst nächste Woche Links zu Netzfunden bieten. Für diesmal bleibt es bei Meldungen zu meinem Alltagskram (deshalb auch kein Flattr-Button, denn einen so popeligen Eintrag halte ich nicht für Flattr-würdig).

Allgemein: Eine überraschende Anfrage erreichte mich, und ich habe »Ja« gesagt und werde also nächstes Jahr für ein angesehenes Phantastik-Portal Mitglied eines Jurorenteams für einen Kurzgeschichtenwettbewerb sein. Bin schon gespannt, wie ich mit dieser Aufgabe zurechtkommen werde, oder ob sie nur dazu taugt, meine Nerven zu schreddern und mir Feinschaften einbrockt.

Und gestern konnte ich endlich mein Belegexemplar von Simon Spiegels »Theoretisch Phantastisch« von der Post abholen (das dort seit Donnerstag letzter Woche lag), für das ich Titelbild und einige Portrait-Illus beigesteuert habe. — Tausend Dank an Simon und den p.machinery-Herausgeber Michael Haitel, dass sie mich für dieses edle und nützliche Projekt mit an Bord geholt haben. Jederzeit wieder!
Molo und Simon Spiegels »Theoretisch Phantastisch«.

Film: Zum einen habe ich nun alle sieben Staffeln von »Buffy« gesehen. Ich bin überwältigt, wie gut diese Serie ist, deren erste Staffel ich vor ein paar Monaten eigentlich als leichte Feierabendentspannung angeschafft habe. — Zum anderen genieße ich gerade die ausführlichen Zusatzmaterialien der BlueRay-Ausgabe von »Alien Anthology«. Von allen SF-Serien liegen mir die »Alien«-Filme am meisten am Herzen, trotz aller Macken (vor allem von Film 3 und 4).

  1. Weil mir das SF-Design hier am besten gefällt, so, wie das ›used future‹-Konzept zum ersten Mal und in Folge immer wieder gelungen zum Zuge kommt;
  2. Weil jeder der vier Filme durch das Spiel eines exzellenten Schauspieler-Ensembles geprägt wird;
  3. Weil jeder der vier Filme es wagt, eine ganz eigene Version der eigentlich immer gleichen Story zu liefern; also, weil Varianz und nicht Einheits-Rezept die Reihe prägt.
In den nächsten Tagen werde ich meine alten Einträge aus der Film-DB von SF-Netzwerk auf den Seziertisch legen und aus ihnen einen Blogeintrag zu den »Alien«-Filmen klonen.

»Concerto Grossi« (Op. 6) von Händel, eingespielt von ›Il Giardino Armonico‹.Musik: Ich wandle immer noch fast ausschließlich auf barocken Pfaden, denn bis auf ganz wenige Ausnahmen (Filmmusik von Bernstein und Herrmann), begleitet mich Musik dieser Epoche seit gut einem Jahr. Mehrere Tage lang habe ich alle Hörproben, die ich zu Georg Friedrich Händels »Concerto Grossi« (Op. 6) finden konnte, getestet und bin am Ende bei der Aufnahme von ›Il Giardino Armonico‹ gelandet. Hier geht es zu einem kleinen Promo-Film zu dieser Einspielung. Etwa bei 1:35 kann man die ersten paar Takte der Polonaise aus dem dritten Konzert hören, ein gutes Beispiel für die Wucht und den schnittigen, fast schon schwermetalligen Sound, durch den sich der Streicher-Klang dieser Aufnahme für mich besonders hervortut. Barockmusik, und vor allem solch ein beliebter alter Hase wie Händel, wird ja als Wellness-Musi bis zum Gottserbarmen runtergenudelt. Was für eine Freude, wenn solche Musik dann doch auch mal mit Feuer und Wumms aufgeführt wird.

Lektüre: Bin vor allem mit »Der junge Titus«, dem ersten ›Gormenghast‹-Buch von Mervyn Peake weitergekommen und bald durch. — Für »Zettel’s Traum« von Arno Schmidt hatte ich in der vergangenen Woche nicht so viel Zeit.

Illustrationen für Golkonda & AndroSF

Eintrag No. 669 — Zweierlei erfreuliche Buch-Neuigkeiten.

Erstens ging ein Buch in der AndroSF-Reihe in Druck (und wird also in Bälde bestellbar sein), zu dem ich einige Innenillustrationen und das Titelbild beizutragen die Ehre hatte: Simon Spiegel »Theoretisch phantastisch. Eine Einführung in Tzvetan Todorovs Theorie der phantastischen Literatur«.

Simon Spiegel: »Theoretisch Phantastisch – Eine Einführung in Tzvetan Todorovs Theorie der phantastischen Literatur«.

Simon (dessen »Die Konstitution des Wunderbaren – Zu einer Poetik des Science-Fiction-Films« ich allen Genre-Theorie-Interessierten ausdrücklich empfehle) erklärt darin Todorovs Thesen so, dass man sie verstehen kann. Zudem gibt es im ersten, dem Theorieteil, einiges über: den Struktualismus, das Verhältnis von Erzähler und Leser, Realismus, Brüche und Unsicherheiten (inkl. Phantastik & (ta-da!) Pseudophantastik), Erzählweisen, den zweifachen Tod der Phantastik; — und dann, im zweiten Teil werden praktische Deutungs-Beispiele geliefert anhand von Henry James, Edgar Allen Poe, »The Blair Witch Project«, Franz Kafka, Thomas Mann und »Pan’s Labyrinth«. — Link zu dem Buch wird ergänzt, sobald es eine Buchwebsite gibt.

Zweitens sind die ersten beiden Bücher des Golkonda Verlages mit von mir gezeichneten Autoren-Portraits erschienen und heute per Post bei mir eingetroffen. — Fühl sich großartig an, für einem so exzellenten Verlag und dessen feine & ordentlich gemachte Bücher etwas beitragen zu können, und sei es nur eine kleine Zeichnung für die hintere Broschurklappe.

Jon R. Lansdale: »Kahlschlag«, Golkonda Verlag.Jon R. Lansdale »Kahlschlag«. Der Roman beginnt auf Seite eins mit einem Kill, als Sunset Jones ihren Mann Pete erschießt, als er sich gerade wieder mal besoffen über sie hermachen will. Bin schon gespannt, was in diesem, im Texas der 1930er angesiedelten, Roman abgeht. — Lansdales Schreiben kenne ich bisher nur von a) seinen exzellenten Jonah Hex-Comics, den sicherlich besten Geschichten, die es bisher zu diesem unheimlichen Westernhelden gibt; und b) durch seinen Beitrag »Jiving with Shadows & Dragons & Long, Black Trains« aus dem dritten Band mit Hellboy-Kurzegschichten »Odeest Jobs«. (Und dann habe ich noch vor vielen Jahren einen Roman und einige Kurzgeschichten von Lansdale gelesen, kann mich aber nicht mehr an Detail erinnern.)

