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geschrieben von molosovsky,
am: Dienstag, 29. Jun. 2010
Eintrag No. 629 — Mich hat ‘ne Sommergrippe erwischt. Das beigefügte Beweisphoto zeigt, dass ich mittlerweile nicht nur einen ›Bad Hair Day‹, sondern auch einen ›Bad Beard Day‹ haben kann.

Lektüre: Immer noch Wolf von Niebelschütz und sein »Der Blaue Kammerherr«, nur bin ich jetzt mit Band drei fertig und beginne den letzten, vierten Band.

Musik: Habe mir, passend zur Niebelschütz-Lektüre, einen ganzen Schwung neue Barockmusikalben besorgt. Auch wenn ich etwas, weil zu früh, neben der Epoche des Buches liege, passen folgende Aufnahmen hervorragend als Lesebegleitung zu »Der Blaue Kammerherr«: NETZFUNDE
  • Unglaublich, oder typisch Sommerloch? Die F.A.Z. eröffnete am 22. Juni ihre Feuilliton-Seiten mit einer Würdigung von Neil Gaimans »The Sandman«: Comic-Klassiker – Herr der Träume, Held der Schäume von David Gern. Was ich geradezu putzig finde, ist, wie die Rezi signalisiert, dass »The Sandman« nicht irgendein Comic ist, sondern was Anspruchsvolles, und also wird Norman Mailer als Garant bemüht und dessen Urteil »›Sandman‹ ist ein Comic für Intellektuelle«.
  • Achtung, Kültür: Es gibt Dinge, nach denen fahnde ich seit Ewigkeiten. Dazu gehört der Text eines Canons von Henry Purcell, den ich durch ein Album des Hilliard Ensemble, »Songs & Catches«, kennen gelernt habe (Leider ist das Album vergriffen und ich finde auch keine Hörprobe im Internet. Wer’s haben will, muss gebraucht oder in Stadtbüchereien suchen).
    Here’s that will challenge all the fair.
    Come, buy my nuts and damsons, my Burgamy pears!
    Here’s the Woman Whore of Babylon, the Devil, and the Pope,
    And here’s the little girl, just going on the rope!
    Here’s Dives and Lazarus, and the World’s Creation;
    Here’s the Tall Dutchwoman, the like's not in the nation.
    Here is the booths, where the high Dutch maid is;
    Here are the bears that dance like any ladies;
    Tat, tat, tat, tat, goes the little penny trumpet;
    Here’s Jacob Hall, that does so jump it, jump it;
    Sound, trumpet, sound, for silver spoon and fork,
    Come, here’s your dainty pig and pork.
    Endlich gefunden auf den Seiten von »British History Online« im Dokument »Old and New London: Volume 2«, Kapitel XLIII » Smithfield and Bartholomew Fair« (etwa bis zur Mitte runter schubbern). Nicht wundern über die Abweichungen. Die Hilliards singen eine zünftigere, volkstümlichere Version. — Ich wage es nicht, zu versuchen den Text mit Reimen zu übersetzten, aber es geht um die Sensationen des großen Bartholomäus-Marktes zu London, mit seinen Masques, ›Freaks‹ und Artisten, Haushaltswaren und Lebensmitteln (ein Besucher von damals bemerkte jedoch enttäuscht: »Keine Bücher«). — Also nur sinngemäß: Hier gibt’s was, das den ganzen Markt in den Schatten stellt. / Kommt herbei, kauft meine Nüsse, Pflaumen und Birnen. / Seht hier »Die Hure von Babylon, der Teufel und der Papst«, / und dort ein junges Mädchen, das auf dem Seil balanciert! / Hier gibt es »Das Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus« und »Die Schöpfung der Welt«. / Hier ist die Lange Holländerin, der im ganzen Lande keine gleichkommt. / Hier sind die Stände bei der hohen Holländischen Magd, / und dort sind die Bären die wie Damen tanzen. / Ta, ta, ta, ta, trötet die kleine Pfennig-Trompete. / Seht Jacob Hall, der Seiltänzer der springt wie kein anderer. / Spiel auf Trompete, spiel auf, für silberne Löffel und Gabeln. / Kommt her, hier gibt’s lecker Schweine und Fleisch.
  • Es war Bachmann-Wettlesen, und wie schon in den vergangenen Jahren hat Andrea darüber ausführich berichtet.
    Tag Eins: mit Sabrina Janisch, Volker H. Altwasser, Christopher Kloeble, Daniel Mezger, Dorothee Elmiger;
    Tag Zwei: mit Thomas Ballhausen, Max Scharnigg, Aleks Scholz, Judith Zander, Josef Kleindienst;
    Tag Drei: mit Peter Wawerzinek, Iris Schmidt, Christian Fries, Verena Rossbacher; und schließlich die Preisverleihung.

    Lesenwert amüsant finde ich auch die Berichterstattung von Elmar Krekeler in »Die Welt«: Der Ingeborg Bachmann-Wettbewerb hautnah.
  • Nochmal Kültür: Zu den Prosatexten, die mich sehr beeindruckt haben, weil mustergültig vorgeführt wird, was Sprachfiktionen zu leisten vermögen gehört »Ein schlichtes Gemüt« von Gustave Flaubert (zu finden in »Drei Erzählungen«. Ich empfehle die Übersetzung von Claus Sprick und Cornelia Hasting; gibts antiquarisch als schönes gebundenes Haffmans-Buch mit Volker Kriegel-Titelbild, und als Taschenbuch bei Piper, und als Hörbuch mit Harry Rowohlt). Für »New Criterion« hat Anthony Daniels unter dem Titel Flaubert’s simple heart – On a master’s lesson in true tolerance (Flauberts schlichtes Herz – Zur Lektion eines Meisters in Sachen wahrer Toleranz) einen ausführlichen Aufsatz zu dieser Geschichte geschrieben.
ZUCKERL
  • Auch mit Kugelschreiber kann man hervorragende Zeichnungen schaffen. Beste Beispiele, wie Kunst-fähig diese oft verschmähte Stift-Gattung ist, liefert Andrea Joseph in ihrem flickr-Album »Stricly Ballpoint«. Guckt ungedingt auch in Andrea Joseph’s Sketchblog vorbei.


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geschrieben von molosovsky,
am: Mittwoch, 19. Mrz. 2008

Dritter Teil von Molos Empfehlungen von Neil Gaimans

inkl. »Hilfreicher Handreiche« über mythologische, historische und literarische Anspielungen.

Eintrag No. 484 — Der dritte Band der zehnteiligen Großerzählung vom Wandel des Herrschers der Träume, »Traumland«, versammelt vier für sich allein stehende Kurzgeschichten, die 1991 als Einzelhefte Nr. 17 bis 20, und im Englischen als Sammelband 1995 erschienen sind.

Der kleine Wermutstropfen der ansonsten prächtig gelungenen Ausgabe von Panini Comics sei gleich zu Beginn abgehandelt: Leider wurde das im englischen Sammelband wiedergegebene Manuskript zu dem Heft »Kalliopie« nicht für den deutschen Band übernommen. Gaiman und sein Team gewähren darin ihren englischsprachigen Lesern einen interessanten Einblick in den Herstellungsprozess der Comic-Kunst, wenn sich die 39 Seiten Text-Skript vergleichen lassen mit den 24 Seiten Comic. Es ist aufschlussreich dort zu verfolgen, wie ausführlich der Autor Gaiman im lockeren Ton eines an die Zeichner gerichteten Briefes Beschreibungsaufwand leistet, um der Illustratorenarbeit möglichst hilfreich zuzuarbeiten. — Aber außer dem Fehlen dieses Manuskriptes gibt es wirklich nichts zu jammern über die Panini-Ausgabe. Wie schon ihre beiden Vorgängerbände »Präludien & Notturni« und »Das Puppenhaus« trumpft sie auf mit einem gestochen klaren Druck und der leuchtenden, nuancenreichen Digital-Kolorierung. Wahrlich, eine Augenweide.

»Traumland« bietet einen erfrischenden Sprung raus aus dem bisherigen großen Erzählstrom der Reihe. Von Beginn an war es eine Absicht von Gaiman bei der Gestaltung von »The Sandman«, zur Abwechslung zwischen den längeren Geschichten, deren Handlungsbögen sich über mehrere Kapitel/Einzelhefte spannen, abgeschlossene Einzelerzählungen zu bieten. Insgesamt aber werden alle Sammelbände und die Sandman-Geschichte im Ganzen geprägt, von dem auffälligen Merkmal des verschachtelten Ineinander von Geschichten in Geschichten. Strukturell steht Sandman damit solchen Potpourrie-Schatzkammern wie »1001 und eine Nacht« oder Jan Potockis »Handschriften von Saragossa« nahe, und kann sich ohne dass man übertreiben muss, als moderne, eben im Comicmedium dargereichte Variante derartiger ehrenvoll-wilder Fabulations-Klassiker gelten.

Zur Erinnerung: Band 1, »Präludien & Notturni« hat uns die manchmal nur am Rande auftretende Hauptfigur des Epos, den Herren der Träume, Morpheus, Dream, vorgestellt, und wie dieser zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einem englischen Scharlatanmagier beschworen und gefangen gesetzt wurde; wie Dream nach vielen Jahrzehnten erst in den Achtzigerjahren seinem Kerkermeister entkommt und langsam seine Kräfte wiedererlangt und sich auf eine Quest begibt, um die wichtigsten und machtvollsten seiner zwischenzeitlich verstreuten Herrschaftsartefakte einzusammeln. — In Band 2, »Das Puppenhaus«, kümmerte sich Morpheus dann um die Restauration des in seiner langen Gefangenschaft verwahrlosten Traumreiches. Vier der machtvollsten Traumreichbewohner waren ausgebüchst und sorgten in der Menschenwelt gehörig für Angst und Schrecken. Außer um diese Ausreisser, hatte sich Morpheus auch noch um einen alle Träume erfassenden Wirbel zu kümmern, der sich in Gestalt der jungen Frau Rose manifestierte. Nebenbei lernten wir zwei Geschwister von Dreams seltsamer Familie der ›Ewigen‹ kennen (eine siebenköpfige Sippe menschenförmiger, universeller Prinzipien deren Namen im englischen alle mit ›D‹ beginnen): seine ältere Schwester Tot (Death, die als überraschend gut gelauntes und bodenständiges Grufi-Chick daherkommt) und die/den gegen Morpheus intrigierende(n) geschlechtsneurtale(n) Begierde (Desire).

Mit Band 3 hat Gaiman seine bis dahin etwas tastende anfängliche Suche nach dem richtigen Ton und Rhythmus der Sandman-Comics endgültig abgeschlossen. Das soll nicht heißen, dass die Geschichten der ersten beiden Sammelbände misslungen sind, auch wenn dort noch bisweilen einige etwas umständliche Schlenker oder etwas unelegante Huppel im Erzählfluß bemerkbar sind. Immerhin ist die Ambition, die Gaiman bei seiner Saga antrieb, repekteinflößend und die gesteckten Ziele alles andere als Kinderspiele. So zeichnet sich Sandman von Beginn an durch eine äußerst eng gewobene und geschickte Mischung von alten Mythen, klassischer Literatur mit älterer und zeitgenössischer Popkultur aus, die miteinander verflochten eben nichts weniger ergeben, als eine große Geschichte über das Geschichtenerzählen selber, eine Geschichte über die Kraft von Mythen, jene trügerischen Wunschvorstellungen die mal als Orientierung, mal als Irreführung über die großen Zusammenhängen des Daseins berichten, hier vor allem über Erinnerung, Verlust und den Wunsch und die damit verbundenen Schwierigkeiten, wenn man sich verändern, formen will.

Zu den vier Geschichten von »Traumland« im Einzelnen.

»Kalliope«: Hier treten antike Gestalten in der modernen Welt auf, und eine unheimlich-spöttische Erzählung über das moderne Schriftstellerdasein wird geboten. Die Muse Kalliope wird als inspirations-liefernde Sklavin gehalten und von einem altem Schriftsteller in London an einen jungen Horror-Autoren für ein alchemistisches Artefakt eingetauscht. Von zwei der beklemmensten Schrecknissen aller Kreativen wird dabei berichtet: einerseits die Marter, wenn großer Tatendrang mit der Angst vor Ideenlosigkeit einhergeht und andererseits die ruhelosen Qualen eines überbordenden Ideenreichtums.

»Der Traum von 1000 Katzen« ist natürlich ein Fest für alle Katzenfreunde, wenn hier bei einem nächtlichen Treffen auf einem Friedhof eine versammelte Felidenschar einer Katzenerzählerin lauscht, die von ihrer Reise zum König der Träume erzählt (der sich in seiner Gestalt immer gemäß der ihm Begegnenden anpasst und hier als große schwarze Katze mit rotleuchtenden Augen auftritt). Diese Geschichte führt die Fähigkeit kraftvoller Phantastik vor wenn es darum geht, die menschliche Perspektive zu überwinden, und von ein paar Schritten Seitwärts der Wirklichkeit, in diesem Fall aus der Sicht von Katzen, über große Not und sinnstiftende Visionen (oder sind es nur scheinbar Hoffnung machende Truggebilde?) nachzudenken.

»Ein Sommernachtstraum«: Diese Geschichte ist für viele ein heißer Kandidat, wenn es um die Frage geht, welches der 75 Kapitel/Einzelhefte von Sandman die aller aller beste ist. Und tatsächlich erregte dieses herausragende Meisterstück der Sandman-Saga über die comiclesenden Phantastikzirkel hinaus für Aufsehen, als es 1991 den ›World Fantasy Award‹ als beste Kurzgeschichte gewann (woraufhin eine Regellücke des Wettbewerbs gekittet wurde, auf Drängen derer, die sich empörten, dass so eine ›unwürdige‹ Medienform wie eine Comicerzählung diesen altehrwürdigen Preis einheimsen konnte, und seitdem können nur noch Prosawerke diesen Preis gewinnen). — »Ein Sommernachtstraum« ist eines von zwei Sandman-Kapiteln, mit denen Gaiman dem großen William Shakespeare seinen Respekt zollt. Die zweite, »Der Sturm«, wird erst als letztes Kapitel den Sammelband »Das Erwachen« und damit als Epilog das ganze Epos abschließen. Shakespeare ist hier nun in Sussex unterwegs und gibt mit seiner Truppe eine exklusive Premieren-Sondervorstellung für eine illustrere Schar aus dem Feenreich, angeführt von niemand anderem als Titania und Oberon selbst, und der lustig-unheimliche Droll (auch als Puck bekannt) ist auch mit von der Partie und macht sich auf und davon für seine spätere, wichtige Rolle in der großen Sandman-Geschichte.

»Fassade«: Mit dieser Geschichte widmet sich Gaiman einer vergessenen Superheldin der 60er-Jahre, um ihr eine tragisch-melancholische Abschiedsvorstellung zu bereiten. Außergewöhnlich ist, dass Dream selbst gar nicht vorkommt in dieser tragischen Erzählung über Element Girl, die sich ängstlich zurückgezogen hat. »Fassade« ist eine sehr melancholische Geschichte über eine Person, die wegen ihrer Fähigkeit der Gestaltwandlung den Kontakt zur Außenwelt verloren hat, und die sich, da sie unsterblich ist, nach einem erlösenden Ausweg sehnt. Wie immer, wenn Sandman über unser Verhältnis zur Provokation des Sterben-Müssens sinniert, betritt Dreams Schwester Death die Erzählbühne um wie so manches Male einer in der eigenen Tragik gefangenen Figur den Kopf zurechtzurücken.

Besonders erwähnen muss ich die vier Cover des englischen Grafikmagiers und Gaiman-Kumpels Dave McKean. Okey, ich geb zu, ich folge fast allen Arbeiten von McKean mit treu ergebener Fan-Hingerissenheit, aber die vier Arbeiten der »Traumland«-Sammlung zählen für mich zu den allerfeinsten Bildern, die er je zusammengezaubert hat.

Ich kann verstehen, dass man als Neuleser zögert, ob sich die Anschaffung von zehn Sammelbänden lohnt. »Traumland« ist eine vorzügliche Möglichkeit, sich erstmal eine Kostprobe zu gönnen, denn die hier präsentierten Geschichten bereiten auch dann großes Lesevergnügen, wenn man keine Ahnung vom weiten Terrain der großen Sandman-Erzählung hat, und liefert dabei dennoch einen kraftvollen und sehr abwechslungsreichen Einblick zu diesem herausragenden Comicroman.

