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geschrieben von molosovsky, am: Dienstag, 02. Okt. 2007
(Eintrag No. 411: Phantastik, Trailer) — Jetzt im Oktober erscheint zum siebten Mal »Magira – Jahrbuch zur Fantasy«, herausgegeben von Hermann Ritter & Michael Scheuch. Weil die Manuskripte von mir Ehren-Legastheniker sicherlich Zumutungen für jede Redaktion und Korrekturlesertruppe sind, ist es angebracht, daß ich den ehrenamtlichen Korrekturleser(n)Innen ganz demütig Danke! (Ich verbeuge mich herzlich grüßend vor Margit M. und Thomas G.!) Und Krischan S. hat sich wie immer heldenhaft mit den Scans meiner Portrait-Skibbels herumgeschlagen. Zu Dank verpflichtet bin ich auch meinen Habereren der verschiedenen Phantastik-Foren, in denen ich mich herumtreibe. So manche Wendung, Idee oder Einsicht, die Eingang in meine Sammelrezi fand, verdanke ich dem tastengeklapperten Tratsch mit Euch!
Wie schon in den vergangenen Jahren, gibts hier als Trailershow eine Übersicht meiner diesjährigen Empehlungen, die mit einiger Höflichkeitsverzögerung ab Anfang 2008 auch Stück für Stück in die Molochronik eingespflegt werden.
Aussicht auf 2008? Gerne will ich mal was anderes ausprobieren. Vielleicht eine Mischung aus Story, Rezi und Essay; vielleicht etwas, mit vielen kleinen Illus (so wie die TB-Ausgabe der Balzac'schen »Tolldreisten Geschichten« mit den Illus von Gustave Doré) … mal schaun.
Im Folgenden nun das »Introdubilo« und die Überleitungsabschnitte meines ca. 13.000 Worte langen »Magira 2007«-Beitrages.
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GUT GELAUNTE PHANTASTIK-EMPFEHLUNGEN
DES LEKTÜREJAHRES 2006/2007
Da der Spielraum der Sinne enger ist als der Phantasie: so entsteht die Täuschung, dass wir uns jene nur in den Ketten des Körpers und diese nur in den Zügeln des Willens denken, da wir doch ebensowohl in einem fort phantasieren als empfinden müssen. {…} So zieht das Fernrohr der Phantasie einen bunten Diffusionsraum um die glücklichen Inseln der Vergangenheit, um das gelobte Land der Zukunft. {…} Noch größer ist die phantasierende Kraft, wenn sie auswärts reicht und die Gegenwart selber zum Marmorblock oder Teige ihrer Gebilde macht.
—Jean Paul (1763-1825), »Über die natürliche Magie der Einbildungskraft«[01]
Dicke, teilweise erschreckend anspruchsvolle Bücher, bzw. flotte Mehrteiler, haben mich im vergangenen Jahr in ihren Bann gezogen. Meine Eingeschüchtertheit vor einigen dieser Werke kann ich gar nicht übertreiben, und wieder mal [02] wurde ich heftig angestubst, mich mit Fragen über das Wesen der Phantastik im allgemeinen und insbesondere der Genre-Schublade Fantasy zu beschäftigen.
Streck- und Lockerungs-Übung: Wie lässt sich möglichst einfach erklären, was Phantastik eigentlich ist? Das Wort kommt ja aus dem Griechischen und bedeutet in etwa »erscheinen lassen«, »sehen lassen«. Gemeint ist, dass ein »Absender« durch Mitteilungen ( »Medien«) beim »Empfänger« eine möglichst anschauliche Vorstellung hervorruft. Primitivstes Beispiel das mir dazu einfällt: ein der Sprache noch nicht mächtiges Kleinkind schreit und deutet auf sein geliebtes Stoffhäschen, und z.B. die große Schwester entschlüsselt diese Äußerung und bringt dem Kind das ersehnte Häschen. Oder nehmen wir Trunkenheit. Hält man sich an exakte Vermessungsmethoden, dann kann man den Grad seiner Trunkenheit »ganz nüchtern« in Zahlen ausdrücken, indem man das Mischverhältnis Blut/Alkohol ganz streng benennt: »Gestern hab ich heftig schwer gebechert und als mich der Herr Wachmeister in Röhrchen blasen ließ, zeigte das Gerät, dass ich mit 2,4 Promille unterwegs gewesen bin« (= wissenschaftlich-amtlicher Phantastik-Modus). Wer keine Ahnung hat von diesem Promillezeugs hat, kann ausweichen und sich helfen, indem die einverleibten Getränke aufgezählt werden: »Ach ja, gestern waren's fünf Weizen, drei Korn und zum Schluss noch ein Tequila« (= pragmatischer Modus). Schließlich kann man auch völlig blumig-skladische Umschreibungen verwenden, um den alkoholisierten Bewußtseinszustand kneipenpoetisch zu umschreiben: »Gestern abend haben wir so heftig gesoffen, dass wir einigen Bergen die Gipfel abgebrochen haben« (= umgangssprachlicher Modus[03]). Diese letzte Variante ist zwar total ungenau im Vergleich zu den ersten beiden, aber dennoch: man kann sich ein lebhaftes Bild davon machen, wie trunken durch die Gegend getorkelt wurde.
Das Pro und Contra zur Phantastik lässt sich im Grunde auf Deutungshoheitrangelein darüber zurückführen, welche Sprachgepflogenheiten, Bilderwelten, Vorstellungskonventionen und Denkkonstukte als zulässig bzw. unzulässig gelten sollen. Bei kontroversen Gesprächsrunden muss man meist nicht lange warten, bis jemand empört den Satz äußert: »Das kann man so nicht sagen!«. Unsere Sinneswerkzeuge können halt nur einen leidlich kleinen Ausschnitt des unendlich chaotischen Teiges der Echtweltwirklichkeit erfassen, und unsere Bewusstseins- und Denkorgane backen aus den handlichen Teigbröcken dann mundgerechte Impressions- und Erinnerungsbrötchen. Und weil wir Menschen nun mal derart beschränkt und (vor allem) zu fibbrig sind, als dass wir in das Wittgenstein'sche »Schweigen, worüber man nicht sprechen kann« verfallen wollen, hat die Menschheit aus unzähligen konkurrierenden Phantasma-Steinen und Metaphern-Verstrebungen einen Kommunikations-Turm zu Babel errichtet.
Die folgenden Titel meines zurückliegenden Lektürejahres haben alle mehr oder minder heftig mit nichts weniger als diesem vielgestaltigen Turm zu tun. Auf meinen ersten drei Stationen bereiste ich England, womöglich das Mutterland der modernen Phantastik, und mit vergnügten Eifer studierte ich Tom Shippeys Ausführungen über Tolkien; bewunderte die ungewöhnlich elegante Magie des Romandebuts und der versammelten Kurzgeschichten von Susanna Clarke; bestaunte hingerissen, wie die Gelehrten der Scheibenwelt unsere Rundwelt-Wissenschaft und -Kultur in einer ungewöhnlichen Novellen/Sachtext-Reihe bespiegeln, und im zeitgenössischen Russland entspannte ich mich von dermaßem viel Bildungsanstrengungen, indem ich meine Gaudi damit hatte, wie Sergei Lukianenko Fantasy, Horror und Poproman zu einem zwielichtigen Prosacomic vermengte.
 Ich beginne mit einem J. R. R.-Schlenker (da ich auch mit Tolkien abschließen werde). Sein »Der Herr der Ringe« ist ja eines dieser Bücher, das dem Vernehmen nach von seinen begeistertsten Lesern immer und immer wieder, womöglich zur alljährlichen Besinnung und Erbauung gelesen wird [04]. Bei mir haben die folgenden voluminösen Brocken ‘ne gute Chance, genauso zu einer solchen (mehr oder weniger) regelmäßig-bereichernden Vergewisserungslektüre zu werden.
Neal Stephenson: Der »BAROCK-ZYKLUS« (I. »Quicksilver«; II. »Confusion«; III. »System of the World«) —oder: »It's the economy, stupid« … neben, ach, vielen vielen anderen Dingen.
>>>>> Hier gehts weiter zur Rezi.
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 Wie locker oder verkrampft Phantastik betrieben und gehandhabt wird, hängt meiner Ansicht nach entscheidend davon ab, wie ruppig-leidgeprägt oder segensreich-glatt ein Kulturraum die Groß-Umwälzungen der Zeitenwende zur Moderne erlebte und empfand. Der Anglist Dietrich Schwanitz (1940-2000) schreibt dazu [05]:
»Während die Modernisierung {die Epoche des Übergangs von einer ständisch geprägten Gesellschaft zu einer modernen, funktional differenzierten Gesellschaft} in Deutschland die Gestalt einer finsteren Tragödie annahm, ist die englische Kulturgeschichte bei allen Kosten und Krisen im Vergleich zur deutschen eine Glücksgeschichte – und das heißt eine Comedia Anglica«.
Von allen internationalen Strömungen der Phantastik, ist mir die englische schon früh als besonders verführerisch und ergiebig nahegekommen. Es ist mir deshalb ein besonderes Vergnügen, mit einiger (hoffentlich verzeihbarer) Verspätung nun eine Autorin ausführlicher für MAGIRA zu besprechen, die sich ebenfalls dieser großen Zeitenwende widmet.
Susanna Clarke: JONATHAN STRANGE & MR. NORRELL« / »DIE DAMEN VON GRACE ADIEU« —oder: Ein edles Tröpfchen des berauschenden Weins der Magie.
>>>>> Hier gehts weiter zur Rezi.
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 Oh je, die böse »Entzauberung der Welt«! Auch wenn sich hinter diesem Schlagwort von Max Weber eine tiefsinnige Reflexion zu dem sich über lange Zeit erstreckenden Intellektualisierungsprozesses der Menschheit, von dem der wissenschaftliche Fortschritt nur ein Teil ist, verbirgt, habe ich mir diese Sicht der Dinge, diese heftige Klage über ein Zuviel an Desillusionierung und ›Ent-Täuschung‹ niemals wirklich zu eigen machen können. In unseren gegenwärtigen Zeiten eines unseeligen »Kampfes der Kulturen« wird diese Klage wieder vermehrt in den verschiedensten Formen vorgebracht, und tritt zum Beispiel als Reibung zwischen religiös-spiritueller und wissenschaftlich-naturalistischer Weltauffassung zutage. Während die einen vom begrüßenswerten, weil notwendigen, Wiedererstarken des Religiösen sprechen, gehen andere kritisch bis hart mit den Religionen ins Gericht und grenzen sich z.T. heftig gegen Mumbojumbo jeglicher Coleur ab.
Pratchett, Steward, Cohen: »DIE GELEHRTEN DER SCHEIBENWELT« —oder: Expeditionen in die Wirklichkeit der geschichtenerzählenden Affen.
