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Samstag, 16. Januar 2010
geschrieben von molosovsky, am: Samstag, 16. Jan. 2010
Eintrag No. 604 — Unsortierte Gedanken die in meinem Hirn herumschwirren, seit ich die Uffegung über deutsche Fantasy im »Reality Sucks«-Blog entdeckt und kommentiert habe.

Dem Tenor der dortigen Klage stimme zwar zu (die hiesige Fantasy ist vergleichsweise mau, denn es gibt keine Tradition auf die man bauen könne), auch wenn ich in den Kommentaren relativiere (gibt wohl eine Tradition an fantasyartiger deutscher Phantastik, nur baut man eben zu wenig darauf).

Bereits geäußert habe ich den Verdacht, dass die neuere deutsche Fantasy, vor allem da wo sie erfolgreich ist, erstaunlich und zeihenswert wenig auf literarischem (Traditions-)Bewußtsein fußt, sondern ihre Mühlen vielmehr und nervigerweise überwiegend von Franchise- und Derivat-Strömungen antreiben läßt.

Am vielleicht meisten irritieren mich dabei die Mängel, dass Figuren und Weltenbau vieler Bücher heimischer Produktion geprägt sind von minderem Oberflächenglitzer, Posertum und dadurch die gerade für Phantastik so wichtige Glaubwürdigkeit der Handlung & des Weltenbaus schnell verlustig geht.

Zwei Beispiele aus Romanen von erfolgreichen deutschen Autoren. Um dem Verdacht vorzubeugen, dass ich nur hämisch vorzuführen will, lasse ich Titel und Namen ungenannt.
  • Eine mittelalterlich anmutende Fantasywelt. Ein Verurteiler wird bestraft, man sperrt ihn in einen Eisenkäfig in dem er verhungern soll. Das ist ja bekannt aus Spielen wie »Stronghold« oder Filmen wie »Der König der letzten Tage«. Da dient diese Art der Bestrafung dazu, die Bevölkerungsmoral zu zähmen, und durch Einstreichen einer Besichtigungsgebühr Gewinn zu machen. In dem Fantasyroman aber bringt man den Käfig in einen abgelegen Teil des Waldes, womit die ganze Aktion ihre gedachte Wirkung einbüßt. Noch dazu gäbe es in dieser Fantasy-Welt eine billige Möglichkeit für Rohstoffgauner an Metall zu kommen.
  • Eine Alternativwelt-Version der 1920er-Jahre mit Fabelwesen und Magie. Im fernen Asien hat ein Tyrann in großer Berghöhe eine Palastfestung, vollgestopft ist mit wertvollem Zeug. Darunter auch ein Gemälde von Caspar David Friedrich. Der Roman erwähnt, dass es kalt ist (es ist Januar) und die Bediensteten des Tyrannen deshalb in dicken Klamotten rumlaufen. Nun sind Ölgemälde sowohl klima- als auch temperaturempfindlich. Ein Ölgemälde würde bei derart ungünstigen Raumklima schnell Schaden nehmen, die Farbe brüchig werden, reißen und platzen. Also: so ehrenwert es ist, Lesern mittels eines Homage-Cameoauftritts die schönen Künste nahezubringen, so wenig durchdacht ist die Platzierung und damit der gutgemeinte Effekt perdü.
Beiden Szenen begegnet der Leser sehr früh zu Beginn der beiden Romane. Muss ich noch extra erwähnen, dass es nach solchen Schnitzern schwer ist, den Rest dieser Bücher ernst zu nehmen?; Und dass man somit verführt wird, sie gegen den Strich zu lesen und sich seine Lesefreude dadurch zu bereiten, indem man Genre-Fantasy-Bullshit-Bingo spielt?

Stichworte: Fantasy, Literatur
Freitag, 8. Januar 2010
geschrieben von molosovsky, am: Freitag, 08. Jan. 2010
Eintrag No. 603 — Auch wenn ich mittlerweile wegen meines Brotjobs weniger Zeit habe, versuche ich mindestens ein-, zweimal im Monat einige Stunden frei zu machen für Anlese-Sessions im großen örtlichen Buchkaufhaus. Da geraten mir empörend viele Romane in die Finger, die sich offenbar an den so genannten ›Durchschnittsleser‹ wenden. Romane, die ich nach 10 bis 20 Seiten zur Seite lege, weil sie eben, nun ja, zu zahm, zu charakterlos und zu konformistisch sind. Wenn ich mal ich Bock auf solchartig stromlinienförmig-narrative Stangenwahre habe, dann vertraue ich mich lieber Filmen, TV-Stoffen an (und auch Comics; ich sag nur: Schauwerte). Da kann ich es verstehen, wenn Geschichten vor Angepasstheit strotzen, wenn das Produkt nicht zuuuuu schräg und originell sein darf und kann, da hohe Herstellungskosten wieder reingeholt werden sollen und/oder man auf die Befindlichkeiten von Sendern und Werbekunden Rücksicht zu nehmen hat. Bei Literatur hege ich allerdings höhere Ansprüche. Hier erwarte ich, dass sich der eine Macher darum bemüht, eine wirklich eigene, unverwechselbare Stimme und Geschichte zu bieten, und mich nicht langweilt mit Kompromissgedöns.

