molochronik

Molos Wochenrückblick No. 44

Eintrag No. 705 — Der Auszubildenden unseres Betriebes erste Lektionen in er Kunst des höheren Sprach-Blödsinns vermittelt. Man nehme eine Sache und verknüpfe sie mit einer Tätigkeit. Beides darf nicht zueinander passen. Die Kombo sollte nach Möglichkeit zudem ein extra unsinniges oder gar unmögliches Bild vor dem geistigen Auge heraufbeschwören. Aus der Erinnerung fallen mir noch folgende Beispiele ein:
Ich gehe mal ein paar Pflastersteine aufblasen.
… mal eine U-Bahn bügeln.
… Gurken dressieren.
… Sockenlöcher stapeln.
… Autounfall föhnen.

An der Uni für höheren Blödsinn kann man entweder als ›Dr. jux‹ oder ›Dr. wirr‹ abschließen.

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Lektüre: Lese wie besessen Mervyn Peake. Habe in der letzten Woche sowohl den dritten und (aus dem Nachlass von Peakes Frau komplettierten) vierten Band seiner ›Titus‹-Bücher, sowie die Titus-Novelle »Boy in Darkness« gelesen. Großartige Bücher, bei denen es mir schwer fällt, auf den Punkt zu bringen, was ich an ihnen so toll finde … genauer: es ist schwer, die Vorzüge der Bücher von Peake so zu benennen, ohne dass man klingt, als wolle man eigentlich schwache Werke verteidigen. Die ›Titus‹-Bücher (auch bekannt als ›Gormenghast‹) lassen sich mit den gewöhnlichen Bewertungs-Markmalen, die heutzutage populär sind, schlecht fassen.

(Inzwischen finde ich die Umschlagsgestaltung der neuen Ausgaben so schrecklich, dass ich überlege die Schutzumschläge wegzuwerfen. Auf dem Cover von Band 3 – dem violetten Band – beispielsweise ist ein Ritter auf nem Zombiepferd zu sehen, und im ganzen Buch taucht so eine Figur nicht auf! Ich finde, man darf verlangen, dass ein Umschlagsgestalter den Stoff, den er illustrieren soll, gefälligst zumindest aufmerksam querliest!)

Ach ja: da fällt mir ein, dass ich jüngst eine heftige Abneigung entwickle gegen die Feststellung bei Buch- oder Filmkritiken, die (Haupt)Figuren einer Geschichte wären keine Sympathieträger, mit denen man sich identifizieren könne. Kritiker und Schreibhandwerk-Ratgeber behaupten ja, dass es wichtig sei, sympathische Figuren zur Identifikation anzubieten. Ich finde das empörend flach, zudem hält man damit das Publikum für doof. — Was wichtig ist, sind Figuren die nachvollziehbar sind. Sympathisch müssen sie nicht sein. Im Gegenteil: bestimmt finde nicht nur ich es spannend und unterhaltsam, wenn unsympathische Figuren gut dargestellt werden.

Netzfunde

(Deutschsprachige) Phantastik-Funde

Zur Erinnerung:
Hinweise auf bemerkenswerte deutschsprachige Internet-Beiträge zum Thema Phantastik (in allen ihren U- & E-Spielarten) bitte per eMail an …

molosovsky {ät} yahoo {punkt} de

… schicken. — Willkommen sind vor allem Hinweise zu Texten, die wenig beachtete Phantastikwerke behandeln (z.B. also Einzelwerke statt Seriensachen), oder die über Autoren, Theorie und Traditionsentwicklungen berichten.

Wortmeldungen

  • Habe Klaus Jarchow in seinem ›Stilstand‹-Blog ob seiner Nervenstärke komplimentiert, da er es schafft, ganze Jan Fleischhauer -Texte zu lesen und anschließend auseinanderzunehmen.

Zuckerl

  • Jetzt muss ich auch mal auf die süßen und sehr lustigen Zeichentrickffilme von Simon Tofield hinweisen: Simon's Cat. Mein Lieblingsfilm ist »Fly Guy«.
  • Das Blog von Florian Kuhlmann: original kopie fälschung wirklichkeit lüge wahrheit collage und das netz.
  • Goodnight Dune von Julia Yu.
  • Nette Wertung der Verfilmungen von P. K. Dick-Geschichten bietet ›io9‹: Every Philip K. Dick Movie Ranked from Best to Worst von agentorange.
  • Dank eines Hinweises von Simifilm im SF-Netzwerk wurde ich auf diesen Text von Anja Jardine aufmerksam, die für das ›NZZ Folio‹ mit Liebhaber -- Blem, blem, stun blem über einen James Joye-Lesezirkel (um Meister Fritz Senn!) schreibt, der sich gegenseitig »Finnegans Wake« vorliest und über dieses seltsame Buch diskutiert.
  • Zum Schluss der Trailer eines Filmes, auf den ich erst am Wochenende aufmerksam wurde: »Super«, einem weiteren Beitrag zum Thema ›normale‹ Menschen wollen Superhelden sein (siehe »Kick-Ass« und »Defendor«). Große Hoffnungen mache ich mir, weil der exquisit durchgeknallte Rainn Wilson (bei uns vielleicht am bekanntesten als Arthur aus »Six Feet Under«) hier mit dem Spruch »Halts Maul, Verbrechen!« (»Shut up, crime!«) aufmacht, seine Freundin Liv Tyler (sic!) von Kevin Bacon zurückzuerobern. Ellen Page und Nathan Fillion sind auch mit dabei. Wird bei uns wohl nur auf Festivals und DVD/Blue Ray erscheinen.

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Die wilden Welten von Matt Ruff (2): Das Gespräch in Frankfurt am Main, Februar 2008.

Für »Magira 2008« habe ich anders als in den Jahren zuvor und danach keine Sammelrezension geliefert, sondern mich auf das Werk eines einzigen Autors – Matt Ruff – konzentriert.
Für die Molochronik-Leser habe ich diesen langen Beitrag in zwei Teilen aufbereitet. Teil eins enthält meinen persönlich gefärbten Werküberblick zu den wilden Welten von Matt Ruff.
Wie immer habe ich den Herausgebern Michael Scheuch und Hermann Ritter, den Korrekturlesern und Layoutern von »Magira« für ihre Unterstützung zu danken. Besonderen Dank schulde zudem ich dem Hanser-Verlag für seine Aufgeschlossenheit, sich auf einen Amateur-Journalisten wie mich einzulassen, und natürlich danke ich Matt Ruff selbst für seine Großzügigkeit und seine Hilfe bei der Nachbearbeitung des Interviews.

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Eintrag No. 593MOLO: Willkommen in Europa. Bist Du gerne unterwegs auf Reisen?

MATT RUFF: Jeder Reiseanlass kommt mir sehr gelegen. Bisher bin ich in Paris gewesen, auch wenn keine Lesungen stattgefunden haben. Man erzählte mir, dass die Franzosen ungern Lesungen in fremden Sprachen veranstalten, was mich etwas verblüfft hat.

Zwischen den Lesungen und Interviews hatte ich ein wenig Gelegenheiten für Stadtbesichtigungen, aber die Europatour ist ein Arbeitsaufenthalt. Da habe ich leider nicht wirklich Zeit die Dinge um mich herum entspannt zu genießen.

MOLO: Hattest Du Gelegenheit Deiner Familiengeschichte nachzuspühren? Du hast ja deutsche Vorfahren.

MATT RUFF: Richtig. Beide Seiten meiner Familie stammen ursprünglich aus Deutschland. Die am weitesten zurückreichenden Vorfahren der Familie meiner Mutter stammen aus Öttingen. Zu gerne hätte ich den Ort besucht, aber es war leider keine Zeit dafür.

Ich war ja schon zweimal in Deutschland auf Lesereise: 1991 mit »Fool on the Hill« und 1998 mit »G.A.S – Die Trilogie der Stadtwerke«. 1998 habe ich 20 Städte abgeklappert und bei sechs Lesungen saß ich zusammen mit Franka Potente auf der Bühne. Das war kurz bevor »Lola Rennt« in die Kinos kam, und Franka war zwar schon bekannt, aber eben noch nicht so berühmt wie sie durch diesen Film dann wurde. Es war ziemlich spaßig.

MOLO: Ich kann mich an die 1998-Tour erinnern. In den Tiefen der Internet-Archive kann man ein damaliges hervorragendes Interview von Dir mit Susanne Bach finden: »Writing and writing and writing: Derrida in Hell«.

