Grenzübergang 2012 / 2013

Es ist wieder soweit: Hier der Jahresrückblick meiner Lese-, Glotz- & Lausch-Glanzlichter.

Gut Buch (Prosa)
Erstmal: Ich werde mich bei dieser Liste auf jene Titel beschränken, denen ich auf meiner 2012-Goodreads-Seite vier oder fünf Sterne gegeben habe (was aber nicht bedeutet, dass die dort von mir mit ›nur‹ drei Sternen bewerteten Sachen lau sind … ich habe seit Jahren nix mehr gelesen, was ich richtig schlecht oder auch nur seicht & langweilig fand, weshalb meine Qualitätsmaßstabe mittlerweile wohl etwas verzerrt sind).

Dann: Muss ich bei der Reichskulturkammer dafür Abbitte leisten 2012 keine deutsche Prosa gelesen zu haben (hab zwar zig Texte im Buchladen oder im Netz angelesen, von denen konnte mich jedoch keiner verführen).

  • »The Mirage« von Matt Ruff: ›IX.IX.‹ und ›War on Terror‹ auf den Kopf gestellt, in einer Alternativwelt, die irgendwann zur Zeit des Ottomanischen Reiches von unserer Realwelt abzweigte. Ruff beweist wieder einmal, dass er einer der besten derzeit schreibenden Weltenbauer ist, wenn er durchspielt, wie es wäre, wenn der arabisch-islamische (angeführt von den UAS = United Arab States) und der euro-nordamerikanisch-christliche Kulturraum (unser Hegemon sind ja die USA) ihre weltgeschichtlichen Rollen tauschen würden. — Großartig, wie die erzählenden Kapitel ergänzt werden durch Einträge der ›Library of Alexandria‹, dem Wiki dieser Alternativwelt. Viel Gelegenheit für Denkanregungen und Popkultur-Witzelein. — Doll fand ich, wie eigentlich immer bei Ruff, die große Bandbreite an Stimmungen und Themen. Da gibts Humor, Thrillerspannng, grandiose Äktionsequenzen, politische Satire, berührende familiäre Geschichten und nicht zuletzt geheimnisvolle Fantasy-Magie.
  • »Angelmaker« von Nick Harkaway: Auch der zweite Roman (nach »The Gone-Away World«) von Nick rockt voll Pulle. Seine Virtuosität der Abschweifung entzückt mich, ebenso die Bandbreite der Stimmungen und Themen seiner ›Existenzialismus-Pulp‹-Romane. Hier müssen sich der nach Ruhe & Normalität sehnende Sohn eines legendären Londoner Gangsters und eine betagte Superspionin samt knorzigen Köter in einem apokalyptischen Plot gegen einen nach Apotheose gierenden Finsterling bewähren. Enthält neben vielem anderen eine wunderbare Verbeugung vor der ›Craftmanship‹-Ethik von John Rushkin; eine der pfiffigsten Sex-Szenen, die ich seit einiger Zeit gelesen habe; sowie Elephanten-Rachengel, U-Boot- & Eisenbahnabenteuer, apokalyptische Uhrwerk-Bienen, und eine wuchtige Hymne, wie geil es ist, mit einer Tommy-Gun alles kurz und klein zu ballern.
  • »Year Zero« von Rob Reid: Als Hörbuch genossen und reichlich geschmunzelt und gelacht. Kommt 2013 mit extrem doofem Cover unter dem Titel »Galaxy Tunes®« als Heyne-Taschenbuch zu uns. Begeistert hat mich, wie es Rob Reid (als ›listen.com‹-Gründer und Internet-Unternehmer hat der Mann einfach Ahnung) gelingt, die Themen Urheber- & Lizenzrecht, also trockenes Juristen-Mumbo-Jumbo, in Form einer satirischen SF-Klamotte durchzuschütteln (nebst vielen trefflichen Späßchen auf Kosten der Popkultur und des Zeitgeschehens). — Für Musikfans die auch Science Fiction mögen eigentlich ein Muss!
  • »Railsea« von China Mieville: Es zeichnet sich der Trend ab, dass Miéville bei seinen Büchern für junge Leser (dessen zweiter »Railsea« nach »Un Lun Don« ist) ungezügelter drauflos-abenteuert und -fabuliert, als bei seinen Stoffen für Erwachsene. Was als staunensreich-verquere Homage auf Melvilles »Moby Dick« anhebt (fanatische Kapitänin einer Jagdtmanschaft stellt mit Eisenbahn im Schienenmeer einem gigantischen fahlem Maulwurf nach) entwickelt sich zu einer wendungsreichen Meditation über die Natur des Erzählens, die Ethik von Besessenheiten und die Rechnungen, die einem für das Verfolgen von Wachsumsideologien präsentiert wird.
  • »Alif the Unseen« von G. Willow Wilson: Lange <a href="molochronik.antville.org" target=_blank">Rezension gibt’s hier — Kurzfassung: Gelungene & durch Engagement glänzende Mischung aus ›Urban Fantasy‹, hAcktivim-Thriller, Bürgerrechts-Panorama und Liebesgeschichte. Wenn dieser Roman nicht fluggs von einem deutschen Verlag aufgegriffen wird, ist das ein gleissendes Zeichen dafür, dass die Programmgestalter dort einfach null Ahnung haben.
  • Desweiteren kann ich als lesenswert empfehlen (bzw. dazu raten, nach den event. noch erscheindenden deutschen Übersetzungen Ausschau zu halten):
    »The Folly of the World« von Jesse Bullington: Nach »The Sad Tale of the Brothers Grossbart« und »The Enterprise of Death« der dritte Roman von Bullington. Ein schwules Verbrächerpärchen – ein ab & zu halluzinierender Schlagmichtot und ein skrupellose Pläne schmiedender Edelmann-Bastard – machen sich mit einem halbwilden Meisterschwimmer-Mädel auf, sich fette Beute zu ergaunern. Bullington traut sich Finten und Wendungen auszuführen, wie nur wenige. Im Mittelteil etwas planlos, aber als Ganzes sehr stimmungsvoll, sprachlich von großer Wucht (wo’s derb ist) und Schönheit (wo’s z.B. um das Setting geht, die überschwemmten Niederlande des 15. Jahrhunderts).
    »Soulless« von Gail Carringer: Einer meiner Ausflüge in das für mich sehr wundersame Genre der ›Vaginal Fantasy‹ (gepriesen sei Felicia Day für diesen nützlichen Genre-Begriff) und ich bin entzückt. Die Krimihandlung um Vampire, Werwölfe und ihre Gegener im viktorianischen England ist eher Stangenware und reichlich vorhersehbar, aber die stets für humorvolle Griffe bereite Sprache, sowie die stellenweise exzessiven Flirt- & Knutsch-Einlagen zwischen Heldin Alexia und Werwolfrudelführer Lord Maccon sind allererste Kajüte. — Muss unbedingt rumgranteln, dass die deutschte Übersetzung der Titel einfach nur furchtbar ist (ich muss dass hier einfach auflisten. Die englischen Titel der 5 Romane der ›Parasol Protectorate‹-Reihe heissen: 1. »Soulless«; 2. »Changeless«; 3. »Blameless«; 4. »Heartless«; 5. »Timeless«. Und daraus wurde auf Deutsch: 1. »Glühende Dunkelheit«; 2. »Brennende Finsternis«; 3. »Entflammte Nacht«; 4. »Feurige Schatten«; 5. »Sengendes Licht«) und dass die deutschen Coverbilder auch nicht sooo der Hit sind. — Ach ja: Dank an Ju für den Tipp!
    ›Acacia‹-Trilogy von David Anthony Durham (1. »The War With The Mein«; 2. »The Other Lands«; 3. »The Sacred Band«): Große Polit-Fabel auf Sklaverei, Rohstoffabhägigkeit, die Fragwürdigkeit ›gerechter Kriege‹, Völkerverständigung, Machterhalt und Bevölkerungsunterwerfung und nicht zuletzt darüber, die wie Kommerzfürsten alle gegeneinander ausspielen und bescheissen. Hätte durchaus noch einen Lektoratdurchgang vertragen können, denn teilweise is datt Janze ein bisschen sentimental, und mir sind in der englischen Originalfassung einige ungeschickte Wortwiederholungen aufgefallen. Dennoch: tolle, ›fast klassische‹ Fantasywelt, die den Mumm zeigt, so mancher Routine vors Schienbein zu treten und mit vielen Details gewohnte Klischees geistreich umzukrempeln (vor allem was Geschlechterrollen, Rassen & Kulturen betrifft). Dadurch z.B. einige sehr interessante weibliche Hauptfiguren. Mit Magie und Zauberwesen geht’s erst ab Band zwei so richtig los, dann aber mit Wumms (wo gekämpft wird) & allerliebst (wenn z.B. wunderschöne Vogelechsen-Drachen gezähmt werden und die dann auch noch Eier legen). — Nochmal »Mercie!« an Gero für seine Empfehlung auf dem Dreieich-Con 2012!
    »John Saturnall’s Feast« und »The Pope’s Rhinocerous« von Lawrence Norfolk: Hier geht es zur ausführlichen Rezension von »Ein Rhinozeros für den Papst«. Dauerte ›nur‹ ca. 16 Jahre gedauert, mich durch dieses reichlich vertrackt geschriebene Renaissance-Abenteuer zu kämpfen, hat sich aber dicke gelohnt. — »Das Festmahl des John Saturnall« ist der bisher zugänglichste Roman von Norfolk, auch weil er sich immer wieder eines etwas märchenhaften Duktus bedient (und die Stimmung hat mich streckenweise entfernt an Mervyn Peakes »Gormenghast« erinnert), bzw. Fantasy-Flair aufkommen lässt. Mit den Wirren der Cromwell-Zeit als Hintergrund wird der Aufstieg des Sohns einer Kräuterfrau/Hexe zum angesehensten Koch seiner Ära geschildert. Sehr gefallen hat mir die Behandlung von protestatischem Glaubens-Eifer und der Überlieferung von (römischer) Geschichte in Form von Legenden, bzw. wie sich Biblisches und Heidnisches in Legenden mixen zu neuen Rezepten können. Zudem ein feines Stück über Arbeit, in diesem Fall vor allem natürlich der, die in der Küche anfällt. Und die Liebesgeschichte geht auch ans Herz.
    ›Millenium‹-Trilogy von Stieg Larsson (1. »The Girl With The Dragon Tattoo«; 2. »The Girl Who Played With Fire«; 3. »The Girl Who Kicked The Hornet’s Nest«): Wenn das Ex- & Hopp-Mainstream-Unterhaltungsliteratur ist, dann gerne her damit, bzw, dann kann’s um den Geschmack ›der gemeinen Massen‹ sooo schlimm nicht bestellt sein. Selten hab ich dicke Dinger derart flott weggefräst. Nicht nur, dass Larsson mit Lisbet Salander eine atemberaubende soziopathisch angehauchte, ›Opfer schlägt zurück‹-AntiHeldin geschaffen hat, mir taugen auch seine Themen und seine Politik (AntiFa, AntiSexismus, Anti-Frauenhandel, Kritik an Selbstermächtigung von Geheimdiensten usw.).
    ›Raylan Givens‹-Geschichten von Elmore Leonard (Romane: »Pronto«, »Riding The Rap«; Kurzgeschichte: »Fire In The Hole«): Die TV-Serie »Justified« hat mich überzeugt, und da habe ich mir die Vorlagen besorgt. Leonards sparsame aber hocheffektvolle Prosa ist respektgebietend (Genial simpler Rat für alle Autoren, und ich fände es spannend, wenn sich mehr Fantasy-Schöpfer davon anregen ließen: »Lass die Stellen weg, welche von Lesern übersprungen werden«). Und schön zu sehen, wie fein sich Western-Athmo in die heutige Welt übertragen lässt. Bleibt zu beklagen, wie kümmerlich die Auswahl deutscher Leonard-Ausghaben ist, aber immerhin scheint sich nun Suhrkamp kümmern zu wollen (dort erschient 2013 der dritte Raylan-Roman, der einfach nur »Raylan« heißt, den ich auch noch nicht kenne).
    »Dog Of the South« von Charles Portis: Hingerissen von »True Gritt« habe ich mir alle anderen vier Romane von Portis besorgt. Dieser hier ist ein schräges ›Road Movie‹. Selten fand ich es so spannend, wenn geschildert wird, wie nix passiert, denn selbst dann weiß dieser Roman mit einer eigenartigen Mischung aus trockenem Humor, cooler Exzentrik, Melancholie und schierem Aberwitz zu überzeugen.
    »The Coldest War« von Ian Tregilis: Vielleicht noch besser als »Bitter Seeds«, der erste Band der ›Milkweed‹-Trio. Der zweite Weltkrieg ist vorbei, nun geht’s in die frühen Jahre des Kalten Krieges mit englischen Blutdämonen-Beschwörern gegen sowietische Götterelektron-Übermenschen. Hut ab vor einer beeindruckenden Orakel-Antagonistin, bzw. zwielichtigen Helferin auf der Seite der Guten, die aber leider so irre & unberechenbar ist, dass weder Leser noch Romanfiguren sich sicher sein können mit ihr. Viel Tragik, die Äktschn ist packend inszeniert. Erfreulich reif und berührend für diese Art grimmer Genre-Garn. Ich freu mich sehr auf den Abschlussband »Necessery Evil« 2013.
    »The Half-Made World« von Felix Gilman: Der Wilden Westen ist m.E. eine vorzügliche Fundgrube für Fantasywelten und Gilman formt aus zwei der kräftigsten Symbole der Epoche/des Genres die tragenden Säulen seines Weltenbaus. Es stehen sich gegenüber: die Heerscharen an Beamten & Soldaten von ›the Line‹ (dämonischen Eisenbahnmaschinen; verbreiten Industrie, Ordnung, Ausbeutung, Pharmazie; süchtig nach Treibstoff) und die Draufgänger-Banditen von ›the Gun‹ (über den Raum hinweg in Feuer-Beschwörungen konferierende Dämonen, die in Pistolen hausen und deren Träger Superkräfte verleihen; allesamt ziemlich anachrische und bluthungrige Knilche und Knilchinnen). Zwischen den Fronten haben einst die Leute von der Red Valley Republic versucht, einen dritten Weg zu finden, wurden aber aufgerieben. — Freut mich zu sehen, dass es mittlerweile einen weiteren Roman von Gilman gibt (»The Rise of Ransom City«), der in dieser Welt angesiedelt ist, und dass dieser anscheinend ähnlich wie bei Miévilles ›Bas-Lag‹-Büchern sowohl als Fortsetzung als auch als Einzelroman funktioniert.

Gut Buch (Sach)

  • »Der Implex« von Dietmar Dath & Barbara Kirchner: Richtig dick, famose Herausforderung. Bin sicherlich ein gutes Stück zu dumm, bzw. zu ungebildet, was einige der Geistesgrößen betrifft, über die im Buch desöfteren referiert wird. Dennoch doll, vor allem dank reichlicher Beachtung der Phantastik als wichtige Sache für den sozialen Fortschrift.
  • »Combined & Uneven Apocalypse: Luciferian Marxism« von Evan Calder Williams: Anhand von Filmen und anderen populären Medienwerken seit den 60ern/70ern bis heute untersucht der Autor, welche Erkenntnisse/Offenbarungen diese bieten bzgl. des Untergangs des Kapitalismus, sowie was danach kommt. Besonderes Augenmerk gilt dem sogenannten ›Salvagepunk‹ (mehr dazu hier unter Punkt 5), dem modernen Zombie-Mythos, sowie ruinöser Stadtlandschaften der dystopisch-apokalyptischen Science Fiction. Kurz: ein richtig knuffiges Gute Laune-Buch für stoisch-misantrophische Optimisten wie mich.

