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molochronik : Tags : Gesellschaft
geschrieben von molosovsky, am: Samstag, 05. Apr. 2008
(Eintrag No. 501; Gesellschaft, Woanders) — Hat mich umgehauen, dass ich bei meinem Bericht über Reaktionen auf Jonathan Littells »Die Wohlgesinnten« etwas schrieb, was Alban Nikolai Herbst so gut gefallen hat, dass er es in seinem Blog »Die Dschungel« kommentierte.
Zudem: In einem anderen Eintrag dort ( »Ratio ist Hardware«) habe ich in den letzten Tagen wiederum einige Gedanken platziert. Dabei sprang mir gestern Abend ein Satz aus dem Hirn, der mir keine Ruhe lässt:
Die Atombombe hat den Planeten Erde zum Percussionsinstrument degradiert.
geschrieben von molosovsky, am: Freitag, 21. Mrz. 2008
(Eintrag No. 486; Literatur, Philosophie, Mythos, Großraumphantastik) — Derzeit stöbere ich in Peter Sloterdijks neuestem Buch »Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen«. Sloterdijks Bücher lese ich sehr gerne, denn abgesehen von den Stellen, wo er mir mit Fremdworten, die ich in keinem meiner heimischen Wörtbuch finde, vor’s Hirn haut, bereiten die mir einfach Spaß. Da ich in meinem Alltag umgeben bin von lauter Menschen, die seufzend den Kopf schütteln, wenn ich Sloterdijk erwähne, muss ich mein Blog als Überlaufventil nutzen und ein bischen Begeisterung ablassen. Vorsicht, denn was ich hier nun folgt, ist ein Remix vermengt mit eigenen Gedanken, keine Rezension.
Dabei reicht es mir schon, nur über’s erste Kapitel von »Gottes Eifer« zu faseln. Das dreht sich um die Prämissen ( ›das Vorausgeschickte‹) des Buches, worum es so geht, was man als Leser beachten sollte, um sich nicht das Gemüt zu stossen. Richtig gehend fetzig fand ich dort eine Unterteilung der Phänomene, die mit dem Transzendenten, dem Heiligen zu tun haben.
Da gibt’s zuerst mal vier Phänomene, die sich mittlerweile ohne große Umstände auf weltliche Art und Weise beschreiben lassen, und wo also (sag ich jetzt mal) heiliges und sakrales Getue vielleicht eine nette Folklore darstellt, aber mehr auch nicht. Sloterdijk beschreibt entsprechend diese Transzendenz-Phänomene als ›Verkennungen‹.
- 1—Verkennung des Langsamen: Praktischer Aspekt: Wie bewerkstelligt man die Koordinierung, wenn es gilt, über Generationen hinweg an einem Projekt zusammenarbeiten? Hier braucht’s Leute, die sich der langsamen Verwaltung widmen, und diese Leute nutzen dazu orientierende Ideal-Phantasmas. — Erkenntnis-Aspekt: Menschen im Lauf der Zeit immer besser gelernt, die langsamen Prozesse um sich zu beobachten und richtiger zu deuten, siehe z.B. die Evolutionstheorie. Also nix mit einem im Über oder Außen thronenden Schöpfer und Planer. Wir Menschen müssen uns selber organisieren, bzw. blubbert das Evolutionstreiben allein Geschöpfe hervor, ohne großen himmlischen Knetmeister.
- 2—Verkennung des Heftigen: Superkrasse Wut-, Zorn- und andere aus der ›Wildnis von Innen‹ auflodernden heftigen Erregungszustände (inkl. ihrer Umkehr in sich selbst wegmachen wollende Scham) sind derart überwältigend, dass, wer von ihnen ergriffen wurde, sich als von etwas erfüllt wähnt, das von Woanders, von Oben, von Außen in ihn gefahren sein muss. Siehe Amoklauf und Berserker.
- 3—Verkennung der »Unerreichbarkeit des Anderen«: Mein persönlicher Schwachsinns-Favorit. Weil ›etwas‹ nicht auf mein Zetern, Klagen, Bitten usw. reagiert, muss ›es‹ höher sein als ich oder die Welt. Sehr fein ist aber Sloterdijks prächtiges Resummee, wenn er schreibt:
Selbst wenn hier also eine von Verkennung markierte Konzeption der Transzendenz vorliegt, sollte man »Gott«, sofern das schlechthin Andere gemeint ist, als ein moralisch fruchtbares Konzept würdigen, das Menschen auf den Umgang mit einem unmanipulierbaren Gegenüber einstimmt.
Weitergedacht, invertiert und ein klein wenig übertrieben: zum »Gott« steigt man denen gegenüber auf, die einem nicht ans Bein pinkeln können, egal was man anstellt.
- 4—Verkennung von Immunitätsfunktionen: Bei Immunitätsfunktionen geht’s um die Instanzen zur Abwehr von schädlichen Einflüssen (biologisch), zum Ausgleich von Dingen die außer Balance geraten sind (juristisch) und zum Motivieren in Situationen, wo es nach menschlichem Maßstäben nicht weitergeht (Chaosüberwindung).
- a—Verarbeitung von Integrationsstörungen: Um mit solchen fiesen und piesakenden Naturkräften wie Tod, Zufall, Leiden fertig zu werden, hilft ritualisiertes Trösten, Mutmachen, Trauern usw. und aus dem narrativem Drumherum der entsprechenden Rituale lassen sich symbolisch gebastelte Weltbilder machen. Wenn man aber das aus den ›ritualisierten Sprechakten‹ zusammengefügte Weltbild verwechselt mit der höchsten Wahrheit, wird’s fatal, denn dann wird das helfende Mittel (die Lindernden Wirkungen der tröstenden Mumbojumbo-Rituale) zur Gottheit und fertig ist die Kulturhaltung eines Junkies, nur dass dort, wo dieser seinen Rausch-Kick braucht, der fundamentalistische Gläubige seinen Recht-behalten-Kick braucht.
- b—Kanalisierung & Kodierung von Exzessbegabungen: Junge, was kann der Mensch auszucken! Gerade dann, wenn es durch das Zusammenleben von Menschen immer mehr Menschen besser geht und sie sich etwas gönnen oder sie sich ausruhen oder feiern oder Blödsinn anstellen können, werden Überschüsse frei und man will, muss, darf was anstellen. Besser also, man bändigt diese frei flotterenden Tatenergien, bevor sich allzu viele weh tun, die sich nicht weh tun wollen! Die einen Kasteien im religiösen Kontext sich selbst, andere peitschen sich mit lustigen Lederklamotten im sado-masochistischen Kontext, und der gemeine Proll verabredet sich zur großen Post-Fußballspiel-Prügelei irgendwo am Waldrand.
