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Molos Wunschliste, falls Ihnen die Molochronik gefällt, und Sie mir aus Dankbarkeit eine Freude machen möchen.
Wiederum, um nicht die Hauptseite hier vollzumüllen, hab ich mal die 19 Spalten zum Begriff ›Phantasia‹ aus dem »Historischen Wörterbuch der Philosophie«(Hrsg. Joachim Ritter & Karlfried Gründer; Bd. 7, Spalten 516ff; Schwab & Co AG Verlag, Basel 1987) zusammengefasst und als ersten Kommentar zu diesem Beitrag eingepflegt.
Geschieben von molosovsky, am: Dienstag, 07. Aug. 2007
ANTIKE
Erscheinen, Erscheinung — Allgemein
reproduktive Einbildungskraft — Philostrat
Erscheinung — Platon
Vermögen, das auf bestimmte Art Dinge erscheinen läßt / P. = ein Vor-Augen-Stellen, wie der Gedächtniskünstler verfährt, der sich bestimmte Bilder aussucht / Art des Denkens / Art von Bewegung, die nicht ohne Sinneswahrnehmung entsteht, aber doch von dieser verschieden bleibt / unbewußt produktive Einbildungskraft / Vorstellung — Aristoteles
Vorstellung — Epikur
Vorstellung — Stoiker
Prägung der Seele — Zenon / Cleanthes
Veränderung der Seele (wahrscheinliche, unwahrscheinliche, wahrscheinliche und unwahrscheinliche) — Chrysipp
Alles, was irgendwie einen spracherzeugenden Gedanken hervorbringen kann — Pseudo-Longinus
…ist eine weisere Künstlerin als die Nachahmung. Diese bringt nur hervor, was sie gesehen hat, P. aber auch, was sie nicht gesehen hat, denn sie setzt dieses an zum Ersatz für die Wirklichkeit. — Philostrat
Erscheinung, Vorstellung — Plotin
Vorstellungsvermögen (inkorperiertes/irdisches und reines/geistiges) — Plotin
Vorstellungsbilder (PLURAL; gebunden an Wahrnehmung; gebunden ans Geistige; angesiedelt im Seelenwagen) — Iamblich
mittleres Vermögen zwischen Wahrnehmung und Verstand — Syrian
Erkenntnisvermögen, leidende Vernunft (Konkretisierung eines Logos in die intelligible Materie durch die P. ist eine Abwertung, weshalb es besser wäre, den Logos in seiner ursprünglichen Reinheit zu erkennen. Aber für die Menschen ist der Aufstieg zum Logos ohne die P. nicht zu verwirklichen) — Proklos
P. nimmt Formen der sinnlich wahrgenommenen Gegenstände auf und leistet eine Rekonstruktion äußerer Erscheinungen im Inneren der Seele — pseudoepigraphische Schrift nach Psellos
göttliche Offenbahrung — pseudoepigraphische Schrift nach Psellos
Trugbilder von Nichtseiendem — Anon. fläschlicherweise Psellos zugeschrieben
(Vor-Augen-)Stellen optischer Wahrnehmung — Johannes Italos
Vor-Augen-Stellen von Erscheinungen — Pseudo-Psellos
produktive Leistung, die aus Elementen der Wahrnehmung Bilder von Nichtexistierenden hervorzubringen vermag und sich damit zwischen dem Seienden und dem Nichtseiendem bewegt — Pseudo-Psellos
MITTELALTER
Übersetzt mit ›imaginatio‹ (nicht durchgesetzt hat sich Cicero ›visum‹) — allgemein
Vorstellung, Erinnerungsvorstellungen, Vorstellungskraft, geistige Visionen (Einbildung der Dinge, deren Bedeutung) … (aber: Phantasma: hypothetische Vorstellung, phantastische Bilder, Mythen, Allegorien der Dichter, willkürlichen Bilder), inneres Wort, — Augustin
Gotteserscheinung (Beohnung) Halluzination (Strafe) — Augustinus, Johannes Scotus Eriugena
Stufe zwischen Wahrnehmungssinn und diskursivem Verstand — Boethius