Tobias O. Meißner: »HalbEngel«, Golkonda Verlag.Und ›last but not least‹ ist es mir eine ganz besondere Freude, dass meine Portraitzeichnung von Tobias O. Meißner nun die neuabgemischte Auflage seines 1999-Buches »HalbEngel« ziert. — Soweit ich mitbekommen habe, war es Tobias selbst, der meine ursprünglich für »Magira« angefertigte Zeichnung als Autorenportrait für »HalbEngel« wünschte, und damit losgetreten hat, dass ich nun immer wieder mal neue Illus für den Golkonda Verlag machen werde. Ich danke ihm viele tausend Male und verspreche, dass ich nun aber wirklich bald eine gute Farbkopie des Originals zu ihm nach Berlin schicke. — Und ja, auf das Buch selbst bin ich auch gespannt. Immerhin geht Meißner einen Weg der Phantastik-Poetik, den ich so ähnlich wohl auch eingeschlagen hätte, wenn ich nicht vor lauter Verzagtheit (sprich: letztendlich Dummheit & Unfähigkeit) seit Jahren mit Geschichtenschreiben pausieren würde.

Hamburg: ›Gesellschaft für Fantastikforschung‹, Eröffnung

Eintrag No. 657 — Schnell und dreckig hier meine heute im Laufe des Tages schnell zusammengetippen Eindrücke und Ratz-Fatz-Protokolle des ersten Tages des Gründungskongresses der ›Gesellschaft für Fantastikforschung‹.

Donnerstag, 30. Sept. 2010 — 07:58
Nun im Zug von Frankfurt nach Hamburg. Leichtes Unwohlsein bei der Anfahrt, was mir schon lange nicht mehr passiert ist. Merke, dass ich anders als ich es mir selbst eingeredet habe, ziemlich nervös vor Aufregung und Vorfreude bin. Die Sonne ist bereits aufgegangen, verbrigt sich aber hinter einem die Gesamtheit des Firmamentes verhüllenden zart-grauen Wolkenparavent, ja, einzelne Nebelbänke reichen herab bis auf den Grund, so dass mein Blick aus dem Zug keines Landschaftspanoramas, sondern nur einzelner Fragmente aus Bäumen, Feldern und vereinzelten Häusern ansichtig wird, ganz so, als auf Papierfetzen gezeichnete Skizzen an mir vorbeizögen. Keine zwanzig Minuten, und meine Übelkeit ist verflogen und meine alte Liebe für Eisenbahnfahrten erfüllt mich. — Verpflegung: das Cola von Red Bull und »Quicksilver« von Neal Stephenson als englisches Hörbuch.

›Cappuccino‹, Grindelallee — 14:46
Nach meiner Ankunft im A&O-Hostel (empfehlenswert, gleich beim Hauptbahnhof) erstmal das gemacht, was ich am liebsten in einer fremden Stadt mache: mich verlaufen. Also drei Stunden grob nach Gefühl nördlich durch Hamburg gelatscht; den Rathausplatz passiert; an den Verlagshäusern von ›Der Spiegel‹, ›Die Zeit‹ (Grusel! gleich gegenüber: Scientology) sowie ›Gruner + Jahr‹ vorbei. Letzteres hat mich sogar architektonisch beeindruckt. Die Wege, welche ich instinktiv einschlagen wollte, waren alle mit Baustellen verrammelt, und so wäre ich fast in Richtung Hafenstadt abgeirrt, konnte mich aber dann nach Konsultation des Sonnenstandes neu orientieren, fand so zum Hanseturm, den Messehallen und schließlich zur Grindelallee. War natürlich (Aberglaube Aberglaube – ganz Sternzeichen Widder) eine halbe Stunde zu früh vor Ort, habe den Kongressort besichtigt, dem netten Herrn Organisator Schmeink die Hand geschüttelt und tanke nun erstmal eine Runde heiße Schoko, Fritz Cola und Internet, und markiere mir im Kongressprogramm die Vorträge, die mich interessieren.

Hörsaal GfF — 16:22
Endlich Simon Spiegel in Persona getroffen und dann Anmeldung erledigt. Gigantisches Zuckerl im Kongress-Sackerl: Band 1 der Strugatzki-Werksausgabe von Heyne. Nun auch Frank Weinreich lebendfrisch die Hand geschüttelt (Frank gegenüber plagt mich ja ein schlechtes Gewissen, weil ich in seinem Blog meist nur besserwisserische Widerspruch-Kommentare platziere; aber ich schätze seine Texte sehr).
Vorrede Lars Schmeink: Sehr angenehm sein Gebrauch der Expeditions-Metapher. GfF soll Basis-Camp sein. Das überraschend große Interesse lässt die Hoffnung zu, dass aus der deutschsprachigen Gesellschaft in naher Zukunft eine europäische wird. Fein auch sein Ansatz, den ›Fantastik‹-Begriff weit abzustecken, damit all die verschiedenen Einzelunternehmungen berücksichtigt werden. Klare Unterscheidungen zu finden ist ein Ziel.

Diskussion: »Researching the Fantastic in the 21st Century«

Gunzenhäuser: Fantastik hat bemerkenswerte Präsenz ist auf dem Feld der Computerspiele (aber auch TV und Kino). Vor allem Spiele: Raum und Performanz wichtig.
Ruthner: Außenseiterthema in den 90ern (Wendelin Schmidt-Dengler empfahl, dem CV auch ernste Themen hinzuzufügen). Spezialgebiet Vampire, in letzter Zeit aber Entwicklungen (»Twillight«) die ihn zuwider sind. — Sieht 2 Strömungen der Fantatstik-Forschung: 1) Rhetorisch = linguistisch & strukturalistisch, nach Todorov; / 2) ›Liminality‹ (ist wohl DAS neue Modewort in der akademischen Beschäftigung mit Fantastik … zumindest mir neu. Hab auch erst mal Wiki konsultieren müssen. Verlinkt habe ich den deutschen Eintrag, aber der englische ist, wie so oft, ergiebiger.).