Daraufhin folgen zwei Transzendenz-Phänomene, die sich aufgrund ihres schon geheimnisvolleren Charakters ein bissi gegen eine Umsetzung in rein weltliche oder naturalistische Zusammenhänge sperren:
- 5—Die höhere Intelligenz: Zu den selbstbezüglichen Seltsamkeiten des menschlichen Bewußtseins gehört die Fähigkeit, sich ›etwas‹ vorzustellen, das intelligenter ist als wir Menschen. Meine persönliche Vermutung ist ja schlicht, dass wir hier einfach unser Verhältnis zum Nutz- und Haustier umkehren, wenn wir uns in bangen Museaugenblicken fragen, ob wir selbst zum Nutzen für ›etwas‹ oder zu dessen Vergnügen gehalten werden, so wie wir uns einen Hamster, einen Hund oder ein Pferd halten. Bei Katzen gibt es ja bekanntlich eine große Fraktion, die annimmt, dass wir die Haustiere und Dosenöffner-Büttel der Viecher, und diese die eigentlichen Chefs der Tier-Mensch-WG sind. — Wie dem auch sei: Sloterdijk verweist am Rande darauf, dass es die Welt der Bücher ist, in der man seine entsprechenden Bedürfnisse nach Kontakt mit höherer Intelligenz weltlich ausleben kann.
- 6—Das Reich der Toten: Ja wo tummeln sie sich denn alle, die von uns gegegangen sind? In einem idylischen Arkadien, in schrecklichen Höllenpfuhlen? Warten unvorstellbare Fremdartigkeiten jenseits der Schwelle des Todes auf uns, oder hinterfotzige Bürokratien einer vogonengleichen Karma-Recycle-Wirtschaft? Wir können es nicht wissen, bzw. was wir sicher wissen, ist nicht so wahnsinnig ermunternd (Wümer, Bakterien usw.) und deshalb stellen wir uns da halt von Herzen gerne etwas Erbaulicheres, storymäßig Griffigeres vor (statt dem Verdacht zuzustimmen, dass da eben nix kommt) und so haben sich Menschen anderwoige Jenseitse in manigfachen Varianten ausgesponnen.
Und zuletzt das siebte Transzendenz-Phänomen, das so heikel ist, dass hier, so Sloterdijk, derweil noch beim Deutungsspiel zwischen Wissen und Glauben letzter meistens siegt.
- 7—Offenbahrungen: Woher kommen diese Stimmen in meinem Kopf? Wer flüstert mir die dollen Ideen, Weisungen, Befehle ein, die ich hab? Und freilich ist meine innere Stimme die einzig wahre und richtige und mit universeller Authorität ausgestattete, und deine innere Stimmen ist nur eine dämonische Irreleitungen, Truggebrabbel, Rückbänklergemurmel. — Jau, wie übersichtlich wird die Welt, wenn man sich vorstellt, es gäbe wirklich irgendwo in der Weltenmitte einen absoluten, über und in und jenseits von allem thronenden Herrscher, und manche von uns habe eine gute Antenne um seine Mitteilungen zu empfangen, ein exklusiv durch Gnade freigeschaltetes Free-Prophetie-Abo, während andere leider leider leider nur taube Hirne und Herzen mit so primitiven Kugelspielen haben, damit sie was zum in der Hirnschale Hin- & Herklappern haben.
Orientierende und dicht gepresste Kompaktversion von »Gottes Eifer« bekommt man in folgenden Rezensionen gereicht: Die harte Variante im aufzählendem Notat-Stil liefert Martina Wagner-Egalhaaf für »Literaturkritik.de«; eine weichere, erzählende Version bietet Hans Jürgen Heinrichs für »Die Welt«.
geschrieben von molosovsky, am: Mittwoch, 30. Jan. 2008
(Eintrag No. 454; Gesellschaft, Religion, Kritik, Großraumphantastik, Deutungshickhack, Infowar) — Auf der Frankfurter Buchmesse letztes Jahr habe ich bereits hochvergnügt darin geblättert und hätte es ja gerne für  meine Sammlung respektloser Bilderbücher: »Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel«von Michael Schmidt-Salomon (Text) und Helge Nyncke (Illustration), erschienen im Alibri Verlag.
Aber — Himmel hilf! — das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend will das Werk verbieten lassen! Der Humanistische Pressedienst berichtete unter der Überschrift »Großer Ärger um kleines Ferkel«, und hat als PDF-Anhang den Indizierungsantrag der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften zugänglich gemacht.
Hanebüchender als der Verbotsantrag der Bundesprüfstelle geht’s ja schon eigentlich nimmer, wie man sich überzeugen kann, wenn man Bilderbuch und Verbotsantrag nebeneinander hält. Immerhin kann man dieses Pa-Hö aber auch so deuten: Das kleine Ferkel macht seine Sache hervorragend. Denn das Bilderbuch soll ja zeigen, wie Religionen mit krassen Phantastereien die wildesten Dinge mythos-bastamäßig behaupten. Wem nutzen solche religiösen Irrationalismen wohl mehr: Den Schäfchen, oder den Hirten? Und wenn man auf die Mythen- und Phantasmenkerne der Religionen zu sprechen kommt, kann man eigentlich gar nicht anders, als diese der Lächerlichkeit preiszugeben. Sich selbst herabsetzten tun jene, die mit Hirngespinsten noch großgesellschaftlich Gestaltungsmacht an sich reissen wollen, nicht jene, die darauf aufmerksam machen.
Exemplarisch für die Einseitigkeit fundi-religiöser Denke und Selbstdarstellung ist ein Bericht zum Verbotsantrag beim »Pro Christliches Medienmagazin«. Da wird über die Macher des Ferkelbuches, bzw. den neuen Atheismus den sie vertreten geschrieben, sie seien ›sendungsbewusst‹ und führten ihren Kampf  gegen den Glauben mit ›missionarischem Eifer‹. Naja, kein Wunder dass man als Anhänger von (noch) priviligierten Spiritualitätsverwaltern da schnell mal pikiert reagierend auf seinem Monopol hockt und anderen das Recht auf Mission nicht gönnt. Wie wär’s mal zwecks Glaubwürdigkeitsaufbesserung mit einem kritischen Artikel zu Konkordatslehrstühlen bei Euch, liebes »Pro Chistliches Medienmagazin«?
Habe ich also gleich mal das blaue Solidaritäts-Netzbildchen hier unter Verwendung von Motiven aus Nynckes Zeichnungen gebastelt, weil das erste Webbanner zur Verteidigung der Ferkel-Meinungsfreiheit zu breit für die Molochronik ist. Mittlerweile hat man bei Alibri beschlossen, mein Banner zu übernehmen. Danke für die Ehre!
geschrieben von molosovsky, am: Dienstag, 08. Jan. 2008
(Eintrag No. 431; Gesellschaft, Medien, Zeitungen vs. Blogger, Feindversteher) — Nachdem ich ja nicht ganz vor der Blogger-(Un)Art gefeit bin, schon mal mit Schmackes über die etablierten Einweg-Medien herzuziehen, muß ich jetzt mal als durchaus auch nach Ausgleich strebender Querdenker ein feines Beispiel anführen, wie etablierte Journalisten sozusagen mit gewitztem, subjektivem, frechem Bloggerstil brillieren.
