molochronik

Dirk van den Boom: »Tentakelschatten«, oder: Ich mach Dich zur Schnecke!

Eintrag No. 664 — In meinem Wochenrückblick No. 23 habe ich bereits meine Überraschung verkündet, dass ich nach der Hälfte der Lektüre mit diesem Roman ziemlich zufrieden bin, lasse ihm aber gerne einen richtigen Rezi-Eintrag angedeihen. Ich wiederhole hier, was ich im Wochenrückblick schon vorausgeschickt habe: zum ersten, dass Militär-SF eigentlich nicht so mein Ding ist, und zum zweiten, dass, obwohl ich viel Lob für »Tentakelschatten« von Leuten hörte, denen ich einen guten Geschmack bescheinige, ich hin und her gezögert habe, ob ich den Kauf wagen soll, zu einem Gutteil deshalb, weil mir bisweilen Dirk van der Booms Selbstinszenierung mittels seiner Kommentare in einigen Genre-Foren kreuzunsympathisch ist (man möge mir diese Antipathie-Bekundung nachsehen, aber ich finde, solche Dinge spielen eine wesentliche Rolle bei der Lektüre von Romanen, sei es, dass derartige Vorurteile den Lesegenuss vergällen, oder, wie nun, zu unerwarteten, angenehmen Überraschungen führen. — Womit stießen mir Dirks Kommentare bisweilen vor’s Gemüt? Na-ja, mit gewissen, für mich nicht vollends eindeutig als ironisch {oder doch nicht-ironisch?} kenntliche Macho-Attitüden, Geld- & Schnelle-Auto-Verherrlichungen. Damit mag ich mich als Simpel zu erkennen geben, aber so bin ich nun mal.)

Meine ›schlimmste‹ Kritik betrifft nur einen Punkt und kann hier gleich zu Beginn schnell abgehandelt werden: aus dem Buch sind, und ich las die dritte Auflage, immer noch nicht alle Tipp- und Satzfehler ausgemerzt. Etwa ein halbes Dutzend sind mir noch aufgefallen.

Zur Story: Diese besteht aus der einfachen und SF-Fans allseits vertrauten Standardsituation, dass fremdartige Außerirdische — etwa zwei Meter große Schneckenmonster, die Menschenhirne als Dünger für ihren Nachwuchs nutzen — mit ihren vielen vielen Schiffen eine von dieser Erstkontakt-Invasion völlig überforderte Menschheit überrumpeln.

Handlungsstrang No. 1 bietet die militärische Perspektive mit Raumschiffen. Da ist am Rande der menschlichen Einfluss-Sphäre ein abgenudeltes Patrouillenschiff unterwegs. Die Menschheit hat vor nicht allzu langer Zeit einen Bürgerkrieg (Kolonien gegen Zentrum, und die Kolonien haben verloren) hinter sich gebracht, und die Besatzung der Malu besteht aus während des Bürgerkriegs in Ungnade Gefallenen und Karriere-Verlierern, angeführt vom moralisch aufrechten aber desillusioniert-verbitterten Jonathan Haark. Schon hier kann ich van den Booms Tugend der pfiffigen Details lobend erwähnen, wenn er schildert, wie der Schiffskoch mit zweifelhaften Rationen umgeht; warum es besser ist, einem Säufer am Pult zwischendurch eine Pause zu gönnen; und unter wessen Pult entsorgte Kaugummis pappen.

Handlungsstrang No. 2 liefert die militärische Perspektive von der Planetenoberfläche. Die Marinesoldatin Rahel Tooma hat sich nach ihrem Rückzug aus der Truppe auf der Farmkolonie Lydos niedergelassen. Lydos ist einer der ersten Planeten, der von den Tentakeln angegriffen wird, und Rahel organisiert zielstrebig die Flucht und Verbunkerung der Bedrängten in die ausgedehnten Dschungelgebiete. — Natüüürlich ist hier erwähnenswert, dass Rahels lesbische Orientierung nicht nur eine flüchtige Nebensächlichkeit bleibt, sondern anhand einer etwa 2 Seiten langen Sexszene schön veranschaulicht wird (a la ›Entspannung & Belohnung für die tapfere Überlebenstrupp-Anführerin‹). Hier kann ich auf das m. E. nach vorhandene ›Klischee‹-Verwertungsgeschick van den Booms hinweisen, denn Sexszenen sind ja berüchtigt heikel zu schreiben (und zu lesen). Ich hab geschmunzelt, aber nicht über das Ungeschick des Autors, sondern weil Sex, sobald man ihn mehr als ein paar Zeilen lang beschreibt, mich immer zum voyeuristischen Schmunzeln bringt, vor allem, weil die deutsche Sprache hier schnell lächerlich wirkt. (Und solch Schmunzeln ist dann vergnüglich, wenn die Sach nicht bricht, einknickt, platzt oder hintüberkippt, sondern eben schmatzt und flutscht wie hier … dann passt mir das durchaus in den Kramlechz).

