molochronik
Mittwoch, 12. Januar 2011

»Eine andere Welt« (8) – Kap. VI: Krack’s von Krackenheim Manuscript von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 690Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

VI. Krack’s von Krackenheim Manuscript.
Erstes Capitel.

Sitten. — Bevölkerung. — Gesetzte. — Allgemeine Betrachtungen.

»Ich kann nicht genau bestimmen, wie lange mein Untertauchen währte, da es bedenklich war, meinen Chronometer, wenn auch nur auf Augenblicke, dem Einfluss der Salzflut auszusetzen; irre ich nicht, so dauerte meine perpendiculare {= senkrechte} Flutfahrt drei Tage, denn ich hatte sehr mit dem Zwischenströmungen zu kämpfen und ein Zug Heringe sperrte mir lange den Weg. Nach vielen mühseligen Anstrengungen gelang es mir endlich, ihn zu durchbrechen, und ich ruhte nun auf einer Austerbank aus, wo ich frühstückte. Dann setzte ich mit frischen Kräften meine Flutfahrt fort und befand mich, als ich am Morgen des dritten Tages meine Berechnungen und Messungen anstellte, fünftausend Fuss tief unter der untersten Schwimmschicht der Walfische. Hier landete ich gleichsam auf einer Bank von feinem Sande und stellte meine in Unordnung geratene Toilette wieder her. Große Mühe machte mir meine Frisur, in der sich unzählige noch unbeschriebene Mollusken und viele den überflutlichen Naturforschern noch gänzlich unbekannte Muschelarten, die ich in einem besonderen Werke mit illuminierten Abbildungen zu beschreiben gedenke, festgesetzt hatten. Kaum war ich damit im Reinen, als ich auch schon eine große Menge von Bewohnern dieser hydrogenen Regionen um mich versammelte und mich mit seltsamen Grimassen zu meiner nicht geringen Verwunderung begrüßte. Später erfuhr ich, dass das Meer gerade seinen Fasching feiere und dass die Maskenfreiheit dieses eben nicht sehr artige Benehmen gestatte.

So viel ich mich bis jetzt zu überzeugen im Stande war, ist der Meerboden bevölkern, wie der Erdboden; die Symbolik des Mythos der Nereiden liess das schon lange ahnen. — Götter gibt es jedoch nicht mehr ihm Ocean. Proteus hat, zufolge eines Auszuges aus dem Kirchenbuche von Ichthyopolis, dem ehemaligen Fischanz, bereits am 31. Poseideon der letzten Olympiade alten Stils das Zeitliche gesegnet, und Thetis ist vor Alter kindisch geworden. Nur aus ehelicher Treue allein findet sich Helios bewogen, täglich nach seiner Ausfahrt zu ihr zurückzukehren und das feuchte Lager mit ihr zu teilen, was seinem Character als Ehemann große Ehre macht.

Die Sitten der unterseeischen Völker scheinen mir sehr sanft zu sein. Selten erhebt sich ein Streit unter ihnen. Meiner Ansicht nach hat ihre Religion große Ähnlichkeit mit dem Neo-Paganismus, doch habe ich unter ihnen Fische mit Bischofsmützen bemerkt. Eine Bande Musikanten, die auf Seemuscheln bliesen, unterbrach mich plötzlich in meinen Beobachtungen, da sie die Luft mit ihren Tönen erschütterten. Sie befanden sich an der Spitze eines ungeheueren Zuges, der sich bei mir vorüber bewegte; es war das Geleite des Fastnachtsochsen, von dem ich hier eine Abbildung beilege. Sein Gefolge war höchst geschmackvoll angeordnet und befand aus verkleideten Tieren, welche die für den Menschen leckersten Schüsseln aus ihrem Reiche darstellten. Der Ochse selbst kam von den Weidenplätzen des alten Nereus, des ehemaligen Viehmästers der Herden des Neptun. Folgendes Programm ward dazu ausgegeben.«

Programm.

In Erwägung der Schwere des Festochsen werden alle Straßen, durch die der Zug geht, dreifach gepflastert sein.

