molochronik

Thomas Ziegler: »Sardor – Der Flieger des Kaisers«, oder: Mit dem Doppeldecker gegen das mahrisch-kosmische Grauen

War überrascht, wie sehr mich dieser schmale Band (erster Teil einer Trio) plätten und begeistern würde.

Düsterer Fantasy-Pulp um einen eigentlich behämmerten (weil platt-patriotischen) Kampfflieger des Deutschen Kaiserreiches – Dietrich von Warnstein –, den es bei einem Sturm mit seinem mascheinengewehrbestückten Doppeldecker in eine fremde Welt verschlägt, wo er mit der Seele eines seit zwanzigtausend Jahren schlummernden Gottkriegers – des titelgebenden Sardor – verschmilzt, um die Menschen (genauer: unchristliche Heidenvölker) beim Anbruch des Zweiten Kosmischen Krieges gegen mannigfache monströse Schrecken zu verteidigen. Sozusagen Portalfantasy a la »Unendliche Geschichte« für Fans von »Heavy Metal«-Comics (und Mukke), den heroischen Kämpfern und bestialischen Viechern von Frank Frazetta, den finsteren Bizarrerien eines Philippe Druillet, der »Chroniken des Schwarzen Mondes« und der Art von Warhammer-Fetzerei als Warhammer noch cool war (also etwa die Zeit der Erstveröffentlichung dieses Romans, 1984). — Kurz: Lovecrafts kosmischer Grusel trifft Howards Barbaren-Bratz.

Sprachlich stellenweise mitreissend, Dank eines dick aufgetragenen Pathos, der sich seiner Überspanntheit bewusst ist und entsprechend ungehemmt auf die Spitze zu treiben traut. Erzielt dabei einige Male – absichtlich! – wunderbar humorige Effekte, eben wenn das Grauslige, Eklige, Böse ins Komische kippt (man denke an entsprechende Momente in frühen Terry Gilliam-Werken wie »Jabberwocky«, oder die Harkonnen in David Lynchs Verfilmung von »Dune«).

Nur selten wird der Bogen überspannt mit einem Tacken zuviel Wiederholungen (Merke: beispielsweise ›Myriaden‹ und ›infernalisch‹ sollten nur alle 50 Manuskriptseiten verwendet werden). Ansonsten wunderbare rohe, lyrische Qualität. Viel Handlung wird nicht aufgeführt, dafür immer wieder Weltenbau-Ausflüge veranstaltet. — Ganz großartig fand ich, dass es in einem der frühen Kapitel eine richtiggehend mit Worten geschilderte Karte gibt, wenn eine Figur von der Höhe auf die weitere Umgebung guckt, die den Schauplatz dieses Romanes liefert.

Wunderbar auch, wie prall aufgepumpt die Überzeichnungen der eigentlich bekannten DüsterFantasy-Typen und -Kulissen rüberkommen. Da stimmen schon die Namen: die Krograniten-Berge, die Seufzerschründe, der Geborstene Berg, die Schmerzarchen der Eisernen, die Gehörnten, die Nachtmahre, der Bosling, der Schwarze Mirn, die Hainvölker (die Nurn unter Fürst Caliman; die Myrten unter Fürst Tur; die Anger unter Fürst Gorrenhart; die Woyden unter Fürstin Lidinya).

Im Grunde ein großes Wimmelbild, ein Panorama aufgemotzer Heere, exquisiter Grausamkeiten, titanischer (Alp)Traumlandschaften & Architekturen und morbider Verwesungsdioramen. Simpel und doch detailreich. Deshalb leicht lesbar (auch unterwegs) und dennoch sehr anregend.

Absolute Leseempfehlung (vier Sterne) vor allem für alle deutschsprachigen Fantasy-Fans und Autoren!

Band 2 gleich vorgenommen, und Band 3 steht bereit.

Bonus:

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Ziegler, Thomas: »Sardor – Der Flieger des Kaisers« (Sardor #1); Deutsche Erstauflage 1984; 10 Kapitel auf 184 Seiten; Broschierte Neuauflage Golkonda Verlag 2013; ISBN: 978-3-942396-51-6.
Auch als eBook erhältlich.

Lee Child: »Killing Floor« (Jack Reacher #1), oder: Der Gestank abgegriffenen Geldes

Angefixt durch den Film (Super-Grusel: »Die Toten Augen von Werner Herzog!«. Sonst: Klassisch ruhig und mit Geduld inszeniert. Die wenige Fressenschläge- & Autohatz-Äktschn kommt um so kraftvoller).

Freund David, großer Fan der Bücher, beglückt mich bald darauf mit dem ersten Roman als Geschenk per Post. Also reingeschnuppert in Originalfassung. Sehr bald vom Stil (die Massen kurzer Sätze; immer und immer wieder Rekapitulationen auch in kurzer Folge nach Erstinfo; stupides Ausbuchstabieren aller Handgriffe und Kleinkramigkeiten) eher angewidert.

Aber … (!) … eben doch auch reichlich schöne kleine Beobachtungen, Ideen, Wendungen, Originalitäten um mich bei Stange zu halten. Die Art der Faszination einem Porno nicht unähnlich (der Kurzsatzstil knetet Hirn halt doch weich; da kann höheres Ästhetikbewußtsein nicht lange gegen an).
Feiner, kräftiger Männerkitsch (als Kompliment zu verstehen, denn ich habe mich ja vergnügt). Einsamer Wolf. Nerven aus Titanium. Reueloser Schädlingsbeseitiger von widerlichen egoistischen Sadisten und skrupellosen Opportunisten. Schöne Träume der gerechtfertigten Gewalt. Frust-Therapeutikum.
Dann auch: angemessene weibliche Mitstreiterin in Gestalt einer Polizistin. Dezent geschilderter Sex. Verherrlichung des Hinterns.

Nicht zu vergessen: interessantes Setting. Kleinkaff. Fälschung. Alle geschmiert oder willig oder eingeschüchtert.
Überraschend: Ausflüge in Schilderung menschliche Nähe und Anteilnahme. Am besten gelungen: die alte schwarze Sängerin. Ach ja: Reachers Liebe für Blues! Ein harter Kerl mit Jukebox-Fähigkeit im geistigen Ohr (sehr sympathisch).
Kurz: Bravouröse Lösung der Problematik, wie man so übergroße Alphamännchenfastschonsuperhelden Feingefühl und humanen Respekt zeigen lassen kann (Hut ab dafür).

Fazit: Als Ganzes eigentlich nicht wirklich hoch gezielt, aber eben souverän getroffen. Also solide Unterhaltung und somit unerschütterliche drei Sterne. (Vier Sterne, wenn man das Buch ›nur‹ als schnelle Arbeitsweg-Bespaßung nutzt.)

Hab mir den zweiten Reacher-Thriller (»Die Trying«) schon als englisches eBook besorgt. Allein schon, um zu gucken, ob ich die Erzählperspektive aus 3. Person besser abkann, als (wie bei »Killing Floor«) aus 1. Person.

Danke David! Ein dolles Geschenk. Überlege nun Revanche.

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Lee Child: »Killing Floor« (Jack Reacher #1); US-Ersterscheinung 1997; 34 Kapitel auf 525 Seiten; Bantam Books Paperback; ISBN: 978-0-553-50540-5.

Klappentext-Variationen mit Ju Honisch und »Die Quellen der Malicorn«

Mit einiger Verspätung, weil ich in den letzten Wochen vor lauter 200-Stunden-Plus-Brotjob, Angekränkeltsein & ›Nebenbei-Übersetzen‹ von Hellboy-Prosastories zu nix komme (von »GTA V« ganz zu schweigen … hüstel), ist es nun endlich so weit, dass ich folgenden wunderschönen Gastbeitrag von Ju Honisch aufbereiten konnte.
Ju ist nicht ›nur‹ (eine irre gut kochende!) Nachbarin & seit einigen Jahren meist meine Mitfahrgelegenheit zum BuCon im nahen Dreieich, zudem ist sie eine erfahrene Fantasy/SF/Filk-Haudegin (die ganz früher, wie ich auch, bei einem lustigen Fantasy-Verein war, der das »Fest der Fantasy« der Völker Magiras ausrichtet) die u.a. als studierte Anglistin & Historikerin richtig was auf dem Kasten hat, und durch ihre Verbindungen zu Kreativen & Fans des englischsprachigen Raumes über ein erkleckliches Maß an Genre-Weisheit gebietet.
Was mich darüber hinaus auf ganz besondere Weise mit ihr freundschaftlich und literaturleidenschaftlich verbindet, ist der Umstand, dass ich als Beta-Leser ihrer ersten beiden historischen Fantasy-Romane fungieren durfte (»Das Obsidianherz« und »Salzträume« {Band 1 / Band 2}).
Viel Vergnügen mit ihrem Beitrag über Wohl & Weh von Klappentexten.
Cheers
Alex / molo

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Vielen Dank an Molo, der mich auf sein Blog losgelassen hat, während ich weitere Ecken der Blogosphäre bereise.