Die »Pro & Contra«-Schubalde der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« vom vergangenen Heilig-Drei-Königswochenende wurde von Peter Richter und Nils Minkmar dazu genutzt, auf zwei Weisen das Bein zwecks Spottwasserlassens am Baum des Roland Koch’schen ›Gewaltkids Populismus Schwachsinnsgewächs‹ zu heben.
»Roland Koch pocht darauf, ausländische Gewaltkids zittern davor: Sollen deutsche Sitten eine größere Rolle spielen?«, lautet die zu verhandelnde Frage.
Unter der Überschrift »Sitten und Geräusche«, dem »Pro«, unterbreitet Richter die erzpragmatische Idee, die gewalttätigen Jugendlichen mit ausländischem Herkunftshintergrund aus Westdeutschland zu den gewalttätigen Jugendlichen mit neonazistischem Gebahren nach Ostdeutschland zu schicken. Eurosport könne das Gekloppe dann übertragen. Das wäre, so Richter, effizient, was ja mal als deutsche Sitte galt (, oder noch gilt, oder wieder mal gelten sollte). Alle glücklich.
Und mit dem Titel »Bitte ohne Sitte«, dem »Contra«, zählt Nils die drei tatsächlichen deutschesten Sitten der Gegenwart auf: (i) Ausdiskutieren, (ii) Beschildern und (iii) Reservieren.
 Zu der ekligen Kampagne von Koch, CDSU und Co fällt mir eigentlich nur folgendes ein. Ehrlichkeit, Anstand, Offenheit und Gastfreundschaft, sind das nicht Werte, die auch für uns Deutsche wertvoll sind, oder mal waren, oder wieder werden sollten?
Was kann man von einem Politiker wie Koch halten(?), der z.B. schon mal das Nachtflugverbot vom Himmel verspricht, um es wieder zu entsorgen, wenn es denn dem ›An der Nase herumführen der Betroffenen‹ beim Ausbau des Frankfurter Flughafens dienlich ist. Wie ehrlich und aufrecht hat sich dieser Koch wirklich für eine ›brutalstmögliche Aufklärung‹ von Korruption und Schwarzgeldgeschiebe ins Zeug geworfen, wenn außer ein paar lächerlich kosmetischen Rügen und harmlosen Konsequenzen nichts geschah? Herr Koch. Machen Sie sich mal stark für eine Überführung von Herrn Schneider aus der Kanadischen Ferne.
Wie dem auch sei, ich freue mich, dass Richter und Minkmar in der »F.A.Z.« so schön in Tucholsky-Beltz’scher Manier herumwitzeln, repektlos und larifarisch, wie es sonst (angeblich) nur pöbelnde Stinkebloggern tun. — Als bereits in jungen Jahren von Kabarret und Satire versauter Springinsfeld ist mir eh klar: Als Satire verpackt, darf man die Wahrheit klar und deutlich auch öffentlich verkünden. Wer jedoch als seriös gelten will, muß sich eiertanzender Euphemismen- und VerSchleiertanzakrobatik bedienen.
geschrieben von molosovsky, am: Mittwoch, 02. Jan. 2008
(Eintrag 429; Gesellschaft, Medien, Deutungshickhack, Alltag) — Hierzulande läßt sich in letzter Zeit desöfteren ein ›Krach-Peng‹ und ›Ka-Wumms‹ vernehmen, wenn die Animösitäten von Vertretern der etablierten (Old School-)Medien und frischfrommfröhlichfrei daherschreibender Blogger aufeinanderkrachen.
»Ihr seid raunzender, Dummgrütze verbreitender Pöbel, ohne Relevanz, ohne Qualitätsansprüche, ohne Hirn und Geschmack oder Anstand und kritzelkratzelt den lieben langen Tag eierschaukelnd und chipsverschlingend die Klowände der Öffentlichkeit voll«, so in etwa die bescheidene Kritik der Etablierten an den Bloggern, Forums- und Chitchat-Parasiten.
»Ihr brutzelt, saturiert und gepuderzuckert mit’m Rüssel am Schwanz des Vorderelephanten in Eurem an der Tatsächlichkeit der Verhältnisse vorbeitüdelnden Klügnelpool und maßt Euch an, die Lahmarschigkeit Eurer Weltsicht als Qualitätsjournalismus zu postulieren«, so dreckschleudert es aus der Blogosphäre zurück.
Die Wahrheit liegt wie immer wohl irgendwo zwischen diesen beiden Refrains des Deutungshoheits-Watschentanzes. So lästig und verwirrend das alles sein mag, das Vielerlei an hysterisch-behämmerten Extremmeinungen ist eine Schau.
Als Überblick zu diesem Ringelreih seien Andreas Einträge »The Poesiealbum strikes back« und »Dekadente Artefakte«, sowie (etwas allgemeiner) »Bärtige Prinzessinen und seltsame Geweihe« empfohlen. — Sehr schön ist auch die lustige von Florian Steglich zusammengestellte Liste, mit den 50 exemplarisch Schwachsinnsröhrern über das Internet des Jahres 2007.
Meine Meinung? — Nun, ich lese gerne Zeitungen, höre gerne Radio, auch wenn ich mich ärgere, dass die etablierten Medien so gleichgeschaltet sind. Ich les auch gerne manche Blogs, und tummle mich auch gern in einigen Foren. Gottseridank kann ich Englisch, denn das deutschsprachige Internet würde meinen Bedarf an Qualitätsbeiträgen (egal ob etablierte Medien oder Blogger und Co) nicht zu decken vermögen.
Zur allgemeinen Auffrischung hier noch ein kleiner Auszugs-Remix aus dem Buch »Praxis Internet – Kulturtechniken der vernetzten Welt«, Hrsg. von Stefan Münker und Alexander Roesler (edition suhrkamp, 2002 {sic}), Essay »Vom Mythos zur Praxis« (Beitrag der Herausgeber), S. 15 bis 17. (Fette Hervorhebungen von Molo.)
Medien sind nicht neutral. Was sie sind, wird bestimmt durch das mehr oder weniger offene Wechselspiel dreier Faktoren: ihrer technischen Beschaffenheit, ihrer mythischen Aufladung und ihrer pragmatischen Verwendung. {… es ist} die mythische Aufladung, welche durch phantasiereiche Erzählungen und eingängige Bilder den kollektiven Willen unterstützt, das neue Medium in der Gesellschaft umzusetzten. {…} Die Parallelität von Entwicklung, Mythos und Verwendung des Internet läßt sich beispielhaft an drei ebenso grundlegenden wie folgenreichen Prinzipien illustrieren, die der technischen Struktur des Mediums implementiert sind, sich in seinem pragmatischem Gebrauch immer wieder fortschreiben und Ausgangspunkt aller utopischen Aufladung sind: Den Prinzipien der Dezentralität, der Unabhängigkeit und der Interaktivität.