Diese Reihe besteht (bisher) aus drei Titeln: »Die Gelehrten der Scheibenwelt«, »Die Philosophen der Scheibenwelt« und »Darwin und die Götter der Scheibenwelt«.
>>>>> Hier gehts weiter zur Rezi.
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 Die Übergänge zwischen dem, was man als »Realismus« preist, und dem was man »Phantastik« schimpft sind ja meistens fließender, als auf Dauer bequem ist. Schlicht um nicht durchzudrehen, sparen sich Menschen deshalb üblicherweise, ihre stillschweigenden Annahmen, Übertreibungen und Vereinfachungen die Wirklichkeit betreffend auszubreiten., aber es reicht schon, kurz irgendeiner langfristigen gesellschaftlichen Auseinandersetzung Aufmerksamkeit zu schenken, um das Knacksen und Rumpeln plattentektonischer Weltbild-Spannungen zu hören. Ziemlich nichtig ist freilich so eine Frage, wie man sich einen »idealen Apfel« vorstellt (grün oder rot), aber bei folgenden Angelegenheiten wird's dann brenzlig: ob Geschlechterrollen biologisch oder durch kulturelle Gepflogenheiten bestimmt werden; ob der Verlauf zivilisatorischer Entwicklungen zyklisch, aufsteigend, irgendwas dazwischen oder völlig anders geartet ist; wie man mit den Widersprüchlichkeiten zwischen solchen Werten wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit umgehen soll; wie man sicher sein kann, was Gut und Böse ist. Das klingt jetzt vielleicht ganz schon heavy, aber die nächste Station meiner Lektürereise führt unterhaltsam vor, wie solche Probleme sich auch mit kurzweiliger Abenteuerprosa umkreisen lassen.
Sergeij Lukianenko: DIE »WÄCHTER«-TETRALOGIE —oder: Von den Einen, den Anderen und den ganz Anderen.
Diese Reihe besteht aus vier (no na, deswegen ja Tetralogie) Büchern: »Wächter der Nacht«, »Wächter des Tages«, »Wächter des Zwielichts« und »Wächter der Ewigkeit«.
>>>>> Hier gehts weiter zur Rezi.
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 Zum Ausklang nach soviel ›englischer Extrentrik‹ und russischem Gemütskolorit, nun eine Rückbesinnung anhand eines Sekundärwerks, dass keinen geringeren Gegenstand behandelt, als den großen (unfreiwilligen) Initialzünder der (auch von mir) oftmals so schmählich beäugten modernen »Feudalismus-Light«-Fantasy.
Tom Shippey: »J. R. R. TOLKIEN – AUTOR DES JAHRHUNDERTS« —oder: Über das Menschenrecht auf Phantasie.
{Rezi gibts ab irgendwann-2008 in der Molochronik.}
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ANMERKUNGEN:
[01] Aus der dritten Abteilung von »Quintus Fixlein, Hanser 1975, Band 7, S. 195ff. ••• Zurück
[03] Gehört an einem Frankfurter Poetenstammtisch. ••• Zurück
[04] Zum Beispiel:
»Vint Cerf aus Kalifornien {Anfang der 80ger einer der Entwickler des Internet-Verbindungsprotokolls TPC und z.B. Vorstandsvorsitzer der ICANN. – Molo}, der sich selbst als Nerd bezeichnete und sich jedes Jahr ein paar Tage freihielt, um wieder einmal den »Herr der Ringe« zu lesen, ist einer der wenigen Männer, die sich wirklich als Väter des Internets bezeichnen können.«
Aus: »Das Lächeln der Medusa – Die Geschichte der Ideen und Menschen, die das moderne Denken geprägt haben« von Peter Watson; GEO/C. Bertelsmann, S. 1048. ••• Zurück
[05] Dietrich Schwanitz: »Englische Kulturgeschichte«, Eichborn 1996; Seite 9 und 10. ••• Zurück
Geschieben von simifilm am: Mittwoch, 03. Okt. 2007
Nein, ich sag nichts, nein wirklich nicht. Keine Reaktion, nur, warum nennst Du das Ding 'Phantastik'? Mist, jetzt habe ich's doch gesagt ...
Geschrieben von molosovsky, am: Mittwoch, 03. Okt. 2007
…dass ich ein »Nein … warum?« mit meiner großzügigen Begriffsjounglierei provoziere. Aber die Sache, um die es mir geht und die ich eben in Ermangelung eines knackigeren Begriffs gerne ›Phantastik‹ nenne einfach als Ding zu bezeichnen, erschien mir halt etwas schwach.
Zudem: ich bleib ja im ›Milieu‹ und dort (so hoffe ich zumindest) ist man mit meiner zugegeben etwas fahrlässigen Wortpraxis toleranter. Das soll aber nicht heißen, dass ich es mir verbitte kritisch auf meinen Schwubel zu reagieren. Im Gegenteil.
Worte sind nun mal lediglich Platzhalter. Mal geschicktere, mal unbeholfenre Fingerzeige auf etwas (›das Ding‹). Hätte ich für eine allgemeine Literaturzeitschrift geschrieben, oder eine Philosophierunde, wäre ich vorsichtiger, würde größere Stringenz anstreben. — Aber das, was ich für »Magira« versuche ist eben was anderes: ich geb mir Mühe, mehr in den Kreis der ›Phantastik‹ einzugemeinden, als (meinem Eindruck nach) gemeinhin der Fall ist. Medienwerke nehme ich erstmal weniger als Oberflächenphänomene, sondern vielmehr als ›Art und Weise über die Welt zu reden‹. Und da sind wir wieder bei den Fingerzeigen auf ›etwas‹. — Ich denke zudem nicht, dass sich dieses die Widersprüchlichkeiten und Unschärfen, die ich willens in Kauf nehme, endgültig auflösen lassen. Und für eine launische Sammelrezi scheint mir vorsichtige Zurückhaltung einfach unpassend. Insofern kann ich nur um Gnade bitten und freu mich auf Gedankengänge, die mein Schreiben eröffnet; unter anderem auch in der Hoffnung, lehrreiche und interessante Rückmeldungen zu bekommen.
Geschrieben von simifilm, am: Donnerstag, 04. Okt. 2007
Ich verstehe die Logik dahinter einfach nicht. Was immer man auch unter 'Phantastik' verstehen mag, in aller Regel wird damit eine Gruppe von fiktionalen Werken bezeichnet. Man kann sich nun darüber streiten, wie weit man diese Gruppe fasst, aber es geht letztlich immer um Werke, in denen 'unrealistische' Dinge geschehen.
Was Du dann zur Frage schreibt, wie man bestimmte Sachbverhalte beschreibt, hat mit dieser Gruppe von Texten überhaupt nichts zu tun. Zumindest nicht mehr als mit jeder anderen Form von Literatur. Da geht es plötzlich um allgemeine sprachphilosophische Fragen. Und in diesem Kuddelmuddel kann ich dann nicht mehr nachvollziehen, was mit "Das Pro und Contra zur Phantastik" gemeint ist.
Was soll "Pro und Contra Phantastik" hier heissen? Ich verstehe es wirklich nicht. Geht es darum, dass gewisse Leute etwas gegen Phantastik als Textgattung haben? Falls ja, hat das nichts mit der Frage nach unterschiedlichen Weltbildern zu tun. Oder meint ""Pro und Contra Phantastik" eben unterschiedliche Sichten auf die Welt, das hat dann wieder nichts mit einer Literaturgattung zu tun.
Gerade weil es hier um eine Rezension geht, verstehe ich diese Vermischung nicht. Denn ganz offensichtlich verstehst Du "Phantastik" ja doch als Literaturgattung, denn die erwähnten Bücher fallen ja alle in diesen Bereich. Da hat's keine 'realistischen' Romane, sofern ich das sehe. Da verstehe ich diese allgemeineren 'philosophischen' Überlegungen erst recht nicht. Oder bist Du der Ansicht, dass die Tatsache, dass die Wahrnehmung der Wirklichkeit eine Konstruktion ist, nur für die Textgattung Phantastik relevant ist? Dem würde ich entschieden widersprechen.
Du sagst ja immer wieder, dass für Dich alles 'Phantastik' ist. Das ich eine entsprechende Nomenklatur für kontraproduktiv halte, weisst Du ja. Aber ganz offensichtlich ist für Dich doch nicht alles 'Phantastik', denn Du besprichst nur ganz bestimmte Bücher unter dieser Rubrik ...
Geschrieben von molosovsky, am: Donnerstag, 04. Okt. 2007
…das Dich verwirrt, simi, beruht darauf, dass ich willentlich eben nicht als ›nur Literaturrezensent‹ schreibe. Würde ich das tun, dann bliebe ich bei einer engeren Sicht auf den Begriff; würde also ›Phantastik‹ nur als z.B. literarischen Genrebegriff handhaben. — Aber darüberhinaus gibt es eben auch andere Sprachfelder und Kommunikationssituationen, in denen so ein Genrebegriff verwendet wird.
Nimm Begriffe wie ›Hardcore‹, ›Punk‹ oder ›Mythos‹, oder gar sowas wie ›Freiheitskämpfer‹ und ›Terrorist‹. Auch hier geraten verschiedene Sprachebenen oftmals durcheinander, weil Menschen diese Begriffe mal enger nur auf bestimmte Werke beziehen, mal allgemeiner benutzen, auch auf anderes als Bücher oder Musik usw anwenden. Genauso ist es mit ›Phantastik‹ und dem Wortfeld was dranhängt. Was für den einen ›die frohe Botschaft‹ ist, nennt der Gegner ›Propaganda‹. Begriffe sind für mich eben keine fixen ›Ortsmarker‹, sondern signalieren immer Blickwinkel. Und Perspektiven ändern sich mit dem jeweiligen Standpunkt und dem Rahmen, den man aufzieht.
Was anderes: dies hier ist ein Trailer und mir sind deshalb etwas die Hände gebunden, denn ich argumentiere in den Abschnitten zu den einzelnen Rezis ja auch noch. Dies eingedenk versuch ich mal Deine Fragen zu klären:
Was soll "Pro und Contra Phantastik" hier heissen? Ich verstehe es wirklich nicht. Geht es darum, dass gewisse Leute etwas gegen Phantastik als Textgattung haben?
Ich denke, dass ich Dich, simi, soweit fruchtbar aufgreifen kann, wenn ich erstmal feststelle, dass für mich ›Phantastik‹ eben weniger (oder nicht nur) ein Oberflächen- oder Inhalts-Ding ist, sondern eine Art und Weise über die Welt zu reden. So gesehen überschneiden sich für mich zwei Bereiche: die Literatur (Fragen über Genregrenzen) und Kommunikation (wenn also umgangsprachlicher mit dem Begriff ›Phantastik‹ z.B. die gesellschaftlichen Ansichten und Ambitionen von jemanden kommentiert werden … siehe das Beispiel des »Das kann man so nicht sagen!«).