Der Fastnachtochse nimmt seinen Zug von dem Suppenmarkte nach der Austernstraße, von da durch die Rotweingasse und die Weißweingasse nach der Champangnerstraße; Halt wird gemacht auf den Puddingplatze, vor dem Würstchenschlosse und vor dem Hause des Präsidenten der Kochkunst, Excellenz, Großkreuz des Hausordens u. f. w.

Herr Cervelat, einer der ausgezeichneten unterseeischen Mäster, der zum zwanzigsten Male diesen Zug leitet, ist darauf bedacht gewesen, ihn diesen Fasching ganz besonders auszuschmücken. Der Siegeswagen, in welchem er seinem Zögling folgt, ist ganz mit Perlenmutter ausgelegt. Der Gott Romus sitzt auf dem Bock, Neptun und Amphitrite Herren Cervelat gegenüber und Najaden und Tritonen umgeben das Fuhrwerk.

Diejenigen geehrten Feinschmecker, welche ein Beefsteak von dem Festnachtsochsen zu haben wünschen, werden gehorsamst ersucht, sich eigenhändig in den Listen einzuzeichnen, welche bei dem Restaurator Herrn Lendenbraten ausgelegt sind, woselbst auch täglich von 7 Uhr Morgens bis Mitternacht delicate frische feine Hirnwurst mit Trüffeln zu haben sind.

Anordnung des Zuges.

Der Zug verlässt die reichen Magazine des Herrn Kochgut, um sich zu den unterseeischen erwählten Magistratspersonen zu begeben. Die Stopfer, Nudler, Mäster, Züchter, Führer, Käufer, Vorleger, Esser u. f. w. Abgerechnet: besteht aus folgenden Mitgliedern:










1. Fasanierter Hase.5. Bekrümelte Ente.9. Kapauniertes Wildschwein.
2. Umgefischte Gans.6. Gehechtete Kriechente.10. Gebratener Schwein-Truthahn.
3. Gelachster Hummer.7. Turtel-Schnecke.11. Ente mit Oliven.
4. Rebhuhn mit Krebsschwanz.8. Gebackener Frosch.12. Reh mit Hahnenkamm.

»Da auf der Erde Tag war, so erhellen hier unten Fackeln den Zug. Bei sinkender Nacht begann die Morgenröte zu erscheinen und nun eilte alles auf den Ball, welcher in einer azurnen Grotte mit Perlmuttermauern statt fand, deren von den zurückgeworfenen Strahlen der Sonne beschienene Stalactiten wie goldene Kronleuchter glänzten. Die Tiere trugen eben so einfache wie geschmackvolle und malerische Maskenanzüge. Ein junges sehr zartes Lamm eröffnete den Ball mit einer schon etwas altlichen Frau Panther; dieses Paar, das kaum auf den Pfotenspitzen walze, fesselte ziemlich lange meine Blicke. Dann werde ein reizender Contretanz von Affen und Affeninnen, die wie Windspiele frisiert waren, aufgeführt und diesem folgte eine Menuet voll Anmut und Bescheidenheit.


Ein Fuchs tat sehr schön mit einer Henne und ein kokettes Rebhuhn wußte trefflich einen von seinen Reizen hingerissenen Wachtelhund zu beschäftigen. In einem nicht sehr erleuchteten Seitengage machte ein Bär einer Scholle den Hof und bot ihr seine Equipage an, um sie nach Hause zu begleiten; ein Hahn verfolgte eine Löwin so heftig mit seinen Liebesanträgen, dass sie sich kaum zu retten wusste, und eine Gazelle schleifte einen jungen Tiger, ihren Geliebten, den sie bei einem Stelldichein mit einem Windspiel von der Oper überrascht hatte, an den Haaren fort. Überall herrschten Freude, Lust, Scherz und Lebendigkeit.


Ein allgemeines Lärmen verkündete das Ende des Maskenballs die feineren Besucher waren schon lange fort. Viele schliefen, Andere schwatzten, Viele waren unwohl; man hätte glauben sollen, auf der Erde zu sein. Den Bechluss machte ein Charactertanz, den ein junger Enterich mit einer jungen Ohreule aufführte und welchem der schon bejahrte Gatte der Letzteren, wenn es nicht ihr Vater war, was auch möglich ist, gravitätisch zusah. Nie habe ich mich so sehr …«


Hier unterbrach sich Puff plötzlich im Lesen und rief: »Heureka!« …

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