molochronik
Donnerstag, 17. November 2011

»Eine andere Welt« (22) — Kap. XX: Aerostatische Lokomotionen von Grandville und Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 754Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

XX. Aerostatische Lokomotionen

Ihr, so da fliegen wollen,
Betrachtet Ikarus,
Den naseweisen tollen,
Er kam zu bösem Schluß,
Phoebus ist ihm gestiegen
Alsbald zu Kopfe stracks.
Drum wißt: Man wird nie fliegen
Mit Fittigen von Wachs.
Griechischer Hymnus.

Die Herrschaft des Dampfsystems liegt weit hinter uns und hat sich ganz überlebt.
Ein moderner Philosoph.

Doctor Puff, Neugott, führt nach einander auf verschiedene Weise mehrere Luftfahrten aus, kehrt mit ungewöhnlicher Schnelle auf die Erde zurück und findet hier einen ganz unverhofften Empfang.

Das traurige Ende einer Unsterblichkeit, der Puff die Augen zudrückte, veranlasste den Doctor zu ernsten Selbstbestrachtungen. Als Neugott sah er sich von ewiger Langeweile bedroht, und glaubte schon dies schleichende Gift in seinen Adern zu fühlen, so daß er sich nach seiner früheren bescheidenen Niedrigkeit zurücksehnte. Nachdem er von den Blumen freundlich Abschied genommen, deren Familienleben und gesellschaftlicher Organismus sein Gepäck von Beobachtungen vermehrt hatte, beeilte er sich den Garten zu verlassen, indem er sich sogleich die in solchen Fällen üblichen Fragen vorlegte.

»Wohin wende ich mich! Wohin wende ich mich nicht? Gehe ich bergan oder bergab, in die Länge oder in die Breite, in gerader, schiefer, kreisförmiger, diagonaler, horizontaler oder senkrechter Linie? Was soll ich tun um vor Erwartung keuchende Leser und Verleger, deren einzige Hoffnung auf meinem Genie beruht, zufireden zu stellen?«

Diese Fragen erwägend, fiel es ihm plötzlich ein, daß er kürzlich den Titel eines Buches gesehen, welcher lautete: »Die Reise ins Blaue«. — »Hurrah!«, rief er. »Ins Blaue! Gerade hinein, so ist’s recht und Zickzack obendrein!«

Diese Reise alsbald anzutreten war ihm ein Geringes, nur fehlte ihm noch irgend eine bewegende Kraft. Nicht weit davon sah er Arbeiter an einer Eisenbahn damit beschäftigt, für den künftigen Schienenweg Felsen zu sprengen und Abgründe auszufüllen. »Arme Leute!«, sagte er, und konnte nicht umhin die Achseln zu zucken und mitleidig zu lächeln, als er seinen, von ihm in einer schlaflosen Nacht erfundenen, einfachen und doch blitzschnellen Mechanismus mit diesen kostspieligen und doch weit hinter der Gegenwart zurückgebliebenen Mitteln zur Bewegung im Raume verglich. Demungeachtet verschmähte er indessen doch nicht, sich jener zahlreichen und kräftigen Arme zu bedienen, um seiner Maschine die notwendige Kraft zu verleihen. Dann setzte er sich auf dem einen Ende seiner Zugbahn, wie er sie nannte, hin, und befand sich in weniger als einer Drittelsekunde auf dem Gipfel eines Berges, den die Geographen nich immer vergessen haben, in den Landkarten aufzuführen.


Nachdem er abgestiegen war um die Gegend in Augenschein zu nehmen, fand er den Boden mit Papierdrachen besät, die ihre Bindfäden zerrissen und sich hier ein Stelldichein gegeben hatten. Dies schien ihm ein vortreffliches Mittel um sein Aufsteigen zu befördern, weshalb er auch keinen Augenblick zögerte, sich Hüften, Füße und Arme mit dem neuen aerostatischen Apparat gürtete und gleich weiter in die See des Aethers stach.

Anfangs ging es ganz vortrefflich und der Wind blähte seine Segel; bald aber lähmten widrige Luftströmungen die Kraft seines Vorspanns und er blieb eine halbe Stunde unbeweglich, wie ein Fixstern. Diese Situation fing an ihm mehr als seltsam vorzukommen, da ergriff ihn plötzlich eine günstige frische Kühle, und setzte ihn bei einer verlassenen Windmühle, die er durch die Dunstwolken hindurch bereits erblickt hatte, nieder.


