molochronik
Mittwoch, 5. August 2009

Thomas Pynchon: »Inherent Vice«, oder: Stoned auf der Suche nach den goldenen Reisszähnen

Eintrag No. 582 — Verflixt eigentlich! Meine derzeitigen Lektüren und Projekte sind von diesem neuen Pynchon-Roman unterbrochen worden. Habe den Roman am Wochenende erstanden und wollte ihn eigentlich erst anpacken, wenn ich mit dem zweiten Pyat-Roman »The Laughter of Catharge« von Michael Moorcock durch bin, aber das ›nur mal kurz den Anfang anschmecken‹ artete aus und fand kein Ende und nun bin ich schon über die Mitte hinaus. Kurz: mich hat’s voll erwischt.

Zu köstlich aber auch, wie der kleine, schräge und (fast dauer-)zugedröhnte Privatdetektiv Larry ›Doc‹ Sportello im Los Angeles (und Las Vegas) der Siebziger durch die Gegend trudelt. »Inherent Vice« bietet Eins A Ersatz-Rausch und ist ein feines Beispiel für die Sublimierungskraft von guter Kunst. Statt sich selbst dem Laster des Doperauchens und LSD-Pappe-Schmeißens hinzugeben, lieber Pynchon lesen und durch sein superbes Buchstabenkraut high werden. Und die durch Kiffer- und Acid-Aktionen verursachte Slapstick-, Sinnesrausch- und Dialog-Komik kann, wenn so trefflich aufbereitet wird wie bei Pynchon, auch mir nüchternen Zeitgenossen fett Spaß bereiten (naja: Abends gönn ich mir dann schon ein kleines Glässchen Dalwhennie zur Entspannung beim Lesen).

Auffällig, wie viele deutschen Medien flott bei Fuß sind, um mit ’ner Rezi über »Inherent Vice« aufzuwarten (die »FAZ« bot sogar wenige Tage nacheinander, am 31. Juli und am 02. August, Besprechungen an). Finde ich ja doll, dass es offensichtlich im deutschsprachigen Raum sowohl in den Redaktionen als auch in der LitKrit-Schreiberschar ’nen ganzen Haufen Pynchonpfadfinder zu geben scheint, die mit der Verbreitung ihrer (größtenteils) Fanboybegeisterung nicht abwarten können, bis das Teil übersetzt vorliegt (was, wie der Rowohlt-Verlag angekündigt hat, 2010 der Fall sein wird).

Hier eine kleine Rundschau zu den (in meinen Augen) gelungenen Berichten über den neuen Pynchon.

  • Thomas David merklich (und kenntnisreich) begeistert in der »FAZ«:
    Psychedelisch, dieser neue Roman von Thomas Pynchon, der kaum drei Jahre nach der Veröffentlichung von »Gegen den Tag« so unerwartet und schnell über uns kommt wie kein Buch von Pynchon zuvor und mit seinen nicht einmal vierhundert Seiten so viel Spaß macht wie ein fetter Joint. »Inherent Vice« ist Helter-Skelter; »Inherent Vice« ist Pynchons »Big Lebowski«, in dem Pynchons Dude, der Hippie Doc Sportello, im Los Angeles der späten sechziger Jahre den chandleresken Helden mimt.

    Den Vergleich mit dem Film »The Big Lebowski« bemühen einige Rezensenten und ich finde, nicht zu unrecht. Übrigens hat sich (ironisch wohlgemerkt) über Davids Joint-Vergleich das »Handelsblatt«-Blog »Indiskretion Ehrensache« ausgelassen, und ich konnte nicht anders als anzumerken:
    Wer Journalist werden will, sollte im Alter von (sagen wir mal grob) 18 bis 25 mal alles probiert haben (inklusive Maden Wunden reinigen lassen, Big Brother-gucken, Schuhe selber machen, Terroristen foltern, ein Einbaumboot schnitzen, Windeln wechseln, Haggis essen, versuchen eine 3-stimmige Fuge zu schreiben usw ect ff pp). Nur dann kann ein Journalist eben auch ordnetlich über die Welt schreiben, und sei es nur die Welt der Literatur.
  • Wieland Freund bietet erhellenden Überblick in der »Die Welt«:
    In Jahren fleißigen Forschens hat die Literaturwissenschaft herausgebracht, dass Pynchon ›Anti-Detektivromane‹ schreibe, jetzt kommt der Kerl auf einmal mit einem Krimi daher.
  • Christoph Huber feixt treffend über das Locker-Flockigie des Romanes in der »Die Presse«:
    Die manchmal himmelschreiende, manchmal hintersinnige, meist hochkomische Spielerei mit populären Genres dient Pynchon üblicherweise als Würze. Doch in »Inherent Vice« serviert der sonst so ambitionierte Schriftsteller den Krimi als Hauptgericht. Mit den Erwartungen der Leser und des Kulturbetriebs hat der Autor immer wieder gebrochen. Diesmal tut er es, indem er sich mehr oder weniger an die Regeln hält: ein ganz normaler Detektivroman – ätschbätsch, Exegeten! »Strandlektüre« ist weltweit das Schlüsselwort der ersten Kritiken.