In entsprechend lebhaftes Entzücken versetzte mich schon der Beginn des Debüts von Jesse Burlington »The Sad Tale of the Brothers Grossbart«. Bereits der erste Satz (hier in meiner Stegreifübersetzung) faselt nicht um den heißen Brei:
Zu behaupten, die Brüder Grossbart seien grausame und selbstsüchtige Briganten, hieße selbst die garstigsten Wegelagerer zu verunglimpfen, und sie mordlustige Schweine zu nennen wäre gegenüber der dreckigsten Sau noch eine Beleidigung.
Und ich denke nicht, dass ich unbotmäßig viel verrate, wenn ich die 6-einhalb Seiten des ersten Kapitels stichpunktartig zusammenfasse:
Die Zwillinge Manfried und Hegel Grossbart stammen aus einer Grabräuberfamilie. Mama war geistig zurückgeblieben. Papa hat sie mit den Kleinen sitzen gelassen und wurde irgendwo im Norden gelyncht. Ein Onkel hat die beiden erzogen und ihnen das Grabräubern beigebracht. Manfried und Hegel wollen dem Vorbild ihres Großvaters folgen, der es laut Familienlegende bis zu den opulenten Gräbern der Heiden von ›Gyptland‹ geschafft hat. Nun schreibt man das Jahr 1364, und in Bad Endorf wollen sich die Brüder sich für ihre Reise ausstatten, indem sie den Hof des Rübenbauern Heinrich plündern, aus Rache, weil Heinrich einst die rübenstehlenden jungen Grossbarts mit der Schaufel verdroschen hat. Als sie das Haus des Bauern stürmen, greift dessen Frau die Brüder mit einer Axt an. Im Handgemenge bekommt Manfried die Axt zu fassen und erschlägt damit die Frau. Dann haut er beim Stöbern durchs Haus der ebenfalls wehrhaften Tochter die Axt übern Kopf. Heinrich will in die nahe Ortschaft fliehen um Hilfe zu holen, doch die Grossbarts drohen das Haus, in dem sich noch die zwei Babies der Familie befinden, in Brand zu stecken. Heinrich bleibt, doch es nützt nichts: Die Brüder schlitzen dem Sohn vor den Augen seines Vaters die Kehle durch und zünden das Haus an (und die Babies verbrennen mit kläglichen Geschrei), klauen Karre, ein Pferd, Brauchbares aus dem Haus und Rüben und machen sich davon. — Kurz: die ›Helden‹ des Romanes sind richtig finstere Kerle.

Doch nicht nur der Umstand, dass die Hauptfiguren des Romanes brutale, erschreckend rücksichtslose und eigensüchtige Kerle sind ist dazu geeignet sanftere und sich nach kuscheligen Fantasy-Träumen sehnende Leser abzuschrecken. Das 14. Jahrhundert von Jesse Bullington hat so gar nichts mit glatten, sauberen romantischen Mittelalter-Verklärungen gemein (a la »Der erste Ritter« mit Richard Gere), sondern beschwört nach Kräften ein schmutziges, matschiges, grindiges ›finsteres Mittelalter‹ (siehe z. B. »Jabberwocky« von Terry Gilliam). Wenn bei »Brother Grossbarts« gekämpft wird — und es gibt eine Reihe effektvoll und packend inszenierte lange Kampfszenen –, ist das eine blutige und schmerzvolle Sache. Und Bullington ist studierter Historiker und Volkskundler. Gehe ich also mal davon aus, dass er wohlrecherchierte Gründe hat, seinen Lesern ein harsches Mittelalter zusammenzubrauen.

