geschrieben von molosovsky, am: Dienstag, 05. Apr. 2011
Eintrag No. 709 — Doppelnummer, damit die Wochenzählung nicht aus dem Tritt kommt.
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Lektüre: Große Freude bescherte mir »How to Live Safely in a Science Fictional Universe«, der schmale, aber keineswegs schale, Debütroman des jungen amerikanischen Autors Charles Yu. Hier meine grobe Übersetzung des Klappentextes:
In einer Minute wird Charles Yu sich umbringen. Wieder einmal.
Charles arbeitet als Zeitmaschinen-Reperatur-Techniker. Er hat eine Lizenz zum Instandsetzen aller chronogrammatischen Fahrzeuge der T-Klasse, ist angestellt bei Time Warner Time, und verrichtet seine Arbeit aus dem Unter-Universum 31 heraus, einer etwas kaputten, unfertigen Raum-Zeit-Struktur & Unterhaltungskomplex. Der Job sollte eigentlich super sein: er hat seine eigene TM-31-Zeitmaschine die auf dem neuesten Stand der Technik ist; er darf sich sein Betriebssystem selbst aussuchen (er wählt TAMMY – kastanienbraunes Haar, dunkelbraune Augen hinter Bibliothekarinnen-Brille und eine Stimme wie die einer Prinzessin); er hat eine coole, gefährlich aussehende Wumme (eine paradox-neutralisierende Waffe); und er hat einen imaginären Hund namens Ed.
Warum steckt Charles nun so in der Klemme? Er ist (was sich mit einer Zeitmaschine leicht machen lässt) die längste Zeit eines Jahrzehntes seiner Arbeit und seinen Programm-Chef Phil (Microsoft Middle Manager 3.0) aus dem Weg gegangen. Er hat stattdessen die Zeit genutzt 39 alternative Versionen seines Ichs auszuspionieren (und entdeckt, dass 35 davon totale Arschlöcher sind). Und er hat sich sozusagen in TAMMY verliebt, was schlecht ist, denn dafür hat sie kein Modul.
So gesehen ist es vielleicht nicht überraschend, dass er, als er einem seiner Ichs aus der Zukunft begegnet, diesem in den Bauch schießt. Für einen Zeitmaschienen-Reperatur-Techniker ein Anfängerfehler. Nun ist Charles in einer Zeitschleife gefangen, dreht sich für immer im Kreise. Alles was er hat, in ein in braunes Papier eingewickeltes Buch, das ihm sein zukünftiges Ich geben wollte, als Charles ihn erschossen hat. Es heißt »Wie man unbescholten in einem Science-Fictionalem Universum lebt«. Und er, Charles, ist der Autor. Und irgendwo in dem Buch verbirgt sich die Information, die Charles retten könnte.
Kurz: Metaphysische & metafiktionale Kniffe en masse erwarten den Leser. Vorsicht: der plauderhafte, undisziplinierte Gedankenstrom-Stil (sprich: immer wieder laaaange, scheinbar planlos umherschweifende Sätze) und Aufbau (wenig Äktschn, viel Reflektion) sind sicherlich nichts für jedermann. Das Buch ist größtenteils eine autobiographische Selbsterforschung von Charles, die immer wieder unterbrochen wird von knappen sachlichen Einträgen eines Glossars zum Titel-Thema des Buches. — Mir hat allerdings sehr gefallen, wie der Roman das Motiv der Zeitreise nutzt, um anregende Überlegungen (fast möchte ich sagen: Meditationen) zum Thema Bewußtsein, Selbsterkenntnis und Erinnerung auszubreiten. — Ich wünsche der deutschsprachige SF-Gemeinschaft, dass dieser Roman übersetzt wird (und bringe dem, der die Übersetzung leisten soll jetzt schon mein kollegiales Mitleid entgegen).
Marcus Hammerschmitt berichtet für ›Telepolis‹, mit welchen empörenden Umtrieben in USA versucht wird, den öffnetlichen Büchereien Geld abzuknöpfen: Die Plünderer kommen.