Gut Comic

  • »Dragonball« von Akira Toriyama: Bin ich froh, dass mein neuer junger Brotjobkollege M. W. mir mehrmals in höchsten Tönen dieses 8000-Seiten-Manga empfohlen hat, bis ich zustimmte, er solle mir ruhig mal die ersten 5 (von 42) Bänden mitbringen, damit ich reinlesen kann. In vielerlei Hinsicht vielleicht die irrste, aufregenste, spassigste, süchtigmachenste & äktschnreichste Lektüre seit ich weiß nicht wann für mich. Zwar gibt es eine längere Strecke, die ein klein wenig eintönig ist, aber die Eintönigkeit besteht aus langen immer krasseren Mega-Kampf-Szenen die sich über mehrere hundert Seiten erstrecken ... also eigentlich kein schwerwiegender Minuspunkt. Ganz großartig immer die Slapstick-Humor-Einlagen; grandios die ausführlichen Kampfkunst-Tuniere; vom Stuhl gefallen bin ich über die ungezügelt niedlichen sexistischen Witzelein vor allem in den frühen Bänden (»Ich wünsche mir: eine Mädchenunterhose!«). Wahrlich: »Dragonball« ist ein fetziger Klassiker, und ich freue mich schon darauf, ihn ein zweites Mal wegzuschlürfen.
  • »Die Besten Feinde« (Teil 1: 1783 bis 1953) von Jean-Pierre Filiu (Text) & David B. (Zeichnung): Diese Franzosen! Machen eine Sach-Graphic Novel in schwarz-weiß über die außenpolitischen Macheleukes der USA im Orient, reichern das ganze mit babylonischen Mythen an und veranschaulichen die diplomatisch-militären Knäul anhand surrealer Bildkompositionen. Da bleibt mir nur, mich auf Band 2 zu freuen.
  • »DMZ« von Brian Wood (Autor) & diversen Künstlern: Hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Matt Ruffs »The Mirage«, insofern, als dass auch hier ein Alternativweltenbau geschildert wird, in dem die zeitgenössischen USA in einen neuen Bürgerkrieg gestürtzt sind und in dem New York als von Krisennarben & Kriegsgreul gebeutelte entmilitarisierte Zone portraitiert wird. Meisterhaft fand ich, wie Wood und sein Team zuerst Fronten und Parteien gegeneinander aufzustellen, um dann immer mehr die Grenzen zwischen Gut und Böse mit viel moralischen und tragischen Grau-Grau zu verschmieren.
  • »Shenzhen« und »Pyongyang« von Guy Delisle: Eine Empfehlung von Andrea, für die ich sehr dankbar bin. Vordergründig eine Sammlung simpler autobiographischer Skizzen eines Franzosen, der zwecks seines Jobs für ein Animationsstudio in der Fremde die billigen Produktionskräfte beaufsichtigt. Mit großem Beobachtungs- & Erzähl-Können, kraftvollen einfach gehaltenen Zeichnung beschenkten die Bände mich mit einem Potpourrie kleiner Alltagsfreuen- & Absurditäten, menschlich anrührenden Momenten ... kurz: eine effektvolle Mischung aus Humor, Melancholie und Posie.

Gut Mukke

  • »Theatre Is Evil« von Amanda Palmer: Endlich wieder ein Album von Frau Palmer auf der Höhe ihres Meisterwerkes »Who Killed Amanda Palmer?«. Kantik, pompös, melodiös, theatralisch, rau, melancholisch. Lieblingssongs: »The Killing Type« und »Want It Back«.
  • »Lightning On The String, Thunder On The Mic« und »Rappalachia«von Gangstagrass: Noch eine Anregung durch die TV-Serie »Justified«, für die Gangstagrass die Titelmusik geliefert hat. Warum hat es so lange gedauert, bis jemand auf die Idee kam Rap und Country/Bluegrass miteinander zu verkuppeln. Lieblingssong: »Big Branch« feat. Tomasia.
  • »Who Is Feeling Young Now?« von Punch Brothers: Was für die Veredelung der heimischen Volks- & Tanzbodnmusik die Biermösl Blosn ist, das leisten die Punch Brothers bezüglich des reichen Deltas, in dem Country, Folk, Bluegrass, Polka, Rock und was nicht noch alles münden. Lieblingssong: die Ballade <a href="www.youtube.com" target=_blank">»Clara« und das überfetzige Instrumentalstück »Flippen«.
  • Ebenfalls großartig fand ich den »Assassins Creed III«-Spiele-Soundtrack von Lorne Balfe (stimmungsvoller Orchestral-Bombast aus der Hans Zimmer-Schule), sowie die Filmmusik zu »The Girl With the Dragon Tattoo« von Trent Reznor & Atticus Ross (experimenteller & sperriger als der im letzten Grenzübergang empfohlene Soundtrack zu »The Social Network«, aber ideal für kalte Tage).

Gut Film/Serie
Kinners, war das ein reichhaltiges Phantastik-Filmjahr! Vielleicht wird man einmal auf 2012 zurückblicken wie auf das ›Annus mirabilis‹ 1982. Ich führe die Filme hier ungefähr in der Folge auf, in der ich sie gesehen habe, bis auf den ersten, denn …

  • »The Cabin in the Woods« ist mein Lieblingsstreifen des Jahres. Locker, spritzig, stimmungsvoll, mit so dollen doppelbödigen Grundgerüst, dass man noch nicht mal die ersten 5 Minuten erzählen kann, ohne jenen, die nicht Bescheid wissen, den Spaß gehörig zu versemmeln. Selbst wenn der Film luschig wäre, enthält er eine der überwältigsten Großgemetzel-Szenen der mir bekannten Filmgeschichte (ich sag nur: alle Türen gehen auf).
  • »The Girl With The Dragon Tattoo«, die David Fincher-Fassung. Ich finde schon die schwedische TV-Version sehr fein, aber Finchers exzellente Ausführung setzt nochmal einen drauf. Zudem muss ich zugeben, dass mir Maras komplexere Lisbet-Darstellung einen Tacken mehr taugt, als Rapaces herbere Interpretation der Figur.
  • »War Horse«: Wie schieb ich letztes Jahr anhand von »Tim & Struppi«? Spielberg hat’s noch immer druff! Natürlich ist »War Horse« derart gnadenlos rührselig (auf eine allerdings knuffig-altmodische Weise), dass alles zu spät ist, was mir aber den ungewöhnlichen Reiz dieses ›Erster Weltkrieg aus Sicht eines Pferdes‹-Films nicht versauen kann.
  • »Downton Abbey« Staffeln 1-3: Nachdem mehrere Mädels mich immer wieder darauf hinwiesen, wie großartig diese Adels- & Dienstboten-Saga ist, habe auch ich sie endlich entdeckt. Schon ungeheuerlich, wie weit sich Autor Julian Fellows traut zu gehen, um dramatische Höhepunkte rauszukitzeln. Wenn hier gestorben wird, räumt einen das richtig heftig weg. Da bleibt kein Auge trocken. Hier geht es zu einem exzellenten Lob auf die Serie von Andrea Diener für die F.A.Z.
  • »Mad Men« Staffeln 1-5: Ja gugge mal da! Die Amis können also auch subtil, ruhig & auf leise humorige Weise kritisch mit ihren eigenen goldenen Zeitaltern & Milieus sein. Für mich das beste an der Serie: die gnadenlose Autopsie der affigen Selbstverherrlichung von Männchen, sowie das Ringen der Frauen im Egotrip-Grabenkrieg der Werbeagentur und deren Umfeld.
  • »The Avengers«: Marvel-Comics sind mir ziemlich Wurscht, und die verschiedenen in diesem Film mündenden Vorläuferfilme über die einzelnen Helden fand ich zwar kurzweilig von ›ganz nett‹ (»Thor«, »Iron Man 2«) bis ›erstaunlich okey‹ (»Hulk« mit Edward Norton, »Iron Man 1« & »Captain America«), aber nicht sooo umwerfend wie manch anderer Superhelden-Sympathisant. Auch wenn »The Avengers« nicht vollkommen perfekt ist, macht er viel mehr richtig als falsch, und schafft es ergo locker, meinen fast schon verkümmerten Glauben an das große Popcorn-Sommerblockbusterspektakel wieder zu beleben.
  • »Skyfall«: Hier geht zu meiner ausführlichen Rezension zu diesem ›Bond goes Potter‹-Film.
  • »The Hobbit: An Unexpected Journey«: Ist es hochproblematisch aus dem schmalen Kinderbuch unter Anzapfung von Zeugs aus »Silmarillion«, »Unfinished Tales« & »History of Middle-earth« eine dreiteilige Filmflotte zu machen? Geschenkt. Ich finde, die Angleichung der ursprünglich unbedarfteren, kindlicheren »Hobbit«-Geschichte an den schicksalsgeschwängerten, düster-epischer Ton von »Der Herr der Ringe« ist überwiegend gut gelungen. Nach zweimaligen Begutachten im Kino bin ich sogar der Meinung, dass dieser erste »Hobbit«-Film besser ist, als die erste »LOTR«-Kinoversion vor 10 Jahren.
  • »Dredd 3D«: Endlich haben wir einen Film-Judge Dredd, der dem englischen Comic-Klassiker gerecht wird. So ehrlich und geradeaus, wie ein Tritt in die Fresse. Schön zu sehen, dass es noch möglich ist, gut gemachten Brutalo-Krawumms mit Niveau serviert zu bekommen.
  • »Coupled«, BBC-Serie: Empfehlenswert für alle, denen »Friends« zu zahm & süßlich ist. Vor allem die später durch »Leverage« international bekannter gewordene Gina Bellman brilliert als durchgeknallte Narzissa-Nudel.
  • »American Horror Story«, Staffel 1: Großer Dank an Markus Pogopuschel für diesen Tipp! Statt eines ersehnten freidvollen Neuanfangs nach Umzug von Ost- an Westküste, gibts für eine dreiköpfige Familie verschachtelten Gespensterhorror und reichlich spinnerte Nachbarn. Ganz groß, wie mit einem Minimum am Blut und Gewalt ganz viel Gänsehaut verursacht wird.
  • »Brows Held High: ›Melancholia‹«: Ja wirklich, diese zweiteilige Video-Besprechung über Lars van Triers Film finde ich so gut, dass ich sie zu den besten Filmen des Jahres zähle. Immerhin: Kyle Kallgren gelingt es angemessen ernst und gehaltvoll über das Tabu-Thema des Filmes (Depression) zu sprechen und dennoch gekonnt mit dem nötigen, weil schmackhaft machenden Humor, aufzuwarten. Also, Cinephile, überzeugt Euch: Hier geht’s zu Teil eins und hier zu Teil zwei.
  • Kurze Erwähnungen haben auch verdient (ohne besondere Reihenfolge):
    »Cloud Atlas«: Bei soviel Ambition knickt natürlich so manches als albern und naiv vorn & hint runter. Trotzdem eine beeindruckende Leistung und ein großer Guck-Spaß.
    »Prometheus«: Die beste herbe Enttäuschung. Doofes Drehbuch, aber sehr schöne Bilder und brauchbare Stimmung. Die Kommentartonspuren von Regie & Drehbuch-Leuz auf der Blue Ray geben erhellende Einblicke in die Werdegänge beknackter Entscheidungen. Herr Scott, beim nächsten großen Genre-Flick bitte genauso viel Sorgfalt, Sensibiliät und Hirnschmalz ins Drehbuch investieren wie ins Design, versprochen? Dann klapps auch mit der Fan-Base.
    »Looper«: Science Fiction ist ein wunderbares Vehikel um dem nichts ahnenden Spektakel-Publikum unbequeme moralische Botschaften reinzuwürgen. Bravo!
    »Chronicle«: Siehe »Looper«, plus ich wähne hier nicht wenig Verbeugung vor einem meiner Lieblings-Klassiker der Supermutanten-SF (»Akira«). Zudem ein überzeugendes Beispiel, dass sich aus Wackelkamera & Found Footage durchaus Brauchbares machen lässt.
    »Juno«: Lustig, knuffig, schräg. Hach ... Ellen Page ist einfach unvergleichlich.
    »The Hunger Games« (Teil 1): Große Überraschung für mich, denn ich dachte eingangs, dass »The Hunger Games« auch nur so’n Young Adult/Mädchen-Schmu ist, wie die »Twillight«-Filmchen oder lahme Enten wie »I Am Number Four«, aber ich bin gebafft, wie gut diese erstaunlich harte Geschichte umgesetzt wurde. Gebt mir jederzeit medien- und sozialkritische Dystopie-Science Fiction in der sich Kiddies zur Bespaßung bzw. Einschüchterung der Massen gegenseitig abmurksen. Hab mittlerweile innerhalb von zwei Tagen auch das erste Buch von Suzanne Collins verschlungen und für vorzüglich befunden.
    »A Wyrd Documentary: Lovecraft – Fear of the Unkown«: Lebende Genre-Größen & Kenner wie Guillermo del Toro, Neil Gaiman, John Carpenter, Peter Straub, Caitlin R. Kiernan, Ramsey Campbell, Stuart Gordon, S. T. Joshi, Robert M. Price und Andrew Migliore plaudern über den Papst der Weird Fiction, des Horrors & der Dark Fantasy, unterlegt mit viel Bildmaterial der edelsten Lovecraft-Illustratoren.

Beste / Schlimmste Momente

  • Seit April 2008, angeschafft zum Erscheinen von »GTA IV«, habe ich eine PS3, und bis vor kurzem spielte ich auf einem furznormalen Monitor, also mit Popelauflösung. Schimpft mich einen matten kleinen daddel-geilen Materialisten, aber ich freue mich narrisch über einen HDMI-fährigen PC-Monitor, der mir für umme überlassen wurde.
  • Zweimal Golkonda-Freude: a) Der von mir übersetzte Band mit Kurzgeschichten von Ted Chiang, »Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes«, hat zwar nicht sooo viele, dafür aber ausnahmslos wohlwollende, ja sogar begeisterte Rezensionen für sich verbuchen können, und wurde in Foren von SF-Fan- und SF-Netzwerk von einigen Lesern als ein Lieblingsbuch des Jahres erwähnt. — b) Die erste Hellboy-Anthologie aus dem Jahre 1999, »Odd Jobs«, ist endlich auf Deutsch unter dem Titel »Die Rache der Medusa« erschienen, und als Hellboy-Fan war es für mich freilich Übertop, dass ich die hälfte der Übersetzungsarbeit übernehmen durfte.
  • Bruder Hein grient: Aufsichts-Kollegin ist auf dem Weg zum Arzt auf der Straße tot umgefallen.
  • Frust: Zusagen werden nicht eingehalten. Da macht Loyalität nicht so viel Spaß.
  • Scham: Um Gefallen gebeten, der sich zu krasser Zumutung entwickelte.

Molos Wochenrückblick No. 64

Eintrag No. 740 — Kinners, wie die Zeit vergeht! Wisst Ihr noch, wann ich das letzte Mal von meinen Entscheidungen bei ›Wer ist dir lieber?‹ berichtet habe? — Nein? — Vor über drei Monaten! — Also nicht lange gefackelt. Entscheidungen müssen her!!!