Aber nun zu Deinem jüngstem Buch. Du sagst, dass »Bad Monkeys« Dein ›Philip K. Dick-Roman‹ ist. Wie würdest Du das literarische Vermächtnis von Philip K. Dick für jemanden beschreiben, der nichts über ihn weiß?

MATT RUFF: Einen Roman als ›Philip K. Dick-Roman‹ zu bezeichnen, ist für mich eine Abkürzung um zu beschreiben, dass es sich dabei um ein Buch handelt, in dem die Wirklichkeit der Welt, und/oder auch die Identität der Hauptfigur in Frage gestellt wird. Dick hat sehr gerne Geschichten erzählt, in denen sich entpuppt, dass alles was die Hauptfigur über sich selbst zu wissen glaubt, oder was sie über die Welt annimmt, sich als falsch erweist, und wie diese Figuren dann damit zurechtkommen und wie sie zu ergründen versuchen, was wahr ist. In »Bad Monkeys« erzählt eine Frau einem Psychiater ihre Geschichte, und ihre Schilderungen könnten Lügen, oder Wahnvorstellung oder etwas völlig anderes sein. Die Bezeichnung ›Philip K. Dick-Roman‹ bot sich also als passende Beschreibung an.

MOLO: Apropos Dick. Hat Dir die Verfilmung von »A Scanner Darkly« gefallen?

MATT RUFF: Eigentlich nicht. Ich blieb auf seltsame Weise von ihr unberührt. Das Buch ist ziemlich gut und sehr lustig. Es gehört zu den am besten geschriebenen Büchern von Dick. Ihm gelingt es dort sehr gut jene geistlosen Unterhaltungen zu schildern, die Leute auf Drogen miteinander haben, und steigt dabei in einen Wahnsinn hinab, der sich durch einen übermäßigen Konsum schlechter Drogen auftut. Der Film aber funktioniert aus verschiedenen Gründen nicht. Es gelang ihm nicht, mich so wie das Buch mitzunehmen, was schade ist. Aber das ist bei vielen Filmen die auf Dicks Büchern basieren der Fall. Warum auch immer, sie nehmen ihr Publikum nicht mit. Die Filme die aus Dicks Kurzegschichten statt seinen Romanen gemacht wurden, sind in der Regel besser, auch wenn ich nicht sicher bin, woran das liegt. Vielleicht zwingt das Filmemacher dazu etwas kreativer zu sein und die Vorlage zu einer gut ausgewogenen Geschichte zu entwickeln.

MOLO: Ich denke das liegt daran, dass Sprache immer noch die wirkungsvollste Art ist eine narrative Welt zu errichten und eine Geschichte zu erzählen. Filme neigen dazu, mehr als ein Spektakel für die Sinne zu funktionieren. Erst mit dem serialen Erzählen von TV-Sendungen wie (um jüngere Beispiele zu nennen) »Deadwood« oder »The Sopranos« hat sich im anglo-amerikanischen Fernsehen so etwas wie eine anspruchsvollere »Telenovela de luxe«-Strömung entwickelt. Da gibt es dann genug Zeit und Raum um Perspektivwechsel zu bieten und die verschiedenen Figuren und ihre Hintergründe genauer darzustellen.

MATT RUFF: Interessant. Ein Autor den ich sehr bewundere, Richard Price, hat ein Buch namens »Clockers« geschrieben, das Spike Lee verfilmt hat. Ihm ist womöglich die beste Zweistunden-Filmversion des Buches gelungen, die möglich ist, und trotzdem kam ich aus dem Kino und dachte mir: »Das war es nicht wirklich. Man hätte mindestens acht Stunden, vielleicht sogar zwölf gebraucht um den Roman angemessen gerecht zu werden.«

MOLO: Zurück zu Dick. Was war für Dich wichtig daran, einen ›Philip K. Dick-Roman‹ zu schreiben, und was waren Deine Hoffnungen und Ängste was diese Ambition betrifft?

MATT RUFF: Ich glaube nicht, dass ›wichtig‹ das richtige Wort ist. Ich hatte diese Idee für eine Geschichte, und die Art sie zu erzählen. Das als ›Philip K. Dick-Roman‹ zu beschreiben war dabei ein passendes Kürzel für das, was ich im Sinn hatte. Dann spielte ich eine Weile mit dem Gedanken, die Hauptfigur Phil zu nennen, als eine Art Homage. Schließlich fand ich heraus, dass Dick eine Zwillingsschwester namens Jane Charlotte hatte, die im Babyalter gestorben ist, deren Präsenz aber Dick sein Leben lang verfolgt hat. Um auf das Buch »A Scanner Darkly« zurückzukommen: An einer Stelle der Geschichte widmet ein Radio-Moderator ein Lied »Phil und Jane«, was eine von vielen Anspielungen von Dick auf seine Schwester. Thematisch schien es also äußerst passend, die Hauptfigur Jane Charlotte zu taufen und ihr einen Bruder namens Phil zu geben, der real ist oder auch nicht. Beim Lesen von »Bad Monkeys« ist das eine wichtige Angelegenheit. Es passte also. Während der Entwicklung eines Romanes stolpert man über solche Dinge und denkt sich: »Das fügt sich gut. Das passt sehr gut zur Intention der Geschichte. Dadurch wird es besser.« Als ich dann zu schreiben begann war die Stimme von Janes Figur genau richtig.

MOLO: In Deiner Danksagung zu »Bad Monkeys« erwähnst Du Laurence Sutin der eine wunderbare Biographie über Philip K. Dick geschrieben hat »Göttliche Zwischenfälle« (Frankfurter Verlagsanstalt, Leider vergriffen).

MATT RUFF: Durch dieses Buch habe ich von Jane Charlotte erfahren.

MOLO: Ich kann mich nur an wenige andere Biographien erinnern, die so bewegend waren wie Sutins Buch. — Mich würde interessieren, wie Du Philip K. Dick beschreiben würdest. Erst in den letzten Jahren steigt sein Ansehen bei uns auch außerhalb der SF-Genreleserkreise. Es ist eine glückliche Fügung, dass zur gleichen Zeit wie »Bad Monkeys« nun Dicks Kurzgeschichten endlich komplett und gut editiert auf Deutsch (bei Zweitausendeins) veröffentlicht werden, nachdem sie nur vereinzelt gedruckt zu haben, bzw. lange vergriffen waren.

MATT RUFF: Tatsächlich bin ich ja der Ansicht, dass Dicks Kurzgeschichten viel besser sind als seine Romane. Er war einer dieser Autoren, die mit einer überschaubaren Länge besser zurecht gekommen sind, weil er, wie ich vermute, nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne hatte.

MOLO: Vielleicht lag das an seinem Amphetaminproblem.

MATT RUFF: Das spielt da auch mit hinein. Bis auf einige Ausnahmen finde ich, dass seine Romane an logischen Handlungsunzulänglichkeiten kranken, und so etwas macht mich kirre, denn diese Makel seiner Romane scheinen mir weniger auf bewussten künstlerischen Entscheidungen, als vielmehr auf Schlamperei und Aufmerksamkeitsfehlern zu beruhen. Einfach ärgerlich.

Ich mag Fiktionen mit Ambiguität. Ich mag es, wenn ich als Leser nicht sicher sein kann was genau geschieht, aber ich will schon das Gefühl haben, dass der Autor weiß was er will, dass er einem Plan folgt, auch wenn ich selbst die Lösung nicht sehe, wenn es eine Lösung gibt. Wenn Leute wie Dick oder David Lynch dann etwas vorlegen, bei dem man sich dann denkt, dass es keine Möglichkeit gibt das logisch plausibel zu erklären, kann einen das ziemlich aufregen.

MOLO: Du erwähnst Lynch. »Lost Highway« ist ja ein berühmt-berüchtigtes Beispiel einer Geschichte, über die viel debattiert wird wegen der Dinge, die wir Zuschauer nicht deutlich gezeigt oder erklärt bekommen, die wir nicht auf der Leinwand sehen.

MATT RUFF: Dazu muss ich sagen, dass David Lynch einer der unterhaltsamsten Erzähler von unplausiblen Geschichten ist. Selbst dann, wenn seine Filme beginnen absolut keinen Sinn mehr zu ergeben, können sie sehr hypnotisch sein, wenn man in der richtigen Stimmung ist. Aber ich ziehe es vor das Gefühl zu haben, dass einer Geschichte eine plausible Logik zugrunde liegt, auch wenn mir nicht gewährt wird, alles zur Gänze zu verstehen.

