Hallo David. Ich teile Deine Ansicht, daß Blogs und das Internet die Verdorfung des Globus vorantreiben. Das schöne an diesem jungen Informationszeitalter ist ja (wie in allen merkurischen Phasen der Geschichte), daß sich herrliche Hermeneutik betreiben läßt, denn noch schwirren mehr Weltbilder durch den Raum, als nach der Zeitenwende übrig bleiben werden. Positiv und optimistisch kann man sich durchaus zu so mancher humanistischer Utopie hinreißen lassen.
Ein Blog führen. Eine Wohnung für seine virtuelle WWW-Persona haben. Das macht alle Auseinandersetzung um Blogs auch so heikel. Gegenüber solchen unpersönlichen Identitäten des Internets wie SpiegelOnline oder Bild-Blog läßt sich einfacher geschmächlerisch sein … mit unserer Sympathie oder Abneigung für ein (Ein Personen-)Blog aber geben wir ein Urteil zu einem Menschen ab. Umgekehrt macht das für den Blogger die Welt prikärer … die ganzen Selbstdarstellungs- und Umsichtprobleme eben.
Das mit den zähen Strukturen kann sich übrigens ratzfatz ändern, wenn ein eigener Blogbeitrag (aus welchen Gründen auch immer) zu einem Hammerbeitrag erkoren wird … sprich: auf einer vielbesuchten Seite verlinkt wurde, wohlgesonnen besprochen wurde. Nun gut, uns beiden ist wohl noch kein Hammerbeitrag gelungen, der binnen weniger Tage die 1000-Besucher-Schwelle erreicht. Aber legen wir es darauf an? … ich kann für mich mit »Nein« antworten, obwohl ich besser werden will … z.B. besser im Zusammenhang mit Themen wie Phantastik.
Und zu dem Blog und Popliteratur-Ding noch: Mit dem Begriff Popliteratur kann ich ja vergleichsweise wenig anfangen. Popliteratur war vor einigen Jahren der Versuch, einer neuen Generation von Autoren ein buntes Schildchen anzuheften, und einige beanspruchten den Begriff auch freiwillig für ihre Sachen. Am ehesten kann ich mit dem Begriff was anfangen, wenn ich darunter die Versuch verstehe, den modernen Menschen der Globalität zu schildern, mittels Schreibformen (Subkultur!) die bisweilen abseits der traditionellen liegen.
für mich in dem beitrag eine andere interessante frage auf:
… mit unserer Sympathie oder Abneigung für ein (Ein Personen-)Blog aber geben wir ein Urteil zu einem Menschen ab. Umgekehrt macht das für den Blogger die Welt prekärer … die ganzen Selbstdarstellungs- und Umsichtprobleme eben.
wie viele personenblogs gibt es, die nicht anonymisiert sind? gibt man in diesem fall (bei anonymen blogs) dann per sympathie- bzw. antipathiebekundung wirklich ein urteil zu dem menschen ab? ich meine, wir als künstler sind die beurteilung durch betrachter ja gewohnt, und literaten haben ohnehin mit dem dualismus ich<>buch zu leben. wer ist schon sein buch selbst.
ich meine: selbst der thomas bernhard ist nicht selbst seine figuren, vielmehr war er ja zwar in manchen punkten ähnlich, in anderen sehr fremd.
für die literatur an sich ist das bloggen also nur eine form der verbreitung, denk ich mal.
aber für diejenigen, die ihre tagebücher online stellen, da ist der gipfel des problempotentiales (ich sage nur einmal "negative verdörflerung") noch nicht einmal angekratzt. denn die anonymitäten sind ja irgendwie fragil, wenn man "so viel" über wen weiss - vor allem dann, wenn es sich über ein ganzes netz von anderen menschen potenziert...
… mögen abwinken, daß die ganze virtualität- avatar- persönlichkeits-problemartik schon x mal durchgekaut wurde – aber David, Du schweifst sehr interessant durch das problemfeld und ich versuch mal meine
ordnung anzubieten.
Vorsicht: Laaange re-aktion… dank Davids feiner vorlage.