Jack Nichsolson oder Heath Ledger (als Joker): Wenn es nur darum ginge, wer der bessere Joker war, würde ich ›weder / noch‹ sagen, wenn es darum geht, wessen Schauspielerleistung ich höher schätze, dann Nicholson.Yul Brunner oder Telly Savalas: Meine Stimme geht an den König von Siam!Physik oder Chemie: Finde beides zu interessant und wertvoll, um mich entscheiden zu wollen, also wieder ›weder / noch‹.Tim Taylor oder Al Borland: Ähh, das ist wohl TV-Kultur. Habe keine Ahnung. Kenne beide nicht.Beckmann oder Kerner: Diesmal kenne ich immerhin die Namen dieser TV-Fuzzis. Weiß aber sonst zu wenig, um die unterscheiden zu können. Also wiederum, ›kenne beide nicht‹.Inge Meysel oder Marie-Luise Marjan: Und nochmal ›kenne beide nicht‹.Lena oder Nicole: Schlimme als das grausige »Ein bischen Friede« ist selbst lena nicht. Trotzdem unterm Strich für mich ein ›weder / noch‹-Fall.Spiegelei oder Rührei: Klarer Fall. Ich bin ein Rührei-Typ.Jim Knopf oder Lukas der Lokomotivführer: Ich mag Lukas ein kleines bischen mehr.Darth Vader oder Yoda: Seit »The Attack of the Clones« ist für mich der Kampf-Flummi nicht mehr zu toppen.David Beckham oder Victoria Beckham: Bin nicht kompetent genug, hier eine Entscheidung zu treffen, also ›weder / noch‹.Prince William oder Kate Middleton: Ebenso. Wertner Enke oder Uschi Glas: Ich boller einfach mal so rum und wähle den Enke.Cats oder Das Phantom der Oper: Hmmm, schwer. Als Teen mochte ich beide. Aber die Texte von Cats sind (siehe T. S. Eliot) doch 'nen winzigen Tick gehaltvoller.Humphrey Bogart oder Ingrid Bermann: So sehr ich die Bergman mag, den Bogart finde ich einfach noch besser.Max oder Moritz: Ist das nicht völlig Wurscht? Ich werf ne Münze … halt nein, ich finde, Max sieht nicht so nervig aus. Adam oder Eva: Meine Sympathien liegen bei Frauen, die mir was zu Essen bringen.Liz Taylor oder Richard Burton: Wieder ein ›weder / noch‹-Fall.Frühling oder Herbst: Mein liebste Jahreszeit ist eh der Herbst.Harry oder Sally: Als Rollenvorbild für mich bevorzuge ich Harry.Cornflakes oder Müsli: In Phasen die sich über mehrere Jahre erstrecken, mag ich mal das eine, mal das andere lieber. Derzeit bin ich ein Müsli-Typ.

•••

Wunderbare Neuigkeiten! Matt Ruff präsentiert auf seiner Website nun erste offizielle Infos über seinen (auf Englisch) im Frühjahr 2012 erscheinenden fünften Roman »The Mirage«. Hier eine schnelle Übersetzung von mir vom Waschzettel des Buches:

9. November 9, 2001: Fundamentalistische Christen haben vier große Düsenmaschinen entführt. Zwei davon steuerten sie in die Tigris & Euphrat-Welthandels-Türme in Baghdad, und das dritte in das Arabische Verteidigungsministerium in Riad. Die Passagiere des vierten Flugzeuges, dessen Bestimmung Mekka gewesen sein soll, bringen ihre Maschine in der Wüste zum Abstürzen.
Die Vereinigen Arabischen Staaten rufen einen Krieg gegen den Terror aus. Eine Koalition arabischer und persischer Truppen landet an der Ostküste Amerikas und errichtet in Washington D.C. eine Grüne Zone …
Heute, einige Jahre später, ebbt der Krieg in Amerika langsam ab. Mustafa al Baghdadi, ein Agent der arabischen Heimatsicherheitsbehörde, verhört im Irak einen festgenommenen Selbstmordbomber. Der Gefangene behauptet, dass die Welt in der sie leben ein Trugbild ist — in der wirklichen Welt ist Amerika eine Supermacht und die arabischen Staaten nur eine Ansammlung ›rückwärtsgewandter Drittwelt-Nationen‹. Eine Ausgabe der New York Times vom 12. September 2001, die bei der Durchsuchung der Wohnung des Attentäters gefunden wird, scheint seine Aussage zu bestätigen.
Es bleibt nicht bei diesem einen Zwischenfall. Andere festgenommene Terroristen erzählen die gleiche Geschichte, und man findet weitere ›Artefakte‹. Der Präsident verlangt Antworten, doch Mustafa und sein Team entdecken bald, dass weitere Interessensgruppen ihre Finger im Spiel haben. Der Verbrecherboss Saddam Hussein führt eigene Ermittlungen durch, und der Chef des Nachrichtendienstes des Senates, ein Kriegsheld namens Osama bin Ladin, macht vor nichts Halt um die Wahrheit über das Trugbild zu verbergen.

Und Matt hat auch schon zusammengeschrieben, welche Musik er beim Schreiben von »The Mirage« vor allem gehört hat.

Politik, Gesellschaft & Hochkultur:

  • Georg Dietz, ›Der Kritiker‹ unter den SpOn-Bloggern, klärt uns auf betreffs Sieben Wahrheiten über die Hochkultur. Durch die Brille der Genre-Theorie gesehen ist für mich schon lange klar, das ›Hochkultur‹ eben auch nur eine Nische für ein spezielles Fandom ist.

(Deutschrachige) Phantastik-Links

  • Für das Blog der ›Bibliotheka Phantastika‹ hat moyashi am Beispiel des »Games of Thrones«-Kalenders 2012 von Joe Picacio wunderbar zusammengemeckert, was an typischer Epic-Fantasy-Grafik nicht stimmt: Blind oder nicht blind, das ist hier udie Frage.
  • Simon Spiegel bietet als PDF auf seiner Website eine Rezi zu Alex Melzers »Weltenbauer: Fantatstische Szenarien in Literatur, Games und Film«. Wer sich selbst einen Eindruck von der exemplarischen Nutzlosigkeit von Melzeners Schrift verschaffen will, kann hier in einer umfangreichen Leseprobe stöbern.
  • »20th Century Boys« hat letztes Wochenende den Eisner-Award gewonnen, schöne Gelegenheit für den ›Tagesspiegel‹ Inga Steinmetz dieses beeindruckende Groß-Manga empfehlen zu lassen: Mörderische Freundschaft.
  • Noch was aus dem ›Tagesspiegel‹: Diesmal hat sich Steffen Richter der ersten sechs Titel der ›Neue Welt‹-Reihe des Verlages Matthes & Seitz angenommen: Luftschlösser und Quantenburgen. Diese Science Fiction-Reihe wurde von der Szene (mich eingeschlossen) selbst bisher kaum wahrgenmoen, mit Ausnahme von Thor Kunkels lesenswerten Roman »Schaumschwester«.
  • Viel Stoff für die Ohren bieten die Tonmitschnitte der Seminare Science Fiction and Politics von Courtney Brown. Bereits verkostet habe ich die Einführungsfolge, sowie die Beiträge zu Neal Stephensons »Snow Crash«. Ganz besonders freut mich, dass auch das Werk der Science Fiction-Musikerin Janelle Monáe berücksicht wird.

Zuckerl: Popkultur & Kunst

  • Seit ich als Hauptschüler Bachs Orgelmusik in der Einspielung von Helmut Walcha kennenlernte, und kurz darauf die Böhmsche Einspielung der Brandenburgischen, bin ich dem Jay Es Be verfallen. Letztes und dieses Jahr hatte ich wieder eine von diesen monatelangen Phasen, in denen ich auf dem Weg zur und von der Arbeit praktisch nur Bach hörte (Savall und Göbel-Einspielungen). — David Ramirer ist einer meiner Freunde, die so eine arge Bach-Begeisterung verstehen. Ihn hat’s, wie’s scheint, in letzter Zeit auch wieder vermehrt zum Thomas Cantor hingezogen, denn in seinem Blog tummeln sich wieder vermehrt elektromusikalische- und bildnerische Interprationen Bach’scher Werke: hier erstmal zum Hören für die freunde gehobener contrapunktik das »Ricercar a 6« (aus »Musikalisches Opfer«), und anschließend dann zwei visuelle Analysen / Umsetzungen dieses Stücks: ein wenig musikanalyse am mittwochabend und ein semi-chromatischer tanz.
  • Dank an Andrea für diesen Linktipp: Kent Rogowski macht Collagen aus verschiedenen Puzzels und nennt diese knallbunten Farbgranaten dann Love=Love.
  • Das Architektur-Blog ›The Web Urbanist‹ bietet einen umwerfenden Rundgang durch menschengemachte Himmelgewölbe: 15 Stunning Modern Ceiling Designs.
  • Zum Abschluss ein Filmchen bei ›Neatorama‹, das ich putzig-gruslig finde (aber vorsicht: manche von Euch finden folgendes sicherlich grausig-eklig!): Leckerer (toter!) Tintenfisch fängt wegen des Natriums in der Soja-Soße an zu zucken: Tanzender Tintenfisch

•••••

Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

Molos Wochenrückblick No. 41

Eintrag No. 700 — Es freut mich, dass mein für den Golkonda Verlag erstelltes Portrait der Brüder Strugatzki Verwendung findet auf der Website ›Life in the 22. Century‹ von Andreas Reber.

Lektüre / Film: Habe »Unendlicher Spass« zur Seite gelegt, aber nicht abgebrochen. Mir ist was dazwischen gekommen, nämlich die Krimi-Serie »Castle«.

Ich teste immer wieder mal TV-Serien an, und finde da auch so einiges, was ganz amüsant ist, aber es ist schon eine Weile her, dass mich eine Serie so schnell so begeistert hat wie diese ziemlich klassische Krimi-Kiste mit einer Priese Screwball Komödie. — Man nehme ein Pärchen und kehre die Geschlechter-Rollenklischees um: also hier einen selbstverliebten & plapperhaften Thriller-Autor, Rick Castle, dort eine herbe & abgebrühte Kommissarin, Kate Beckett, beide erfolgreich auf ihrem Gebiet, verbandle die beiden in einem Geflecht aus gegenseitiger Faszination und vorsichtiger Distanz und schicke sie los im Gewimmel von New York um Mordfälle zu klären.

Was mich nun unter anderem arg angefixt hat, ist das Metafiktion-Spiel, das die Sendung veranstaltet: Castle begleitet Beckett vor allem deshalb, weil sie seine Inspiration für seine neue Romanfigur, Nikki Heat, ist. Und den ersten Nikki Heat-Roman, »Heat Wave«, gibt es schon in Echt als Taschenbuch, und den habe ich letzte Woche unterwegs schwupps verschnabbuliert. Keine hohe Prosa, sondern ebenso wie Brunetti, Jury und Co schlicht gute kurzweilige Krimi-Unterhaltung. — Die Serie und das Buch zeichnen sich durch flotte Dialoge und geschickt konstruierte Fälle aus. Ein großes Vergnügen.

Netzfunde

(Deutschsprachige) Phantastik-Funde

Zur Erinnerung:
Hinweise auf bemerkenswerte deutschsprachige Internet-Beiträge zum Thema Phantastik (in allen ihren U- & E-Spielarten) bitte per eMail an …

molosovsky {ät} yahoo {punkt} de

… schicken. — Willkommen sind vor allem Hinweise zu Texten, die wenig beachtete Phantastikwerke behandeln (z.B. also Einzelwerke statt Seriensachen), oder die über Autoren, Theorie und Traditionsentwicklungen berichten.

Rüge

  • Der Science Fiction-Podcast Schriftsonar nervt mich ungemein mit seiner platten viel zu langen Elektropampenmusik. Und in der jüngsten, der 40. Ausgabe, fröhnen die Macher einem simpel gestrickten Anti-Intellektualismus, dass die Schwarte kracht, anlässlich des Romans »Anathem« von Neal Stephenson (ca. ab Minute 24:00):
    Michael Schneiberg: Ich fand Umberto Eco immer furchtbar. Für mich ist das ein eingebildeter Bildungsbürger. Kann ich nichts mit anfangen. Und Neal Stephenson, so leid es mir tut, ich liebe ihn für seine frühen Bücher (auch wenn das wieder ein Klischee ist), der entwickelt sich echt zum verdammten Besserwisser.
    F. C. Stoffel: Es hat sich bei mir über die vielen Jahrzehnte, wo ich wirklich schon viel gelesen habe, eine sehr provokante These verfestigt, die ich auch an sehr vielen Science Fiction-Autoren bestätigt sehe, nämlich: richtig gute Schriftsteller dürfen nicht zu intellektuell sein. {…} Autoren dürfen nicht zu intellektuell werden, weil dann werden sie selbstverliebt.

    Allerdings wird in dieser Ausgabe dann auch »Die gelöschte Welt« von Nick Harkaway begeistert gelobt, was mich wieder ein wenig versöhnt mit der Sendung.

Zuckerl

  • Das Blog ›Lost & Taken‹ präsentiert: 19 Alte Bücher-Strukturen.
  • Wieder mal Johann Sebastian Bach, diesmal in Form einer Interpretation mittels Floppy-Laufwerk-Orgel, die in den letzten Tagen im Netz herumempfohlen wurde, unter anderem von Cory Doctorow bei ›Boing Boing‹: Floppy drive organ plays toccata.
  • Will zeigt uns in seinem ›A Journey Round My Skull‹-Blog einige wunderschöne pop-ige japanische Apokalypsen aus den frühen Siebzigern von Takabata Sei: The Collapse of a World Condemned.
  • Wahnsinnsmeldung bei ›Dark Horizons‹: Möglicherweise verfilmt Paul Thomas Anderson als nächstes Thomas Pynchon!
  • Zum Schluss ein Filmchen, eine wüste wilde nicht-sequentielle Aneinanderreihung aberwitziger Szenen, des Künstlers David OReilly. Warnung: nichts für schwache Gemüter oder Menschen, die eng gezogenere Geschmacks-Grenzen haben. Teilweise verstörender und/oder ekliger Inhalt. Dennoch wollte ich diese Gemme nicht unempfohlen lassen.

The External World from David OReilly on Vimeo.

•••••
Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

Molos Wochenrückblick No. 15

Eintrag No. 645 — Diese Woche gibts viel Zuckerl. Keine nennenswerten Ereignisse bei mir diese Woche, außer, dass ich die Molochronik bei Flattr angemeldet habe.

Flattr ist ein Weg, mit kleinen Gutschreibungen einen Internetbeitrag zu entlohnen. Wer bei Flattr angemeldet ist und über ein Guthaben verfügt, kann derweil einmal im Monat der Molochronik etwas spenden (siehe Flattr-Button oben in der rechten Säule). — Sobald ich dazu komme, werde ich die aufwendigeren ›de luxe‹-Einträge der Molochronik mit eignen Flatter-Buttons ausstatten. — Und ich freue mich natürlich, dass ich nach drei Tagen schon einmal geflattert wurde (kein Vergleich freilich zu wirklich beliebten Websites).