Tomkowiak: Ebenfalls Außenseitererfahrungen im akademischen Betrieb (›Fantastik ist zu populär‹). Oft toter Punkt in Artikeln und Diskussion, wenn bestimmt werden sollte, was Fantastik ›genau‹ ist. Beschäftigung mit Paul Albrecht Müller (Nazi-Superhelden) erhellte, dass Fantastik viel mit Realität und Ideologie zu tun hat. Fantastik oftmals genutzt um Wissenschaftsprobleme z.B. der Unsterblichkeitsforschung zu veranschaulichen. Nun Forschung fantastischer Kinderliteratur & Filme.

Coelsch-Foisner: Wie die Fantastik-Phänomene und -Strategien mit Wirklichkeit interagieren und sie unterbricht. Körperlichkeit, Metamorphosen, Transformationen und Korrespondenz in Wissenschaft und Gesellschaft. — Besonderes Interesse an Fantastik-Entwicklungen nach Fall der Mauer; Fantastik und Erinnerungsorte! ›Fantastik-Effekt‹ der deformierten Füße von chinenischen Lotos-Damen. — Freut sich auf Kollaboration. Fantastik wirkt auf Alltagsleben ein.

Was ist neu auf dem Feld der Fantastik-Forschung im 21. Jahrhundert?

R: Großer Korpus gegenwärtiger Kunst, die fantastisch ist.

C-F: Erstaunt, dass sich niemand mit Fantastik in der Werbung beschäftigt! YES!!! — Identitäts-Konstrukte und Überschreitung von Grenzen.

G: Generationsfrage; junge Leute begeistern sich. Werkzeugkasten um über das Neue nachzudenken, sich ihm anzunähern.

Welche institutionellen Rahmenbedingungen für Fantastik-Forschung sind erwünscht?

R: Nationalliteratur-Foschung erscheint ihm Schrebergartenhaft GENAU!. Kollaps der Geisteswissenschaften im anglo-amerikan. sorgt dafür, dass Leute aus unterschiedlichen Disziplinen nun miteinander reden. — Fantastik wurde zum Mainstream (deshalb seine Nostalgie).

C-F: Literatur zu einer Rückkehr verhelfen, Fantastik reizvoll für junge Leute. Natürwissenschaftler-Kongress zeigt deren Interesse an Fantastik.

T (zu R): Wegen Nostalgie-Klage. Unterscheidung U- und E-Kultur sollte aufgegeben werden. In der Schule muss man mit Mainstream anfangen, um die jungen Leute abzuholen.

R: Fühlt sich missverstanden. Meinte Kulturindustrie, die ›Verkindergartung‹ der Fantastik geht von ihr aus. Börsenhandel der ganzer Länder verwüstet; was könnte ›fantastischer‹ sein?

Auditorium-Fragen

Frage nach nicht-fiktionaler Fantastik; 1) Wie ist das Verhältnis von Fiktion und Fantastik? / 2) Verhältnis europäischer und amerikanischer Fantastik-Forschung?

R: Zu 1): Kulturwende, alles ist konstruiert, alles fiktionalisiert. Fantastik ist Sonderfall der Fiktion. Wirtschaftstheorie ist ebenso Fantastik wie Asimov oder Tolkien.

C-F: Zu 1): Wie Museen Geschichte vermitteln. Zieht ›Narration‹ den Begriff ›Fiktion‹ vor. / Zu 2): Großes Interesse der USA an Osteuropa.

Geld war immer schon Fiktion, wir behandeln als aber als etwas Wirkichliches. Das Fantastische ist nicht mehr so fantastisch. Also: Ändert sich nicht etwas an der Funktionsweise, wenn etwas ehemals Marginalisiertes nun hochpopulär wird?

C-F: Fantastik ändert sich dauernd und überschreitet sich selbst.

Grenzüberschreitung. Wegen Sprache: Europa viele Sprachen, in Spanien lebendige Entwicklung; wird Englisch hegemoniale Sprache der Fantastik-Foschung und der GfF?

Schmeink: GfF beginnt als deutschsprachig, auf europäischer Ebene ist Englisch aber Austauschsprache. Schönes Ziel wäre, mehr verschiedene europäische Texte ins Englische und Deutsche zu übersetzen.

Kapitalistische Wirtschaftstheorie wie Märchen: ›keiner‹ denkt, dass sie wahr ist, aber man glaubt willentlich daran, weil man es für das Bestmögliche hält.

T: Beispiel Dan Brown, Leser beginnen dessen Verschwörungsgeschichte zu glauben. Kräfte die gegen die Menschheit vorgehen … da trifft sich die Börse mit der Fantastik.

R: Siehe großer Aufschwung der Fantastik in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. — Fantastik als Facette der Andersartigkeit; Identität, Spiegelbild und Projektion. Vorschlag des Studienfelds ›Kultur-Teratologie‹ (= etwa: ›Kulturelle Monsterkunde‹).

Was ist pragmatischer Zusammenhang zwischen Geldern für Fantastik-Forschung und deren Beliebheit?

G: Fantastik immer noch nicht allzu akzeptiert im akademischen Bereich, trotz deren Beliebheit.

R: ›Gentrifizierung‹ der Fantastik an Unis. Fantastik-Forschung nur die nächste Modewelle, hat er so nicht erwartet.

C-F: Hat Erfahrung gemacht, dass sich viele Leute aus verschiedenen Fachbereiche für Fantastik interessieren. (Salzburgs Life-Science-Direktor ist SF-Fan — Hört Hört!). Fantastik kann zu vielen Forschungsfeldern Beitrag leisten: z.B. Trauma-, Kriegs-, Propaganda-Studien. Fantastik wurde da noch nicht hinreichend gewürdigt! YES

(Trommelwirbel) Deutsche Frage: Englisch = Einbahnstraße. Begriff des Fantastik so weit, spielt schon ins Spiritistische. Sieht wenig Zusammenhang mit Film & Literatur. Sind mehr Mythen des Alltags. Wo ist der Anschluss an Literatur?

C-F: Siehe Fandom und Fan-Fiction, also Literatur spielt durchaus eine große Rolle bei Fantastik-Forschung.

Findet problematisch, dass Fantastik-Begriff der GfF sehr weit ist. Was ist Unterschied zu Mythos?

G: Deshalb fasziniert sie Fantastik, sie kehrt stets wieder, ändert sich, hat eben auch mythische Qualität.