Richtig? Falsch? Oder anders?

Klappen- oder Werbetexte sollen Anreize schaffen. Der potentielle Leser soll drauf gucken und sagen: »Ui, das klingt interessant! Das will ich unbedingt lesen!«

Aber Bücher lassen sich nicht gar so einfach in ein paar wenige Sätze zusammenfassen, schon gar nicht, wenn sie über 600 Seiten und mehr als nur einen Handlungsstrang haben. So ist es kaum verwunderlich, dass die meisten Autoren mit den Klappentexten, die die Verlage für verkaufsfördernd halten, oft nicht so ganz hundertprozentig konform gehen. Manchmal liest man sie und erkennt sein Buch nur in Bruchstücken wieder. Dann steht man vor den glatten Worten und möchte sagen: »Aber … aber … aber … es geht doch eigentlich um was ganz anderes?« — »Doch nur so verkauft sich’s«, sagt dann der Verlag. Und das ist schließlich ein Argument.

Ju Honisch: »Die Quellen der Malicorn« bei Heyne Taschebuch. In »Die Quellen der Malicorn« geht es u.a. um Macht und Machtmissbrauch. Damit verkauft man natürlich keine Phantastik. Und es ist ja tatsächlich nicht so, als würde einem irgendeine ›Lehre‹ um die Ohren geschlagen. Das Buch beschreibt ein Abenteuer, das mit wechselnden Personen in zwei verschiedenen Welten stattfindet, in unserer (in der Jetztzeit in Irland) und in Talunys, einem mythischen Reich, zu dem die geheimen Zugänge auf einmal wieder offen sind.

In der Phantastik ist Magie eine feste Größe. Sir Terry Pratchett schreibt

»any sufficiently advanced magic is indistinguishable from technology«.
Anmerk Molo: Auf Deutsch etwa »Jede hinreichend fortschrittliche Magie ist von Technologie nicht zu unterscheiden«, was freilich eine sinnreiche Umkehrung von Arthur ›2001‹ C. Clarkes Gesetzt No. 3 ist: »Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.«

Damit gibt er dem Möglichen mehr Raum. Und er hat recht. Ein Flugzeug wäre einem Mittelaltermenschen als Magie erschienen. Und was uns magisch anmutet, mag wiederum nur eine Technik / Geistestechnik sein, die wir noch nicht ge- oder erfunden haben.

Was aber, wenn es in einer Welt Wesen gibt, die Magie beherrschen, und solche, die sie nicht beherrschen? Man kann schon davon ausgehen, dass es sehr schnell zu einer Zweiklassengesellschaft käme. Der Konflikt, der daraus entsteht, bietet mannigfaltige Möglichkeiten, ›Abenteuer‹ unterzubringen — auch in Harry Potter wird das schließlich thematisiert. Dennoch steht in keinem Klappentext:

Die Bücher von J.K. Rowling behandeln das Problem von Macht und Machtmissbrauch in einer modernen Gesellschaft, in der unterschiedlichen Menschen sehr unterschiedliche Technologien und Fertigkeiten zur Verfügung stehen, um Macht auszuüben und zu missbrauchen oder ein bestehendes soziales Gefüge so wie es ist zu erhalten, um die Rechte des Einzelnen zu sichern.

Mit dem Klappentext hätte niemand HP gekauft.

Ich mache mir also jetzt den Spaß und poste hier ein paar Klappentexte: alle für das gleiche Buch. Ich sage nicht, welcher es über den Verlag ins Internet geschafft hat, welcher auf dem Buchrücken steht oder welcher (meiner) in der Versenkung verschwunden ist:

Klappentext-Variation #1: »Abiturientin Una ist gerade von ihrem Freund verlassen worden, und statt des Party-Sommers in Spanien ist nun Urlaub mit den Eltern in Irland angesagt. Verständlich, dass sich Unas Begeisterung in Grenzen hält. Doch in Irland, der Insel der Mythen und Sagen, ist nichts unmöglich, und so findet Unas Langeweile bald ein Ende, als sie auf einer ihrer ausgedehnten Radtouren Kanura begegnet, der Una mit in seine Welt nimmt — die Welt der Einhörner und Nymphen. Dort entdecken die beiden nicht nur ihre Gefühle füreinander, sondern kommen auch einer Verschwörung auf die Spur, die beide Welten für immer zerstören könnte …«

Klappentext-Variation #2: »Nach Jahrhunderten bricht in der Welt Talunys erneut Krieg aus. Hier herrschen die friedliebenden Einhörner, das kunstsinnige Gestaltwandler-Volk der Tyrrfholyn. Im Kampf verschlägt es den Fürstensohn in die Menschenwelt, von wo er Una mit zurücknimmt. Una, eine emanzipierte, junge Menschenfrau mit Witz und Verstand, findet sich in einer Welt wieder, in der ein grausames Regime sich anschickt, alles zu unterwerfen, was es für minderwertig hält. Plötzlich geht es in diesem Krieg auch um ihr Leben und nicht nur um das eines Mannes, der sehr viel mehr ist als — einfach nur ein Mann.«

Klappentext-Variation #3: »Einst waren sie ein fester Bestandteil unseres Lebens, weise, friedvoll und verehrt: Einhörner. Doch sie verschwanden und wurden zur Legende. Das dachte auch Una, bis sie eines Tages an einer Quelle in Irland einem jungen Mann begegnet, der von sich behauptet, aus einer anderen Welt zu kommen und ein Einhorn zu sein. Bevor Una weiß, wie ihr geschieht, zieht er sie mit in sein Reich und damit in einen gefährlichen Kampf zwischen der guten Magie der Einhörner und der ihrer dunklen Gegner.«

Klappentext-Variation #4: »Irland hat Hunderte von gut verborgenen ›Heiligen Quellen‹. Seit der Christianisierung sind sie jeweils einem Schutzheiligen zugeordnet. Doch es gab sie schon vorher, und sie galten in jenen altkeltischen Tagen als Übergänge in die Anderwelt. In ›Die Quellen der Malicorn‹ sind sie das auch wieder, und die deutsche Touristin Una wird in eine andere Welt verschleppt, während mythische Wesen von dort nach Irland kommen. Gemeinsam mit Irene, einer irischen Musikerin aus Deutschland, und einer übriggebliebenen Göttergestalt des keltischen Mythos’ suchen sie nach der Lösung des Geheimnisses, das hinter all den rätselhaften und erschreckenden Ereignissen steckt.«

Lesern von 15 bis 95, so hatte der Verlag es sich gewünscht, sollte dieses Buch gefallen. Das ist eine eher weite Kategorisierung des Zielpublikums. Ich würde mich natürlich freuen, wenn ich den Geschmack eines so weiten Feldes getroffen hätte.

Ob das überhaupt geht? Und ob man all diese jungen und nicht ganz so jungen LeserInnen mit ein und demselben Klappentext ›kriegt‹, ist auch noch die Frage. Vermutlich hat der Verlag schon recht, wenn er etwas auf den Buchrücken schreibt, dass der ›großen Masse‹ am ehesten gefallen mag. Doch wer — um Himmels Willen — ist eigentlich diese viel zitierte große Masse?

Ich erlaube mir also zum Abschluss noch den üblen Streich, hier einen Klappentext zu verfassen, wie er vielleicht dem akademischen Bildungsbürgertum das gleiche Buch näher bringen und ihm gleichzeitig die Angst nehmen könnte, man würde das Abitur aberkannt bekommen, wenn man etwas liest (und auch noch zugibt!), in dem das Sagenhafte eine Rolle spielt. Ich weiß nicht mehr, welche deutsche TV-Liesl es war {Molos Link-Hinweis: ›Hust-hust‹}, die ihr wohlfundiertes Talkshow-Halbwissen dadurch aufwerten wollte, dass sie öffentlich erklärte, sie würde grundsätzlich nichts lesen, in dem so was wie Elfen, Hexen, Dämonen o.ä. vorkommen. Tja, Johann Wolfgang, da hättest du das mit dem Faust wohl besser lassen sollen. Das konnte ja nichts werden.