Der Aspekt eines ›gegeneinander Ausspielens‹ von phantastischer und realistischer Literatur spielt da auch hinein. Bei diesem Genre/Modi-Debatten geht es eben darum, welche Art von Sprachköstumen (und Kulissen- Requisiten- Darstellerfundus) für richtig oder falsch erachtet werden. Ich selber hab ja eine Schwäche für beides und finde dieses gegeneinander Ausspielen deshalb heikel. Vielleicht hample ich eine zu fahrlässige Flexibilität vor, aber hoffentlich mach ich das a) unterhaltsam genug und lasse b) kenntlich durchblicken, dass ich mich selbst nicht als großen Richter und Deuter ZU ernst nehme.
Du beobachtest ja ganz richtig, dass ich z.T. Widersprüche, bzw. Übertreibungen in den Raum stelle. Das tue ich, weil ich nun mal der Meinung bin, dass sich das bei einem großen Schirmbegriff wie ›Phantastik‹ nicht vermeiden lässt. Ich vertraue darauf, dass die meisten Leser der Sammelrezi das auch merken und sich davon nicht im schlechten Sinne verwirren lassen. Vergiss nicht: Ich persönlich lasse mich gerne verwirren! Wiegesagt: hier gibts als Trailer nur die Einleitung und die Überleitungen, und in diesen Abschnitten gönne ich mir eben vermehrt diesen ›Breitwandblickwinkel‹. In den Rezis zu den einzelnen Werken nehme ich diese Sicht wieder etwas zurück und gehe wenn, dann mehr auf die spezifischen Aspekte der Werke ein, wie diese sich als Genre-Werke einordnen lassen. Ich komme zwar immer noch auf diese allgemeinsprachliche Ebene des ›redens über die Welt‹ zurück, aber nicht so stark, wie in Ein- und Überleitungen.
Geschrieben von simifilm, am: Donnerstag, 04. Okt. 2007
Nimm Begriffe wie ›Hardcore‹, ›Punk‹ oder ›Mythos‹, oder gar sowas wie ›Freiheitskämpfer‹ und ›Terrorist‹. Auch hier geraten verschiedene Sprachebenen oftmals durcheinander, weil Menschen diese Begriffe mal enger nur auf bestimmte Werke beziehen, mal allgemeiner benutzen, auch auf anderes als Bücher oder Musik usw anwenden. Genauso ist es mit ›Phantastik‹
Nein, das ist nicht "genau so" mit dem Wort 'Phantastik'. Du magst Dich vielleicht mit Todorov streiten, welche Gattung man drunter verstehen soll, aber ausser Dir sieht darin niemand ein universales Dingsda. Ausserdem: Auch wenn's so wäre: Was 'Mythos' oder 'Freiheitskämpfer' bedeutet, erschliesst sich mir oft genug aus dem Kontext. Wenn Du aber den Begriff im gleichen Text für zwei bis drei unterschiedliche Dinge verwendest, ist das nicht mehr möglich.
Ich denke, dass ich Dich, simi, soweit fruchtbar aufgreifen kann, wenn ich erstmal feststelle, dass für mich ›Phantastik‹ eben weniger (oder nicht nur) ein Oberflächen- oder Inhalts-Ding ist, sondern eine Art und Weise über die Welt zu reden.
Was hat das mit "pro und contra Phantastik" zu tun? Ich verstehe immer noch nicht, was Du damit sagen willst. Bin ich pro? Oder contra? Dass ich Deine Verwendung nicht sehr sinnvoll finde, hat doch nichts mit "pro und contra Phantastik" zu tun, sondern etwas mit "contra molosovskys unklaren Sprachgebrauch". Oder ist 'Phantastik' für Dich nicht nur eine Gattung, eine Art Konzept von Konstruktivismus, sondern auch noch jegliches Reden darüber? Ist also 'Phantastik' gleich bedeutend mit 'Molos Weltsicht'?
Der Aspekt eines ›gegeneinander Ausspielens‹ von phantastischer und realistischer Literatur spielt da auch hinein. Bei diesem Genre/Modi-Debatten geht es eben darum, welche Art von Sprachköstumen (und Kulissen- Requisiten- Darstellerfundus) für richtig oder falsch erachtet werden.
Das stimmt doch überhaupt nicht. Wenn ich feststelle, dass Gottfried Keller realistische Romane schreibt, sage ich überhaupt nichts darüber aus, ob dieser Stil "richtig oder falsch" ist.
Ich selber hab ja eine Schwäche für beides und finde dieses gegeneinander Ausspielen deshalb heikel.
Momentan spielst ja nur die beiden Dinge gegeneinander aus, indem Du implizierst, dass in den Begriffen Wertungen enthalten sind. Dem ist aber nicht so. Wenn ich 'realistisch' und 'phantastisch' unterscheide, dann beschreibe ich lediglich bestimmte Unterschiede.
Du beobachtest ja ganz richtig, dass ich z.T. Widersprüche, bzw. Übertreibungen in den Raum stelle. Das tue ich, weil ich nun mal der Meinung bin, dass sich das bei einem großen Schirmbegriff wie ›Phantastik‹ nicht vermeiden lässt.
Nur wenn man ihn so verwendet, wie Du das tust.
Ich vertraue darauf, dass die meisten Leser der Sammelrezi das auch merken und sich davon nicht im schlechten Sinne verwirren lassen.
Ich kenne ja Deine Meinung zu dem Thema mittlerweile. Dennoch frage ich mich beim Lesen Deiner Texte ständig "Was meint er denn dieses Mal mit 'Phantastik'". Und ich bezweifle, dass es einem unbescholtenen Leser da sehr viel besser geht.
Vergiss nicht: Ich persönlich lasse mich gerne verwirren!
Kommt bei mir sehr darauf an. Wenn ich einfach das Gefühl habe, dass der Autor schlampig war, dann bin ich nicht verwirrt, sondern nur verärgert.
Geschrieben von molosovsky, am: Donnerstag, 04. Okt. 2007
…wenn ich einerseits kläre, dass ich ›Phantastik‹ nicht ausschließlich als litheraturtheoretischen Begriff gebrauche, sondern (und da bin ich eben nicht der Einzige[†]) auch die anthopologische, ideengeschichtliche, gesellschaftliche, politische, religiöse (ect pp ff) Perspektive/Nutzung dieses Begriffs berücksichtige, und Du andererseits auf eben dieser rein literaturtheoretischen Sicht beharrst, bzw. den Phantastik-Begriff nur auf diesem letzteren Feld zu klären gedenkst.
Da werden wir immer zu einem Gutteil aneinander vorbeireden, bzw. Du von meinem ›reden über Phantastik‹ verwirrt werden, und ich mich eingeengt fühlen.
Du selbst kennst doch die dialektische Problematik, dass die Frage, was ›Phanastik‹ und was ›Realismus‹ sei vom jeweilig postulierten Wirklichkeitsbegriff abhängt. Was Du bei meinen Versuchen diese Problematik betreffend ›schlampig‹ nennst, verteidige ich (in meinen Selbstbewußteren Momenten) als ›offen‹ oder ›spielerisch‹. — Vielleicht liegt es an meinem Ton, bzw. Deiner Erwartungshaltung(?) Erwartest Du denn, dass ich den Phantastikbegriff mit argumentativer Schärfe kläre, noch dazu lediglich bezogen auf Gattungsfragen? Nun, das ist nicht meine Absicht. Insofern verstehe ich auch, warum Du immer wieder über meine Haltung stolperst.
[†]: Ich könnte dieses ›der Einzige‹ eine ›phantastische Übertreibung‹ von Dir nennen; ich verstehe (wahrscheinlich) was Du ›eigentlich‹ meinst, aber dabei knetest und vereinfachst Du auch ›Wirklichkeit sprachlich zurecht‹, um mir zu veranschaulichen, welche Gefahren und Probleme Du meinem Wurschteln attestieren kannst.
Geschrieben von simifilm, am: Donnerstag, 04. Okt. 2007
…wenn ich einerseits kläre, dass ich ›Phantastik‹ nicht ausschließlich als litheraturtheoretischen Begriff gebrauche, sondern (und da bin ich eben nicht der Einzige[†]) auch die anthopologische, ideengeschichtliche, gesellschaftliche, politische, religiöse (ect pp ff) Perspektive/Nutzung dieses Begriffs berücksichtige, und Du andererseits auf eben dieser rein literaturtheoretischen Sicht beharrst, bzw. den Phantastik-Begriff nur auf diesem letzteren Feld zu klären gedenkst.
Aber das tust ja eben nicht. Du klärst nichts. Du verwendest den Begriff für mindestens drei verschiedene Dinge, ohne klar zu machen, was jeweils gemeint ist.
Beantworte mir doch bitte die Fragen aus meinem vorherigen Beitrag:
Was ist mit "pro und contra Phantastik" gemeint? Ich versteh's nämlich nicht. Bin ich pro? Oder contra? Bist Du pro? Worin äussert sich das denn? Dass ich Deine Verwendung nicht sehr sinnvoll finde, hat doch nichts mit "pro und contra Phantastik" zu tun, sondern etwas mit "contra molosovskys unklaren Sprachgebrauch". Oder ist 'Phantastik' für Dich nicht nur eine Gattung, eine Art Konzept von Konstruktivismus, sondern auch noch jegliches Reden darüber? Ist also 'Phantastik' gleich bedeutend mit 'Molos Weltsicht'?
Du selbst kennst doch die dialektische Problematik, dass die Frage, was ›Phanastik‹ und was ›Realismus‹ sei vom jeweilig postulierten Wirklichkeitsbegriff abhängt.
Ja und? Auf was antwortest Du damit? Wogegen richtet sich dieser Einwand? Folgt für Dich daraus, dass man 'phantastisch' und 'realistisch' grundsätzlich nicht unterscheiden kann oder soll, und dass deshalb bereits die blosse Verwendung des Begriffs 'realistisch' ein Gegeneinanderausspielen der beiden ist? Noch einmal meine Frage: Wer spielt die beiden Begriffe denn gegeneinander aus? Die Tatsache, dass ich diese Unterscheidung in vielen Fällen für sinnvoll halte, beinhaltet keine Wertung.
Es scheint mir, dass Du in dieser Diskussion zu oft einen Strohmann aufbaust. Da gibt es irgendwo einen Anti-Phantasten, der der Ansicht ist, dass es nur einen Blick auf die Welt gibt, und der ist dann wohl irgendwie "contra Phantastik" und für Realismus oder so. Geht es darum?
