Dienstag, 10. Oktober 2006
Buchmesse 2006 (9): Buchmessebericht von Phantastik-Blogger Hannes Riffel
Erstellt von molosovsky um 11:38
in
Woanders
(Eintrag No. 306; Literatur, Woanders, Blogging) — Erste Nachreiche von Molosovsky zur Buchmesse 2006:
Sollte man nicht verpassen. Sehr anschaulich berichtet Hannes Riffel von seiner durch die Jahre steigenden Buchmessenbefremdung; vom Trubel, Terminenhinterherlaufen und vielen Fragen; über das gute Gefühl am Klett Cotta Stand zu sein (wirklich ein schöner Stand; die Ecke der Hobitt Presse ist auch für mich allerdings ein kleines Schreineckchen auf der Messe gewesen … Schande eigentlich, daß ich Hannes nicht angesprochen habe. Wie schrieb Anne schon: wir freuen uns aufs nächste Jahr); und outet sich als einer, der keine Bücher mehr von der Messe mehr mit nach Hause bringt und was nicht noch.
Aber gebt Euch nicht mit meinem kruden Anreißer hier zufrieden, lest selber.
Buchmesse 2006 (8): Drei kuriose Knochen im Tal der Drachen, oder: »Bone«, das Fantasy-Comic-Epos von Jeff Smith.
<img src="molochronik.antville.org" align="right"style="margin-left:10px;">Eintrag No. 305 — Das ursprünglich als s/w-Comic erschienene ›funny fantasy epic comic‹ »Bone« von Jeff Smith ist eine der diesjährigen Ausstellungen im Comic-Bereich der Halle 3.0 gewidmet.
Da bin ich rundum enthusiasmiert, denn seit 1998/99 ich bin ein ›Fan‹ von »Bone«. Als jemand, der sonst eher grimmig-düstere Fantasy bevorzugt, war »Bone« für mich wie ein Licht aus einer anderen Welt. Immerhin ist »Bone« ein Garn für alle Altersgruppen von ca. 10 Jahren aufwärts. Solche Unternehmen fallen bei mir Monster- und Krassheiten-Wertschätzer schnell durch die Entsorgungsklappe für allzu sehr das Leserhändchen tätschelnde Butzi-Bussi-Belästigungen. — Nicht so »Bone«. Ich weiß sehr zu schätzen, wie Jeff Smith es geschickt versteht, zärtlich das Herz seiner Leser zu berühren. Ich geb zu, daß bei mir Zeichner (wenn sie eben so gut sind wie eben z.B. Smith) leichter meine entsprechenden Ressentiments überwinden, die ich erstmal gegenüber träumerischer und naiver Romantik nun mal hab (mich schüttelst heut noch ›mit Grausen‹ wegen des »Narnia«-Lichtspiel). Jeff Smith führt mir vor, daß alle Pauschalablehnung bestimmter ›Geschmacksrichtungen‹ (wie ›Kitsch‹, ›Trash‹ ect pp ff) durch Ausnahme-Gemmen in Frage gestellt werden. Für mich sind halt ›Trost‹, ›Sentimentalität‹ und ›Naivität‹ arge Reize bei denen es mir schnell mal zu heftig wird, so wie für jene, die sich am entgegengesetzten Ästhetik-Pol orientieren, ›Ekel‹, ›Angst‹ und ›Explikationshärten‹ eben HARDCORE sind. Wirklich Exzellentes, auf das man sich als ästhetisch allgemein Neugieriger einlassen kann, gibt es überall zu finden.
<img src="molochronik.antville.org" align="right"style="margin-left:10px;">— Rundum baff war ich, als ich vor einigen Wochen mitbekommen habe, daß Tokyopop diesen hinreissenden Comicroman in neuer Übersetzung, sowohl in ursprünglichem Schwarz-Weiß-, als auch im neuen Digital-Kolorierungs-Format raus bringt; zu Preisen, die ich mehr als fair nennen kann (Info zur gebunden & zur Taschenbuch-Ausgabe). Gestern am Stand des Verlages, hab ich den netten Damen und dem Herren von Tokyopop ein Beigeisterungstirilieren und -gefuchtel angedeihen lassen. Wann gabs denn auch zuletzt so schöne farbige, gebundene Sammelbände von Serien, bei denen die deutschen Ausgaben dann um so vieles günstiger waren, als vergleichbare Original-Ausgaben?