die ersten Begriffe sind nicht ohne Phantasie — Aristoteles, Boethius
Begriffe können nur in Form von Phantasievorstellungen gedacht werden — Petrusd Abaelard
zwischen Sinn und Vernunft vermittelnde Funktion — Wilhelm von Conches, Johannes von Sailsbury
Prinzip der Politik — Alanus ab Insulus
Phantasiekammer (Die P. ist ein Kleid der, das die Seele ablegen soll, um sich in ihre Einfachheit zurückzuziehen und das Einfache und Geistige zu betrachten; das Kleid wird sonst zur Haut, die die Seele, trotz der Trennung vom Leib, auch ins andere Leben mitbringen wird) — Hugo von St. Viktor (Augustinus)
P. = gestaltend, wiederherstellend, schöpferisch, mäßigend (in sittlicher Hinsicht einerseits gefährlich, andererseits jedoch hat sie die postive Funktion, die menschlichen Leidenschaften zu mäßigen, z.B. wenn sie die Güter und Übel des künftigen Lebens vorstellt) — Richard von St. Viktor
Einbildungskraft — allgemein Hoch- und Spätmittelalter
verschiedene Funktionen des inneren Sinnes; 1. P. = das dem äußeren Sinn am nächsten gelegene Seelenvermögen, das die verschiedenen und losgelösten Wahrnehmungen verknüpft und vergleicht, und diese als ein dinglich zusammengehörendes Eines oder als dinglich voneinander Verschiedenes bestimmt; identisch mit dem sensus communis. / 2. imaginatio = passiv, nicht erkennend, hält sinnliches Bild zurück, bewahrt es, beurteilt nicht. / 3. imaginativa (bei Tieren) = komibantorische Kraft welche die Bilder von 2. mit den nicht wahrnehmbaren Intentionen oder der Einschätzungskraft verbindet. / 4. cogitativa (bei Menschen) = freie, phantasierende Tätigkeit. / 5. Gedächtnis — Avicenna
Gemeinsinn … schafft Gemeinbilder, Schemata, die nicht nur blindes Material für den getrennten tätigen Intellekt bieten, sonden die bereits an und für sich ein Wissen des Besonderen bilden — Averroes
Komplex der inneren Sinne — Albertus Magnus, Roger Bacon, Dietrich von Freiberg
P. = cogitativa — Petrus Hispanus, Robert Grosseteste, Albertus Magnus, Bonaventura
P. = imaginatio — Thomas von Aquin, Robert Kilwardby & franz. Schule (imaginatio: Mattheus von Aquasparta, Roger Marston, Petrus Olivi / phantassia: Johannes Duns Scotus, Wilhelm von Ockham)
P = passive Kraft, deren Funktion hauptsächlich darin besteht, blinde Vorstellungen zur Bearbeitung der oberen Vermögen zu liefern — Thomas von Aquin
(cogitativa) theoretisches und praktisches Prinzip, auf dem die Erkenntnis des Besonderen fußt, regiert menschliches Handeln und entfaltet sich in den artes mechanicae — Albertus Magnus (ähnlich bei Raimundus Lullus)
Fähigkeit ein gewisses logisches oder dialektisches Allgemeines zu erfassen — Dietrich von Freiberg
P. = Organ der prophetischen Visionen und seherischen Träume — arabische Welt
… durch symbolische und metaphorische Bilder werden in P. geistige Formen wahrgenommen, durch die sie die sinnliche Welt regieren — Avicenna, al-Ghazali (im Westen vermittelt durch Albertus Magnus)