Was Du bei meinen Versuchen diese Problematik betreffend ›schlampig‹ nennst, verteidige ich (in meinen Selbstbewußteren Momenten) als ›offen‹ oder ›spielerisch‹. — Vielleicht liegt es an meinem Ton, bzw. Deiner Erwartungshaltung(?) Erwartest Du denn, dass ich den Phantastikbegriff mit argumentativer Schärfe kläre, noch dazu lediglich bezogen auf Gattungsfragen?
Ich erwarte einfach, dass ich zumindest ansatzweise verstehe, was Du sagen willst. Und das ist nur selten der Fall. Dazu gehört übrigens auch, dass Du - wie hier - oft nicht direkt auf Fragen antwortest, sondern einfach zu neuen allgemeinen Betrachtungen ausholst ...
Geschrieben von molosovsky, am: Donnerstag, 04. Okt. 2007
Ich will eben gerade nicht den Leser einengen, wenn es darum geht, worauf genau sich das bezieht. Du willst, dass ich an dieser Stelle kläre, ob ich Genre, Modus oder Weltbild meine. Da kann ich nur mit ›Ja‹ entworten.
Folgt für Dich daraus, dass man 'phantastisch' und 'realistisch' grundsätzlich nicht unterscheiden kann oder soll, und dass deshalb bereits die blosse Verwendung des Begriffs 'realistisch' ein Gegeneinanderausspielen der beiden ist?
Ich versuchs mal mit einem Beispiel: Ich mag es nicht, wenn einer der beiden Begriffe mit ›gut/richtig‹ oder ›böse/falsch‹ gleichgesetzt wird. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass sich (für uns Normalbürger und Alltagsmenschen wohlgemerkt) eben nicht grundsätzlich und allgemein bestimmen lässt, was ›phantastisch‹ und was ›realistisch‹ ist. Es hängt eben vom jeweiligen persönlichen Weltbildkino ab. Detailbeispiel: für die einen mag die Vorstellung (die Annahme, die Spekulation) eines ascendentalen Zivilisationsprozess, oder des ›homo oeconomicus‹ realistisch sein, für mich persönlich sind diese beiden Ideen Illusionen, positivistische Weltdeutungsfantasy, Wirtschaftspropaganda-Phantastik.
Kann sein ich irre mich, aber ›Phantastik‹ wird im Falle von Weltbildstreitigkeiten öftter mal als etwas Negatives denn Positives hingestellt. Dabei sind sich alle Parteien von Weltbild- und Weltgestaltungs-Konflikten im Klaren darüber, dass man nur mit ›realistischen Reden über die Welt‹ keinen Blumentopf gewinnt; dass man erst die Köpfe und Herzen der Menschen für sich gewinnen muss, um sie für seine Ziele zu motivieren.
Worum es mir geht, ist, dass sich jeder einzelne Gedanken dazu macht, was im jeweiligen Kontext einer Auseinandersetzung ›realistisch‹ oder ›phantastisch‹ ist. Und da ich die von Dir so bestöhnte Weitwinkelperspektive einnehme, kann ich kaum gleichzeitig alle Detailfragen klären. Oder ich müßte um einiges längere Rezis schreiben die derart ins Fizzeln driften, dass sie ihren von mir zugedachten Zweck einer vergnüglichen Verwirrung bei gleichzeitiger Lektüreanregung nicht mehr so erfüllen, wie ich das im Sinne hatte. Ich will nicht als Authorität auftreten, die endgültig die jeweilige richtige oder falsche Anwendung des Phantastik-Begriffs klärt, sondern versuche kenntlich zu machen, dass ich selbst oftmals ratlos vor diesem Begriffs-Problemen stehe.
Falls eine Gegenfrage erlaubt ist: was macht für Dich den Begriff Phantastik interessant und reizvoll. Was fasziniert Dich dabei?
Geschrieben von simifilm, am: Donnerstag, 04. Okt. 2007
Ich will eben gerade nicht den Leser einengen, wenn es darum geht, worauf genau sich das bezieht. Du willst, dass ich an dieser Stelle Stellung beziehe und kläre, ob ich Genre, Modus oder Weltbild meine. Da kann ich nur mit ›Ja‹ entworten.
Für mich übersetzt heisst das: "pro/contra Phantastik" heisst, was immer sich der Leser darunter vorstellen mag. Oder in anderen Worten: Du sagst damit schlicht nichts.
Oder noch einmal ausführlicher:
Das Pro und Contra zur Phantastik lässt sich im Grunde auf Deutungshoheitrangelein darüber zurückführen, welche Sprachgepflogenheiten, Bilderwelten, Vorstellungskonventionen und Denkkonstukte als zulässig bzw. unzulässig gelten sollen.
Du willst mir also weismachen, dass es in diesem Satz vollkommen einerlei ist, was man unter 'Phantastik' versteht? Es ist egal, ob man unter 'Phantastik' Todorovs Konzept, Unsinn, Wunderbares, Konstruktivismus-Dingsda oder grossartig versteht. Das glaube ich Dir nicht. Und wenn Du die 'Ersatzprobe' machst, wird das auch schnell klar.
Das Pro und Contra zur/m Unsinn/todorovscher Phantastik/Grossartigem/dem Wunderbaren lässt sich im Grunde auf Deutungshoheitrangelein darüber zurückführen, welche Sprachgepflogenheiten, Bilderwelten, Vorstellungskonventionen und Denkkonstukte als zulässig bzw. unzulässig gelten sollen.
Tut mir leid. Da gibt für mich nur das Wenigste Sinn.
Ich versuchs mal mit einem Beispiel: Ich mag es nicht, wenn einer der beiden Begriffe mit ›gut/richtig‹ oder ›böse/falsch‹ gleichgesetzt wird.
Und wer bitte tut das?
Tatsächlich bin ich der Meinung, dass sich (für uns Normalbürger und Alltagsmenschen wohlgemerkt) eben nicht grundsätzlich und allgemein bestimmen lässt, was ›phantastisch‹ und was ›realistisch‹ ist. Es hängt eben von jeweiligen persönlichen Weltbildkino ab.
Ja und? Wer bestreitet das?
Kann sein ich irre mich, aber ›Phantastik‹ wird im Falle von Weltbildstreitigkeiten öftter mal als etwas Negatives denn Positives hingestellt.
Vielleicht im Sinne von "das ist doch nur phantastisches Zeug". In dieser Verwendung heisst 'Phantastik' so etwas wie 'Unsinn' und ist somit negativ konnotiert, ja. Aber hier kommt eben wieder der Kontext ins Spiel, denn kein einigermassen kompetenter Hörer setzt das mit 'phantastischer Literatur' oder mit Deinem Kognitivismus-Dingsda gleich. Die meisten Menschen werden 'phantastisch' jeweils unterschiedlich verstehen, wenn von 'phantastischem Zeug' oder 'phantastischer Literatur' die Rede ist. Und ich behaupte, dass auch Du die Dinge normalerweise recht gut auseinanderhalten kannst.
Worum es mir geht, ist, dass sich jeder einzelne Gedanken dazu macht, was im jeweiligen Kontext einer Auseinandersetzung ›realistisch‹ oder ›phantastisch‹ ist.
Ja und?
Ich möchte mein Statement von vorher zum 'Anti-Phantasten-Strohmann' noch einmal unterstreichen. Du ortest hier ein Problem, wo keines ist.
Ich will nicht als Authorität auftreten, die endgültig die jeweilige richtige oder falsche Anwendung des Phantastik-Begriffs klärt, sondern versuche kenntlich zu machen, dass ich selbst oftmals ratlos vor diesem Begriffs-Problemen stehe.
Verwirrung, die Du Dir zum grossen Teil selbst schafft.
Falls eine Gegenfrage erlaubt ist: was macht für Dich den Begriff Phantastik interessant und reizvoll. Was fasziniert Dich dabei?
Eigentlich nichts. Der Begriff fasziniert mich nicht mehr als der Begriff 'Realismus'. Haha. Ätsch. ;)
Geschrieben von molosovsky, am: Donnerstag, 04. Okt. 2007
Simi, ich will Dir nicht die rote oder gelbe Karte zeigen, eines bereitet mir schon Unwohlsein: Du gibst sehr wenig von Dir als Person preis, und konzentriest Dich stattdessen darauf Sprache abzuklopfen. Damit stehst Du zu nahe vor der Sache, um die es mir geht.
Du sagst damit schlicht nichts.
Seh ich anders. Je nachdem ob man das hauptsächlich auf Genre, Modus oder Weltbild bezieht, ergeben sich andere Perspektiven auf dieses Pro und Contra. Du willst eine Perspektive, wenn ich Dich richtig verstehe.
… vollkommen einerlei …
Wenn ich in einem Jahrbuch zur Phantastik schreibe, sollte das bereits genug Standortsbestimmung signalisieren, oder? Vollkommen einerlei ist mir die Sache nicht, aber ich will eben nicht vorschreiben. Wiegesagt: ich schreibe keine nur Objektivität anstrebenden Sachtexte. Ich kann nicht allgemeingültig entscheiden, was gute und schlechte Phantastik ist.
Du hast gefragt:
Folgt für Dich daraus, dass man 'phantastisch' und 'realistisch' grundsätzlich nicht unterscheiden kann oder soll, und dass deshalb bereits die blosse Verwendung des Begriffs 'realistisch' ein Gegeneinanderausspielen der beiden ist?
Ich hab geantwortet:
Tatsächlich bin ich der Meinung, dass sich (für uns Normalbürger und Alltagsmenschen wohlgemerkt) eben nicht grundsätzlich und allgemein bestimmen lässt, was ›phantastisch‹ und was ›realistisch‹ ist. Es hängt eben von jeweiligen persönlichen Weltbildkino ab.
Worauf hin Du zurückgibst:
Ja und? Wer bestreitet das?
Eben diejenigen, die meinen, dass ihre Sprachpraxis, ihre Prämissen über ›Gott und die Welt‹ die einzig wahren realistischen Praktiken und Prämissen sind. — Dass Du überhaupt noch mal zurückgefragt hast, kann ich nur als Scheitern entweder meines Ausdrucks, oder Deiner Lesekonzentration deuten.
Geschrieben von simifilm, am: Donnerstag, 04. Okt. 2007
Simi, ich will Dir nicht die rote oder gelbe Karte zeigen, eines bereitet mir schon Unwohlsein: Du gibst sehr wenig von Dir als Person preis, und konzentriest Dich stattdessen darauf Sprache abzuklopfen.
Was soll ich denn preisgeben? Ich kämpfe ja noch immer damit, nachzuvollziehen, was Du eigentlich sagen willst.
Seh ich anders. Je nachdem ob man das hauptsächlich auf Genre, Modus oder Weltbild bezieht, ergeben sich andere Perspektiven auf dieses Pro und Contra. Du willst eine Perspektive, wenn ich Dich richtig verstehe.