NETZFUNDE

  • Spannend ist der Briefwechsel von Marvin Oppong mit der Stadt Duisburg den »Carta« bietet. Oppong will Einsicht in die Genehmigungsunterlagen der Love-Parade, die so tragisch-tödlich verlaufen ist. Die verschiedenen Behörden mauern, unterschiedliche Auffassungen des Informationsfreiheitsgesetztes prallen aufeinander.
  • Leider hatte ich noch nicht die Zeit, ausführlich im neuen Gruppenblog der »F.A.Z.«, Deus ex Machina, zu stöbern. Dort soll berichtet werden …
    … getreulich und mit Plaisir {…} von den göttlichen Internetmaschinen neuester Art, ihren Berechnungen unberechenbarer Weis- und Torheiten, und ihrem Wirken zum Gedeih und Verderb der menschlichen Art hienieden auf Erden {…}
  • Sehr gute Besprechung des Films »Agora« im Oliblog. Ich hab den Film im Kino gesehen, obwohl er ›nur‹ auf Deutsch lief. Auch wenn man sich bei der Nacherzählung des Martyriums der durch Fundi-Christen getöteten Bibliothekarin von Alexandria große Freiheiten die historischen Details betreffend genehmigt hat, bietet der Film ein bewegendes Drama und versteht es, weltanschauliche Streitfragen und ihre Verquickung mit einzelmenschlichen Zwängen ergreifend darzustellen. Allen Jungfrauen beiden Geschlechts zur inniglichen Beherzigung anempfohlen
  • Interviews mit zwei von mir sehr geschätzten Autoren habe ich diese Woche entdeckt: einmal spricht »io9« mit China Miéville über seinen neuesten Roman »Kraken«, warum er Joss Whedons Zeug mag und J. J. Abrams’ Zeug nicht; — und zweitens hat Matt Ruff der Seite »The Author Speaks« Fragen beantwortet, z. B. zum ›Lustiger Schwarzer Kerl‹-Klischee in Äktschnfilmen und seinen nächsten Roman »The Mirage«.

(Deutschsprachige) PHANTASTIK-FUNDE

  • Umfangreiche Rezensionen zu Michael Moorcocks: »Tochter der Traumdiebe« bei »Lake Hermanstadt«.
  • »Inception« ist einer dieser Filme, die das Publikum zum Deuten herausfordern. (Gehört zu den großartigsten Dingen, die ein Film fürs Massenpublikum leisten kann. Statt hinterher nur darüber zu babbeln, was cool, was nicht cool war, werden die Zuschauer animiert, weiter zu fabulieren und philosophieren.) — Peter V. Brinkemper hat für »Glanz & Elend« eine ausführliche Rezension über Christopher Nolans »Inception« geschrieben, die ich als (im besten Sinne) schwurbelige, schwindelerregende Cinemaskopie-Poesie bezeichnen kann. Der Text hat mich beim ersten Lesen etwas verstörend amüsiert (hatte z.B. den Verdacht, der Text sei zu fremdwortversalzen), doch die Zweitlektüre versetzt mich in einen schmunzelnden Sprachrausch, durch Sätze wie folgenden:

    In »Inception« sind Träume und Traumzustände lebendige Membrane von anwesenden und unsichtbaren, aber spürbaren Ereignissen, Träume werden durch Kollektivschaltung zu sanften oder heftigen Dramen, immer noch intersubjektiv beeinflussbaren Situationen und relativ klaren Bewusstseinszuständen, zwischen rationaler Konstruktion, gezielt eingreifender, dominanter Manipulation und unwillkürlich subjektiver Projektion.
  • Nix Neues, aber eben letzte Woche von mir entdeckt, nämlich dass es eine Web-Site zum Werk des grandiosen deutschen Zeichners Hans Georg Rauch gibt. H. G. Rauch ist vielleicht am bekanntesten durch seine Illustrations-Reihe ›ZEITzeichen‹ für das große Hamburger Wochenblatt. Ist aber schon viele Jahre her. Rauch kann Wimmelbilder schraffieren wie nur wenige. Vor allem seine Auseinandersetzungen mit Strukturen, den Themen Landschaft und Architektur sind atemberaubend. Leider sind die Wiedergaben im Netz oft zu klein für diese detailreichen Meisterwerke.

Zur Erinnerung:
Hinweise auf bemerkenswerte deutschsprachige Internet-Beiträge zum Thema Phantastik (in allen ihren U- & E-Spielarten) bitte per eMail an …

molosovsky {ät} yahoo {punkt} de

… schicken. — Willkommen sind vor allem Hinweise zu Texten, die wenig beachtete Phantastikwerke behandeln (also Einzelwerke statt Seriensachen), oder über Autoren, Theorie und Traditionsentwicklungen berichten.

ZUCKERL

  • Der ›Nostaligia Critic‹ hat einen dreiteiligen »Animaniacs« Tribut erstellt, in dem er Glanzmomente dieser Cartoon-Reihe zeigt und mit den Autoren & der Autorin (die teilweise auch Sprecher bzw. Sprecherin einiger Figuren sind) einen ausführlichen & erhellenden Plausch geführt. Ein Muss für Freunde des höheren Blödsinns.
  • Habe die Seite Springfield Punks entdeckt. Hier entwerfen Freunde der Familie Simpson selbst ihre gelbhäutigen Springfield-Versionen bekannter Figuren, von denen es eben noch keine Simnpson-Version gibt. Hier z.B. die »Watchmen«-Hauptfiguren im Matt Groening-Stil. Kann man bitte mal den ganzen Comic so machen?
  • Apropos ›Comic machen‹: Mahendra Singh zeichnet phantastische Illustrationen mit klassisch-altmodischem Strich (erinnern mich an Emlematik-Zeichnungen und Max Ernst). Ich freue mich schon auf den von ihm zum Graphic Novel hoch-illustrierten Lewis Carroll-Schaffenshöhepunkt »The Hunting of the Snark«, der im November erscheinen wird. In Mahendras Blog »Just the place of a Snark« kann man den Werdegang der Illustration vom Mai 2007 an verfolgen. — Hier als Beispiel die Doppelseite 10/11 des kommenden Buches, aus dem ›Second Fit‹ (›Zweiten Krampf‹).

Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

Die wilden Welten von Matt Ruff (2): Das Gespräch in Frankfurt am Main, Februar 2008.

Für »Magira 2008« habe ich anders als in den Jahren zuvor und danach keine Sammelrezension geliefert, sondern mich auf das Werk eines einzigen Autors – Matt Ruff – konzentriert.
Für die Molochronik-Leser habe ich diesen langen Beitrag in zwei Teilen aufbereitet. Teil eins enthält meinen persönlich gefärbten Werküberblick zu den wilden Welten von Matt Ruff.
Wie immer habe ich den Herausgebern Michael Scheuch und Hermann Ritter, den Korrekturlesern und Layoutern von »Magira« für ihre Unterstützung zu danken. Besonderen Dank schulde zudem ich dem Hanser-Verlag für seine Aufgeschlossenheit, sich auf einen Amateur-Journalisten wie mich einzulassen, und natürlich danke ich Matt Ruff selbst für seine Großzügigkeit und seine Hilfe bei der Nachbearbeitung des Interviews.

•••••

Eintrag No. 593MOLO: Willkommen in Europa. Bist Du gerne unterwegs auf Reisen?

MATT RUFF: Jeder Reiseanlass kommt mir sehr gelegen. Bisher bin ich in Paris gewesen, auch wenn keine Lesungen stattgefunden haben. Man erzählte mir, dass die Franzosen ungern Lesungen in fremden Sprachen veranstalten, was mich etwas verblüfft hat.

Zwischen den Lesungen und Interviews hatte ich ein wenig Gelegenheiten für Stadtbesichtigungen, aber die Europatour ist ein Arbeitsaufenthalt. Da habe ich leider nicht wirklich Zeit die Dinge um mich herum entspannt zu genießen.

MOLO: Hattest Du Gelegenheit Deiner Familiengeschichte nachzuspühren? Du hast ja deutsche Vorfahren.

MATT RUFF: Richtig. Beide Seiten meiner Familie stammen ursprünglich aus Deutschland. Die am weitesten zurückreichenden Vorfahren der Familie meiner Mutter stammen aus Öttingen. Zu gerne hätte ich den Ort besucht, aber es war leider keine Zeit dafür.

Ich war ja schon zweimal in Deutschland auf Lesereise: 1991 mit »Fool on the Hill« und 1998 mit »G.A.S – Die Trilogie der Stadtwerke«. 1998 habe ich 20 Städte abgeklappert und bei sechs Lesungen saß ich zusammen mit Franka Potente auf der Bühne. Das war kurz bevor »Lola Rennt« in die Kinos kam, und Franka war zwar schon bekannt, aber eben noch nicht so berühmt wie sie durch diesen Film dann wurde. Es war ziemlich spaßig.

MOLO: Ich kann mich an die 1998-Tour erinnern. In den Tiefen der Internet-Archive kann man ein damaliges hervorragendes Interview von Dir mit Susanne Bach finden: »Writing and writing and writing: Derrida in Hell«.

Aber nun zu Deinem jüngstem Buch. Du sagst, dass »Bad Monkeys« Dein ›Philip K. Dick-Roman‹ ist. Wie würdest Du das literarische Vermächtnis von Philip K. Dick für jemanden beschreiben, der nichts über ihn weiß?

MATT RUFF: Einen Roman als ›Philip K. Dick-Roman‹ zu bezeichnen, ist für mich eine Abkürzung um zu beschreiben, dass es sich dabei um ein Buch handelt, in dem die Wirklichkeit der Welt, und/oder auch die Identität der Hauptfigur in Frage gestellt wird. Dick hat sehr gerne Geschichten erzählt, in denen sich entpuppt, dass alles was die Hauptfigur über sich selbst zu wissen glaubt, oder was sie über die Welt annimmt, sich als falsch erweist, und wie diese Figuren dann damit zurechtkommen und wie sie zu ergründen versuchen, was wahr ist. In »Bad Monkeys« erzählt eine Frau einem Psychiater ihre Geschichte, und ihre Schilderungen könnten Lügen, oder Wahnvorstellung oder etwas völlig anderes sein. Die Bezeichnung ›Philip K. Dick-Roman‹ bot sich also als passende Beschreibung an.

MOLO: Apropos Dick. Hat Dir die Verfilmung von »A Scanner Darkly« gefallen?

MATT RUFF: Eigentlich nicht. Ich blieb auf seltsame Weise von ihr unberührt. Das Buch ist ziemlich gut und sehr lustig. Es gehört zu den am besten geschriebenen Büchern von Dick. Ihm gelingt es dort sehr gut jene geistlosen Unterhaltungen zu schildern, die Leute auf Drogen miteinander haben, und steigt dabei in einen Wahnsinn hinab, der sich durch einen übermäßigen Konsum schlechter Drogen auftut. Der Film aber funktioniert aus verschiedenen Gründen nicht. Es gelang ihm nicht, mich so wie das Buch mitzunehmen, was schade ist. Aber das ist bei vielen Filmen die auf Dicks Büchern basieren der Fall. Warum auch immer, sie nehmen ihr Publikum nicht mit. Die Filme die aus Dicks Kurzegschichten statt seinen Romanen gemacht wurden, sind in der Regel besser, auch wenn ich nicht sicher bin, woran das liegt. Vielleicht zwingt das Filmemacher dazu etwas kreativer zu sein und die Vorlage zu einer gut ausgewogenen Geschichte zu entwickeln.

MOLO: Ich denke das liegt daran, dass Sprache immer noch die wirkungsvollste Art ist eine narrative Welt zu errichten und eine Geschichte zu erzählen. Filme neigen dazu, mehr als ein Spektakel für die Sinne zu funktionieren. Erst mit dem serialen Erzählen von TV-Sendungen wie (um jüngere Beispiele zu nennen) »Deadwood« oder »The Sopranos« hat sich im anglo-amerikanischen Fernsehen so etwas wie eine anspruchsvollere »Telenovela de luxe«-Strömung entwickelt. Da gibt es dann genug Zeit und Raum um Perspektivwechsel zu bieten und die verschiedenen Figuren und ihre Hintergründe genauer darzustellen.

MATT RUFF: Interessant. Ein Autor den ich sehr bewundere, Richard Price, hat ein Buch namens »Clockers« geschrieben, das Spike Lee verfilmt hat. Ihm ist womöglich die beste Zweistunden-Filmversion des Buches gelungen, die möglich ist, und trotzdem kam ich aus dem Kino und dachte mir: »Das war es nicht wirklich. Man hätte mindestens acht Stunden, vielleicht sogar zwölf gebraucht um den Roman angemessen gerecht zu werden.«

MOLO: Zurück zu Dick. Was war für Dich wichtig daran, einen ›Philip K. Dick-Roman‹ zu schreiben, und was waren Deine Hoffnungen und Ängste was diese Ambition betrifft?

MATT RUFF: Ich glaube nicht, dass ›wichtig‹ das richtige Wort ist. Ich hatte diese Idee für eine Geschichte, und die Art sie zu erzählen. Das als ›Philip K. Dick-Roman‹ zu beschreiben war dabei ein passendes Kürzel für das, was ich im Sinn hatte. Dann spielte ich eine Weile mit dem Gedanken, die Hauptfigur Phil zu nennen, als eine Art Homage. Schließlich fand ich heraus, dass Dick eine Zwillingsschwester namens Jane Charlotte hatte, die im Babyalter gestorben ist, deren Präsenz aber Dick sein Leben lang verfolgt hat. Um auf das Buch »A Scanner Darkly« zurückzukommen: An einer Stelle der Geschichte widmet ein Radio-Moderator ein Lied »Phil und Jane«, was eine von vielen Anspielungen von Dick auf seine Schwester. Thematisch schien es also äußerst passend, die Hauptfigur Jane Charlotte zu taufen und ihr einen Bruder namens Phil zu geben, der real ist oder auch nicht. Beim Lesen von »Bad Monkeys« ist das eine wichtige Angelegenheit. Es passte also. Während der Entwicklung eines Romanes stolpert man über solche Dinge und denkt sich: »Das fügt sich gut. Das passt sehr gut zur Intention der Geschichte. Dadurch wird es besser.« Als ich dann zu schreiben begann war die Stimme von Janes Figur genau richtig.

MOLO: In Deiner Danksagung zu »Bad Monkeys« erwähnst Du Laurence Sutin der eine wunderbare Biographie über Philip K. Dick geschrieben hat »Göttliche Zwischenfälle« (Frankfurter Verlagsanstalt, Leider vergriffen).

MATT RUFF: Durch dieses Buch habe ich von Jane Charlotte erfahren.

MOLO: Ich kann mich nur an wenige andere Biographien erinnern, die so bewegend waren wie Sutins Buch. — Mich würde interessieren, wie Du Philip K. Dick beschreiben würdest. Erst in den letzten Jahren steigt sein Ansehen bei uns auch außerhalb der SF-Genreleserkreise. Es ist eine glückliche Fügung, dass zur gleichen Zeit wie »Bad Monkeys« nun Dicks Kurzgeschichten endlich komplett und gut editiert auf Deutsch (bei Zweitausendeins) veröffentlicht werden, nachdem sie nur vereinzelt gedruckt zu haben, bzw. lange vergriffen waren.

MATT RUFF: Tatsächlich bin ich ja der Ansicht, dass Dicks Kurzgeschichten viel besser sind als seine Romane. Er war einer dieser Autoren, die mit einer überschaubaren Länge besser zurecht gekommen sind, weil er, wie ich vermute, nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne hatte.

MOLO: Vielleicht lag das an seinem Amphetaminproblem.

MATT RUFF: Das spielt da auch mit hinein. Bis auf einige Ausnahmen finde ich, dass seine Romane an logischen Handlungsunzulänglichkeiten kranken, und so etwas macht mich kirre, denn diese Makel seiner Romane scheinen mir weniger auf bewussten künstlerischen Entscheidungen, als vielmehr auf Schlamperei und Aufmerksamkeitsfehlern zu beruhen. Einfach ärgerlich.

Ich mag Fiktionen mit Ambiguität. Ich mag es, wenn ich als Leser nicht sicher sein kann was genau geschieht, aber ich will schon das Gefühl haben, dass der Autor weiß was er will, dass er einem Plan folgt, auch wenn ich selbst die Lösung nicht sehe, wenn es eine Lösung gibt. Wenn Leute wie Dick oder David Lynch dann etwas vorlegen, bei dem man sich dann denkt, dass es keine Möglichkeit gibt das logisch plausibel zu erklären, kann einen das ziemlich aufregen.