Klappentext-Variation #5: »Das Sagenhafte ist in uns angelegt. Seine Archetypen leben in unserer Seele und prägen unser Denken und Fühlen. Doch was, wenn sie einer fernen Realität entspringen und plötzlich und unvermutet in unser Leben treten? Die junge Deutsche, Una, macht Urlaub in Irland, als sich die Tore zur Anderwelt — wie in der keltischen Mythologie — plötzlich öffnen. Das, was auf der anderen Seite ist, ist keine rosa Märchenwelt, sondern ein geteiltes Land, in dem es Krieg gibt, ein Reich mit unterschiedlichen Herrschaftsstrukturen, mit Rassismus, Unterdrückung und einer — ganz wörtlich — schweigenden Minderheit, die ihre Sprachlosigkeit als Rettung vorm Untergang versteht. Von einem Wesen verschleppt, das zugleich Mann und Einhorn ist und das dennoch so gar nicht dem christlichen Symbol für Reinheit entsprechen will, erfährt Una, dass man an seine Grenzen gehen kann und jenseits dieser Grenzen immer noch etwas ist, das schön sein mag oder grausam, das man überwinden oder an dem man zugrunde gehen kann.«

Viel Spaß beim Lesen von »Die Quellen der Malicorn«!
Eure Ju Honisch

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Die bisherigen Stationen der Blogtour

Bernhard Viel: »Egon Friedell. Der geniale Dilettant«

Große Chance, voll verschenkt. Leider wurde meine Erwartung nicht erfüllt, dass der Hausverlag von Egon Friedell, C. H. Beck, endlich eine schon seit langem klaffende Lücke schließt, indem er eine lesenswerte Biographie über den von mir für seine Kulturgeschichten der Neuzeit & des Altertums hochverehrten Autor bietet.

In mancherlei Hinsicht schürt die von Bernhard Viel vorlegte Biographie bei mir den Verdacht, eine nicht sehr sorgfältig & mit nur wenig Gespür für den Gegenstand verfertigte Auftragsarbeit anlässlich der 75. Jährung von Friedells Freitod zu sein. Die Absicht an sich ist ja löblich, das Ergebnis aber nervt wegen der Zusammenkunft unter anderem folgender Mängel:

  • Friedell bleibt in der ihm gewidmeten Biographie eher eine Nebenfigur, verglichen zum breiten Raum, den Zeitgeschichte, Milieu-Schilderungen & biographische Ausflüge zu anderen Personen einnehmen. Das kann nur ein Stück weit entschuldigt werden durch den Umstand, dass die Quellenlage zu Friedell karg sein mag. Insofern verständlich, wenn z.B. Carl Zuckmayer seitenweise das Wort gegeben wird (was für sich schön zu lesen ist), um Österreichs Anschluss ans Dritte Reich zu schildern. Peter Altenberg, Lina Loos oder eben Zuckmayer treten als farbigere Protagonisten ihrer Zeit hervor, als der im Titel genannte Biographierte.
  • Mir scheint, als wollte Viel hie & da mit dramaturgischen Tricks die im Großen und Ganzen schmerzlich oberflächlich wirkende Biographie aufmöbeln. Ein ganzes Kapitel lang (»Jung Wien stellt sich vor«) raunt Viel absatzlang über auftretende Personen, bevor er sie beim Namen nennt. Soll das ein Quiz sein? — Ein andermal erdichtet Viel sich einen Tag Friedells, was in Maßen vielleicht ein gelungener Kniff gewesen wäre, um z.B. Beschreibung von Alltag, Wohnung & Stadtviertel nicht zu trocken geraten zu lassen; doch traut sich Viel zu, bis ins Kleinste Friedells Seelenregung & Mimik beim Alleinsein & Sinnieren zu beschreiben. Ich dachte, die Zeiten, in denen eine seriöse Biographie sich zu solchen Taschenspielertricks hinreissen lässt, seien vorbei.
  • Am schlimmsten fand ich unnötige Wiederholungen & Rekapitulationen, das nicht enden wollende Name-Dropping und die geistlose Aufzählerei. Diese Unarten kommen fast stets dann zum Zuge, wo ich mir besser recherchierte Details gewünscht hätte. So ziemlich jede damals prominente Person wird von Viel wichtigtuerisch als ›der angesehene X‹, oder ›die berühmte Y‹ vorgestellt, und das nicht nur einmal, sondern desöfteren, wenn die entsprechende Person nach einigen Seiten oder Kapiteln Abwesenheit erneut erwähnt wird. Schmerzlich substanzlos sind vor allem die Schilderungen zum Theater- & Kabarettleben von Friedell. Hier verkommt die Biographie oftmals zu einem reinen Datenfluss ohne Elan. Spielte auf Bühne X, unter Regiesseur Y, zusammen mit den (später durch Film Z berühmt gewordenen) Schauspieler L. So geht das formelhaft am Leser voll vorbei.
  • Als Freund der Phantastik kann ich nicht umhin, ganz besonders zu tadeln, dass Friedells offensichtliche Begeisterung für literarische Phantastik lediglich anhand der ›Glacial-Kosmogonie‹ Hanns Hörbigers veranschaulicht wird; — dass Friedell in bester (heutzutage sogenannter) Fan Fiction-Manier eine Fortsetzung zu H. G. Wells »The Time Machine« verfasst hat, wird nur beiläufigst erwähnt. Wells selbst wird nicht genannt & kommt somit noch nicht einmal im Namensindex vor! (Nebenbei: Kein Sach-Index?! … »Fuck you!«, gebundenes 25 Euro/350-Seiten-Buch!)
  • Kleinigkeiten:
    • Viel kennt den Unterschied zwischen Utopie & Dystopie nicht (schreibt ersteres, meint zweiteres).
    • Selten, aber dann heftig, unterlaufen ihm Stilunfälle (die auch das Verlagslektorat nicht zu korrigieren wusste) wie (kursive Hervorhebung von mir):
      »{…} die Zeit, in der Friedell aufwuchs und seine Prägungen erhielt, war von wachsender Judenfeindlichkeit geprägt {…}«
    • Immer wieder schreibt Viel ›Knaster‹, wenn er das bezeichnet, was Friedell in seiner Pfeife rauchte, und verweist auf eine ganz spezielle Sorte, die nur eine bestimmte Trafik in Wien führte. ›Knaster‹ bezeichnete damals häufig durchaus sehr spezifisch THC-haltiges Hanfkraut. Ist das gemeint, ja oder nein? Sollte geklärt werden, um entsprechend verbildete Besserwisser wie mich nicht unnötig zu verwirren.

Leider war es nicht möglich, oder man sparte sich die Mühe, unter die Abbildungen wenigstens eine Kostprobe von Friedells Handschrift beizugeben, am besten einer Manuskriptseite oder eines Briefes. Das erachte ich bei Schriftstellerbiographien eigentlich als Standard.

Knapp bei Kasse muss ich sagen, dass ich etwas verärgert bin, denn die ca. 25 € für das gebundene Buch ausgegeben zu haben reut mich nun schon. Jede Rowohlt-Monographie die ich kenne ist besser & wäre zudem preiswerter gewesen.

Ich gebe zwei Sterne — was laut Goodreads euphemistisch »Ist in Ordnung« bedeutet — also einen Stern unter neutralem Mittelmaß, und das, obwohl ich gutmütig bin und anrechne, dass Friedell sicherlich kein einfacher Gegenstand ist, und ich mich grundsätzlich freue, dass nun endlich eine Biographie zu ihm vorliegt … wenn auch eine enttäuschende.

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Bernhard Viel: »Egon Friedell. Der geniale Dilettant«, 27 Kapitel in sieben Abschnitten auf 352 Seiten; 82 Abbildungen; gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag & Lesebändchen, C. H. Beck 2013; ISBN: 978-3-406-63850-3.

Martin Mosebach

Wenn man mir gestattet, die Perlentaucher-Bücherschau als repräsentativen statistischen Indikator gelten zu lassen, dann kann ich verweisend auf die fleissige und lobhudelnde Aufmerksamkeit, mit der das Schreiben von Dodo-Preisträger Martin Mosebach bedacht wird, verdeutlichen, was nach meinem Dafürhalten mit dem deutschsprachigen Literaturkritikwesen nicht stimmt: ein Blender schafft es mit abgespreitztem stilistischem Finger und verdruckst vorgetragenem Missfallen gegenüber allem, was ihm nicht in sein Märchenbild einer gläubig-elitären guten alten Ordnung passt, seinen Lesern den Kopf zu verdrehen. — Man nehme einen beliebigen mit Furor gegen Fantasy gerichteten Angriff auf naive Weltenflucht, setzte statt den üblichen Beispielen läppischer Wohlfühlphantastik das Werk Mosebachs ein, und die Urteilswatsche träfe immer noch die richtige Backe.

Die Auszählung der Perlentaucher-Bücherschau ergibt: vierzehn Titel aus dem Zeitraum zwischen 2000 und 2011 hat man insgesamt vierzig Rezensionen in den Qualitätszeitungen angedeihen lassen; von denen kann man nur sechs als negative Kritik werten (allein fünf davon für den Roman »Der Mond und das Mädchen«); sechs weitere als ›so la-la‹; und ganze achtundzwanzig als wohlwollendes, wenn nicht gar überschwengliches Lob.