Bullington schöpft aus dem Vollen, was hahnebüchenden Aberglauben und die Grenze zur Häresie übertretenden haarsträubenden (un-)christlichen Glauben betrifft. Das wird ebenfalls früh im Buch anhand einer theologischen Plauderei der Brüder Grossbart im dritten Kapitel offenkundig. Das geht ungefähr so:
Hegel fragt sich, wie es sein kann, dass die Heilige Jungfrau Maria einen gar so verzagten Sohn zur Welt gebracht hat. Immerhin hat sich Jesus am Kreuz nicht ›ehrenvoll‹, sondern wie ein Weichei verhalten. Er hätte einen seiner Peiniger ja wenigstens mal treten können. Manfried erklärt seine theologische Sicht: der HErr wollte Maria schwängern, doch die wollte reine Jungfrau bleiben und ließ den lieben GOtt abblitzen. GOtt schwängerte sie dennoch (und wie Manfried später erklärt, blieb Maria trotzdem weiterhin Jungfrau, denn eine Vergewaltigung zählt ja nicht), und dafür hat sich Maria gerächt, indem sie Jesus zum Waschlappen erzog. Manfried stimmt ein Lob auf die Jungfrau an (Seite 28, Übersetzung von Molo):
»{…} And that’s why She’s holy, brother. Out a all the folk the Lord tested and punished, She’s the only one who got him back, and worse than he got Her. That’s why She intercedes on our behalf, cause She loves thems what stand up to the Lord more than those kneelin to’em.

Und darum ist Sie heilig, Bruder. Von allen Leuten die der Herr geprüft und bestraft hat, ist die Sie die einzige die es im heimgezahlt hat, und zwar schlimmer als er es Ihr besorgt hat. Deshalb setzt Sie sich auch für uns ein, denn Sie liebt diejenigen, die dem Herren die Stirn bieten, mehr als jene, die vor ihm knien.«
Kein Buch also für Leser die ein empfindliches christliches Gemüth haben.

Was gibt’s noch? Ach ja, Monster vom Feinsten! Und die Magie dieses Mittelalters ist stark vom überlieferten Volksglauben geprägt und entsprechend eklig (Eiter, Speichel, Samen und andere übelriechendere Körperflüssigkeiten quellen stellenweise reichlich). — Beeindruckend der Auftritt eines der Hölle entflohenen Pestdämons, der in den Körper eines jungen Reisen geschlüpft ist, wenn er nackt, vor Fieber im kältesten Alpenwinter dampfend auf einem Eber dahergeritten kommt. — Wunderbar die Darstellung der Hexe Nicolette und ihrer wahrhaftig grauenvollen Brut. Nicolette ist ein ganzes Kapitel Vorgeschichte gewidmet, Dank dem diese Widersacherin mehr ist als nur ›böse‹ (na ja, eigentlich kein Kunststück, wenn die Protagonisten selbst von derart zweifelhafter Moral sind, dass sie in den allermeisten Geschichten die besten Übeltäter abgäben). Aber dass Nicolette und ihr Dämonengatte im einsamen Wald die kargen Winter überstanden, indem sie Kinder zeugten die sie dann verspeisten ist schon starker Tobak. Wird aber noch gesteigert, wenn Nicolette zwei frische kleine Monsterbälger mit den über Jahren gesammelten Kinderzähnen versorgt, so dass dieser Brut dann am ganzen Körper gierig schnappende Mäuler wachsen. — Ach ja: eine geheimnisvolle (weil stumme) Nixenschönheit sorgt für (dezente) erotische Wirren, vor allem bei dem sensibleren Manfried.

Neben Wäldern, winterlichen Bergstraßen, menschenverlassenen Klöstern gibt’s zur Abwechslung im weiteren Romanverlauf Abenteuer im frühlingsdurchlüfteten Norditalien und für einige Kapitel sind die Grossbarts im Stadtpalast eines ziemlich rumpeligen Piraten-Kaufmanns in Vendig zu Gast. Schließlich überquert man das Mittelmeer und erreicht Alexandria mit dem christlichen Kreuzzug-Überfallheers unter der Leitung von König Peter I. von Zypern.

Einige Leser haben bemängelt, dass die Episodenfolge des Roman einen etwas ruckelnden Verlauf bildet. Ich fand das keineswegs störend, sondern ließ mich berauschen von der bisweilen munter-knartzigen Sprache und genoss es, mich in ein magisches Mittelalter entführen zu lassen, in dem reichlich ungewöhnliche, sperrigere Figuren auftreten und das mich nicht nervt mit den üblichen langweiligen glatten Typen (der naive Gutmein-Held, die Unschulds-Trulle, der hämische Fiesling, der weise Kuttenopa ect pp ff).