Und hier zum Schluß noch die deutsche Fassung der Anmerkungen zu Sandman für alle, die sich nicht mühen wollen mit der englischen Fassung, die sich dennoch aufmachen möchten, die tieferen Schichten dieses anspielungs- und zitatenreichen Comics zu ergründen. Viele Leser haben unter Leitung von Greg Morrow und David Goldfarb (und Websiten-betreut durch Ralf Hildebrandt) diese »Annotations« zusammengestellt, die ich bearbeitet, ergänzt und übersetzt habe und hier den deutschsprachigen Lesern als »Hilfreiche Handreichung« zu »Traumland« als PDF zum Download (ca. 211 KB) biete.

LINK-SERVICE:
Frank Drehmel schwärmt für »Webcritics« über die Arbeit der Zeichner von »Traumland«:
Sei es Kelly Jones feiner Strich mit seinen tiefen, harten Schatten, Charles Vess’ luftig leichter Duktus oder Colleen Dorans merkwürdig zerrissen wirkende Linienführung, immer ergänzen sich Story und Zeichnungen in nahezu perfekter Weise.

Christian Endres jubelt für »Fantasyguide« ähnlich wie ich, über die besondere Güte dieses Bandes:
»Traumland« ist mit ziemlicher Sicherheit das »unepischste« der Sandman-Tradepaperbacks. Trotzdem — oder gerade deshalb — zeigt dieser dünne Sammelband alle Stärken (und Schwächen) von Gaimans einmaligem Comic-Kosmos um die Ewigen.

Und Christel Scheja bringt für »Literra« den besonderen Charakter der Erzählungen des Bandes auf den Punkt:
In keiner der Geschichten steht die Action im Vordergrund sondern eine intelligent erzählte eher stille Geschichte, deren tiefgründige Hinweise und Zitate erst bei genauerem Lesen und Betrachten deutlich werden. Wieder gelingt es Neil Gaiman und den Künstlern, eine unwirkliche, magische Atmosphäre zu erzeugen, die zu verzaubern weiß. Er spielt mit der düsteren Melancholie, die den Träumen unterliegt, und verzaubert durch seine übersprühende Phantasie, die Gewalt durch viel tiefer unter die Haut gehende Bedrohungen und den Blick in den Spiegel ersetzt.

geschrieben von molosovsky,
am: Samstag, 12. Jan. 2008
{Diese Rezension erschien ursprünglich in »Magira 2007 — Jahrbuch zur Fantasy«, Hrsg. von Michael Scheuch und Hermann Ritter. Hier exklusiv um einige weiterführende Links erweitert.

>>>> Hier gehts zum Trailer der Sammelrezi mit Introdubilo und Warentrenn-Überleitungen.}

Eintrag No. 434 — Das gute Stöffche der Susanna Clarke’schen Phantastik wurde mir zum ersten Mal in der von Neil Gaiman herausgebenen Anthologie mit Kurzgeschichten aus dem Universum seiner »Sandman«-Comics kredenzt, und später lag einer Gallery-Mappe zu Gaimans und Charles Vess »Stardust« eine weitere Kurzgeschichte von Clarke bei[01]. In der Autorenbio der »Sandman«-Antho von 1996 heißt es (Übersetztung von Molo):
Derzeit arbeitet sie an einem Roman, der im England des 19. Jahrhunderts spielt, in dem Zauberei eine mehr oder minder angesehene Profession ist.
Gute zehn Jahre hat Clarke an »Jonathan Strange & Mr. Norrell« (= JS&MN) gefeilt, bis der Roman 2004 erschien.

Welch eine Freude! Was für eine Wohltat, wie JS&MN mittlerweile aufgenommen wurde, sowohl bei den Genre-Lesern, als auch von der Zunft der berufsmäßigen Literaturmeinungsverbreiter in Großmedien und Feuilletons. So jubelt beispielswiese Denis Scheck für die TV-Sendung »Druckfrisch«:
Susanna Clarke hat eines jener raren Bücher geschrieben, die uns daran erinnern, dass die Realität nur der Ort des Eskapismus derjenigen ist, die für das Reich der Magie nicht stark genug sind
und Nina May für »Die Zeit«:
Mit einer wunderschönen Bildersprache hat Susanna Clarke ein Buch für lange Herbstschmökerabende geschrieben, ein Buch, auf dessen honigfarbene Seiten einfach Schokoladen- und Kaffeeflecke gehören.
Aber, in beiden Lagern (bei Fantasylesern und Literatuuurverköstern) äußerte man verschiedentlich auch Befremden oder Unwohlsein über einige Eigenschaften von Clarkes Roman. Befremdet zeigte sich auch eine angesehene englische Literatin[02], die Clarke im Vorfeld der Veröffentlichung von JS&MN zwar begeistert bescheinigte, einen außergewöhnlich guten Roman vorgelegt zu haben, aber Clarke solle das Buch doch besser nicht selbst freimütig als ›Fantasy‹ bezeichnen, dass würde ja die anspruchsvolle oder ernste Leserschaft auf falsche Fährten locken und verschrecken. Diese Denkfigur ist ja bekannt: wenn ein Buch gute Literatur ist, dann kann es keine Genre-Fantasy sein. (Und ergänzend das andere in meinen Augen genauso dumme Vorurteil: Fantasyleser können eigentlich niemals wirklich ›ernsthafte‹ oder ›anspruchsvolle‹ Leser sein.)

Natürlich sind Einwände gegen die prägnanten Eigenschaften solch guter Literatur wie JS&MN nicht immer gänzlich kraftlos. Wer auf einen zügigen Fortlauf und klaren Bezug von Ereignissen wert legt, wer positive, leicht zu handhabende Rollenverteilung bevorzugt, wer mehr eine Schwäche (oder grad eben eher Gelegenheit) für ›Auf Sie mit Getöse‹-Äktschn und verlässliche Achterbahn-Thrill- und/oder Gefühlskissen-Einlagen hegt, wird hart und wohl weitestgehend freudlos an JS&MN zu knabbern haben, und nach einigen hundert Seiten beiseit legen. Wem es so ergeht, ist nicht automatisch ein schlechter oder dummer Leser. Man outet sich halt nur, ein ungeduldigerer Leser[03] in Sachen ›Worum geht’s denn nu?‹-Haltung zu sein.

Da ist es bequem, dass sich mittlerweile die nicht oft bietende Gelegenheit auftut, und man sich wie bei einem guten alten Rollenspiel-Buch[04] auf, in diesem Fall, zwei grundsätzlich verschiedenen Wegen in eine Fantasywelt begeben kann:
  1. »Möchtest Du lieber in einem munter ausufernden dicken Roman versinken, dann greife zu JS&MN.
  2. Wenn Du elegant geschnürte Kurzgeschichten vorziehst, dann gib Dich den ›Die Damen von Grace Adieu‹ hin.«
Da JS&MN bereits mit einiger Aufmerksamkeit bedacht wurde, stelle ich im Folgenden »Die Damen von Grace Adieu« (= DVGA) ausführlicher vor[05].

DIE KURZGESCHICHTEN
Leider wurde für die deutsche Ausgabe nur das ornamentale Blumenmotiv des Umschlags übernommen, die restlichen, entzückend anmutigen Illustrationen von Charles Vess[06] der hiesigen Leserschaft aber traurigerweise vorenthalten. Da blühen Prunkwinden, Sterne und Vollmond kehren mehrmals wieder, Eulen im Flug; zwei der drei Damen von Grace Adieu halten sich beschwörend an den Händen, die dritte betet, alle tragen typische Regency-›Elfenkleidchen‹ mit Kaschmirschultertuch, Puffärmeln und gesogten Bündchen; aus einem Buch klettern kleine Kobolde und ranken sich belaubte Ästchen; ein kleiner Junge steht auf der Mauer einer Turmruine umflattert von einem Rabenschwarm; nächtliche Hügel mit Hirsch, Hundemeute und rufenden Gestalten im Nebel; eine junge Frau mit Haube und Korb guckt in einem dichten Wald durch einen schmalen Ausblick auf einen Weg der zu Steinkreisen und einem ummauerten Turm führt; an einem Kirchturm fliegt ein kleines Schiffchen mit drei fröhlich musizierenden Engelsmännekens vorbei; Mary of Scottland sitzt vor einem Gobelin und stickt mit finsterem Blick; drei Heilige schauen ehrfurchtsgebietend auf den Betrachter herab.

Zuerst spricht ein gewisser Prof. James Sutherland (im Jahre 2006 Direktor für Sidhe-Studien[07] an der Uni Aberdeen) zu uns, als Autor des Vorwortes und Herausgeber der Kollektion, später noch mal als Erzähler/Bearbeiter einer der Geschichten. Die magisch-historische Alternativwelt von Clarke umfasst sich nicht nur die mittelalterliche und frühneuzeitliche Vergangenheit bis zum Regency. Laut Sutherland soll DVGA zum einen helfen, die Entwicklung der Zauberei auf den Britischen Inseln zu verstehen, zum zweiten dem Leser einige Einblicke und Rat liefern betreffs des Umgangs mit Elfen sowie deren schwer durchschaubaren Manipulationen menschlicher Angelegenheiten.

In dem Roman JS&MN ist Zauberei ja zuvörderst eine Männer-, genauer gesagt eine Gentleman-Angelegenheit, und der Erzählungsreigen ergänzt vorzüglich, da uns (nicht nur) durch die titelgebende Eröffnungsgeschichte »Die Damen von Grace Adieu« (1996) etwas von den weiblichen Zauberkünsten gezeigt wird. Hier lernt man die vielleicht drei fähigsten Zauberinnen des Regency-Englands zur Zeit von JS&MN kennen, die in dem kleinen (fiktiven) Kaff Grace Adieu leben, und sich bei ihren abendlichen Unterhaltungen über ihre männlichen ›Kollegen‹ Norrell und Strange uffregen, ansonsten sie als Kindermädchen auf Weisen aufpassen (Miss Tobias), als Witwe ein angenehmes Dasein pflegen (Mrs Field) oder mit Unbehagen über Heiratsfragen grübeln (Cassandra Parbringer). Der illustre, jüngere Meisterzauberer im Dienste Englands, Jonathan Strange, besucht zusammen mit seiner etwas überdrehten Frau Arabella deren Bruder Henry, von dem es heißt, er wolle die junge Cassandra ehelichen (die dazu lieber nix sagt). Wie überall, wo Jonathan weilt, ist er die Attraktion des Ortes, und er begegnet nächtens den drei zauberhaften Damen zwischen Wald und Hügel. Zugleich werden die Damen von unangenehmen Zeitgenossen heimgesucht, und ›Eulen sind nicht das, was sie zu sein scheinen!‹

In »On Lickerish Hill« (1997) lesen wir die dialektgefärbten Aufzeichnungen von Miranda, einer schlauen jungen Dame aus einfachen Verhältnissen, die mit dem wenig umgänglichen Sir John Sowreston verheiratet ist. Zum einen schildert die Geschichte eine Variante des Rumpelstilzchen-Märchens, und wie Miranda sowohl ihren Gatten als auch den spinnenden Elfen austrickst. Andererseits ist Miranda auch Gastgeberin eines wuseligen Gelehrtengrüppchens (die Royal Society ist noch in ihren Kindertagen), zu denen auch John Aubrey gehört[08]. Die Herren Gelehrten tummeln sich als Elfenkundler im moorigen Umland, entwerfen Fragenkataloge, für den Fall, dass sie mal einen Elfen erwischen, streiten natürlich immerfort leidenschaftlich und versuchen sich im Beschwören von Elfen.

Venetia, die Heldin der Geschichte »Mrs. Mabb« (1998) ringt mit dem Wahnsinn, denn ihr Geliebter weilt mit seinem Regiment in der Ferne im Kampf gegen Napoleon, oder doch nicht? Fiel er nicht vielmehr der Becircung der geheimnisvollen Mrs. Mabb anheim? Insekten spielen eine wichtige Rolle[09] und Venetia verbreitet bei ihren Versuchen die Schliche von Mrs. Mabb zu ergründen Unruhe unter deren Gästen und Familienangehörigen. Ins Irrenhaus eingeliefert zu werden dräut der Verzweifelten als Schicksal.

»Der Herzog von Wellington geht seines Pferdes verlustig« (1999) ist der kürzeste Beitrag der Sammlung und lässt den große Helden (eine Art Rockstar seiner Epoche) Lord Wellington triumphieren, indem er es versteht, mit Nadel, Faden und Schere um sein Leben zu kämpfen.

»Mr. Simonelli und Der Elfen-Witwer« (2000) kommt in Form von Tagebuchauszügen der Titelfigur daher. Mr. Simonelli, ein junger Protestant italienischer Abstammung, nimmt, um den unaufhörlichen Intrigen Cambridges zu entkommen, eine Stelle als Landpfarrer an. Dort lernt er John Hollyshoes kennen, einen ihm bisher unbekannten Verwandten, der in dem heruntergekommenen Anwesen Allhope lebt. Hier treibt Clarke das Scharadenspiel zwischen Elfenprunk und tatsächlichem Verfall am weitesten, und Simonelli findet sich zu seiner Überraschung in der Rolle es beherzten Frauenretters wieder.

»Tom Brightwind oder Wie die Brücke in Thoresby gebaut wurde« (2001) ist die munterste Geschichte, mit den tollsten Zaubereikunststückchen. Herausgeber James Sutherland erzählt auktorial (mit Fußnoten) von einem im Jahre 1780 spielenden Abenteuer der Freunde David Montefiore, einem betont vernünftigen jüdischen Arzt, und Tom Brightwind, einem wohlhabenden Elfen, geschlagen mit einer quirligen Rasselbande junger Prinzessinstöchter.

»Antickes & Frets« (2004) handelt von der Konkurrenz zwischen Elizabeth I. und Mary von Schottland. Mary sinnt auf Rache und Thronübernahme und gibt sich zu diesem Zwecke alle Mühe, von der Heiratskarrieristin Bess Hardwick zu lernen, wie man mittels Stickereien Leute killt.

Zuletzt widmet sich Clarke/Sutherland mit »John Uskglass und der Cumbrische Kohlenbrenner« (2006) dem legendären Rabenkönig, dem mittelalterlichen Champion der englischen Zauberei, der schon in JS&MN eine wichtige und verrufene Rolle inne hat. Der junge Rabenkönig Uskglass verbreitet leichtfertig Chaos auf einer Waldlichtung, dem Zuhause eines einfachen Kohlenbrenners und seines Schweins. Der Kohlenbrenner will Vergeltung und klappert dazu die nächstgelegenenen Kirchen ab, wo die Heiligen (St. Kentigern, St. Barbara & St. Oswald) aus ihren Glasmalereihimmeln herabsteigen, um mit perfiden Zauberein dem aus Leichtsinn rücksichtslosen Uskglass erzieherische Lektionen zu erteilen.

Letztes Jahr habe ich gemosert wegen zu schnell und unbedacht gezogener ›Typisch Englisch, halt so wie bei Charles Dickens‹-Vergleiche. Bei Clarke kann aber auch ich solchen Vergleichen mit den üblichen Verdächtigen zustimmen: Clarkes alternativgeschichlich-magischer Weltenwurf verdankt nicht wenig den Romanen von Dickens und Jane Austen, denn Charakterzeichnung und die Schilderungen komplexer Standes- und Gesellschaftsregeln ist mehr Raum gewidmet, als knalliger Äktschn, und sind auf anregend durchdachte Art mit den magischen Vorgängen verbandelt. Clarke zeigt sich in ihrer Kurzgeschichtensammlung als meisterhafte Stimmenimmitatorin, die scheinbar mühelos die manchmal formelhaften Schematas von Märchen zu überraschend zu varieren und neuzubeleben versteht, mit dem für Kleinigkeiten aufmerksamen Alltags-, Konversations- und Sehnsuchtshin- und her, durch das eben die Romane von z.B. Thackery, Austen oder der Brontegeschwister zur Weltliteratur aufstiegen. Zwischen diesen beiden Erzählkonventionen pendelnd (Märchenfantasy hie, realistische Gesellschaftsprosa da), gelingt es Clarke spielerisch, ihre Leser und Protagonisten amüsant an der Nase herumzuführen und zu überraschen.