MOLO: Du erwähnst Lynch. »Lost Highway« ist ja ein berühmt-berüchtigtes Beispiel einer Geschichte, über die viel debattiert wird wegen der Dinge, die wir Zuschauer nicht deutlich gezeigt oder erklärt bekommen, die wir nicht auf der Leinwand sehen.

MATT RUFF: Dazu muss ich sagen, dass David Lynch einer der unterhaltsamsten Erzähler von unplausiblen Geschichten ist. Selbst dann, wenn seine Filme beginnen absolut keinen Sinn mehr zu ergeben, können sie sehr hypnotisch sein, wenn man in der richtigen Stimmung ist. Aber ich ziehe es vor das Gefühl zu haben, dass einer Geschichte eine plausible Logik zugrunde liegt, auch wenn mir nicht gewährt wird, alles zur Gänze zu verstehen.

MOLO: Denkst Du, dass es einen großen Unterschied zwischen realistischen und phantastischen Geschichten gibt, wenn es darum geht koherente Plausibilität zu erreichen? »Ich und die Anderen« ist für mich z.B. ein phantastischer Roman, trotzdem er in einem realistischen Weltenbau im Hier und Heute spielt, und keine augenfälligen Wunderlichkeiten vorkommen. Man muss nur die gewohnte SF-Perspektive ändern, weg von technisch-utopischen Spekulationen hin zu Spekulationen über Innere Welten und die Beschaffenheit des Ichs um den Roman als SF oder ›Psycho-Fantasy‹ zu lesen.

MATT RUFF: Das stimmt. »Ich und die Anderen« ist sicherlich Science-Fiction-haft in dem Sinne, dass der Roman das Phänomen der Multiplen Persönlichkeit in etwa so erforscht, wie es ein SF-Autor machen würde.

MOLO: Und es gibt eine Fantasy-Ebene mit der Queste zu den Geheimnissen der Vergangenheit und den Nebenwelten im Bewußtsein der Figuren.

MATT RUFF: Tatsächlich bin ich der Ansicht, dass kein großer Unterschied zwischen SF/Fantasy und realistischen Fiktionen besteht, denn auch den Geschichten der phantastischen Genre müssen bestimmte Regeln zugrundeliegen, auch wenn diese Regeln anders sein können. Auch bei phantastischen Geschichten, zumindest wenn sie halbwegs interessant sein sollen, muss unterschieden werden was möglich ist und was nicht, und die Dinge müssen einen Sinn ergeben.

Clive Barker hat einen Roman namens »Weaveworld« (»Gewebte Welt«) geschrieben, und ich bin über die ersten 10 bis 15 Seiten nicht hinausgekommen, denn da stürzt der Protagonist zu Beginn in eine andere Welt in einen Teppich. Bei der Beschreibung der Landschaft in diesem Teppich auf den ersten paar Seiten war für mich sehr deutlich zu spüren, dass Barker hier alles mögliche zusammenflickt wie es ihm gerade passt und wie es ihm gerade einfiel. Was auch immer ihm gerade zu passen scheint, geschieht einfach. Das reizt mich nicht. Auch andere Phantastikgeschichten die ich las, und bei denen es keinen schmalen Grat zu geben schien, was möglich und was unmöglich ist, mochte ist deshalb nicht. Ich mag Geschichten die zugrunde liegenden Regeln folgen, und die nicht einfach ins Blaue fabulieren.

Da fällt mir eine Lieblingsstelle aus Stephen Kings »The Dead Zone« ein. Da ist dieser Mann, der nach einem langen Koma mit der Fähigkeit erwacht, die Zukunft vorherzusehen. In diesem Roman sind also übermenschliche Psychofähigkeiten real. Zugleich aber hat dieser Kerl eine Mutter die daran glaubt, dass Außerirdische auf der Erde gelandet sind, und sie wird als irre beschrieben. Ich erinnere mich, wie ich damals von dieser Idee angetan war, dass es, obwohl es sich um einen phantastischen Roman handelt, immer noch möglich, dass Figuren an verrückte Sachen glauben, die unrealistisch sind. Das fand ich richtig cool, wie King hier vermittelt, dass es immer noch Grenzen des Möglichen gibt, auch wenn diese Grenzen anders gezogen sind, als man gemeinhin glaubt.

MOLO: Meiner Ansicht nach gehört genau das zu den größten Stärken der phantastischen Literatur, dass sie die Wachsamkeit der Leser für Grenzen zu schärfen vermag. Ich selbst mag die ›alles ist möglich‹-Ästhetik und bin der Meinung, dass es den phantastischen Erzählweisen dabei zum Beispiel spielender gelingt, Komisches und Ernsthaftes miteinander zu kombinieren.

MATT RUFF: Sicherlich gehört zu den Dingen, die man in phantastischen Fiktionen anstellen kann, dass man unhinterfragte Annahmen auf den Kopf stellen und damit in Frage stellen kann. Was das Kombinieren von Komik und Ernsthaftigkeit betrifft, so lässt sich das in der Phantastik wohl tatsächlich leichter erreichen, aber ich glaube dennoch, dass sich auch bei realistischen Schreibweisen recht einfach ist, Humor zu finden.

MOLO: Es kommt dabei dennoch zu Unklarheiten. Nehmen wir »G.A.S.«: ich bin auf Auslegungen gestoßen, in denen die Leser glauben, dass Du mit diesem Roman ein hymnisches Lob auf Ayn Rand und ihren Objektivismus vorgelegt hast, wogegen andere Leser (einschließlich mir selbst) erwidern würden: »Nein, nein. Matt macht sich lustig über Rand und führt vor, wie kaltherzig und vernagelt ihre so genannte Philosophie ist. Jedoch zollt er zugleich der Person Ayn Rand seien Respekt, denn man muss zugestehen, dass sie eine faszinierende Charakterstärke inne hatte«.

MATT RUFF: Oh, natürlich mache ich mich lustig über Rand, aber ich habe mir viel Mühe gegeben dabei nicht zu gehässig oder abfällig zu sein, was einige Leser verwirrt hat. Man kann über jemanden lachen und dennoch Respekt für die Person zeigen., und ich respektiere Rand sehr. Sie ein cleverer, talentierter und interessanter Charakter. Sie hat sich jedoch meiner Ansicht nach in vielerlei Hinsicht gewaltig geirrt, aber weißt Du: Ich irre mich auch oft.

MOLO: In Bezug auf die ernsthaften Aspekte habe ich beobachtet, dass manche Leser bei »Ich und die Anderen« vor dem Thema Kindesmissbrauch zurückschreckten, aber jeder, der den Mut aufbrachte sich trotzdem auf den Roman einzulassen und ihren gelesen hat äußerte Bewunderung für die umsichtige Art und Weise, wie Du diese Facette behandelt hast.

MATT RUFF: Es gibt eine Stelle in »Ich und die Anderen« über eine der Figuren des Romanes, die herausbekommen will, »wie man das Böse anerkennt, ohne davon aufgefressen zu werden«. Das ist, denke ich, eine der wichtigsten Funktionen von Humor: uns mit schrecklichen Dingen fertig werden zu lassen, ohne von ihnen überwältigt zu werden. Man muss natürlich achtsam sein, dass man dabei das in Frage kommende Problem nicht verharmlost und trivialisiert, doch wie es scheint, habe ich eine ganz gute Ader dafür die Balance zu wahren.

MOLO: Zurück zu »Bad Monkeys«. Als ich zu den Mottis des Roman recherierte stieß ich auf H. L. Mencken und war überrascht als ich entdeckte, dass dieser amerikanische Journalist über den John Scopes-»Monkey«-Prozess von 1925 berichtete, bei dem sich Kreationisten und Darwinisten beharkten. War es Deine Absicht auf diesen ›Affenzirkus‹ anzuspielen, als Du Dich für Menckens Zitat als Motto entschieden hast?

MATT RUFF: Nein, aber das ist witzig. Was für ein glücklicher Zufall, daran habe ich gar nicht gedacht. Wirklich schön. Passt. — Das Zitat von Mencken mag ich sehr.{01}

MOLO: Als aufmerksamer Fan Deiner und Neal Stephensons Arbeit habe ich einige Verbindungen zwischen Euch entdeckt. Deine Frau, Lisa Gold, hat Neals »Barock-Zyklus« Korrektur gelesen, Du erwähnst Neal in Deinen Danksagungen von »Ich und die Anderen« und »Bad Monkeys« und (last but not least), Eure Schwertkampf-, Flaschenköpf-Sessions, von denen sich auf Deinen und Neals Websieiten Photos finden.

MATT RUFF: {Lacht}

MOLO: Magst Du etwas erzählen über Deine Freundschaft mit Neal?

MATT RUFF: Neal und ich sind gute Freunde. Ich habe z.B. das Manuskript von Neals neustem Roman (»Anathem«) als Reiselektüre dabei. Ein tolles Buch, ich habe noch einige hundert Seiten vor mir. Ein dickes Buch.

Neal war mir bereits bekannt lange bevor wir uns begegnet sind. Der Verlag Atlantic hat seinen Roman »Zodiac« im gleichen Quartal veröffentlicht wie »Fool on the Hill«. Mein Lektor bei Atlantic gab mir »Zodiac« mit den Worten: »Dieser Kerl schreibt ein bischen so wie Du. Ich glaube, es wird Dir gefallen.« Das hat es auch. Ein paar Jahre später las ein anderer Freund, der nichts von »Zodiac« wußte, dann »Snow Crash« von diesem Typ namens Stephenson, und mir gesagt: »Das erinnert mich an Deine Sachen«. Mein Freund gab mir »Snow Crash«, das ich ebenfalls sehr gut fand und ich kam drauf, dass es von dem gleichen Kerl stammt wie »Zodiac«. Ich dachte mir, dass Neal und ich in der gleichen Richtung unterwegs sind, und dass wir uns wohl für ähnliche Dinge interessersieren. Als dann die Veröffentlichung von »G.A.S.« nahte, bat ich meinen Verleger Neal eine Kopie des Manuskriptes zu schicken, falls er einen Empfehlungsspruch für den Buchumschlag beisteuern will. Neal mochte das Buch und er schrieb einen Blurb. Als ich dann auf der Lesetour von »G.A.S.« in Seattle war, frug ich ihn, ob wir uns treffen können und wir landeten in einem Sushi-Restaurant und so begann unsere Freundschaft.

Als meine Frau und ich dann ein paar Jahre später nach Seattle übersiedelt sind, nahm ich wieder Kontakt mit Neal auf. Er lud uns zu sich nach Hause ein und seitdem verbringen wir Zeit zusammen. Spätestens seit seiner Arbeit am »Barock-Zyklus« interessiert sich Neal sehr für die Schwertkämpferei des Mittelalters und der Renaissance. Bei vielen Treffen haben wir verschiedenste Sachen ausprobiert, aber erst seit kurzem verwenden wir richtige Stahlklingen und Rüstungen.

Mit Neal befreundet zu sein ist aufregend, denn er kennt eine Menge interessante Leute. Manche sind Schriftsteller, andere Kryptographen. Man weiß nie, wem man begegnet, wenn man von Neal zum Essen eingeladen wird.

MOLO: In früheren Interviews hast Du Unbehagen darüber geäußerst, einer bestimmten literarischen Gruppe anzugehören oder zugerechnet zu werden. Als ich aber die Schwertkampf-Photos von Neal und Dir im Internet sah, dachte ich mir sofort: »Jupp, die zwei passen zusammen.«

MATT RUFF: Wovon ich Abstand nehme, wenn Leute von Literatenkreisen reden, ist sowas wie Dorothy Parker und ihr lasterhafter Kreis‹, also Menschen die zusammenkommen nur um über Bücher zu debattieren. Natürlich plaudern Neal und ich manchmal über unsere Sachen, zum Beispiel wenn er mich fragt, woran ich gerade arbeite und wie es vorangeht und umgekehrt. Aber Schreiben ist eine ziemlich solitäre Angelegenheit. Da sitzte ich alleine zuhause in meinem Zimmer und Neal sitzt bei sich zuhause alleine in seinem Zimmer. Er und ich reden nicht viel über das, was wir da tun, nicht in dem Sinne, dass wir uns gegenseitig direkt beeinflussen. Wir zeigen uns nicht im Werden befindliche Manuskripte. Sein neustes Buch lese ich als Manuskript, weil ich Lust habe es zu lesen und weil es fertig ist. Neal und ich bilden also keinen kleinen literarischer Salon, wie es der Fall ist, wenn Autoren sich zusammensetzten um miteinander gemeinsam ›Literatur zu machen‹. Das zumindest stelle ich mir vor, wenn man von einer Literatur-Szene oder literarischen Kreisen spricht, und bei so etwas bin ich lieber nicht dabei. Es ist aber sicherlich einfacher Autoren zu begegnen, deren Werk man kennt und bewundert. Mit Neal verbindet mich mehr eine persönliche Freundschaft und weniger eine Arbeitsfreundschaft.

MOLO: Um beim Thema Internet-Auftritt zu bleiben. Mir sind nicht viele Autoren bekannt, die so wie Du schon früh begonnen haben, ihren Lesern einen großzügigen Rundgang hinter die Kulissen in die kreative Werkstatt zu gewähren.

MATT RUFF: Tatsächlich? Ich dachte, dass das jetzt mit Blogs viele machen.

MOLO: Mein Eindruck ist, dass Autoren das Internet vor allem als Nebenbühne nutzen, um den Lesern ergänzendes Material zu bieten, wie Landkarten oder Glosare, mehr noch aber, um selbst etwas für die Buch-PR beizutragen. Mittlerweile beglückt jedoch eine ganze Reihe von Autoren ihre Leser mit großzügiger Offenheit, etwa Neil Gaiman, Charles Stross, Hal Duncan mit ihren Blogs, oder auch Neal mit seinem »Barock-Zyklus«-Metawebwiki, aber mir scheint, Du bist da ein Pionier. Ansonsten sind kaum jemand so freimütig wie Du, um z.B. über Geheimnisse zu sprechen wie »Bücher die ich nicht fertig geschrieben habe« oder »Musik die ich beim Schreiben gehört habe«, oder um anhand von Beispielen die verschiedenen Arbeitsphasen eines Manuskripts zu zeigen.

MATT RUFF: Das mache ich aus Spaß an der Sache und das gehört zu den Freuden, wenn man eine eigene Website betreut. Es bereitet mir Vergnügen, auf diese Weise die Dinge die ich getan habe zu dokumentieren, auch wenn aus ihnen keine Bücher geworden sind. Kann sein, ich mache das erst mal nur für mich, um meine Aufzeichnungen zu organisieren. Aber mir ist klar, dass sich die Leser dafür interessieren, immerhin sind das ja auch die Sachen, auf die ich als Leser neugierig bin bei den Autoren, die mich beschäftigen. Meine Website zu pflegen macht mir Spaß.

MOLO: Zur vielleicht ernstesten Frage. Fühlst Du Dich wohl, wenn ich Dich als einen Schriftsteller beschreibe, der zu einer Avantgarde gehört, wenn es um das Geschichtenerzählen im Zeitalter des Infowars geht, wo wir alle als Global-Bürger damit zu ringen haben, in wen oder was wir unser Vertrauen investieren?