Soweit, so gut. Auf S. 21 dann etwas wichtiges über die Natur des Internetes:
Die Kommunikationsstruktur, als welche das Internet entwickelt wurde, ist — Resultat der strategischen Erfordernis der Flexibilität — von Anfang an und unwiderruflich so realisiert, daß theoretisch jeder User Sender und Empfänger in einer Person sein kann. {…} Klassische Verbreitungsmedien und Archive aber sind gerade nicht interaktiv. {…} Der Verzicht auf Interaktivität ist die Bedingung der Möglichkeiten von Massenmedien.
Und jetzt hineingezoomt in das Hin- und Her bzgl. Zähmung des Internets (S. 23 u. 24):
… sowenig die utopischen Impulse der Netzgemeinschaft(en) sich gesamtgesellschaftlich umsetzten ließen, sowenig läßt sich das Intertnet je vollständig gesellschaftlich integrieren und politisch, sozial oder ökonomisch regulieren. {…} Will man das anarchistische Potential des Netzes kontrollieren, dann gibt es nur eine Möglichkeit: das Netz in seiner Gesamtheit abzuschalten. Das jedoch könnte nur ein totalitärer Weltstaat.
Und gleich der zweite Beitrag des Buches, »Remilitärisierung des Cyberspace« von Claus Leggewie, bietet weitere beherzigenswerte Gedanken zum Thema. — Da findet sich erstmal auf S. 27 der Internet-kritische Satz, dass…
{… das} Internet auch ein gigantisches Desinformationsmedium {ist}, auf dem sich unsägliche Trittbrettfahrer des Wahnsinns tummeln und den Terror der wirklichen Welt kongenial vollenden.
Ein gigantisches Desinformationsmedium zu sein, trifft aber genauso auf mancherlei z.B. privatwirtschaftlich initierte Propaganda-Kampagnen zu (siehe z.B. Privatisierung öffentlicher Güter). Abgesehen davon, pflegen auch so manche Staaten und Politiker ein entsprechend laxes Verhältnis zur Wahrheit (Rumsfeld, Barschel und Konsorten).
Noch nachdenklicher aber stimmt Leggewies Auseinanderklamüserei dazu, welche vier bedenklichen Entwicklungen die politische Qualitätsinformationen bedrohen (S. 32f):
- Entpolitisierung der öffentlich-rechtlichen Medien durch Konkurrenz- und Quotendruck durch Kommerzmedien; Zuflucht zu Klamauk und Infotainment;
- Private Unterhaltungskonzerne wollen das Internet zu einem ihre Sender ergänzenden ›Push-Medium‹ zurechtstutzen; (kritische) Politikinhalte werden zu einem Spartenprogramm für entsprechende Freaks;
- Auf dem öffentliche Bildungssektor droht das Vordringen der neuen Medien zu einem Vehikel für Technik- und Ökonomisierungsoffensiven zu werden; Allgemeinbildung, Sozial- und Kulturwissenschaften werden dadurch aufs Abstellgleis geschoben;
- Freie Meinungsäußerung droht beschnitten zu werden, weil man aus Angst vor Radikalismus und Porno die Cyberpolizei, Zensur und Filtertechniken zu Hilfe ruft.
Leggwie resummiert desweiteren (S. 34 bis 36), dass sich das Internet als Medium bestens dazu geeignet, Einweg-Formate zwischen Sender und Empfänger zu überwinden. Nicht als Massenmedium, sondern durch seine ›klein aber fein‹-Aspekte kann das Internet …
… im Erfolgsfall weit mehr Menschen in den demokratischen Verständigungsprozess einbeziehen, als es sich herkömmliche Medien in ihrer »Interpassivität« auch nur träumen lassen können.
Oder wie ich das seh: Weg mit dem Monopol der Pyramiden, her mit dem flauschigen Gewuschel von Pilzgeflechten. — So. Jetzt hab ich Euch wieder vollgeschwätzt. Dabei wollte ich eigentlich den Lesern und Kommentiern der Molochronik ein Kompliment machen. Hier gibts bisher keine Trollereien, keine ekligen Polemiken, sondern zuweilen sogar intensiven, sich durch Respekt auszeichnenden Meinungsaustausch. Woanders mag das anders sein, aber ich bin froh und (soweit ich das Gefühl trotz Verklemmtheit zulasse) auch stolz auf Euch. Weiter so, Ihr Lieben!
geschrieben von molosovsky, am: Dienstag, 01. Jan. 2008
(Eintrag No. 428; Gesellschaft) — Derzeit gibt es noch zuwenig Organspenden und so sterben Patienten, die welche brächten. Jedoch: die Kontrolle in Sachen Organspende funktioniert nicht so recht. Die zuständigen Kontrollen fassen nicht, da die Unterlagen nicht ordentlich ausgefüllt werden. Dennoch spiegelt sich in den unvollständigen Statistiken über Organspenden und Organempfängern etwas, was Angst und Mißtrauen auslöst: Privatpatienten werden — wie auch sonst in unserer Zweiklassenmedizin — als Empfänger für Organspenden bevorzugt.
Falls ich meinen Hintern mal hochbekomme, dann werd ich mich erkundigen, ob sich ein Organspender-Ausweis durch eine Zusatzklausel ergänzen ließe. Ich würde Organe spenden (wohlgemerkt: nach meinem Ableben), aber nur, wenn gerantiert werden kann, dass ein bedürftiger Mensch, kein Privatpatent, meine Organe bekommt.
Ansonsten: willkommen im neuen Jahr. (Kann ja nicht immer nur brütent Muffeln, muß auch ein wenig die Form der Jahreszeitenrituale pflegen.)