Ich will wissen, was mit dem Satz gemeint ist. Irgend etwas wirst Du ja wohl gemeint haben. Also, der Modus kann also gemeint sein. Hmm, es gibt somit Leute, die pro oder contra den Modus der Phantastik sind. Tut mir leid, solche Leute kenne ich nicht. Wodurch zeichnet sich denn ein Mensch, der contra den Modus Phantastik ist, aus?
Wenn ich in einem Jahrbuch zur Phantastik schreibe, sollte das bereits genug Standortsbestimmung signalisieren, oder?
Das würde es wohl, wenn Du nicht explizit zur Begriffsverwedelung ansetzen würdest. Offensichtlich geht es Dir ja um mehr als nur eine Gattung. Es geht Dir um etwas, bei dem pro oder contra sein kann. Was das ist, ist mir unklar.
Ich kann nicht allgemeingültig entscheiden, was gute und schlechte Phantastik ist. Habe ich das verlangt? War davon überhaupt die Rede? Wenn ich Dich frage, was Du mit einer bestimmten Formulierung mitteilen willst, hat das nichts mit Wertung zu tun.
Eben diejenigen, die meinen, dass ihre Sprachpraxis, ihre Prämissen über ›Gott und die Welt‹ die einzig wahren realistischen Praktiken und Prämissen sind.
Und das sind auch die Leute, die contra Phantastik sind? Oder sind das noch einmal andere? Und was haben die Dinge genau miteinander zu tun? Verstehe ich das richtig? Dass ein Taliban glaubt, dass er den Weg Allahs beschreitet, sollte mir zu denken geben, wenn ich 'Phantastik' und 'Realismus' voneinander unterscheide? Warum nicht auch, wenn ich Krimi und Thriller und weisse und schwarze Schokolade unterscheide?
Geschrieben von molosovsky, am: Donnerstag, 04. Okt. 2007
Mit meinem Satz…
Das Pro und Contra zur Phantastik lässt sich im Grunde auf Deutungshoheitrangelein darüber zurückführen, welche Sprachgepflogenheiten, Bilderwelten, Vorstellungskonventionen und Denkkonstukte als zulässig bzw. unzulässig gelten sollen.
…bringe ich meine Meinung zum Ausdruck, das es ein fortwährendes Gerangel darüber gibt, was als Phantastik zu gelten hat (Genre), wie weit Phantastik gehen darf (Kommunikationsmodi) und welche Vorstellungen über Welt, Menschen, Sprache (ect) Deutungshoheit inne haben sollen (Weltbild).
Wer spricht sich gegen Phantastik als Kommunikationsmodus aus? Ist nicht Okhams Klinge eine solche Mahnung gegen täuschende und irreführende Vorstellungen, über ein Zuviel an Phantasie beim Ergründen der Wirklichkeit? Und ich finde das ist eine nützliche philosophische Warnung. — Andererseits gibt es Literaturkritiker (MRR am prominentesten), die z.B. keine Träume in der Literatur mögen, weil Autoren da ›machen können was sie wollen‹. Find ich nun weniger fruchtbar. Und weil es eben mal so oder so sein kann, sind mir jeweiligen einseitigen Pro- und Contra-Parteien gleichermaßen suspekt und ich reagiere mit ausdrücklich ›uneigentlichem‹, sprich (hoffentlich auch vergnüglich) lesbaren Mehrdeutigkeiten.
Dass dieser Kurs ›gefährlich‹ ist und zu Mißverständissen führen kann, ist mir klar. Aber Mißverständnisse können eben auch zur Gedankenklärung beitragen; dazu muß man sie aber anbieten. Wahrscheinlich baue ich z.B. für Dich noch zuwenige Punk-Signale der ernsthaften Respektlosigkeit in meine Schreibe ein.
Krimi/Thriller und weiße/schwarze Schokolade: Im Gegensatz zur Phantastik/Realismus-Frage beziehen sich Deine Beispiele nicht so fundamental auf Wahrheitsfragen die Wirklichkeit betreffend. Bei der Schokolade ists am einfachsten, dann da kann ich den Kakao-Gehalt herausbekommen und somit zwischen ›richtiger Schoko‹ und ›Zuckerwerk‹unterscheiden. — Bei Krimi & Thriller scheint mir ein ähnliches Grenzproblem vorzuliegen, wie bei Phantastik und Horror (oder unheimlicher Literatur), denn Krimi bezeichnet die Art des Sachverhaltes den das Genre in den Mittelpunkt stellt, wohingegen Thriller auf einen Effekt (eben den Thrill) verweist. — Und wenn Glaubenseiferer aufgrund oder mittels ›religiöser Phantastik‹ (z.B. Erbsünde, Heilsgeschichte, Trinität) anderen vorzuschreiben, wie diese ihre Realität gestalten dürfen, dann sollte man sich durchaus Gedanken um das Ringelspiel zwischen diesen Begriffen machen.
Geschrieben von simifilm, am: Donnerstag, 04. Okt. 2007
…bringe ich meine Meinung zum Ausdruck, das es ein fortwährendes Gerangel darüber gibt, was als Phantastik zu gelten hat (Genre), wie weit Phantastik gehen darf (Kommunikationsmodi) und welche Vorstellungen über Welt, Menschen, Sprache (ect) Deutungshoheit inne haben sollen (Weltbild).
Bisschen viel aufs mal, findest Du nicht? Und glaubst Du, dass das irgend jemand ohne Erklärungen auch nur ansatzweise so versteht?
Wer spricht sich gegen Phantastik als Kommunikationsmodus aus? Ist nicht Okhams Klinge eine solche Mahnung gegen täuschende und irreführende Vorstellungen, über ein Zuviel an Phantasie beim Ergründen der Wirklichkeit?
Eigentlich nicht, nein. Und selbst wenn – ist 'Phantastik' denn das Gleiche wie 'Phantasie'?
Und ich finde das ist eine nützliche philosophische Warnung. — Andererseits gibt es Literaturkritiker (MRR am prominentesten) die z.B. keine Träume in der Literatur mögen, weil Autoren da ›machen können was sie wollen‹
Aha, jetzt werden also auch noch Träume mit 'Phantastik' gleichgesetzt, gut, warum auch nicht. Lies mal, was MRR so zu Thomas Mann ("Dr. Faustus") und E.T.A. Hoffmann schreibt und dann wiederhol bitte mit gutem Gewissen das Statement, dass er etwas gegen Phantastik hat.
Find ich nun weniger fruchtbar. Und weil es eben mal so oder so sein kann, sind mir jeweiligen einseitigen Pro- und Contra-Parteien gleichermaßen suspekt und ich reagiere mit ausdrücklich ›uneigentlichem‹, sprich (hoffentlich auch vergnüglich) lesbaren Mehrdeutigkeiten.
Wie gesagt: Meiner Meinung nach baust Du Dir hier einen Strohmann.
Krimi/Thriller und weiße/schwarze Schokolade: Im Gegensatz zur Phantastik/Realismus-Frage beziehen sich Deine Beispiele nicht so fundamental auf Wahrheitsfragen die Wirklichkeit betreffend. Bei der Schokolade ists am einfachsten, dann da kann ich den Kakao-Gehalt herausbekommen und somit zwischen ›richtiger Schoko‹ und ›Zuckerwerk‹unterscheiden
Das kann nur jemand sagen, der einem vollkommen verbohrten Schokoladenweltbild anhängt und nicht in der Lage ist zu akzeptieren, dass es auch andere Schokoladenweltbilder gibt. – Siehst Du, so einfach ist das? Und hat das jetzt was gebracht? Eben nicht.
Fassen wir mal zusammen, Phantastik ist demnach:
- eine Gruppe von Texten
- überhaupt jede Form von Wahrnehmung resp. Sicht auf die Welt
- dann aber auch irgendwie eine bestimmte Sichtweise/Weltanschauung
- ein Wertungsbegriff
- Phantasie
- Träume
Habe ich was vergessen?
Und was genau gewinnst Du, wenn Du das alles zusammenpackst?
Geschrieben von molosovsky, am: Donnerstag, 04. Okt. 2007
Simi, Dir scheint fad zu sein.
Anders kann ich mir nicht erklären, warum Du derart gern meine Schlamperheiten nachahmend auf meine Schreibe anzuwenden :)
Deine Zusammenfassung ist größtenteils falsch; zwar erhellend, aber eben wie fast immer, wenn Du in anderer Leute Schreibe pickst, zu sprachgläubig. Ich verstehe die Ambition Sprachschärfte und Klarheit anzuregen. Jedem, der mehr als einen Text von mir kennt, wird wohl dämmern, dass es mir darum nicht zuvörderst geht, noch glaube ich selbst, dass darin mein Talent liegt.
Du interpretierst z.B., dass ich Träume und Phantastik gleichsetzte. Tue ich das wirklich? Teil mir da erstmal mit, wie genau Du auf diese Interpetation kommst, bevor ich Texte von mir für Dich umschreibe, die ich vor einem halben oder dreiviertel Jahr geschrieben habe. Ich komme mir schon langsam vor wie ein um Redlichkeit bemühter Theologe, der daran erinnern muß, dass nur wenig von dem, was in der Bibel steht wörtlich gemeint ist. »Erspüre den übertragenen Sinn und die ›Wahrheit‹ wird sich aus den Zwischenzeilenräumen hervortrauen und Dich finden.«
Phantastik ist auch nicht jede Form von Wahrnehmung. Wo kommt das denn plötzlich her? Wo schreibe ich, dass jeder einzelne bewußte und unbewußte Reiz z.B. der vom Lage-, Temperatur-Sinn weitergeleitet wird, Phantastik ist.
Was bitte schön ist kein Wertungsbegriff? Naja, das war übertrieben. Also, aus ziemlich viel läßt sich ein Wertungsbegriff machen. Kapitän Haddock führt ja z.B. vor, dass sich ›Homo sapiens‹, ›Sahnebonbon‹ und ›Antipode‹ als herabsetztende (also wertende) Begriffe verwenden lassen. (Das ›verwenden lassen‹ ist dabei bedeutent.) — Sind denn z.B. Bezeichnungen für Ethnien oder Nationalitäten Wertungsbegriffe? Meiner Meinung nach sollten sie es nicht sein, aber es viele Menschen, für die eine oder andere Ethnien- oder Nationalzugehörig ein Schimpfwort ist (bzw. die sich der eigenen besonders rühmen usw).
Deshalb auf die Frage:
Und was genau gewinnst Du, wenn Du das alles zusammenpackst?
Den ›Verwirr den Simi‹-Wanderdarsteller-Preis, nehm ich mal an, warum?
Auch ist Phantasie und Phantastik nicht das Gleiche. Wie kommst Du darauf?