GOttseidank haben einige Medien dann letztes Jahr doch zurecht irritiert gezuckt, als Mosebach seine kuriosen Überlegungen über z.B. die Forderung nach einem »Zurück zur Lateinischen Messe!« hinaus trieb und in den Raum stellte, dass auch bei uns Blaphemie wieder gefährlich, sprich staatlich scharf sanktioniert, werden müsste.

Weil zumindest ich soviel prätentiösen Quark in der Birne kaum aushalte und nicht weiß, wohin mit mir vor lauter Baff-, Empört- & Angewidert-Sein, hier also das Reinigungs-Skribbel mit dem ich mich vom maliziösen Geist Martin Mosebachs zu befreien trachtete.

Martin Walser

Über den heutigen Fetzenschädel kann ich wenigstens folgendes Löbliches äußern: dass er in seiner Anfangszeit als Rundfunkredakteur einem wirklich großartigen Schriftsteller wie Arno Schmidt wohlgeneigt war und diesem bitter nötige Brotjobs vermittelt hat.

Leider ist Martin Walser nicht Redakteur geblieben, sondern fing an, sich selbst für einen Schriftsteller zu halten. Als ich noch jünger war und alles Mögliche aus der Bücherei entliehen und angelesen habe, gab ich ihm wieder und wieder, Buch um Buch, Chancen mir nahezukommen und mir zu eröffnen, warum er ein von den Kritikern interessiert besprochener Autor ist, der eine treue Leserschaft sein eigen nennen kann. Allein, es wollte und will mir nicht einleuchten, was an Walsers hohlem Geraune und omphaloskopischen Wortgepopel so ehrfurchtseinflößend, ja wenn schon nicht das, dann wenigstens anregend und kurzweilig sein soll.

Völlig konsterniert mich dann schließlich, dass die als Reden und Essays unters Volk geblasenen Gedankenkringel Walsers über Heimat, Geschichte und in letzter Zeit GOtt, Glaube und Rechtfertigung auf mehr treffen als Gelächter und Abwinkgesten.

Falsche Hugo Award-Kategorien

Der ›Hugo Award‹ gehört zu den bekanntesten, ältesten, wichtigsten und wohl auch zu den angeseheneren Preisen für Science Fiction-Literatur (& Filme). — Gestern hatte ich nach der Arbeit ca. drei Stunden lang meinen Spaß (fett!) mit dem Lesen, Favoritisieren, Retweeten & Selber-Schreiben von Tweets zu dem Stichwort (= ›hashtag‹) ›Falsche Hugo-Award-Kategorien‹ (#FakeHugoAwardCategories), auf das ich ich durch einen Tweet von Matt Ruff gestolpert bin:

Best Use of Cover Art to Alienate Potential Readers.
Beste Verwendung der Umschlags-/Titelbildgestaltung zur Befremdung von potentiellen LesernLink

Hier nun meine Beiträge (ursprünglich auf Englisch geschrieben, von mir selbst übersetzt. Hoffentlich um alle Flüchgtiekitzfehler breenigit):

  • The ›Háček‹ = fantastic exotism by way of using typography and/or spelling-Award. #FakeHugoAwardCategories #WineStainsTabaccoCrumbsOnManuscript ••• Der ›Háček‹ = Bester Einsatz von Typographie und/oder Schreibung zur Erzeugung von Phantastik-Exotismen. #FalscheHugoAwardKategorien #WeinFleckenTabackKrümelAufManuskript
  • Best techno babble rephrasing of traditional spirituality/religion. ••• Bester Neuaufguss traditionaller spiritueller/religiöser Konzepte mit Hilfe von Technobabbel.
  • Award for biggest pile of worldbuilding exposition without payoff. ••• Preis für größte Anhäufung von Weltenbau-Exposition, die sich nicht auszahlt.
  • Best approximation of naturalist/realistic literature (Flaubert, Zola ect) in a Space Opera setting. ••• Beste Annäherung naturalistisch-realistischer Literaturtradition (Flaubert, Zola usw.) mit einer Weltraumabenteuer-Szenerie.
  • Best stand alone novel so dense other writers would’ve made at least a trilogy out. ••• Bester abgeschlossener Einzelroman, der so prall ist, dass andere Autoren mindestens eine Trilogie daraus gemacht hätten.
  • Best story that represents the middleground between John Norman and Samuel R. Delany. ••• Preis für die Geschichte, die sich am besten der Mitte zwischen John Norman und Samuel R. Delany annähert.
  • Most daring use of onomatopoetic words in a totally serious context. ••• Gewagteste Verwendung onomatopoetischer Wörter in einem völlig ernst gemeinten Zusammenhang.
  • Best appendix and/or glossary that is way more intriguing than the story itself. ••• Bester Anhang und/oder Glossar, die um ‘ne ganze Ecke interessanter sind als die Geschichte selbst.
  • Special Classicist-Revival-Trophy for first 21-century-SF-epic actually written in hexameters. ••• Klassizismus-Sondertrophäe für das erste SF-Epos des 21sten Jahrhunderts, das tatsächlich in Hexametern geschrieben wurde.
  • Most mindboggling Rube Goldberg machine like plot just for the fun to describe stuff going BOOOM! ••• Preis für die abgefahrenste Rube Goldberg-Maschinen-artige Handlung die zu nichts anderem dient, als zu beschreiben, wie Zeugs in die Luft fliegt.
  • Best poetic appreciation of nature incorporated in a story about cosmological horror. ••• Schönste poetische Natur-Wertschätzung im Rahmen einer Geschichte über das kosmologische Grauen.
  • Most effective meme bomb that causes readers to forsake all mundane trappings & become a (deadly) hermit. ••• Wirkungsvollste Meme-Granate, die ihre Leser dazu bringt, alle weltlichen Verstrickungen hinter sich zu lassen, um ein (tödlicher) Einsiedler zu werden.
  • Best SF-homage to classic philosophical dialogues (aka »Anathem«-Award). ••• Beste Science Fiction-Würdigung der Form des klassischen philosophischen Dialoges (auch bekannt als: »Anathem«-Preis).
  • Most sensitive failing of Bechdel test. ••• Für das empfindsamste Scheitern des Bechdel-Tests.
  • Best skiping at least 1000 years halfway through the story-Award. ••• Bestes Überspringen von mindestens 1000 Jahren mitten in der Handlung.
  • Best intimidation of editor to spineless coward-Award. ••• Beste Einschüchterung seines Lektors zu einem rückgratlosen Feigling.
  • Best follower of the suggestions made by PR- & Consumer Research-Office-Award. ••• Bestes Befolgen der ›Anregungen‹ von PR- & Marktforschungs-Abteilungen.
  • The Joseph Campbell Monomyth Bullsh*t Bingo-Award. ••• Der Joseph Campbell-Monomythos-Schwirrwort-Bingo-Kacke-Preis.
  • The Gibbon-Asimov-Award for best remaking of literary classic into a SF story. ••• Der Gibbon-Asimov-Preis für den besten Wiederaufguss eines literarischen Klassikers als SF-Geschichte.
  • Most courageous utilization of deus ex machina after having written story into a cul de sac. ••• Mutigster Einsatz eines deus es machina, nachdem man sich mit der Geschichte in die Ecke geschrieben hat.
  • Best application of irony to hide the fact that author is a cynical square. ••• Beste Verwendung von Ironie um zu verbergen, dass der Autor ein zynischer Spießer ist.

Grenzübergang 2012 / 2013

Es ist wieder soweit: Hier der Jahresrückblick meiner Lese-, Glotz- & Lausch-Glanzlichter.

Gut Buch (Prosa)
Erstmal: Ich werde mich bei dieser Liste auf jene Titel beschränken, denen ich auf meiner 2012-Goodreads-Seite vier oder fünf Sterne gegeben habe (was aber nicht bedeutet, dass die dort von mir mit ›nur‹ drei Sternen bewerteten Sachen lau sind … ich habe seit Jahren nix mehr gelesen, was ich richtig schlecht oder auch nur seicht & langweilig fand, weshalb meine Qualitätsmaßstabe mittlerweile wohl etwas verzerrt sind).

Dann: Muss ich bei der Reichskulturkammer dafür Abbitte leisten 2012 keine deutsche Prosa gelesen zu haben (hab zwar zig Texte im Buchladen oder im Netz angelesen, von denen konnte mich jedoch keiner verführen).