geschrieben von molosovsky, am: Samstag, 15. Dez. 2007
(Eintrag No. 425; Gesellschaft, Medien, Print vs. Net) — Toller Tagesanfang für mich. Andrea findet sich zitiert im »Perlentaucher«, dem sie vorgestern gratuliert hat zur dieswöchigen gewonnen Justizrunde um Weiterverwertung von Rezensions-Abstracts. Andrea schlug vor, das Internet nicht immer nur runterzumachen und als Pfui-Bäh-Medium hinzustellen, sondern ganz unaufgeregt die Habermas’schen Ausführungen über den Strukturwandel in der Öffentlichkeit auch mal auf das Internet umzuklappen. (Wir erinnern uns: Im Zeitalter der Aufklärung entstand eine neue Öffentlichkeit, mit Kaffehäusern, mit Salons, mit Zeitungen und Periodikas … es entstand das, was die Anglo-Amerikaner »Marktplatz der Ideen« nennen). — Gleich darunter (naja, dazwischen ist ein kleiner Werbekasten) berichtet »Perlentaucher« über den nächsten Deutungshoheitverteidigungsröhrer von Frank Schirrmacher. Schirrmacher versteht Öffentlichkeit als etwas mit Mauer und Kontrollschleusen drum rum. Schon vor Jahren basta-wortete er in etwa, dass ›wer jetzt nicht drin ist‹ (genau gemeint war glaub ich Journalismus in den großen Blättern und Medienplattformen), ›der kommt jetzt auch nicht mehr rein‹. Ganz auf der Linie geht seine Denke und Meinerei weiter im Kress-Report, allerdings nur für regestrierte Abonennten (soviel zum Thema Öffentlichkeit). Ich übersetzte mal:
Frank S.: »Unsere Situation kommt mir wie die des Films vor einigen Jahren vor: Da wurde das Kinosterben angekündigt, und dann kamen die großen Produktionen.« — Mit ›uns‹ meint Schirrmacher wohl die etablierten Journalisten und ›Old School‹-Medien. Das Kinosterben wurde u.a. dadurch erstmal verschoben, weil neue Technik die Filme mit neuem Zauber auflud. Zum einen Technik der Herstellung, als der Tonfilm die Monumentalstummfilme ablöste, der Farbfilm den S/W-Film in die Ecke stellte, als Stop Motion-Kameras neuen Augen-Zucker ermöglichten, zum anderen Technik der Saal-Ausrüstung, mit Dolby-Sound und Surroundsound oder diesertage mit tollen Digitalprojektoren, die aus Kinos Großfernsehbunkern machen, wo man außer Filmen dereinst auch Fußballspiele und in neuer Technik glänzendes 3-D-Kino genießen kann. Zudem: Mit Kinosterben war in den letzten Jahrzehnten vor allem auch die unseelige Entwicklung gemeint, wie große Popcorn-Tempel-Ketten (Multiplexse und Co.) kleinen Programmkinos verdrängten. Ich bin gespannt, welche Innovation die Zeitungen mit neuem Spektakelschmalz ausstatten sollen. Vielleicht gibt es einmal die Woche die F.A.Z. ja bald als Pop-Up-Zeitung (Schautafeln mit beweglichen Überraschungen), oder mit Aromakarten (der Duft zur Glosse)?
Frank S.: »Wir haben eine ähnliche Aufgabe: Inszeniertes Denken, die große Bühne.« — Mit ›wir‹ meint Schirrmacher hier wohl ›Zeitungen und Kino‹. Toll. Nicht Nachrichten, sondern eben inszenierte Nachrichten sind die Scholle, die Journalisten zu beackern haben. Der Journalist als Spielleiter, als Kontrollaufsicht im Rattenlabyrinth, die Promis und Mächtigen als Spielercharaktere und die Masse der Leser als NPCs (= Nicht Spieler Charaktere) die als Hintergrundgeräusch fungieren dürfen, wenn sie sich ab und zu über den Abdruck ihrer Leserbriefe freuen dürfen. Im Internet, deutsch z.B. bei »Nachrichtenaufklärung« und bei den »Nachdenkseiten« kann man dann gucken, wo die Inszenierung der Medien alter Schule Schindluder treibt oder glattweg Wirklichkeit verdreht oder unter den Tisch fallen läßt.
Frank S.: »Das Internet ist wie eine Live-Sendung: Nachrichten, die neben uns herlaufen. Aber dann kommt ein Break, dann kommt die Tagesschau. Das sind wir, und wir sagen, was in der Welt passiert ist. Das ist Qualitätsjournalismus!« — Soso. Qualität ist also, wer (noch) das dicke Deuttungshoheitszepter schwingt. Nicht was wirklich der Fall ist sei Wirklichkeit, sondern das Maskenspiel des Medien-Establishments. Das entspricht eher dem Öffentlichkeitsverständis von Vatikan oder Geheimdiensten, als dem einer bürgerlich-weltlichen Zeitung. Irgendwie seh ich Schirrmacher da im Spartaner-Dress gegen die anrückenden Perser anstänkern, so nach dem Motto: »Dann schreiben wir eben im Schatten«. — Aus Schirrmachers Sicht funktionierten Zeitungen als große Zauberspiegelfenster, die aber lediglich einen Blick auf eine inszenierte Welt des Scheins freigeben, und verständicherweise sagen solche Illusionisten wie Schirrmacher dann solche Sachen wie ›Achten Sie nicht auf dem Mann hinter dem Vorhang‹.
Frank, schau, die Öffentlichkeit, zumindest deren weitaus größerer Teil, ist immer draussen, jenseits von Elitenmauern. Öffentlichkeit ist nur zu einem geringen Teil das, was man sich in Ball- und Thronsaal hinter dicken Mauern und bewacht von Armbrustschützen zutuschelt, sondern Öffentlichkeit ist die Rede auf dem Stadtplatz, das Getratsche auf der Duld. Öffentlichkeit ist nicht nur das Erbauungsprüchlein in aufwändig illuminierten Stundenbüchern für die Reichen und Schönen, sondern auch das spottende Grafitti auf den Mauern, die zwischen Stadt, Wald und Flur weitergegebene Kunde.
geschrieben von molosovsky, am: Samstag, 08. Dez. 2007
(Eintrag No. 423; Literatur, Genre, Relevanz, Science Fiction, Phantastik) — Diese Frage stellt Bryan Appleyard in der »TimesOnline«-Ausgabe vom 02. Dezember 2007, anläßlich der Neuauflage des von Brian Aldiss herausgegebenen »A Science Fiction Omnibus«. Zwar klagt Appleyard über die Hochnäsigkeit britischer Kulturdeutungszirkel gegenüber Science Fiction, aber bei dieser Ignoranz handelt es sich keineswegs nur um ein auf die Insel beschränktes Phänomen. — Folgendermaßen bringt er die enorme Relevanz der Sf auf den Punkt (Übersetzung von Molo):
»Die Wahrheit ist«, schrieb Aldiss, »dass wir in nun letztendlich in einem SF-Szenario leben.« Eine zusammenbrechene Umwelt, eine übervernetzte Welt, Selbstmordbomber, fortwährende Überwachung, die Entdeckung anderer Sonnensysteme, neuartige Pathogene, Touristen im Weltraum, Kinder werden vollgepumpt mit Medikamenten zur Verhaltenskontrolle — all das ist nun wahr geworden. Aldiss glaubt, dass all dies die SF redundant werden ließ. Ich sehe das anders. In solchen Zeiten sind es die konventionellen Literaten die bedroht sind, und SF tritt hervor als der härteste Realismus.