Beim Schokobeispiel (nebenbei: Danke für die erholsame Humorabwechslung) zeigst Du mehr Person (so mein Eindruck), weniger Sprachklauber-Fetischismus. Welchem Schokoweltbild hängst Du denn an: dass Schoko ehr das ist, wo wirklich die Schoko das dominante Element ist, oder güldet für Dich alles als Schoko, was lang genug als solche verkauft wird, auch wenn da fast gar keine Schoko drin ist? — Was Schoko betrifft, bin ich ein eher zum Purismus neigenes Schleckermaul, also mindestens 50% Kakao (sprich: so gut wie nix von dem, was ich im normalen Supermarkt bekomme ist für mich ›Schoko‹). — Bei Schoko scheint so ein Konflikt zwischen verschiedenen (Schoko)Weltbildern wunderbar läppisch. Aber beim ›Phantastik‹- und der damit in Verbindung stehenden ›Realismus‹-Begriff wirds brenzlig. Die einen sind stolz auf ihre ›Visionen‹ und ›Inspirationen‹, andere möchten nicht als ›Hirngespinst‹-Verbreiter beschimpft werden, und dritte (so z.B. ich meist) kratzen sich am Kopf und beginnen in Kleinjungenmanier Philosoph zu spielen.
Bin gespannt, welche losen Fäden Du jetzt zusammenpickst, um mir draus einen Strick zu drehen :)
Geschrieben von simifilm, am: Donnerstag, 04. Okt. 2007
Deine Zusammenfassung ist größtenteils falsch; zwar erhellend, aber eben wie fast immer, wenn Du in anderer Leute Schreibe pickst, zu sprachgläubig. Ich verstehe die Ambition Sprachschärfte und Klarheit anzuregen. Jedem, der mehr als einen Text von mir kennt, wird wohl dämmern, dass es mir darum nicht zuvörderst geht, noch glaube ich selbst, dass darin mein Talent liegt.
Es gibt ja tatsächlich Leute, denen es darum geht, dass das, was sie schreiben wird, verstanden wird. Eigentlich dachte ich auch immer, dass das der Sinn von Geschriebenem sein sollte ...
Du interpretierst z.B., dass ich Träume und Phantastik gleichsetzte. Tue ich das wirklich? Teil mir da erstmal mit, wie genau Du auf diese Interpetation kommst, bevor ich Texte von mir für Dich umschreibe, die ich vor einem halben oder dreiviertel Jahr geschrieben habe.
Du führst MRRs angebliche Abneigung gegen Träume in der Literatur als Beispiel für eine "contra-Phantastik-Position" an. Daraus folgt, dass Träume Phantastik sein müssen, sonst bringt das Beispiel nichts.
Phantastik ist auch nicht jede Form von Wahrnehmung. Wo kommt das denn plötzlich her? Wo schreibe ich, dass jeder einzelne bewußte und unbewußte Reiz z.B. der vom Lage-, Temperatur-Sinn weitergeleitet wird, Phantastik ist.
Du betonst ja fortlaufend die Subjektivität von Wahrnehmung und Weltbildern und bezeichnest das irgendwie als Phantastik. Oder doch nicht?
Was bitte schön ist kein Wertungsbegriff?
Wenn man 'Phantastik' und 'Realismus' unterscheidet, beinhaltet das in aller Regel keine Wertung.
Was bitte schön ist kein Wertungsbegriff? Naja, das war übertrieben. Also, aus ziemlich viel läßt sich ein Wertungsbegriff machen. Kapitän Haddock führt ja z.B. vor, dass sich ›Homo sapiens‹, ›Sahnebonbon‹ und ›Antipode‹ als herabsetztende (also wertende) Begriffe verwenden lassen. (Das ›verwenden lassen‹ ist dabei bedeutent.) — Sind denn z.B. Bezeichnungen für Ethnien oder Nationalitäten Wertungsbegriffe? Meiner Meinung nach sollten sie es nicht sein, aber es viele Menschen, für die eine oder andere Ethnien- oder Nationalzugehörig ein Schimpfwort ist (bzw. die sich der eigenen besonders rühmen usw).
Vielleicht sind wir hier ja bei der Wurzel Deiner Verwirrung. Aus der Tatsache, dass ein bestimmter Begriff in einem bestimmten Kontext eine bestimmte Bedeutung hat, folgerst Du, dass diese Bedeutung auf alle anderen Kontexte ausgeweitet werden muss. Aber weder funktioniert Sprache so, noch ist ein solches Vorgehen sinnvoll. Im Gegenteil. "Türke" oder "Schwuler" mag in einem bestimmten Kontext eine Beleidigung sein, das heisst aber doch nicht, dass die Begriffe generell in jedem Kontext wertend sind. Genau so wenig 'phantastisch'.
Den ›Verwirr den Simi‹-Wanderdarsteller-Preis, nehm ich mal an, warum?
Wenn das Deine einzige Ambition ist ...
Aber beim ›Phantastik‹- und der damit in Verbindung stehenden ›Realismus‹-Begriff wirds brenzlig. Die einen sind stolz auf ihre ›Visionen‹ und ›Inspirationen‹, andere möchten nicht als ›Hirngespinst‹-Verbreiter beschimpft werden, und dritte (so z.B. ich meist) kratzen sich am Kopf und beginnen in Kleinjungenmanier Philosoph zu spielen.
Also noch einmal: Es gibt für Dich tatsächlich keinen Unterschied zwischen der Unterscheidung fiktionaler Phänomene - Phantastik/Realismus - und unterschiedlichen Weltbildern? Das ist alles das Gleiche? Dass Durst einen anderen Phantastik-Begriff hat als ich, ist das Gleiche wie die Unterschiede zwischen Kants und Wittgensteins Erkenntnistheorie? Und das wiederum ist das Gleiche wie der Unterschiede zwischen einem aufgeklärten und einem religiösen Weltbild? Alles das Gleiche?
Und zum Thema Schokolade: Es gibt nur Milchschokolade. Alles andere ist Mumpitz.
Geschrieben von molosovsky, am: Freitag, 05. Okt. 2007
Heut nicht so viel Zeit (und dann Dienst)
Simi. Du reagierst mir zu oft mit so Argumenten wie ›in aller Regel‹ und ›generell‹, gefolgt von Schneeschippen voll Fragen. Das macht so keinen Sinn.
Entspann Dich erstmal und lass den akademischen Sprachpicker öfter mal zuhause. Ich bin kein Studi von Dir.
(Im Moment etwas genervt.) Leute in die Ecke treiben kannste gut, Simi. Im Augenblick bin ich sozusagen ›kaput‹. Mußt jetzt erstmal mit jemanden anderem spielen.
Geschrieben von simifilm, am: Freitag, 05. Okt. 2007
Zu meinen Studis bin ich der Regel ganz sanft und nett ... ;)
Du versuchst immer wieder zwischen meiner akademischen Detailversessenheit und Deiner freien Schreibe zu unterscheiden. Ja, aber Herrgottnochmal, wenn ich diese freie Schreibe nicht verstehe, ist das denn tatsächlich mein Fehler? Irgend etwas willst Du den Leuten ja mitteilen; und ich glaube nicht, dass alle Deine Leser so viel intelligenter sind als ich, dass sie das tatsächlich verstehen.
Von wegen in die Ecke treiben und akademischer Sprachpicker: Du scheinst zu meinen, dass es mir nur darum geht, Dich vorzuführen. Darum geht's mir aber gar nicht. Ich versuche tatsächlich, Dich zu verstehen. Und wenn ich etwas auf Anhieb nicht verstehe, dann bohre ich eben nach, ja. Und wenn ich auf etwas stoss, das mir nicht einleuchtet, melde ich Widerspruch an. Das ist meine Art. Unabhängig, ob das nun innerhalb oder ausserhalb des akademischen Zirkus ist. Logik und Kohärenz sollten nun wirklich nicht der Wissenschaft vorbehalten sein. Mit akademischem Getue hat das also wenig zu tun, sondern mit Ernst nehmen des Gegenübers. Wenn mir einfach gleichgültig wäre, was Du schreibst, würde ich auch nicht reagieren. Da ich Dich aber als Gesprächspartner Ernst nehme, gehe ich auch auf darauf ein und versuche, Deine Gedanken nachzuvollziehen.
Geschrieben von molosovsky, am: Samstag, 06. Okt. 2007
Am wichtigsten: Simi, tut es mir Leid, falls ich Dich auf die Palme getrieben oder frustriert habe mit meiner letzten Meldung. — Anklagen oder in eine blöde Schublade frachten wollte ich Dich nicht (ich seh aber jetzt nach Feierabend, dass mein ›Ich bekomme keine Luft mehr‹-Mauler so aufgenommen werden kann).
Okey, ich versuch aufzupassen, dass ich keine depperten persönlichen Mutmaßungen mehr anbringe (zumindest nicht, wenn ich so unsicher bin, so gestern vormittag).
Also: ein paar gewundene Probleme lassen mich straucheln. Am wichtigsten, dass ich bei einer solchen Exegese eines alten Textes supernervös bin und selber von Haus aus nicht gard das lockerste Verhältnis zum eigenen ›fertigen‹ Kram hab. Fiele mir nicht schwer, mich auf Deine Seite zu stellen, um kräftig mitzurütteln an dem klapprigen Gedankengerüst, für das ich die allermeisten meiner ›alten‹ Texte selbst halt. Im Selbstbewußt die eigenen Babys verteidigen bin ich nicht so firm. Einen großen Unterschied den ich zwischen Deinen und meinen Sach-Druckwerken seh ist, dass Dein Sachbuch viel mehr Dauerhaftigkeit auszeichnet, wohingehen ich meine Rezensionen zu einem Gutteil für Ex- und Hopp-Texte halte. (Wichtig ist mir, bestimmte Bücher zu empfehlen: mein ›quasiphilosophisches‹ Sprachgehampel ist kaum mehr als eine Art kabarretistische Zier. Kann sein, mein Kabarret ist weder komisch, noch erkenntnisfördernd.)
Du schriebest:
Da ich Dich aber als Gesprächspartner Ernst nehme, gehe ich auch auf darauf ein und versuche, Deine Gedanken nachzuvollziehen.
Vor lauter Überblicksverlust und den Schwächen meiner panikenden Eitelkeit war ich so dumm, dass zu vergessen (oder mich im Ton zu vergreifen?) — Ich fühl mich meist zugleich geehrt und in die Ecke getrieben, wenn ich ernst genommen werde. Ich habe Dir (glaub ja) schon ein, zwei Mal vermittelt, dass ich Dich für den klügeren und besseren Denker halte.
