molochronik
Montag, 3. Oktober 2011

»Eine andere Welt« (20) – Kap. XVIII: Ein Nachmittag im zoologischen Garten (2) von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 750Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

XVIII. Ein Nachmittag im zoologischen Garten

Alle Gattungen sind gut, nur nicht die unbekannte Gattung.
Aristoteles.

Fortsetzung und Schluß des Vorigen.

»Ein gewaltiger Lärm, nicht weit von mir, mit Gelächter, Geschrei und anderem Toben untermischt, reizte meine Aufmerksamkeit. Ich begab mich dorthin und sah Individuen jeder Art, jedes Alters, Geschlechts und Standes; Näherinnen, Soldaten, Kindermädchen waren es, die den Rand einer weiten und tiefen Grube besetzt hielten. Es kostete mir einige Mühe, einen Platz zu finden. Doch gelang es mir endlich, Dank den Bemühungen einer alten Frau, welche mit Fischen, jungen Hunden und Kätzchen handelte, die, wie ich später erfuhr, den Bewohnern der Grube als Leckerbissen hingeworfen werden. Die hier aufbewahrten Bestien sind alle zweiköpfig; ihr zweiter Kopf sitzt nämlich am Ende der bekannten Verlängerung der Rückenwirbel, die man im gewöhnlichen Leben Schwanz zu nennen pflegt. Sie erfreuen sich sämmtlich auch doppelter Organe der Verdauung, vermittelst deren sie beständig zu fressen vermögen, denn wenn die Vorderseite satt ist, fängt die Hinterseite an ihren Hunger zu stillen, und ist sie befriedigt, so hat jene neuen Appetitt bekommen, zur fortwährenden großen Ergetzlichkeit des Publikums.


»Einer meiner Nachbarn erzählte mir, daß der Sohn eines Karpfens und einer Häsin in die Grube gefallen und alsbald doppelt verschlungen worden sei von dem jüngsten dieser Bären, der gerade, als ich ihn sah, sich anmutig auf die Vordertatzen stellte und seinen hinteren Schlangenhals lang ausstreckte, um ein Stück Kuchen zu erhaschen. Ein Soldat, der seinen Tzschako hate haschen wollen, den ihm der Wind vom Kopfe gerissen, hatte das Unglück, vom Hinterrüssel eines anderen Doppelrachen gepackt und in die Ewigkeit geschleudert zu werden. Man zeigte mir den Urheber dieser Missetat; er schließ als Elephant und spielte als Stör mit einer Kugel. Der Katalog ist voll von solchen Tatsachen; ich führe sie jedoch nicht an, damit man mich nicht des Plagiats beschuldige.

»Von Vögeln hatte ich bisher nur die heraldischen gesehen; jetzt aber befinde ich mich vor einem großen Vogelheerde. Das Verzeichnis liefert folgende Notiz über diese gefiederten Wesen.

Provisorische Gattungen

»Wir sind bis auf weiteres gezwungen, unter dieser Benennung diejenigen Vögel zusammen zu fassen, welche die Wissenschaft noch nicht zu klassifizieren vermochte; nicht als ob sie darauf Verzicht leistete (die Wissenschaft leistet auf Nichts Verzicht), sondern weil die Akademie noch nicht die Zeit hatte die Wörter zu bilden, welche dazu dienen sollen, diese neuen Gattungen zu bezeichnen. Vierzig Akademiker sind fortwährend damit beschäftigt und schon ziemlich weit vorgeschritten. Der erste Teil dieser Namen ist schon erfunden — denn jede scientistische Benennung muß aus zwei Teilen wenigstens bestehen — und der zweite Teil wird auch bald folgen. Diese Nomenklatur muß wenigstens jedem Gebildeten verständlich sein, bis zur Vollendung derselben muß es aber den Freunden der Naturwissenschaften anheim gestellt bleiben, wie ihre Phantasie diese Geschöpfe zu charakterisieren für gut findet.