• den ganzen
ich, es überich-quatsch der psychologischen steinzeit find ich zu unpraktisch grob … allein schon, weil sie sich klassisch zu sehr auf die sexuelle übertragung und zu wenig auf die macht-übertragung des einzelnen auf seine umwelt konzentriert. Auf der
unkultivierteren ersten stufe verfügt der mensch über eine mehr oder weniger reiche varianz von resonanz-harmonien
(und rhythmen), die sowohl von der außenwelt
(anderen menschen, wesen, situationen, dinge usw) oder eigenmotiviert
(wille, wunsch, trieb, instinkt, inspiration, dæmon, genius) angeregt werden. Freilich gibt es konventionelle und unkonventionelle bewußtseins-, gefühl und intellektharmonien … in der medienwelt heutzutage beispielsweise die unsichtbare kamera, durch die man sich selbst ständig beobachtet sieht … nannte sich früher
gewissen ––– und schon
Baltasar Graçian schrieb im 17. Jhd. in seinem
Handorakel:
»Verhalte Dich stets so, als ob Du von jemanden beobachtet wirst«.
Siehe auch den
Big Brother (sowhohl Orwell, als auch kontainer). Siehe Fanta4 in ihrem
»Zu Geil für diese Welt«-Lied, wo sie vom film des eigenen lebens reden.
Matt Ruff hat in
»Ich und die anderen« eine aufregende geschichte über die idee der multiplen-persönlichkeits-fragmentarisierung geschrieben
(wenn diese auch auf traumatische erlebnisse beruhen) … und Hierzulande hat
(für mich) Helmut Krausser in
»Fette Welt«,
»Thanatos« und
»UC«, sowie in seinen tagebüchern am fruchtbarstenn und gescheitesten über solche angelegenheiten geschrieben. Bei Herrn Krausser wundert mich das nicht, ist er ja in sachen antike gut gebildet und der begriff …
•
persona bezeichnete ursprünglich die
masken der griechischen schauspieler. Die maske wäre dann sozusagen eine
formatierte zweite stufe des menschen: eine bewußt
(¿künstlerisch?) gestaltete identität, oder besser noch ein ensemble vieler solcher masken/personaes, je nach anlass, gelegenheit und zweck. Wobei es einen gewaltigen unterschied darstellt, ob man sich dieses ensemble an masken konzentrisch um einen festen, starren persönlichkeitskern arrangiert vorstellt, oder sie als heterarichisch, pluralistisch und in bewegung befindlich begreift. – Da faulheit, feigheit und der innere schweinehund ein ausreichend träges moment und sich damit als
zentrum der orientierung im selbst-inneren anbieten, gehöre ich der zweiten fraktion an.
Wovon Du nun schreibst, ist das muntere und zuweilen garstige durcheinander an unterschiedlichen masken für die außenwelt. An
Thomas Bernhard illustriert Du ja anschaulich, daß es zum handwerkszeug
zumindest der
erzählenden künstler gehört, nicht so starr an einer maske zu hängen. Hineinversetzten in andere bedeutet nichts weniger, als sich weiterhin im persönlichkeits-kneten zu üben.
(Nur in einer starren gesellschaftsordnung kann es als sinnvoll erscheinen, wenn die subjekte eine einmal auskristalisierte form=persönlichkeit beibehalten sollen.) Zoomen wir näher hinein in dieses dunkle innen-theater, dann läßt sich der prozess des romanschreibens beobachten, als ständige probe eines darstellerensembles
(eventuell mit dramatischen chor, orchester, beiseit sprechenden erzähler) und eines vom leeren auditorium aus leitenden regiesseurs und seines im hintergrund wuselnden technischen stabs. Wo im dunklen innen-theater die kulissenschieber, da in der echten welt des autoren die recherche. ––– So spielerisch läßt sich der von Dir skizzierte dualismus
ich<>buch nochmal auffächern.
Auf Blogs bezogen: Du betonst die spannungen zwischen
anonymität und
intimität und ich finde es anregend, dieser die spannung zwischen
routine und
originalität gegenüberzustellen. Den von Dir genannten
gipfel des problempotentials (also das höchstgelegener provinzkaff, von dem sich als blog-pesönlichkeit abstürzten läßt) verstehe ich so: die kritischen stellen oder turbulenzen im eigenen netz
(oder schaum, wie Peter Sloterdijk anregt) der zwischenmenschlichen kontakte und beziehungen. Sehr verständlich also, warum viele blogger beim etablieren ihrer blog-
(und/oder internet-)persönlichkeit
a) mit anonymität schützen, und
b) danach streben, funktionierende routinen für ihr blog-etablisment zu etablieren.
