molochronik
Donnerstag, 10. März 2011

»Eine andere Welt« (11) — Kap. IX: Das Reich der Marionetten von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 706Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

IX. Das Reich der Marionetten.

Im Lande der Marionetten ist das Gliedermännchen König.
Hegel.
Die Pirouette erfordert den ganzen Menschen, vom Hirn bis zur Fußsohle.
Aus Mäulchens Ästhetik.

Die Erklärung dieses Kapitels wird sich finden.

Müde, die Vögel um ihre Ansicht vom Menschen zu befragen, war Schwadronarius eingeschlafen und hatte seinen Ballon von den Luftströmungen forttreiben lassen. Nach einiger Zeit — so ungefähr in der Mitte zwischen einer Minute und einem Jahr — wachte er von einem starken Stosse, den sein Schiffchen erhalten, auf, und sass nicht im unendlichen Raume, wie er geglaubt hatte, sondern auf dem Dache eines Hauses fest.

»Wäre ich auf die Erde zurückgesunken?«, rief er erschreckt, die Blicke umherwerfend, aus. Was er gewahrte, war auch eben nicht geschaffen ihn zu beruhigen, denn von der Höhe des Observatoriums, das ihm der Zufall angewiesen, erblickte er Strassen, Läden, Müssiggänger, Wagen, Karren, kurz alles, was eine Stadt characterisiert. Er versuchte nun sich wieder empor zu schwingen, aber sein Ballon hatte einen Riss bekommen und musste erst wieder geflickt werden. Für’s Erste war also Nichts zu tun, als vor Anker zu gehen; er faltete daher seinen Luftballon zusammen, steckte ihn in die Tasche und stieg durch ein Mansardenfenster, das zufällig offen stand, in das Haus hinein.

Es war eine Wohnung, wie eben alle Wohnungen sind. Schwadronarius kam bis zum ersten Stock ohne Jemanden anzutreffen. Er setzte sein Reise bis zu der Loge des Portiers fort. Dort sah er einen Mann in einem Lehnstuhl sitzen und einen Glockenzug in der Hand halten. In dieser Loge herrschte die bewundernswerteste Ordnung und die vollkommenste Unbeweglichkeit. Vor dem Kamine lag eine schlafende Katze, die nicht einmal mit den Augen zwinkte oder ein Haar ihres Felles regte; eine Uhr zeigte genau die Stunde, ohne dass sich der Perpendikel auch nur leise schwang, geschweige denn tickte oder den Zeiger sichtlich vorwärts trieb. Der Excapellmeister näherte sich dem Portier um ihn zu fragen, wo er sich eigentlich befinde; der wachsame Hüter nickte zwei Mal mit dem Kopfe, kurz und abgemessen, drehte die Augen erst rechts dann links und versank darauf wieder in seine alte Unbeweglichkeit, so dass Schwadronarius trotz allen Bemühungen ihm keine andere Antwort zu entlocken im Stande war. Ungeduldig ging er nach der Haustür, die einem Drucke seiner Hand nachgab und sich, nachdem sie ihn herausgelassen, hinter ihm sogleich von selbst wieder schloss.

Er kam nun auf die Strasse, an deren Ende er ein großes hölzernes Gebäude erblickte mit der Inschrift

THEATER.

Dort war aber weder Casse, noch Controlle, noch Garderobe, so dass er ohne Weiteres in einen leeren Saal trat und sich in einer Loge hinsetzte, in der sich Niemand befand. Plötzlich brannten siebzehntausend Gasflammen, wie durch Zauber angezündet. Da sah er in einer Loge des Amphietheaters ein Gliedermännchen, das zwei Mal in die Hände klatschte und rief: »Anfangen!«

Der Vorhang ging auf, und Schwadronarius sah an den Decorationen, den Anzügen, den Soffiten, dass ein ihm bekanntes Ballett »Die Liebe der Venus« gegeben wurde. Es begann mit einem von Tascgebjrevseb ausgeführten Pas de Trois; die Nymphen wurden von Mäusen, die Cyclopen von Rosskäfern dargestellt, die den berühmten Ambosstanz tanzten, mit welchem der erste Act endigte.

Schwadronarius tat, was Jeder an seiner Stelle getan haben würde; er ging hinaus, um frische Luft zu schöpfen und Erkundigungen enzuziehen. Als er auf den Markt kam, sah er das Gliedermännchen aus dem Amphietheater, welches die Gläser in einem großem Transparent wechselte; alsbald trat Mondlicht an die Stelle des Sonnenscheins.

Zur selben Zeit erblickte der Capellmeister einen Menschen, der auf ihn zukam, und dessen ganze Beschäftigung darin bestand, seine Lorgnette vor die Augen zu halten und sie dann wieder auf die Brust fallen zu lassen. Alle Bewegungen dieses Individuums schienen durch einen inneren Mechanismus geregelt zu werden.