DER ROMAN
Spätestens seit Shakespeare ist ja bekannt, dass die Welt eine Bühne, und wie wichtig es deshalb ist, sich gemäß des eigenen Platzes in der Gesellschaft zu verhalten. Doch wer verteilt die Rollen und wie ergeht es Personen, die sich partout danach sehnen, von ihrem zugedachten ›Text‹ abzuweichen? Eine ganz ähnliche Frage, nur von ungleich größerem Format, eröffnet Clarkes dicken Roman JS&MN[10]. »Warum gibt es keine Zauberei mehr in England?«, will eine Versammlung von Gentleman-Zauberern zu Beginn ergründen, und einige unter ihnen sind nicht Willens, dieses Schicksal länger hinzunehmen. Diese Herren studieren zwar (allerweil streitend) die Geschichte der Zauberei, sind aber selbst zu keinerlei magischen Taten im Stande. Wegen des Rufes seiner exzellenten Bibliothek, treten die Gentlemen-Zauberer brieflich in Kontakt mit dem schrulligen und dauerschlechtgelaunten Bücherwurm Mr. Gilbert Norrell auf, der laut eigener Auskunft der einzige wahrhafte lebende Zauberer Englands ist. Nach einigem Zögern entschließt sich Norrell die Provinz zu verlassen und siedelt nach London über, um sich in den dortigen Salons darum zu bemühen, der englischen Zauberei zu neuem Glanz zu verhelfen., und mit ihr England im Krieg gegen Napoleon beizustehen. Mit seinen ersten magischen Kabinettstückchen überwindet Norrell das anfängliche Misstrauen der Entscheidungsträger aus Politik und Militär. Doch, ›Oh je!‹, der scheue Misanthrop findet sich dann, sehr zu seinem Missfallen, bedrängt von der aufgeregten Neugierde und den mannigfachen Begehrlichkeiten der besseren Gesellschaft, und begeht einen großen Fehler, als er eine junge Dame vor dem Tod errettet. Norrell sichert sich eifersüchtig und despotisch die Stellung des exklusiven Staatszauberers, ringt sich aber schließlich durch, seine Kenntnisse und Fertigkeiten mit einem Schüler zu teilen. Als solcher kommt verhältnismäßig spät, am Ende des erstens Drittels, Jonathan Strange in die Geschichte.

Der Kontrast der beiden Titelfiguren erinnert mich im besten Sinne an das Couplet, das Walter Matthau und Jack Lemmon in ihrer Laufbahn mehr als einmal grandios geboten haben: der Ältere ein emotionell harter und zerknautschter Griesgram, der Jüngere ein verplapperter und naiv-hochmütiger Hupfdibupfdi. Während Norrell in England bleibt um stets gereizt, verkrampft und paranoid das seine zum Krieg und der Magie-Renaissance beizutragen, begibt sich Strange ins Ausland zu den Truppen auf der iberischen Halbinsel[11]. Im diesem zweiten Drittel des Romans kommen nun auch Äktschn-Fans vermehrt auf ihre Kosten. — Überhaupt: Clarke steigert (für meinen Geschmack wunderbar) altmodisch sachte und subtil die Spannungs- und Spektakel-Dosis. Nicht selten schlendert der Romanfortgang scheinbar planlos herum, lässt sich athmosphärisch hie und da ein klein wenig treiben, schildert aber sonst mit der gewitzten Präzision die scharfer Beobachtung eigen ist, und die hier zudem gut Hand in Hand mit der (typisch) britischen Sitte einhergeht, Gemeinheiten und Tiefschläge zwischen feinen Ranken von spitzen Unterschneidungen zu platzieren. Zudem, und hier bedient Susanna Clarke ganz besonders meine speziefischen Phantastik-Gelüste, lässt sie gern auch mal kecke Büschel kleiner Groteskerien sprießen, oder balanciert souverän ganze Szenen auf einem schmalen Grad zwischen augenöffnender Plausibilität und prickelnder Abstrusität.

Als einer, dem mittlerweile einfach gestrickte Macho-, Strahle- oder Antihelden abhold sind, fand ich mein exquisitestes Vergnügen bei Clarkes feinem Amüsement über den Hang von Männchen zur geheimniskrämerischen Wichtigtuerei bzw. flamboyanter Prahlerei[12]. Keine Zweifel habe ich, dass sich Susanna Clarke mit ihren beiden Büchern jetzt schon in die Riege der ganz großen Vertreter der Phantastik geschrieben hat. Sie versteht vorzüglich, ihre Figuren als leicht übertriebene Karikaturen zu gestalten, und sie dennoch mit Würde und Einfühlungsvermögen zu behandeln — ein leider nur ziemlich selten zu findendes Lektürevernügen. All diese Qualitäten von Clarkes Schreibe, lassen mich der in Arbeit befindlichen (für sich stehenden) Fortsetzung von JS&MN entgegenfiebern. Immerhin: nach der feinen Salongesellschaft und ihrer Handlanger, will sie sich diesmal vermehrt mit den unteren Schichten der Gesellschaft auseinandersetzten. Ich hoffe nur, dass sie nicht nochmals 10 Jahre braucht.

»Die Damen von Grace Adieu« (engl. »The Ladies of Grace Adieu«, mit Illus von Charles Vess, Bloomsbury 2006), übersetzt von Anette Grube, 300 Seiten; Gebunden Bloomsbury Berlin (2006) ISBN-13: 9783827006882; Taschenbuch bei Berlinverlag (2008) ISBN-13: 9783827006882.

»Jonathan Strange & Mr. Norrell« (engl. mit Illustrationen von Portia Rosenberg, Bloomsbury 2004), übersetzt von Anette Grube & Rebekka Göpfert, 1021 Seiten; Gebunden Bloomsbury Berlin (2004) ISBN-13: 9783827005229; Taschenbuch bei Berlinverlag (2005) ISBN-13: 9783833303333

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ANMERKUNGEN
[01] »Stoppe’d Clock Yard« in »Book of Dreams«, Hrsg. von Neil Gaiman & Ed Kramer, Harper-Prism 1996 (HC), 1997 (SC).
»A Fall of Stardust« von Neil Gaiman & Charles Vess, enthält »Der Herzog von Wellington geht seines Pferdes verlustig«. Diese Geschichte wird als Umsonst-Bonbon auf der wunderschönen Promowebsite zu Clarke angeboten:
www.jonathanstrange.com
Leider — ach Menno! — ist derzeit die deutsche Version dieser Promoseite derzeit kaputt.

Bleibt zu hoffen, daß die »Sandman«-Antho nu’ irgendwann mal übersetzt wird (immerhin sind da u.a. Beiträge solcher Fantasy-Kapazunder wie Gene Wolfe, Steven Brust, und Clarkes Lebensgefährten Colin Greenland versammelt), jetzt da der Panini-Verlag seit dem ersten Quartal 2007 damit begonnen hat, eine »richtige« deutsche Ausgabe von »Sandman« zu publizieren. Panini bringt mich zudem zum Jubeln, denn dort erschien nun auch endlich die mit 400 Zeichnungen von Charles Vess illustrierte Prachtversion von »Stardust« (dt. »Sternenwanderer«).

Ach ja: da ich Tad Williams’ Romane in der Vergangenheit ›mit Wonne‹ gedisst habe, hier ein vielleicht versöhnender Tipp: in der Debüt-Nummer des neuen Phantastikmagazins »Pandora« aus dem Hause Shayol/Otherland-Buchhandlung findet sich eine schöne Übersetzung des Williams-Beitrags der »Sandman«-Antho: »Das Schriftstellerkind«. Auf kurzer Strecke bereitet auch mir Williams Vergnügen. ••• Zurück

[02] Eine launische Spekuation: Ich habe die vorzügliche und streitbare Dame A.S. Byatt im Verdacht. ••• Zurück

[03] Der hier auch besprochene Neal Stephenson hat das in seinem Roman »Diamond Age« schön umschrieben:
Hackworth hatte sich die Mühe gemacht, einige chinesische Schriftzeichen zu lernen und sich mit den Grundprinzipien der fremden Denkweise vertraut zu machen, aber im großen und ganzen hatte er seine Transzendenz lieber unverhohlen und bloßliegend, so daß er sie im Auge behalten konnte — beispielsweise in einem hübschen Schaukasten aus Glas —, und nicht in den Stoff des Lebens eingewoben wie Goldfäden in Brokat.
Heyne 2001, S. 87, übers. von Joachim Körber. ••• Zurück

[04] Ich sag nur: »Der Einsamer Wolf«- oder die Steve Jackson Games-Reihen. ••• Zurück

[05] In heller Begeisterung entbrannt habe ich eine (wie ich finde) Gemme in Sachen Genre-Beschäftigung der anglo-amerikanischen Blogosphäre ins Deutsche übersetzt: das Seminar des akademischen Gruppenblogs »Crooked Timber« über und mit Susanna Clarke zu JS&MN, nachzulesen oder als PDF ausdruckbar unter:
molochronik.antville.org
und nachgereicht dazu eine kleine deutschsprachige Rundschau (zu Feuilleton-, Forums- und Blog-Rezis) unter:
molochronik.antville.org
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[06] Einen willkommenen Werkstattbericht mit einigen Vergleichen zwischen Bleistiftentwurf und Tuschefederreinzeichnung kann man in Vess’ Blog genießen:
greenmanpress.com
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[07] Sidhe: Keltisches Wort für Elfen, das sich von ›Hügel‹ ableitet. ••• Zurück

[08] John Aubrey (*1625, †1697): Autor des kuriosen Buches »Brief Lives« (»Lebensentwürfe«, Buch 114 der Reihe »Die Andere Bibliothek«, Eichborn 1994), von dem sich auch schon Gaiman den Titel für einen seiner »Sandman«-Sammelbände (Band 7 wird deutsch als »Kurze Leben« erscheinen) entliehen hat. ••• Zurück

[09] Geglückte Insekten/Elfen-Darstellung sah ich zuletzt im grandiosen del Toro-Film »Pans Labyrinth«. Ebenfalls in »Magira 2007« enthalten ist eine ausführliche Würdigung dieses exzellenten Fantasy-Märchen-Films von Uwe Kraus unter dem Titel »Goyas Erben«. ••• Zurück

[10] Mit 1021 Seiten, 69 Kapitel (abgepackt in drei Teile mit 22, 22, und 25 Kap.) und 184 Fußnoten wird dem Leser eine Menge Holz vor’n Latz geknallt. Laßt Euch nicht von den z.T. ausführlichen Fußnoten verwirren und ablenken, in denen Clarke meistens Erzählungspralinen aus der englischen Zauberei-Vergangenheit zum Besten gibt. Ich empfehle, immer zuerst dem Faden eines Kapitels unterbrechungslos zu folgen, und die Fußnoten nach dem Lesen eines Kapitals zu goutieren. Andere Möglichkeit: Man verdirbt sich keine Überraschung, wenn man nach Lust und Laune vorblätternd die kleinen Fußnotenerzählungen als Zwischendurchkonfekt genießt. ••• Zurück

[11] Ich weiß von einigen Fantasyfreunden, dass sie schon Boromirs, äh, dem »Sharpe« seine Abenteuer als Scharfschütze in genau dieser Szenerie genossen haben (als Romane von Bernard Cronwell, oder englische TV-Serie mit Sean Bean). ••• Zurück

[12] Wobei Clarke nicht den langweiligen Fehler begeht, nur die Männer als belächelnswerte Figuren zu präsentieren. ••• Zurück

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geschrieben von molosovsky,
am: Montag, 19. Nov. 2007

Zweiter Teil von Molos Empfehlungen von Neil Gaimans

inkl. »Hilfreicher Handreiche« über mythologische, historische und literarische Anspielungen.

Eintrag 419 — Weiter geht es mit meiner Serie über die zehn Bände der »Sandman-Bibliothek« (mit exklusiver »Hilfreicher Handreiche«), die seit Frühjahr 2007 endlich in angemessener Aufmachung im Quartalsrhythmus von Panini/Vertigo herausgebracht wird.

Wer den ersten Band »Präludien & Notturni« noch nicht gelesen hat, bekommt mit Band 2 »Das Puppenhaus« eine weitere feine Einstiegshilfe. Obwohl, äh, da verzapf ich grad Quatsch, denn die meisten der zehn Einzelbände der »Sandman-Bibliothek« lassen sich ganz gut allein stehend genießen (ich werd bei den Bänden, die als Einstieg etwas zu sperrig sind bescheid geben). Aber zugleich bilden die zehn Bände zusammen eine große Saga über den Herrscher der Träume, Morpheus, und seine dysfunktionale Familie der Ewigen, die neben Dream aus sechs weiteren menschenförmigen Personifizierungen ewiger Prinzipien besteht.

Die Einstiegshilfe von »Das Puppenhaus« kommt in Form einer ›Was bisher geschah‹-Einleitung daher. Ganz schnell: Anfang des 20. Jhd. hat ein englischer Okkultguru (mehr unfreiwillig) Morpheus eingesperrt. Nach vielen Jahrzehnten kann Morpheus entkommen, er rächt sich an seinen Peinigern und macht sich auf zu einer Queste, um seine geklauten und verstreuten Macht-Artefakte wiederzuerlangen. Im letzten Kapitel (»Das Rauschen ihrer Flügel«) von »Präludien & Notturni« dümpelt Dream mit Post-Abenteuer-Depri in New York und füttert Tauben, als seine Schwester Death vorbeischneit, den Tunichtgut einen Tag lang mitnimmt auf ihre Pflichtgängen, und ihn dabei an den Wert des Lebens und seine Verantwortung als Traumherrscher und -beschützer erinnert.

Die versammelten acht Kapitel (urpsprünglich als Einzelhefte veröffentlicht) von »Das Puppenhaus« erzählen nun davon, wie Morpheus das in seiner langen Abwesenheit verlotterte Traumreich aufräumt.

Das Hauptaugenmerk des Bandes konzentriert sich in sechs Kapiteln auf die jugendliche Protagonistin Rose Walker, die zusammen mit ihrer Mutter ihre Großmutter in einem englischen Pflegeheim besucht. Großmutter Walker wurde im ersten Band kurz erwähnt. Dort war sie ein Opfer einer geheimnisvollen Schlafkrankheit die durch Morpheus Gefangenschaft verursacht wurde. Jetzt da der Herrscher des Traumreichs wieder frei ist, ist auch Großmutter Walker wieder wach und hat (vermögend wie sie ist) über Detektive ihre Verwandtschaft finden lassen. Wer aber noch fehlt, ist Roses jüngerer Bruder Jed. — Im Handlungsstrang um Rose kommt Gaimans Stärke zum Zuge, wenn er von ›ganz normalen‹ Menschen erzählt, die wundersame Abenteuer erleben. Rose zieht in Florida in eine WG und als Leser gucken wir Rose über die Schulter, wenn sie in ihren Tagebucheinträgen über die anderen WG-Bewohner lästert. Hier wimmelt es Exzentriker wie das Pärchen Ken und Barbie (die so aussehen und sich so geistlos verhalten wie die bekannten Matell-Figuren), und die Grufti-Lesben Chantal und Zelda die eine unheimliche Leidenschaft für Spinnen pflegen. — Zudem weiß Rose nicht, dass sie ein Traumwirbel ist. Und ein Traumwirbel zu sein, ist kein Zuckerschlecken, oh nein. In jedem Zeitalter taucht so ein Traumwirbel auf, oftmals in Form eines Gegenstandes, seltener auch, wie bei Rose, in Gestalt einer Person. Ein Traumwirbel strebt unwissentlich danach, für kurze Zeit alle Einzelträume der Menschen in einem großem Traum zu vermischen, und im Umfeld des Traumwirbels treten ungewöhnlich viele Zufälle auf. Somit beobachtet Rose in ihren Träumen die Träume anderer und begegnet magischen Wesen, wie den drei Hexengöttinen die eine sind, oder Traumdämonen und Alpträumen die sich während Morpheus Gefangenschaft aus dem Traumreich davongemacht haben, wie den hinterhältigen Gaunern Brute & Glob und dem schrecklichen Visonär ›der Korinther‹ (ein heimlicher Star der Sandman-Saga). — Zusammen mit Gilbert (dem entfleuchten Traumort Fiddlers Green, der sich in Gestalt des englischen Erzphantasten G. K. Chesterton als Beschützer von Rose ins Zeug schmeißt) macht sich Rose auf die Suche nach ihrem Bruder Jed und stolpert unwissentlich in einen Kongress von Serienmördern (eine köstliche Parodie auf Comic- und SF-Conventions und Serienmörder-Fanship).