Anfang Dezember 2009 hat Jesse Bullington froh verkündet, dass Bastei Luebbe die Rechte für eine deutsche Ausgabe des Romanes erworben hat. Ich hoffe inbrünstig, dass man für die hiesige Ausgabe der Umschlaggestaltung der englischsprachigen Originalausgaben treu bleibt und das Vexierbild von Istvan Orosz verwendet. Wenn nicht, möge die Heilige Jungfrau mit ihren gerechten Zorn Luebbe strafen!

Ich bin schon gespannt auf Bullingtons zweiten Roman »The Enterprise of Death«, der im November 2010 auf Englisch erscheinen soll und im selben Weltenbau wie die Grossbarts angesiedelt ist, allerdings diesmal zur Barock-Zeit der Spanischen Inquisition, und es soll weniger darum gehen, Gräber zu öffnen und Leut’ in selbige hineinzuprügeln, sondern darum, die Toten aus Gräbern wieder auferstehen zu lassen.

LINK-SERVICE:
Ende November, Anfang Dezember 2009 hat Jesse eine Werktagswoche als Gastautor für das »Amazon«-Bücherblog »Omnivoracious« beigetragen: •••••
Jesse Bullington: »The Sad Tale of the Brothers Grossbart«; Vorwort, 31 Kapitel, Bibliographie, 435 Seiten; Britische Taschenbuchausgabe bei Orbitbooks 2009; ISBN: 978-1-84149-783-9.

Montag, 28. Dezember 2009
geschrieben von molosovsky, am: Montag, 28. Dez. 2009
Eintrag No. 602 — Kann nicht mehr viel passieren, was folgende Auflistung ergänzen könnte (und wenn, dann pack ich es in den nächsten Grenzübergang). — Die fett markierten Links führen auf eigene Beiträge, der Rest ins WWW.

