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Molos Wunschliste, falls Ihnen die Molochronik gefällt, und Sie mir aus Dankbarkeit eine Freude machen möchen.
geschrieben von molosovsky, am: Sonntag, 01. Aug. 2010
Eintrag No. 640 — Christopher Nolan ist sicherlich einer der interessantesten Filmemacher derzeit. Sein »Memento« hat mich mit seinem Rückwärtserzähl-Kniff beeindruckt; seine beiden Batman-Filme »Batman Begins« und »The Dark Knight« haben gezeigt, dass Superhelden-Flicks mit Anspruch möglich und auch dem Publikum auch willkommen sind, und die Literaturverfilmung »The Prestige« (nach einem Roman von Christopher Priest) gehört für mich zu den besten Filmen des neuen Jahrtausends, ja zu meinem Allzeit-Lieblingsfilmen überhaupt. — Nun hat es »Inception« geschafft, dass ich mich wieder einmal aufraffe, eine Filmrezi zu schreiben.
»Inception« Die gute Nachricht: nach einer mir schon endlos erscheinenden Reihe bestenfalls mittelmäßiger Phantastik-Filme (»Iron Man 2«, »Prince of Persia«, »Clash of the Titans«) liefert »Inception« endlich wieder Gehirnstürm mit Tiefengang. Ein meisterlich inszenierter und gespielter Film, bei dem Drama, gewagter Weltenbau und handwerkliche Brillanz Hand in Hand gehen. »Inception« ist ein Film, der es wert ist, dass man ihn im Kino guckt.
Vorsicht, massive SPOILER: Die Science Fiction-Phantastik nimmt nur einen bescheidenen Platz als Ermöglichungs-Gadget für die Handlung des Filmes ein. Sie liefert technische Instrumente, ursprünglich von der Armee als Simulations-Werkzeug entwickelt, mit denen mehrere Personen gemeinsame Träume erleben können. Leonardo di Caprio spielt den Meisterdieb Cobb, der sich darauf spezialisiert hat, aus den Träumen (sprich: dem Unterbewußtsein) seiner Opfer geheime Infos zu klauen. Industriespionage a la Morpheus sozusagen. Ein von Ken Watanabe gespielter Unternehmensboss verlangt nun das angeblich unmögliche Gegenteil: Cobb soll im Unterbewußtsein seines überlegenen Konkurrenten Fischer eine Idee pflanzen (deshalb der Titel: »Inception« = engl. für ›Anfang‹, ›Beginn‹, ›Gründung‹), die Fischer dazu bringen soll, sein Erbe als mächtigster Unternehmensführer in den Wind zu schlagen. — Weite Teile des Filmes folgen also dem klassischen Einbruchskrimi-Schema. Cobb stellt ein Team mit Spezialisten zusammen, forscht sein Opfer aus, entwirft einen (für einen Sommer-Äktschnfilm erstaunlich komplexen) Plan, mittels dreifach ineinander geschachtelter Traumebenen die »Ich lass es bleiben«-Idee in Fischer zu sähen. — Und natürlich läuft dann, als es zur Sache geht, alles mögliche schief und man fibbert gespannt, ob, und wenn ja, wie alles noch wie gewünscht zum Ende kommt.
Meiner Meinung nach ist das aber nur die Oberflächenhandlung. Interessanter und dramatisch anspruchsvoller ist die persönliche Geschichte von Meisterdieb Cobb, dessen eigenes Unterbewußsein die größten Gefahren und Unwägbarkeiten für den Plan bedeuten. Cobb ist nämlich von der Machbarkeit der als unmöglich geltenden Ideeneinpflanzung überzeugt, weil ihm das einst bei seiner eigenen Frau, Mal, fatalerweise gelungen ist. Mit Mal zusammen hat er lange gemeinsam geträumt und die beiden haben dabei die Traumallmacht wie Götter Wirklichkeit kneten zu können genossen, bis es zumindest Cobb zuviel wurde. Um seine Frau wieder auf den Geschmack für die echte Wirklichkeit zu bringen, säuselte er ihr ein, dass alles Träumen ja nicht echt ist. Von diesem Ideen-Samen blieb ein »Nichts ist wirklich« wie ein Virus auch im Unterbewußtsein der wiederaufgewachten Ehefrau hängen und wucherte, bis Mal überzeugt ist, dass auch die Wachwelt nur ein Traum ist. — Ein Weg, aus den gemeinsamen Träumen zu erwachen, ist es, zu sterben. Fatalerweise stürzt sich Mal in den Tod, was Cobb sich nicht verzeihen kann. Nun hat er die Justiz am Hals, vagabundiert im Ausland herum und telefoniert ab und zu mit seinen Kindern zuhause. Schlimmer noch: Ein Abbild seiner Frau Mal (lateinische Vorsilbe für ›schlecht‹, ›übel‹, ›böse‹) spukt weiter durch Cobbs Unterbewußtsein als anklagender Rache- und Vereitelungsengel und droht seine Traumdiebstahl-Coups ein ums andere Mal ins Chaos zu stürzten. — Ende der großen Spoilerei
Kurz und gut: »Inception« ist (für mich) ein Film über das schmerzliche Ringen um Selbstvergebung und die Mühen, zwanghafte Erinnerungen überwinden, sowie über die Sehnsucht eines von seinen Kindern Getrennten nach seinem Zuhause, und nicht zuletzt über die Notwendigkeit, die Supermächtigen irgendwie dazu zu bringen, ihre Privilegien sein zu lassen, damit sie lernen, ohne goldenen Löffel und auf eigenen Beinen Mensch zu sein.