Zwei Kapitel von »Das Puppenhaus« fallen aus dem Rahmen. Eröffnet wird der Band mit einer für sich stehenden Erzählung über »Geschichten im Sand«, über eine weit, weit zurückliegende tragische Liebesgeschichte von Morpheus und der (wahrscheinlich afrikanischen) Königin Nada. Hier kommt Morpheus nicht so doll weg, denn er benimmt sich so unreif und kaltherzig, dass er seine Geliebte in den Selbstmord und damit in die Hölle treibt. — In »Männer mit Glück und Geschick« sorgt zuerst eine Wette zwischen Morpheus und Schwesterchen Death dafür, dass ein einfacher Mann des Mittelalters, Hob Gadling, nicht stirbt; dann werden die alle hundert Jahre stattfindenden Treffen von Hob und Morpheus geschildert, in deren Verlauf sich eine Kumpel-Freundschaft zwischen dem unsterblichen Glücksritter Gadling und dem unnahbaren Ewigen entwickelt.

Die ganz große Klammer von »Das Puppenhaus« und Puzzlestück im weitausholenden Bogen der Sandman-Bibliothek bildet die Konkurrenz zwischen Morpheus und seinem Geschwister Desire, also das Heck-Meck zwischen Traum und Begehren. Der erste Auftritt von Desire (die im Herzen eines riesigen schwebenden Körpers wohnt) und die abschließende Konfrontation von Morpheus und Desire gehören für mich zu den Glanzpunkten der Saga. — Sind wir nur Marionetten unserer Leidenschaften? Speist unser Begehren unsere Träume, oder formen unsere Träume unser Begehren? Können wir unser Schicksal selbst bestimmen, oder sind wir nur Spielzeugpuppen in den Händen des tüdelnden Schicksals? — In derartige philosophische Gefilde führt einen Gaiman mit dem vorliegenden Band, und zeigt damit, wie man Comic- und Popkulturtrash mit Mythen und Klassikern vorzüglich vegnüglich zu gedankenanregenden Fabulationen verflechten kann. — Nicht von ohngefähr gilt Gaimans »Sandman« neben solchen Werken wie »Watchmen« & »V for Vandetta« (beide geschrieben von Alan Moore) oder »Die Rückkehr des Dunklen Ritters« & »Ronin« (beide von Frank Miller) als wichtige Wegmarke eines Wandels zum Besseren in der anglo-amerikanischen Comickultur, als die Kästchenerzählungen dort in den 80ern begannen ernsthafter und erwachsener zu werden.

Die »Sandman«-Geschichten sind reich gespickt mit Anspielungen und Zitaten und für jene, die Lust darauf haben, diese ›anspruchsvolleren‹ Schichten freizulegen, haben sich »Sandman«-Leser schon früh unter der Leitung von Greg Morrow und David Goldfarb (und Websiten-betreut durch Ralf Hildebrandt) aufgemacht, all diese Hinweise in einem großen »Annotations«-Unternehmen zu sammeln. Diese englischsprachigen »Annotations« habe ich bearbeitet, ergänzt und übersetzt und biete sie hier den deutschsprachigen Lesern als »Hilfreiche Handreichung« zu »Das Puppenhaus« als PDF zum Download (ca. 250 KB). Wiederum danke ich meinem Phantastik-Haberer Lucardus für seine Hilfe als Korrekturleser.

Besonders freut mich, dass die deutsche Ausgabe dabei auf die neue, digitale Kolorierung zurückgreift. Die ursprüngliche Färbung war zwar nicht grottenschlecht, aber doch deutlich geprägt von der schrilleren Ästhetik, die nun mal vor der Revolution der Digialkolorierung vorherrschte. Die neue Digikoloierung dürfte den ›Normallesern‹, die keine ausgeprägten Horror- und Superheldencomic-Fans sind, entgegenkommen, ist sie doch kein so heftiger geschmacklicher Extremisten-Hieb aufs Auge.

Hier ein Beispiel; Seite 10 des Kapitels: »Men Of Good Fortune« (»Männer mit Glück und Geschick«):

Links die alte Kolorierung von Robbie Bush aus meinem »Doll’s House«-Trade des DC-Verlages von 1990. Rechts die Digitalkolorierung von Zylonol aus dem neuen »Das Puppenhaus«-Sammelband des Panini-Verlages von 2007.

LINK-SERVICE:
Olf Funke schreibt für den »Fandomobserver« (No. 219):
Wenn sich die Geschichten nur um diese vordergründigen Themen drehen würden, wäre dies nur eine nette Geschichte, aber Gaiman taucht auch hier wieder in die Abgründe der menschlichen Psyche ein und macht daraus wieder etwas ganz besonderes.

»Goon – Magazin für Gegenwartskultur« meint:
Eine Figur und eine ganze Serie stellten Heft für Heft unter Beweis, dass der amerikanische Superheldencomic eine zutiefst intellektuelle Sache sein kann und trotzdem seine Coolness nicht verliert.

Der »Comic-Neurotiker« orientiert:
Erst im »Puppenhaus« kann man wirklich entscheiden, ob man »Sandman« mag oder nicht. Der Band ist typisch für die Serie und zeigt, wohin die Reise geht. {…} Gaimans Serie verdankt ihren Ruhm vor allem der Tatsache, dass der Autor das Erzählen von Geschichten und die Lust am Träumen selbst zum Thema macht.

geschrieben von molosovsky,
am: Dienstag, 24. Jul. 2007

Erster Teil von Molos Empfehlungen von Neil Gaimans

inkl. »Hilfreicher Handreiche« über mythologische, historische und literarische Anspielungen.

Eintrag No. 389 — Schön langsam mutiert die Molochronik zu einem Neil Gaiman-Fanblog. Was soll ich auch machen? Gaiman ist nun mal einer der originellsten und fruchtbarsten Gegenwartsvertreter der Genre-Phantastik, und da durch so manches Ungeschick seine Werke bei uns bisher zumeist in nicht so dollen Ausgaben erschienen, werf ich mich gern ins Zeug um diesen ›modernen Multimedia-Ovid‹ lobzupreisen. Ich schätze Gaiman deshalb so hoch, weil er es (nicht immer aber eben immer wieder) schafft, einem Literatur-Ideal gerecht zu werden, daß mir durch solche respektablen Klassiker wie den Römer Horaz oder den Barock-Gelehrten Gracian schmackhaft nahegebracht wurde. Kein Zweifel: Literatur, Fiktionen, Fabulation sollten zu mehr nützen, als dem Publikum eine Wohlfühlmassage zu verschaffen. Leser von Romanen (egal ob in Prosa oder in graphischer Form) sollten auch zum Nachdenken angeregt werden. Doch zweiteres will nun mal besser schmecken, wenn die Belehrung nicht so dröge, steif und nur bildungshuberisch daherkommt. Zuerst einmal muß unterhalten werden, muß die Hemmung durch den Zweifel überwunden werden. Derart beschwingt ist es dann auch locker-flockiger möglich, den Lesern ernste Gedanken nachzubringen, auf die sie sich ansonsten nicht einzulassen die Lust gehabt hätten.

In den frühen 90gern lauschte ich auf einer Fantasy-Con Freunden beim Fachsimpeln über die »Sandman«-Comics. Es ging um die ›Endless‹, die Endlosen, jene 7-köpfige, dysfunktionale Familie anthropomorpher Personifizierungen, deren Namen auf englisch alle mit D beginnen (der ernste Destiny/Schicksal, die lockere Death/Tod, der vergrübelte Dream/Traum, der lebenslustige Destruktion/Zerstörung, die intrigante Desire/Verlangen, die selbstquälerische Despair/Verzweiflung und die jüngste im Bunde Delirium, die einst Delight/Entzücken war). — Als jemand, der schnell mal hingerissen ist, wenn philosophische Menschen- und Weltenlauf-Bespiegelung mit Äktschn, Spannung und Soap vermengt werden, spitzte ich die Ohren. Hmm, neue, neutrale ›Götter‹, eine moderner Pantheon für eine globalisierte Welt, dachte ich mir neugierig.

Worauf läßt man sich ein? Auf einen großen, zehnbändigen Epos über die Krise von Dream/Morpheus, seinen Niedergang und seine Wiederauferstehung; auf eine kecke Mischung aus Altem und Neuen, wobei Mythologien und Klassiker von frühester Zeit an und aus allen möglichen Weltgegenden Hand in Hand mit Neo-Mythen der westlichen Pop-Moderne einen abwechslungsreichen Reigen tanzen.

Entbrannt vor Begeisterung für Gaimans graphischen Wunderzyklus werde ich basierend auf den von Greg Morrow und David Goldfarb gesammelten, und von Ralf Hildebrandt betreuten englischen Anmerkungen zu »Sandman«, begleitend zur Neuauflage der Sammelbände, in der Molochronik künftig reichlich Material für bildungsinteressierte Freunde der Edel-Phantastik reichen.

Hier zum Download des PDFs der ersten Abteilung meiner »Hilfreichen Handreichungen« zu Neil Gaimans großartigen Comicroman. — 1000 Dank an lucardus für eine spendierte Runde Korrektur!

Der erste Band »Prädludien & Notturni« versammelt den aus acht Kapiteln/Heften bestehenden eröffnenden Handlungsbogen, dessen Arbeitstitel auf englisch »More than Rubies« (Mehr als Rubine) lautet.

Ein nach dem Vorbild des Scharlatan-Okkultisten Aleister Crowley gestalteter englischer Gurumotz hegt die alte Menscheitsambition den Tod zu überwinden zu wollen. Dazu zieht dieser Roderick Burgess Anfang des 20. Jhd. ein Beschwörungsritual mit seiner Kultgang durch, verhaut sich aber grob. Statt Death/Tod zu bannen, fängt Burgess deren ›kleinen‹ Bruder Dream/Traum in seinem Zauberkreis, wo der bleiche König der Traumlande über siebzig Jahre darbt. Durch Dreams Abwesenheit verfiel sein Reich, viele Traumlandbewohner haben sich auf und davon gemacht und treiben ihr Unwesen in unserer Welt.

Erster und Zweiter Weltkrieg vertreichen, wie auch die Nachkriegsepoche, bis es Dream schließlich Ende der 80-ger gelingt seinen Kerkermeistern zu entkommen und in seine Heimatgefilde zurückzukehren. Soweit das erste Kapitel.

Der Rest von »Präludien & Notturni« erzählt dann ausführlich und abwechslungsreich, wie der geschwächte Morpheus Stück für Stück seine machtvollen Artefakte wiedererlangt und sein Reich halbwegs restauriert. Zu den Höhepunkten des ersten Sammelbandes gehört ein Ausflug von Morpheus in die Hölle, wo er sich mit einem gemeinen Dämon ein ›Duell der Realität‹ liefert; ein verstörendes Kapitel über Größenwahn und Maßlosigkeit, wenn ein Straßenrestaurant zum Hort tödlichen Gruppen-Irrsins wird; und natürlich das abschließende achte Kapitel des ersten Bandes, wenn dem selbstmitleidigen Morpheus von seiner überaus symphatischen Grufischwester Death der Kopf gerade gerückt wird.

Meine ersten »Sandman«-Einzelhefte las ich noch leihweise, bevor ich im September 1992 mit Heft 41 selbst anfing zu sammeln. Im Lauf der Zeit besorgte ich mir die zehn englischen Sammelbände von Vertigo/DC. Mit großer Verstörung beobachtete ich vor Jahren, wie diese Sammelbände in schrecklicher Art und Weise das erste Mal auf Deutsch herausgebracht wurden. In zu großem (europäischem) Albumformat auf viel zu schwerem Papier, und (was am rügenswertensten ist) oftmals wurden die Original-Sammelbände für die deutsche Ausgabe einst zweigeteilt veröffentlicht. Zudem wurde diese erste deutsche Ausgabe nie abgeschlossen. Sicherlich hat das für enorm viel Frust bei der Comicliteratur-Leserschaft gesorgt (und wieviele Jungleser durch diese ›Schlampausgaben‹ dazu getrieben wurden, gleich auf Englisch zu lesen, wage ich gar nicht zu spekulieren).

Nun — endlich! — mit großer Verspätung, dafür aber auch mit erfeulicher Sorgfalt gestaltet erscheinen seit Anfang dieses Jahres die Sammelbände bei Panini/Vertigo erneut. Panini hat Sandman neu übersetzten lassen lassen und folgt dabei der neusten Sammelauflage der Amerikaner, tischt uns damit also die neue digitale Kolorierung auf. Die alte Kolorierung ist freilich nicht gänzlich zu verachten; vor allem Freunde der klassischer Gruselrießer-Comics dürften daran Gefallen finden. Immerhin: die 75 Hefte der »Sandman«-Reihe, die von 1989 bis 1996 (fast immer) monatlich erschienen, dokumentieren nebenbei auch die Geschichte der Umstellung zum digitalen Einfärben der s/w-Linienzeichnung. Der Vergleich von Seite 1 in alter und neuer Kolorierung zeigt, wie Dank digitaler Bildbearbeitung feinere Farbnuancen & -verläufe möglich sind. Die Seiten sind zugleich dezenter eingefärbt, und wirken dennoch plastischer. Dadurch geht zwar der horror-trashige Charakter der ursprünglichen Koloierung verlohren, aber alles in allem finde ich die neue Farbgestaltung angenehmer, stimmungsvoller, kurz: schöner.

Zu den bezaubernsten Markenzeichen von Gaiman gehört, wie es ihm gelingt, kleine Geschichten in der großen Geschichte unterzubringen; wie er vor allem mit »Sandman« eine Geschichtenerzähl-Maschinerie anwirft, die im Besten Sinne an die berühmte Wendung aus Michael Endes »Die Unendliche Geschichte«
Aber dies ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden
oder auch an die labyrinthische Weberei von Schahrasads Erzählungen in »Tausendundeiner Nacht« erinnert.

Wie bei jeglicher ehrwürdiger Phantastik bietet »Sandman« seinen Lesern ein facettenreiches philosophisches Panoptikum an. Philosophisch im hehresten Sinne, eignet sich dieses Epos über Niedergang und Wiederaufstieg, über Sehnsucht und Zorn doch vorzüglich dazu, den Leser unaufdringlich die Kunst des Sterbens zu lehren, ohne Verzweiflung damit fertig zu werden, daß unser aller Leben auf ein unausweichliches Ende zustrebt, es also nur in unserer eigenen Verantwortung liegt, welche Welten wir für uns und unsere Mitmenschen bauen.

LINK-SERVICE
  • In der deutschsprachigen Wikipedia schreiben Sandman-Leser fleißig, stellen Übersichten zu den zehn Sammelbänden und die Charaktere zusammen. Guter Einstieg, um in den Tiefen der Sandman-Comics zu gründeln.
  • Jürgen Weber lobt für »Buchkritik.at« und meint trefflich, daß…
    »Sandman« Ihnen erlauben {wird} besser zu träumen.
  • Björn Backes lobt in seiner Besprechung für »Buchwurm«:
    »Sandman« ist ein ehrenwerter Fundus abstrakter Poesie, düster, betörend, verwirrend und in seiner Form definitiv einzigartig.
    Leider stößt Björn aber auch wieder in das Horn, welches tutet, daß Gaiman verschreckend und verstörend ›brutal‹ ist. Liebe Leut: »Sandman« ist gedacht für ›mature readers‹. Trotz aller Auch-Eignung für aufgeweckte Teens, ist »Sandman« eben kein Kinderfantasykram, sondern beste Phantastik für reife Leser.
  • Für »Roterdorn.de« schreibt Arielen (Christel Scheja) über Sammelband 1., und lobt sehr trefflich:
    Einerseits kann man sich einfach nur von einer spannenden und ungewöhnlichen Geschichte unterhalten lassen - andererseits ist es auch möglich in die hintergründigen Szenarien einzutauchen, die in Text und Bildern erst auf den zweiten Blick zu erkennen sind. Das macht die Serie zu Recht zu einem der Klassiker der Comic-Geschichte.
  • Blogger-Kollege Miko O. von »Screwtape’s« beschreibt das umfassende Staunen, das Sandman seinen Lesern bereitet.

geschrieben von molosovsky,
am: Samstag, 14. Jul. 2007
Eintrag No. 385 — Ich wage mal zu prophezeien, daß innerhalb des nächsten Jahres der Name Neil Gaiman endlich auch bei und zu einer endgültig strahlenden Größe der Mainstream-Phantastik wird (freilich nicht so ein gewichtiger Magnet wie Tolkien oder Rowling, aber deutlich bekannter als bisher).
Immerhin: er war 2006 (und davor auch schon) auf Lesetour im Deutschsprachigen unterwegs; sein großes Hauptwerk, das 10-bändige Comicepos »Sandman« erscheint in neukolorierter und neuübersetzter Fassung endlich in einer schönen Ausgabe; und — last but not least — drei Filme nach Gaimans Stoffen stehen ins Haus (mehr darüber in meinem Bericht der Buchmesse-Leibzig-Lesungen von Gaiman). Als erstes kommt am 18. Oktober 2007 »Stardust« zu uns.