Handlungsstrang No. 3 konzentriert sich auf die informations- und nachrichtendienstlichen Aspekte der Bedrohung. Der geniale Autist De Burenberg auf der Station Thetis puzzelt als erster aus der Datenflut zusammen, dass der Menschheit eine große Bedrohung aus dem Unbekannten zu Leibe rückt. Sehr amüsant, wie er und sein Verbindungsoffizier in weiterer Folge im vierten (dem politischen) Handlungsstrang ihre liebe Not damit haben, TrottelBürokraten und IntrigenHengste von den Fakten zu überzeugen. Mit dem politischen Handlungsstrang lernt der Leser zudem auch die Zustände der höchsten Machtzirkel auf Terra kennen.

Der einzige Handlungsstrang, mit dem ich etwas, aber nicht allzu unzufrieden war, schildert die Invasion aus Sicht des ersten Tentakelscouts. Für mich kann ein Text kaum zu exotisch oder zu exzentrisch werden, wenn es gilt, etwas wahrhaftig Un-Menschliches und Außerirdisches darzustellen. Dass van den Boom auf Nummer Sicher geht, mag ich ihm nicht objektiv ankreiden, ist doch meine leichte Enttäuschung bedingt durch meine Vorlieben für, und mein Verlangen nach Abwechslung stiftenden, richtig befremdlichen Alien-Seltsamkeits-Passagen. — Um genau zu sein: ich finde es ›schade‹, aber nicht ›schlecht‹, dass Dirk hier nicht versucht, dem Fremden eine höchst-eigene Sprache, Perspektive und Erzähl-Struktur zu verleihen.

Die Lehre, die ich Lesern und Autoren aus meinem Gefallen an »Tentakelschatten« liefern kann, lautet: mir ist ein gradliniger, einfacher Reisser lieber, wenn er schreibhandwerklich solide verfasst ist, meine Zeit nicht mit nervig vielen Wiederholungen bereits gelieferter Infos vergeudet, als ein ambitionierteres Werk, das mit inkonsequenten Stil und zu fahrig gestricktem Erzähl-Gewebe stresst. — Van den Boom versteht es, Äktschn, Hintergrundinfos, Charakterentwicklung mundgerecht strukturiert kurzweilig aufzufädeln. Meine Sympathie kann der Autor aber insbesondere mit einem ständig präsenten Hintergrundthema für sich gewinnen, wenn er darlegt, wie Korruption, Vetternwirtschaft, Bequemlichkeit und Misswirtschaft die logistische, personelle und nachrichtendienstliche Effektivität der Menschensphäre schwächt (die heraus lesbare Ähnlichkeit mit unserer gegenwärtigen Gesellschaft stiftet einfach zu wohl tuendende Effekte). — Am Ende des Buches, nach vielen bitteren Niederlagen und nur wenigen hoffnungsstiftenden kleinen Siegen sieht der Leser die Menschheit denkbar schlecht gegen die Übermacht der fremdartigen Tentakelschnecken-Invasoren aufgestellt.

Ich bin mehr als geneigt, in den kommenden Monaten auch zu den Folgebänden »Tentakeltraum« und »Tentakelsturm« zu greifen, wenn mich in Zeiten besonderer Anforderungen durch meinen Brotjob das (hoffentlich verzeihliche) Verlagen überkommt, schlicht eine ›nur‹ vergnüglichen ›Eskapismus‹ fördernde Arbeitsweglektüre genießen zu wollen. — (Und Dirks mich empörende Foren-Entgleisungen werde ich fürderhin mit größerer Milde zu lesen verstehen, eingedenk meines nun vorhandenen Respekts für ihn, dass der Mann eben Ahnung hat, wie man das ›wenige‹, was man sich als Unterhaltungsautor vornehmen kann, befriedigend umsetzt.)

Interessant und damit lesenswert ist der Lesezirkel zum Buch bei SF-Fan.de.

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Dirk van den Boom: »Tentakelschatten«; 33 Kapitel auf 208 Seiten; Atlantis Verlag 2007 (Dritte Auflage 2008); ISBN: 3-936742-82-0.

