molochronik
Samstag, 3. Januar 2009

Fantasyfinanzen

(Eintrag No. 531; Gesellschaft, Geld, Großraum-Phantastik) — Große Freude macht mit ein aktuelles Interview mit Peter Sloterdijk, dessen Bücher ich ja, wie die Freunde der Molochronik wissen, durchaus sehr zu schätzen weiß. Sloterdijk ist ja gern und oft mal mit einem Kommentar in den Medien zu Stelle, und diesmal erklärt er uns den Zusammenhang zwischen dem Platzen der Finanzwirtschaftsblase und der Fantasy. Im Ernst. Es sind genau solche großen Zusammenhänge zwischen Weltbild-Illusuion und die aus ihnen folgenden knallhart durchgezogenen Praktiken der Gestaltungs- und Deutungsmächtigen, weshalb ich dafür eintrete, den Phantastikbegriff wieder in den politisch-gesellschaftlichen Diskurs zu holen.

Peter Sloterdijk: Die Finanzkrise hat ihren Grund in technischen Fehlern der Zentralbanken. {…} Was wir heute erleben, ist eine Folge davon, dass sich die Inflationisten beziehungsweise die Schuldenakrobaten auf ganzer Linie durchgesetzt haben. {…}Die heutige Wertekrise ist das Werk grauer Bürokraten, die meinen, man könne dem Verlust an Vertrauen mit der Emission von Scheingeld abhelfen.
{…}
SZ: Stimmt. Und alles geschah im Zeichen des neoliberalen Glaubens an die problemlösende Macht des Marktes ...
Peter Sloterdijk: In Wahrheit im Namen eines magischen Weltbilds. Der eigentliche Held des Neoliberalismus ist Harry Potter.
SZ: Wie bitte das?
Peter Sloterdijk: Weil die Potter-Romane die Fibel einer Welt ohne Realitätsgrenze darstellen. Sie überredeten eine ganze Generation, den Zauberer in sich zu entdecken. Das englische Wort Potter bedeutet übrigens »Töpfer«, einen Handwerker, der Hohlkörper verfertigt. Nur Verlierer glauben heute noch an die Arbeit, die Übrigen betreiben magische Töpferei und lassen ihre strukturierten Produkte fliegen.
SZ: Weil sie keinen Inhalt haben können?
Peter Sloterdijk: Doch, sie müssen sogar Inhalt haben, aber nicht als Selbstzweck! Gefäße sind Medien, die aufnehmen, um abzugeben. Martin Heidegger hat in einer tiefsinnigen Betrachtung über das Wesen der »Dinge« am Beispiel eines Kruges ausgeführt, wie der seine Funktion nur in dem Maß erfüllt, als er hohl ist, mithin gefüllt werden kann. Was er erhält, gibt er in der Gebärde des Schenkens weiter. Der moderne Mensch hat den Schnabel des Kruges verstopft. Da fließt nichts mehr hinaus, das geht auf Dauer nicht gut.
SZ: Weshalb wir lieber mit dem Zaubern aufhören sollten?
Peter Sloterdijk: Zaubern ist eine Tätigkeit, die das Verhältnis von Ursache und Wirkung verdunkelt. Die Verwirrung beginnt, wenn die Wirkung die Ursache maßlos übertrifft — ökonomisch gesprochen, wenn der Profit in keinem Verhältnis mehr zur Leistung steht. Genau diese Unverhältnismäßigkeit prägt die Grundstimmung der vergangenen Jahrzehnte. Zahllose wollten aus einer Wirklichkeit aussteigen, in der man für 40 Stunden Arbeit pro Woche kaum ein Durchschnittseinkommen erreicht, während man durch ein paar Stunden Magie in die Runde der Superreichen aufgenommen wird. Wir haben eine gefährliche Rechenart erfunden. An die Stelle von prosaischen Gleichungen treten wunderbare Ungleichungen. Das ruiniert den Sinn für Adäquation.

Was Sloterdijk und die SZ hier freundlich als ›zaubern‹ umschreiben, kann man auch schlicht als ›Beschiss‹, ›Nepp‹ und ›Bauernfängerei‹ bezeichnen. Da wird mit viel Tam-Tam und Marketingbeschwörungen mit einem Kapitalanlage-Zylinder herumgefuchtelt, will man dann aber in den Zylinder langen, findet sich kein Kaninchen mehr. Nix. Nada. Alles verpufft bis auf das, was die Trickser dem Publikum abgreifen konnten.

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