Appleyard reagiert hauptsächlich auf den »TimesOnline«-Beitrag »Why are science fiction writers so neglected?« vom 23. November 2007, in dem Aldiss einige Zeilen über seinen neuen Omnibus schrieb. Aldiss beendet seinen Artikel mit einem Zitat von Percy Bysshe Shelley (aus »Defence of Poetry«):
»Wir verfügen über mehr moralische, politische und historische Weisheit als wir in die Praxis umzusetzten verstehen; wir verfügen über mehr wissenschaftliches und wirtschaftliches Wissen als wir einbringen können zur gerechten Verteilung der Erzeugnisse, die durch dieses Wissen vermehrt werden … Es mangelt uns an kreativen Fähigkeiten, die uns zeigen was wir wissen.«
geschrieben von molosovsky, am: Sonntag, 04. Nov. 2007
(Eintrag No. 416; Gesellschaft, Großer Bruder, Zurückgucken) — Über Telepolis wurde ich grad aufmerksam auf eine sinnvolle, demokratische Aktion: die Website »Überwach!« bietet ein kleinen html-Code an, der, wenn er auf der eigenen Seite eingebunden ist, anzeigt, ob diese Seite vom ›Staat‹ beobachtet wird. Der ›Staat‹ kann hier alles mögliche sein, wie das ›Protokoll der Verdachtsmomente‹ zeigt: Bundesregierung, Landesregierung, Ministerien, Bundestag, Parteien.
Ich hab den entsprechenden Code mal bei mir eingebaut, gleich unter meiner Wunschliste in der rechten Kolumne. Bin schon gespannt, ob die Molochronik gefährlich genug ist, um überwacht zu werden. Morgen ist ja der passende ›Feiertag‹ für so eine Aktion: Remember, remember the 5th of November …
geschrieben von molosovsky, am: Dienstag, 25. Sep. 2007
(Eintrag No. 410; Gesellschaft, Medien, Phantastik, Bildung & Unterhaltung) — Obwohl ich schon einige Monate mit einer komfortablen Breitbandleitung durchs Web gurke, habe ich erst in diesem Monat angefangen, mich in entsprechenden Portalen umzuschaun, wie es um lohnende Filmchen bestellt ist. Hier eine mehr oder weniger munter-unsortierte Auswahl lohnender Clips und Streams.
Kann sein, daß meine Links nicht lange online, oder die entsprechenden URLs schnell wieder unaktuell sind und wieder verschwinden. Gebt halt ggf. als Kommentar hier bescheid, wenn dem so sein sollte.
Den Anfang macht das einzige Web-TV-Angebot der öffentlich-rechtlichen, das ich regelmäßig verfolge: »Das Philosophische Quartett« mit Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski. Für mich, der ich mir kaum leisten kann abends mal aufn Bier zum Klönen wohinzugehen, sozusagen mein Stamtischersatz. Glaubt bloß nicht, ich nehm alles ernst, was die Damen und Herren des Quartetts so daherphilosophieren. Aber genau das, Daherphilosophieren (und zwar unaufgeregt), ists, was diese Sendung für mich so reizvoll macht. Leider reicht das Archiv nicht allzuweit in die Vergangenheit.
Ein Abend mit Neil Gaiman. Ich habe Gaiman ja im Frühjahr 2007 in Leipzig erlebt und kann sagen: Der Mann weiß, wie man einen vergnüglichen Leseabend gestaltet. Der hier verlinkte Fora.tv-Beitrag dauert fast 2 Stunden. Neil liest aus neustem Kurzgeschichtenband »Fragile Things«, inkl. Frage und Antwortspiel. Nict versäumen sollte man die Story »Secret Brides Of The Faceless Slaves Of The Forbidden House Of The Nameless Night Of The Castle Of Dread Desire«, ein Muss für alle, die eine deftige Parodie auf Gothic Novel-Schwulst abkönnen (zugleich aber auch eine köstliche Verteidigung der Phantastik). — Knackig auch Neil Gaimans Gedanken über Horror- und Weird Fiction Papst H. P. Lovecraft.
Apropos H.P.L.: Hier gibt Howard Philip Lovecraft Auskunft (1933). Fast möcht ich meinen, daß es sich hier um einen geschickten Fake handelt, aber der Clip wurde augenscheinlich von Lovecraft-Experten S.T. Joshi beigesteuert.
J.R.R. Tolkien spricht über die seine Mythologie. Man braucht schlaue Ohren, um das murmelnde Gebabbel vom Papa Hobbit zu verstehen, aber es lohnt sich. Was dieser Clip zeigt: Ian McKellen hat alle zuhandenen Filmaufnehmen des Meisters studiert und gibt als Gandalf eine beeindruckende Hommage auf Tolkien.
Richard Dawkins: Der streitbare Atheist, Autor von »Das egoisische Gen« und dem jetzt vieldiskutierten »The God Delusion« geht in Teil 1 den Wirrnissen des Aberglaubens (Astrologie & Co) nach, in Teil 2 widmet er sich der Scharlatanerie alternativer Heilmethoden (Homöopathie & Co.).
Der Neurologe, Humorist, Theater- und Opernregiesseur Jonathan Miller hat für die BBC versucht eine »Rough History of Atheism« auszubreiten. Kein leichtes Unterfangen, haben doch aus Angst vor gröberer Unbill lange Zeit Atheisten gezögert, sich als solche zu outen. Die Dokumentation hat drei Teile, die jeweils in etwa 10-minütige Clips aufgeteilt wurden. Hier zu den ersten Abschnitten von Sendung eins (»Shadows of Doubt«), zwei (»Noughts and Crosses«) und drei (»The Final Hour«). — Eine der schönsten Gemmen dieser Reihe ist Millers Unwohlsein mit dem Begriff ›Atheist‹. Immerhin: Warum sollte man speziell dem Nichtglauben an GOtt (oder Göttern) einen eigenen Namen geben? Gibt es ein besonderes Wort für Menschen, die nicht an Geister, Kobolde und Einhörner glauben? Eben. — Zusätzlich hat Jonathan Miller mit einer Reiher prominenter Nichtgläuber (und einem Gläubigen) Interviews geführt, die schon in seiner »Rough History« gekürzt verwendet wurden. Unter dem Titel »Atheism Tapes« kann man aber die ganzen Gespräche goutieren. Hier gehts zu den jeweils ersten Clips der Interviews mit Colin McGinn (Wissenschafts-Philosoph), Steven Weinberg (Physiker), Arthur Miller (Dramatiker), Richard Dawkins (Biologe), Denys Turner (Theologe), Danniel C. Dennett (Wissenschafts-Philosoph). — Wer nicht glotzen will, kann die kompletten Transkripte der Gespräche hier lesen.
Nach so viel ernsten Zeug über Glauben und Nichtglauben, hier noch ein Clip mit den englischen Humoristen, Schauspielern und Autoren Stephen Fry und Hugh Laurie, die in England berühmt sind für ihre Sendung »A Bit of Fry & Laurie«. — Unsterblich genial ist dieser Scetch »On Language«. Jupp: so isses.
Und als Schlußzuckerl schließlich noch zu den beiden haarsträubend grotesken kurzen Filmchen des amerikanischen Animationskünstlers Bill Plympton (einigen Freaks hierzulande bekannt als Schöpfer des gandiosen Films »The Tune«): »How to Kiss« und »25 Ways to Quit Smoking«.