MOLO: Denkst Du, dass es einen großen Unterschied zwischen realistischen und phantastischen Geschichten gibt, wenn es darum geht koherente Plausibilität zu erreichen? »Ich und die Anderen« ist für mich z.B. ein phantastischer Roman, trotzdem er in einem realistischen Weltenbau im Hier und Heute spielt, und keine augenfälligen Wunderlichkeiten vorkommen. Man muss nur die gewohnte SF-Perspektive ändern, weg von technisch-utopischen Spekulationen hin zu Spekulationen über Innere Welten und die Beschaffenheit des Ichs um den Roman als SF oder ›Psycho-Fantasy‹ zu lesen.

MATT RUFF: Das stimmt. »Ich und die Anderen« ist sicherlich Science-Fiction-haft in dem Sinne, dass der Roman das Phänomen der Multiplen Persönlichkeit in etwa so erforscht, wie es ein SF-Autor machen würde.

MOLO: Und es gibt eine Fantasy-Ebene mit der Queste zu den Geheimnissen der Vergangenheit und den Nebenwelten im Bewußtsein der Figuren.

MATT RUFF: Tatsächlich bin ich der Ansicht, dass kein großer Unterschied zwischen SF/Fantasy und realistischen Fiktionen besteht, denn auch den Geschichten der phantastischen Genre müssen bestimmte Regeln zugrundeliegen, auch wenn diese Regeln anders sein können. Auch bei phantastischen Geschichten, zumindest wenn sie halbwegs interessant sein sollen, muss unterschieden werden was möglich ist und was nicht, und die Dinge müssen einen Sinn ergeben.

Clive Barker hat einen Roman namens »Weaveworld« (»Gewebte Welt«) geschrieben, und ich bin über die ersten 10 bis 15 Seiten nicht hinausgekommen, denn da stürzt der Protagonist zu Beginn in eine andere Welt in einen Teppich. Bei der Beschreibung der Landschaft in diesem Teppich auf den ersten paar Seiten war für mich sehr deutlich zu spüren, dass Barker hier alles mögliche zusammenflickt wie es ihm gerade passt und wie es ihm gerade einfiel. Was auch immer ihm gerade zu passen scheint, geschieht einfach. Das reizt mich nicht. Auch andere Phantastikgeschichten die ich las, und bei denen es keinen schmalen Grat zu geben schien, was möglich und was unmöglich ist, mochte ist deshalb nicht. Ich mag Geschichten die zugrunde liegenden Regeln folgen, und die nicht einfach ins Blaue fabulieren.

Da fällt mir eine Lieblingsstelle aus Stephen Kings »The Dead Zone« ein. Da ist dieser Mann, der nach einem langen Koma mit der Fähigkeit erwacht, die Zukunft vorherzusehen. In diesem Roman sind also übermenschliche Psychofähigkeiten real. Zugleich aber hat dieser Kerl eine Mutter die daran glaubt, dass Außerirdische auf der Erde gelandet sind, und sie wird als irre beschrieben. Ich erinnere mich, wie ich damals von dieser Idee angetan war, dass es, obwohl es sich um einen phantastischen Roman handelt, immer noch möglich, dass Figuren an verrückte Sachen glauben, die unrealistisch sind. Das fand ich richtig cool, wie King hier vermittelt, dass es immer noch Grenzen des Möglichen gibt, auch wenn diese Grenzen anders gezogen sind, als man gemeinhin glaubt.

MOLO: Meiner Ansicht nach gehört genau das zu den größten Stärken der phantastischen Literatur, dass sie die Wachsamkeit der Leser für Grenzen zu schärfen vermag. Ich selbst mag die ›alles ist möglich‹-Ästhetik und bin der Meinung, dass es den phantastischen Erzählweisen dabei zum Beispiel spielender gelingt, Komisches und Ernsthaftes miteinander zu kombinieren.

MATT RUFF: Sicherlich gehört zu den Dingen, die man in phantastischen Fiktionen anstellen kann, dass man unhinterfragte Annahmen auf den Kopf stellen und damit in Frage stellen kann. Was das Kombinieren von Komik und Ernsthaftigkeit betrifft, so lässt sich das in der Phantastik wohl tatsächlich leichter erreichen, aber ich glaube dennoch, dass sich auch bei realistischen Schreibweisen recht einfach ist, Humor zu finden.

MOLO: Es kommt dabei dennoch zu Unklarheiten. Nehmen wir »G.A.S.«: ich bin auf Auslegungen gestoßen, in denen die Leser glauben, dass Du mit diesem Roman ein hymnisches Lob auf Ayn Rand und ihren Objektivismus vorgelegt hast, wogegen andere Leser (einschließlich mir selbst) erwidern würden: »Nein, nein. Matt macht sich lustig über Rand und führt vor, wie kaltherzig und vernagelt ihre so genannte Philosophie ist. Jedoch zollt er zugleich der Person Ayn Rand seien Respekt, denn man muss zugestehen, dass sie eine faszinierende Charakterstärke inne hatte«.

MATT RUFF: Oh, natürlich mache ich mich lustig über Rand, aber ich habe mir viel Mühe gegeben dabei nicht zu gehässig oder abfällig zu sein, was einige Leser verwirrt hat. Man kann über jemanden lachen und dennoch Respekt für die Person zeigen., und ich respektiere Rand sehr. Sie ein cleverer, talentierter und interessanter Charakter. Sie hat sich jedoch meiner Ansicht nach in vielerlei Hinsicht gewaltig geirrt, aber weißt Du: Ich irre mich auch oft.

MOLO: In Bezug auf die ernsthaften Aspekte habe ich beobachtet, dass manche Leser bei »Ich und die Anderen« vor dem Thema Kindesmissbrauch zurückschreckten, aber jeder, der den Mut aufbrachte sich trotzdem auf den Roman einzulassen und ihren gelesen hat äußerte Bewunderung für die umsichtige Art und Weise, wie Du diese Facette behandelt hast.

MATT RUFF: Es gibt eine Stelle in »Ich und die Anderen« über eine der Figuren des Romanes, die herausbekommen will, »wie man das Böse anerkennt, ohne davon aufgefressen zu werden«. Das ist, denke ich, eine der wichtigsten Funktionen von Humor: uns mit schrecklichen Dingen fertig werden zu lassen, ohne von ihnen überwältigt zu werden. Man muss natürlich achtsam sein, dass man dabei das in Frage kommende Problem nicht verharmlost und trivialisiert, doch wie es scheint, habe ich eine ganz gute Ader dafür die Balance zu wahren.

MOLO: Zurück zu »Bad Monkeys«. Als ich zu den Mottis des Roman recherierte stieß ich auf H. L. Mencken und war überrascht als ich entdeckte, dass dieser amerikanische Journalist über den John Scopes-»Monkey«-Prozess von 1925 berichtete, bei dem sich Kreationisten und Darwinisten beharkten. War es Deine Absicht auf diesen ›Affenzirkus‹ anzuspielen, als Du Dich für Menckens Zitat als Motto entschieden hast?

MATT RUFF: Nein, aber das ist witzig. Was für ein glücklicher Zufall, daran habe ich gar nicht gedacht. Wirklich schön. Passt. — Das Zitat von Mencken mag ich sehr.{01}

MOLO: Als aufmerksamer Fan Deiner und Neal Stephensons Arbeit habe ich einige Verbindungen zwischen Euch entdeckt. Deine Frau, Lisa Gold, hat Neals »Barock-Zyklus« Korrektur gelesen, Du erwähnst Neal in Deinen Danksagungen von »Ich und die Anderen« und »Bad Monkeys« und (last but not least), Eure Schwertkampf-, Flaschenköpf-Sessions, von denen sich auf Deinen und Neals Websieiten Photos finden.

MATT RUFF: {Lacht}

MOLO: Magst Du etwas erzählen über Deine Freundschaft mit Neal?

MATT RUFF: Neal und ich sind gute Freunde. Ich habe z.B. das Manuskript von Neals neustem Roman (»Anathem«) als Reiselektüre dabei. Ein tolles Buch, ich habe noch einige hundert Seiten vor mir. Ein dickes Buch.