Gut-Buch (Fiktion):
Zuerst meine beiden obersten lebenden Phantastik-Meister … … die es wunderbar verstanden mit ihren Weird Noir-Romanen ungewöhnliche Phantastik-Krimis zu bieten;
  • (Von Vandermeer hat mich zudem auch »Shriek« entzückt;)
  • Thomas Pynchon: »Inherent Vice«, einfach nur saukomisch und die wohl beste Art, ohne Dope stoned zu werden;
  • Dan Simmons: »Drood«, berührend, verstörend und ein verdammt schlauer-unheimlicher Roman über Freundschaft, Konkurrenz und die (finstere) Macht des Geschichtenerzählens;
  • Douglas Coupland: »Generation A«, medizinische und fabulatorische Gesellschafts-Science Fiction mit Bienenstich;
  • Cervantes: »Don Quijote von La Mancha«, Neuübersetzung bei Hanser ist ein Genuss, auch wegen der vielen feinen Anmerkungen;
  • »Eine andere Welt« von Anonymus mit Illustration von Grandville, worüber ich hoffentlich fürs »Magira 2010« mehr berichten werde.
  • Und als letztes kurz vor Jahreswechsel habe ich »The Sad Tale of the Brothers Grossbart« von Jesse Bullington verschlungen. Ein wirklich unglaublicher Roman. Dieser finstere, brutale, lustige, gewitzte und berührende Fantasystoff der im Europa und Ägypten des 14. Jahrhunderts spielt erfüllt lang von mir gehegte Geschmackswünsche
Gut-Buch (Sach): Gut-Buch (Comic):
  • Fane & Jim: »Sonnenfinsternis«, Beziehungsproblemdrama. Klingt schrecklich? Ist genau das Gegenteil;
  • Naoki Urasawa: »20th Century Boys« (englische Ausgabe), ich bin erst beim englischsprachigen Band 5 (von 22) und kann nicht sagen, dass ich groß durchblicke. Aber eine spannende Lesesucht hat sich bereits eingestellt und Urasawa ist ein gewiefter Erzähler mit allen Tricks;
  • Max: »Bardin, der Superrealist«, ein bunter Kessel kurzer Strips von überwältigender Abseitigkeit. Wunderbares Beispiel, was für irre Hirntrips die moderne Kunst ermöglicht, wenn man nur mit dem richtigen Humor hantiert;
  • David B.: »Nocturnal Conspiracies«, unheimlich, rätselhaft, wunderschön diese Traumprotokolle;
  • Joan Sfar (& Hervé Tanquerelle): »Professor Bell«, feine humorig-dreiste OkkultAbenteuer mit einem Sherlock Holmes-artigen Menschenhasser plus Gespenstern, wehrhaften Frauen, Riesenaffen, Teufeln und was nicht noch alles;
  • Kazuo Koike & Gôseki Kojima: »Lone Wolf & Cub«, hab alle 28 Bände durch und freue mich schon auf den Urlaub, in dem ich diese episch-tragische Rachestory am Stück noch mal lese;
  • Brian Azzarello & Eduardo Risso: »100 Bullets«, 100 Hefte, mindestens doppelt so viele Gangster in einem x-bödigen Finten- und Intrigenspiel, dass einem die Luft wegbleibt;
  • Manu Larcenet: »Der alltägliche Kampf«, passiert auch nix großes, außer eben den kleinen Dingen des Lebens. Nimmt das Herz sachte in die Hände und hebt es zur Sonne.
Gut-Mukke (neu):
  • Amanda Palmer: »Who killed Amanda Palmer«; ‘ne manisch-melancholische Aggrofrau die in die Tasten hämmert und Texte bietet, die unter die Haut gehen;
  • Suzanne Vega: »Beauty & Crime«, endlich wieder eine rundum perfekte Platte der New Yorker Baladeuse;
  • The Beatles (Digital Remasterd): »Rubber Soul«, »Revolver«, »Sgt.Peppers Lonley Hearts Club Band«, »Magical Mystery Tour«, »(White Album)«, »Let It Be«, hat mich voll erwischt. War über einen Monat ausschließlich am Beatles-Hören mit meinem iPod.
Gut-Mukke (alt): Gut-Film:
  • »Inglourious Basterds«, Tarantino läßt in seiner originellen Kollision von WKII, Situationskomödie und Italo-Western wieder eine Riege Darsteller glänzen;
  • »Star Trek«, so macht auch mir die Enterprise und ihre Crew vollends Freude;
  • »Zeiten des Aufruhrs«, ein ergreifendes Drama der stillen Töne und kleinen Unglücke;
  • »Gran Torino«; Clint überzeugt als grummeliger Witwer der widerwillig seine Fremdenfeindlichkeit überwindet;
  • »Avatar«, trotz der nicht gerade originellen Handlung ein Fest des SF-Fantasy-Weltenbaus das mich überzeugt hat. Ich freue mich schon auf weitere Geschichten.
Beste Momente:
  • Alleine, womöglich im Dunkeln, durch die Darwin-Ausstellung gehen;
  • Finanziell so gut aufgestellt zu sein, dass ich meiner Partnerin ein neues iBook schenken konnte;
  • Eine Partnerin zu haben, die von ihren Reisen in den Süden feine Paisleymuster-Kravatten aus Italien versorgt
  • In Dreieich dabei gewesen zu sein, als Ju Honisch für »Das Obsidianherz« den Deutschen Phantastik Preis für den besten Roman-Debut gewonnen hat;
  • Meine Sinne entdecken die »Dalwhinnie Distillers Edition«.
Schlimmster Moment:
  • Nach Jahren des ›geht so‹ plötzlich nicht mehr mit größeren Höhen zurechtzukommen.
Vorsätze (blöderweise gleiche wie letztes Jahr):
  • Schande über mich, aber ich kann nur sagen: Siehe letztes Jahr.

Stichworte: Alltag, Liste
Samstag, 19. Dezember 2009
geschrieben von molosovsky, am: Samstag, 19. Dez. 2009
Eintrag No. 601 — Okey, ich geb’s ja zu, dass ich derzeit eine Steampunk-Phase durchmache. Aber ich habe schon länger eine Schwäche für in Alternativ- oder Zweitschöpfungs-Welten angesiedelte Phantastik, welche entsprechend als Inspiration auf das 19. Jahrhundert (plus/minus einiger Generationen früher oder später) zurückgreift. Mir sind Wells und Verne als Väter von Fantasy-Bastards allemal lieber als die üblichen ollen verdächtigen Mittelalter- und Archaik-Schönträumer a la Tolkien. (Eigentlich müsste man mal anfangen ›Tolkien‹ statt Tolkien zu schreiben, besser noch ›McTolkien‹, denn sein Name wird in Phantastik-Argumentationen eh nur als Platzhalter verwendet … auch von mir freilich).

Auf »Boneshaker« von Cherie Priest wurde ich durch Empfehlungen des deutschen Steampunk-Blogs »Clockworker«, Hinweisen von Scott Westerfield und Jeff Vandermeer aufmerksam. Das Buch ist noch nicht auf Deutsch erschienen, die Übersetzungen liefere ich aus dem Stegreif. (Schon mal zum Seufzen, dass die beste Entsprechung für das knappe englische ›Boneshaker‹ das umständlich klingendere aber dennoch schöne ›Mark- und Beinerschütterer‹ ist.)