»Das würde mich zu lange aufhalten, ich verzichte darauf. Übrigens täten die Gelehrten dieses Landes wohl daran, sich selbst zu bestimmen, ehe sie die Tiere bestimmen. Die sonderbare Erscheinung eines Menschenkopfes auf einem Tierkörper wiederholt sich jeden Augenblick und noch ist es keinem Philosophen gelungen, die Grundbedingungen dieses sonderbaren Dualismus zu ermitteln.

»Einige Besucher dieses Gartens hatten zu gleicher Zeit mit mir vor dem Vogelheerde Halt gemacht. Unter ihnen war ein kleiner Greis, halb Mensch halb Papagei, der tortz dem offiziellen Verbot einen geflügelten Lachs neckte; neben ihm stand seine Gattin, eine Dame, deren Körper in den Schwanz eines Haifisches auslief. Ihr Söhnchen, das sie an der Hand führte, fraß Gerstenzucker und stand auf den Füßen eines Kückens.


»Meine Verwunderung steigt; ich öffne von Neuem den Katalog und setze meine merkwürdigen Forschungen fort.

Die Hybriden

»Wiederkäuende Vögel, geflügelte Vierfüßler, vielhufige Insekten; alle diese Tiere sind im zoologischen Garten geboren, man verdankt diese Mischlinge der Sorgfalt des Herrn Professors der Zoologie. Sie zeugen wiederum gekreuzte Arten, welche unzählig sind wie die des Pflanzenreichs.

»Als die merkwürdigsten führen wir an: den Hirschstorch, den Bockfloh, den Gemsenkasuar, den Schneckenhasen, den Schneckenschmetterling, den Eulenkater, das Ibismandrill, die Stachelschweinmücke.


»Die Giraffenrhinoceros und Elephantenkäfer bilden eine eigene Klasse unter dem Namen: Läufer, welche keiner ethymologischen Erläuterung bedarf; sie lassen sich leicht zähmen und wären vortrefflich zum Reiten zu gebrauchen, da sie den Lokomotiven an Schnelligkeit gleich kommen. Die Regierung hat eigene Landesgestüte für ihre Erhaltung und Vermehrung errichtet und mehrere Liebhaber von Wettrennen folgten diesem erhabenen Beispiel. — Vermittelst dieser lobenswerten Bemühungen wird bald viel Geld im Lande bleiben.


»Alle diese äußerst friedlichen und sanftmütigen Tierarten leben sehr vertäglich in einem Teil des ihnen bestimmten Parks zusammen.

Nun komme ich zu einer großen Gallerie; sie ist für das Mineralreich eingerichtet, wie der Katalog besagt. Werfen wir uns auf das Mineralreich.

Krystallisationen
Petrefakten, Stalaktiten

»Die menschliche Intelligenz weiß den Erdball ihrem Willen zu unterwerfen; indem sie die Natur kopierte, stellte sie sich ihre gleich und entlieh ihr Farbe und Form.

»Die Architektur entwickelte sich ganz aus den verschiedenen Kystallisationen, Petrefakten und Stalaktiten. Die ägyptischen Pyramiden, die griechischen Säulenordnungen und die gothischen Spitzen haben keinen anderen Ursprung. Der Mensch schöpfte seine sinnreichsten und anmutigsten Erfindungen aus den Launen der Natur; er hat ihr Alles abgeborgt, von der Baukunst bis zu den Schmucksachen, von den Palästen bis zu den Telegraphen, von den Ordenskreuzen bis zu den Lichtauslöschern, von den Zuckerhüten bis zu den Pfundbroden, den Würfeln, den Dominosteinen u.f.m.



Seepflanzen, Muscheln, Madreporen.

»Wir haben eben gesehen, wie der Mensch von der Natur das Geheimnis der Künste borgte; jetzt überraschen wir die Natur, wie sie von dem Menschen Vorbilder entlehnt. Was sind denn die Seepflanzen anderes als eine genaue Reproduktion von Spitzen, Schnüren, Bürsten, Schirmen, Epauletten, Pompons, Federbüschen, Toupets, Kämmen und dergleichen mehr?




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