Neal war mir bereits bekannt lange bevor wir uns begegnet sind. Der Verlag Atlantic hat seinen Roman »Zodiac« im gleichen Quartal veröffentlicht wie »Fool on the Hill«. Mein Lektor bei Atlantic gab mir »Zodiac« mit den Worten: »Dieser Kerl schreibt ein bischen so wie Du. Ich glaube, es wird Dir gefallen.« Das hat es auch. Ein paar Jahre später las ein anderer Freund, der nichts von »Zodiac« wußte, dann »Snow Crash« von diesem Typ namens Stephenson, und mir gesagt: »Das erinnert mich an Deine Sachen«. Mein Freund gab mir »Snow Crash«, das ich ebenfalls sehr gut fand und ich kam drauf, dass es von dem gleichen Kerl stammt wie »Zodiac«. Ich dachte mir, dass Neal und ich in der gleichen Richtung unterwegs sind, und dass wir uns wohl für ähnliche Dinge interessersieren. Als dann die Veröffentlichung von »G.A.S.« nahte, bat ich meinen Verleger Neal eine Kopie des Manuskriptes zu schicken, falls er einen Empfehlungsspruch für den Buchumschlag beisteuern will. Neal mochte das Buch und er schrieb einen Blurb. Als ich dann auf der Lesetour von »G.A.S.« in Seattle war, frug ich ihn, ob wir uns treffen können und wir landeten in einem Sushi-Restaurant und so begann unsere Freundschaft.

Als meine Frau und ich dann ein paar Jahre später nach Seattle übersiedelt sind, nahm ich wieder Kontakt mit Neal auf. Er lud uns zu sich nach Hause ein und seitdem verbringen wir Zeit zusammen. Spätestens seit seiner Arbeit am »Barock-Zyklus« interessiert sich Neal sehr für die Schwertkämpferei des Mittelalters und der Renaissance. Bei vielen Treffen haben wir verschiedenste Sachen ausprobiert, aber erst seit kurzem verwenden wir richtige Stahlklingen und Rüstungen.

Mit Neal befreundet zu sein ist aufregend, denn er kennt eine Menge interessante Leute. Manche sind Schriftsteller, andere Kryptographen. Man weiß nie, wem man begegnet, wenn man von Neal zum Essen eingeladen wird.

MOLO: In früheren Interviews hast Du Unbehagen darüber geäußerst, einer bestimmten literarischen Gruppe anzugehören oder zugerechnet zu werden. Als ich aber die Schwertkampf-Photos von Neal und Dir im Internet sah, dachte ich mir sofort: »Jupp, die zwei passen zusammen.«

MATT RUFF: Wovon ich Abstand nehme, wenn Leute von Literatenkreisen reden, ist sowas wie Dorothy Parker und ihr lasterhafter Kreis‹, also Menschen die zusammenkommen nur um über Bücher zu debattieren. Natürlich plaudern Neal und ich manchmal über unsere Sachen, zum Beispiel wenn er mich fragt, woran ich gerade arbeite und wie es vorangeht und umgekehrt. Aber Schreiben ist eine ziemlich solitäre Angelegenheit. Da sitzte ich alleine zuhause in meinem Zimmer und Neal sitzt bei sich zuhause alleine in seinem Zimmer. Er und ich reden nicht viel über das, was wir da tun, nicht in dem Sinne, dass wir uns gegenseitig direkt beeinflussen. Wir zeigen uns nicht im Werden befindliche Manuskripte. Sein neustes Buch lese ich als Manuskript, weil ich Lust habe es zu lesen und weil es fertig ist. Neal und ich bilden also keinen kleinen literarischer Salon, wie es der Fall ist, wenn Autoren sich zusammensetzten um miteinander gemeinsam ›Literatur zu machen‹. Das zumindest stelle ich mir vor, wenn man von einer Literatur-Szene oder literarischen Kreisen spricht, und bei so etwas bin ich lieber nicht dabei. Es ist aber sicherlich einfacher Autoren zu begegnen, deren Werk man kennt und bewundert. Mit Neal verbindet mich mehr eine persönliche Freundschaft und weniger eine Arbeitsfreundschaft.

MOLO: Um beim Thema Internet-Auftritt zu bleiben. Mir sind nicht viele Autoren bekannt, die so wie Du schon früh begonnen haben, ihren Lesern einen großzügigen Rundgang hinter die Kulissen in die kreative Werkstatt zu gewähren.

MATT RUFF: Tatsächlich? Ich dachte, dass das jetzt mit Blogs viele machen.

MOLO: Mein Eindruck ist, dass Autoren das Internet vor allem als Nebenbühne nutzen, um den Lesern ergänzendes Material zu bieten, wie Landkarten oder Glosare, mehr noch aber, um selbst etwas für die Buch-PR beizutragen. Mittlerweile beglückt jedoch eine ganze Reihe von Autoren ihre Leser mit großzügiger Offenheit, etwa Neil Gaiman, Charles Stross, Hal Duncan mit ihren Blogs, oder auch Neal mit seinem »Barock-Zyklus«-Metawebwiki, aber mir scheint, Du bist da ein Pionier. Ansonsten sind kaum jemand so freimütig wie Du, um z.B. über Geheimnisse zu sprechen wie »Bücher die ich nicht fertig geschrieben habe« oder »Musik die ich beim Schreiben gehört habe«, oder um anhand von Beispielen die verschiedenen Arbeitsphasen eines Manuskripts zu zeigen.

MATT RUFF: Das mache ich aus Spaß an der Sache und das gehört zu den Freuden, wenn man eine eigene Website betreut. Es bereitet mir Vergnügen, auf diese Weise die Dinge die ich getan habe zu dokumentieren, auch wenn aus ihnen keine Bücher geworden sind. Kann sein, ich mache das erst mal nur für mich, um meine Aufzeichnungen zu organisieren. Aber mir ist klar, dass sich die Leser dafür interessieren, immerhin sind das ja auch die Sachen, auf die ich als Leser neugierig bin bei den Autoren, die mich beschäftigen. Meine Website zu pflegen macht mir Spaß.

MOLO: Zur vielleicht ernstesten Frage. Fühlst Du Dich wohl, wenn ich Dich als einen Schriftsteller beschreibe, der zu einer Avantgarde gehört, wenn es um das Geschichtenerzählen im Zeitalter des Infowars geht, wo wir alle als Global-Bürger damit zu ringen haben, in wen oder was wir unser Vertrauen investieren?

MATT RUFF: Damit fühle ich mich soweit wohl, als dass in meinen Geschichten, sicherlich zumindest bei »Bad Monkeys«, dieses Problem zur Sprache kommt. Obwohl ich mich auf dieses Problem mit meinen Geschichte beziehe, steht für mich aber die Erzählung im Vordergrund. Doch für mich ist dabei ein wichtiger Aspekt der Geschichte, dass sie einige Tiefe und Relevanz birgt. Ich scheue davor zurück zu erklären, dass meine Geschichten eine bestimmte versteckte Botschaft transportieren sollen, aber ich bin sehr dafür, dass ein Roman Anliegen hat oder Themen anklingen lässt, die sehr viel mit den aktuellen Zeitgeschehen zu tun haben. In »Bad Monkeys« zum Beispiel trifft man auf das Thema der allgegenwärtigen Überwachung und des Kampfes gegen das Böse, worin sich offensichtlich auf verschiedene Art und Weise der gegenwärtige ›War on Terror‹ widerspiegelt. Ich schätze, dass ich mich mit Deiner Beschreibung ganz gut zurecht komme, auch wenn ich nicht sicher bin, ob ich das selbst so ausdrücken würde.

MOLO: Ich bin zu ernst und streng?

MATT RUFF: Das ist es wohl. Ein bischen zu ernst für meinen Geschmack. Es ist nicht so, dass ich mir selbst einrede: »Ich werde diesen oder jenen Aspekt des modernen Lebens kommentieren«. Eher schon ist es so, dass ich etwas schreibe und dann merke »Hmmm, ich habe da diese coole Idee zu einem Überwachungssystem die sehr stimmig ist, denn genau solche Entwicklungen finden ja derzeit statt.«

Eine Facette meines Schreibens ist, dass ich eher intuitiv arbeite, und weniger direkt und bewusst Ideen einbaue die in Bezug zur aktuellen Weltlage sinnvoll sind.

Wenn ich einen unmittelbaren Kommentar zur Weltlage geben wollte, würde ich einen Sachtext schreiben. Fiktionen haben zuerst mal damit zu tun eine Geschichte zu erzählen und dabei verschiedene Seitenblicke auf die ernsten Vorgänge zu werfen, die gerade in der Welt stattfinden.

MOLO: Für meinen Geschmack bist Du ein hervorragender phantastischer Autor, wenn man die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Phantasie »(vor dem geistigen Auge) erscheinen lassen« zugrunde legt. Jeder Künstler spielt auf dem Publikum, wie ein Musiker ein Instrument spielt. Desto besser ein Autor ist, um so besser ist die Kopfmusik die er mit seinen Büchern beim Publikum hervorzurufen vermag.

