molochronik
Donnerstag, 7. Oktober 2010

»Eine andere Welt« (2) – Apotheose des Doctor Puff von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 659Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

Eine andere Welt

Apotheose des Doctor Puff.

Die Götter kehren wider.

Puff erzählt seine Geschichte und beweist, daß die Welt einen neuen Glauben brache.

Ich heiße PUFF: der Name sagt genug. Meine Ahnen sind Engländer, aber ihre Nachkommen haben sich über die ganze civilisierte Erde verbreitet. Ich bin der Stammhalter der künftigen deutschen Linie.

Ihr habt mich jung, schön, glänzend, alle Herzen erobernd gesehen; Schmeichler umgaben mich; man spannte die Pferde aus vor meinem Wagen und sich dafür ein. ― »Sel’ge Zeit, wie schnell bist Du entschwunden!«


Aber reden wir nicht in poetischen Floskeln, reden wir verständlicher. ― Poesie gilt nichts mehr, wenn sie nicht politisch ist, und ich bin zu politisch, um politische Poesie zu machen. Das überlasse ich jungen Leuten, die noch nichts sind, aber gern etwas sein möchten, und zwar so wohlfeil wie möglich.

Mein Schmerz ist ein Weltschmerz ― denn ich habe keinen ganzen Rock mehr; mein Ellbogen sieht durch den Ärmel in das kalte Leben; ich bin europamüde, denn das undankbare Europa bittet mich nicht zu Tische, sondern lässt mich hungern.

O hätte ich nicht meine Reichtümer so mit vollen Händen verstreut; jetzt könnte ich von meinen Einkünften auf dem Lande oder in der Provinz leben, Vereine stiften, Kleinkinderbewahrungsanstalten errichten, Bürgerversammlungen leiten und Collecten für wohltätige Zwecke machen, bei patriotischen Mahlzeiten den ersten Toast auf den gnädigsten Landesherrn ausbringen und zur rechten Zeit mein Schäfchen scheren, um in der Wolle zu sitzen.

Jetzt haben mir alle Leute mein Geheimnis abgesehen, besonders die Zeitungsschreiber und die Buchhändler. Jeder herumgastrollende Schauspieler weiß, was es kostet und wo er zugleich gut und wohlfeil bedient wird. Alles hat einen festen Cours und an Ruhm-Maklern fehlt es nirgends.

Es geht mit mir zu Ende; ich merke es an den Sohlen meiner Schuhe; wie sie abgelaufen sind, ist es auch meine Existenz.

Aber Puff stirbt nicht; er verwandelt sich nur. Wohlauf denn, wie metempsychometamorphisiere {Metempsychose = Seelenwanderung; griechisch für ›Reinkarnation‹} ich mich? Soll ich Mystiker werden, Homöo-Hydropath oder Tenor? Diese drei Gewerbe tragen jetzt am meisten ein.

Halt! Ich werde Mystiker und gründe einen neuen Glauben. Ich stelle ein neues theopsychophilosophisches System auf. Ich werde ein Neugott. ― Die alten Götter hat die Welt längst zu Grabe getragen. Atheismus ist eine Sünde, Neotheismus eine Tugend, eine Wohltat für das Menschengeschlecht, denn was ist der Mensch, wenn er keine Götter hat?

Ich werde ein absoluter, unpersönlicher Gott. Eine Theogonie ist ja Kinderspiel in unserer Zeit; die meinige wird ein Meisterwerk sein; sie soll die heiteren Fictionen des hellenischen mit den unbegreiflichen des indischen Mythos vermählen. Zeus und Wischnu durchdringen sich. Von Letzterem leihe ich die Inkarnation.

Gedulden Sie sich einen Augenblick, meine Herren und Damen; ich verschwinde durch diese Versenkung, ziehe mich um, incarniere mich und komme gleich wieder. Berlicki! Berlocki! Der Neo-Paganismus ist fertig. Seine segensreichen Folgen wird die Folge zeigen.«


Und der Neu-Gott Puff schuf die beiden anderen Neu-Götter nach seinem Bilde. Er verbot ihnen weder die Pfeife noch den Sackpaletot {= Ärmelloses Übergewand für Männer}, ließ ihnen Orden und Bart und auch ihre alten Namen Schwadronarius und Krack, unter denen sie den Kellnern, Marqueurs, Bierwirten und anderen gelehrten Gesellschaften wohlbekannt waren.

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