••• (Dreimal etablier in einem satz … das ist so schlechter stil, daß ich es stehen lassen muß.) ••• Die große herausforderung für jede person, die sich aktiv mit meinung
(und bild, sound ect pp) im netz verbreitet ist ja, immun zu bleiben … sich einerseits die eigene freude z.B. am bloggen zu bewahren, entfalten zu können – andererseits vor lästigen oder unangenehmen störungen und echos zu schützen.
Illustration: Es kann für einen nicht-anonymen blogger
(oder forumshansel) keine normale oder umsichtige ambition sein, möglichst schnell als
troll zu gelten. Jeder nicht-anonyme blogger tut also gut daran, darauf zu achten was trollige internetidentitäten so anstellen, um es selbst vermeiden zu lernen.
Wir beide nun haben den steinigeren weg der offenen identität gewählt
… gut, bei mir muß man auf Impressum klicken, um zu erfahren, wer ich bin … zudem ist für mich allein dieses »erstmal erscheine ich im netz als molosovsky« eine kleine schützende distanzhaut. Was für ein zeichen, welche haltung signalisieren wir damit? – Zuerstmal wohl aufrichtigkeit, oder die vielbeschworene authentizität
(postiv gesehen) bzw. aufgeblasenheit, arroganz, wichtigtuerei
(negativ gesehen). ––– Für mich eine knifflige kiste: wie lassen sich satirische, teuflische, dæmonische
(aber auch: originelle, künstlerische, kritische, intimie, beichtende, großenwahnsinnige, freche, verletztliche usw) facetten eines bloggers zusammenbringen, in einen selbst-moderierten rahmen? Heikel für mich im detail: wie sich all die aufdrängeden redundanzen und eventuell notwendigen explikationen vermeiden lassen
(siehe meine – mittlerweile verworfene – überlegung zwecks einer Nur'n Späßle-formatierung).
Soviel gedanken-geschlängel derweil.
P.S. @ David: Hab zitat in Deinem beitrag entsprechend formatiert.
diese Frage schoß mir wie ein Neutrino durch den Kopf, als ich deinen Beitrag las. Mit etwas Nachdenken kam ich darauf, dass man den Vergleich auch so betreiben kann. Popliteratur ist ein bestimmtes Genre und definiert sich über den Inhalt (ohne jetzt eine präzise Definition geben zu können). Ein Weblog dagegen ist in allererster Linie ein technisches Werkzeug, um Texte zu publizieren. Insofern können Weblogs nicht die Nachfolger der Popliteratur sein, genausowenig wie ein Brötchen der Nachfolger einer Birne sein kann, nur weil beide (die Birne und das Brötchen) "zufällig" eßbar sind.
Du illustrierst – wie ich finde – mit deinen Birnen und Brötchen sehr schön.
Nun kann man ja den ganzen Schwurbel damit auflösen, daß man die Frage
»Sind Blogs die Nachfolger der Popliteratur?« ganz einfach so beantwortet:
Nein,
DIE Blogs nicht, …
ABER es mag in der Menge aller Blogs sehr wohl eine Teilmenge an Blogs geben, deren Betreiber für sich beanspruchen den Pfaden der Popliteratur zu folgen
(oder folgen zu wollen), oder denen dies von Dritten attestiert wird.
So einfach.
Nett übrigens der Schluß aus
»Popliteratur« von
Thomas Ernst (Rotbuch, 2001), unter der Überschrift
»Ausblick – Zukunft der Popliteratur« (S. 91):
Die Frage ist, ob die Literatur ihre Autonomie auf neuem Wege wiederzugewinnen versucht oder ob sie sich als Anhängsel einer totalen Unterhaltungsindustrie selbst auflösen wird, unter einer benutzerfreundlichen Oberfläche im Internet versinkt. Es wäre schade, wenn irgendwann die Computerviren von Hackern die letzte Form der (Pop-)Literatur wären.