Du hast schon in früheren Interviews gesagt, dass Du zwar Deine Geschichten sehr aus dem Bauch heraus schreibst, aber dabei doch äußerst großen Wert darauf legst, umsichtig und mit Akribie den Erzählablauf und die Details auszuarbeiten und aufeinander abzustimmen.

MATT RUFF: Sicherlich lege ich großen Wert darauf zu wissen wohin die Reise geht. Die gegenteilige Art zu Schreiben hat Stephen King einmal beschrieben, und für mich mutet diese Haltung sehr seltsam an. Er macht eine große Sache daraus, dass er niemals weiter als ein paar Seiten im Voraus weiß, was geschehen wird. Wenn King über den Vorgang des Schreibens spricht, dann benutzt er Metaphern die mit Entdeckung und Erforschung zu tun haben. Er spricht über einen Roman wie über etwas, das bereits irgendwo in der Welt vorhanden ist, was er nur noch finden muss. Das fertige Stück ist schon da, er muss es nur noch ausgraben. Bei mir ist anders: »Nein, der Roman ist solange nicht da, bis ich ihn zusammensetzte.«

Natürlich entwerfe ich Teile eines Romans schon bevor ich anfange ihn zu schreiben. Ich bin mir sehr bewußt, dass ich als Ausführender die Kontrolle über den Aufbau eines Buches habe, und dass ich bestimmte Entscheidungen treffen muss. Das lässt sich auf verschiedene Art bewerkstelligen. King aber beschreibt das z.B. mit der Metapher, dass der Roman wie eine Burg ist, in die er einzubrechen versucht, und dass es eben viele Weg gibt und er nur einen finden muss der funktioniert. Ich würde das anders umschreiben: »Nein, für mich gibt es nur ein Bündel von Entscheidungen mit dem ich zufrieden bin, woraus sich dann die bestmögliche Romanform für diese oder jene Geschichte ergibt.« Mir ist aber klar, dass es andere Möglichkeiten gegeben hätte, wie man eine Geschichte hätte erzählen können, andere Wege, die man hätte wählen können. Einige davon wären vielleicht genauso reizvoll gewesen. Solang man an einem Buch arbeitet bleibt immer reichlich Spielraum während der Reise für Inspiration, Zufälle und Entdeckungen, es ist eben ein kreativer Vorgang.

MOLO: Das erinnert mich an die Unterscheidung von Schopenhauer, der Schriftsteller in drei Klassen einteilt. Am häufigsten und schwächsten sind die Parasiten, die ab- und zusammenschreiben, was andere bereits gedacht und geschrieben haben. Die schon selteneren Jäger und Sammler denken dann, während sie schreiben, aber am seltesten und löblichsten sind jene Autoren, die nachgedacht haben, bevor sie sich ans Schreiben machen.

MATT RUFF: Ich bin nun mal besessen davon und sehr pedantisch, wenn es darum geht, dass alles stimmt und richtig klingt. Deshalb brauche ich auch so lange für meine Bücher.

MOLO: Mit dem wilden Mischmasch den Du dabei kreierst stößt Du bei den deutschen Feuilleton-Kritikern immer wieder auf Zurückhaltung. Ein Argument, das dabei immer wieder vorgebracht wird, lautet, dass Du Geschichten voller Dinge schreibst, die man als Zehnjähriger toll und aufregend fand …

MATT RUFF: … als ob das eine schlimme Sache wäre.

MOLO: Manche Kritiker neigen dazu das als schlecht anzutun, auch wenn sie dann zugestehen, dass man es Dir durchgehen läßt, weil Du Deine Sache so kunstvoll machst. Für mich bereiten Deine Bücher das größte Vergmügen damit, dass einerseits die schrägsten Genre- und Popkultursachen vorkommen, die dann z.B. »Star Wars« oder Zeichentrickfans wiedererkennen können, dass Du aber andererseits dabei immer auch sehr ernste Geschichten erzählst. Nicht zuletzt traust Du Dich damit, Deinen Leser Rätsel und Ungewissheiten zu präsentieren.

MATT RUFF: Tatsächlich mag ich es sehr, die unterschiedlichsten Dinge in einem Roman zusammenzubringen, zu zeigen, wie sie zueinander in Kontrast stehen. Ein Merkmal, vielleicht sogar das auffälligste, meines Schreibens ist es, auf bizarre Weise die verschiedensten Dinge miteinander zu kombinieren, so, wie man es nicht erwarten würde, aber so, dass es dennoch funktioniert. Entsprechend schwer ist es, die Bücher in bestimmte Genre-Schubladen einzuordnen, denn ich mag es nun mal psychologische Thriller, und comichaften Slapstick und abenteuerliche Aktionen und dies und jenes zu verknüpfen … das finde ich toll.

MOLO: Ein besseres Schlußwort kann ich mir nicht wünschen. Vielen Dank, Matt, für das Gespräch.

••• Zu Teil eins mit meiner persönlich gefärbten Werkübersicht..

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ANMERKUNGEN:

01 Das Motto/Zitat lautet:
Gewissen: die innere Stimme, die uns sagt, dass jemand zuschauen könnte.
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»ENDSTUFE« von Thor Kunkel, oder: An welcher inversen Form von Eitelkeit krankt Molosovsky, wenn er gerne in solch einen schwarzen Spiegel schaut?

Reflexionen eines ehrenamtlichen Literaturfreundes

Eintrag No. 121 — Was für ein blauäugiger Narr muß ich sein, wenn ich mich im Folgendem mühe, meinem positiven Leseerlebnis, das ich mit »Endstufe« hatte, Ausdruck zu verleihen? Naivität oder Selbsttäuschung sind dabei noch die milderen Vorwürfe, Krypto- und Neofaschist oder antiamerikanischer Revanchist die strengeren Anschuldigungen, die deshalb auf mich fallen mögen. Nach längerem Nachdenken will ich dennoch wagen mein Quentchen beizutragen, denn die aggressive Deutungshoheit von Schwarz-Weißmalern stärkt mit ihrer vorliegenden Fülle in der deutschen Literaturlandschaft eine Rüpelhaftigkeit, mit der niemandem gedient ist.

Holsten {der Kameramann, untergetauchter Deserteur, Multitoxiker} lockerte sein Halstuch: »Ich meine, hatte ich eine Wahl? Manchmal kommt man im Leben an einen Punkt, eine Art Weiche, es könnte rechts oder links abgehen. Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Man überlegt hin und her, wägt ab, doch da …»

»… ist der Zug abgefahren«, ergänzte Ferrie {der Produzent, brauner Dandy des SS-Hygieneinstitutes Berlin mit Dadtscha Gefilderaldo nahe der Wolfschanze}.

»Eben nicht.« Holsten schüttelte den Kopf. »Du sitzt bereits im Zug. Und Ddu weißt weder, wie du zu deinem Sitzplatz gekommen bist, noch hast du einen Schimmer, ob, wie und wo du aussteigen wirst.«

»Herzliches Beileid.« Ferrie öffnete das Handschuhfach {und holt eine Schnupftabakdose mit Koks hervor}. »Im Leben kommt es nicht auf Entscheidungen an, sondern auf den richtigen Riecher.« •••Seite 55

Der schwarze Spiegel »Endstufe« und »Sechsundufzich kleine Nazis«

•••••Zum Photo: Das Buch ohne Schutzumschlag, schwarz schimmernd und matt reflektiv, wie vom Stiefelfetischist und Protagonist Fußmann ausgesucht Unterlage: »Sechsundfufzich kleine Nazis«, gemalt in Hepberg, 17. Februar 1994; Acryl & Tusche; ca. 820 x 600 mm. Notizen am Rand: (Um stupide kleine Geister zu malen, muß der Maler stupide, eintönige Arbeit verrichten). In der Ausstellung »Der zerbrochene Spiegel« {damals in Wien} behauptete ein Kurator, die Tafelmalerei habe zum Faschismus geführt!?! Fakt ist, das es keinen homogenen demokratischen modernen Malstil gibt. (Hommage auf Andy Warhols einziges Bild, das ich mir aufhängen würde »Onehundered and one Coke bottels«.)