Soweit so gut. Aber: Trotz all meiner Begeisterung für diese feinen Thematiken bin ich aber (nach einmaligen Sehen der Originalfassunng) nicht bereit, dem Film die Höchstwertung zu geben. — Die Musik von Hans Zimmer ist es vor allem, die mich zurückhält. Beispielsweise wurden von Zimmer dialoglastige Expositionsszenen mit Orchester-Synthi-Gewaber derart zugekleistert, dass mich, da es für mich mittlerweile totaler Mainstream-Ideenlosigkeit entspricht, einfach nur nervte. Zudem ist der Film erstaunlich trocken, bieder und sogar etwas zäh. Nichts dagegen, dass »Inception« ein ernster Film sein will und damit gottseidank das oftmals dämliche ironische Gezwinker in Richtung zum Publikum sein lässt. Aber man kann es auch übertreiben mit der Ernsthaftigkeit und Schwere. Entsprechend ließen mich weite Teile der großen finalen Äktschn-Sequenzen (vor allem die im Schnee) ziemlich kalt, so schön sie auch gefilmt sind.
Auch wenn ich die überschwengliche Höchstwertungsbegeisterung der meisten Stimmen nicht teile, hier ein Link zur großen Reziübersicht bei »Schöner Denken«
Edit-Ergänz: Nach einiger Zeit des Nachdenkens habe ich den Film nun von 9 auf 8 Punkte herabgestuft. Am meisten begeistert mich die Metaphern-Sprache, die »Inception« entwickelt. Man könnte lange darüber diskutieren, was verschiedene Vorgänge und Bezeichnungen des Films ›eigentlich‹ bedeuten. Ich denke da nicht nur an die offensichtlichen Namensmetaphern (Ariadne, Mal), sondern vor allem an alles, was mit Gleichgewicht zu tun hat: der Kreisel-Totem, die aufgehobene Schwerkraft, der weckende Kick. Trotzdem komme ich nicht umhin festzustellen, dass »Inception« im Rückblick und nach einigem Gären über den Film in meinem Gedächtnis (nach zweimaligen Gucken) erstaunlich schnell verblasst, bzw. sich vage Enttäuschung bei mir breit macht, z.B. über die ziemlich gewöhnliche Schnee-Äktschn.
Fazit: Wunderschöner, anspruchsvoller SF-Streifen mit geschickt plazierten spirituellen und therapeutischen Passagen.
— 8 von 10 Punkten.
Ich war jetzt gestern drin (erster Kinobesuch seit 14 Monaten) und muss mich für meine Rezension diese Woche noch zwischen 9 und 10 Punkten entscheiden.
Deine schön formulierte Kritik lässt die Nadel im Moment eher zur 9 tendieren. ;o)
Die Vergebungsstory gibt bei mir natürlich auch Pluspunkte, allerdings wohl nicht so viele wie bei Dir, weil ich für mich etwas zu deutlich gespürt habe, dass das ein narrativer emotional hook sein sollte, so wie das mit dem "allzu willkürlich dürfen wir jetzt nicht mehr sterben, sonst Limbo-Strafe" ein offensichtliches raise the stakes war. Beides natürlich per se absolut in Ordnung und willkommen, für mich aber zu deutlich spürbar.
Ich stimme Dir zu, im aktionsreichen Finale waren in der Tat manche Action-Szenen trotz aller Virtuosität etwas zu sehr im Leerlauf (gerade in der 007-Alpenfestung).
Vielleicht komme ich aber doch zu 10 Punkten: Diese famose Aufeinanderschichtung von fünf verschiedenen Erzählebenen mit unterscheidlichen Zeitläufen macht erzählerisch einfach enorm viel her und die optische Brillanz (die non-CGI Modell-Effekte sind ein Triumph!) ist ein Hingucker, da ist meine Dankbarkeit schon sehr groß.
Bei unserem "Waber-Disput" im SF-Netzwerk muss ich mich übrigens wieder etwas mehr Dir anschließen. Wie gesagt, ich mag Wabern (Horners Aliens- und Silvestris Predator-Partitur könnte ich immer noch immer wieder hören), was unser Hans hier bei "Inception" aber zusammengewabert hat, war häufig für mich doch allzu funktional.