Molos Wochenrückblick No. 23

Eintrag No. 661Habe mit Hilfe von ›Google Font‹ (genauer: den Schriften ›IM Fell Great Primer‹ {für Überschriften}, ›IM Fell English‹ {für Fliesstext} und ›Cantarell‹ {für Zitate}) die Molochronik aufgehübscht. Hoffe, auf Euren Browsern kommen die neuen Schriften genauso fein rüber, wie bei mir. Während der letzten Woche gabs vielleicht für den ein oder anderen Eurer Browser Darstellungsprobleme, die aber inzwischen behoben sein dürften. — (Nebenbei: Habe bis gestern nicht gewusst, dass der Windows-Explorer eine ›Kompatibilitätsansicht‹ hat. Sozusagen eine Schwimmflügelfunktion für Seiten, die der Explorer nicht gescheit darstellen kann. Schmunzeln streichelt meine Wangen.)

Lektüre: Zwei mal Science Fiction dieser Tage, genauer, Science Fiction-Spielarten.

Einmal Steampunk für Jugendliche von Scott Westerfeld (Text) und Keith Thompson (Illus) deren zweiter Band der »Leviathan«-Trio frisch bei mir eingetrudelt ist: »Behemoth«. Charlie Jane Anders zeigt bei ›io9‹ einige der wundervollen Illustrationen von Keith Thompson: Even Stranger Creatures… (auf Thompsons eigener Website tut sich derzeit nicht viel Neues, da er, wie es heißt, bei einer Filmproduktion mitschwitzt. Bin ja mal gespannt, welchen Streifen er mit seinem Design veredelt!), und für ›Boing Boing‹ hat Cory ›Little Brother‹ Doctorow eine knackige Empfehlung mit so gut wie Null Spoilern geschrieben.

Zum zweiten habe ich mir am Wochenende auf dem BuCon in Dreieich bei Herrm Autor höchstselbst »Tentakelschatten« besorgt, Auftakt einer Militär-SF-Trio, und von Dirk van den Boom signiert mit dem Sprüchlein »Nein Molo, das ist nicht niveauvoll«. — Ich muss zugeben, dass Militär-SF eigentlich nicht unbedingt mein Ding ist. Zudem ist mir fast schon peinlich zu gestehen, dass mir einige von Dirk van der Booms Foren-Kommentaren kreuzunsympathisch sind. Dennoch: immer und immer wieder habe ich Gutes über die Tentakel-Trio gehört, von der Dirk selbst verspricht, dass sie Aliens, Wummen und Titten Ärrrotik bietet (so von wegen ›Chicks with Guns‹). Und somit darf ich nicht wenig überrascht verkünden: hab als Arbeitswegslektüre bereits gut die Hälfte der ca. 200 Seiten weggeschlürft und bin angetan von Dirks Schreibe! — Stimmt schon: niveauvoll ist »Tentakelschatten« nicht, aber eben flott und straff geschrieben, alles andere als dumm oder (was ich ja befürchtet hatte) zu glatt gefällig ausgedacht, ergo: eine sehr kurzweilige Lesefreude. Hätte eigentlich locker mal von einem großen Publikumsverlag verlegt werden können (wenn die Eier hätten).

Netzfunde

  • Für Literaturkritik.de‹ hat Fabian Kettner eine lesenswerte Rezension zum Opus Magnus »Ein Vertrag mit Gott« von Graphic Novel-Stammvater Will Eisner geschrieben: Die Ur-Graphic Novel.
  • Nun ist »Zettel's Traum« von Arno Schmidt endlich endlich endlich in gesetzter Form erschienen (auch wenn ich noch auf mein Exemplar warte), und der Suhrkamp-Verlag hat eine Mannschaft Autorinnen & Autoren schangheit, die im ›Schauerfeld‹-Blog von ihren Lektüreabenteuern mit diesem Riesentrumm von einem Buch berichten. Da gibts natürlich selten dämliche oder am Thema vorbeitrudelnde Texte, aber exemplarisch gelungen ist z.B. dieser Eintrag von Andreas Platthaus.
  • Diesen offenen Brief von Henryk M. Broder und Reinhard Mohr an Christian ›NMP‹ Wulff kann ich nur zustimmend abnicken und »Genau, genau, genau« murmeln: Gehören wir Ungläubigen auch dazu? (und ich bin ja sonst kein Freund der Schreibserlei von Broder und / oder Mohr).
  • Douglas Coupland macht einem die miesen Zukunftsaussichten zu einem Vergnügen mit seinen A radical pessimist’s guide to the next 10 years . Besonders spooky finde ich seine Prognose, dass die beiden Pole des kommenden Alltags durch Gefängnis und / oder Shoppen markiert sein werden.
  • Ted Chiang ist mir vor einigen Monaten aufgefallen als brillanter Kurzgeschichtenautor, der erstaunliche Vielfalt und Gedankenfeuerwerke an den Tag legt. Letzte Woche erschien als BonBon eine neue Geschichte von ihm auf der ›Subterranpress‹-Website: »The Lifecycle of Software Objects«.
  • Ach ja, es war ja Buchmesse, die aber diesesjahr bis auf den Dreieich-BuCon an mir vorbeiging. Hier könnt ihr Andrea Dieners ›F.A.Z.‹-Fazit zur Messe lesen: Angenehm stillgestanden , und neben dem wie immer unübertrefflichen Don Alphonso hat sie im Buchmesse-›F.A.Z.‹-Blog ›Überdruck‹ von der Messe berichtet.