In meinem Zimmer hing damals folgendes Motivations-Grafitti:

»Das Weiße im Auge / des Feindes zu sehn / heißt nichts als geduldig / vorm Spiegel zu stehn.«

Die Zeilen sind aus dem Lied »Der alte Herr« von der Heinz Rudolf Kunze-CD »Brille«•••••

Feuillitonmörserrauchschwaden

Wenn es etwas im Zusammenhang mit dem Buch »Endstufe« gibt, daß ich als Leser von Romanen und damit als Kunde von Autoren und Verlagen für beklagenswert halte, dann sind es die fehlende Ruhe der bezahlten Literaturvermittler und der verbissen geführte Überbietungswettkampf im Aufdecken oder Arrangieren(wollen) von Skandalen. Hysterie und Hype trüben jede gelassene Beschäftigung mit Konsumkunst. Leider kann ich mir nun lediglich in der Vorstellung ausmalen, wie sich rücksichtsvollere Berichte über die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Hausverlag Rowohlt und dem Autor Kunkel auf die Aufnahme des Romans in der Öffentlichkeit ausgewirkt hätten. Ist es so schwer die Ablehnung Rowohlts oder das Einspringen von Eichborn unhysterisch zu respektieren? Henrik M. Broders* initialer Angriff im Rezeptionsraum – Kunkel der revanchistische Nazi-Relativierer und US-Leitkulturkritiker – gründet in einer exemplarischen Vernachlässigung journalistischer Anständigkeit (abgesehen, daß er vor Erscheinen des Buches stattfand): kläre den Standpunkt und wähle entsprechend die Mittel, hier: Berichterstattung oder Literaturkritik. Indem Broder unverhohlen einseitig Stellung für Rowohlts Bedenken bezieht, konnte aus einer ästhetischen Differenz ein ideologischer Konflikt werden. Große Kanonen rauchen ratzfatz den Ort des Geschehens zu, und für eine Weile kann man kaum ein Objekt vor sich klar erkennen.

••• * Ich bin nicht sicher, ob der Artikel überhaupt noch im Netz stehen darf, denn SpiegelOnline hat ihn spurlos verschwinden lassen und auf Herrn Broders Homepage findet er sich auch nicht mehr. Aus Vorsicht biete ich also keinen Link dahin an. Kann aber in jeder halbwegs ausgestatteten Bibliothek nachgelesen werden in Spiegel No 7/2004, »Steckrüben der Stalinisten« •••

Andere Lesermedlungen wußten das wummernde ideologisch-historische Gefecht außen vor zu lassen. Doch selbst unter denen, die es verstanden haben »Endstufe« als modernen Roman zu lesen, konnten nicht alle die überreich mit Konventionsbrüchen herausfordernde Lektüre ertragen, und kanzelten sie als eine geschmacklose ab.

••• Empfehlung dazu: Unglaublich schmissig und vergnüglich zu lesen ist die Kritik zu »Endstufe« des Blog-Kollegen praschl, deren Aussage und Urteil ich aber nicht zu teilen vermag. Aufschlußreich sind auch die der Besucher-Kommentare und deren ordentlich pubertäre Abwehr- und Bannungsformeln, sprich: Lächerlichmachungen des Autors und Lustfeindlichkeits- und Verklemmtheitsvorwürfe gegen ihn. Die Überlegung drängt sich mir auf, ob der Herrn praschl möglicherweise seinen verletzten Stolz als Besitzer einer exquisiten Dildosammlung zu rächen hatte. Kann sein, er ist so ein lockerer, offener Typ, auf dessen Wohnzimmercouch sitzend man einer Aussicht auf lustversprechendes Plastik ausgesetzt ist.}•••

Solch eine Einschätzung des Buches läßt mich lernwillig nachfragen, nach welchen Prämissen sich aus dem Ideenknäul Drittes Reich, Pornographie und Elitendekadenz etwas Geschmackvolleres stricken ließe? Globale Biopolitik ist ein kaltes und zutiefst verstörendes Thema, eines der unsentimentalsten Problemfelder der Gegenwart und das nicht erst seit gestern oder vorgestern. Doch warum sollte man gleich abwinkend zusammenzucken, wenn ein Sprachakrobat versucht, Romanlesern eine lächerlich-gruselige Aussichtsplattform auf diesen Abgrund anzubieten?

Das ist in keinster Weise höhnisch gemeint, sondern aufgrund der Erfahrung, daß für manche Narrationskundschaft die Leni Riefenstahl-Zitate in dem Disney-Zeichntrick »Der König der Löwen« schon ein zu selbstverständliches Aufgreifen von mit Nazis konnotiertem Medienhandwerk darstellen. Gerade weil »Endstufe« ein respektloses Graffiti an den manichäischen Mauern der Großdeuter von Gut und Böse darstellt, zog es wohl so viel Unbill auf sich. Dabei gehört das respektlose Beschmieren der Landmarken der Metaphysik zu den charakteristischsten Handlungen von moderner und engagierter Literatur. Es finden sich in Deutschland aber eben zu selten Autoren (oder Autorinnen) die den Mut aufbringen, sich mit den großen konkurrierenden Gesamtmenschheitswidrigkeiten auseinanderzusetzen, und nicht nur mit den lokalen Fieberdelirien zerbröselnder Nationalgemütlichkeiten.

Das Blobbel-Konzentrationslager Erste Welt

Abgesehen davon, daß mich schon Thor Kunkels Erstlingswerk »Das Schwarzlicht Terrarium« (2000) außerordentlich begeisterte, war ich neugierig, welche Spannungen und Harmonien zwischen Nazivergangenheit und Globalitätsgegenwart durch »Endstufe« wie zum klingen oder knattern gebracht werden.

Mein persönliches Verhältnis zu der Frage, wie offen oder abgeschlossen die Beziehungen zwischen dem Dritten Reich und der aktuellen Fortschrittszivilisation sind, möchte ich durch ein Zitat illustrieren. Der amerikanische Science Fiction-Autor Philip K. Dick schreibt in einer Anmerkung (1979) zu seiner Kurzgeschichte »Ach, als Blobbel hat man's schwer« (1963):

»Ich habe beim Schreiben {…} an den Krieg allgemein gedacht; vor allem daran, wie sehr der Krieg jemanden zwingt, so zu werden wie sein Feind. Hitler hat einmal gesagt, die Nazis hätten denn einen wahren Sieg errungen, wenn sie ihre Feinde, allen voran die Vereinigten Staaten, dazu zwingen könnten, so zu werden wie das Dritte Reich – d.h. zu einem totalitären Gesellschaftssystem –, um den Krieg zu gewinnen. Hitler hoffte, damals selbst bei einer Niederlage noch auf einen Sieg. Als ich sah, wie die amerikanische Rüstungsindustrie nach dem zweiten Weltkrieg immer höhere Zuwachsraten verbuchte, kam mir Hitlers These wieder in den Sinn, und ich wurde den Gedanken nicht los, daß der Scheißkerl verdammt recht gehabt hatte. Wir hatten Deutschland besiegt, doch sowohl die USA als auch die UdSSR mit ihren riesigen Polizeiapperaten wurden den Nazis von Tag zu Tag ähnlicher. Nun ja, ich hatte den Eindruck, die ganze Geschichte entbehre nicht eines gewissen sarkastischen Humors (in Grenzen).{..} Was mußte in Vietnam erst aus uns werden, um den Krieg zu verlieren, an einen Sieg gar nicht zu denken; können Sie sich vorstellen, was aus uns hätte werden müssen, um zu siegen? Hitler hätte sich wahrscheinlich nicht mehr eingekriegt vor Lachen, und zwar auf unsere Kosten… wie so viele Lacher letztlich auf unsere Kosten gingen. Und die klangen hohl und grausam, ohne jede Spur von Humor.«

•••»Zur Zeit der Perky Pat«, Haffmans 1994; nur die Geschichte auch in »Minority Report«, Heyne 2002.

Wie sehr wurde die Zukunft der Menschheit von den Nazis infiziert, und ist der entsprechende Virus ein genuin Deutsch-Nationalfaschistischer? Neben offenkundigeren Auswirkungen, wurde das 20. Jahrhundert durch das Dritte Reich auf eine sehr tückische Art infiziert, denn es hat sich bekannterweise erwischen lassen und wurde völlig zurecht – und mit Entsetzten – für seine unmenschlichen Untaten verurteilt. Mit gelassener Paranoia will ich vermuten dürfen, daß es nachfolgenden, allzu menschlichen totalitären Zukunftsgestaltern als lehrreiche Warnung gemahnte, sich eben fürderhin nicht erwischen zu lassen. Dem Auftreten von Verschwörungstheorien und anderen Harlekinaden der Phantasie sind damit Tür und Tor geöffnet, und zurecht mag man solche Spekulationen den Fabulieren, Mannierlichen und Nüchternen verzeihen, aber nicht den Berichterstattern, Gehässigen und Hysterischen. Schlechte Nachrichten – und die Entlarvung des Romans »Endstufe« als Rohrkrepierer revanchistischer Couleur wäre eine solche – sollten ruhig und klar begründet vermeldet werden.