Zum Glück für den Roman hat mich beim Anlesen im Laden bereits der eröffnende 6-seitige Auszug des in Arbeit befindlichen fiktiven Sachbuchs »Unwahrscheinliche Ereignisse aus der Geschichte des Westens« eines gewissen Hale Quarter aus dem Jahre 1880 überzeugt. In »Kapitel 7: Der seltsame Zustand des ummauerten Seattles« wird prall das Setting vorgestellt: Goldrausch an der Westküste: Entdeckung einer großen Goldader unter Permafrosteis. Seattle ist noch nicht Teil der Vereinigte Staaten. Eine russische Interessensgruppe lobt einen fetten Rubelbetrag für eine Machine aus, die das Gold schürfen kann. Ein Erfinder names Leviticus Blue baut ein Riesenbohrerfahrzeug, verursacht damit 1863 bei einem Testlauf ein ansehnliches Desaster, mit dem das Geschäftsviertel von Seattle lahmgelegt wird. Aus den in den Untergrund gebohrten Tunneln wabert ein schweres Pestgas (engl. ›Blight‹) an die Oberfläche, das massenweise die Leute krepierten läßt und sie zu willenlosen frischfleischgierigen Untoten, vulgo, Zombies macht. Die Überlebenden bauen geschwind eine 61 Meter hohe Mauer um das verseuchte Gebiet und fünfzehn Jahre später setzt die eigentliche Handlung ein.

Fast hätte ich dann bei den ersten vier Kapiteln das Handtuch geschmissen, denn Priest meidet raffende Dramaturgie und läßt sich nicht hudeln, um die Heldin Briar Wilkes und ihren Sohn Zeke vorzustellen. Da wird Arbeitsklamottenausziehen, Essenmachen, jeder Wechsel von einem Zimmer ins andere, fast jede Wendung eines Dialoges mit entsprechender Mimikreaktion und Mimikdeutung beschrieben. — Briar schuftet in einer Wasserfilterungsfabrik im Siedlungsgürtel um das verseuchte Seattle. Als Witwe des verschollenen wahnsinnigen Wissenschaftlers Blue hat sie mit dem Groll der Leute zu ringen. Allerdings war ihr Vater ein legendärer Sherriff, der bei der Blight-Katastrophe sein Leben ließ um Gefängnisinsassen vor dem Tod zu retten. Immerhin sind also einige Leut der zwielichtigen Gesellschaftsschicht ihr wohlgesonnen. Ihr fünfzehnjähriger Sohn Zekes macht die Pubertätsphase durch, nicht auf Authoritäten und Anweisungen hören zu wollen, und bricht gegen den Rat seiner Mutter auf, mehr über seinen Vater zu erfahren, mit dem Ziel in dem ummauerten Seattle Beweise zu finden, um Leveticus Blues schlechten Ruf zu tilgen.

Der Roman steigt dann richtig in die Eisen, kaum dass die Handlung sich ins von Zombiehorden (die hier ›rotters‹, also ›Verwesende‹ genannt werden) geplagten (Ex-)Seattle verlagert. Im Prinzip eine Variation des »Die Klapperschlange«-Motivs. Gesperrtes, mordsgefährliches Gebiet mit lauter hartgesottenen Durchgeknallten; wichtiges Quest-Ziel ist dort zu finden und dann heißt es wieder heil rauszukommen. — Da erscheint mir auch die Ausführlichkeit von Priests Prosa sinnvoll, wenn das Fluchttunnel- und Rettungsleitern-, AntiZombiebarrieren-, Luftschleusen- und Belüftungssystem der Überlebenszonen geschildert wird (übrigens sehr reizvoll wie sehr diese der tödlichen Blight-Gasumwelt abgetrotzten ÜberLebebsräume einer Raumstation gleichen. Buchstäblich die gleiche spannende Athmosphäre wie in Weltraum-Sagas, wo oftmals die Gefahr der lebensunmöglichen Weite des Alls beschworen wird.)