Viel Vergnügen.
geschrieben von molosovsky, am: Donnerstag, 20. Sep. 2007
(Eintrag No. 408; Gesellschaft, Großraumphantastik, Bundestags-Petition) — Gerade im deutschen Brights Blog gelesen: endlich tut sich was in Sachen Kritik und Aktion gegen §7 des Grundgesetztes. Dort steht nämlich (noch):
Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt. Kein Lehrer darf gegen seinen Willen verpflichtet werden, Religionsunterricht zu erteilen.
Ich bin ja schon lange der Meinung, daß Kinder und Jugendliche einen neutralen ›Lebenskunde‹-Unterricht erhalten und neutral und vor allem vergleichend über Religion informiert werden sollten. Die Privilegien der etablierten, organisierten Religionen in Sachen Unterricht (aber auch z.B. bezüglich deutscher Militärseelsorge, Konkordatslehrstühlen, Finanzierung der Ausbildung von Geistlichen usw ect pp ff) sind alles andere auf der Höhe des bei uns ja nur widerwillig geduldeten pluralistischen Informationszeitalters.
Wer, wie ich, etwas tun möchte, damit vielleicht in absehbarer Zeit der Mißstand des Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen behoben wird, lese bitte hier den Text der Bundestags-Petition und raffe sein (humanistisches, aufgeklärtes) Herz auf, um diese Einreichung mit seiner ›Unterschrift‹ zu unterstützen. Dazu ist noch Zeit bis zum 27. Oktober 2007.
geschrieben von molosovsky, am: Mittwoch, 12. Sep. 2007
(Eintrag No. 405; Gesellschaft, Großraumphantastik, Gottesfrage) — Weil’s so schön ist, präsentiere ich heute mal Epikurs (ca. 341 bis 270 v.d.Z.) in »Von der Überwindung der Furcht« gereichtes Rätsel, welches knapp und schön auf den Punkt bringt, weshalb herkömmlicher Gottesglaube schlicht Quatsch ist.
Wie so oft bei kritischen klassischen Texten, findet sich diese Epikur-Schrift weder auf Deutsch noch auf Englisch im Netz (obwohl das folgende Rätsel oft zitiert wird). Lediglich der Text »Dialogues Concerning Natural Religion« in dem David Hume (1711 bis 1776 n.d.Z.) Epikur anführt, findet sich als englisher eText.
Hier die englische und dann von mir übersetzte Fassung dieses Rätsels über die Nutzlosigkeit der Vorstellung vom allmächtigen und gütigen Gott:
If God is willing to prevent evil, but is not able to
Then He is not omnipotent.
If He is able, but not willing
Then He is malevolent.
If He is both able and willing
Then whence cometh evil?
If He is neither able nor willing
Then why call Him God?
Wenn Gott willlens ist das Böse zu verhindern, aber nicht fähig, dann ist er nicht allmächtig.
Wenn er fähig sein sollte aber nicht willens, dann ist er bösartig.
Wenn er sowohl fähig als auch willens sein sollte, woher kommt dann das Böse?
Ist Gott weder fähig noch willens, warum sollten wir ihn dann Gott nennen?
geschrieben von molosovsky, am: Samstag, 25. Aug. 2007
( Eintrag No. 401; Gesellschaft, Großer Bruder, Nach Vorne Verteidigung und Reaktion) — Grad les ich bei »SpiegelOnline« von einem Fragebogen, den man für ziemlich unverschämt oder innovativ halten kann. Die Arbeitsagentur in Hamburg (und angeblich bald auch anderer Städte) stellt darin Beziehern von Hartz-IV außerordentlich persönliche Fragen zu Neigungen und Fähigkeiten, angeblich wegen der noblen Ambition, um ›ein umfangreiches Profil der Kunden zu erhalten‹, um ›passgenauere Instrumente für den Förderbedarf‹ zu erlangen.
Das ist ja schön und gut, aber die Unverschämtheit liegt klar offen, wenn ich (Hartz-IV-Empfägner) darauf verweise, daß z.B. unsere Abgeordneten sich mit Händen und Füßen gewehrt haben, ihre Nebeneinkünfte von nichtparalemtarischen Tätigkeiten offen zu legen (und so richtig transparant ist die derzeitige Praxis dazu immer noch nicht). Zudem wäre es wohl im Interesse der öffentlichen, politischen Meinungsbildung und Orientierung, wenn die genannten Fragen von allen Inhabern öffentlicher Ämter beantwortet würden. Auch um einschätzen zu können, wie gut die Arge-Mirtarbeiter geeignet sind, sich mit meiner Lage zu befassen, wäre es sicherlich nur fair, wenn die Mitarbeiter der Arbeitsagentur selbst diesen Fragebogen ausfüllen und deutlich sichtbar in ihrem Büro aufhängen würden.
Hier die bei SpOn genannten Beispiele und meine mal der Unverschämtheit der Fragen angemessenen Antworten. Ich gebe die Fragen paraphraisiert wieder, da mir der Fragebogen selbst noch nicht vorliegt:
1. »Peppen Sie ihren Speiseplan mit exotischen Gerichten (z. B. aus Indien, Japan und Mexiko) auf?« — Molos Antwort: Ich beziehe meine Nahrungsmittel von ortsansässigen Händlern. Gerade als Hartz-IV-Empfänger muß ich auch was Ernährung betrifft sparen, und kann mir exotische Nahrung aus fernen Weltgeilden in der Regel nicht leisten. Zudem bin ich trotz meines Interesses für die Herkunft von Nahrung oftmals nicht in der Lage en detail nachzuvollziehen, woher Nahrung stammt, welchen Weg sie vom Ursprung bis zu meinem Herd zurückgelegt hat. Was Rezepte betrifft kann ich aber antworten, daß ich neugierig und für alles offen bin. Ich würde mir z.B. gerne mal afrikanische Ameisen- und Termitengerichte leisten können und wäre auch nicht abgeneigt, das Amazonasindianer-Rezept ›in Pflanzenblatt eingewickelte und im Feuer gegarte Tarantel‹ auszuprobieren. Allgemein habe ich eine Schwäche für alle eintopfartigen Gerichte.
2. »War das Leben in der DDR Ihrer Meinung nach gar nicht so schlecht?« — Molos Antwort: Ich bin in der BRD aufgewachsen, und habe darüberhinaus in Wien, Marburg gelebt und wohne derzeit in Frankfurt am Main. Über das Leben in der DDR kann ich keine direkten Erfahrungsurteile abgeben. Dem Vernehmen nach, soll aber das Leben in der DDR weder vollends eitel Sonnenschein noch Pfui-Deibel gewesen sein. Die Dinge waren wohl, wie z.B. der Niederrheinländer Hans Dieter Hüsch zu sagen pflegte, ›gemischter‹.