Welche Entwicklungen seit dem Zweiten Weltkrieg bieten sich denn besipielsweise an oder drängen sich auf, wenn man heute (und in der nahen Zukunft) Ausschau hält, zum Beispiel nach Unternehmungen einer künstlichen Selektion und Zucht von Menschen im großen Maßstab? Versucht man sich das vorzustellen, bedenkt dabei den Wandel von der Industrie- zur Informationsgesellschaft, und orientiert sich grob an Allerweltsroutinen der Machtausübungspraxis – teile und herrsche; dezentralisiere und diversifiziere die Mittel; lärme im Osten und greife im Westen an; sähe Angst und bündle Hoffnung, und dergleichen mehr –, werden ehr früher als später Facetten des Unmenschlichen oder des Lebensentwertenden in der Gegenwart empfindbar.

Wenn mit der erwiesenen Umrundbarkeit der Erde, der Mensch traumatisiert ins unheimliche Äußerste ent-wohnt wurde, und durch die Reiseberichte der Ethnologen sich eine mannigfaltige Exotik der Conditio Humana verstörend vor uns kollektiven und individuellen Weltenentdeckern auftat, so hat das ans-Licht-Bringen der arischen Endlösungsmachenschaften größere Illusionsblasen über das Ausmaß menschenmöglicher Bestialität platzen lassen. Den sich ergebenden schmerzlichen Zwiespalt – die Wachsamkeit für ein »Nie wieder Ausschwitz!« zu wahren, jedoch auf die Gefahr von der permanenten Vergegenwärtigung des Grauens gelähmt zu werden – vermochte die Menschheit damals mit dem Anklagebegriff »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« zu bannen. Und während die Zivilisierten sich noch in Klausur darüber befinden, was in der Geschichte der (sagen wir) letzten 500 Jahre und seit Ende des Zweiten Weltkrieges ebenfalls als solches Verbrechen einzuordnen sei, bringen nur wenige den Mut auf klarzustellen oder zuzugeben, daß die posthumanistische Epoche nicht mehr abzuwenden ist, ja sogar im vollem Gange ist.

Mit dem Fiktionsvertrag ins Dritte Reich™

Vielleicht hätten mehr Rezensenten eine wohlwollendere Haltung gegenüber »Endstufe« gefunden, wenn der Roman sich weniger auf die Kokurrenz mit grellen und überzeichneten Narrationswelten, weitestgehend schon gewöhnlich bei Filmen, Bildliteratur und PC-Spielen, eingelassen, und sich zudem eines gemäßigteren oder erhabenerem Tons bedient hätte. Da mir das Buch gefallen hat, darf ich vielleicht eine Erklärung anbieten, warum der Autor mit seinem Buch und die Kritiker mit ihren Erwartungen sich beim Aufeinandertreffen weitestgehend mißverstehen mußten: Kunkel und Eichborn wiesen zu wenig auf den Komik- und Satireaspekt hin, wo die Kritiker doch einem Tatsachen-Enthüllungsroman entgegengefibbert haben. Bei solchen Ausgangspositionen nimmt es nicht wunder, daß faire Formen des Fiktionsvertrages nur selten zustande, und bislang kaum zur Sprache gekommen sind.

Betrachtet man eine Romanlektüre unter dem Gesichtspunkt des Fiktionsvertrages, wird Vertrauen zu einer entscheidenden Bedingung, und die Kontroverse um »Endstufe« stellt sich dann vor allem als aufgeregte Verunsicherung darüber dar, welche narrativen Bespiegelungen des Dritten Reiches zulässig sind und welche eben nicht. »Endstufe« bietet sich als Provokationsfiktion an, die als ernsten Basso Continuo die monströsen Diskurse zur Biopolitik und Anthropotechnik brummen, andererseits sprachparodistisch und thriller-komödiantisch Trivialgenre-Register präludieren läßt. Das Panorama, das »Endstufe« entfaltet, paart Zynik mit Slapstik, reiht Monströses an Haarsträubendes, jongliert mit Zitaten unterschiedlichster Herkunft und ratlos machenden Hinweisen. Selbst aus einer Nasenklammer – ohne die im Schlaf zu ersticken sich der Protagonist Fußmann panisch ängstigt –, wird ein Symbol des technikvertrauenden Menschen.

Es gehört zu den Fähigkeiten von Romanen, den Lesern Trost und Hoffnung zu spenden, Halt und Rat zu bieten, oder auf sinnlich-touristische Gedankenreisen mitzunehmen, und wie bereitwillig wird den Autoren denen solche Bücher gelingen Respekt und Lob entgegengebracht. Fern von solchen Annehmlichkeiten, kann man in »Endstufe« schon ziemlich vergeblich nach unbedenklichen Identifikationsfiguren für entspannungsbedürftige Leser suchen (abgesehen vielleicht von einem Frankfurter Privatdetektiv, dessen Recherchen nach dem in Amerika verschollenen Fußmann das Buch abschließen {oder für die ganz Abgebrühten: vielleicht Heinz Rühmann mit seinen Cameoauftritten als Spanner?}).

Keine Helden, keine poetische Moral, nur menschliche Abgründe und moralische Sprengsätze. Wer Fiktionsverträge mit »Endstufe« eingegangen ist, die zu Interpretationen führen, daß Kunkel den Holochaust nichten wolle, hat zum Beispiel die Furcht des Protagonisten vor dem KZ, daß ihm als kapitaler Sittenstrolch droht überlesen (S. 180), wie auch auffälligere Hinweise auf die Selektions- und Todespolitik des NS-Regimes. Thor Kunkel stellt noch vor Handlungsbeginn die Höllenfahrtscharakteristik und die auf den Kopf gestellten Konvention des Buches klar, beginnend mit hybriden Widmungspersonal

Für Jesus, Nietzsche, Mohammed{…}

fortfahrend mit punkderber Oswald Spengler-Zitatverfremdung als eines der beiden Motti

                                  Sex
Das Geld wird nur vom Blut überwältigt und aufgehoben.

bis zum zweiseitigen Vorspann mit einer Opiumrauschvision über das heutige Berlin des Lebensborngynäkologen Pfister {Fickprotokollautor der Sachsenwaldfilme}, nebst seinen alternativen Rassegesetzten

1. Legislativ richtig ist, was evolutionär richtig ist.
2. Keine Jurisdiktion ohne genetisches Zeugnis.
3. Ist die Exekutive sexy, freut sich der Exekutierte.

Zumindest ich konnte mich nicht hineinsteigern in die Annahme, daß »Endstufe« beansprucht, eine argumentativ wohlbesonnene und beruhigend dargebrachte Narration zu sein.

Als Comicleser habe ich schließlich anerkennend genickt, als im Lauf des Handlungshollerdimott sogar auf das Superheldenmotiv und seine Herkunft (Doctor Magneto – Seite 487) angespielt wurde. Indem der Schluß ambivalente Lesarten zuläßt – entweder als Fußmanns Sehnsuchtshalluzination nach seiner toten Angebeteten, oder als indirekte Schilderung einer science-fictionhaften Begegenung der »elektrozoischen« Art –, lädt »Endstufe« seinen letzten Spott auf Humanismusutopien ab, in denen man für sich zwar beansprucht wie ein Vegetarier zu denken, sich aber wie ein Fastfoodkunde benimmt.

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Weitere Molochronik-Beiträge zu Thor Kunkel und seinen Roman »Endstufe«:

Wahnwellenversprengtes Denken aufgrund Melange aus literarischer Inkompetenz und mieser Profilierungspraxis {Gesellschaft – Über Angriffe des Frankfurter AStA gegen Andrea wegen der »Endstufe«-Lesung am 20. April im Uni-Campus West.}
Die Welt durch die Brille von Kultur-Gonzos: Die Nazi-Mädels vom Kulturzentrum der Uni Frankfurt {Grafimente – Zum Kulturzeit-Bericht von Tilman Jens über die »Endstufe«-Lesung am 20. April.}
Hitler-Geburtstag als Journaillien-Fetisch {Über die Zeitungsreaktionen auf die »Endstufe«-Lesung am 20. April.}
Skribbel für Thor Kunkel {Grafimente – Zwei lustige Blätter.}
Verlag mag nicht {Zur Meldung, daß Rowohlt »Endstufe« ablehnt und Eichborn übernimmt.}

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WOANDERS: Auf den Seiten von Single-Generation findet sich eine brauchbare Übersicht zu »Endstufe« und den Rezensionen.