Lass mich deshalb folgendes als Brücke errichten: die Sammelrezi für 2007 hab ich im Frühjahr geschrieben. Allein schon der Impact Deines Buches hat mich mittlerweile wieder woanders hingeschubst, was meine fortwährende und wankelmütige Grüblerei zum Phantastik-Begriff angeht. — Ich hab gestern Vormittag, statt länger zu antworten, vor der Arbeit lieber noch mal wertvolle Passagen Deines Buches wiedergelesen (und auch all meine Randnotizen, wuaaah und noch ein anderer, vergangener Molo als der aktuelle). — Ich bin ›in awe‹ wie brauchbar und gut Dir dort die Begriffs-Etablierung gelingt, also wie Du die Instrumente ausbreitest, die dann im Poetikteil angewandt werden, denn Du zeigst dabei sehr schön auch zum ›dunklen Tor‹ der Problematik des sich gegenseitig bedingenden Pärchens ›Realismus‹ und ›Phantastik‹. [†] Und an anderen Stellen kümmerst Du Dich umsichtig um Gefahrenzonen, die jedes verständliche und dennoch überschaubare Analysieren des Phantastikbegriffs mordsmäßig erschweren. [‡] — Ich wüßte nicht, wie man das groß besser machen könnte als Du, wenn es um Phantastik als Film oder Literatur, also ›Kunst‹ oder ›Entertainment‹ geht.
Was Dich bei meiner Schreibe nun verwirrt und im Unklaren läst, ist etwas, was mich selbst nicht groß anders dastehen läst. Zu dem von Dir herausgestellten, dem Dich verwirrenden Satz aus meinem ›Introdubilo‹ zur diesjährigen Sammelrezi…
Das Pro und Contra zur Phantastik lässt sich im Grunde auf Deutungshoheitrangelein darüber zurückführen, welche Sprachgepflogenheiten, Bilderwelten, Vorstellungskonventionen und Denkkonstukte als zulässig bzw. unzulässig gelten sollen.
…hab ich schon ausweichend kommentiert, dass ich durchaus im Sinn hatte, eine willentliche Offenheit zu riskieren, ob hier Phantastik sich auf Weltenbau (z.B. Bilderwelten), auf Modus (z.B. Sprachgepflogenheiten) oder Effekt beziehen soll. Letzteres hatte ich damals noch nicht so gut im Griff und umschrieb es mit ›Vorstellungskonventionen‹ und ›Denkkonstrukte‹ und ich geb ja zu, da verschwindet viel, was genauer geklärt werden könnte zwischen den Zeilen. Heute würde ich es vielleicht ›Prämissen‹ und ›use and gratifications‹-Gepflogenheiten nennen.
Da ich nicht so lästig sein will, hier zu viel am Stück hinzuklotzen, will ich hier innehalten und Dir Gelegenheit zur Reaktion geben. — Die Heftigkeit selbst, mit der wir (wiedermal) aneinandergeraten sind, stört mich keineswegs. Aber als zuweilen wankelmütiger Bursche bitte ich um Nachsicht, wenn ich wie mit meiner letzten Antwort augenblickliche Überlastung eingestehe.
Herzlichst
Alex / Molo
[†]: Prinzipiell hoffe ich, dass ich Dich, Simi, richtig verstanden habe und entsprechend korrekt wiedergebe. Im Definitionen-Kapitel zeigst Du (auf S. 33, mit einem Zitat von Schmitz-Emans) auf das markanteste der unsicheren Begriffsgefilde was Phantastik angeht:
Jegliche Diskussion über eine Begriffsbestimmung des ›Phantastischen‹ führt letztlich auf eine unausräumbare Schwierigkeit, und das liegt am jeweils korrelativen Begriff des ›Realistischen‹ bzw. der ›Realität‹.
Und stiftest Erhellung, indem Du den Lesern drei Ebenen anführst, auf denen diese Realitätsbestimmung von Bedeutung ist: die ontologische Ebene (Gesetzmäßigkeiten der fiktionalen Welt), die modale Ebene (stilistisch-formale Darstellungsweise dieser Welt) und schließlich die Ebene der angestrebten Wirkung beim Leser.
[‡]: Ich paraphraisiere hoffentlich korrekt, z.B. S. 34: Der Klarheit wegen konzentrierst Du Dich z.B. auf klassisch-realistische Darstellungsweisen, da ja, wenn die Narration selbst die Unergründlichkeit und Subjektivität der Realität unterstreicht, also in einer Welt(darstellung), in der ohnehin alles unklar ist, das phantatische Element (= der Bruch innerhalb der realitätskompatiblen fiktionalen Welt) unbemerkt untergeht. — Und auf S. 38 (und Fußnote 22) klammerst Du die Gefahren der Verwirrung aus, die durch Werke aufkommen, in denen die fiktionale Welt nicht konsistent ist, die ihren Charakter im Laufe der Erzählung ändern. — Diese Ausklammerung verstehe ich und finde sie sehr sinnvoll. Ich finde das äußerst umsichtig von Dir, denn es ermöglicht überhaupt griffig über eine Poetik der meisten Phantastik reden zu können. Der Preis, gewisse vor allem moderne Spielarten auszuklammern erscheint mir nicht zu hoch. Hättest Du das stillschweigend gemacht, wäre ich enttäuscht. So aber finde ich das elegant und nachvollzahbar und kann dem Gleis, das Du legst, vertrauensvoll folgen.
Geschrieben von simifilm, am: Samstag, 06. Okt. 2007
Oje, wie soll ich auf so viel Lob denn antworten. Das ist nämlich eine ganze fiese Technik von Dir. Da werde ich einfach mit Lob überschüttet und kann gar nichts mehr sagen. ;)
Okay, hier noch eine Entschuldigung meinerseits für meinen etwas ruppigen Ton und den vielleicht doch mitunter zu lehrerhaften Duktus.
Was mir bei Deinen Ausführungen und bei Deiner Vorstellung von Phantastik insgesamt zu schaffen macht, ist die Art und Weise, wie Du Ebenen vermischst, die meiner Meinung nach nicht zusammengehören.
Also: Wir haben hier die Ebene, die ich mal mit 'Konstruktivismus' umschreiben möchte, der Umstand, dass es keine unverstellte Sicht auf eine Wirklichkeit gibt, sondern unzählige Konstruktionen von Wirklichkeiten. In meinen Augen ist das etwas, was jeder einigermassen klar denkende Mensch akzeptieren muss. Im Grunde gar nichts, worüber es sich lohnt zu diskutieren. Deshalb auch mein ständiges "ja und". Dass es dennoch viele bornierte Hohlköpfe gibt, die das nicht verstehen wollen, ist mir klar. Aber die interessieren mich nicht, denn können in dieser Diskussion ohnehin nicht mitreden.
Natürlich hängen mit Dieser Frage sowohl die unterschiedlichen Weltbilder, die Dir so wichtig sind, und die Bestimmung der 'Phantastik' zusammen. Nur sind das eben ganz unterschiedliche Bereiche. Schmitz-Emans hat natürlich Recht, dass sich Phantastik immer in Abhängigkeit eines Realitätsbegriffs (der eben nicht fest ist) konstituiert. Hier geht es aber um die Frage literarischer und allgemeiner Konventionen. Was wird zu einer Epoche in einem bestimmten Kulturkreis als 'realistisch' verstanden. Du hast natürlich Recht, dass hier die Frage des Weltbildes in die Literatur hineinspielt, aber dennoch ist das nicht identisch mit den weltanschaulichen Konflikten in der gegenwärtigen Welt (und eben: das Weltbild spielt grundsätzlich in jede Art von Literatur oder Kunst oder Schokolade hinein).
Ich weiss nicht, ob ich mich klar ausgedrückt habe. Am Ende geht's mir immer noch darum, dass ich das "pro/contra Phantastik" nicht verstehe. Natürlich gibt es Auseinandersetzungen um die Frage wie Phantastik (als Gattung/Modus) definiert werden kann oder soll. Aber diese Frage ist - und darauf beharre ich - grundsätzlich keine Frage der Wertung. Natürlich gibt es Leute, die - aus welchen Gründen auch immer - Phantastik nicht mögen. Diese Abneigung hat aber wiederum mit einer Bestimmung von Phantastik nichts zu tun. Und zu guter Letzt gibt es natürlich zahlreiche weltanschauliche Konflikte, diese haben aber mit den beiden vorangegangenen Punkten nichts zu tun.
Wenn Kritiker XY Phantastik nicht mag, hat das nichts mit den unterschiedlichen Weltanschauungen von Kritiker XY, mir, George W. Bush und einem Taliban zu tun. Und wenn Todorov bei der Bestimmung von Phantastik zu einem anderen Urteil kommt als ich oder Du, ist das wieder was Anderes. Um was es hier dann geht, ist die Frage, wie sich ein offenbar vorhandener Gegensatz zwischen einer als 'realistisch' empfundenen und einer 'phantastichen' Literatur formalisieren, auf den Punkt bringen lässt. Dass dieser Gegensatz keine absoluter, sondern wie Schmitz-Emans ja auch festhält, ein kulturell wandelbarer ist, sollte zumindest in der (Literatur-)Wissenschaft mittlerweile unbestritten sein (und ausserhalb der Literaturwissenschaft und einige Fankreisen interessieren sich nur wenige für die Frage, was 'Phantastik' ist). Deshalb ist für diese Frage auch meine oder sonst eine Weltanschauung irrelevant. Entscheidend ist die Feststellung, dass hier Phantastik gewissermassen eine Funktion des jeweiligen Realitätsbegriffes ist. Hier spielt also der am Anfang angesprochene Konstruktivismus wieder rein, aber eben auf einer anderen Ebene, nämlich auf der Ebene des Hintergrundes, vor dem der Text entstanden ist - mein eigener Hintergrund sollte hier aber eigentlich irrelevant sein (und noch einmal: dieser Hintergrund ist immer relevant beim Verständnis von Kunst).
Deshalb bedeutet hier "pro/contra Phantastik" gar nichts: Wenn ich versuche, Phantastik zu bestimmen, gibt es die Frage eines dafür oder dagegen gar nicht. Weder Todorov, noch ich in meinem Buch, noch sonst wer, der 'Phantastik' definier will und einigermassen klar im Kopf ist, äussert sich dazu (resp.: sollte sich nicht äussern. Eine Definition ist eben keine Wertung). Deshalb noch einmal: wenn es um die Definition geht, heisst "pro/contra Phantastik" meiner Meinung nach nichts.