Die Berichte von Testvorführungen in den englischsprachigen Webgefilden lassen mich hoffen, daß ›Besser-Fantasy-Freunde‹ gehörig auf ihre Kosten kommen. Die Verfilmung fährt mit einem Reigen z.T. länger nicht mehr gesehener Stars auf (neben Claire Danes, Jeremy Irons und Robert de Niro u.a. Michelle Pfeiffer und Peter O’Toole). Auch der wohlwollende Vergleich den begeisterte Testgucker zwischen der »Stardust«- und der »Die Braut des Prinzen«-Verfilmung ziehen, läßt zumindest mich hoffnungsvoll fibbern. Handelt es sich doch bei Williams Goldmans Klassiker »Die Braut des Prinzen« doch um einen modernen Klassiker der leichtfüßigen, munter fabulierfreudigen Fantasy, in der das Genre zwar nicht so bierernst und ›äpisch‹ daherkommt wie bei den geliebten Schlachtenpanoramen, die (zumindest meiner Meinung nach) unseeligerweise das Bild von dem was Fantasy leisten kann dominieren. Aber dafür brilliert »Stardust« wie auch schon Goldmans Meisterwerk mit lebendigen, lebensechteren Figuren, die im Gegensatz zu Heilgeschichtenfantasy nicht »sprechen und agieren, als ob sie Marmor scheißen würden« (um in etwa einem Ausspruch den fiktiven Herrn Mozart aus dem Drama/Film »Amadeus« zu zitieren). Dabei nehm ich die »Der Herr der Ringe«-Romane & Verfilmung mal in Schutz, denn diese überragen, trotz aller Epik-typischen Schwächen & Eigenheiten, solch oberöde und peinlich anzuschauende Abklatschwahre wie »Eragon« und »Narnia« bei weitem.

Und dennoch: auch Gaiman fühlt sich aufgerufen, sich abzugrenzen vom übergroßen Einfluß Tolkiens und seines Mittelerde-Ringkrieges auf das, was man im englischen Raum heute ›Fantasy‹ nennt. So erzählt er Quint von »Aint It Cool News« seine Ambition zu »Stardust« (Übersetzung von Molo):

GAIMAN: Tolkien ist wundervoll. Ich bin ein großer Fan von »Der Herr der Ringe«, aber trotzdem: es hat etwas auf sich damit, wie sich das Fantasy-Verständis aller hinsichtlich von »Der Herr der Ringe« seit dessen Erscheinen gewandelt hat. Mich fasziniert nun mal diese Zeit vor 1930, wenn ab und an Menschen Fantasy, also Märchen- und Elfen-Geschichten schrieben. Man schrieb damals magische Erzählungen und das waren einfach nur ganz normale Romane. Es gab da nicht etwa eigene Regale für Fantasy. Man schrieb Romane, die halt in Form von Märchen auftraten.

So war auch meine Einstellung als ich »Stardust« schrieb. Ich wollte etwas machen, daß ganz für sich stehen kann, das anders war und sich doch wie Fantasy, wie ein Märchen anfühlen sollte. Dabei war mir von Beginn an klar, daß es eine ›Romanze‹ {engl. ›romance‹; die Übersetzung mach daraus nict ungeschickt ›zauberhaftes Abenteuer‹ — Anmerk. Molo} werden sollte. Auch beim Schreiben selbst hatte ich die Liebesgeschichten alter Screwball-Komödien als Vorbild im Sinn. Sachen wie »Es geschah in einer Nacht« {Dem Frank Capra-Klassiker von 1934 mit einem jungen Clake Gable und der bezaubernden Claudette Colbert in den Hauptrollen — Anmerk. Molo}: da sind Heldin und Held gemeinsam unterwegs, und die beiden können sich zuerst gar nicht ausstehen, verlieben sich aber aber schließlich ineinander und werden ein romantisches Pärchen.

Für mich immer schön, wenn statt Epik weniger pathetiklastiges Zeug als Inspirationsquell herangezogen wird. Aber was bietet nun »Stardust« das Buch?

Der Phantastik-Weltenbau geht so: Seit mindestens sechshundert Jahren gibt es in England das Örtchen Wall, und dort befindet sich eine Mauer deren einzige Lücke von den Dorfbewohnern bewacht wird. Denn: diese Lücke ist ein permanenter Übergang in die Elfen-, Zauber-, Märchenwelt. Jenseits der Mauer befindet sich eine Wiese, an die grenzt ein Wald an und was dahinter kommt, kann man sich als Leser munter selbst ausmalen (Gaiman würzt zwar seine Erzählung munter mit Terrain-Namen der Elfenwelt, aber es gibt — mutiger- und für mich erfeulicherweise — keine Karte.)

Im ersten von zehn Kapiteln lernen wir noch nicht den eigentlichen Helden kennen, sondern bekommen erstmal die erotischen Jugendabenteuer seines Vaters Dunston Thorn geschildert. Alle neun Jahre im Mai findet nämlich ein Markt auf der Elfenwiese statt. Wir lernen Wall und einige Bewohner kennen, genauer: das Dorf Wall der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, etwa um 1837-1839 (so mache Rezischreiber/innen haben das nicht gerafft und verorten die Geschichtlich zeitlich grob zu früh oder zu spät), als Königin Victoria regierte und Charles Dickens in Fortsetungen seinen »Oliver Twist« in »Bentley’s Miscellany« veröffentlichte. Am Ende des ersten Kapitels ›erntet‹ Papa Thorn neun Monate nach seiner Markt-Liebesnacht seinen Elfen/Menschen-Mischlings-Sohn Tristran.

Jahre vergehen, und wir begleiten Tristran als liebesblinden Verehrer der Dorfschönheit, der er eines Nachts verspricht, ihr eine Sternschnuppe als Beweis seiner ergebenen Liebe zu bringen. Das Dumme: die Sternschnuppe kam auf der Elfenseite der Mauer runter und entpuppt sich dort als junge, eigenwillige Frau. Auf seiner Queste steht Tristran diesem Stern in Menschengstalt bei, denn die Arme hat sich bei ihrem Sturz einen Fuß gebrochen. Zudem sind andere hinter der Gefallenen her. Die Anführerin eines Hexentrios, der Lilim, hat vor, der Sternenfrau das Herz rausschneiden, damit die Lilim weiteren Zauber zum Erhalt ihrer Jugendlichkeit wirken können. Und die lebenden (und toten) Söhne des verstorbenen Königs des Elfenlandes kabbeln und itrigieren darum, den gestürzten Stern in ihren Besitz zu bringen, denn damit wird die Thronfolge entschiedenen.

Mir gefällt vor allem das Neben- und Ineinander, mit dem der große Bogen des Romantik-Ping-Pongs und die episodenhaften Stationen der verschiedenen Questen miteinander verwoben sind. Und ich liebe wie immer die Kunstfertigkeit, mit der Gaiman kleine Geschichen in der Geschichte unterbringt und anschneidet. So erzählt die Lilim-Anführerin in einer Szene nächtens am Lagerfeuer (S. 116):
»Man hat die Lilim schon des Öfteren für tot erklärt, aber es war jedes Mal gelogen. Das Eichhörnchen hat die Eichel noch nicht gefunden, aus dem die Eiche wachsen wird, die das Holz für die Wiege des Kindes liefert, das mich erschlagen wird.«
Und eine Seite weiter endet dieser Abschnitt so:
Zögernd hoppelte ein Eichhörnchen in Licht des Feuers. Es nahm eine Eichel, hielt sie einen Moment in seinen handartigen Pfoten, als wollte es beten. Dann rannte es davon, um die Nuss zu vergraben und zu vergessen.
Diese Art von Phantastik-Tollerei begeistert mich ja auch bei Tolkien (ich denke an den über die lärmenden Hobbits grollenden Fuchs). Kurz: Derzeit kenne ich keinen Phantasten, der es so hervorragend versteht, zugleich gradlinig und auf Umwegen zu erzählen, wie Gaiman.

ACH, GEJAMMER
So. Nun will ich meine klagenderen Töne nicht länger zurückhalten, denn manchmal ist es eben zum Verzweifeln.

Da werden im anglo-amerikanischen liebevoll gestaltete Sachen vorgelegt, so richtig dolle altmodisch mit fetten Illustrationen und Vignetten, Federzeichnungen in schwarz-weiß, mal flüchtiger (150 Vignetten und Rahmen), mal aufwändiger (4 doppelseitige und 19 ganzseitige Bilder) gearbeitet, davon ganzseitige, Arbeitsskizzen. Einige schöne Beispiele kann man im Greenmanspress-Blog von Charles Vess bewundern. Aber die Lizenzheinis von Heyne haben sich bei der deutschen Erstausgabe die ›Nur Text‹-Version andrehen lassen. Ob Stephen Kings »Dunkler Turm«, Susanna Clarkes »Die Damen von Grace Adieu« oder eben Gaimans »Sternenwanderer«, für uns deutschsprachige Trottelkunden reichts billig und unzierlich. »Ist ja nur Fantasy und Genrequatsch«, scheint man in den Kalkulationsabteilungen zu denken. Das mag für einige Genre-Leser gelten, aber ich werde weiterhin nölen und mosern, wenn ich über solche Schwachmatik stolpere, und ich werde mich hüten solche schmucklosen Deutschausgaben zu kaufen (aber: als Unterwegslektüre ist die ›Nur Text‹-Ausgabe freilich besser geeignet).

Insofern also: Lob und Jubel über Vertigo/Panini! Vertigo hat in den letzten 15 Jahren seines Bestehens die Genre-Phantastik in Comicform ordentlich reloaded. Ich bin von Beginn an ein richtiggehender Fan dieses Labels und werde in Zukunft sicherlich noch mehr gelungene neue Phantastik dieses Verlags hier vorstellen.

Dann aber leider: Die Übersetzung von Christine Strüh schwächelt z.B. was den Umgang mit kursiven Stellen betrifft. Was ist so schwer daran, im Deutschen konsequent kursiv zu formatieren, was auch im Englischen kursiv ist?

Auch sind (wohl wegen Stress, Hektik, Fußpilz) veloren gegangene Stellen zu beklagen. Einmal habe ich sogar einen ganzen fehlenden Absatz erspäht (S. 61 sowohl in dt. wie angl. Ausgabe):
A small, yellow bird in a cage sat on its perch outside the house. It did not sing, but sat, mournfully upon its perch, feathers ruffled and wan. There was a door to the cottage, from which the once-white paint was peeling away.
Ein kleiner, gelber Vogel saß auf seinem Ast vor dem Haus. Er sang nicht, sondern hockte auf seinem Ast, die Federn zerrauft und blass. Eine Tür führte in das Häuschen, von der die einstmals weiße Farbe abbröckelte.
Bei anderen Gelegnheiten stelle ich fest, daß die deutsche Ausgabe deutlich ausführlicher als meine englische Edelausgabe von Titan Books. (Das kann aber auch Gaimans eigenem Durcheinander liegen, denn es gibt im englischsprachigen eben auch Nur-Text-Ausgaben — und auf dieser beruht die Übersetzung von Christine Strüh — für die Gaiman hie und da den Text bearbeitet hat. Schönes Durcheinander wieder mal. Immer diese Kreativen!)

Aber aus, weg ihr Nörgelgedanken, denn immerhin ist nun was »Stardust« angeht der Not-/Mißstand behoben, noch dazu, weil die schmuckvolle Ausgabe einen bemerkenswert günstigen Preis hat (Neupreis ca. 20 Euro).

SERVICE: LINKSAMMLUNG
  • Michael Drewnik für Phantastik-Couch (›nur Text‹-Ausgabe): »Ein modernes Märchen mit scharfen Zähnen.«Genau! Und Krallen, die sowohl zu kratzen wie zu streicheln vermögen.
  • Götz Piesbergen für Splashbooks (›nur Text‹-Ausgabe): »Neil Gaiman hat nämlich ein paar Szenen eingestreut, die, sagen wir mal, nicht für Leute mit schwachem Magen geeignet sind. In diesen Szenen wird ziemlich detailliert gestorben und geschlachtet, was dann eher unpassend wirkt.
    Das heißt nicht, dass das Buch bierernst ist. Einige Figuren und Szenen haben einen schönen schwarzen Humor, den sie mit sich tragen.«
    Woher kommt diese refelxhafte Pfui-Bäh-Abneigung von Fantasy-Fans gegen Härten? Warum sollte in Fantasygeschichten irgendwie lieber und süßer gestorben werden als in anderen Genres? Da kann ich ja gleich Teletubbies gucken und den lieben langen Tag mit der Sonne lachen. NeNe, lieber Götz: richig gute Phantastik wie die von Gaiman bietet eben neben dem Bezaubernden, Romantischen, Lustigem auch das Unheimliche, Brutale und Gemeine.
  • Mistkäferl für Bibliotheka Phantastika (›nur Text‹-Ausgabe): »Der Autor benutzt die genreübliche, leicht anachronistische Sprache äußerst virtous und versteht es, komische Szenen gekonnt einzubauen … enormer Ideenreichtum.«Auch hier werden Gaimans »typisch(e) abgedrehte Horrorelemente« besorgt vermerkt. Ja sind denn die Grimm-Geschichten nur Friede, Freude, Eierkuchen. Unheimliches und blutiges gehören nun mal zu einem richtigen Märchen.
  • Michael Matzer für carpe librum (›nur Text‹-Ausgabe): »Dies ist ein wirklich zauberhaftes und ironisch erzähltes Garn, das uns Gaiman da vorsetzt. Und man unterhält sich auch wunderbar dabei, wartet doch an jeder Ecke eine neue Überraschung.«
  • Arielen (Christel Scheja) für Rotern Dorn (illustrierte Ausgabe): »Der Roman ist jedoch kein Märchen für Kinder, dazu sind die angesprochenen Themen zu komplex und die Figuren zu bösartig. »Der Sternenwanderer« richtet sich eher an Erwachsene, die die kleinen Anspielungen und leisen Zwischentöne in den Zeilen herauslesen können und sich voll und ganz auf dem magisch mythischen Text einlassen wollen.«Nichts für Kinder! Also ich mochte als ›Noch Nicht‹-Teen und Frühteen solche blutigen, facettenreichen Sachen.
Abschließend also meine Leseempfehlung: »Sternenwanderer« ist was für aufgeweckte Jungleser (so ab 10 bis 12 würd ich sagen), und die illustrierte Ausgabe kann man meiner Meinung schon gewitzten Noch-Jüngeren in die Hand drücken.

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geschrieben von molosovsky,
am: Samstag, 24. Mrz. 2007
Eintrag No. 357 — Donnerstag war Neil Gaiman auf der Leipziger Buchmesse, um die deutsche Ausgabe seines neuesten Roman »Anansi Boys« vorzustellen. Hier einige Spökes vom Nachmittagstermin auf dem ›Schwarzen Sofa‹ in Halle 2, und der abendlichen Lesung im Spizz (hab dort gute Bandnudeln mit Riesengarnelen gegessen; angenehmes, lebhaftes Lokal mit Jazz- und Lesungskeller).



Gaiman ist ein Musterknabe was Buchpromotion, bzw. Kontakthalten zu seiner Fan-Base angeht. Üblicherweise geht er dabei so vor: »Zuerst lese ich ein Stück aus meinem neuen Roman, dann spielen wir ›Frage und Antwort‹ – wobei Ihr die Fragen stellt und ich antworte – und schließlich werde ich signieren bis mir die Hand abfällt.« Beim Signieren malt er in jedes Buch andere Kringel und ›dumme Sprüche‹. Für einen Kumpel habe ich ein »Good Omens«-Exemplar mitgenommen: »Sebastian, burn this book – Neil Gaiman« steht nun drin.