Phantastik-Funde

  • Auf dem Gründungskongress der Gesellschaft für Fantastikforschung habe ich Clemens Ruthner kennen- und wertzuschätzen gelernt. Clemens unterhält eine stoffreiche Website; ich verlinke hier auf sein PDF-Angebot Niemandsland: Academic Writing. Ganz besonders gefreut hat mich freilich sein Text zu Alfred Kubins »Die andere Seite«.
  • Schon seit einiger Zeit läuft eine kurzweilige Beitragsreihe bei ›Schöner Denken‹. Die ›Serienflittchen‹ gucken die vielleicht beste aller (zumindest meine Lieblings-)SF-Serie(n), Joss Whedons »Firefly«. Ganz besonderen Fetz bringt diese Blog-Reihe, weil das Serienflittchen-Team sich die Mühe macht, zu jedem Beitrag kuriose Fan-Links auszubuddeln.
  • Es ist vollbracht!!! Oliver Kotowski führt seine phantastische Weltreise auf ›Fantasyguide‹ (nebenbei: Gewinner des Deutschen Phantastik Preises als ›Beste Internetseite‹) mit der atlantisch-anglo-amerikanischen Sphäre zu Ende: Sechster Zwischenstopp: Nordamerika und Großbritannien, und bespricht dabei Werke von Salvador Plascencia, Kelly Link (Yeah!), Matt Ruff (Doppel-Yeah!!), Margaret Atwood, Antonia S. Byatt (gute Wahl!) und Terry Pratchett.

Zur Erinnerung:
Hinweise auf bemerkenswerte deutschsprachige Internet-Beiträge zum Thema Phantastik (in allen ihren U- & E-Spielarten) bitte per eMail an …

molosovsky {ät} yahoo {punkt} de

… schicken. — Willkommen sind vor allem Hinweise zu Texten, die wenig beachtete Phantastikwerke behandeln (z.B. also Einzelwerke statt Seriensachen), oder über die Autoren, Theorie und Traditionsentwicklungen berichten.

Zuckerl

  • Zwei Links aus dem immer einen Besuch lohnenden Blog des Künstlers und Designers John Coulthart, beide Male zum Werk des Illustrator Sidney Sime: einmal zu Kurzgeschichten des Phantastik-Klassikers (und eines speziellen Liebelings von mir) Lord Dunsany, und dann zu einer wüsten Haschisch-Phantasmagorie von HE Gowers.
  • Endlich mal was richtig Lustvolles, was sich aus Lego-Steinchen basteln lässt: Lego for Adults. Verstörenden Effekt haben diese Werbemotive. Als ob sich die Strip-Club-Hupfdolen aus dem alten »Duke Nukem« in der Echtwelt materialisiert hätten.
  • Hatte lange keinen »Star Wars«-Kram mehr hier. Also bitteschön, viel Spaß mit diesen nostalgischen Ansichtspostkarten.
  • Vielen Dank an Gero, der mich beim BuCon in Dreieich auf den Fantastik-Künstler Raymond Swanland hinwies. Ganz besonders beeindruckend finde ich die Arbeiten, die er als ›Personal Works‹ einstuft.
  • Ein Film, dem ich schon entgegenfibbere, ist »The Tempest« von Julie Taymor. Schon »Frida« und »Titus Andronicus« haben mich beeindruckt, und ich bin gespannt, wie sich Shakespeares letztes Werk machen wird, wenn Helen Mirren die Hauptrolle des Zauberers Prospero (hier freilich: Prospera) im Exil inne hat.

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