Und: ich habe im Scifi-Forum einen Thread zu »Endstufe« gestartet.

Philip K. Dick: Kurzgeschichten (2)

Eintrag No. 22

(Stories 14 bis 25 von 118)

War krank am Wochenende. Viel mehr als willenlos rumliegen und lesen war nicht. Deshalb heute hier auch schon der zweite Teil der Kurzinhaltsangaben aller 118 Kurzgeschichten meines Lieblings-Science-Fiction-Autors. - {Nach der zehnbändigen Ausgabe des Haffmans-Verlages. Hier zu Teil eins der Zusammenfassungen.}

•••

BAND ZWEI: Kolonie

14. Der unermüdliche Frosch: Professor Hardy und Grote wollen ihren Streit um ein Paradoxon Zenons mit experimenteller Vorrichtung klären. Groty fällt dabei durch die Moleküle, das Experiment schlägt fehl.

15. Die Kristallgruft: Drei terranische Saboteure entführen eine marsianische Ratzentrumstadt als Druckmittel für Freihandelszonenerweiterungsbestrebungen der Erde.

16. Das kurze glückliche Leben des braunen Halbschuhs: Doc Labyrinth erfindet eine Maschine, mit der gewöhnliche Gegenstände zum Leben erweckt werden, mittels des Prinzips der hinreichenden Belästigung.

17. Der Erbauer: Elwood baut ein riesiges Holzboot und wird deswegen von seinen Mitmenschen immer scheeler angeguckt. Ihm selbst ist auch unklar, wofür das Boot gut sein soll, bis der erste große Regentropfen fält.

18. Eindringling: Illegale Zeitsonden zeigen eine Erde in 100 Jahren mit blühenden Muhkuhwiesen, aber gänzlich menschenfrei. Agent Hasting soll den Störfaktor finden und schleppt den Grund (Schmetterlinge!) mit seinem Zeitwagen ein.

19. Zahltag: Zeitschleifenkrimi um einen Mann, dessen Gedächtnis über zwei Jahre Arbeit bei einer Firma gelöscht wurde, und der mit einer Handvoll Krimskrams als Bezahlung mehr anfangen kann, als mit 50 Tausend Credits.

20. Der Große C: Nachdem der Große C vor 50 Jahren das Atom vom Himmel holte und die Erde wüst machte, schickt ein Bunkermenschenstamm wie jedes Jahr einen jungen Mann zum Großen C, um die drei Fragen zu stellen.

21. Draußen im Garten: Für meinen Geschmack sehr unheimliche Eifersuchtsgeschichte, in der ein Mann zunehmend davon überzeugt ist, daß nicht er, sondern ein Erpel der Vater seines Sohnes ist. - {Variation auf das Thema: Leda und der Schwan.}

22. Der König der Elfen: Ein Tankstellenbesitzer aus der Provinz wird König der Elfen und erschlägt den großen alten Troll.

23. Kolonie: Der verzweifelte Kampf der Kolonie von Planet Blau mit Protoplasmalebewesen, die fähig sind, alle Gegenstände zu immitieren. Bitteres Ende, das Gaskammermulmigkeit beschwört.

24. Beutestück: Vier Terraner machen einen planlosen Probeflug mit vermeidlichen Überlichtgeschwindigkeitsschiff der gegenerischen Ganymedier. - {Schöne Homage auf Swifts Guillivers Reisen.}

25. Nanny: Über das Rüstungswettrennen in der Robot-Kindermädchenindustrie.

Philip K. Dick: Kurzgeschichten (1)

Eintrag No. 22

(Stories 1 bis 13 von 118)

Zum Filmstart von »Minority Report« hat der Heyne-Verlag fünf oder sechs Taschenbücher von Dick herausgebracht, darunter auch zwei Auswahlbände seiner Kurzgeschichten, die aber zusammen nur circa die Hälfte der Geschichten von Philip K. Dick enthalten.

Schade schade, daß es auf dem deutschen Buchmarkt nicht möglich ist, eine Entsprechung der fünfbändigen englischen Sammlung der Kurzgeschichten auf den Markt zu bringen... so als Paperback, für zusammen ca. 30 bis 50 Euros?

Bevor er unterging, hat aber der Haffmans-Verlag seine zehnbändige, gebundene Umsetzung der »Collected Stories« abschließen können. Diese Ausgabe habe ich inzwischen kompletamente und werde ihr folgend Zusammenfassungen aller 118 Philip K. Dick-Kurzgeschichten hier reinstellen.

Los geht's.

Nachtrag: Nochmal gezählt und Gesamtanzahl der Geschichten von 119 auf 118 korrigiert. Hier außerdem der Link zum zweiten Teil der Zusammenfassungen.

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BAND EINS: Und jenseits - das Wobb

1. Stabilität: Durch ein Zeitschleifenparadox gerät ein Erfinder (in Deutschland) immer tiefer in düstere Alternativwelten.

2. Roog: Ein Hund entwickelte eine Verschwörungstheorie gegen die Müllmänner und will sein Herrchen, wenn auch vergebens, darüber informieren.

3. Die kleine Bewegung: Kleine Spielzeug-Blechmänner wollen mittels Beeinflussung der Kinder die Weltherrschaft erlangen. Doch haben sie nicht mit dem Widerstand der Stofftiere gerechnet. - {Vielleicht eine Anregung gewesen für Toy Story von Pixar.}

4. Und jenseits - das Wobb: Raumschiffbesatzung kauft ein marsianisches Riesenschwein, Wobb genannt, als Proviant für unterwegs. Es entpuppt sich als gern philisophierende sehr hoch entwickelte Lebensform, die sich nur kurz in seiner Konversation unterbrechen läßt, als es geschlachtet und gegessen wird

5. Die Kanone: Heftige H-Bomben-Explosionen künden vom Untergangskrieg einer Zivilisation. Ein Raumschiff besichtigt den Ruinenplaneten und wird von einem automatischem Großgeschütz abgeballert, daß auf alles schießt, was fliegt. Inspiriert von alten Sagen, entdeckt die Besetzung einen Schatz unter der Kanone (= der Drache). - {Sehr Star-Trek-Classic-like, aber in den frühen Fünfzigerjahren geschrieben.}

6. Der Schädel: Zeitschleifenkrimi, in dem der angeheuerte Killer des unbekannten First-Church-Gründers sich in der Vergangenheit als eben dieser entpuppt.

7. Die Verteidiger: Roboter gauckeln den unterirdisch in Atombunkern lebenden Menschen zu deren Besten eine strahlenverseuchte Erdoberfläche vor. Außergewöhnlich optimistisches Ende!

8. Mr. Raumschiff: Alter Professor läßt sein Gehrin als zentrale Steuereinheit in einen Raumschiffprototyp einsetzen, setzt sich mit ehemaligen Schüler und dessen Exfrau ab um Garten Eden zu spielen.

9. Pfeifer im Wald: Auf der Asteroidengarnision Y-3 halten sich immer mehr Besatzungsmitglieder für Pflanzen.

10. Die Unendlichen: Nach der Untersuchung eines eigenartigen Asteroiden, durchleben alle Besatzungsmitglieder eine drastisch beschleunigte Evolution. - {Wer Meerschweinchen im Weltall mag, sollte diese Story kennen. Erinnert mich entfernt an den Plot von Clive Barkers Great and Secret Show.}

11. Die Bewahrungsmaschine: Doc Labyrinth hat einen Weg gefunen, Musikpartituren in Tiere zu verwandeln. Doch Mozartvogel, Bach- und Beethovenkäfer, Brahmsinsekt, Schubertschaf und Wagnertier verändern sich im Wald hinter Doc Labyrinths Haus auf unerwartete Weise.

12. Entbehrlich: Ein Mann wird zuerst Zeuge, dann Opfer eines uralten Krieges zwischen Insekten und Menschen, bei dem Spinnen eine besondere Rolle spielen.

13. Der variable Mann: Mit 99 Seiten eigentlich schon ein kleiner Kurzroman, der vom durch Wahrscheinlichkeitsberechnungen bestimmten Krieg der Terraner gegen die Centauri-Blockade handelt. Die manuelle Rückholaktion einer Zeitsonde befördert unvorhergesehen einen Gelegenheitsarbeiter aus dem Jahre 1914 in die zweihundert Jahre in die entfernte Zukunft, wo er zum entscheidender Faktor für die Entwicklung der Terraner wird.

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