Fantastik-Aufschwung durch neue Technologien gefördert?

G: Neue Medien vermischen verschiedene Kulturen. ›Neue Fantastik‹ hat mit diesen neuen Technologien zu tun (Computer, Filme).

C-F: Technologie beeinflusst Fantastik und vice versa.

R: Fantastik ist Schatten der Moderne.

70er- und 80er-Jahre wurde Fantastik niedergemacht von der Ideologiekritik.

R: Verstehe. Gustavson: »F. = reaktionär«, schon klar. Gibt aber auch z.B. feministischen Einsatz für die Fantastik.

G: Viele Beispiele für Fantastik, die von politischen Bewegungen genutzt wird, natürlich verschiedene Anwendungen möglich.

Frage nach der Fantastik und Phantastik.-Unterscheidung. ETA Hoffman = PH und »Twillight« = F, und wie kann ein Werk (z.B. »Harry Potter«) vom einem zum anderen werden? Bestimmte Fantastik tut sich schwer, ernsthaft besprochen zu werden, andere hatte diese Probleme nie?

C-F: Das war nie so klar. Blickwinkel ändern sich. Mary Shelly-W. war in den 70 die Frau von Shelly… nun ist es umgekehrt. Hängt von Klassifizierung ab.

Verlegerfrage: Anteil von fantastischen Werken war nie so groß wie heute. Früher war Fantastik subversiver, gegen den Massengeschmack gerichtet.

R: Vielleicht ähnlich wie ›Pornofizierung‹ der Gesellschaft, nun eine ›Fantastikisierung‹ der Gesellschaft?

C-F: Dramatische Veränderungen in Gesellschaft. Einige fantastische Schreibweisen beschäftigen sich genau damit, wie man mit großen Veränderungen umgeht, fertig wird.

Ausklang: Foyerumtrunk und Häppchenmampfen zusammen mit Simon, Jörg Hartmann und Melanie Knaup. Anschließendes Geplausche in einem Eiscafe mit Simon und Melanie (die tapfer uns Labermännchen ertragen und Paroli geboten hat). — Auf dem Weg ins Hostel noch mal für eine Stunde in St. Georg verlaufen. Leicht gruselig die Prostituierten und ein Typ, der mir erklärt, dass er sich in meinem Windschatten, genauer, vor mir herlaufend mit mir als Sichtschutz, den Blicken irgendwelcher ihm Übel wollender Menschen entziehen muss. Ich tue so, als ob ich kein Deutsch verstehe: »I don’t understand a word you say … Suite yourself … Take care.« — 00:20 Richtung Bett.

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Die Gewinner des »Against the Day«-Wettbewerbes

Eintrag No. 510 — So. Die Frist ist abgelaufen, die eingereichten Texte besichtigt, sie fanden mein großes Gefallen und ich habe die Misere, welchen ich zum Gewinner küren soll, durchstanden. Die Entscheidung wäre mir vielleicht nicht derart schwer gefallen, wenn sich mehr als (›leider nur‹) zwei Teilnehmer eingefunden hätten, aber so fand ich mich in der Rolle des fast zwischen zwei Heuhaufen verhungernden Esels wieder.

Beide Texte passen wie ich finde, vorzüglich zur gestellten Aufgabe, auch wenn sie was die Länge betrifft meine Vorgaben nicht einhalten. Drauf gepfiffen! Regeln brechen und biegen gehört in der Molochronik zum guten Ton. Beide Texte erzählen nicht im herkömmlichen Sinne, sondern stellen in Prosa gegossene ›Philosophierereien‹ über (im weitesten Sinne) Wandel und Sprache dar.

Die Texte finden sich eingepflegt als Kommentare zu diesem Beitrag.

Gewinner ist Simifilm mit »Es gilt zu erzählen«, und Simon wird in den nächsten Tagen die englische Ausgabe von »Against the Day« mit meinem handgemachten Inhaltsverzeichnis-Lesemerker zugesendet bekommen. — Da mir der zweite eingesandte Text aber ebenfalls sehr gut gefällt, Davids »regen am morgen«, will ich ihn den Molochroniklesern nicht vorenthalten. Ich hoffe, in Bälde auch zu Potte zu kommen, beide Texte zu illustrieren und den Autoren die Originale der Illus zu übersenden.

Vielen Dank Simi und David für Eure Teilnahme!

Mir gefällt ja, wie unterschiedlich die beiden Texte sind, und wie nah sie doch beieinander sind (letzteres kann aber auch an meiner Lesart liegen).

Simons Text ist ›klassischer‹, gesetzter, und mir gefällt besonders wie hier über den Sprache, Zweifel und Vergänglichkeit meditiert wird. David brilliert mit einer ungebändigt-assoziativen Phantasmagorie und haut dabei ordentlich auf den Putz und ich habe ergötzt gegiggelt über die frechen Wendungen die dieser Text nimmt.

Vielleicht kommt die nächste Kreativ-Ausschreibung der Molochronik schon früher als wir alle (mich eingeschlossen) ahnen, und womöglich schaffe ich es dann, klarer und eingängiger eine Aufgabe so zu stellen, so dass mehr Bewerbtexte und weniger Verwirrtheitsmeldungen bei mir eintreffen :)

Simon Spiegel: »Die Konstitution des Wunderbaren – Zu einer Poetik des SF-Films«, oder: Über plausiblen Luftschloßbau.

Eintrag No. 387Zur Einstimmung: Was ist eigentlich so besonders (im Guten wie im Schlechten) an der Phantastik-Sparte Science Fiction? Handelt es sich dabei nicht schlicht um eines jener Genres, in denen man noch in aller naiven Ruhe Cowboy und Indianer spielen darf, nur halt mit fesch ausgerüsteten Space Rangern und schleimig-befremdlichen Außerirdischen? Auch, ja, schon, aber zieht Euch mal folgenden Abschnitt aus »Girlfriend in a Coma« (1998) Douglas Coupland rein. Da wird knapp und virulent zur Sprache gebracht, welche roten Fäden das Grundgewebe der SF bilden. (S. 269 der TB-Ausgabe von Flamingo; Übersetzung von Molo):