Geschrieben von molosovsky, am: Montag, 02. Aug. 2010
Vorgestern habe ich endlich »Shutter Island« gesehen. Da stimmt die Musik, die freilich von allen möglichen klassischen und minimalistischen Quellen zusammengesammelt wurde. Bei »Shutter Island« ist die Mukke ›altmodisch avantgardistisch‹; gerade die Steichermusik ist kontra Mainstream und für viele wohl stressig & ungewohnt. Aber genau diese ›gefällige‹ Mainstream-Synthy-Streichermukke, die gerade Zimmer und seine Lehrbuben Badelt und Co so populär einzusetzten verstehen, vergällt mir einen ›Anspruchsfilm‹ wie »Inception«. Ich wünschte, da hätte sich Nolan getraut, sich deutlicher abzusetzten.
Geschieben von voivod, am: Donnerstag, 05. Aug. 2010
über folgendes bin ich gestern gestolpert und dachte mir es passt doch zum Thema: videogum.com - von hier kann man sich zum Comic weiterklicken.
Habe Inception selbst noch nicht gesehen, aber freue mich ob der vielen Vorschusslorbeeren schon drauf (deshalb habe ich auch deinen Text auch noch gar nicht gelesen)
Geschrieben von molosovsky, am: Donnerstag, 05. Aug. 2010
Hallo Voivod.
Jupp, die Sache mit dem »Onkel Dagobert«-Comic habe ich auch vor ein paar Tagen entdeckt, in einer Rundschau mit »Inception«-Links bei »Super Punch«.
Da gibt es zum einen das erwähnte »Onkel Dagobert«-Comic »The Dream of a Lifetime!« von Don Rosa (Dezember 2002. Die Ähnlichkeit mit »Inception« ist frappierend!
Die anderen Links bieten einen »Calvin & Hobbs«-Strip mit mehrfach ineinandergeschachteltem Traum; — einen Essay darüber, dass der Film eigentlich von den Ängsten Christopher Nolans handelt einen teuren Film mit anderer Leute Geld zu machen; — sowie ein ausführliches Interview mit »Inception«-Kostümdesigner Jeffrey Kurland.
Geschrieben von simifilm, am: Freitag, 06. Aug. 2010
Drei Tage, nachdem ich «Inception» im Kino gesehen habe, und sich das Ganze setzen konnte, bin ich zum Schluss gekommen, dass der Film in meinen Augen von vielen doch recht überschätzt wird. Durchaus sehenswert, aber in zentralen Punkten zu unsorgfältig und schludrig gebaut und auf der emotionalen Ebene zu behauptet. Auch wenn mein Gesamtverdikt nicht so negativ ausfällt, finde ich dass Abigail Nussbaum in ihrer Rezension viele Schwächen des Films korrekt aufzeigt. Insgesamt hat der Film, der ja sehr clever sein möchte, einfach zu viele Löcher und unelegante Schlenker im Plot. Da finde ich etwa «The Prestige», der mich emotional auch eher kalt gelassen hat, weitaus interessanter, da er viel eleganter gebaut ist.
Bei «Inception» wird zu vieles ad hoc behauptet und geändert, bloss um den Plot voranzutreiben: Wenn man im Traum stirbt, wacht man auf. – Nein, wir sind alle so betäubt, dass wir nicht aufwachen, wenn wir sterben, stattdessen landen wir im Limbo, wo alles ganz schrecklich und anders ist. – Nein, eigentlich sieht der Limbo ganz normal aus und eigentlich kommt man da auch leicht wieder raus etc. – Solche Vergehen sind für einen Film mit Hirnverdreher-Anspruch wie «Inception» fatal.
Geschrieben von molosovsky, am: Freitag, 06. Aug. 2010
So, komme gerade aus meinem zweiten Besuch von »Inception«, diesmal die deutsche Fassung geguckt. (Nebenbei: die Synchro nervt wieder Mal durch Denglisch-Schmu. Warum die Namen nicht so aussprechen, dass sie für deutsche Ohren vertraut klingen?)
Dass sich Regeln ändern, noch dazu etwa zur Hälfte des Filmes, finde ich durchaus innerhalb der Regeln eines Heist-Films akzeptabel. Da geht ja auch immer ›plötzlich‹ irgendwas schief, mitunter weil Figuren ›ach gugge mal‹ mit zurückgehaltenen brenzligen Infos rüberwachsen. Fand ich auch beim zweiten Mal durchaus okey.
Limbus ist angefüllt mit den Dingen, die andere Limbus-Reisende hinterlassen haben. Nur Cobb war schon mal dort, deshalb ist der Limbus auch so fad :-) Ich selbst habe mir nun beim zweiten Mal gedacht, dass es tatsächlich schade ist, wie mit der Ariadne-Figur umgegangen wurde. Wenn ich was ändern würde, dann, dass sie am Ende im Limbus ihre Architekten-Begabung, die sie im zweiten Test gezeigt hat, im Finale voll zum Einsatz bringt.