Im Träumen und Visionen erfaßt die P. in symbolischer Weise Wahrheiten oder Geheimnisse der Natur, die den äußeren Sinnen und dem Verstand unzugänglich sind. Symbole dieser Art sind auch geeignet, tiefe und daher als solche den gemeinen Menschen nicht mitteilbare Wahrheiten auszudrücken. Wahrer Prophet ist derjenige, der über eine hervorragende P. verfügt und dadurch seine natürlich erreichte Weisheit auch dem ungebildeten Volk vermitteln kann. P. = Werkzeug, die Völker zu regieren und Prinzip der Politik — al-Kindi, al-Farabi, Moses Maimonides (im Westen vermittelt durch Albertus Magnus)
P. = Organ der prophetischen Visionen und Mittel ihrer symbolischen und poetischen Darstellungen — Dante (nach Albertus Magnus)
paranormale, unterbewußte Phänomene, außerordentliche Geburten u.ä. = Ausdruck der Macht der imaginatio — nach Avicenna (im Westen: Wilhelm von Auvergne, Albertus Magnus, Meister Eckhard)
Grundlage der natürlichen Magie — Nikolaus von Oresme (nach Avicenna)
RENAISSANCE
P. = höchster der inneren Sinne, Gemeinsinn (Die P. als belebende Kraft gestaltet ihren eigenen Leib, … sooft sie durch heftigere Leidenschaft getrieben wird. Sie gestaltet auch durch Verzauberung und Zaubermittel den Leib von anderen) / Tätigkeit eines quasi-körperlichen Geistes (spiritus), Astralleib, wesensgleich mit Geist, der das Weltall belebt (spiritus phantasticus — nach Synesius) / Freiheit und Spiel in bezug auf Handwerk und Künste, die dann entstehen, wenn der Verstand eingreift, um das Spiel der P. zu regeln, denn er will ihre Erzeugnisse verwirklichen — M. Ficino (dann P. Mexia, Montaignes, Agrippa von Nettesheim, P. Pomponazzi)
vulgäre Phantasey = Eckstein der Narrheit, getrennt von perfekter Vorstellungskraft — Paracelsus (nach Ficino)
wesentliche Rolle der P. beim Handeln des Arztes und Magiers / spontanes Erkenntnisvermögen / P. = Funktion, komplexe mnemotechnische Bilder zu schaffen, aber imaginatio stiftet Beziehungen zwischen Bild und DIngen, Begriffen und Fakten, die aufgrund des Bildes wieder gedacht werden sollen, indem diese den verschiedenen Komponenten des Bildes zugeordnet werden / spontan, dynamisches Prinzip / die von P. geschaffenen Bilder sind Interpretationsschemata, die der empirischen Realität eine ganz neue Ordnung verleihen / P. = Prinzip und Gipfel aller Wissenschaften, die durch autonomen und spontanen Tätigkeit der P. immer synthetischere Bilder erzeugt und dadurch dem Einheitsprinzip der Realität immer näher kommen— G. Bruno
P = negative Kraft der menschlichen Seele / Wenn P. vom Verstand nicht im Zaume gehalten wird, ereregt sie heftige Leidenschaften, durch die man in eine trügerische Welt versetzt und damit verführt wird / verdorbene P. = Mutter und Amme aller Laster / — G.F. Pico (Einfluß auf Augustin, Bernhard Maimonides)
P. = nicht nur Ursprung aller menschlichen Leidenschaften sondern auch ein Mittel zur Selbsterkenntnis — Montaigne (nach Pico)
Geschieben von molosovsky, am: Mittwoch, 05. Dez. 2007
…findet sich hier. Colin McGinn: »Das geistige Auge«, Primus Verlag 2007 / »Mindsight«, Havard 2004. — McGinn ist einer der bekennenden Atheisten, die zur BBC-Doku über die Geschichte des Atheismus beitrugen, und er hat auch mitgemacht bei den zwei Dokus über die philosophischen und technologischen Wurzeln der »The Matrix«-Filme.
Ich versuch mich mal an einer Stegreifübersetzung (Seite 158ff). — Fette Hervorhebungen der Übersichtlichkeit halber von mir. Andere Fpormatierungen stammen von McGinn.
