molochronik
Sonntag, 19. Juni 2005

John Dowland: »Tell me, true Love«

(Literatur, Lyrik) – Text und Übersetzung eines Liedes des englischen Renaissance-Komponisten und Lautisten John Dowland (1563-1626).

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Tell me, true Love, where shall I seek thy being,
in thoughts or words, in vows or promise-making,
in reasons, looks, or passions never seeing,
in men on earth, or women's minds partaking.
Thou canst not die, and therefore living tell me
where is thy seat, why, doth this age expell thee?

When thoughts are still unseen and words disguised:
vows are not sacred held, nor promise debt:
by passions Reason's glory is surprised,
in neither sex is true Love firmly set.
Thoughts feign'd, words false, vows and promise broken
made true Love fly drom earth, this is the token.

Mount then my thoughts, here is for thee no dwelling,
since Truth and False live like twins together:
believe not sense, eyes, ears, touch, taste or smelling,
both Art and Nature's forced: put trust in neither.
One only she doth true Love captive bind
in fairest breast, but in a fairer mind.

O fairest mind, enrich'd with Love's residing,
retain the best; in hearts let some seed fall,
instead of weeds Love's fruits may have aviding;
at Harvest you shall reap increase of all.
O happy Love, more happy man that finds thee,
most happy Saint, that kepps, restores, unbinds thee.

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Wahre Liebe, sage mir, wo soll ich dich suchen,
in Gedanken oder Worten, in Versprechen oder Schwüren,
in Vernunft, Aussehen, oder nie gekannten Leidenschaften,
in Männern auf Erden, oder den Gedanken der mitfühlenden Frauen.
Du kannst nicht sterben, und also lebendig sage mir
wo du bist, warum dich diese Zeiten verstoßen haben.

Wenn Gedanken noch unerkannt und maskiert die Worte sind:
wenn weder Schwüre heilig, noch Versprechen bindend sind:
von Leidenschaften der Ruhm der Vernunft überrascht wird,
in keinem der Geschlechter die wahre Liebe fest verankert ist.
Gefälschte Gedanken, geheuchelte Worte, gebrochene Schwüre und Versprechen
haben die wahre Liebe von der Erde fliehen lassen.

Auf, weiter meine Gedanken, hier ist für Euch kein bleiben,
seit Wahr und Falsch wie Zwillinge zusammenleben:
glaub nicht Sinnen, Augen, Ohren, Berührung, Geschmack oder Geruch,
ob durch Kunst oder Natur erzwungen: vertraue beidem nicht.
Besser noch als von einem aufrichtigen Herzen wird
wahre Liebe nur von einem aufrichtigen Geist gebunden.

O aufrechter Geist, durch der Liebe Aufenthalt bereichert,
sichere das Beste; laß einige Samen in Herzen fallen,
statt Unkraut sollen die Früchte der Liebe überdauern;
im Herbst wirst du gesteigerten Ertrag von allen ernten.
O glückliche Liebe, glücklicher der noch der dich findet,
glücklichster Heiliger, der dich bewahrt, erneuert und entfesselt.

Aus »A Pilgrims Solace – The Fourth Booke of Songs«, 1612.

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