MATT RUFF: Damit fühle ich mich soweit wohl, als dass in meinen Geschichten, sicherlich zumindest bei »Bad Monkeys«, dieses Problem zur Sprache kommt. Obwohl ich mich auf dieses Problem mit meinen Geschichte beziehe, steht für mich aber die Erzählung im Vordergrund. Doch für mich ist dabei ein wichtiger Aspekt der Geschichte, dass sie einige Tiefe und Relevanz birgt. Ich scheue davor zurück zu erklären, dass meine Geschichten eine bestimmte versteckte Botschaft transportieren sollen, aber ich bin sehr dafür, dass ein Roman Anliegen hat oder Themen anklingen lässt, die sehr viel mit den aktuellen Zeitgeschehen zu tun haben. In »Bad Monkeys« zum Beispiel trifft man auf das Thema der allgegenwärtigen Überwachung und des Kampfes gegen das Böse, worin sich offensichtlich auf verschiedene Art und Weise der gegenwärtige ›War on Terror‹ widerspiegelt. Ich schätze, dass ich mich mit Deiner Beschreibung ganz gut zurecht komme, auch wenn ich nicht sicher bin, ob ich das selbst so ausdrücken würde.

MOLO: Ich bin zu ernst und streng?

MATT RUFF: Das ist es wohl. Ein bischen zu ernst für meinen Geschmack. Es ist nicht so, dass ich mir selbst einrede: »Ich werde diesen oder jenen Aspekt des modernen Lebens kommentieren«. Eher schon ist es so, dass ich etwas schreibe und dann merke »Hmmm, ich habe da diese coole Idee zu einem Überwachungssystem die sehr stimmig ist, denn genau solche Entwicklungen finden ja derzeit statt.«

Eine Facette meines Schreibens ist, dass ich eher intuitiv arbeite, und weniger direkt und bewusst Ideen einbaue die in Bezug zur aktuellen Weltlage sinnvoll sind.

Wenn ich einen unmittelbaren Kommentar zur Weltlage geben wollte, würde ich einen Sachtext schreiben. Fiktionen haben zuerst mal damit zu tun eine Geschichte zu erzählen und dabei verschiedene Seitenblicke auf die ernsten Vorgänge zu werfen, die gerade in der Welt stattfinden.

MOLO: Für meinen Geschmack bist Du ein hervorragender phantastischer Autor, wenn man die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Phantasie »(vor dem geistigen Auge) erscheinen lassen« zugrunde legt. Jeder Künstler spielt auf dem Publikum, wie ein Musiker ein Instrument spielt. Desto besser ein Autor ist, um so besser ist die Kopfmusik die er mit seinen Büchern beim Publikum hervorzurufen vermag.

Du hast schon in früheren Interviews gesagt, dass Du zwar Deine Geschichten sehr aus dem Bauch heraus schreibst, aber dabei doch äußerst großen Wert darauf legst, umsichtig und mit Akribie den Erzählablauf und die Details auszuarbeiten und aufeinander abzustimmen.

MATT RUFF: Sicherlich lege ich großen Wert darauf zu wissen wohin die Reise geht. Die gegenteilige Art zu Schreiben hat Stephen King einmal beschrieben, und für mich mutet diese Haltung sehr seltsam an. Er macht eine große Sache daraus, dass er niemals weiter als ein paar Seiten im Voraus weiß, was geschehen wird. Wenn King über den Vorgang des Schreibens spricht, dann benutzt er Metaphern die mit Entdeckung und Erforschung zu tun haben. Er spricht über einen Roman wie über etwas, das bereits irgendwo in der Welt vorhanden ist, was er nur noch finden muss. Das fertige Stück ist schon da, er muss es nur noch ausgraben. Bei mir ist anders: »Nein, der Roman ist solange nicht da, bis ich ihn zusammensetzte.«

Natürlich entwerfe ich Teile eines Romans schon bevor ich anfange ihn zu schreiben. Ich bin mir sehr bewußt, dass ich als Ausführender die Kontrolle über den Aufbau eines Buches habe, und dass ich bestimmte Entscheidungen treffen muss. Das lässt sich auf verschiedene Art bewerkstelligen. King aber beschreibt das z.B. mit der Metapher, dass der Roman wie eine Burg ist, in die er einzubrechen versucht, und dass es eben viele Weg gibt und er nur einen finden muss der funktioniert. Ich würde das anders umschreiben: »Nein, für mich gibt es nur ein Bündel von Entscheidungen mit dem ich zufrieden bin, woraus sich dann die bestmögliche Romanform für diese oder jene Geschichte ergibt.« Mir ist aber klar, dass es andere Möglichkeiten gegeben hätte, wie man eine Geschichte hätte erzählen können, andere Wege, die man hätte wählen können. Einige davon wären vielleicht genauso reizvoll gewesen. Solang man an einem Buch arbeitet bleibt immer reichlich Spielraum während der Reise für Inspiration, Zufälle und Entdeckungen, es ist eben ein kreativer Vorgang.

MOLO: Das erinnert mich an die Unterscheidung von Schopenhauer, der Schriftsteller in drei Klassen einteilt. Am häufigsten und schwächsten sind die Parasiten, die ab- und zusammenschreiben, was andere bereits gedacht und geschrieben haben. Die schon selteneren Jäger und Sammler denken dann, während sie schreiben, aber am seltesten und löblichsten sind jene Autoren, die nachgedacht haben, bevor sie sich ans Schreiben machen.

MATT RUFF: Ich bin nun mal besessen davon und sehr pedantisch, wenn es darum geht, dass alles stimmt und richtig klingt. Deshalb brauche ich auch so lange für meine Bücher.

MOLO: Mit dem wilden Mischmasch den Du dabei kreierst stößt Du bei den deutschen Feuilleton-Kritikern immer wieder auf Zurückhaltung. Ein Argument, das dabei immer wieder vorgebracht wird, lautet, dass Du Geschichten voller Dinge schreibst, die man als Zehnjähriger toll und aufregend fand …

MATT RUFF: … als ob das eine schlimme Sache wäre.

MOLO: Manche Kritiker neigen dazu das als schlecht anzutun, auch wenn sie dann zugestehen, dass man es Dir durchgehen läßt, weil Du Deine Sache so kunstvoll machst. Für mich bereiten Deine Bücher das größte Vergmügen damit, dass einerseits die schrägsten Genre- und Popkultursachen vorkommen, die dann z.B. »Star Wars« oder Zeichentrickfans wiedererkennen können, dass Du aber andererseits dabei immer auch sehr ernste Geschichten erzählst. Nicht zuletzt traust Du Dich damit, Deinen Leser Rätsel und Ungewissheiten zu präsentieren.

MATT RUFF: Tatsächlich mag ich es sehr, die unterschiedlichsten Dinge in einem Roman zusammenzubringen, zu zeigen, wie sie zueinander in Kontrast stehen. Ein Merkmal, vielleicht sogar das auffälligste, meines Schreibens ist es, auf bizarre Weise die verschiedensten Dinge miteinander zu kombinieren, so, wie man es nicht erwarten würde, aber so, dass es dennoch funktioniert. Entsprechend schwer ist es, die Bücher in bestimmte Genre-Schubladen einzuordnen, denn ich mag es nun mal psychologische Thriller, und comichaften Slapstick und abenteuerliche Aktionen und dies und jenes zu verknüpfen … das finde ich toll.

MOLO: Ein besseres Schlußwort kann ich mir nicht wünschen. Vielen Dank, Matt, für das Gespräch.

••• Zu Teil eins mit meiner persönlich gefärbten Werkübersicht..

•••

Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

•••

ANMERKUNGEN:

01 Das Motto/Zitat lautet:
Gewissen: die innere Stimme, die uns sagt, dass jemand zuschauen könnte.
••• Zurück

Portrait: Matt Ruff

(Eintrag No. 472; Portrait, US-Autor, Phantast) — Gezeichnet nach einem Photo, dass ich anläßlich des Interviews mit Matt am 06. Februar im Euroturm zu Frankfurt gemacht habe. Gezeichnet habe ich das Portrait für das im Sommer/Herbst erscheinende »Magira« Fantasy-Jahrbuch 2008.

Faber Castell PITT Artist Pen ›M‹, ›S‹, ›F‹; ca. 120 x 135 mm, 17. Februar 2008.

Matt Ruff in Frankfurt

Edit-Ergänz:
Mittlerweile hat Matt in seinem Blog über seine Europa-Tour berichtet. Hier geht’s zum zweiten Teil, wo er über seine Reise in Deutschland schreibt. Ich bin ganz gerührt, dass er dort mein Portrait mit seinen internationalem Publikum teilt.

Und hier noch zu meinen beiden Molochronik-Eintragen zu Matts Büchern:

Die wilden Welten von Matt Ruff (1): Ein persönlich gefärbter Werksüberblick

{07. November 2009: Der ürsprüngliche Eintrag über »Bad Monkeys« und die Romane von Matt Ruff wurde durch die erweiterte »Magira 2008«-Fassung ersetzt.}
Für »Magira 2008« habe ich anders als in den Jahren zuvor und danach keine Sammelrezension geliefert, sondern mich auf das Werk eines einzigen Autors – Matt Ruff – konzentriert.
Für die Molochronik-Leser habe ich diesen langen Beitrag in zwei Teilen aufbereitet. Hier könnt Ihr meinen persönlich gefärbten Werksüberblick zu den bisher vier Roman von Matt Ruff lesen. — Teil zwei enthält mein Gespräch mit Matt, dass ich anläßlich seiner »Bad Monkeys«-Deutschlandlesetour im Februar 2008 in Frankfurt führen konnte.
Wie immer habe ich den Herausgebern Michael Scheuch und Hermann Ritter, den Korrekturlesern und Layoutern von »Magira« für ihre Unterstützung zu danken. Besonderen Dank schulde zudem ich dem Hanser-Verlag für seine Aufgeschlossenheit, sich auf einen Amateur-Journalisten wie mich einzulassen, und natürlich danke ich Matt Ruff selbst für seine Großzügigkeit und seine Hilfe bei der Nachbearbeitung des Interviews.
Bei Wieland Freund möchte ich mich dafür entschuldigen, dass ich seine Schriften stellvertretend im Folgenden als Sandsack für Argumentationsschläge missbrauche.

•••••

Eintrag No. 398 — Vier Bücher in zwanzig Jahren. Das ist an sich schon ein Bekenntnis des US-Autors Matt Ruff (1965), denn die Aufmerksamkeit, die man in der schnelllebigen Medienwelt für ein neues Buch erübrigt, schrumpfte in den letzten Jahrzehnten auf etwa drei Monate, sagen die Marktforscher. Schafft es ein Titel nicht, in dieser Zeit Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, geht es unter, wie es im Marketingunterholz heißt. Deshalb legt eine entsprechende Praxis des Literaturbetriebes Autoren nahe, möglichst stetig im Rhythmus von ein, zwei Jahren neue Werke auszustoßen, sonst, so heißt es entsprechend dieser Denke, drohe man unter zu gehen, vergessen zu werden. Doch es gibt Ausnahmen: Autoren und ihre Romane, die sich durch mündliche Empfehlungen eine treue Leserschaft erschließen können, Bücher, die nicht so recht in eine klare Vermarktungsschublade passen wollen (es sei denn, man bastelt eine eigene Schublade mit dem jeweiligen Autorennamen als Bezeichnung), so genannte Kultbücher.

Matt Ruff hatte es als 23-Jähriger das Glück, mit einem solchen Kultbuch zu debütieren: »Fool on the Hill« (1988). Wohl besser als gelehrige Beschreibungen, veranschaulicht wie ich finde Folgendes, was ein Kultbuch auszeichnet. Als ich vor gut 15 Jahren einem mit Herzeleid und Sinnkrise geschlagenen Freund eine deutsche Taschenbuchausgabe »Fool on the Hill« geschenkt habe, und wir uns nachdem er es gelesen hatte auf einer Fantasy-Con wieder begegneten, raunte mir dieser Freund dankbar zu, wie erstaunlich punktgenau dieser Roman tröstende Kraft und gemütserweiternden Perspektivwechsel gespendet hat. Ruff ist bei Weitem nicht der einzige moderne Phantast, der über die Macht und die Magie des Geschichtenerzählens schreibt, aber als mir mein Freund dann erzählte, dass er abwechselnd dachte, beim Lesen Wahnsinnig oder erleuchtet zu werden und zeitweise den Verdacht hegte, das ich Gott sei, merkte ich auf. Einmal, weil es selbst unter guten Freunden peinlich und beschämend ist, wenn man derart heftige Komplimente entgegenzunehmen hat, dann auch, weil dieses Gespräch auch für mich ein Aha-Erlebnis war. Mein Temperament als vorlauter Skeptiker und Fan des Abstrusen machen es mir schwer mit allzu tröstlichen oder idyllischen Stoffen warm zu werden. »Fool on the Hill« empfahl ich damals gerne, weil der Roman flotten Popkornspaß bietet und dennoch Tiefgang hat, weil er augenzwinkernd Popkulturanspielungen anbringt und auf überraschende Art aus dem System springt, Seitenschritte macht, die mich zu Grübelein und Gedankenwanderungen anregten. Mein Freund machte mir klar, wie wichtig diese Fähigkeit von Romanen sein kann, wenn uns Lesern durch sie reinigende Erregungen, tröstendes Kopfzurechtrücken zuteil wird.

»Fool on the Hill« ist ein ungestümer, leichtfüßig daherkommender Roman, dem es spielend gelingt, romantisches Herzeleid, philosophische Träumerei mit haarsträubenden Äktschn-Passagen und frechem Märchenflair zu vereinen. Die eindeutigste Gernebezeichnung, die man diesem Roman zusprechen kann, lautet ›postmoderne Fantasy‹, oder etwas einfacher ›kunterbuntes Schelmenstück‹. Entstanden ist der Roman als Abschlussarbeit des Studienfachs ›Kreatives Schreiben‹ in der Klasse von Alison Lurie an der Cornell Universität in Ithaca, New York, und diese Uni ist auch der Ort an dem die verschiedenen Handlungsstränge von »Fool on the Hill« angesiedelt sind oder zusammenfinden.

Worum geht es? Zentraler Held ist Stephen Titus George, ein Geschichtenerzähler, also ein Lügner, der eine Hilfsdozentenstelle an Cornell Uni inne hat; der sich optimistisch aber einsam nach der ganz großen Liebe sehnt; der beim Drachensteigenlassen mit Hunden über seine fehlgeschlagenen Liebelein plaudert; der gesegnet ist mit dem Talent durch seinem Tanz den Wind zu beschwören und nicht ahnt, dass er von niemand geringeren als einem über alle Geschehnisse des Romans wachenden griechischen Gott (ebenfalls ein Fabulator aus Leidenschaft) auserkoren wurde, ein Heiliger der Tagträumerei zu sein, ein Drachenbezwinger zur Bewahrung des chaotisch-friedlichen Miteinanders der Campus-Welt in der Nußschale. — »Fool on the Hill« erzählt aber auch die Geschichte von dem naiven Mischlingshund Luther und dem auf ihn aufpassenden Kater Blackjack, die sich von der Süd-Bronx aus aufmachen den Hundehimmel zu finden, und deren Queste, bei der sie den Groll von faschistoischen Hunderudeln auf sich ziehen, sie zur Ithaca-Uni führt. — Schließlich ist das Campusgelände auch die Heimstätte von kleinen Elfenwesen, unter ihnen tollkühne Modellflugzeugpiloten und -Schiffskapitäne, die nächtens Tiere aus dem medizinischen Versuchslabor zu befreien trachten und sich vor der Rückkehr des Koboldmagiers Rasferret und seiner Rattenarmee fürchten. Dieser in der Büchse der Pandora begrabene Wicht vermag Lebloses in golemartige Killermonster zu verwandeln, am schrecklichsten gelingt ihm das mit der horrorverbreitenden Gummibraut, dem Sexpuppenmaskottchen einer von Mittelerde begeisterten Studentengruppe des Tolkienhauses. Davor, daneben und dazwischen tummeln sich viele kleine Geschichten in der Geschichte wie die vom Mann mit der Phobie vor der Zahl 13, dem Einritt der subversiv-anachistischen Bohemier-Studentenkumpel von Stephen in ein Provinzkaff und ihr dortigers Gefecht mit einer Bikergang. Die vielleicht schönsten Eigenschaften von »Fool on the Hill« sind, dass der Roman trotz der ein oder anderen wackeligen Stelle überhaupt funktioniert, und der abenteuerliche, gerade mit der richtigen Priese Melancholie gesprenkelte Optimismus, mit dem der Roman seine Leser entlässt.