Zwar finde ich als über-kritischer Fantasy-Freund auch bei »Bone« ein paar Scharten und Splitter (wie einige eher unoriginell eingesetzte Monomythos-Rezepte und knarzende ›High Fantasy‹-Iconographien {z.B. geheimnisvolle ritterliche Kaputzentypen}, vor allem in den beiden ›bellezistischen‹ Schwert & Klaue-Finalbänden); — aber: dennoch überwiegt bei mir mit Leichtigkeit der Eindruck, daß die 1434 Seiten (und circa 6460 Kästchen) die Aufmerksamkeit und Schmöker-Hingabe wert sind, die das neunbändige Queste- und Schlachten-Epos auf sich zu locken vermag. Ich schreib ›Hingabe‹, weil die Wahrscheinlichkeit nicht gering ist, daß die Geschichte und die schönen Zeichnungen, wenn sie dich erstmal am Haken haben, vollends in ihren Bann ziehen, und du dir z.B. heißen Tee einschenkst, aber als ersten Schluck kalten Tee trinkst.
Das Bemerkenswerteste an »Bone« ist für mich die Art und Weise, wie hier ›J. R. R. Tolkien‹- oder ›Alexander Llyod‹-artige, klassische ›Heldenromanzen‹-Fantasy mit zeitlosem ›kleine lustige Männeken-Slapstick‹-Humor vermengt werden (»Ich liebe es, wenn kleine Wesen sich zanken«, sagte in etwa ja schon Napoleon, allerings nicht in unserer Welt).
Der Comicroman breitet zudem eine vielstimmige und abwechslungsreiche (und doch irgendwie am Ende hübsch übersichtliche) Fantasy-Welt aus, in der es bedrohliche Rattenwesen und fruchteinflößende Riesenpumas gibt (coole Monster halt); in der alte Omas es an Agilität und Kampfeskraft mit den orientalischen Altersgenossen wie Meister Li (z.B. in den »Chinese Ghost Story«-Filmen) aufnehmen kann; in der hinreißend putzige Waldtierchen (vom Käfer über Oppossum-Nachwuchs bis zu Schildkröten) heldenhaft gegen viel größere Böse kämpfen; und in der untote Unglücks-Propheten mit mysteriösen Stimmen in Dunklem babbeln; es gibt Flüchtlingslager- und Indiana Jones-Passagen; und naiv-brilliante Liebeslyrik, und und und …
… und es gibt es die Gebrüder Bone, drei an Walt Kellys sanfte Formensprache erinnernde ›Cartoon‹-Figuren, in einer ansonsten überwiegend eher ›realistisch‹ vorgestellten Welt. Das Durcheinander an Dialog- und Situations-Komik, das der grantige und machtgeile Phoney (sözusagen ohngeföhr Groucho), der faule und subversive Smiley (Chico) und der phantasievolle und mitfühlende Fone (ein Harpo der aber reden kann) bieten, ist schlichtweg köstlichste Humoristik. Eigentlich sind die drei unglücklicherweise in eine große Fantasy-Geschichte gestolpert, und begleiten als Nebenfiguren die eigentlichen Epik-Protagonisten. Und dieses Erzählen aus der Sicht von buchstäblich planlos Dahergelaufenen, verleiht dem sich langsam entfaltenden Großdrama einen Kick, mit dem selbst für mich als Skeptiker gegenüber Schlachten- und Adels-Fantasy die große Abenteuer-Queste stabil trägt und beste Laune bereitet.
Zuckerl (1): Der Meister bloggt selber
Jeff Smith berichtet selber grad hier aus Frankfurt von der Buchmesse. Einfach mal dort sich exemplarisch vorführen lassen, wie man als Autor und Künstler das Bloggen als Werkstatt- und Alltagsmeldungs-Medium/Nexus nutzen kann.
Zuckerl (2): Zahlenfetischismus
Bei Tokyopop harrte man meiner Zählergebnisse! — ›Circa‹, weil ich gestern abend nur einmal die neun Bände durchgezählt hab, als Nach-Buchmessentrubel-Entspannung. — Für Kapitelübersicht-haben-Woller in Kleinschrift noch die Aufdröselung der Zahlen (sorry, daß ich die englischen Titel anführe, aber ich hab nun mal keine deutsche Ausgabe im Haus):
••• Teil eins: VENERAL EQUINOX
• Band 1: »Out Of Boneville«; 142 Seiten, ca. 773 Kästchen.
• Band 2: »The Great Cow Race«; 143 S., ca. 630 Kästchen.
• Band 3: »Eyes Of The Storm«; 180 S., ca. 788 Kästchen.