  • »The Mirage« von Matt Ruff: ›IX.IX.‹ und ›War on Terror‹ auf den Kopf gestellt, in einer Alternativwelt, die irgendwann zur Zeit des Ottomanischen Reiches von unserer Realwelt abzweigte. Ruff beweist wieder einmal, dass er einer der besten derzeit schreibenden Weltenbauer ist, wenn er durchspielt, wie es wäre, wenn der arabisch-islamische (angeführt von den UAS = United Arab States) und der euro-nordamerikanisch-christliche Kulturraum (unser Hegemon sind ja die USA) ihre weltgeschichtlichen Rollen tauschen würden. — Großartig, wie die erzählenden Kapitel ergänzt werden durch Einträge der ›Library of Alexandria‹, dem Wiki dieser Alternativwelt. Viel Gelegenheit für Denkanregungen und Popkultur-Witzelein. — Doll fand ich, wie eigentlich immer bei Ruff, die große Bandbreite an Stimmungen und Themen. Da gibts Humor, Thrillerspannng, grandiose Äktionsequenzen, politische Satire, berührende familiäre Geschichten und nicht zuletzt geheimnisvolle Fantasy-Magie.
  • »Angelmaker« von Nick Harkaway: Auch der zweite Roman (nach »The Gone-Away World«) von Nick rockt voll Pulle. Seine Virtuosität der Abschweifung entzückt mich, ebenso die Bandbreite der Stimmungen und Themen seiner ›Existenzialismus-Pulp‹-Romane. Hier müssen sich der nach Ruhe & Normalität sehnende Sohn eines legendären Londoner Gangsters und eine betagte Superspionin samt knorzigen Köter in einem apokalyptischen Plot gegen einen nach Apotheose gierenden Finsterling bewähren. Enthält neben vielem anderen eine wunderbare Verbeugung vor der ›Craftmanship‹-Ethik von John Rushkin; eine der pfiffigsten Sex-Szenen, die ich seit einiger Zeit gelesen habe; sowie Elephanten-Rachengel, U-Boot- & Eisenbahnabenteuer, apokalyptische Uhrwerk-Bienen, und eine wuchtige Hymne, wie geil es ist, mit einer Tommy-Gun alles kurz und klein zu ballern.
  • »Year Zero« von Rob Reid: Als Hörbuch genossen und reichlich geschmunzelt und gelacht. Kommt 2013 mit extrem doofem Cover unter dem Titel »Galaxy Tunes®« als Heyne-Taschenbuch zu uns. Begeistert hat mich, wie es Rob Reid (als ›listen.com‹-Gründer und Internet-Unternehmer hat der Mann einfach Ahnung) gelingt, die Themen Urheber- & Lizenzrecht, also trockenes Juristen-Mumbo-Jumbo, in Form einer satirischen SF-Klamotte durchzuschütteln (nebst vielen trefflichen Späßchen auf Kosten der Popkultur und des Zeitgeschehens). — Für Musikfans die auch Science Fiction mögen eigentlich ein Muss!
  • »Railsea« von China Mieville: Es zeichnet sich der Trend ab, dass Miéville bei seinen Büchern für junge Leser (dessen zweiter »Railsea« nach »Un Lun Don« ist) ungezügelter drauflos-abenteuert und -fabuliert, als bei seinen Stoffen für Erwachsene. Was als staunensreich-verquere Homage auf Melvilles »Moby Dick« anhebt (fanatische Kapitänin einer Jagdtmanschaft stellt mit Eisenbahn im Schienenmeer einem gigantischen fahlem Maulwurf nach) entwickelt sich zu einer wendungsreichen Meditation über die Natur des Erzählens, die Ethik von Besessenheiten und die Rechnungen, die einem für das Verfolgen von Wachsumsideologien präsentiert wird.
  • »Alif the Unseen« von G. Willow Wilson: Lange <a href="molochronik.antville.org" target=_blank">Rezension gibt’s hier — Kurzfassung: Gelungene & durch Engagement glänzende Mischung aus ›Urban Fantasy‹, hAcktivim-Thriller, Bürgerrechts-Panorama und Liebesgeschichte. Wenn dieser Roman nicht fluggs von einem deutschen Verlag aufgegriffen wird, ist das ein gleissendes Zeichen dafür, dass die Programmgestalter dort einfach null Ahnung haben.
  • Desweiteren kann ich als lesenswert empfehlen (bzw. dazu raten, nach den event. noch erscheindenden deutschen Übersetzungen Ausschau zu halten):
    »The Folly of the World« von Jesse Bullington: Nach »The Sad Tale of the Brothers Grossbart« und »The Enterprise of Death« der dritte Roman von Bullington. Ein schwules Verbrächerpärchen – ein ab & zu halluzinierender Schlagmichtot und ein skrupellose Pläne schmiedender Edelmann-Bastard – machen sich mit einem halbwilden Meisterschwimmer-Mädel auf, sich fette Beute zu ergaunern. Bullington traut sich Finten und Wendungen auszuführen, wie nur wenige. Im Mittelteil etwas planlos, aber als Ganzes sehr stimmungsvoll, sprachlich von großer Wucht (wo’s derb ist) und Schönheit (wo’s z.B. um das Setting geht, die überschwemmten Niederlande des 15. Jahrhunderts).
    »Soulless« von Gail Carringer: Einer meiner Ausflüge in das für mich sehr wundersame Genre der ›Vaginal Fantasy‹ (gepriesen sei Felicia Day für diesen nützlichen Genre-Begriff) und ich bin entzückt. Die Krimihandlung um Vampire, Werwölfe und ihre Gegener im viktorianischen England ist eher Stangenware und reichlich vorhersehbar, aber die stets für humorvolle Griffe bereite Sprache, sowie die stellenweise exzessiven Flirt- & Knutsch-Einlagen zwischen Heldin Alexia und Werwolfrudelführer Lord Maccon sind allererste Kajüte. — Muss unbedingt rumgranteln, dass die deutschte Übersetzung der Titel einfach nur furchtbar ist (ich muss dass hier einfach auflisten. Die englischen Titel der 5 Romane der ›Parasol Protectorate‹-Reihe heissen: 1. »Soulless«; 2. »Changeless«; 3. »Blameless«; 4. »Heartless«; 5. »Timeless«. Und daraus wurde auf Deutsch: 1. »Glühende Dunkelheit«; 2. »Brennende Finsternis«; 3. »Entflammte Nacht«; 4. »Feurige Schatten«; 5. »Sengendes Licht«) und dass die deutschen Coverbilder auch nicht sooo der Hit sind. — Ach ja: Dank an Ju für den Tipp!
    ›Acacia‹-Trilogy von David Anthony Durham (1. »The War With The Mein«; 2. »The Other Lands«; 3. »The Sacred Band«): Große Polit-Fabel auf Sklaverei, Rohstoffabhägigkeit, die Fragwürdigkeit ›gerechter Kriege‹, Völkerverständigung, Machterhalt und Bevölkerungsunterwerfung und nicht zuletzt darüber, die wie Kommerzfürsten alle gegeneinander ausspielen und bescheissen. Hätte durchaus noch einen Lektoratdurchgang vertragen können, denn teilweise is datt Janze ein bisschen sentimental, und mir sind in der englischen Originalfassung einige ungeschickte Wortwiederholungen aufgefallen. Dennoch: tolle, ›fast klassische‹ Fantasywelt, die den Mumm zeigt, so mancher Routine vors Schienbein zu treten und mit vielen Details gewohnte Klischees geistreich umzukrempeln (vor allem was Geschlechterrollen, Rassen & Kulturen betrifft). Dadurch z.B. einige sehr interessante weibliche Hauptfiguren. Mit Magie und Zauberwesen geht’s erst ab Band zwei so richtig los, dann aber mit Wumms (wo gekämpft wird) & allerliebst (wenn z.B. wunderschöne Vogelechsen-Drachen gezähmt werden und die dann auch noch Eier legen). — Nochmal »Mercie!« an Gero für seine Empfehlung auf dem Dreieich-Con 2012!
    »John Saturnall’s Feast« und »The Pope’s Rhinocerous« von Lawrence Norfolk: Hier geht es zur ausführlichen Rezension von »Ein Rhinozeros für den Papst«. Dauerte ›nur‹ ca. 16 Jahre gedauert, mich durch dieses reichlich vertrackt geschriebene Renaissance-Abenteuer zu kämpfen, hat sich aber dicke gelohnt. — »Das Festmahl des John Saturnall« ist der bisher zugänglichste Roman von Norfolk, auch weil er sich immer wieder eines etwas märchenhaften Duktus bedient (und die Stimmung hat mich streckenweise entfernt an Mervyn Peakes »Gormenghast« erinnert), bzw. Fantasy-Flair aufkommen lässt. Mit den Wirren der Cromwell-Zeit als Hintergrund wird der Aufstieg des Sohns einer Kräuterfrau/Hexe zum angesehensten Koch seiner Ära geschildert. Sehr gefallen hat mir die Behandlung von protestatischem Glaubens-Eifer und der Überlieferung von (römischer) Geschichte in Form von Legenden, bzw. wie sich Biblisches und Heidnisches in Legenden mixen zu neuen Rezepten können. Zudem ein feines Stück über Arbeit, in diesem Fall vor allem natürlich der, die in der Küche anfällt. Und die Liebesgeschichte geht auch ans Herz.
    ›Millenium‹-Trilogy von Stieg Larsson (1. »The Girl With The Dragon Tattoo«; 2. »The Girl Who Played With Fire«; 3. »The Girl Who Kicked The Hornet’s Nest«): Wenn das Ex- & Hopp-Mainstream-Unterhaltungsliteratur ist, dann gerne her damit, bzw, dann kann’s um den Geschmack ›der gemeinen Massen‹ sooo schlimm nicht bestellt sein. Selten hab ich dicke Dinger derart flott weggefräst. Nicht nur, dass Larsson mit Lisbet Salander eine atemberaubende soziopathisch angehauchte, ›Opfer schlägt zurück‹-AntiHeldin geschaffen hat, mir taugen auch seine Themen und seine Politik (AntiFa, AntiSexismus, Anti-Frauenhandel, Kritik an Selbstermächtigung von Geheimdiensten usw.).
    ›Raylan Givens‹-Geschichten von Elmore Leonard (Romane: »Pronto«, »Riding The Rap«; Kurzgeschichte: »Fire In The Hole«): Die TV-Serie »Justified« hat mich überzeugt, und da habe ich mir die Vorlagen besorgt. Leonards sparsame aber hocheffektvolle Prosa ist respektgebietend (Genial simpler Rat für alle Autoren, und ich fände es spannend, wenn sich mehr Fantasy-Schöpfer davon anregen ließen: »Lass die Stellen weg, welche von Lesern übersprungen werden«). Und schön zu sehen, wie fein sich Western-Athmo in die heutige Welt übertragen lässt. Bleibt zu beklagen, wie kümmerlich die Auswahl deutscher Leonard-Ausghaben ist, aber immerhin scheint sich nun Suhrkamp kümmern zu wollen (dort erschient 2013 der dritte Raylan-Roman, der einfach nur »Raylan« heißt, den ich auch noch nicht kenne).
    »Dog Of the South« von Charles Portis: Hingerissen von »True Gritt« habe ich mir alle anderen vier Romane von Portis besorgt. Dieser hier ist ein schräges ›Road Movie‹. Selten fand ich es so spannend, wenn geschildert wird, wie nix passiert, denn selbst dann weiß dieser Roman mit einer eigenartigen Mischung aus trockenem Humor, cooler Exzentrik, Melancholie und schierem Aberwitz zu überzeugen.
    »The Coldest War« von Ian Tregilis: Vielleicht noch besser als »Bitter Seeds«, der erste Band der ›Milkweed‹-Trio. Der zweite Weltkrieg ist vorbei, nun geht’s in die frühen Jahre des Kalten Krieges mit englischen Blutdämonen-Beschwörern gegen sowietische Götterelektron-Übermenschen. Hut ab vor einer beeindruckenden Orakel-Antagonistin, bzw. zwielichtigen Helferin auf der Seite der Guten, die aber leider so irre & unberechenbar ist, dass weder Leser noch Romanfiguren sich sicher sein können mit ihr. Viel Tragik, die Äktschn ist packend inszeniert. Erfreulich reif und berührend für diese Art grimmer Genre-Garn. Ich freu mich sehr auf den Abschlussband »Necessery Evil« 2013.
    »The Half-Made World« von Felix Gilman: Der Wilden Westen ist m.E. eine vorzügliche Fundgrube für Fantasywelten und Gilman formt aus zwei der kräftigsten Symbole der Epoche/des Genres die tragenden Säulen seines Weltenbaus. Es stehen sich gegenüber: die Heerscharen an Beamten & Soldaten von ›the Line‹ (dämonischen Eisenbahnmaschinen; verbreiten Industrie, Ordnung, Ausbeutung, Pharmazie; süchtig nach Treibstoff) und die Draufgänger-Banditen von ›the Gun‹ (über den Raum hinweg in Feuer-Beschwörungen konferierende Dämonen, die in Pistolen hausen und deren Träger Superkräfte verleihen; allesamt ziemlich anachrische und bluthungrige Knilche und Knilchinnen). Zwischen den Fronten haben einst die Leute von der Red Valley Republic versucht, einen dritten Weg zu finden, wurden aber aufgerieben. — Freut mich zu sehen, dass es mittlerweile einen weiteren Roman von Gilman gibt (»The Rise of Ransom City«), der in dieser Welt angesiedelt ist, und dass dieser anscheinend ähnlich wie bei Miévilles ›Bas-Lag‹-Büchern sowohl als Fortsetzung als auch als Einzelroman funktioniert.