Ask whatever challenges dead and thoughtless beliefs. Ask: When did we become human being and stop being whatever is was we were before this? Ask: What was the specific change that made us human? Ask: Why do people not particularily care about their ancestors more than three generations back? Ask: Why are we unable to think of any real futury beyond, say, a hundered years from now? Ask: How can we begin to think of the future as something enormous before us that also includes us? Ask: Having become human, what is it that we are now doing or creating that will transform us into whatever it is that we are slated to next become? {…} What is destiny? Is there a difference between personal destiny and collective destiny? {…} Is Destiny artificial? Is it unique to Man? Where did Destiny come from?
Was immer toten und gedankenlosen Glauben herausfordert, das frage. Frage: Wann wurden wir zu menschlichen Wesen und hörten aus zu sein, was immer wir zuvor waren? Frage: Welcher Wandel war es genau, der uns zu Menschen machte? Frage: Warum haben Menschen keine besondere Verbundenheit mit ihren Vorfahren, die weiter als drei Generation zurückreichen? Frage: Warum sind wir unfähig uns irgendeine echte Zukunft jenseits von, sagen wir, einhundert Jahren vorzustellen? Frage: Wie können wir damit anfangen, uns die Zukunft als etwas riesiges das vor uns liegt und das uns beinhaltet vorzustellen? Frage: Was von dem das wir, nachdem wir zu Menschen geworden sind, nun tun oder erschaffen, wird uns umwandeln, was immer vorgesehen ist, in das, was wir als nächstes werden? {…} Was ist Schicksal? Gibt es einen Unterschied zwischen dem Schicksal eines Einzelnen und dem Schicksal einer Gruppe? {…} Ist Schicksal etwas künstliches? Ist es etwas nur dem Menschen eigenes? Woher kommt Schicksal?

Weil die erzählten Vorstellungen von der Zukunft immer auch ein Jounglierspiel mit Aufputsch- und Beruhigungsreizen zwischen Hoffnungs-Versprechen und ›Teufel an die Wand‹-Malerei sind, gehört SF (und Phantastik allgemein) zur fordersten Front im Infowar um die Imagination der Massen. Kolonisierungsgerangel um die Konsumenten-Hirne nennt sich das dann.

Da ist es für mich eine außergewöhnliche Freude die Sachbuchneuerscheinung eines SF-Forum-Kumpels vorzustellen, bei der ich mit Lob kaum übertreiben kann. »Die Konstitution des Wunderbaren – Zu einer Poetik des SF-Films« von Simon Spiegel ist nicht das x-te Durchhechel-Lexikon, sondern bietet einen im besten Sinne abwägenden und klärenden Rundgang durch Geschiche und Eigenheiten des SF-Films, und liefert dabei ganz nebenbei so manch erhellende Einsicht zu Genre- und Verfahrens-Problemen der phantastischen Disziplinen.

Spiegel spricht dabei offen von der Herausforderung sich als ›Film-Fan‹ film- und medienwissenschaftlich objektiv mit seinem geliebten Genre auseinanderzusetzten. Doch er hat diese Schwierigkeit gemeistert, denn es bleibt immer kenntlich, wo Spiegel mit geisteswissenschaftlicher Distanz über den Gegenstand referiert, und wo er sparsam (sozusagen zur Auflockerung) seinen persönlichen Geschmack offenbart. Erfrischend persönlich, und einnehmend sympathisch sind schon Widmung und Motto: In der Widmung kommt die Tragik vieler männlicher SF-Begeisterten zur Sprache, daß SF Frauen überwiegend kalt läßt. Und statt einem klugen oder coolen Spruch, gibts einen (Tusch!) Gary Larson-Witz als Motto. Perfekt.

Das Buch ist zweigeteilt: die ersten 120 Seiten bieten eine (Schnell-)Übersicht der SF-Forschungsgeschichte, auf die Umzirkelungen der Definitionsbemühungen, und der (auch literatur-)geschichtlichen Entwicklung sowie der philosophisch-gesellschaftlichen Aspekte des SF-Genres folgen.

Für mich als Vertreter einer maximalphantastischen Genre-Sicht ist die Dilemmaschwemme des ersten Teils so vergnüglich zu lesen wie ein Intrigantenstadel, sozusagen beste Diskurs-Seifenoper, vor allem, weil ich Simon Spiegel die meiste Zeit schmunzelnd zustimmen kann. So ist die SF ein dauerhaft populäres Genre, wird zugleich aber von den vermeindlichen Kulturfuzzis (wenn überhaupt) überwiegend scheel beäugt. Macher und Leser der SF stehen in innigeren Austausch, als das in ›relevanteren‹ und ›wertvolleren‹ Fiktionsgefilden üblich ist. Nicht selten waren SF-Macher erstmal selbst Fans, und da die etablierten Akademiker nur langsam in die Puschen kamen, haben vor allem zu Beginn der SF-Kernepoche (das sogenannte ›Golden Age‹, etwa Ende der Dreissigerjahre bis zu den Fünfzigern des letzten Jhd.) die Fans selbst die Forschung erledigt. Spiegel erteilt dabei den oftmals peinlichen Adelungsabsichten von SF-Liebhabern, aber auch den auf idologiekritischen Vernageltheiten fußenden Schlechtreden von SF eine klare Absage. Vielmehr geht es dem Autor darum, genauer darauf zu achten, wie SF-Filme als Prozesse funktionieren, und welche Konstruktionsleistungen das Publikum anstellen muß, um SF-Filme verstehen und genießen zu können.

BOCKSPRUNG ÜBER TODOROV HINWEG

In seiner Übersicht zu den Definitionsanstengungen begeistert mich Simon Spiegel mit seiner Art, wie er die im deutschprachigen unseelig einflußreiche Arbeit »Einführung in die fantastische Literatur« von Tzvetan Todorov als Leiter nutzt, die man getrost vergessen kann, sobald mit mit ihrer Hilfe fruchtbarere Aussichtsplattformen auf Phantastikgenre erklommen hat. Warum hack ich so polemisch auf Todorov rum? Na weil sein Genre-Ansatz ein systematischer ist (es gibt auch normative, narratologische, historische, wirtschaftliche und rezeptionsorientierte), mit dem Genres anhand (S. 24) …

»›objektiver‹«, textueller, formal-semnatischer Merkmale bestimmt und voneinander abgegrenzt {werden}.