Gaiman wollte als Jugendlicher Rockstar werden, und wenn das nicht aufgehen sollte, dann halt Comicautor & Schriftsteller. Zum Rockstar hats nicht gereicht, aber Gaiman gehört zu jenen wenigen Schriftstellern, für den sich seine Zuhörer im anglo-amerikanischen eng in großen Räume zusammendrängen. Das lohnt sich, denn das sanfte, klare Englisch Gaimans ist eine Wonne für die Ohren; er wirkt wie jemand, der eigentlich im Herzen immer noch ein wild vor sich hinfabulierender Bub ist, und so versteht es vorzüglich, selbst die ödesten Dinge irgendwie kurzweilig zu erzählen (z.B. das Hin- und Her um zustande kommende Verfilmungen seiner Drehbücher).

Im folgenden nun ein Gedächtnisprotokoll einiger Frage & Antwort-Ping Pongs vom Leipziger Donnerstag.

Nachdem Gaiman lange den mit zweifelhafter Ehre behafteten Titel inne hatte, der Autor zu sein, der die meisten noch nicht verfilmten Drehbücher und Lizenzen in Hollywood verkauft hat, kommen nun in kurzer Folge bald drei neue Filme nach Stoffen von Gaiman in die Lichtspielhäuser. Seit gestern ist der Trailer zu »Stardust« online, einer romatischen Abenteuer-Komödie, in der ein junger Mann für seine Liebste einen Kometen holen will, nur entpuppt sich der Komet als junge Dame. Michelle Pfeiffer, Robert de Niro und Claire Danes spielen in dem ab Oktober laufenden Film mit. Bald darauf im November kommt dann der aufwändige CGI-Film »Beowulf« von Robert Zemeckis zu uns, und u.a. zogen sich Angelina Jolie und Anthony Hopkins dafür Motion Capture-Anzüge an und verliehen den Figuren ihre Stimmen. Und nächstes Jahr trumpft dann nach »Nightmare Before Christmas« und »James und der Riesenpfirsich« der exzellente Puppentrickzauberer Henry Selnik auf, mit der Verfilmung des gruseligen Kinderbuches »Coraline«, diesmal mit Musik und Songs von They Might Be Giants. Viele Fans der Terry Pratchett und Neil Gaiman-Cooperation »Good Omens« würden sich über eine weitere Zusammenarbeit der beiden freuen, doch lange hieß es: »Nein, Terry ich werden keine Fortsetzung schreiben.« Aber vor einiger Zeit haben sich die zwei nach Langem wieder mal getroffen und sich dabei aus Fadesse auszumalen begonnen, was die »Good Omens«-Protagonisten mittlerweile wohl treiben könnten. Beide haben also schwer Laune darauf, die Abenteuer von Teufel Crowley und Engel Aziraphale weiterzuspinnen. Falls also Terry und Neil mal 3 bis 4 Monate gemeinsame Zeit (im gleichen Land) übrig haben, könnte vielleicht mal eines Tages ect pp ff … was ja besser ist, als »nie«. An kommenden Projekten steht an…
  • …das nächste Kinderbuch: Arbeitstitel »Graveyard« (Friedhof), von dem Neil meint, es sei bisher sein gruseligstes Werk. Ein Baby verliehrt seine Familie und wird von den untoten Einwohnern des naheliegenden Friedhofs großgezogen. Später, als das Kind größer ist, soll der Friedhof einem Bauvorhaben weichen, und die Lebenden entpuppen sich als weitaus furchterrender als die Friedhofstoten. Übrigens: auf der ganzen Welt hätten laut Neil die deutschen Reporter und Rezensenten am meisten Magengrummeln gehabt, mit dem Gruselfaktor von »Coraline«. Was die wohl erst zu »Graveyard« sagen, fragt sich Neil.
  • …das nächste Comic: nach »1602« und »Eternals«, die Neil auf Wunsch von Marvel geschrieben hat, möchte er nun lieber als nächstes wieder ein Comic machen, daß auf seinen eigenen Ambitionen beruht.
  • …und dann wird am nächsten Roman für Erwachsene gearbeitet. Inhalt noch unbekannt. Neil erzählt, daß er sich vorkommt, wie ein Flugverkehrs-Dirigent. »Am Himmel kreisen mehrere Ideen in der Warteschleife, und die schwierige Aufgabe ist, daß ich mich entscheiden muß, welches dieser vielen Flugzeuge ich als lächstes einer Landebahn zuweise«. Neil wünscht sich, entweder mehr Zeit, oder mehrere Körper zu haben, um all die Projekte durchziehen zu können, die ihn interessieren. Auf die Frage, ob der nächste Roman eine Fortsetzung (z.B. von »Neverwhere«, »Stardust« oder »American Gods«) oder etwas ganz neues wird, antwortete er: »Gewöhnlicherweise, vor die Wahl gestellt, entscheide ich mich dafür, etwas neues zu machen. Falls ich damit dann zu große Schwierigkeiten habe, kann ich immer noch zu bereits bestehenden Stoffen zurückkehren.«
Am Abend im Leipziger Spizz dann eine wirklich schöne Lesung, mit einem hochaufmerksamen Publikum, das an den richtigen Stellen gelacht hat. Abwechselnd lasen Gerd ›The Piano Has Been Dringking‹ Köster und Neil englisch/deutsch aus »Anansi Boys«. Der schüchterne Fat Charlie und sein neu in dessen Leben trudelnder bisher unbekannter Bruder Spider brechen zu Wein, Weib und Gesang auf, um ihren grad verstorbenen Vater zu betrauern. Großen Applaus gabs für Gerd Köster, der wie ich finde, Gaimans Prosa sehr treffend las.

Die meisten Fragen der abendlichen Lesung drehten sich um Verfilmungen, geplante und geplatzte. Neil erzählt ja gern von seinen Erfahrungen mit Hollywood, einer ganzen Stadt (nicht nur einem Haus, we im »Asterix erobert Rom«-Film), die Leute verrückt macht. Nichts läuft dort so, wie man denkt, und wenn etwas zustande kommt, dann völlig unverhergesehen. Beispiel: Vor einigen Jahren schon, haben Roger Avery und Neil zusammen ein Drehbuch nach der altenglischen Sage »Beowulf« geschrieben, Avery sollte Regie führen, eine Herzensangelegenheit für ihn. Schnell war alles beisammen für Dreamworks mit Robert Zemeckis als Produzenten, das Budget stand, es konnte losgehen, bis ein Anruf von ganz oben den Film kippte. Jahre später nimmt Zemeckis wieder Kontakt mit Neil und Roger auf, und meint, er selbst würde »Beowulf« gerne als CGI-Film machen, das Drehbuch ginge ihm nicht mehr aus dem Kopf. Neil erzählt: »Das ist ja schön, sagte ich zu Robert, aber Roger träumt schon seit seiner Jugend davon ›Beowulf‹ zu verfilmen. Nu, meint Robert, wir heben Euch einen Heuwagen mit Geld. Okey, sagte ich, ich werde versuchen Roger zu überzeugen. Roger hörte sich das Angebot an und wir teilten dann Robert mit, daß Roger als Regiesseur für ›Beowulf‹ vorgesehen ist, immerhin ist es sein sehnslichster Wunsch usw. Also gut, sagte Robert, zwei Heuwagen mit Geld. Ja, also, meinte Roger darauf, das ist schon sehr verlockend, tja, wenn außer mir jemand den Film machen sollte, dann wärest Du Robert unser erster Wunschkandidat, aber ich möchte doch selber dringend diesen Stoff verfilmen. Robert: Drei Heuwagen. Roger: Okey.«

Eine Leserin, die »Neverwhere« drei mal angangen mußte, bis sie hineinfand und den Roman dann mit großem Genuß fertiglas, fragte, wann Neil ein Buch aufgibt und weglegt. Tatsächlich hat Neil erst spät gelernt, schwache Bücher abzubrechen. Er hat sich immer vorgestellt, daß ein strenger Engel, der zugleich Bibliothekar ist, eine Liste führt, und einen bösen Vermerk einträgt, wenn Neil ein Buch nicht brav fertigliest. Dann aber, 1991 oder so, war Neil einer der Juroren für den Arthur C. Clarke-Award und mußte deshalb alle in diesem Jahr in England erschienenen neuen SF-Bücher lesen. Da hat er dann gelernt, Bücher wegzulegen, nein, sogar lustvoll in die Ecke zu pfeffern. »Ein Buch das nach dem ersten Kapitel nicht in die Pötte gekommen ist, wird wohl auch nicht mehr viel besser werden.«

Pflichtfrage, da Neil in Leipzig weilt: Ob er schon mal was von Goethe gelesen habe. »Oh ja«, sagt Neil. »Aber nicht etwa, weil ich mir Goethe speziell vorgenommen hätte, sondern weil ich ein inniger Bewunderer des irischen Illustrators Harry Clark bin, und eben rauskriegen wollte, worum es im »Faust« vom Goethe geht, den Clark so wunderschön bebildert hat.«

Meine Frage schließlich bezog sich auf Neils Praxis, seine Erstentwürfe händisch in Blanko-Kladden zu schreiben. Ganz früher hat Neil mit Schreibmaschine gearbeitet, und manchmal Probleme damit gehabt, schöne weiße Papierbögen zu zerstören, indem er sie mit Buchstaben volltippte. Als Neil auf Textverarbeitung umstieg, fand es gar nicht mehr problemtisch auf dem Computer zu schreiben, denn da werden ja nur so Elektronen herumgeschubst. Aber, irgendwann machte es Neil zu schaffen, daß es auf einem Computer keine richtigen Schritte mehr zwischen der ersten und der letzten Fassung mehr gibt, sondern er an einer sich ständig wandelnden x-ten Fassung rumfuhrwerkte. Außerdem fand er es bedrückend, den schönen weißen Bildschirm zu zerstören. So sei er also wieder zum Schreiben mit der Hand zurückgekehrt, was den nicht zu unterschätzenden Vorteil mit sich brachte, daß in einer Kladde keine iChat-Fenster aufgehen, oder Links von Freunden 20 superinteressante und von der Arbeit ablenkende Websites aufpoppen lassen.

Hat Spaß gemacht, mal Fan zu spielen und einem verehrtern Künstler entgegenzureisen. Idolen zu begegnen endet ja schnell mal als Enttäuschung. Neil Gaiman aber bestätigte und stärkte den Zauber, den er aus der Ferne schon seit über 10 Jahren nur mit Worten auf mich wirkt.

geschrieben von molosovsky,
am: Samstag, 24. Mrz. 2007
{Diese Rezension erschien ursprünglich in »Magira 2006 – Jahrbuch zur Fantasy«, Hrsg. von Michael Scheuch und Hermann Ritter.}

Eintrag No. 356 — Dieses Jahr habe ich einen Tagesabstecher auf die Leipziger Buchmesse gemacht, hauptsächlich um mal als Fan dabeizusein, wie der Engländer Neil Gaiman (* 1960) sein neuestes Buch bei uns vorstellt (mehr über den Leipzig-Besuch von Gaiman in meinem Gedächtnisprotokoll mit Skribbel). Wer Gaiman schon kennt, kann sich als entsprechend Informierter den nächsten Absatz sparen.

Gaiman gehört zu den britischen Aufsteigern der Neunziger, und hat seine Laufbahn mit Büchern über Duran Duran und Douglas Adams’ »Per Anhalter durch die Galaxis«-Reihe begonnen. Mit Graphic Novels wie »Violent Cases« und »Black Orchid« erlangte er Ansehen als Comic-Autor, was ihm die Gelegenheit verschaffte, die große Geschichte »The Sandman« in 75 (fast immer) monatlichen Heften von 1988 bis 1995 zu erzählen. Die Saga über den Abstieg und die Wiedergeburt des Herrschers der Traumlande machte Gaiman zum Star einer Phantastik-Gemeinde, die es zu schätzen weiß, wenn Religionen und Mythen aller möglichen Epochen und Weltgegenden vermischt werden und mit einer gewitzten Sensibilität für moderne Fantasy- bzw. urbane Horrorgeschichten, gewürzt mit einer kräftigen Prise guter alter Familien-Soap, erzählt werden. »The Sandman« gilt vielen Lesern immer noch als Gaimans bisher bester Brocken. Mit ein bisschen Übertreibung kann man behaupten, dass seitdem Gaiman sozusagen in den Kult-Rang eines zeitgenössischen Ovids aufgestiegen ist, sein Publikum gebannt seinen Variationen über die Metamorphosen von Wesen, Zeitläuften und Welt lauscht. So kennen ihn Terry Pratchett-Leser als Co-Autor apokalyptischer Komik (»Good Omens«), Art-Book-Fans als Wiederbeleber der Tradition des (in diesem Fall von Charles Vess) aufwändigst illustrierten Märchenbuches für Erwachsene (»Stardust«). Gaiman hat im Fernsehen z.B. in der SF-Serie Babylon 5 (»Day of the Dead«) und als Schöpfer einer BBC-London-Fantasia (»Neverwhere«) seine Geschichten erzählt. Als Mit-Entdecker und Übersetzer von »Prinzessin Mononoke« für den englischsprachigen Markt glänzte er als Vermittler. Derzeit steigt Gaiman in die narrativ-industrielle A-Liga auf, nachdem er jahrelang den Titel innehatte, die meisten nichtverfilmten Drehbücher in Hollywood verkauft zu haben: innerhalb der nächsten 18 Monate laufen »Beowulf« (der nächsten starbepackten CGI-Flick von Robert Zemeckis), »Stardust« (mit der Pfeiffer und dem de Niro) und »Coraline« (von Meister Selnik, dem »Nightmare Before Christmas«-Puppentrickser) an. Getrost kann man auch alle Früchte der Zusammenarbeit Gaimans mit seinem bildnerischen Kumpel und »The Sandman«-Covermagier Dave McKean als echte Phantastik-Gemmen werten. Dazu zählen neben den oben erwähnten frühen Graphic Novels auch die ›graphischen Erzählungen‹ für Erwachsene »Signal To Noise«, »Mr. Punch«, die Kinderbücher »The Day I Swapped My Dad For Two Goldfish« und »Coraline«, sowie jüngst das extravagante Film-/Bildband-Projekt »Mirrormask«.

Laut Autorenbio des Klappentextes hat Neil Gaiman »Anansi Boys« ganz speziell ›für dich‹ geschrieben, was ja schon mal ein nette Geste ist. Respektvoll verneigt sich der Autor dann im Postskriptum seiner Danksagungen vor vier Autorengeistern, und zeichnet damit erste Konturen der Ambitionen und Themen des Romans (kursiv sind die entsprechenden Narrations-Harmonien markiert, die sich in Anansi Boys vernehmen lassen):
  • P.G. Wodehouse mit seinen Geschichten vom wohlhabenden aber planlosen Junggesellen Bertie Wooster und dessen fähigem aber trockenen Butler Jeeves[1] ist ein Klassiker der britischen Gesellschaftskomödie, und sein Einfluss liefert Konversations- und Peinlichkeits-Humor;
  • ›Tex‹ Avery war ein Genie des höheren Zeichentrick-Blödsinns und hat z.B. Bugs Bunny und Duffy Duck erfunden, ewiges Vorbild für wilden Slapstick mit phantastischen Unmöglichkeiten;
  • von Thorne Smith stammt die Vorlage für den Filmklassiker »I Married a Witch« und auch bei Gaiman geht’s um Ehen bzw. städtisch-moderne Romanzen zwischen normalen Sterblichen und magischen Überwesen;
  • Zora Neale Hurston veröffentlichte eine Reihe Bücher über afro-karibische Mythologie, und der titelgebende Spinnengott Anansi stammt aus Westafrika.[2]
Zur allgemeinen Werks-Orientierung: »Anansi Boys« führt den Weltenentwurf von »American Gods« (2001) fort, aber die Bücher bilden keine Serie und sind sich in Tonfall und Färbung eher unähnlich. Man kann beide je für sich genießen. Miteinander verglichen, kommt der dickere »Amercian Gods« düsterer und dreckiger, »Anansi Boys« fröhlicher und komischer daher.