Percept … memory image > imaginative sensing > productive image > daydream/dream > possibility and negation > meaning > creativity
Empfindung/Wahrnehmung … Gedächtnisvorstellung > phantasievolle Abtastung > produktive Vorstellung > Tagtraum/Traum > Möglichkeit und Verneinung > Bedeutung > Kreativität
Wir beginnen mit der grundlegenden Empfindung, ungetrübt von Vorstellungen/Bildern — dem Einwirken der Welt auf die kindlichen Sinne. Auf dieser Stufe tritt noch keine Vorstellungen, kein Bild auf. Die drei Punkte stehen dann für einen Übergang und eine bedeutende Unstetigkeit: die Gedächtnisvorstellung, das Gedächtnisbild leitet sich von der Empfindung ab, ist aber keine Art der Empfindung; eine wesentliche Transformation findet in dieser frühen Phase statt. Mit dem Aufkommen der Gedächtnisvorstellung sind nun viele der charakteristischen Eigenschaften der Vorstellungskraft bereits ins Spiel gekommen; eine neue psychologische Ära ist angebrochen. Das Subjekt kann sich nun vorstellen was nicht vorhanden ist, genauso was das, was vorhanden ist (diese Fähigkeit ist unabhängig von der Beherrschung konzeptionellen Denkens). Ist erstmal die Gedächtnisvorstellung da, ist der Weg geebnet für die phantasievolle Abtastung, was eine Kombination aus Empfinung und Vorstellung ist: eine gegenwärtige visuelle Empfindung ruft eine Gedächtnisvorstellung hervor, und die beiden fließen zusammen zu einem Vorgang des Sehen-als-Ob. Die produktive Vorstellung ist für für unseren wachsenden Verstand {mind} noch nicht greifbar, da sie eine kreative Neukombinierung von Elementen verlangt — und sich damit einen größeren Schritt entfernt vom rein Sensorischen. Wir können uns den reifenden Vorstellungsmacher {imaginer} als jemanden denken, der die Macht aus sich selbst zu schöpfen entdeckt hat — eine augenblickliche/schlagartige Entdeckung. Nun kann er neue Vorstellungen, Bilder nach Gutdünken erschaffen, die Welt neuarrangieren wie es ihm passt; er ist nicht länger ein Sklave des Gegebenen. Mit der nun vom Wahrnehmungs-Prototyp befreiten Vorstellung ist der Weg geebnet für eine zeitliche Reihenfolgenbildung solcherartiger produktiver Vorstellungen — somit also das Träumen (tags und nachts). Der Vorstellungsmacher kann nun seine Vorstellungen aneinanderreihen, sowohl Gedächtnisvorstellungen wie produktive Vorstellungen, um geschichtenartige Strukturen zu bilden, die von der Art wie die Welt sich objektiv entwickelt abweichen. Er hat die Fiktion entdeckt. Mit dieser Entwicklung kommt die Idee der Alterntive zum Tatsächlichen auf — die Idee von dem, was lediglich möglich ist. Damit betritt der Vorstellungsmacher das Reich des Modalen, des Was-sein-könnte: der Traum repräsentiert wie die Dinge verlaufen könnten und öffnet damit ein Fenster in mögliche Welten. Der Traum repräsentiert eine alternative Weltgeschichte, und führt damit zu Gedanken über das Zufällige/Abhängige {contingent} und Hypothetische. Damit verbunden ist die Verneinung, denn die Verneinung greift ein um Möglichkeiten aus dem Gegebenen zu schaffen.: das (lediglich) Mögliche ist das, was nicht im Gegebenen beobachtet werden kann. Wurden aber Möglichkeiten erstmal greifbar, läßt sich auch Bedeutung gewinnen, da Sätze wiedergeben, was sein könnte: Bedeutung dreht sich um mögliche Wahrheit (oder Unwahrheit). Nun kann der Verstand über unendliche viele Möglichkeiten des Stands der Dinge nachdenken, jeder Stand der Dinge korresponidert mit einem bedeutungsvollem Satz, und das Sensorische bleibt zurück. Dann erreichen wir den letzten Schritt in dieser Abfolge: echte hochgradige Kreativität. Diese tritt auf, wenn der Verstand erstmal in der Lage ist, sich vorzustellen wie die Welt sein könnte und wie diese Repräsentationen sich manipulieren lassen um neue Gedanken zu formen. Somit kann der Erneuerer fiktive Narrationen konstruieren die nicht dem Zwang der tatsächlichen Historie unterworfen sind; und der Wissenschaftler kann über spekulative Theorien nachdenken, wie sie dich Welt objektiv konstituiert. Alternative »Weltbilder« {worldviews} lassen sich nun konstruieren, unter Verwendung aller Resourcen der menschlichen Kreativität. So führt die einfache Gedächtnisvorstellung stufenweise zu den höchsten Flügen der kreativen Vorstellungskraft.
Man könnte nun im Detail kommentieren, wo bei den einzelnen Schritten heikel eingegriffen wird, wo zu welchem (manipulativen) Zweck mit der Macht der Vorstellungen Schindluder getrieben wird, bzw. welche Umsicht man wallten lassen sollte beim Umgang mit Vorstellungen. Aber den Job heb ich mir auf für später.