••• Teil zwei: SOLSTICE
• Band 4: »The Dragonslayer«; 182 S., ca. 899 Kästchen.
• Band 5: »Rock Jaw«; 124 S., ca. 544 Kästchen.
• Band 6: »Old Man's Cave«; 126 S., ca. 565 Kästchen.
••• Teil drei: HARVEST
• Band 7: »Ghost Circles«; 158 S., ca. 673 Kästchen.
• Band 8: »Treasure Hunters«; 140 S., ca. 604 Kästchen.
• Band 9: »Crown Of Horns«; 229 S., ca. 984 Kästchen.
Buchmesse 2006 (6): Mit oder ohne Buchschmuck: das neue Buch von Susanna Clarke bereitet Molosovsky…
… Freude!
Eintrag No. 303 — Schon in ein paar Tagen (am 06. Oktober) erscheint »Die Damen von Grace Adieu« von Susanna Clarke bei Bloomsbury Berlin.
Clarke hat ja mit ihrem voluminösen »Jonathan Strange & Mr. Norrell« (desweiteren: JS&MN) so richtig auf den Putz gehaun. Da finden sich die Realweltgeschichte vom beginnenden 19. Jahrhundert und alt-nordenglische Magiewelt-Mythen zu einer ganz verzüglichen Phantastik verzwribelt; zu edel (wie ich find), um das sprachlich wie auch begrifflich ungeschickt importierte Genre-Label ›Fantasy‹ draufzupappen; und doch wie keck von einer so vorzüglichen Autorin, es selbstbewußt dann doch zu tun!
Immerhin!: Leser ›richtiger‹ Romane, die sonst alle Gesichtsmuskeln verreißen wenn man ihnen mit ›Fäntäsy‹-Phantastik vor der Brille rumfuchtelt, entspannten sich willig anhand einer edelfederigsten Prosa, deren Haltung und Ton sich des ausgesprochen fruchtbaren Respekts & Insprisierenlassens von Frau Clarke für & von Klassikern der portraitierten Epoche, wie Jane Austen und Charles Dickens, verdankt. Und Lesern, welche sonst eher ziemlich Genre-Phantastik-lastig zu schmökern belieben (siehe ›die Markt-Marke Fantasy‹), wird eine feine Gelegenheit geboten, sich von eher altmodischen Prosa-Registern verführen (und hinreissen und bilden!) zu lassen.
Das ist eine gute Gelegenheit ein wenig über die Wonnen der englischsprachigen Literatur- und Geisteswissenschafts-Bloggerei zu jubilieren. Wenn sich z.B. 15 kommunikations- und diskrus-freudige Akademiker zusammengefinden, sich ihren Gruppen-Blog-Namen aus einem markigen Zitat vom großen Deutschen Immanuel Kant borgen, um fürderhin unter Crooked Timber mit anregenden Beiträgen großzügig die Blogosphäre zu bereichern… alles für umme zu lesen, wenn man sich nur des Englischen mächtig genug wähnt.
Grad den ›typischen‹ (mal polemisch imaginierten*) bezahlten deutschsprachigen 08/15-Literaturvermittlern möchte ich hiermit ganz besonders die Crooked Timer Seminare (unter ›book events‹ links weiter unten zu finden) zur inniglichen Orientierung nahelegen. — Nun sind die Geisteswusler vom krummen Holz von Beginn an Fans von JS&MN gewesen, und haben entsprechend eines ihrer Seminare diesem Roman gewidmet. Nur mal so als Beispiel, wie man intelligent, verständlich und verständnisvoll über ›Fantasy‹ schreiben kann hier eine kleine Übersicht: (jaja, schon richtig: bei Fantasy vom Qualitätskaliber eines JS&MN ists nicht so schwer, auch als in E-Gefilden konditionierter Literatur-Bespiegler was Gescheites zusammenzureflektieren):
• John Quiggin behauptet, daß der Roman an den eigentlichen Wurzeln der Science Fiction anknüpft, denn bei SF geht es im Grundbass um die Zeitenwende- und Wirkungen der Industrielle Revolution. • Maria Farrell meint, daß das buch ein Aufeinandertreffen zwischen dem von Jane Austen imaginierten Regency-England und ›romance novels‹ auf der einen Seite, und der tatsächlichen geschichtlichen Regency-Epoche auf der anderen Seite ist. • Belle Waring fragt sich, wer der/die Erzähler/in des Buches ist, und wohin die weiblichen Zauberer eigentlich sind (und mutmaßt, daß beide Fragen durch eine Antwort erhellt werden). • John Holbo untersucht Zauberei, Ironie und die Darstellung der Diener-Klasse. • Henry Farrell behauptet, daß die versteckte Handlung des Romans eine Kritik an der englischen Gesellschaft darstellt. • Und zuletzt antwortet Susanna Clarke (sehr aufschlußreicher Werkstatteinbick, sozusagen).