3. »Schauen Sie gern Filme, in denen viel Gewalt vorkommt?« — Molos Antwort: Kommt auf den Film an. Nennen Sie Beispiele, und ich kann Ihnen mit meiner ästhetischen Meinung dienen. Im Großen und Ganzen weiß ich eine narrative, filmische Darstellung und Verarbeitung von bederückenderen und ungeheuerlichen Aspekten des Lebens zu schätzen.
4. »Fänden Sie es schön, wenn eine Liebe ein ganzes Leben hält?« — Molos Antwort: Wer fände das nicht schön? Zudem ist mir nicht klar, welche Art von Liebe gemeint ist? Die Liebe zum Leben? Die Liebe zur Wahrheit? Die Liebe zu einem Menschen? Liebe zum Geld? Tierliebe? Bücherliebe? Selbstverliebtheit? Präzisieren Sie bitte die Frage.
5. »Können Ihnen Dinge wie Tarot, Kristalle oder Mandalas helfen, in schwierigen Lebenssituationen die richtige Entscheidung zu treffen?« — Molos Antwort: Bezogen auf schwierige Lebenssituationen nehme ich Abstand von derartigen Hilfsinstrumenten. Aber im Alltag greife ich gerne mal zum Münzwurf, wenn es bei unentschiedenen Situationen z.B. darum geht, ob ich mit meiner Partnerin den Zoo oder den Botanischen Garten besuche.
6. »Spielen christliche Wertvorstellungen keine Rolle für Sie?« — Molos Antwort: Natürlich nicht. Allein schon, weil christliche Wertvorstellungen (nebenbei: Welche?) schon vor meiner Existenz vorhanden waren und ich mich als mit ihnen Konfrontierter auseinandersetzten muß (was aber auch für z.B. heidnische, technoikratische, neokonservative, libertinäre, humanistische, bellezistische, idealistische usw. ect. pp. ff. Wertvorstellungen gilt). Ich gebe freimütig zu mich persönlich als einen ›Bright‹ zu bezeichnen, genauer: als einen ›Brückenbauer-Bright‹, der daran ›glaubt‹, daß alle Weltbilder ihre guten und schlechten Seiten haben. Das absolute Verdammen oder Lobhudeln von Wertvorstellungskonglomeraten liegt mir allerdings fern. Zudem mühe ich mich zu unterscheiden zwischen Werten die sich auf die (möglichst) objektive Erkenntnis der Welt beziehen, und solchen, die sich mit ethischer Orientierung auseinandersetzen. Als ›Bright‹ pflege ich da freilich meine Präferenzen, was den großphantastischen, gesellschaftlichen Gestaltungsdiskurs betrifft.
EDITergänz vom 28. August 2007
Eine neue Frage tauchte in einem mittlerweile erschienenen Bericht des »Hamburger Abenblattes« auf.
7. »Die Werbung im Fernsehen finde ich meist ganz unterhaltsam.« — Molos Antwort: Ich habe seit ca. 15 Jahren keinen Tv-Anschluß und die wenigen Male, bei denen ich bei Bekannten Fernseh guck, ist mir jegliche Werbung ein Greul.
geschrieben von molosovsky, am: Samstag, 18. Aug. 2007
(Eintrag No. 397; Großraumphantastik, Polemik, Diesseits, Ernsthaftigkeit) — Noch drei Tage bis zum 2000-Tage-Jubiläum der Molochronik. Entsprechend reflektiere ich über Sinn und Zweck meines Blogs und meines öffentlichen Meinungsschiebens und mir gehen vermehrt ernste Sachen durch den Kopf.
Im Forum der Brights stolperte ich über folgenden »Brief an einen Atheisten« auf den ich folgendes (mal auf die Schnelle) zu antworten weiß.
•••••
Lieber Hobby-Missionar Ingmar.
Alle Menschen, ob Religiöse oder Atheisten, gründen ihre Lebenshaltung auf ›Glauben‹. Immerhin verlassen wir uns zu etwa 9/10 auf Informationen zweiter, dritter Hand.
Die Nichtreligiösen spielen halt kein metaphysisches Ponzi-Schema mit einem Phantasie-Jenseits oder fiktiven Wesen. Wie schon andere hier (im Birghts-Forum) schrieben, sind Überwesen wie GOtt, Götter, Teufel usw ›Stimmen im Kopf‹ oder Teil der kollektiven Phantasie der Menschheit.
Der Schlüsselbegriff hierbei lautet meiner Meinung nach ›Verantwortung‹. Verrechne ich mein Handlen mittels einer fiktiven Jenseits-Bank, oder beziehe ich meine Haltung und Entscheidungen auf diese eine Lebenszeit? — Ich kann zwar gut verstehen, daß viele viele Menschen das ›heilige Zittern‹ erfasst, wenn sie derart mit Verantwortung konfrontiert werden und deshalb gerne jeden sich bietenden Strohhalm ergreifen, um diesen Druck zu mildern. Der Trick, Vergänglichkeit als Entlastung und Chance zu sehen, ist nun mal kein einfaches Manöver.
Persönlich bin ich aber lieber als Atheist ein ›Versager‹, als daß ich mich von solchen Machterhaltungs-Praktiken wie ›Sähe Angst und ernte Hoffnung‹, ›Teile und Herrsche‹ an der Nase herumführen lasse. Ich denke, kein noch so religiöser, vom Jenseits überzeugter Mensch würde mir 100000 Euro ›leihen‹ , wenn ich als Rückzahlung verspräche, ihm im Jenseits dafür x-Jahrhunderte lang den Rücken zu massieren. Da kommt der andere Schlüsselbegriff zu dieser Angelegenheit ins Spiel: ›Vertrauen‹ = die eigentliche und wichtigste Grundwährung der Menschheit. Atheisten sind halt aus dem Fantasy-Pyramiden-Kettenbriefspiel ausgestiegen und ich für meinen Teil bin stolz auf diesen Schritt.
Als bekennender ›gläubiger‹ Maximal-Phantast finde ich z.B. Comic oder Phantastik-Genre-›Trash‹ und andere wundersame Sachen wie Monster, Garten Eden, Inferno, Limbus, Haus der Seelen, Wiederauferstehung usw ganz faszinierend. Wie aber mittels der Faszinationskraft solcher ›Ideen‹ realpolitisch auf der Kugeloberfläche Erde immer noch im Großen Maßstab Schindluder betrieben wird ist schlicht eine Schande. Die entsprechend hochmütige Einstellung von überzeugt religiös Gläubigen ist meiner Meinung der Abhängigkeit von Süchtigen (egal welcher Substanz) erschreckend ähnlich.
Mensch macht sich etwas vor, mehr nicht.
Ein zufriedenstellendes Leben und den Mut den eigenen Verstand zu gebrauchen ohne vom Gewissen niedergemosert zu werden wünscht,
der Geschichten erzählende Affe
Molosovsky.
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Seit 2339 Tagen aktiv. Am 17. Juli 2008 gab’s zuletzt ‘ne Änderung.
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