Die Geschichte beginnt mit einer Eröffnung über die Macht der Lieder und die Song-haftigkeit der Welt. Schon mal sehr schön, dieses klassische Fantasy-Motiv von der Welt oder dem individuellen Leben als Musik hier neu verhandelt zu finden.[3] Ein willkommenes Gegengewicht in einer Zeit, da die visuellen Medien ja vielbeklagterweise dominieren.

Der Rest des ersten Kapitels dreht sich um Verwandtschaft und Spitznamen. Die Hauptfigur Charlie Nancy ist ein schüchterner ›Jedermann der Moderne‹. Leicht nervös zu machen und deshalb ungeschickt, zurückhaltend und sich schnell mal schämend. Nicht gerade die klassischen Eigenschaften eines tatkräftigen Helden oder eines düsteren Antihelden. Obwohl er schon lange kein Dickerchen mehr ist, blieb der von Papa verliehene Spitz-name ›Fat‹ an Charlie hängen. Mit seiner schalkhaften und fidelen Art und Weise bescherte der Vater Fat Charlies Kindheit und Jugend so manches blamable Fettnäpfchenbad. Nach dem Tod der Mutter zerfällt die Familie und später siedelt Fat Charlie von Amerika nach London. Da sitzt er nun mit seiner Verlobten Rosie – die mit dem Sex erst nach der Trauung loslegen möchte – und plant die Hochzeit. Rosie und ihre verwitwete Mutter sind dabei die entscheidenden Planer, und so will Fat Charlie auf Rosies Vorschlag hin nach langer Zeit wieder Kontakt mit seinem Vater aufnehmen. Doch statt eine Hochzeiteinladung aussprechen zu können, erfährt Charlie telephonisch von seiner alten Nachbarin vom plötzlichen Tod des Vaters. Wie ein Gedankenspiel Gaimans für den Beginn einer »Six Feet Under«-Folge nimmt sich das aus[4]: Papa Anansi purzelt bei einem Karoke-Abend mit Hetzattacke von der Bühne. Fat Charlie fliegt also nach Florida, um seinen Vater unter die Erde zu bringen und lernt dabei von drei ›netten‹ Voodoo-Damen aus der ehemaligen Nachbarschaft, dass Papa Nancy der Spinnengott Anansi war, und dass Fat Charlie einen Bruder namens Spider hat.

Alles Humbug, denkt sich Fat Charlie, kann aber der Versuchung, seinen unbekannten Bruder kennenzulernen, nicht wiederstehen, und so bittet er – wie es ihm die ›Nornen‹ gesagt haben – eine kleine Spinne, seinem Bruder Bescheid zu geben. Mit Spiders Auftauchen in London beginnt der Roman, seine wilden Slapstick-Unmöglichkeiten gekonnt auszuspielen. Spider hat im Gegensatz zu Fat Charlie die übernatürlichen Fähigkeiten von Papa Anansi geerbt und übernimmt mit ihnen Stück für Stück Fat Charlies Leben. Zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt: Grahame Coats, Charlies Boss in einer Promi-Agentur, will seinen gutmütigen Angestellten als Sündenbock missbrauchen. Coats hat nämlich jahrelang Geld seiner Klienten abgezweigt und in ein karibisches Insel-Steuerparadies verschoben, dann im Affekt auch noch die Kundin Meave ermordet und ihre Leiche im Geheimsafe seines Büros zurückgelassen. Das ruft die perfektionistisch-zielstrebige Ermittlerin Daisy von Scotland Yards Betrugsabteilung auf die Erzählbühne. Fat Charlie und die Geschichte pendeln nun zwischen London und Florida, bevor sie nach vielen überraschenden Wendungen in ein ungewöhnliches Gesangsfinale auf der Insel St. Andrews mündet.

Fat Charlie hat heftig zu ringen: mit seinen grollenden beschämten Gefühlen gegenüber dem Hallodri-Vater und dessen ›Erbe‹; mit Spider um die Souveränität über sein Leben; mit Rosie um die Beziehung; mit Daisy um seine juristische Unschuld; aber vor allem auf der großen Metaphernebene mit Grahame Coats selbst. Wie so oft bei Gaiman, garnieren auch diesmal wieder kleine in sich abgerundete Geschichten den großen Bogen des Romanverlaufs. Zum Beispiel die Episode, in der Anansi einmal seine tote Großmutter verhökern wollte, oder die von Anansis Tod im Bohnenfeld. Mit von der Partie sind dabei auch andere Tiergottheiten, und Grahame Coats entpuppt sich als ein Avatar-Gefäß von Tiger, dem ewigen Gegenspieler von Anansi. Es ist ein archetypischer Kampf zwischen Schläger und Trickser, zwischen den rigiden Kriegerüberlebensmythen der Jäger und Sammler und den geselligkeits- und kulturfördernden Leichtsinnskräften von Wein, Weib und Gesang, den, wie Spider mal zu Fat Charlie sagt, einzigen drei Dingen, die den Schmerz der Sterblichkeit und die Wirrheiten des Lebens mildern können.

Bemerkenswert finde ich eine Besonderheit der britischen Originalausgabe von Headline Review: einen Anhang mit Exclusive Material, das leider nicht in der deutschen Ausgabe zu finden ist. Da wird 21 Seiten lang Faksimile-Einsicht in die handschriftliche Erstfassung gewährt.[5] Zudem erfährt der Leser in einem Interview etwas über Neils Lieblingsgötter, seine Meinung zu Spinnen, Karaoke, Spitznamen und peinliche Familientreffen. Glanzstück ist aber der Abdruck einer gestrichenen Szene, die aus Tempogründen entfiel, aber dermaßen feine ›spinnerte‹ Abenteuer von Spider bietet, dass es wahrlich eine Schande gewesen ist, sie dem deutschen Publikum vorzuenthalten. Als letztes gibt es acht Fragen für Lesezirkel, und ich kann nicht anders, als über das Niveau an Textbeschäftigung, dass diese Fragen postulieren, zu staunen.

Ich freue mich besonders, dass der Übersetzer Karsten Singelmann diesmal den trocken-witzig-poetischen Grundton Gaimans besser getroffen hat, nachdem ihm dies bei »American Gods« und dritten bei »Neverwhere« nicht unbedingt zufriedenstellend gelungen ist[6]. Immerhin gehört zur unverwechselbaren Kunst Gaimans, weitestgehend mühe- und schartenlos zwischen poetischerer Sprache bei den mythisch-magischen Passagen und schnörkel-losen Erzählen bei den Ereignissen der Gegenwartshandlung zu wechseln.

»Anansi Boys« ist Gaimans bisher flottester Roman, gradlinig und abwechslungsreich. Viele Fantasy-Phantastik-Leser, die anspruchsvolle und dennoch ›leicht zugängliche‹ Unterhaltung mögen, wissen Gaimans Romane (und Comics) sowieso zu schätzen. »Anansi Boys« sei deshalb speziell allen, die noch nichts von Neil Gaiman kennen, als guter Einstieg in die Welten dieses inspirierenden Mythenmixers empfohlen.

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[1] Nebenbei: Als phantastische (›Low Fantasy‹) Neuauflage dieser sehr englischen Herr/Diener-Konstel-lation läßt sich der plappernde Wallace und sein Retter aus allen Notlagen-Hund Gromit lesen.
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[2] Fast möcht ich meinen, daß Gaiman mit seinem neuesten Buch auf das Debüt »King Rat« von China Miéville reagiert, in dem Anansi neben dem König der Ratten und einem Vogelgott gegen den verführerischen Flötenspieler der Hamel-Legende kämpfen. Auf Deutsch finden sich Anansi-Geschichten z.B. in »Westarfikanische Märchen«, Hrsg. von Kurt Schier und Felix Karlinger (Diederichs, 1975) und in »Afrikanische Märchen«, Hrsg. von Friedrich Becker (Fischer Taschenbuch, 1969).
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[3] Mythologisch z.B. anzufinden von den antiken Welt- oder Sphärenharmonien über vedische Weltschöpfungslieder bis hin zu vom Weg abbringenden Sirenengesängen. Gaiman selbst greift schon in »The Sandman« mit einem Handlungsstrang um Orpheus dieses ›Sein als Musik‹-Motiv auf, das sich auch bei Meistersängerkriegen und Rattenfängern findet. Für Fantasy-Leser ›klassisch‹ ist der musiklaische Schöpfungsmythos Mittelerdes bei J. R. R. Tolkien; Alan Dean Forsters »Bannsänger«-Reihe trägt die magische Musik bereits im Titel; in Tad Williams »Der Blumenkrieg« soll im Finale ein irdischer Sänger als melodische Bombe scharfgemacht werden; China Miéville variiert die Figur des verführenden Musikers in »King Rat« mit einer originellen Kulmination aus Flötenspiel und Drum & Base; umfassend und vielschichtig wird das Motiv der zauberhaften Musik und der Rangeleien um ihre Geheimnisse in Helmut Kraussers historisch-phantastischem Roman »Melodien« aufbereitet.
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[4] Jede Folge dieser seit 2002 laufenden HBO-Serie beginnt mit einem Todesfall, mal tragisch, mal friedlich, mal grotesk, oder wie auch hier bei Gaiman fröhlich-komisch. In dieser Serie über ein familiäres Bestattungsunternehmen werden ansatzlos die Träume, Angst- und Wunschvorstellungen der handelnden Figuren visualisiert. ›Leider‹ sind diese individuellen Welten in die materielle Echtweltwirklichkeit einge-bettet. Dabei nutzt »Six Feet Under« durchaus phantastische Erzählmittel, überschreitet jedoch nie die Grenze zur ›reinen‹ (High) Fantasy. Dennoch: schön wird hier gezeigt, wie jeder Mensch eigentlich in seiner eigenen Phantasiewelt lebt, und wie die Hinterbliebenen mit den Verstorbenen Zwiesprache galten.
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[5] Harmloser Stoff für kuriosen und harmlosen Lokalpatriotismus: Das Blankobuch der Erstniederschrift hat Gaiman während seines Aufenthalts beim Göttinger Literaturfestival gekauft.
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[6]Ich danke dem BibPhant-Haberer Gero für den Hinweis, daß Karsten Singelmann schon »American Gods« übersetzt hat. Der Mann hat sich seitdem verbessert.
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geschrieben von molosovsky,
am: Donnerstag, 21. Dez. 2006
Eintrag No. 320 — Als Marvel-Banause stehe ich ein bischen dumm, wie der redensartliche Ochs vorm Berg, vor »Marvel 1602« des Autors Neil Gaiman und der Zeichner Kubert & Isanove. Die allermeisten (bestimmt) geistreichen Dinge die, wie ich annehme, Gaiman & Co in dieses Comic eingewoben haben, gehen mir durch die Lappen. Ich merk, daß mir ein Handicap anhaftet, denn meine bisherigen Einblicke in die Welt(en) der verschiedenen Marvel-Helden & Heldinnen & Heldencliquen, reichen eben kaum über den Einblickshorizont hinaus, den die entsprechenden prallen (»Hulk«, »X-Men 1 & 2«, »Spiderman 1& 2«), labbeligen (»Daredevil«, »X-Men 3«) oder kurios-›lächerlichen‹ (»Fantastic Four«, »Elektra«) Spezialeffekte-Vehikel der diversen Marvel-Franchisefilme mir bisher ermöglichten. Ich habe kaum Kenntnis von den ganz alten, den nicht ganz so alten, den jüngeren und aktuellen legendären, umstrittenen oder kultverehrten kürzeren & längeren Erzählsträngen und Saga-Abschnitten des Marvel-Universums (nur vom Hörensagen weiß ich z.B. vom vielseits gelobten »Dark Phœnix«-Epos, das ja im 3. »X-Men«-Film verwurstet wurde). — Alle sich auf Marvel-tümliches beziehenden Anspielungen und Verweise (und davon hat's in diesem Band, wie ich vermute, eine wuselig-wimmelnde Menge) bleiben also, solange ich nicht Gelegenheit habe ein umfassendes Marvel-Comicstudium zu absolvieren, derweil für mich dunkel. Deshalb muß ich wohl ›gestehen‹, daß ich den Eindruck habe, als ob mein großer Mythenmixer-Held Gaiman es sich diesmal ein wenig zu einfach gemacht hat. So richtig spannende, oder lustige oder zünftige (usw) Stimmung will bei mir nicht aufkommen. Obwohl ich sonst Gaimans Sachen schnell mal toll finde, bin ich unterm Strich erstaunt, wie sehr mich die Story, der inhaltliche Gehalt diesmal kalt läßt. Naja: wenn der Marvel-Fan seit Kindeheitstagen Gaiman sich mit seinem bewunderten Gegenstand vergnügt, kann's eben sein, daß ein Marvel-Nichtfan (sondern eben ›nur‹ Ätschn-Phantastik-Leser) wie ich vorm Gatter bleibt.

Aber jetzt ist's genug über das Gezwacke und Gezwicke meiner persönlichen Lese-Position; worum geht's denn in dem Teil?

Sozusagen von Außen nach Innen aufgezwiebelt, finde ich wiedermal verschiedene Genre miteinander vermengt. Marvel: das ist einer der großen, alteingesessenen US-Comicverlagshäuser. Selbst wenn man Comics (oder US-Comics, oder US-Superheldencomics) sonst scheut, sollte zu den Allgemeingrundkenntnissen eines jeden literaturinteressierten Phantasten gehören, daß es in Amiland diese beiden Titanic-Pötte des Superhelden-Genres gibt: DC (Superman, Batman, Justice League, Watchmen) und Marvel gibt.

»Marvel 1602« ist zuersteinmal ein Marvel-Superheldencomic; genauer: ein abgeschlossener Sonderband, der in 8 Einzelheftchen (= Kapiteln) 2003/2004 erschien, und dessen sogenanntes ›Tradepaperback‹ (= Sammelband) ich letzten Monat günstig für 16 Euronen erstanden hab. — Wie, rümpfen Sie etwa die Nase über's Superhelden-Genre?!? Also, da will aber mal ganz bildungshuberisch an Siegfried, Münchhausen, Dr. Mabuse (auch wenn der ein Anti-Held ist), Nick Knatterton, und da ich ein Schelm (und Spider Jerusalem-Fan bin) auch an Schweijk und Baby Schimmerlos erinnern! Womit ich hoffentlich, wenn auch nur fragmentarisch, klar genug andeute, daß die deutschsprachige Literatur und Kultur durchaus über manigliche superheldentaugliche Traditionen, Figuren und Stoffe verfügt. Schande und Schade, daß hierzuland so gar nix zu diesem Genre beigetragen wird. Wenn Sie also noch niemals nie ein Superheldencomic in die Hand genommen haben, ist »Marvel 1602« ein ganz gutes aktuelles Anschauungsobjekt, grad weil's so typisch und zugleich nicht-typisch ist.

Wie schon der Titel zudem verkündet, ist die Story im Jahre 1602 angesiedelt, also haben wir es mit einem Historienstoff zu tun, und weil hier durch ein großes Durcheinander des Raum-Zeit-Multiversums das Marvel-Superhelden-Univerum sich in die historische Mantel- & Degen-Epoche des Spätelisabethanischen Englands ergießt, handelt es sich also zweitens um ein Werk des Alternativwelt-Genres.

Drittens, viertens und so weiter ergibt dann grob gesagt ein munterer Abenteuer-Monomythusreigen den weiteren Inhalt des Comics: In der einen Ecke die Helden, in der anderen die Bösen. Seit dem saftigen »Elizabeth«-Biopic mit Cate Blanchet (dessen Fortsetzung »The Golden Age« ansteht) ist ja klar: The Virgin Queen, auch wenn sie hier schon eine sehr alte Königin ist, und ihre Leut sind die Guten. Berühmt-berüchtigt ist ja Elisabeths I. Geheimdienst gewesen, und so bekomme ich entsprechend das Agenten- und Spione-Genre geboten (Bond & Bourne), sogar in der Ausformung des Staats- & Reichskonflikt-Abenteuers (Tom Clancy & Co.). Der grimmige Soldaten-Stratege, eben Oberagent Sir Nicholas Fury (Hulk?) ist der Chef dieses Geheimdienstes, und er soll auf königliche Order zusammen mit dem Universalgelehrten (Alchemisten, Zauberer) Stephen Strange (Doctor Srange?) herausbekommen, was all die beunruhigend wilden Wetter- und Naturphänomene verursacht, die seit einiger Zeit immer schlimmer werdend auf der ganzen Welt für zunehmende Verstörung sorgen (Also Teilgenre: Weltuntergangs-Szenario bzw. Gloablisierungsreflektion).