Ruffs zweiter Roman »G.A.S. – Die Trilogie der Stadtwerle« (»Sewer, Gas & Electric«, 1997), joungliert ebenfalls mit überraschend vielen verschiedenen Ideen und Themen und ist vielleicht sein unruhestiftenster, ›äktschn‹-reichster und womöglich am planlosesten wirkender Roman (obwohl seine Entfaltung überaus kühn kalkuliert ist).

Oberflächlich betrachtet wird den Lesern hier eine wendungsreiches ›Science Fiction Fantasy Verschwörungsthriller‹-Prosacomic geboten. Die atemberaubenden Tumultszenen von »G.A.S.« wirken auf mich, als ob sie einem der exzellenteren SF-Animes, wie »Akira« oder »Robot Angel«, entfleucht sind. »G.A.S.« ist, was die bitterböse Groteskerie seiner phantastischen Übertreibungen angeht, der satirischste und bittertste Roman von Ruff, was sich vor allem in den Ungeheuerlichkeiten des übertriebenen politisch-gesellschaftlichen Aspekten Weltenbaus niederschlägt. Aber Ruff gibt Acht, dass seine Sprache nicht ausser Rand und Band gerät, sondern er präsentiert seine schrägen Ideen und facettenreichen Diskurse des Buches mit lockerem Ton und lebendigen Reden.

Die Jahre 2023 angesiedelte, jedoch immer weider von Rückblenden unterbrochene Handlung, konzentriert zum einen auf New York, wo der reichste Mann der Welt, der Erfinder und Großindustrielle Harry Gant einen gigantischen neuen ›Babel Tower‹ errichtet hat, zum anderen auf Schauplätze in Florida, den Atlantik und Kalifornien. Gant hat sein unverschämt vieles Geld mit den sogenannten ›Elektronegern‹ verdient, Androiden die groß in Mode kamen, nachdem fast die gesamte schwarzhäutige Weltbevölkerung von einer mysteriösen Seuche ausradiert worden ist. Ein Wall Street-Konkurrent von Gant wurde, wie es scheint, von einem solchen Roboter dem die durch Isaac Asimov bekannten Sicherungen durchgebrannt sind gekillt, was natürlich ganz schlecht für Gants Geschäftsimperium wäre. Also engagiert er der Publicity wegen seine radikalliberale Ex-Frau, die sich zusammen mit einem fast 200 Jahre alten Veteran des Amerikanischen Bürgerkrieges aufmacht, den Mord aufzuklären. — Auch die bunte Ökoterroristentruppe um den begnadeten Saboteur-Künstler Philo Dufrense bereitet mit ihrem bunten Wunder-U-Boot ›Yabba-Dabba-Do‹ dem megareichen Industriekapitän Gant Probleme. Darüberhinaus sorgt ein mutierter Monsterhai namens Meisterbrau in den Kanalisationseingeweide von New York für Angst und Schrecken und irgendwo hinter den Kulissen heckt eine durchgeknalle Künstliche Intelligenz wegen eines Hörfehlers Pläne aus, die selbst Hartgesottenen eine Gänsehaut bescheren dürfte. — Der Roman knöpft sich kreuz und quer in diesem schnellgeschnittenen Gewusel sehr frech und engagiert verschiedene brachial-positivistische Gesellschaftsknetenwoller und ihre Großraumphantastik vor.

Egal wer »Hurrah, die Zukunft gehört uns!« ruft, ob Kapitalisten, christliche Pfadfinder, Geheimdienststrippenzieher oder die Verwalter des dunklen Vermächtnis von Disneyland, sie alle bekommen ihr Fett ab. Am aufregendsten ist dabei die in »G.A.S.« stattfindende Auseinandersetzung mit der bei uns weitestgehend unbekannten Ayn Rand, Erfinderin des ›Objektivismus‹, einer vulgär-materialistischen Kapitalismus- und Egoismusverherrlichung. Rand inspiriert bis heute als frappierend humor- und emphatiefreies Pinupgirl Chicago-Boys, Neocons & Neoliberale. Trotz all der munter-skurielen Abstrusitäten und der zahllosen schrägen Typen wird der Leser am Ende in eine etwas bedrückende Stimmung entlassen, was aber angesichts des seit Erscheinen des Romanes ehr heftiger als milder gallopierenden Infowar-Wahnsinns die angemessene Spötterei auf hegemoniestützende Märchen vom Ende der Geschichte ist. Also ist Vorsicht oder Lesewagemut gefordert, damit man beim Lesen nicht von auf mehrfache Schallgeschwindigkeit beschleunigten Salamis K.O. geschlagen wird.

Um die für meinen Geschmack beeindruckende Reifung von Matt Ruffs Schreiben zu beschreiben, die sein nächstes Buch markiert, will ich kurz innehalten, um über die Reize und Gefahren seiner, und allgemein über phantastische Fabulationen, zu sinnieren und zwar im mir eigentlich gar nicht behaglichen, ja sogar unsympathischen weil anmaßenden ›Wir‹-Modus.

{Wir-Modus an} Aufmerksame Beobachter der kulturellen Weltläufte sagen, dass um ums herum ein Paradigmenwechsel abläuft. Das geschriebene Wort wird verdrängt vom photographierten, vom gefilmten, vom digital zusammengezauberten Bild. Keinesfalls teile ich die Ansicht, dass die erzählende Literatur durch diese vermeintlich unheilvollen Entwicklung ins Abseits gerät. Aber wer allein und lediglich schreibend erzählt, sieht sich vor die Wahl gestellt, ob man sich auf Leser spezialisiert, welche die neuen Medien meiden um lieber in den pietätvollen Gefilden der Literatur zu bleiben, oder ob man es als Geschichtenerzähler wagt, sich den Herausforderungen durch Blockbuster-Kino, TV-Serien und Computerwelten zu stellen. Wir, die mit zweiterem als etwas Selbstverständlichem aufgewachsen sind, und denen die Freuden und den Wert des ersteren nahezubringen man sich bei unserer Erziehung mühte, tun uns zuweilen schwer damit, wie vom Kulturestablishment unsere Popkultur als nichtiger oder gar gefährlicher Tüdelkram in die Schämecke geschickt wird. Man verzeihe mir, wenn ich zur Veranschaulichung hier einen fragmentarischen Remix einer solchen Skeptik zu den Freuden popkulturellen Fabulierens präsentiere:

Ruff ist ein Bewohner des Weltinnenraums, dieser vollklimatisierten, bildschirmgepflasterten, in sich selbst verdrehten Zone. … ein Nerd … Ruff bedient sich, wo er will … wie gerne Kinder sich Höhlen bauen, um darin zu kuscheln … Ruff kuschelt auch … (Fantasy ist unter anderem ein Globalisierungsphänomen) … Politisch korrekt war das bei Lichte besehen nicht, doch hat Ruff die Gabe, es dem Leser so gemütlich zu machen, dass der lieber liest, als nachzufragen. … Bilderbuch-Liberaler. … Manchmal allerdings geht es eben durch mit dem politisch korrekten Matt, vor allem beim Rennen, Retten, Flüchten und Schlagen und Schießen und Bluten. Eigentlich kommt kein Ruff-Plot ohne Tom-und-Jerry-Finale aus. … Am Ende spielen alle Bücher des Matt Ruff im Weltinnenraum der Fiktion und alles Außerhalb ist ihnen ein fernes, kaum mehr verständliches Echo.{01}

Nicht alle von uns, die wie Matt Ruff selige Tage der Adolszenz mit Rollenspielen, Comics, Soap- und SF-Serien verbracht haben, bleiben ewig treudoof unkritisch gegenüber unseren mit Postern, Action-Figures und Franchise-Icons geschmückten Kuschelhöhlen. Trotzdem (oder durchaus auch weil) wir unsere Zeit und Aufmerksamkeit mit solchen Dingen wie Superheldenbiographien, Trading Cards und nicht zuletzt Weltenbau vertändeln, haben wir ein Gespühr sowohl dafür entwickeln können, dass sich die Athmo des Inneren so mancher altehrwürdigen Elfenbeintürme der Großraumphantastik-Verwalter kaum unterscheidet von der unserer infantilen Höhlen, und wie sensibel die Kulturtechniken zur Entwicklung, Installation, Instandhaltung von, und des Austausches zwischen Parzellen des klimatisierten (sprich: künstlichen) Weltinnenraums der Fiktion ist. Auch wir Fans von zuweilem arg schriller und eskapistischer Phantastik können, wie es ein Kenner der Materie beschreibt, mittels dieser

zu den Wurzeln unseres Denkens und Verhaltens vorzustoßen, was den Einzelnen befähigt, wieder Herr zu werden über seine Entscheidungen.

Freilich kann man nun trefflich streiten darüber, welche Phantastik seriöse »distentzierende Erkenntnisakte«, und welche nur liederliche, gar schädliche Ablenkung und Betäubung fördert.{02} {Wir-Modus aus}

Der 2003 erschienene dritte Roman von Ruff, »Ich und die Anderen« (»Set this House in Order«, 2003), ist sein bisher bester und beeindruckenster Roman, auch gemäß seines eigenen Urteils und dem so mancher Vertreter der literarischen Kreise. Ruff gelingt es brilliant sich mit diesem Buch als ernsthafter und seriöser Phantast zu etablieren, wenn das

{w}as die seriöse Phantastik vom bloßen Obskurantentum trennt, sei es von seinen literarischen oder auch von den heute ins Kraut schießenden pseudokultischen Ausprägungen, der Umstand {ist}, dass sie nicht einer Droge ähnlich wirkt, sondern den Leser durch die literarische Gestaltung der Angst in einen Zustand erhöhter Alarmbereitschaft versetzt.{03}

Der englische Nebentitel lautet ›A Romance of Souls‹, was man in etwa mit ›Eine Abenteuergeschichte von Seelen‹ eindeutschen kann, und das ist wortwörtlich gemeint. Hier geht es um zwei Menschen, die mit dem so genannten ›Multiplen Persönlichkeits Syndrom‹ geschlagen sind. In der Realität wird diese Diagnose noch ziemlich heftig debattiert, was nicht verwunderlich ist, handelt es sich doch bei Fragen dazu, wie denn genau unsere inneren Welten beschaffen sind und funktionieren noch um eine Problematik, die sich nicht mit der objektiven Phantasie ergründen lässt, auch wenn wir in Zeiten leben, in denen man täglich über neue Meldungen den Medien stolpern kann zur wissenschaftlich-instrumentellen Erforschung dieses dunkelsten aller Weltenterrains.

Während Andy über seinem Zustand Bescheid weiß und damit ganz passabel umzugehen gelernt hat, hat die von Black-Outs geplagte Penny keinen Schimmer davon, dass viele konkurrierende Teilpersönlichkeiten sich um ihren Körper kabbeln. Im Milieu der Seattle’schen New Economy begegnen sich Andy und Penny als Mitarbeiter einer IT-Spiele-Firma namens ›Virtuell Reality‹, und brechen später auf zu einem irrwitzigen Trip ins Herz der provinziellen USA, um die Vergangenheits-Geheimnisse von Andys Seelenzertrümmerung zu ergründen.

Obwohl dieses dritte Buch von Ruff meistens genauso verspielt und humorig wie seine beiden Vorgänger ist, mutet es seinen Lesern stellenweise extrem gruselige Passagen über innerfamiliäre Grausamkeit zu. Das taugt sicherlich nicht jedem, das schreckt sicherlich manche ab, doch Ruff bleibt anständigt, da er keine Spektakelausbeutung mit dem Thema Kindesmißbrauch und sadistische Eltern betreibt. Ich persönlich fand es da sehr angenehm und passend, dass »Ich und die Anderen« nicht so wirr und trügerisch wie »G.A.S.«, sondern wieder eher wie »Fool on the Hill« versöhnlich-aufrichtender ausklingt. Zudem ist es sprachlich weniger peppig und der dramaturgische Fluß merklich ruhiger als seine beiden Vorgänger.

2008 ist der neuste Roman, »Bad Monkeys« erschienen. Nicht nur, weil er sein bisher kürzester, vielleicht auch sein elegantester Roman ist, halte ich »Bad Monkeys« für das womöglich beste Einstiegsticket zur Reise in die wilden Welten von Matt Ruff, sondern auch, weil ihm für mein Empfinden wie bei keinem seiner vorherigen Büchern hier eine besondere schwebende Balance, die sich meines Erachtens eben vorzüglich mit den Mitteln der Phantastik erreichen lässt, hervorragend gelungen ist: Einerseits mit sorgenvollem, berührendem Engagement gerade von statten gehende, verunsichernde Fehlentwicklungen der globalen Welt zu kommentieren, aber andererseits (für alle, die lieber mit ausgeschaltetem Gesellschafts- und Kulturkritik-Radarschirm lesen) schlicht einen aufregenden, fetzigen Abenteuerzirkus zu bieten, kompletto mit phantastisch-futuristischen Requisiten, schrillen Kostümen und reichlich Verfolgungshatz, ›Bullett Time‹-Geballer und ausgeklügelten Verhörungsduellen. Zudem zeichnet den Roman eine gewisse Heftigkeit aus, die vielleicht darin gründet, dass Ruff hier in für ihn ungewohnter Kürze ein äußerst dichtgesponnener, subversiver Garn gelungen ist, der einen im Fortlauf der Handlung in immer kürzeren Intervallen den Kopf in alle möglichen Blickachsen dreht. Mind Fuck galore!

»Bad Monkeys« ist einerseits ein Kammerstück, eine Charkterstudie, denn die Handlung setzt im Juno 2002 ein, im weißen Raum einer Gefängsnispsychatrie in Nevada, wo ein Dr. Vale die frischverhaftete Mörderin Jane verhört. Diese ›White Room‹-Kapitel sind kurz, auktorial erzählt, rekapitulien beziehungsweise leiten zu den längeren Kapiteln über, in denen Jane als Ich-Erzählerin ihre Lebensgeschichte als ›Bad Monkey‹-Agentin erzählt. Die Art des Verhörhumors läßt sich fein illustrieren anhand weniger Zeilen von S. 3:

»Worin besteht die Arbeit bei Bad Monkeys«, fragte der Arzt, »also was tun Sie? Böse Menschen bestrafen?«
»Nein. Normalerweise töten wie sie einfach.«

Jane ist eine packende, charismatische Erzählerin (obwohl: manche Rezensenten fanden sie unsympathisch. Am Ende des Romanes zu urteilen, ob Jane denn nun sympathisch oder unsympathisch, feige oder mutig, böse oder gut ist, gehört zu den aufregenden Angeboten, die Matt Ruff hier seinen Lesern macht) wenn sie von ihrer wilden Kiffer-Jugend im San Francisco der Siebziger und vom zunehmenden Klinsch mit ihrer Mutter berichtet; davon, wie sie ein netter Polizist zu Verwandten in die hinterletzte Provinz bringt, nachdem ihre Mutter vollends die Nerven verloren hatte, als Jane beim Dope-Anbau erwischt wurde. Schön sachte driftet dann die bisher realistische Welt ins die Gefilde der Verschwörungsphantastik, wenn die jugendliche Jane eine seltsame ›Natürliche Ursachen‹-Knarre findet, mit der man Herzinfarkte und Schlaganfälle verursachen kann, ein Artefakt einer namenlos bleibenden Organisation, von der Jane Jahre später für die Abteilung ›Bad Monkeys‹ rekrutiert wird.