»Hätten Sie wohl die Gewogenheit, mein Herr, mir zu sagen, in welcher Stadt ich mich befinde?«, fragte ihn Schwadronarius sehr höflich, Jener setzte aber seinen Weg fort ohne auch nur die mindeste Notiz von ihm zu nehmen.

Unser Reisender fand, dass die Einwohner dieser Stadt noch gewaltig in der Cultur zurück seien, und betrachtete nun die Gegenstände, die ihn umgaben, mit sorgfältiger Aufmerksamkeit. Der Marktplatz war mit einem Brunnen geschmückt, aber das Wasser, das aus demselben floss, war von Glas nachgemacht und drehte sich um sich selbst, wie das künstliche Wasser einer Tischuhr mit Federn, die einen Brunnen darstellt. Wagen fuhren vorrüber, jedoch nicht weiter als bis zu einer gewissen Stelle, wo sie umkehrten, wieder nach der entgegengesetzten Seite auch bis zu einer gewissen Stelle und so regelmäßig hin und her rollten.

Der Herr mit der Longrette ging in das Theater; Schwadronarius folgte ihm, weil er vermutete, dass der Zwischenact zu Ende sei. Dies Mal fand er alle Plätze besetzt. Elegante Damen ließen ihre Fächer spielen, Andere lächelten beständig, wieder Andere drehten abwechselnd den Kopf, rechts und links. Unter den Männern gähnten Einige, Andere legten den Kopf auf den Arm und schliefen, wieder Andere neigten sich zu ihren Nachbarn.


Das Seltsame bei Allem diesem bestand darin, dass Jeder stets dieselbe Bewegung machte und dieselbe Stellung fortwährend behauptete.

Das Gliedermännchen klatschte von Neuem in die Hände und der zweite Act bekann. Schwadronarius geriet in einen wunderbaren Zustand und schrieb mit folgenden Worten die empfangenden Eindrücke in seinem Tagebuche auf.

Ich ward im Geist entzückt und sah ein Weib,
Das tanzte, ganz in Mousselin gekleidet,
Mit Gold- und Silbersplittern reich besetzt;
Es hatte Flügel an von Silberzindel
Und eine Krone auf von Similor.

Vor jener Bühne unten waren Sitze
Mit rotem Wollensammet überzogen
Und auf den Sitzen thronten Händepaare,
Die sonder Augen, Geist und Kunstsinn waren.
Das erste Paar trag gelbe Handschuh zierlich.
Das zweite Paar glich Menschenpfoten ganz.
Das dritte war ein Paar von Krabbenscheeren,
Das vierte Schlägel nur von Fleisch und Bein,
Die anderen leere Flaschen oder Gläser.

Rings um die Bühne schwangen sich empor
Entflammte Greisenherzen, Schreibefedern
Und Weihrauchfässer. Unten waren auch
Gar sonderbare unsichtbare Tiere;
Das Erste schrie gerade wie ein Esel,
Das Zweite weinte wie ein saugend Kalb,
Das Dritte endlich brüllte wie ein Löwe,
Der eine Cigarette raucht dazu.


Kaum war diese Vision — denn eine solche musste es sein — vorrüber, als Schwadronarius eine neue Tänzerin sah. Sie hatte einen Leib von Fichtenholz, Arme von Steinpappe und Beine von Kork.


Der Zuschauerraum füllte sich plötzlich mit Bärtigen und Schnurrbärtigen, welche einstimmig schrieen: »Brava! Vivar due Cachucha

Das Gliedermännchen in der Loge liess ein ›Brrrtt‹ hören, was so viel heissen sollte wie: »Sehr gut!«

Nun trat ein Tänzer auf, dessen ganzer Köprer aus Werg und Baumwolle gemacht war.


Dieser wurde kalt aufgenommen; als aber gleich darauf zwei Tänzer mit Springfedern in den Gliedern erschienen, da kannte der Enthusiasmus keine Grenze.


Das Gliedermännchen schwang sich, wie auf ein Pferd, auf den Rand seiner Loge und rief: »Wunderschön! Genau wie drunten!«

Gleich nachher leerte sich das Schauspielhaus, die Gasflammen erloschen, und als Schwadronarius auf die Strasse kam, war sie öde und verlassen.

»Ich gäbe meinen Titel als Neu-Gott darum«, sagte er, »wenn ich wüsste, wo ich bin und was die Uhr ist. Hätte ich nur Feuer, meine Cigarre anzuzünden; rauchen ist nachdenken.«

In diesem Augenblicke ging Jemand mit einer Laterne vorrüber. — Schwadronaius fragte, was es geschlagen habe; — keine Antwort. Nun wollte er die Cigarre anstecken, da sah er entsetzt, dass die Flamme in der Laterne keine wirkliche Flamme sei. —

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