Im Schatten ihrer finsteren Burgen bosseln die Bösen derweil an ihren üblichen Welteroberungs-Unternehmen. Da ist einmal der fanatische Große Inquisitor (Magneto), der in Spanien Hexenbrut verbrennt. Mit ›Hexenbrut‹ sind die z.B. aus X-Men bekannten ›Mutanten‹ gemeint. Superhelden funktionieren ja meistens so: Da ist ein normaler Mensch (irgendwer, mit dem oder der sich eine bestimmte Zielgruppe gut idendifizieren kann, deshalb eben auch meist mit gewissen ›menschelnden Verliehrereigenschaften‹ und Achillesfersen ausgestattet), der durch einen schicksalsträchtigen Zwischenfall (Freakstrahlung, Experiment, Unfall) oder eben sogar schlicht evolutionären Mutations-Quantensprung, übermenschliche Fähigkeiten erlangt hat. Dabei kann einiges variiert und mit metaphorischer Spannung aufgeladen werden: sind die Superkräfte dauerhaft zuhanden, oder ›schaltet‹ der Held zwischen einem Normalo- und einem Übermenschen-Modus hin und her (siehe Jeckyll & Hyde)? Und wenn ge-switcht wird, welche Umstände, Emotionen, Reize sorgen für einen kontrollierten bzw. unkonrollierten Wechsel?

Die eigentliche Schirmherrschaft über die gute Hexenbrut hat natürlich Prof. X inne, der Obermentor aller gutgesinnten Mutanten, die keine Pest für die Menschheit sein, sondern ihre Hexenbrutkräfte halt für’s ›Gute Wahre Schöne‹ einsetzten wollen. ›Master Carolus Javier’s Select College for the Sons- of Gentlefolk‹ heißt sein Mutantenstadel allerdings in der Renaissance. Zum ersten Mal bekomme ich den feinen Mottospruch von Xaviers Schule mit: Omnia mutantur, nos est mutamur in illis (Die Dinge ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen). Es sind solche klaren, erhebenen Meme, weshalb ich das Superheldengenre für im Grunde ziemlich wertvoll halte. Zu den großen echten Mutationen, die wir alle durchmachen, gehört nun mal das Älterwerden, der Pupertäts-Übergangsritus vom Kind zum Erwachsenen. Ich denke, daß wer immer auch aus dem Tritt kommt durch erblühende Körperteile, sprießende Härchen und Hormentsunamis, kann sich spielerisch mit Fabelmenschen trösten. Das ist dann der wertvollste und schönste Aspekt der Superhelden: ihre einfachen aber kräftigen Maximen und Parabeln, über solche Dinge wie Verantwortung und Hoffnung.

Noch ein paar Einblicke in den Inhalt, damits nicht heißt, ich fasel hier nur deviant am Thema vorbei. — Ein bischen gegähnt hab ich, als wieder mal die Untergrund-Tempelritter einen Gegenstand von großer Macht aus Jerusalem nach Europa schmuggeln. Ein gutgelaunter blinder Barde (Daredevil) soll sich darum kümmern, daß diese goldene Kugel (siehe Platons Sonnengleichnis) nicht in falsche Hände gerät. — Aus der neuen Welt komm derweil Virigina Dare, die erste dort geborene Untertatin der Königin, zusammen mit ihrem Indianerbeschützer nach England. Virginia will um Hilfe für die Kolonie bitten; außerdem hat sie ein kleines Verwandlungsproblem. — Und es gibt fliegende Segelschiffe; Beobachter des Universums die sich verrenken, um nicht zu direkt in die Geschehnisse einzugreifen; in der Luft schwebende Mœbiusbänder die einen Raum-Zeit-Riss markieren; und vier ganz besonders ›fantastic‹ Helden, die aber erstmal einem Felsgefängnis entkommen müssen.

»Marvel 1602« würde ich am ehesten mit den mir bekannten »League of Extraodinary Gentleman« vergleichen, auch wenn »LGX« — die Comics! — um einiges wilder, bitterer, brutaler, sprich: was für ab 16 sind, wohingegen Gaimans Superhelden/Alternativhistorie definitiv ab 12 (wenn nicht sogar ab 6) ist. Damit will ich nicht sagen, daß »Marvel 1602« lasch und lahm ist. — Kinderkram kann sogar ziemlich ›hart‹ sein. Ich finde z.B. das die beiden »Schweinchen Babe«-Filme (nebenbei: ex-zel-len-te Phantastik) mit zu den härtesten Filmen der letzten 20 Jahren gehören (vor allem Teil 2 mit dem ›Hitlerhund‹; sowas wie »Rambo« oder jüngst »Poseidon« sind im Vergleich dazu harmlose Märchen), und die »Babe«-Filme haben, soweit ich weiß, gar keine Altersbeschränkung. (Bildungsbürgerappell: — Denkt darüber mal nach!)

Bleibt: das Comic ist zum Niederknien schön; die Zusamenarbeit von Andy Kubert (Bleistift) & R. Isanove (digitale Kolorierung) haut mich schlicht vom Hocker: der kunsthandwerkliche ›Vorsprung‹ der (grob vereinfacht gesagt:) Amis verblüfft mich immer wieder. — Aber besonders zum Fingerschlecken find ich die Einzelheft/Kapitelcovers von Scott McKowen, einem Kerl, der sonst eigentlich für z.B. Theaterplakate in New York bekannt ist. Für mich ist er der Star dieses Comics. Genial, dieses Plakat Romeo & Julia oder diese Kinderbuchgestaltungen (cooler Holmes, coole Alice!, und sogar eine gutgelaunte Heidi in den Alpen!!!).

Kleiner Gang durchs Comic:
  • 2 Seiten vorwortliche Einleitung von Kritiker und Comic-Akademiker Peter Sanderson (lehr »Comics als Literatur« and einer Uni in New York City);
  • 210 Seiten Comic in 8 Kapiteln (inkl. der Einzelheft-Covers);
  • 2 Seiten Nachwort von Master Gaiman (u.a. über das Vergnügen, an einem schönen Junitag Comics auf einem Boot in der Mitte eines Park-Sees zu lesen);
  • 14 Seiten mit dem Originalmanuspript von Gaiman von Heft/Kapitel No. 1;
  • 12 Seiten mit s/w-Bleistiftskizzen von Kubert;
  • 3 Seiten Erläuterungen von Master McKowen über die Covergestaltung;
  • 1 Seite farbiger Promo-Trailer mit teasernden Dramatis Personae (zumindest der Figuren, deren Auftauchen im Comic nicht als mittleres oder höheres Pa-Hö! und Ah-Ha! inszeniert wird).

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geschrieben von molosovsky,
am: Sonntag, 28. Mai. 2006
EDIT 23. Aug. 2006:: Um Links zu Portaitgroßansichten und den einzelnen Rezis ergänzt. | EDIT 23. Aug. 2006: Fehlerchen gemerzt, um Links zu Büchern ergänzt.

Eintrag No. 273Mittlerweile ist »Magira – Jahrbuch zur Fantasy 2006« erschienen und die einzelnen Rezis (mit Anstandsverzögerung) auch in die Molochronik eingepflegt worden.

Nach meiner ›bösen‹ Rezi zu Tad Williams »Der Blumenkrieg« wollte ich (schon vor dem verständlichen Diss bei SF-Radio) diesmal auf gar keinen Fall von unangenehmen Lektüren berichten. Meckern kann ich zwar, aber es ist so öde. So gibts dieses Mal einen launischen Reisebericht über die seltsamen aber empfehlenswerten Bücher der Saison 2005/2006.

Die ganzen ca. 11.000 Worte sind wieder von Michael Scheuch und Herrman Ritter lektoriert worden (und Krischan Seipp durfte sich mit meinen Portrait-Illus herumschlagen). Hier findet der geneigte Leser das Introdubilo, die Überleitungs-Absätze.

Ich kann mich gar nicht genug bei den Genre-Kollegen und Genre-Freaks in den verschiedenen Foren die ich heimsuche bedanken. So manche Idee, Signatur, Ansichtssache hat mir beim Schreiben dieser launischen Empfehlungen geholfen.


•••

LAUNISCHE ABER AUFRICHTIGE EMPFEHLUBNGEN
VON SELTSAMEN & VERWIRRENDEN FANTASYBÜCHERN
DER PHANTASTIKSAISAON 2005/2006
»Ich sehe die Rezension als eine Art von Kinderkrankheiten an, die die neugeborenen Bücher mehr oder weniger befällt. Man hat Exempel, dass die gesündesten daran sterben, und die schwächlichen oft durch-kommen. Manche bekommen sie gar nicht. Man hat häufig versucht, ihnen durch Amulette von Vorrede und Dedikation vorzubeugen, oder sie gar durch eigene Urteile zu inokulieren, es hilft aber nicht immer.«

—Georg Christoph Lichtenberg, »Sudelheft J« (1718–1732)

—Was macht gute oder schlechte Phantastik aus? Wann sprießen wirklich neuartige Blüten im Garten der Fantasy und wann ist ›Fantasy‹ lediglich ’ne Karotte zum Erwartungsdirigieren und Treuekonditionieren von Konsumenteneseln? Wann wird an bestehende Traditionen erfrischend angeknüpft, und wann werden nur altbewährte Verführungstricks aufgefahren?

—Mensch Molo, lass doch den verkopften Quark und gib’ einfach Bescheid: ist ein Buch die Lappen, die ich dafür hinblätter wert, oder eben nich’? Überversimpelt gesagt, besteht im Beantworten solcher Fragen der Job eines Kritikers. Doch schaut man dazu am besten von einem fixen Standpunkt, z.B. als Torwächter auf die durchkommenden Bücherkarren aus den fraglichen Genregebieten, und lässt die Guten in die Stadtgemeinschaft passieren und weist die Unwürdigen ab; oder soll man versuchen, als Leuchtturmwärter den potentiellen Lesern Orientierungslicht zu spenden? Sicherlich sind solche statischeren Perspektiven auf Literatur und damit auch auf Teilgebiete wie Fantasy berechtigt und nützlich. Aber ich muss gestehen, dass ich mich dafür als zu skeptisch und sprunghaft einschätze, um auf brauchbare Art und Weise als Wache oder Leuchte zu dienen[01]. Ich will also im Folgenden versuchen, eine in ihrer Unaufgeräumtheit dennoch kurzweil-ige Sammelrezension anzubieten[02].

Aus den lebendigeren Gegenden des großen Kontinentes KONVENTIONA berichte ich, wie der geschickte Mythenimpressario Neil Gaiman, ein Konzert veranstaltet, indem er Spinnen Schöpfungslieder singen lässt, und wie Ian R. MacLeod mit Könnerschaft an gute alte europäische Prosatradition anknüpft, um vom ›Unbehagen in der beschleunigten Moderne‹ zu erzählen. Im verstreuten Inselreich AVANTGARDIEN wollte ich nicht versäumen zu erleben, wie China Miéville sein dreiteiliges ›gegen den Genre-Strich‹-Manöver mit rahmensprengender Vehemenz abschließt; und ich bin verblüfft vom artistischen Feinsinn Jeff Vandermeers, nachdem ich mich in seinem verführerischen, kompliziert-verspielten Narrationslabyrinth genüsslich verirrt habe.

Wenn man die üblichen Grenzen zwischen ›Trash‹ und ›Literatuuur‹ mal vergisst, ist es erstaunlich festzustellen, dass hierzulande gescheiter und lustvoller Genre-Fantasy betrieben wird, als man bei übler Laune schlecht reden kann. Da ›geb‹ ich lieber ›Zeitung‹ von einer mir neuen heimischen Fantasy-Hoffnung, und freue mich denn ‘nu auch besonders, wenn Lorenz Jäger für die noble FAZ den ›Schwert aber Nix-Magie‹-Fantasyroman eines jungen Berliner Buch- und Comicautors lobt. Der immer nach neuen Krassheiten gierende Äktschn-Freak in mir nimmt Jägers ›Warnung‹[03], dass
»Niemand dies Buch ohne Verstörung lesen können (wird)«,
hoffnungsvoll als Kauf- und Leseanreiz.

Tobias O Meißner: »DAS PARADIES DER SCHWERTER« –oder: Wenn der Autor auch mit dem Würfel schreibt.

Zur Rezi.

Nach soviel wilden Blutstrudeln, Sprachbrechern und Metaphernriffen entlang der zerfledderten Küsten AVANTGARDISCHER Inseln, nun zu einem Autor, den ich seit Jahren als ›sicheren Hafen‹ zu schätzen weiß, weshalb er in meiner Lektüregeographie an den Gestaden KONVENTIONIAS gelegen ist.

Neil Gaiman: »ANANSI BOYS« –oder: »Die spinnen, die Götter«.

Zur Rezi.

Wie überraschend und erfrischend der Einfluss von älterer oder auch neuerer Mainstreamschreibe für heutige Fantasy bzw. Phantastik sein kann, hat ja auch die vielgelobte Susanna Clarke mit ihrem voluminösen »Jonathan Strange & Mr. Norrell« vorgeführt[04]. Jetzt wäre es natürlich Blödsinn, wenn ich hier in einem Jahrbuch zur Fantasy Werke dafür lobte, dass sie Lesern von ›kanonischer Literatur‹ feine Fantasy-Ausflüge bereiten. Umgekehrt wird aber ein Schuh draus: Fantasy-Leser, die ihre Nase bisher gar nicht oder seltenst in alte Bücher gesteckt haben, können sich z.B. vom folgenden Titel anfixen lassen, öfter mal vermeintlich ›angestaubter‹ Literatur ‘ne Chance zu geben.

Ian R MacLeod: »AETHER« –oder: Vom melancholischen Leben im Takt der Maschinen.

Zur Rezi.

Ian R. MacLeod macht keinen Hehl daraus, als junger Mensch von linken Hoffnungen erfüllt gewesen zu sein. Es sei ihm gegönnt, dass er sich als gereifter und desillusionierterer Mensch einer eleganten Verquickung aus Zorn und Melancholie hingibt. Vom ältesten zum jüngsten Autor dieser Sammelrezi: Was kommt dabei heraus, wenn ein Geek mit heftigst lodernder ›Sozi-Inbrunst‹ auf diesen bedrückten Gemütslagen eine kräftige Portion handgreiflicher und spekulativer Äktschn aussäht?

China Miéville: »DER EISERNE RAT« und Bas-Lag –oder: Wenn die ›Weird Fiction‹ revoluzzt.


Zur Rezi.

Nach dem bombastischen Ausflug in die konfliktreiche Globalisierungsgeschichte einer phantastischen Zweitschöpfungswelt schließe ich meinen Reisebericht nun mit einem thematisch nicht minder gegenwartsbezüglichen, bis auf Einschübsel meist indirekter Art gänzlich urbanem Erzählungspuzzle. Der nächste Autor ist auch so einer, der meint, dass man als Künstler sowohl seine art pour art-Haltung pflegen, und zugleich trotzdem zeitgenössisch auf der Höhe sein, und politisch-gesellschaftlich relevante Fiktionen von vergnüglicher Reife zustande bringen kann. Aber schon der Titel dürfte anklingen lassen, dass ›gnostischere‹ Fantasy auf einen zukommt.

Jeff Vandermeer: »STADT DER HEILIGEN & VERRÜCKTEN« –oder: Kalmartentakel und Pilzsporen.

Zur Rezi.

•••••
[01] —Vorsicht, nicht die Küste rempeln. ••• Zurück

[02] Darum wissend, dass ich selbst eine Virenschleuder für oben genannte ›Kinderkrankheiten‹ aus dem Reich der Meinungsschieberei bin. ••• Zurück


[04] Gwenda Bond stellt in ihrem Artikel für »Fantasy Goes Literary«
(»Novels with supernatural elements are finding a new readership«)
für Publishers Weekly Einschätzungen von Verlagen und Agenten zu diesem Phänomen vor. ••• Zurück

Seit 3639 Tagen aktiv. Am 07. Februar 2012 gab’s zuletzt ‘ne Änderung.

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Folge 1: »Präludien & Notturni«
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G. K. Chesterton:
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Remix von Marcus Hammerschmitt:
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