Wenn ich Dich richtig verstehe, dann scheint es Dir bei dem, was Du "pro/contra Phantastik" nennst, um einen ganz akuten Konflikt zu gehen (der übrigens in meinen Augen heute nicht akuter ist als vor 20 Jahren. Nur ist er heute weniger links/rechts als religiös konnotiert). Was "pro/contra Phantastik" im Kontext dieses Konflikts - sofern ich darunter das gleiche verstehe wie Du - bedeuten soll, verstehe ich eigentlich nicht ganz,. Wer ist im Konflikt radikaler Islamismus vs. freie westliche Welt das Pro und wer das Contra? Dieser Konflikt hat mit einer Gattung namens 'Phantastik' gar nichts zu tun jenseits der Tatsache, dass in beide Dinge unterschiedliche Weltbilder von Bedeutung sind. Aber: Für was sind unterschiedliche Weltbilder denn nicht von Bedeutung? Ist das nicht einfach eine erkenntnistheoretische Prämisse, von der wir ohnehin immer ausgehen müssen? Ich habe den Eindruck, dass Du gewissermassen am Konzept des Konstruktivismus 'entlanggleitest' und alles, was irgendwie damit zu tun hat, reinpackst. Aber eben: Ich sehe nicht, inwiefern die Frage, wie 'Phantastik' bestimmt werden soll, irgend etwas mit der Frage zu tun hat, dass es - um ein anderes Beispiel zu bringen - Bibelfundis gibt, die Kreationismus an den Schulen wollen. Phantastik ist in diesem Kontext vielleicht deshalb relevant, weil eine Beschäftigung mit diesem Modus das Bewusstsein für die Konstruiertheit der Welt schärfen kann - aber eine Frage von pro und contra ist das nicht.
Das war ausführlich und ich hoffe zumindest einigermassen verständlich.
Geschrieben von molosovsky, am: Samstag, 06. Okt. 2007
Wiegesagt: wenn jemand wie Du mich Ernst nimmt, ist das für mich ein großes Kompliment. Warum dem so ist, kann ich nur mit entsprechenden Gegenlob begründen. Ich hoffe, Dir sind diese Momente meiner Selbstdistenzierung nicht zuuu peinlich. (Immerhin: Lob aus der falschen Richtung kann zum Gegenteil umschlagen.)
Es freut mich, dass es uns gelungen ist, die Wogen unseres Diskurses wieder zu glätten; Wogen, die ich z.T. auf ein ›aneinander Vorbeireden‹ zurückführen kann. Als ›frei daherschwurbelnder Schreiberling‹ muß ich den Löwenanteil für die Verwirrung auf mein Konto verbuchen.
Obwohl ich kein inniger Kenner des Konstruktivismus bin, fühl ich mich soweit richtig verstanden, wenn Du ihn ins Spiel bringst, um Aspekte meiner Haltung und Argumentation zu beschreiben. Und Du bringst selbst jene vertrackte Sache, um die es mir (nicht ausschließlich, aber eben auch) geht, auf den Punkt:
Hier spielt also der am Anfang angesprochene Konstruktivismus wieder rein, aber eben auf einer anderen Ebene, nämlich auf der Ebene des Hintergrundes, vor dem der Text entstanden ist - mein eigener Hintergrund sollte hier aber eigentlich irrelevant sein (und noch einmal: dieser Hintergrund ist immer relevant beim Verständnis von Kunst).
Was ich nun mit meiner ungestümen Collagedenke womöglich nicht immer klar und deutlich genug kenntlich mache, ist, dass ich ab und an den Betrachtungswinkel weit über Fragen literarischer Betrachtung ausdehne, wenn eben außerhalb der Literatur z.B. von ›politischer Phantastik‹ oder ›religiöser Phantastik‹ die Rede ist, eine Sprachgepflogenheit, die sich schon bei Feuerbach finden lässt:
In Beziehung auf das innere Leben kann man übrigens auch die Gnade definieren als das religiöse Genie; in Beziehung auf das äußere Leben aber als den religiösen Zufall. Der Mensch ist gut oder böse keineswegs nur durch sich selbst, durch eigene Kraft, durch seinen Willen, sondern zugleich durch eine Menge geheimer und offenbarer Bestimmungen, die wir, weil sie auf keiner absoluten oder metaphysischen Notwendigkeit beruhen, der Macht »Seiner Majestät des Zufalls«, wie Friedrich der Große zu sagen pflegte, zuschreiben.[154] Die göttliche Gnade ist die mystifizierte Macht des Zufalls.
Feuerbachs Fußnote [154]: Schelling erklärt in seiner Schrift über die Freiheit dieses Rätsel durch eine in der Ewigkeit, d.h. vor diesem Leben vollbrachte Selbstbestimmung. Welche phantastische, illusorische Annahme! Aber Phantastik, ja bodenlose, kindische Phantastik ist das innerste Geheimnis der sogenannten positiven Philosophen, dieser »tiefen«, jawohl sehr tiefen religiösen Spekulanten. Je schiefer, je tiefer.
QUELLE: Feuerbach: »Das Wesen des Christentums« (1841), Erster Teil: »Das wahre, d.i. anthropologische Wesen der Religion«, Kapitel 10: »Das Geheimnis des Mystizismus oder der Natur in Gott«.
Oder auch bei Nietsche:
Man redet von Ahnungen, als ob z. B. die Religion gewisse Erkenntnisse, wenngleich dunkel, vorausgefühlt habe. Ein solches Verhältniß zwischen Religion und Wissenschaft giebt es nicht. Das was man Ahnung nennt, ist aus ganz anderen Motiven aufgestellt als wissenschaftlichen, auf ganz anderen Methoden begründet, nicht einmal auf halbwissenschaftlicher Methode. Es ist zufällig, wenn das Eine dem Andern ähnlich sieht. Alle Religionen zusammen sollen gewisse gemeinsame »Wahrheiten« dunkel enthalten, man glaubt damit einer Philosophie etwas Günstiges zu sagen, wenn man die religiöse Phantastik auf ihre Seite bringt: aber es ist umgekehrt. Wissenschaft und Religion werden sich in ihren Resultaten gar nicht ähnlich sehen können.
Von Nietzsche kenne ich aus den Ausspruch, dass sich die Menschheit aufteilen lässt in die einen, die von ›Wahrheits-Spannungen lustvoll errregt werden‹ und die anderen, die den Anstrengungen die diese Spannungen mit sich bringen lieber aus dem Weg gehen.
Um einem Missverständnis vorzubeugen: ich will mit solchen Gedankengängen niemanden zeihen, ein feiger Hund angesichts solcher Wahrheitsspannungen zu sein. Umgekehrt sind meine entsprechenden »Vermischungen von Ebenen, die nicht zusammegehören« (Phantastik im fiktional-literarischen Kontext einerseits, Phantastik im Kontext gesellschaftlicher Weltbildgerangeleien andererseits) als Angebote gemeint (und Angebote sollten meiner Meinung nicht zu aufdringlich sein, vor allem, wenn derjenige, der sie macht, sich selbst nicht allzu sicher ist). Gemäß meiner Sicht ist es eben durchaus immer wieder der Fall, dass mit dem Begriff ›Phantastik‹ mal positiv, mal negativ gewertet wird. Als ›bekennender Phantast‹ scheine ich eine einseitige Stellung zu beziehen, dem ist aber nicht so.
Wenn Du schreibst…
Phantastik ist in diesem Kontext vielleicht deshalb relevant, weil eine Beschäftigung mit diesem Modus das Bewusstsein für die Konstruiertheit der Welt schärfen kann - aber eine Frage von pro und contra ist das nicht.
…sprichst Du genau das an, was mich umtreibt. Ich denke, dass ich genug Signale gebe, wie meine eigenen Prämissen so in etwa beschaffen sind, wenn es um die ›weltbildnerischen‹ Aspekte von Phantastik geht (also Ideologien und wie diese ›anschaulich gemacht werden‹); was ich gleich zu Beginn anhand des angeführten Zitats von Jean Paul anzureissen versuche. Ich weiß, dass man pointierter und klarer über diese Problematik schreiben kann, und Deine Kritik an meinem Introdubilo schlägt als entsprechend verwüstende Granate in meinem Selbstbewußtseinsbunker ein, gerade weil ich Dein Buch bewundere und es aufregend finde von Dir Ernst genommen zu werden.
Ich hoffe, Dich ein bischen versöhnt, zumindest aber orientiert haben zu können. Als ›Borderliner‹ zwischen Zweifel und Deutungslaune kann ich leider nicht behaupten, mir meiner Sache immer vollends sicher zu sein. Deswegen auch mein Beharren darauf, dass es legetim sein kann willentlich unklar daherzuschreiben. Das mag kein gutes Fundament für wirklich respektable Buchkritik sein, aber ich hoffe, von dieser meiner Warte aus vielleicht Rezensensionen anbieten zu können, die trotz (oder grad wegen) der verspielten Bildungshuberei und dem überspannten Ebenenspagat Vergnügen und Kurzweil bereiten können.
Geschrieben von simifilm, am: Samstag, 06. Okt. 2007
Nur noch kurz:
Was ich nun mit meiner ungestümen Collagedenke womöglich nicht immer klar und deutlich genug kenntlich mache, ist, dass ich ab und an den Betrachtungswinkel weit über Fragen literarischer Betrachtung ausdehne, wenn eben außerhalb der Literatur z.B. von ›politischer Phantastik‹ oder ›religiöser Phantastik‹ die Rede ist, eine Sprachgepflogenheit, die sich schon bei Feuerbach finden lässt:
Das ist in meinen Augen gar keine Ausdehnung, sondern versteht sich von selbst. Es ist eben die Konstruiertheit all dieser Dinge, die sich auch in der Kunst durchschlägt - und nicht umgekehrt. Alles, was Du religiöse und politische Phantasik nennst - geschenkt; das sind - wie gesagt - grundsätzliche erkenntnistheoretische Prämissen.
Noch zu Feuerbachs und Nietzsches 'religiöser Phantastik'. Ich kenne Feuerbachs Texte zwar nicht, aber für mich wird aus den Zitaten offensichtlich, dass Feuerbach und Nietzsche den Begriff zwar abwertend verwendeen, dass sie aber offensichtlich damit etwas Anderes benennen als beispielsweise jemand, der von einer literarischen Gattung spricht. Und gerade gegen diese Gleichsetzung wehre ich mich. 'Phantastik' scheint hier etwa 'Hirngespinst', Phantasterei zu bedeuten. Für mich ist offensichtlich, dass hier etwas Anderes gemeint ist, als wenn jemand meint, er lese gerne 'phantastische Literatur', und genau diese Gleichsetzung treibt mich auf die Palme. Und das hat nun nichts mit Haarspalterei zu tun, denn für mich geht aus diesen Textpassagen deutlich hervor, dass nicht literarischen Produkte gemeint sind. Und wenn Du die beiden Sphären - als das, was Nietzsche und Feuerbach meinen, und 'phantastische Literatur' - schon irgendwie zusammenbringen willst, dann wäre es sinnvoller, die Unterschiede deutlich zu machen, anstatt sie mit einem "das ist alles Phantastik, das ist alles das Gleiche" zu verwischen. 'Phantastik' meint hier verschiedene Dinge, und diese Dinge bleiben auch dann verschieden, wenn Du hier gewisse Verbind |