Zeke findet mit einem Tag Vorsprung durch die ehemaligen Kanalisiationstunnel unter der Mauer hindurch seinen Weg in die Stadt. Briar folgt ihrem Sohn, doch muss sie wegen eines die Tunnel zerstörenden Erdbebens mit Hilfe von Luftschiffschmugglern einen Weg über die Mauer finden. — Kein Zweifel: Neben den Zombies ist die waschechte Steampunk-Athmo der Luftschiffe eine der Hauptattraktionen dieses Phantastikweltenbaus. Und so darf der geneigte Genreleser sich auf kernige Männer, exotische Crewmitglieder mit entsprechenden Piratengebahren, Luftkämpfe und Absturztumult freuen. Zu den Besonderheiten des Blights gehört, dass sich aus diesem Unglücksgas eine opiumartige Droge herstellen läßt (die zum Beispiel bei den Soldaten des länger als in unserer Echtwelt andauernden amerikanischen Bürgerkrieges immer größerer Beliebtheit erfreut). Die Luftpiraten machen ein gutes Geschäft als Zwischenhändler dieses Stoffes, und lassen sich deshalb auf den eigentlichen Herrscher des ehemaligen Seattles ein, den geheimisvollen und gefährlichen Dr. Minnericht.

Cherie Priest weiß wirklich überwiegend mit einer gut arrangierten Reihe hervorragend inszenierter Kapitel zu unterhalten. Leider nervte sie mich aber manchmal mit einer Dramaturgie, in der durch den Wechsel der beiden Hauptfiguren, Briar und Zekes, Informationen doppelt und dreifach ausgebreitet werden, und Zufallsbegegenungen und -Ereignisse mir etwas zu oft aus der Klemme halfen oder diese erst bereiteten. Aber als schnell wegzublätternde Zwischendurch- und Unterwegslektüre fand ich »Boneshaker« unterm Strich durchaus gut.

»Boneshaker« ist der erste Roman aus einer Reihe für sich stehender Erzählungen aus der Alternivwelt des »Uhrwerk-Jahrhundert«. Zwar habe ich das Gefühl, dass ich ich, ähnlich wie bei Gordon Dahlquist, schon durch ein Buch gesättigt bin, aber wenn mich die kommenden Romane von Preist beim Anlesen ködern können (Dahlquists Fortsetzung konnte das nicht), greif ich gerne wieder zu.

P. S.: Vor kurzen in die Sparte ›Kunst‹ meiner Linkliste aufgenommen wurde die Website von »Boneshaker«-Coverkünstler Jon Foster.

••••
Cherie Preist: »Boneshaker«; 28 Kapitel auf 416 Seiten; Tor Paperback 2009; ISBN: 978-0-7653-1841-1.

Mittwoch, 16. Dezember 2009
geschrieben von molosovsky, am: Mittwoch, 16. Dez. 2009
Eintrag No. 600 — Keine lange Schwätzerei. Folgt den 45 neuen Links in der rechten Kolumne weiter unten, gekennzeichnet mit der blauen Raute des Vertrauens:

Und niegelnagelneu: eigene Abteilung für Links zu Comics- und Graphik Novel-Seiten.

Viel Vergnügen.

Stichworte: Woanders
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Samstag, 12. Dezember 2009
geschrieben von molosovsky, am: Samstag, 12. Dez. 2009
Eintrag No. 599 Jeff Vandermeer hat es wieder getan! Wie schon bei seinen früheren, in der ›Secondary Creation‹-Welt der Stadt Amber angesiedelten, Büchern »Die Stadt der Heiligen & Verrückten« (engl. 2002 / dt. 2004) und »Shriek: Ein Nachwort« (2006) staune ich über »Finch«, bin durch die Lektüre verstört, hocherfreut und baff zugleich, und stelle respekterfüllt fest, dass sowohl mein Hirn wie mein Herz immer noch am trippen sind. Worum geht es? Hier meine Übersetzung der entsprechenden Passagen aus dem Presse-PDF zum Roman:

Was ist Amber?
Es war einmal, an den Ufern des Moth-Flusses, dass eine mächtige Stadt wie keine andere innerhalb oder außerhalb der Geschichte entstand. Gegründet auf dem Blut der ursprünglichen Bewohner, der verstohlenen und nichtmenschlichen Grauhüte, und auf Jahrhunderte durch die Nachwehen dieses Kampfes geformt, war Amber lange ein Zentrum des Handels und der Künste — und der Herrschaft. Nun jedoch, hundert Jahre nach den Ereignissen die in den früheren Büchern geschildert wurden, bricht Amber zusammen unter der Herrschaft der Grauhüte, die sich erhoben und die Stadt unter ihre Kontrolle gebracht und das Kriegsrecht ausgerufen haben. Mit süchtig machenden Pilzdrogen, Internierungslagern und willkürlichem Terror kontrollieren sie Amber während sie an zwei Türmen arbeiten die das Schicksal der Stadt für immer verändern könnten. Die Überbleibsel der Rebellenstreitkräfte sind demoralisiert und verstreut. Partials, menschliche Verräter die durch die Grauhüte verändert wurden, patrouillieren die Straßen und drangsalieren ihre Bewohner.