Ganz besonders freut und beeindruckt mich, dass Matt Ruff mit diesem Roman eine hinreissende Homage auf Philip K. Dick — den (für mich) großartigsten Kurzgeschichten-Phantasten der zweitem Hälfte des 20. Jahrhunderts — vollbracht hat. Trotz aller Späßchen und Thrills pulsen die Erz-Fragen von P. K. Dicks Werk (»Was ist Menschlich?«, »Wer bin ich?« und »Was ist Wirklichkeit?«) stets merklich durch den Strang der »Bad Monkeys«-Erzählung. Was habe ich Seite um Seite gestaunt, wie eingängig »Bad Monkeys« ist, und doch zugleich wie verwickelt, mit seinen zig-ineinandergeschachtelten Finten. Der für mich schönste, alles zusammenfassende Weisheitsspruch aus »Bad Monkeys«, der zugleich auch wie kein anderer Satz die Essenz seiner vier Bücher herausdestilliert lautet »Omnes mundum facimus« (»Wir alle machen die Welt«).

••• Zu Teil zwei mit dem Interview.

•••

Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

•••

BIBLIOGRAPHIE:

»Fool on the Hill« (»Fool on the Hill« 1988); Übersetzung: Ditte König & Giovani Bandini, 576 Seiten; — Gebunden: Hanser (Erstausgabe, vergriffen), 1991; Zweitauendeins, ISBN: 3861504057; — Taschenbuch: DTV, 1993, ISBN: 3423117370.
»G.A.S. – Die Trilogie der Stadtwerke« (»Sewer, Gas & Electric – The Public Works Trilogy«, 1997); Übersetzung: Giovani und Ditte Bandini, 624 Seiten; — Gebunden: Hanser, 1998, ISBN: 3446192905; — Taschenbuch: DTV, 2000, ISBN: 3423207493.
»Ich und die Anderen« (»Set this House in Order – A Romance of Souls« 2003); Übersetzung: Giovani und Ditte Bandini, 600 Seiten; — Gebunden: Hanser, 2004, ISBN: 3446205357; — Taschenbuch: DTV, 2006, ISBN: 3423208902.
»Bad Monkeys« (»Bad Monkeys« 2007); Übersetzung: Giovani und Ditte Bandini, 251 Seiten; — Gebunden: Hanser, 2008, ISBN: 3446230025 ; — Taschenbuch: DTV, 2009, ISBN: 3423211792.

•••

ANMERKUNGEN:

01 Wieland Freund: »Kampfaffen in der Tiefgarage, eine Begenung mit dem Kinoerzähler Matt Ruff«, in »Die Welt« vom 09. Februar 2008. ••• Zurück
02 Paraphrase nach Winfried Freund: »Arbeitstexte für den Unterricht: Phantastische Geschichten«, Seite 90, Reclam 1979/2001. ••• Zurück
03 Ebenda, S. 92.••• Zurück

Matt Ruff: »Set This House In Order«

EDIT 23. Februar 2008: Portrait eingeplegt und Dramatis Personæ neu formatiert.

Januar 2005: »Ich und die anderen« ist das Lesezirkelbuch Januar 2005 bei SF-Netzwerk. — Zu diesem Zwecke habe ich (als Service) eine Personen- und eine Kapitelübersicht erstellt.

•••

Eintrag No. 92 — Andrea war die letzten Tage auf der Leipziger Buchmesse. Eine Frage an den Hanser Verlag gab ich ihr mit auf die Reise:

— Wann kommt das neue Buch von Matt Ruff auf Deutsch heraus?

— Im Herbst 2004, antwortete Hanser.

Wie ich vermutet habe, läßt der Hanser Verlag der Übersetzung des dritten Buches von Matt Ruff angemessen Zeit (ca. 18 Monate). Wie die ersten zwei Romane »Fool On The Hill« und »Die Trilogie der Stadtwerke« locker und leicht zu lesen, bietet auch »Set This House In Order« eine waghalsige Geschichte … wenn auch nicht so ganz so reich an Nebenhandlungen und im guten Sinne durcheinander, wie seine beiden Vorgänger.

Eine Gelegenheit also, einen der besten spekulativen Autoren der Gegenwart neu anzugehen, wenn einem seine bisherigen Romane zu voll, zu bunt und zu wild waren. Ich habe ja deutsche Rezensionen der »Trilogie der Stadtwerke« gelesen, die sich beschwerten, der Roman habe zu viele Ideen, die ja mindestens für zwei Bücher reichten. Erinnert mich an Leopold und Mozart im Film Amadeus:

»Zuviele Noten, streichens a paar raus, und die Sache ist perfekt«

Als ich »Set This House In Order« im Frühjahr 2003 im Original las, begeisterte mich am meisten, daß Matt Ruff hier das neue Genre der Psycho-Fantasy erfunden hat, oder eine in der Gegenwart angesiedelte Psychologie-Science-Fiction. Keine Elfen, keine denkenden, sprechenden Tiere, keine Roboter oder Künstlichen Intelligenzen, keine offensichtlichen Phantastik-Requisiten und -Figuren liefern den Hintergrund für »Set This House In Order«, sondern die Erkenntnisse und Spekulationen der modernen Bewußtseins- und Persönlichkeitsforschung sind der Keim einer auf den ersten Blick nicht als Phantastik erkennbaren Idee.

Folgend nun eine grobe Übersetzung des Originalklappentextes, damit ich nicht Gefahr laufe zu viel zu verraten, und dennoch denen etwas bieten kann, die das Warten auf den neuen Ruff auf Deutsch kaum noch aushalten.

»Der Autor des Kultbuches Fool On The Hill erzählt uns eine seltsame und bewegende Geschichte einer Selbsterkundung. Vor zwei Jahren erst wurde Andy Gage gebohren, ins Leben gerufen um als Gesicht für die Umwelt einer multiplen Persönlichkeit zu dienen. Andy kümmert sich um die Außenwelt, während sich in seinem Kopf über 100 Seelen ein imaginäres Haus teilen und darum ringen ein friedliches Miteinander aufrechtzuerhalten: Aaron die Vaterfigur, der die Regeln macht; Adam der übermütige Teenager, der die Regeln bricht; Jake der verschreckte kleine Junge; Tante Sam die Künstlerin; Seferis der Beschützer; und Gideon die dunkle Seele, der Andy und die anderen loswerden möchte, um allein die Dinge in die Hand zu nehmen.

Andrews neue Arbeitskollegin Penny Driver ist ebenfalls eine multiple Persönlichkeit - ein Umstand, dessen sich Penny nur zum Teil bewußt ist. Als mehrere andere Seelen von Penny Andy um Hilfe bitten und der widerstrebend einwillgt, lößt das eine Folge von Ereignissen aus, die drohen, die Stabilität des Hauses zu zerstören. Andy und Penny müßen nun zusammenhalten um ein schreckliches Geheimnis zu lüften, daß Andy vor sich selbst verheimlicht hat…«

»Set This House In Order – A Romance of Souls«; HarperCollins 2003, 479 S. - Deutsch bei Hanser im Herbst 2004, wahrscheinlich wieder hervorragend übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini.

•••

DRAMATIS PERSONAE
zu Matt Ruffs »Set This House In Order« / »Ich und die anderen«

  1. Die Hausbewohner:
    • Andy Gage: 1965; zerbrach in sieben Seelensplitter, von denen nur zwei überlebt haben.
    • Aaron: der Hausbauer; Bruder von Gideon; Vater von Andrew; einer der sieben Splitter Andys.
    • Gideon: Exilant auf Coventry Island; Bruder von Aaron; Vater von Adam; einer der sieben Splitter Andys.
    • Andrew: (26), von Aaron aus dem See gerufen, um dessen Job zu vollenden: Bring das Haus in Ordnung; Tagespersönlichkeit für den Umgang mit der Außenwelt.
    • Jake: (5) ängstlicher Junge; ging aus Jacob (gestorben 1973) hervor.
    • Tante Sam(anta): Künstlerin.
    • Seferis: riesenhafter Leibwächter.
    • Adam: (15), mag Playboy, Alk und derbe Sprüche; natürlicher Lügendetektor.
    • Silent Joe: eine von Aarons Helferseelen; begräbt die Toten auf dem Kürbisfeld.
    • Captain Marco: eine von Aarons Helferseelen; kümmert sich um den See; Fährmann.
    • Xavier Rayes: Ein Werkzeug.
    • weitere Seelen: Simon (macht sich Sorgen um Justiz und Sicherheit); Drew, Alexander, Angel, Annis, Arthur, Rhea, Sander, Archie, Seth, die zwei Samuels, und an die hundert weitere kleine Zeugen-Seelen.
  2. Die Gesellschaft:
    • Penny Driver: 1971; weiß nicht, daß sie eine Gesellschaft von Seelen in sich hat.
    • Mouse: Pennys Spitzname von Mutter; auch: »worthless peace of shit«; kein Selbstwertgefühl und großer Feigling.
    • Maledicta: Evil-Speaker, Wächterin, Raucherin, mag Pool und Alk, Zwilling von Maleficia.
    • Maleficia: Evil-Doer, Wächterin, stummer Zwilling von Maledicta.
    • Navigator: sorgt für Pennys Orientierung.
    • Drone: macht was man ihr sagt, spührt nix.
    • Loins: mag die Rolling Stones und Pornos; lebt in einer Grotte.
    • Brain: das Genie, arbeitet als Programmierer und Techniker.
    • Thread aka Penelope Ariadne Jones: zuerst Pennys Brieffreundin über die Englisch Society of International Correspondence; führt Tagebuch.
    • Duncan: der Fahrer, immer nüchtern; achtet auch darauf, daß die anderen Seelen nicht so sehr über die Stränge schlagen.
    • Zwei stumme Fluchtseelen, davon einer ein Sprinter; vielleicht identisch mit bereits angeführten Seelen.
  3. Reality Factory:
    • Julie Sivik: * 1971, Chefin von Reality Factory und gute Freundin von Andy seit 1994.
    • Irvin Manciple: aus Alaska; stiller und zurückhaltener Techniker; Bruder von Dennis.
    • Dennis Manciple: aus Alaska; dickleibig und expressiv; ihm ist schnell zu warm; Programmierer; Bruder von Irvin.
  4. Weitere Personen:
    • Horace Rollins: Andys Stiefvater, der Plünderer.
    • Silas Gage: Leiblicher Vater von Andy Gage; ertrunken.
    • Althea Gage: Andys Mutter.
    • Mr. Cavinet: Tante Sams Französisch-Lehrer auf der High School; erster freundlicher Erwachsener gegenüber Andy Gage.
    • Mr. Weeks: Vorgesetzter bei Bit Warehouse, wo Aaron/Andrew vor der Reality Factory arbeiteten.
    • Oscar Rayes: Ungeziefer-Beseitiger und Anwalt in Seven Lakes.
    • James (Jimmy) Cahill: Früher bei der Armee, jetzt Polizist in Seven Lakes.
    • Gordon Bradley: Polizeichef in Seven Lakes.
    • Kirstin Williams: Babysitterin für Andy in der Grade School-Zeit.
    • Verna (Dorset) Driver: Pennys sadistische Mutter aus Woods Basin (= Trash Town).
    • Morgan Driver: Pennys Vater; Versicherungsvertreter, starb 1973 bei einem Flugzeugunglück.
    • Großmutter Driver: schenkte Penny eine Underwood-Schreibmaschine und ein Kleid.
    • Ben Deering, Chris Cheney, Scott Welch, Cindy Wheaton: Zusammen mit Penny auf der Junior High School.
    • Ben Deering Senior: Bens Vater, Schrottplatzbesitzer aus Trash Town.
    • Rudy Krenzel: Besitzer von Rudys Quick Fix, wo Penny arbeitete vor Realiry Factory.
    • George Lamb: Wohnt in einem Trailer.
    • Alyssa Geller: Zimmergenossin von Penny an der University of Washington im ersten Semester.
    • Mr. Filchenko: Mitarbeiter des Bestattungsinstitutes Archangel.
    • Mrs. Alice Winslow: hat Aaron als Mieter aufgeommen; Witwe, deren Mann und zwei Söhne von einem trampenden Mörder umgebracht wurden.
    • ein namenloser Mörder-Tramp: Ermordete 1985 Mr. Winslow und seine beiden Söhne; schrieb bis 1990 Briefe und Postkarten an Mrs. Winslow.
    • Warren Lodge, der Puma: Aus den Nachrichten.
    • Dr. Danielle Grey: Psychatierin von Aaron; seit Herzattake im Januar 1995 im Ruhestand in Seattle; auf Rollstuhl angewiesen.
    • Meredith Cantrell: Lebensgefährtin und seit Herzattake Pflegerin von Dr. Danielle Grey.
    • Dr. Eddignton: Psychiater in Seattle; Übernimmt die Patienten von Dr. Danielle Grey; sieht Pennys Vater sehr ähnlich.
    • Dr. Kroft: Westküsten-Psychiater, stellte 1987 MDP-Diagnose bei Andy Gage der sie 4 Jahre behandelt hat; Anhänger der Vasen-Theorie; hat Andy ein zweites Mal in Verwahrung eingewiesen.
    • Dr. Bruno (Reinkarnation), Dr. Whitey (Außerirdische), Dr. Leopold (Rechtsweg): Weitere Westküsten-Psychiater mit denen Aaron nach Dr, Kroft und vor Dr. Grey Erfahrungen machte (´91-´92); alles Anhägner der Vasen-Theorie; in Klammern die jeweils speziellen Theorien dieser Ärzte.
    • Billy Milligan: In den Medien bekannt gewordener MPD-Patient. – Mensch der realen Welt außerhalb des Buches.
    • Cornelia Wilbur: Autorin von »Sybil«. – Mensch der realen Welt außerhalb des Buches.
    • Erwähnt wird William Seferis: Autor von »Tales of the Greek Heroes«.
    • Onkel Arnie: Julies Onkel beim Militär; macht Geschäfte mit vom Laster gefallenen Waren.
    • Reggie Beauchamp: Automachaniker und Truckfahrer; Bettfreund von Julie 1995/96.
  5. Sowie:
    • ein namenloser böser Vater mit seiner kleinen Tochter im Harvest Moon.
    • eine Vampir-Thekenfrau der Bridge Street Bar.
    • ein Verkehrspolizist in Wyoming.
    • ein Hotelmanager von House of Pancakes nahe der Badlands Parks.
    • Barmann (Ming) und Betrunkener (Flash Gordon) des Mammoth in South Dakota.
    • Charles Daikos: Ein Lieferwagenfahrer.
    • Mortimer: Polizist in Seven Lakes.
    • Dave Bradley: Truckfahrer in Seven Lakes.

••••
Kapitelstruktur
Kapitelstruktur »Ich und die anderen« / Chapter structure »Set This House In Order«

Sie sind nicht angemeldet

Creative Commons-LizenzvertragDie Inhalte dieses Blog dürfen nur unter Beachtung folgender Lizenz von Creative Commons bearbeitet werden. Wenn Sie bezüglich der Rechte hier nicht sicher sind, folgen Sie bitte dem CC-Link oder wenden sich per eMail an mich.
Sie dürfen: Teilen; Remixen/Bearbeiten. — Unter folgenden Bedingungen: Namensnennung; nicht kommerziell; Weitergabe unter gleichen Bedingungen.