Ich mache derzeit eine heftige Stanley Kubrick-Phase durch, erwerbe als Schnäppchen seine Filme auf Blue Ray, gönne mir die ganzen Dokus nebenbei. — Hier eine Auswahl der Photographien, die der junge Kubrick für das ›Look Magazine‹ angefertigt hat: Chicago, im Archiv der ›Library of Congress‹. — Hier einige Aufnahmen, die im italienischen ›Vogue‹ anlässlich einer Ausstellung gezeigt werden. — Hier eine plauschige Talkrunde mit Kubrick-Witwe Christiane, Freund, Produzenten (ergänz: & Schwager) Jan Harlan und Kollegen-Bewunderer Martin Scorcese in der »Charlie Rose«-Show anlässlich des Dokumentar-Portraits »A Life in Pictures« (welchselbigen man hier gucken kann).
Beim Stöbern entdeckte Natur- und Menschenkunde: Das Tree of Life-Web Projekt; — und das Antropolgi-Blog. Muss ich noch prüfen, machen aber beide einen sehr interessanten ersten Eindruck.
(Deutschsprachige) Phantastik-Funde
Anubis hat in seinem Blog ›Lake Hermanstadt‹ eine lesenswerte Rezension zu Thomas Plischkes »Die Zwerge von Amboss« geschrieben. Mein Urteil zu dem Buch ist ja eher kritisch, aber ich finde, Anubis bringt die Stärken des Romanes von Thomas Plischke fair und ohne peinliche Lobhudelei gut auf den Punkt. Muss ja nicht jeder meinen Geschmack haben.
PDF-Link:Fandomobserver 262 ist da. Redakteur: Florian Breitsameter. Noch keine Zeit gehabt, ausführlicher zu lesen … leider.
›Der Standard‹ sollte eigentlich mal einen Preis der deutschsprachigen Phantastik-Szene dafür bekommen, die einzige (mir bekannte) große Zeitung unserer Zunge zu sein, die (im Internet) eine hochqualitative und anregend zu lesende Science Fiction & Fantasy-Rundschau pflegt. Neueste Ausgabe, zusammengestellt von Josefson: Die Wiederentdeckung des Menschen mit Rezensionen zu Büchern von Cordwainer Smith, Paolo Bacigalupi, Gerd Ruebenstrunk, Jack McDevitt, Adam Roberts, David & Leigh Eddings, Karl Schroeder, Sergej Lukianenko, Neal Asher, Patrick Lee, Edmond Hamilton, Kevin Shamel.
Zuckerl
Den derzeit teuersten Schießprügel der Welt stellt ›BornRich‹ vor: VO Falcon Edition. Zu haben für ca. 620.000 €. Natürlich alles handgemacht.
Für etwas weniger Kohle bekommt man schon den Playmobil Apple Store bei ›Think Geek‹ für seinen Nachwuchs.
So muss Pop-Art, bzw. Agitpop, bzw. Straßenkunst heute gehen: die Italienische Gruppe orticanoodles hat es Dank ausgefeilter Stencil-Technik richtig druff. Meine Lieblinge: der Adi mit verschiedenen Färbungen (u.a. US-Fahne) Pop Never Dies und der Sepp (auch bekannt als Pipst, Pupst oder Papst) auf der Grafik The Black Pope.
Der Schweizer Architekt Michael Hansmeyer zeigt, wie man mit dem Rechner komplizierte Schönheit schafft.
Adam Wheatley kombiniert nette Gegenstände mit Waffen.
Ein ganz großes Bonbon für alle, die wie ich den Anime-Meister Hayao Miyazaki verehren: Das englische ›Ghibli‹-Blog präsentiert »Mononoke Hime« aus dem Jahre 1980, ein bezauberndes Bilderbuch-Comic.