Puff warf jetzt seine Flügel in alle Winde und ging in die Mühle; durch eine Öffnung, von der aus seine Blicke Land und Meer überschauten, sah er plötzlich die Wogen schäumen, kochen und aufwirbeln und ihm am Ende einer elastischen Spindel eine Depesche zuschleudern, die er voll Eifer ergriff, da er auf der Adresse Kracks Handschrift erkannte. Wir werden ihren Inhalt jedoch erst später mitteilen.


Indem er noch über die Mittel nachsann, durch deren Hilfe die dritte Phase seiner aerostatischen Odyssee sich erfüllen könne, sah Puff in einem Winkel alte Papiere und unter diesen das Hauptbuch des verschwundenen Müllers. Der Neugott durchlas dasselbe und es belehrte ihn, daß das eben so kühne als sinnreiche Werk, in welchem er sich befand, gebaut worden sei, um Tannen-Sägemehl in Griesmehl zu verwandeln. Die letzten Zeilen des Buchhalters berichteten, daß die Aktieninhaber zusammenberufen worden, um das Unternehmen auszulösen und das Inventarium sammt dem Gebäude zu verkaufen.

Gerade als unser Neugott diesen traurigen Trümmern großartiger Spekulation eine Zähre des Mitgefühls weihte, erschütterte ein heftiger Windstoß das luftige Haus. Puff erkannte alsbald den Nutzen der daraus zu ziehen war.

»Was Flügel hat, dessen Beruf ist es zu fliegen; eine Mühle hat Flügel, ergo«, lautete sein höchst logischer Schluß, der so vollendet war, daß er ihn gar nicht vollenden brauchte.

»Vorwärts«, rief er, »die Augenblicke sind kostbar und die Wirtshäuser sehr dünn gesät in diesem Landstrich.«

Bei diesen Worten machte er den Mühlstein los und warf ihn als überflüssigen Ballast hinaus. Die erleichterte Mühle erhebt sich von einem Windstoß gefasst in die Luft; ihre vier Flügel fangen an rasch zu arbeiten und von Neuem durchschneidet unser Neugott den blauen Aether.

Wechselweise der Erde nahe kommend und sich von ihr entfernend, erschien diese wunderbare Maschine, wunderbarer als die, welche dem Ritter von der Mancha wie ein Riese mit tausend Armen vorkam, um ihm Trotz zu bieten, der ganzen zivilisierter Welt als etwas unendlich Wunderbares; denn sie forderte die Vögel zum Wettflug heraus und entthronte den Dampf. Überall wurden, um sie zu begrüßen, die Hüte geschwenkt und mit den Taschentüchern wurde geweht.


Berauscht von diesem allgemeinen Enthusiasmus, der sich durch lautes Freudengeschrei äußerte, überhäuft mit Ruhm, aber nicht gesättigt, strebte Puff nach Erfolgen die noch weit größer waren. Die Idee, die Mühlenflügel an seinen eigenen Leib zu heften, fährt ihm wie ein Blitzstrahl durch den Kopf, und wird eben so schnell von ihm verwirklicht. Aus seiner fliegenden Arche, zum großem Erstaunen der verblüfften Menge steigend, erscheint er plötzlich wie ein ungeheurer Condor in den Lüften schwebend; dann aber nimmt er einen neuen Aufschwung und verschwindet jenseits der Wolken.

Aber ach, jedes Gestirn hat seine Erdferne und Erdnähe, seine Sonnennähe und Sonnenferne. Von seinen kühnen Flügeln getragen schwebt er über dem flammenden Krater eines Vulkans hin schon riecht einer von seinen Flügeln versengt…. Er verliert das Gleichgewicht — er wirbelt, im vollsten Sinne des Wortes … Himmel! Was soll aus ihm werden? Zerschmettert er seinen Schädel an einem Felsen, spießt er seinen Leib auf einer Kirchturmspitze, oder wird er, ein neuer Ikarus, dem Meere, das ihn verschlingt, seinen Namen geben?


Nein! Beruhigen Sie sich, gefühlvolle Leserinnen; Puff ist ja unsterblich. — Liebliche Schäferinnen, holde Schnitterinnen, vereinigt um den kühnen Hauptschmuck der Wiesen zu scheeren, haben den Tauber bemerkt, den des Jägers tödliches Blei traf. — Sie eilen herbei, um seinen Fall zu mildern; ihre Arme und ihre Schürzen strecken sich in edelstem Wetteifer aus, diesen göttlichen Mondstein aufzufangen. Glycere, Amaryllis, Phyllis, Galathee, Mimili, haltet Euch tapfer und mögen Eure Schürzen aus festem Gewebe sein!

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