Todorov ist überhaupt nicht daran gelegen zu untersuchen, wie Phantastik in freier Wildbahn daherkommt, sondern es geht ihm um einen Idealtypus, nämlich: wenn der Leser bei einem Werk nicht klar entscheiden kann, wie die Wirklichkeitsverfassung geartet ist. Je nachdem, wie ein unerklärliches, übernatürliches Ereignis in einer ›realistischen‹ Fiktion aufgelöst wird (realitätskonform oder nicht), unterscheidet Todorov dann zwischen:

  • Reiner Phantastik: Übernatürliches wird weder als Lug und Trug rational aufgelößt, noch als wirklich Übernatürlich bestätigt. Der Leser bleibt am Ende zweifelnd zurück (z.B.: »Total Recall«);
  • Phantastisch-Wunderbarem: Übernatürliche Dinge werden am Ende als genau das, Übernatürlich, erklärt. (z.B.: »The Sixth Sense«);
  • Phantastisch-Unheimlichen: Was zuerst wie eine übernatürliche Unmöglichkeit scheint, wird rational erklärt (mein Beispiel: »Pakt der Wölfe«);
  • Unvermischt Wunderbares: Der Weltenbau ist unverhohlen von übernatürlichen Dingen geprägt (mein Beispiel: »Harry Potter«);
  • Unvermischt Unheimliches: Viele als realistisch verortete Krimis bieten Spannung, indem eine Tat präsentiert wird, die sich augenscheinlich nur mittels ›Magie‹ vollbringen ließ. Exemplarisch z.B. das Motiv des Ermoderten im von innen verschlossenen Zimmer, bekannt durch Kriminalerzählungen von z.B. Agatha Christie und Arthur Conan Doyle.

Diese systematische Einteilerei steht und fällt mit dem Gegensatz zwischen ›realistisch‹ (im Sinne von wirklichkeitskonform, was der Fall ist) und ›unrealistisch‹ (im Sinne von Hirngespinst und was nicht der Fall sein kann, z.B. eierlegende Wollmilchschweine). Und was Autoren und Leser, sprich: Menschen überhaupt für realistisch und unrealistisch nehmen, hängt nun mal sehr von der jeweiligen Sicht auf Welt und Leben ab. Zudem ist Todorov herzlich Wurscht, ob die in einer Geschichte gegebene (oder nicht gegebene) Aufklärung lediglich eine formale Konvention ist oder nicht (Ätsch, war alles nur geträumt). Als Begriffssteigeisen für die ersten Dutzend Höhenmeter taugen Todorovs fünf Begriffe durchaus, alle anderen Wörter seine »Einführung…« kann man jedoch getrost dem Vergessen anheim fallen lassen.

Spiegel kommt zur nützlichen Einsicht, daß Phantastik weniger ein fixes Genre ist, daß sich mittels inhaltlicher Merkmale bestimmen läßt, sondern vielmehr ein Modus, eine Art und Weise der Vermittlung von Fiktionen ist, und Spiegels Versuch einer Definition trägt dem mit gebotener Umsicht Rechnung, wenn er schreibt (S. 41):

Der phantastische Modus definiert sich duch die Dominanz eines phantastischen Elements. Ein phantastisches Element liegt dann vor, wenn ein unaufgelöstes, durch einen Realitätskompatibilitäts-Klassifikator als solches markiertes, nicht-realitätskompatibles Ereignis oder Phänomen in einem klassisch erzählten Film oder Text auftritt, der sonst keinen Hinweis auf eine ›nicht-wörtliche‹ oder ›poetische‹ Leseweise gibt.

Dabei sind die Übergänge und Heftigkeiten fließend und es ist durchaus keine endgültig objetive Sache, ob man als Leser ein Werk eher dem Gebiet der reinen Phantastik, des Unheimlichen oder des Wunderbaren zuordnet. Wer z.B. als überzeugter Gläubiger von der Existenz von Engeln, Dämonen und Magie überzeugt ist, wird andere Grenzen zwischen Phantastik, Unheimlichem und Wunderbarem ziehen, als ein skeptischer Naturalist.

GESCHICHTLICHES & PHILOSOPHISCHES

Im historischen Teil bietet Spiegel die sinnvolle Betrachtungsschwerpunkt-Unterscheidung zwischen der Entwicklung einzelner SF-typischer Motive, der Entstehung SF-typischer Vermittlungsmethoden und dem Auftreten der SF als eigenständiger Marktsparte an. Typische SF-Motive finden sich ja zuhauf schon in Werken, die lange vor dem Aufkommen des Begriffs SF entstanden sind. Als Mutter der modernen Phanatstik wird deshalb auch korrekterweise die Gothic Novel genannt (nur in etwa dem deutschen Begriff Schauerroman entsprechend). Ausgangspunkt sind Reaktionen von Autoren des späten 18./frühen 19. Jhd auf die Umwälzungen der im Aufstieg befindlichen Moderne, der erblühenden Wissenschaften und der Industriellen Revolution. Die Widersprüche zwischen alten und neuen Wegen der Weltbildgewinnung bilden das Spannungsfeld, auf dem bis heute die SF wie auf einem Trampolin seine Fabulationssprünge leistet. Spiegel führt das anhand von Horace Walpoles Ambition seinen Roman »Das Schloss Otranto« (1764) betreffend vor. Bis heute aber ragt Mary Shellys Roman »Frankenstein – Der moderne Promeutheus« (1818) aus dem Feld der Gothic Novels hervor, denn hier wird eindrücklich Heil und Unheil der menschlichen Ambition behandelt, sich als Schöpfer und Macher von naturgegebenen Grenzen zu befreien, und typisch SF ist bei diesem Roman eben, daß ausdrücklich Medizin und Wissenschaft (siehe frühe Forschung zur Elektrizität) als Glaubwürdigkeitsstützen für die Schilderung widernatürlicher Machenschaften und unnatürlicherVorfälle herangezogen werden.

Als zwei weitere bis heute prägende SF-Strömungen läßt Spiegel dann den französischen Kintop-Pionier Gerge Méliès, und den amerkanischen Verleger Hugo Gernsback auftreten. Bei Méliès ist klar zu sehen, wie wunderbare Effekte erstmal für sich stehen, nur lose zu Handlungen verknüpft werden und seine Filme mehr mit marktschreierischem Tingeltangel-Spektakel als z.B. mit erzählendem Theater gemein habe. Gernsback ist ein Paradebeispiel für die Ambition, vergnüglich-unterhaltene ›romances‹ mit wissenschaftlichen Fakten und prophetischen Visionen (sic!) zu vermengen (Das sind ja gleich drei Wünsche auf einmal!!! Soviel steht auch fest: Bescheidenheit ist selten der SF größte Zier … To infinity and beyond!).