Gut Buch (Sach)

  • »Der Implex« von Dietmar Dath & Barbara Kirchner: Richtig dick, famose Herausforderung. Bin sicherlich ein gutes Stück zu dumm, bzw. zu ungebildet, was einige der Geistesgrößen betrifft, über die im Buch desöfteren referiert wird. Dennoch doll, vor allem dank reichlicher Beachtung der Phantastik als wichtige Sache für den sozialen Fortschrift.
  • »Combined & Uneven Apocalypse: Luciferian Marxism« von Evan Calder Williams: Anhand von Filmen und anderen populären Medienwerken seit den 60ern/70ern bis heute untersucht der Autor, welche Erkenntnisse/Offenbarungen diese bieten bzgl. des Untergangs des Kapitalismus, sowie was danach kommt. Besonderes Augenmerk gilt dem sogenannten ›Salvagepunk‹ (mehr dazu hier unter Punkt 5), dem modernen Zombie-Mythos, sowie ruinöser Stadtlandschaften der dystopisch-apokalyptischen Science Fiction. Kurz: ein richtig knuffiges Gute Laune-Buch für stoisch-misantrophische Optimisten wie mich.

Gut Comic

  • »Dragonball« von Akira Toriyama: Bin ich froh, dass mein neuer junger Brotjobkollege M. W. mir mehrmals in höchsten Tönen dieses 8000-Seiten-Manga empfohlen hat, bis ich zustimmte, er solle mir ruhig mal die ersten 5 (von 42) Bänden mitbringen, damit ich reinlesen kann. In vielerlei Hinsicht vielleicht die irrste, aufregenste, spassigste, süchtigmachenste & äktschnreichste Lektüre seit ich weiß nicht wann für mich. Zwar gibt es eine längere Strecke, die ein klein wenig eintönig ist, aber die Eintönigkeit besteht aus langen immer krasseren Mega-Kampf-Szenen die sich über mehrere hundert Seiten erstrecken ... also eigentlich kein schwerwiegender Minuspunkt. Ganz großartig immer die Slapstick-Humor-Einlagen; grandios die ausführlichen Kampfkunst-Tuniere; vom Stuhl gefallen bin ich über die ungezügelt niedlichen sexistischen Witzelein vor allem in den frühen Bänden (»Ich wünsche mir: eine Mädchenunterhose!«). Wahrlich: »Dragonball« ist ein fetziger Klassiker, und ich freue mich schon darauf, ihn ein zweites Mal wegzuschlürfen.
  • »Die Besten Feinde« (Teil 1: 1783 bis 1953) von Jean-Pierre Filiu (Text) & David B. (Zeichnung): Diese Franzosen! Machen eine Sach-Graphic Novel in schwarz-weiß über die außenpolitischen Macheleukes der USA im Orient, reichern das ganze mit babylonischen Mythen an und veranschaulichen die diplomatisch-militären Knäul anhand surrealer Bildkompositionen. Da bleibt mir nur, mich auf Band 2 zu freuen.
  • »DMZ« von Brian Wood (Autor) & diversen Künstlern: Hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Matt Ruffs »The Mirage«, insofern, als dass auch hier ein Alternativweltenbau geschildert wird, in dem die zeitgenössischen USA in einen neuen Bürgerkrieg gestürtzt sind und in dem New York als von Krisennarben & Kriegsgreul gebeutelte entmilitarisierte Zone portraitiert wird. Meisterhaft fand ich, wie Wood und sein Team zuerst Fronten und Parteien gegeneinander aufzustellen, um dann immer mehr die Grenzen zwischen Gut und Böse mit viel moralischen und tragischen Grau-Grau zu verschmieren.
  • »Shenzhen« und »Pyongyang« von Guy Delisle: Eine Empfehlung von Andrea, für die ich sehr dankbar bin. Vordergründig eine Sammlung simpler autobiographischer Skizzen eines Franzosen, der zwecks seines Jobs für ein Animationsstudio in der Fremde die billigen Produktionskräfte beaufsichtigt. Mit großem Beobachtungs- & Erzähl-Können, kraftvollen einfach gehaltenen Zeichnung beschenkten die Bände mich mit einem Potpourrie kleiner Alltagsfreuen- & Absurditäten, menschlich anrührenden Momenten ... kurz: eine effektvolle Mischung aus Humor, Melancholie und Posie.