Und für jene, denen das zum am Bildschirm-, im Netz-Lesen viel zu viel Text ist, bietet Crooked Timber einen englischen PDF-Service-Link zum Ausdrucken. {15. Nov. ‘06: EDIT-NACHTRAG — Mittlerweile hab ich vor lauter »Ich Muß Was Nützliches In Meiner Zeit Tun« das ganze Seminar übersetzt. Hier geht’s zum entsprechenden Molochronikeintrag, und hier der Klick für ein deutsches PDF.}
Wieder zum neuen Buch mit Kurzgeschichten von Susanna Clarke.
Ungemein enttäuscht bin ich, daß Bloomsbury Berlin die durch höchste Kunstfertigkeit und Eleganz brillierenden 20 Illustrationen von Charles Vess NICHT dem deutschen Publikum von »Die Damen von Grace Adieu« offeriert. Nach dem guten Verkauf von JS&MN wär doch eine etwas aufwändigere Ausgabe drinn gewesen, oder? — Dass Heyne damals Neil Gaimans/Charles Vess »Stardust« ohne die Vess-Illus veröffentlichte, geht ja noch irgendwie in mein Produktions- & Gewinnmargenkalkül-verständiges Hirn. — Aber schluß jetzt mit Genöle.
Soweit ich bisher mitbekommen habe, sind die neuen Geschichten von Clarke in der selben (oder doch sehr ähnlichen) Welt wie JS&MN angesiedelt. Auch auf Deutsch gibts eine der Geschichten für umme auf der (sehr schönen!) Verlags-Site zu Clarke: »Der Herzog von Wellington geht seines Pferdes verlustig«.
Viel Vergnügen mit all den Umsonstlektüren wünsch ich noch.
* — Und falls sich einige bezahlte Literaturvermittler und -bewerter arg auf den Schlips getreten fühlen: bitte nehmt dies schlimmstenfalls als meine anbiedernde Versuche, Euch alle anzuregen, mindestens so geschickt über Phantastik für's Feuillition zu schreiben, wie z.B. (um spontan einige willkürliche Namen zu nennen) Dietmar Dath, Marcus Hammerschitt, Denis Scheck, Thea Dorn und Georg Seeslen.
Buchmesse 2006 (5): Molosovskys erster Fund: Wiedersehen eines geschätzten Strichs nach langer Zeit
<img src="molochronik.antville.org" align="right"style="margin-left:10px;"> Eintrag No. 302 — Vor etwa 15 Jahren in Wien hatte ich einen Fantasy-Rollenspiel-Kumpel als WG-Kammeraden, und dank seiner Sammlung an englischen Regel- und Quellenbüchern, kam ich in den Genuß der wohl durchgeknalltesten Spielwelt aus dem »Dungeons & Dragons«-Universum. »Planescape« ist eine Gemme der Multikulti-Allesdurcheinander-Fantasy, mit einer Pizzawelt die in unterschiedlichste Segmente unterteilt ist, in deren Mitte eine spitze Bergspindel herausragt, über der eine Stadt in Doughnut-Form schwebt. (Im Netz find ich derweil leider ›nur‹ diesen englischen Wikipedia-Link zu »Planescape«. Gibt dort aber Karten über die Geographie dieses köstlich ungestümen Weltenbaus)
Aufgefallen und sehr gefallen hat mir »Planescape« damals vor allem wegen der wunderschönen Illustrationen von Tony DiTerlizzi (>>>hier zu seiner englischen Flash-lastigen Site, Ahh-ja, dort unter ›Art/Gaming‹ bis ca. ›Page 3‹ blättern und »Planescape«-Illus gucken.).
In Halle 3.0 beim Stand E 105 des cbj-Verlages seh ich dann das Supplement-»Handbuch für die fantastische Welt um Dich herum« (müßte es nicht ›über‹ statt ›für‹ lauten?) zur Arthur Spiderwick-Serie. Treue für die Serie gedenke ich erstmal keine zu investrieren. Aber ich hoffe sehr auf ein Rezensionsexemplar des Handbuches.