Für die ›Los Angeles Times‹ schildert Tony DiTerlizzi (mir aus »Plainscape«-Zeiten, heute den meisten wohl als »Spiderwick«-Macher bekannt), durch welche blöden Dusseligkeiten es in den 1960er-Jahren nicht dazu gekommen ist, dass der Illustrator- & Bilderbuch-Legende Maurice Sendak (am bekanntesten für das Kinderbuch »Wo die wilden Kerle wohnen«) Tolkiens »Der kleine Hobitt« bebildert: A masterwork that could have been.
Geschieben von simifilm, am: Dienstag, 05. Apr. 2011
Jan Harlan (der ein reizender Mensch ist und den zu interviewen mir vergönnt war) ist übrigens nicht "nur" ein Freund Kubricks, sondern sein Schwager, also der Bruder von Christiane Kubrick, geborene Harlan. Und ihr Onkel war niemand anders als Jud-Süss-Regisseur Veit Harlan …
Geschrieben von molosovsky, am: Dienstag, 05. Apr. 2011
Danke für den Link. Ein feines Interview.
Mir war das familiäre Band Harlan-Kubrick freilich bekannt. Aber ich kann nicht immer alles so ausführlich ausbreiten.
Geschieben von Eosphoros, am: Dienstag, 05. Apr. 2011
Via John. D. Rateliff bin ich auf den Kommentar zur Sache von Tolkien-Archivalien&Textkritik-Spezialisten Wayne G. Hammond und Christina Scull gestoßen:
Sendak may interpret events in this way […] but archival evidence says otherwise. […] Sendak and Houghton Mifflin agreed on a contract in 1964, and Sendak asked for a couple of years to do the work. […] Sendak may have made sample drawings 'begrudgingly', but they seem to have been expected of him by all concerned, especially since he appears not to have produced anything for The Hobbit until the beginning of 1967.
The article also states that Houghton Mifflin 'prepared the art samples for Tolkien’s approval', misidentifying wood-elves as hobbits in one of two finished images. But the correspondence […] clearly refers to only one image that was […] shown to Tolkien […]: the picture of Gandalf and Bilbo. […] There is no indication that Tolkien saw a picture of dancing wood-elves, […]. Nor is there any evidence of a reply by Tolkien 'that Sendak had not read the book closely and did not know what a hobbit was', though this is certainly suggested by the sample drawing.
Geschrieben von molosovsky, am: Dienstag, 05. Apr. 2011
Danke Eosphoros. Da haben wir, die wir uns gerne über Verlegerblödheit aufregen möchten, anscheinend wieder mal zu früh empört. Also: woran auch immer es lag, dass es nicht dazu kam … ich hätte gerne eine »Hobitt«-Ausgabe mit Sendaks Illus.
Geschieben von Eosphoros, am: Mittwoch, 06. Apr. 2011
Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass du die Leseprobe von China Miévilles Embassytown erwähnen würdest … aber vielleicht steht die auch einfach schon ewig online, ohne dass ichs gemerkt hab.
Geschrieben von molosovsky, am: Mittwoch, 06. Apr. 2011
Uh-ja, die »Embassytown«-Leseprobe hätt ich eigentlich verlinken können, denn die ist erst in den letzten 14 Tagen online gegangen. Habe ich aber nicht daran gedacht, weil Miéville zu den Autoren gehört, von ich keine Leseproben (mehr) lese(n muss), sondern eben zu den Autoren, wo ich mich aufs nächste Buch freue. — Leseproben lese ich von Autoren, die ich nicht kenne.
Geschrieben von Pogopuschel, am: Donnerstag, 07. Apr. 2011
Den Hammerschmitt-Artikel fand ich dieses Mal hochinteressant. Nach den Wasserdieben kommen nun die Dummacher. Bin mal gespannt wann diese Privatisierungswelle in Deutschland ankommt.
01. April 2012: Während der Layout-Neugestaltung des Blogs, gibt es vorrübergehend keine Link- oder ›Molochronik DeLuxe‹-Liste oder Buttons.
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