Im philosphischen Teil zeigt Spiegel dann, daß moderne Phantastik sozusagen eine Verweltlichung religiöser Sprech- und Weltdeutungspraktiken ist. Die Rede von der Zukunft war bis zum Aufbruch der Moderne religiösen Darstellungen vorbehalten und unterlag heilgeschichtlichen Imperativen. SF (und andere Genre-Phantastik) kommt dagegen als Kunst-Mythos von allen für alle daher, genauer: als Neu-Aufbereitung und Wiederverwurschtung von althergebrachten Mythen, oder wie Spiegel knapp ausdeutet (S. 103):

In der oft beschworenen nüchternen Wissenschaftlichkeit der SF steckt nämlich auch der ganz und gar irrationale Wunsch nach Erlösung durch den technischen Fortschritt: Die Geschichte dieses Fortschritts ist für die SF gernbackscher Prägung eine Heilsgeschichte.

Das Spektrum des Geschichtenerzählens über die Zukunft und den technischen Fortschritt kennt nun freilich mittlerweile nicht nur die diese Propaganda- und Verführungsfabulas der Gewinnerauch sie immer noch prägender sind (und sich besser verkaufen lassen) als pessimistische und kritische SF-Weltenbauten (was natürlich darauf ankommt, was ich hier genau mit ›pessimistisch‹ und was mit ›Verführungsfabulas der Gewinner‹ meine. Dazu nur soviel: die Bugs sind auch nur Menschen! Don’t join the Spacecore.)

Klärend arbeitet Spiegel heraus, daß SF ein Modus ist, in dem Zukunfts-Ängste und -Hoffnungen dargestellt und verhandelt werden (S. 111):

SF ist also weniger der Mythos der Moderne, sondern der Modus, in dem sich moderne Mythen vorzugsweise manifestieren und im Film zur Sichtbarkeit gelangen.

Die erste Hälfte endet damit, indem Simon Spiegel seinen Lesern Einblick gewährt in den von vielen Köchen umgerührten Hexenkessel der flottierenden neu-religiösen und neu-mythischen Haltungen des SF-Fandoms. Das ist eine nette Gelegenheit für einen Fußnoten-Gastauftritt des Wissenschaftsphilosophen (und Bright) Daniel C. Dennett, der in seinem Buch »Breaking the Spell – Religion as a Natural Phenonemon« schreibt (S. 392, Fn 5. Übersetzung von Molo):

May the Force Be With You! Is Luke Skywalker religious? Think how differently we would react to this incantation if the Force were presented by Geroge Lucas as satanic. The recent popularity of cienmatic sagas with fictional religions — The Lord of the Rings and The Matrix offer two other examples — is an interesting phenomenon in its own right. It is hard to imagine such delicate topics being tolerated in earlier times. Our growing self-consciousness about religion and religions is a good thing I think, for all its excess. Like science fiction generally, it can open our eyes to other possibilities, and put the actual world in better perspective.

Um eine Unterscheidung von Dennett aufzugreifen, bietet SF wie alle moderne Genre-Phantastik spirituelle Erlebnisse an, ohne daß man gleich in religiöse Haltungen verfallen muß. Es ist dieser der SF innewohnende transzendeniere Drive, der für Fans so attraktiv ist, und der viele SF-Fans mit einem gewissen Elitenbewußtsein speißt. Spiegel scheut sich dabei nicht, zu erwähnen, daß im SF-Fandom deshalb heikle, fließende Übergänge zwischen wissenschaftlicher Spekulation, esoterischer Grenzwisschenschaft (ich selbst nenne das grad heraus ›Aberglauben‹) und Verschwörungstheorien zu beoabachen sind. Aber Spiegel macht daraus keine Häme oder Denunziation des SF-Fandoms und rückt die SF auch nicht gleich in die Depperlecke. Diese mythisch-spirituelle Macht der SF bietet, meiner Ansicht nach, erfeuliche Handhabe zur Befreiung vom instrumentalisierenden Apparate- und Insitutionenen-Weltbild; aber ich stimme Simon Spiegel zu, wenn er auf die sich aus dem gleichen Quell nährenden, beunruhigenden Monsterentwicklungen wie Scientology und Aum-Sekte verweist. Man denke auch an die quasi-religiöse Erregtheit von unheilbringenden Utopie-Eroberungsunternehmung, die z.B. als fundamentalistische Kommunismus-, Nationalismus- und Kapitalismus-Heilslehren herumwüsten.

WILLKOMMEN IN DER MONTAGEHALLE

Im etwa 200 Seiten umfassenden Hauptteil seines Buches nimmt uns Spiegel dann in sieben Kapiteln mit in die Werkstatt der SF, und zeigt uns die Werkzeuge, mit denen SF (aber zu einem Gutteil eben die ganze moderne Phantastik) ihre Werke zusammenbosselt. Es geht dem Autor dabei nicht darum zu postulieren, wie gute SF zu sein hat, sondern Spiegel will genauer herausstellen, was SF-Werke auszeichnet, die als gelungen angesehen werden. Dies beginnt er erstmal mit der Erörterung narratologischer Fragen, also Fragen dazu, wie Geschichten erzählt werden und wie sie warum funktionieren. Nun kann man lernen, was genau fiktionale Welten sind, wie sie auf unserem Verstädnis und Wissen die reale (faktischen) Welt aufbauen, und wann sie in besonders in Filmgestalt ihre Zuschauer simpel gesagt überwältigen und kidnappen (ich sag nur Klangwelten & Heftigkeits-Steigerungs-Spirale).

(Peergroup-Druck mal beiseit) entscheidet letztendlich und wertet jeder Konsument einer Fiktion für sich selbst, wann ihm eine ausgedachte Geschichte oder gar Welt zu abgedreht, beleidigend, übertrieben ist. Solche Entscheidungen hängen davon ab, über welches Fakten-Wissen die Wirklichkeit betreffend der Leser verfügt, welche Art von Genuß er aus einer Fiktion ziehen will, welche Methoden der Darstellung, welche Themen und welche Handlungswendungen im vertraut und genehm sind, und wie flexibel die Vorstellungskraft und das Hineinsetzvermögen des Lesers ist. Um es kurz zu machen: gerade am Beispiel der in den letzten Jahren aufgekommen ›Virtuel Reality‹-SF-Sparte führt Simon Spiegel vor, wie vermeidlich Reales sich als Täuschung, Traum oder Halluzination entpuppt. Der Eigentümlichkeit von Filmen wie »The Matrix«, »eXistenZ« und »Vanilla Sky« beruht nach Spiegel darauf (S. 162),

daß wir vorrübergehend keine Aussenansicht auf die fiktionale Welt erhalten und deshalb nicht sicher sein können, auf wie vielen Realitätsebenen sich die Handlung bewegt.