Wobei ich zwei wichtige Einsprüch anbringen muss.

Okey, okey, verglichen mit dem ziemlich komplexen und nur unter Aufbringung erhöhter Aufmerksamkeitsleistung als unterhaltsam zu lesenden »Die Enden der Parabel« ist der neue Pynchon tatsächlich ein entspannt wegschlürfbarer Strandkorbroman. — Aber!: All die Eigenheiten, die »Inherent Vice« zu so einer erfreulich kurzweiligen und vergnüglichen Lektüre machen, finden sich zuhauf auch in den anderen Romanen von Pynchon: Trefflich geschilderte Milieu-, Orts-, und Tages-Stimmungen; durchgeknallte Typen die seltsame Macken haben und/oder verschrobenen Projekten und/oder Verschwörungstheorien anhängen; abgedrehte ›Set-Pieces‹ die für jeden trippigen Äktschnreisser eine wahre Zier wären; sowie Dialoge und Gedanken der Figuren, in denen dem Zeitgeist der Moderne pointenreich derart genau der Puls gefühlt wird, dass man von der Lektüre sensibilisiert das Hämmern der großen globalen Paranoiatrommel zu hören vermeint … und sich darüber auch noch amüsiert!

Zweitens ist dieser leicht zugängliche Kifferkomikkrimi mit all den typischen Pynchonideen und Themen und Argumenten gespickt, welche alle seine bisherigen Bücher auch prägen, und die sie in den Augen der begeisterten Leser zu überaus relevanten Kritiken unserer modernen Welt machen. Trotz all dem kunterbunten und wilden Durcheinander stimmt »Inherent Vice« ab und zu einen melancholischen Ton an. Immerhin ist in dem Los Angeles des Romans Roland Reagan gerade Gouverneur von Kalifornien, Richard ›Tricky Dick‹ Nixon Präsi und es gibt entsprechend genug finstere Machenschaften und bedenkliche Entwicklungen, die es zu kommentieren gilt. Vielleicht am deutlichsten birngt den nostalgischen Abgesang auf die Hippie-Zeit folgende Sequenz auf den Punkt:

Doc {…} caught in a late night bummer he couln’t find a way out, about how the Psycholdelic Sixties, this little paranthesis of light, might close after all, and all be lost, taken back into darkness … how a certain hand might reach terribly out of darkness and reclaim the time, easy as taking a joint from a doper and stupping it out for good.
Molos Schnellübersetzung: Doc {…} hing in einer spätnächtlichen Trübsalschleife aus der er nicht herausfand, in der er darüber sinnierte, das die Psychodelischen Sechsziger, dieses kurze Zwischenspiel des Lichts, trotz allem enden würde und dann alles verloren sei, in die Dunkelheit zurückfiele … wie aus der Dunkelheit eine gewisse Hand furchtbar ausgreifen würde um die Zeit zurückzuerobern, so einfach wie es ist einem Kiffer seinen Joint wegzunehmen und ihn ein für alle Mal auszudrücken.

Ergänzung: Einen superdollen Service bietet das amerikanische Magazin »Wired«. Die haben sich die Mühe gemacht und eine google-Map zu »Inherent Vice« erstellt: »The Unofficial Thomas Pynchon Guide to Los Angeles (ad vice versa)«.

Mehr Pynchon-Einräge in der Molochronnik:

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Thomas Pynchon: »Inherent Vice«; 68 Abschnitte in 21 Kapiteln auf 369 Seiten; The Penguin Press 2009 (gebunden); ISBN: 978-1-59420-224-7.
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