Gut Mukke

  • »Theatre Is Evil« von Amanda Palmer: Endlich wieder ein Album von Frau Palmer auf der Höhe ihres Meisterwerkes »Who Killed Amanda Palmer?«. Kantik, pompös, melodiös, theatralisch, rau, melancholisch. Lieblingssongs: »The Killing Type« und »Want It Back«.
  • »Lightning On The String, Thunder On The Mic« und »Rappalachia«von Gangstagrass: Noch eine Anregung durch die TV-Serie »Justified«, für die Gangstagrass die Titelmusik geliefert hat. Warum hat es so lange gedauert, bis jemand auf die Idee kam Rap und Country/Bluegrass miteinander zu verkuppeln. Lieblingssong: »Big Branch« feat. Tomasia.
  • »Who Is Feeling Young Now?« von Punch Brothers: Was für die Veredelung der heimischen Volks- & Tanzbodnmusik die Biermösl Blosn ist, das leisten die Punch Brothers bezüglich des reichen Deltas, in dem Country, Folk, Bluegrass, Polka, Rock und was nicht noch alles münden. Lieblingssong: die Ballade <a href="www.youtube.com" target=_blank">»Clara« und das überfetzige Instrumentalstück »Flippen«.
  • Ebenfalls großartig fand ich den »Assassins Creed III«-Spiele-Soundtrack von Lorne Balfe (stimmungsvoller Orchestral-Bombast aus der Hans Zimmer-Schule), sowie die Filmmusik zu »The Girl With the Dragon Tattoo« von Trent Reznor & Atticus Ross (experimenteller & sperriger als der im letzten Grenzübergang empfohlene Soundtrack zu »The Social Network«, aber ideal für kalte Tage).

Gut Film/Serie
Kinners, war das ein reichhaltiges Phantastik-Filmjahr! Vielleicht wird man einmal auf 2012 zurückblicken wie auf das ›Annus mirabilis‹ 1982. Ich führe die Filme hier ungefähr in der Folge auf, in der ich sie gesehen habe, bis auf den ersten, denn …

  • »The Cabin in the Woods« ist mein Lieblingsstreifen des Jahres. Locker, spritzig, stimmungsvoll, mit so dollen doppelbödigen Grundgerüst, dass man noch nicht mal die ersten 5 Minuten erzählen kann, ohne jenen, die nicht Bescheid wissen, den Spaß gehörig zu versemmeln. Selbst wenn der Film luschig wäre, enthält er eine der überwältigsten Großgemetzel-Szenen der mir bekannten Filmgeschichte (ich sag nur: alle Türen gehen auf).
  • »The Girl With The Dragon Tattoo«, die David Fincher-Fassung. Ich finde schon die schwedische TV-Version sehr fein, aber Finchers exzellente Ausführung setzt nochmal einen drauf. Zudem muss ich zugeben, dass mir Maras komplexere Lisbet-Darstellung einen Tacken mehr taugt, als Rapaces herbere Interpretation der Figur.
  • »War Horse«: Wie schieb ich letztes Jahr anhand von »Tim & Struppi«? Spielberg hat’s noch immer druff! Natürlich ist »War Horse« derart gnadenlos rührselig (auf eine allerdings knuffig-altmodische Weise), dass alles zu spät ist, was mir aber den ungewöhnlichen Reiz dieses ›Erster Weltkrieg aus Sicht eines Pferdes‹-Films nicht versauen kann.
  • »Downton Abbey« Staffeln 1-3: Nachdem mehrere Mädels mich immer wieder darauf hinwiesen, wie großartig diese Adels- & Dienstboten-Saga ist, habe auch ich sie endlich entdeckt. Schon ungeheuerlich, wie weit sich Autor Julian Fellows traut zu gehen, um dramatische Höhepunkte rauszukitzeln. Wenn hier gestorben wird, räumt einen das richtig heftig weg. Da bleibt kein Auge trocken. Hier geht es zu einem exzellenten Lob auf die Serie von Andrea Diener für die F.A.Z.
  • »Mad Men« Staffeln 1-5: Ja gugge mal da! Die Amis können also auch subtil, ruhig & auf leise humorige Weise kritisch mit ihren eigenen goldenen Zeitaltern & Milieus sein. Für mich das beste an der Serie: die gnadenlose Autopsie der affigen Selbstverherrlichung von Männchen, sowie das Ringen der Frauen im Egotrip-Grabenkrieg der Werbeagentur und deren Umfeld.
  • »The Avengers«: Marvel-Comics sind mir ziemlich Wurscht, und die verschiedenen in diesem Film mündenden Vorläuferfilme über die einzelnen Helden fand ich zwar kurzweilig von ›ganz nett‹ (»Thor«, »Iron Man 2«) bis ›erstaunlich okey‹ (»Hulk« mit Edward Norton, »Iron Man 1« & »Captain America«), aber nicht sooo umwerfend wie manch anderer Superhelden-Sympathisant. Auch wenn »The Avengers« nicht vollkommen perfekt ist, macht er viel mehr richtig als falsch, und schafft es ergo locker, meinen fast schon verkümmerten Glauben an das große Popcorn-Sommerblockbusterspektakel wieder zu beleben.
  • »Skyfall«: Hier geht zu meiner ausführlichen Rezension zu diesem ›Bond goes Potter‹-Film.
  • »The Hobbit: An Unexpected Journey«: Ist es hochproblematisch aus dem schmalen Kinderbuch unter Anzapfung von Zeugs aus »Silmarillion«, »Unfinished Tales« & »History of Middle-earth« eine dreiteilige Filmflotte zu machen? Geschenkt. Ich finde, die Angleichung der ursprünglich unbedarfteren, kindlicheren »Hobbit«-Geschichte an den schicksalsgeschwängerten, düster-epischer Ton von »Der Herr der Ringe« ist überwiegend gut gelungen. Nach zweimaligen Begutachten im Kino bin ich sogar der Meinung, dass dieser erste »Hobbit«-Film besser ist, als die erste »LOTR«-Kinoversion vor 10 Jahren.
  • »Dredd 3D«: Endlich haben wir einen Film-Judge Dredd, der dem englischen Comic-Klassiker gerecht wird. So ehrlich und geradeaus, wie ein Tritt in die Fresse. Schön zu sehen, dass es noch möglich ist, gut gemachten Brutalo-Krawumms mit Niveau serviert zu bekommen.
  • »Coupled«, BBC-Serie: Empfehlenswert für alle, denen »Friends« zu zahm & süßlich ist. Vor allem die später durch »Leverage« international bekannter gewordene Gina Bellman brilliert als durchgeknallte Narzissa-Nudel.
  • »American Horror Story«, Staffel 1: Großer Dank an Markus Pogopuschel für diesen Tipp! Statt eines ersehnten freidvollen Neuanfangs nach Umzug von Ost- an Westküste, gibts für eine dreiköpfige Familie verschachtelten Gespensterhorror und reichlich spinnerte Nachbarn. Ganz groß, wie mit einem Minimum am Blut und Gewalt ganz viel Gänsehaut verursacht wird.
  • »Brows Held High: ›Melancholia‹«: Ja wirklich, diese zweiteilige Video-Besprechung über Lars van Triers Film finde ich so gut, dass ich sie zu den besten Filmen des Jahres zähle. Immerhin: Kyle Kallgren gelingt es angemessen ernst und gehaltvoll über das Tabu-Thema des Filmes (Depression) zu sprechen und dennoch gekonnt mit dem nötigen, weil schmackhaft machenden Humor, aufzuwarten. Also, Cinephile, überzeugt Euch: Hier geht’s zu Teil eins und hier zu Teil zwei.
  • Kurze Erwähnungen haben auch verdient (ohne besondere Reihenfolge):
    »Cloud Atlas«: Bei soviel Ambition knickt natürlich so manches als albern und naiv vorn & hint runter. Trotzdem eine beeindruckende Leistung und ein großer Guck-Spaß.
    »Prometheus«: Die beste herbe Enttäuschung. Doofes Drehbuch, aber sehr schöne Bilder und brauchbare Stimmung. Die Kommentartonspuren von Regie & Drehbuch-Leuz auf der Blue Ray geben erhellende Einblicke in die Werdegänge beknackter Entscheidungen. Herr Scott, beim nächsten großen Genre-Flick bitte genauso viel Sorgfalt, Sensibiliät und Hirnschmalz ins Drehbuch investieren wie ins Design, versprochen? Dann klapps auch mit der Fan-Base.
    »Looper«: Science Fiction ist ein wunderbares Vehikel um dem nichts ahnenden Spektakel-Publikum unbequeme moralische Botschaften reinzuwürgen. Bravo!
    »Chronicle«: Siehe »Looper«, plus ich wähne hier nicht wenig Verbeugung vor einem meiner Lieblings-Klassiker der Supermutanten-SF (»Akira«). Zudem ein überzeugendes Beispiel, dass sich aus Wackelkamera & Found Footage durchaus Brauchbares machen lässt.
    »Juno«: Lustig, knuffig, schräg. Hach ... Ellen Page ist einfach unvergleichlich.
    »The Hunger Games« (Teil 1): Große Überraschung für mich, denn ich dachte eingangs, dass »The Hunger Games« auch nur so’n Young Adult/Mädchen-Schmu ist, wie die »Twillight«-Filmchen oder lahme Enten wie »I Am Number Four«, aber ich bin gebafft, wie gut diese erstaunlich harte Geschichte umgesetzt wurde. Gebt mir jederzeit medien- und sozialkritische Dystopie-Science Fiction in der sich Kiddies zur Bespaßung bzw. Einschüchterung der Massen gegenseitig abmurksen. Hab mittlerweile innerhalb von zwei Tagen auch das erste Buch von Suzanne Collins verschlungen und für vorzüglich befunden.
    »A Wyrd Documentary: Lovecraft – Fear of the Unkown«: Lebende Genre-Größen & Kenner wie Guillermo del Toro, Neil Gaiman, John Carpenter, Peter Straub, Caitlin R. Kiernan, Ramsey Campbell, Stuart Gordon, S. T. Joshi, Robert M. Price und Andrew Migliore plaudern über den Papst der Weird Fiction, des Horrors & der Dark Fantasy, unterlegt mit viel Bildmaterial der edelsten Lovecraft-Illustratoren.