Und zu den Glanzstücken von Spiegels Buch gehört eine genaue Analyse der Gefängniszellen-Szene von David Lynchs Film »Lost Highway«. Hier zeigt der Autor sehr gewitzt, wie ein willentlich äußerst rätselhafter Film plausibel aufgedröselt werden kann, wenn man bestimmte Konventionen, z.B. der SF (Beam me up), als Erklärung heranzieht.

Zum wesentlichen Werkzeug von SF (wie aller Phantastik) gehört die Metapher, also das Kostümieren von Gedanken und Inhalten. Metaphern zeitigen Erkenntnis, indem sie locker Gemeinsamkeiten und Verbindungen herstellen, und somit neue Blickwinkel befördern. Achtung: Metaphern funktionieren nicht so streng wie Allegorien, denen immer fixe Entsprechungsregeln zugrunde liegen. Eine Metapher bietet mehrere Deutungsmöglichkeiten an, eine Allegorie nur eine (eine Frau mit Augenbinde, Schwert und Wage ist immer Justitia; das böse Imperium aus »Star Wars« kann man deuten als Anspielung auf die Nazis, oder auf den militärisch-industriellen Komplex Amerikas, oder auf die kommerzielle Hollywoodmaschinerie). Interessant ist, wie Spiegel zeigt, daß sich bei Metaphern im Kleinformat die Spannung zwischen Konvention (Vertrautem) und Abweichung (Originellem) wiederholt, von der auch die Entwicklung eines Genres angestrieben wird. Grob gesagt: Was heute ungewöhnlich ist, schleift sich schön langsam zu etwas Üblichen ein und verkommt schließlich zur langweiligen Rezeptur (und mit etwas Glück und der Hilfe vieler dienstbarer & begeisterter Geister kann ein Revival den Kreisel neu andrehen).

Die folgenden Kapitel beschreiben nun im einzelne SF-spezifische Ästhetikfragen (wie Naturalisierung und Verfemdung, Erhabenes und Groteskes) und absolvieren dabei quasi nebenbei auch philosophisch-anthropolgisch Steifzüge, am deutlichsten im Kapitel über (konzeptionelle) Durchbrüche, wenn Simon Spiegel seinen Leser einen Diskurs zur Frage »Was ist der Mensch?« offeriert. Das ist für mich wahrhaftige Sachbuchwonne, denn alle Phantastik wird zutiefst von ›philosophischen Energien‹ durchströmt.

ERLEUCHTUNG DURCH FABULATIONEN‹

Bisher habe diesen enorm wichigen Begriff der SF, Sense of Wonder, ausgespart, obwohl er sich wie ein Leitmotiv mit Variationen (das Novum, der Conceptual Breakthrough) durch Simon Spiegels Buch verteilt. In seinem knappen, dafür aber sehr persönlich gehaltenen Schlusswort legt Spiegel die Haltung des nach strenger Distanzierung trachtenden Wissenschaftlers ab, und schildert richtiggehend ergreifend seine Kino-Sense of Wonder-›Initiation‹, wenn er sich erinnert, wie er als Sechzehnjähriger zum ersten Mal »Blade Runner« sah (S. 331f):

…nichts hatte mich auf das vorbereitet, was ich in den folgenden zwei Stunden erleben sollte — denn ein Erlebnis war diese Vorführung in der Tat. Ich sah nicht einfach einen Film, ich wurde vielmehr von ihm in Bann geschlagen, verfolgte mit offenem Mund die Geschehnisse auf der Leinwand, tauchte ganz in das düstere Los Angeles des Jahres 2019 ein. {…} Am nächsten Tag war ich immer noch wie benommen. Mir war klar, daß ich etwas Besonderes gesehen hatte, daß »Blade Runner« mehr war als ›bloß ein Film‹. Auf der Kinoleinwand hatte sich eine neue Welt entfaltet, wurden große Themen und tiefe Gedanken verhandelt, die ich zwar kaum artikulieren, dafür umso intensiver fühlen konnte. Kino war mit einem Mal mehr als reine Unterhaltung, es war zu etwas Wichtigem un Kostbaren und Wunderschönem geworden.

Wenn ich nun ›Sense of Wonder‹ schlicht mit ›umfassenden Staunen‹ übersetzte, kann ich hoffentlich überzeugend meine Ansicht unterstreichen, daß Phantastik-Genres mit nichts weniger hantieren, als eben der grundmenschlichen Sehnsucht und Fähigkeit, sich vom eigenen Leben und der Welt an sich hingerissen verblüffen zu lassen. Die SF bedient sich zum Herstellen glaubwürdiger Einbettung für dieses umfassende Staunes vornehmlich des Fundus, den Wissenschaften und Technik zur Verfügung stellen. Diese Fähigkeit zum Staunen ist es, die Menschen einerseits davor bewahrt, von den niederziehenden und beengenden Tatsachen des wirklich stattfindenden Lebens vollends entmutigt zu werden; aber (leider) kann andererseits dieses Staunen mißbraucht werden, um daraus betäubende, entmündigende Verführungskarotten zu machen, denen Spektakeljunkies willig hintergerzockeln.

Simon Spiegel schafft es Dank klaren Stils, gewissenhafter Recherche sowie einem guten Händchen für griffige Zitate und augenöffnende Beispiele (dem Buch liegt eine DVD mit wundervollen Exempeln bei!), seinen Leser ein aufgewecktes Gespür für dieses Staunen zu vermitteln, vor allem natürlich, was SF-Filme angeht, aber auch Phantastik und Geschichenerzählen überhaupt betreffend. Die argumentative Schärfe und umsichtige Art Spiegels essentialistischen, idealistischen und (durch welche Motive auch immer) ›willkürlich‹ bestimmten Wertungs-Hierarchien auszudribbeln, macht darüberhinaus das Buch zu einer unverzichtbaren Lektüre für alle, die sich für SF, Film und Medien interessieren.

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Simon Spiegel: »Die Konstitution des Wunderbaren – Zu einer Poetik des Science-Fiction-Films«
Zürcher Filmstudien 16; Schüren Verlag; Marburg 2007; 33 z.T. farb. Abb., DVD mit Filmbeispielen, 385 Seiten.
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