Beste / Schlimmste Momente

  • Seit April 2008, angeschafft zum Erscheinen von »GTA IV«, habe ich eine PS3, und bis vor kurzem spielte ich auf einem furznormalen Monitor, also mit Popelauflösung. Schimpft mich einen matten kleinen daddel-geilen Materialisten, aber ich freue mich narrisch über einen HDMI-fährigen PC-Monitor, der mir für umme überlassen wurde.
  • Zweimal Golkonda-Freude: a) Der von mir übersetzte Band mit Kurzgeschichten von Ted Chiang, »Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes«, hat zwar nicht sooo viele, dafür aber ausnahmslos wohlwollende, ja sogar begeisterte Rezensionen für sich verbuchen können, und wurde in Foren von SF-Fan- und SF-Netzwerk von einigen Lesern als ein Lieblingsbuch des Jahres erwähnt. — b) Die erste Hellboy-Anthologie aus dem Jahre 1999, »Odd Jobs«, ist endlich auf Deutsch unter dem Titel »Die Rache der Medusa« erschienen, und als Hellboy-Fan war es für mich freilich Übertop, dass ich die hälfte der Übersetzungsarbeit übernehmen durfte.
  • Bruder Hein grient: Aufsichts-Kollegin ist auf dem Weg zum Arzt auf der Straße tot umgefallen.
  • Frust: Zusagen werden nicht eingehalten. Da macht Loyalität nicht so viel Spaß.
  • Scham: Um Gefallen gebeten, der sich zu krasser Zumutung entwickelte.

Ray Bradbury

Dauert nicht mehr lange, und es erscheint Ausgabe 24 von »SF-Personality« im Shayol Verlag Berlin. Es war schon seit längerem geplant, dass dieser Band sich Ray Bradbury widmen wird. Der traurige Zufall wollte es, dass Bradbury im Sommer dieses Jahres verstarb, und Band 24 von SFP somit eine höhere Relevanz aufgebürdet wurde. Was ich so aus der Werkstatt höre, wird es die bisher umfangreichste Ausgabe.

Hier aber mein Autorenportrait für das Cover:
Ray Bradbury

G. Willow Wilson: »Alif the Unseen«, oder: Urban Oriental Fantasy trifft auf Computer-Thriller

Habe »Alif the Unseen« als eBook gelesen, nachdem unter anderem Matt Ruff den Roman in seinem Blog empfohlen hat. Nach zwei stilistisch und strukturell ziemlich bis sehr anspruchsvollen Romanen (»John Saturnall’s Feast« und »The Pope’s Rhinoceros« von Lawrence Norfolk) war »Alif the Unseen« eine willkommene Abwechslung. Sprachlich klar und locker erzählt bleibt die Erzählerperspektive immer in der Nähe der Hauptfigur, Alif, einem Hacker in einem fiktiven Stadtstaat am Persischen Golf.

Alif bietet seine Hacker- und IT-Dienste allen an (egal ob Islamisten, Kommunisten, demokratischen Bürgerrechtlern ect.), die sich vor der staatlichen Überwachung des Emirates verstecken wollen. Nachdem seine große Liebe aus besseren Kreisen, Intisar, mit ihm Schluss machen muss/will, weil sie sich dem Druck ihrer Familie beugt, einen wohlhabenden und einflussreichen Mann zu heiraten, schreibt Alif ein mächtiges Programm, mit dem er sich für Intisar im Internet unsichtbar machen kann. Dieses Programm ist in der Lage, jede Person anhand ihrer Sprache und Art, wie sie auf der Tatstur schreibt zu erkennen, egal, mit welchem Zugang oder welcher Anmeldung sie sich im Netz bewegt. Fatalerweise kann sich der fieseste Überwachungsagent des Emirates, die ›Hand Gottes‹, dieses Programm aneignen und für seine Zwecke nutzen. Zudem lässt die verzweifelte Intisar Alif ein altes handgeschriebenes Buch zukommen, das der Legende nach als Gegenstück zu »1001 Nacht« von Djinns geschrieben wurde und mächtiges Geheimwissen enthält.

Bald schon befindet sich Alif zusammen mit seiner Nachbarschafts-Freundin Dina auf der Flucht vor der Sicherheitspolizei und der ›Hand Gottes‹ und stolpert dabei in eine magische Welt voller Djinns, Marids, Ifrits und anderen Wesen der arabischen Mytholgie. Dabei steht mehr als nur Alifs eigene Sicherheit auf dem Spiel, denn die ›Hand Gottes‹ ist dabei, sich zum allmächtigen und allwissenden Unterdrücker aufzuschwingen, vor dem sich niemand mehr weder ›In Real Life‹ noch im Internet verstecken kann, womit die letzten Reste an Handlungs- und Meinungs-Freiheit im Emirat zu verschwinden drohen .

In dreierlei Hinsicht finde ich diesen Romans ausserordentlich gelungen:

  1. Das große Geschick, mit dem die Autorin G. Willow Wilson moderne, städtische Fantasy (auch ›Urban Fantasy‹ genannt) mit orientalischem Hintergrund vermengt mit Aspekten des Computer- / Hacker-Thrillers. Atemberaubend z.B. eine Sequenz, in der Alif völlig in Trance vor lauter Programmieren auf Dämonen trifft.
  2. Gerade als Atheist bin ich immer erstmal skeptisch, wie Religion und Glaube in Fantasy-Werken behandelt werden. Aber ich kann nichts einwenden gegen die Art, wie in »Alif the Unseen« verschiedene spirituelle und religiöse Positionen aufeinandertreffen. Clever fand ich z.B. wie ein tiefgläubiger alter Imam, der sich mit der modernen IT- und Internetwelt null auskennt, die theoretischen Grundlagen von Quantencomputern dennoch nachzuvollziehen vermag, dank seiner Koran-Kenntnisse (jedes Wort hat 7000 Bedeutungen, die alle zugleich widerspruchsfrei gültig sind). — Die zum Islam konvertierte amerikanische Autorin G. Willow Wilson vermeidet es vorbildlich, ihre Leser bekehren zu wollen. Vielmehr versteht sie es zu zeigen, auf welch unterschiedliche Weise Gläubige und Ungläubige verschiedenster Ausprägung sich Fragen zum richtigen und falschen Handeln nähern, woran man die Stimme seines Gewissen erkennt, welche Haltung man gegenüber dem Unbekannten einnimmt, wie man Hoffnung schöpft.
  3. Enthält der Roman eine wunderbare Liebesgeschichte, die sich um Alif, Intisar und Dina dreht.

Allen Fantasy-Lesern zu empfehlen, die zum Beispiel Matt Ruff, Neil Gaiman oder Martin Millar mögen. Ich hoffe, ein deutscher Verlag wird dieses Buch bald für den deutschen Markt aufgreifen.

Supertoll: Auf der Website des britischen Verlegers Allan & Unwin gibt es Bonusmaterial zum Buch, u.a. Erklärung der wichtigsten Begriffe, Essay zu fünf verschiedenen Djinn-Arten, sowie die im Buch enthaltene Karte des Handlungsortes.

Und: G. Willow Wilson hat einen feinen Webauftritt.

Hier noch ein Interview mit der Autorin bei ›Well Read‹:

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G. Willow Wilson: »Alif the Unseen«, Englische gebundene Ausgabe bei Grove/Atlantic 2012; 320 Seiten mit Karte; ISBN: 0802120202.
Taschenbuchausgabe bei Corbus Books, 432 Seiten; ISBN: 0857895672.
Auch als eBook erhältlich.

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