Welchen Bezug hat »Finch« zu den anderen beiden Amber-Romanen?
Obwohl jeder Amber-Roman für sich selbst steht, bilden die drei Bücher zusammen den »Amber-Zyklus«, eine enorme 1700-Seiten lange Erzählung. Viele Figuren und Themen kommen in allen drei Büchern vor, und »Finch« liefert Antworten auf Fragen zu den Grauhüten und die Natur der Stadt selbst betreffend, die zum ersten Mal in »Die Stadt der Heiligen & Verrückten« gestellt wurden.

Wie ist Jeff Vandermeer auf die Idee zu Amber gekommen?
»Eines Nachts erwachte ich von einem lebhaften Traum und da war die Stadt in meinem Kopf. Sofort eilte ich zum Computer und schrieb die ersten Seiten der ersten in Amber angesiedelten Geschichte. Seltsamerweise benötigten diese ersten zwei-, dreihundert Worte kaum eine Überarbeitung. Von da an entwickelte sich bald die gesamte phantastische Stadt in meiner Vorstellung. Ich schrieb Erzählungen in diesem Setting, die schließlich zu Teilen von ›Die Stadt der Heiligen & Verrückten‹ wurden, und um 1998 herum hatte ich die groben Konturen des Amber-Zyklus ersonnen. Es dauerte zehn Jahre um die drei Romane zu beenden. Es war mir nie klar, dass ein Augenblick der Inspiration dazu führen könnte einen Vollzeitschriftsteller aus mir zu machen, oder dass er so bestimmend für mein Leben werden würde. Zudem haben mich die Reaktionen von Kritikern, Lesern und Fans Demut gelehrt.«

Betörendes Titelbild: John Coulthart hat ein mich begeisterndes Cover geschaffen. Der Umriss der Pistole macht klar, dass hier mal ›Secodary World‹-Phantastik geboten wird, die näher zu unserer Gegenwart angesiedelt ist als üblicherweise gewohnt. Die goldene Kreuzung aus Koralle, Seestern und Pilz ist ein technisches Gerät der Grauhüte. Im Griff der Pistole sieht man teilweise eine handschriftliche Chronik, ein Hinweis, dass Geheimnisse der Vergangenheit eine Rolle spielen. Im Lauf der Knarre erhebt sich ein Büschel prächtiger Türme, die jedoch überragt werden von einem großen Pilzturm der Grauhüte. Ein Detektiv im Anzug mit Kravatte und Hut (yeah!) kommt aus Schatten auf uns zu (wer meinen Klamottenstil kennt {siehe Kopfschmuck oben} kann sich denken, wie sehr mich das bereits anturnt). Wie es sich für ›Fungal Noir‹ gehört, ist das Cover farblich überwiegend von hübschen Schimmelpilzstrukturen überzogen.

Cooler Aufbau: Die Gegenwarts-Handlung erstreckt sich über eine Woche. Und die 42 Kapitel sind entsprechend auf Montag bis Sonntag verteilt. Montag bis Samstag werden eingeleitet von einem Verhör, dass sich im späteren Lauf der Handlung ereignet. Superspannend, da nicht vorweggenommen wird, wer da den armen Finch in die Mangel nimmt, und weshalb genau. Die auktoriale Erzähler›kamera‹ ist nüchtern immer nah bei Ermittler Finch, hie und da unterbrochen von dessen kursiv gesetzten Gedanken. Gewürzt wird das durch einige ›Handouts‹, sprich, Zeichnungen, Ausschnitten von gefundenen Notizen, Büchern und durch Ermittlungs-Protokolle.

Kecker Genre-Bastard: Krimi, weil es um die Aufklärung eines Doppelmordes an einem Menschen und einem Grauhut geht. Die Opfer werden in einer Wohnung gefunden, scheinen aber seltsamerweise durch einem Sturz aus größerer Höhe gestorben zu sein. Vom toten Grauhut liegt zudem nur der Oberkörper herum. — Spionage- & Polit-Thriller, weil Detektiv Finch bei seinem Versuch die Morde aufzuklären in einen vielstrangigen Konflikte-Knäuel verschiedener Interessensgruppen hineingezogen wird. — Fantasy bzw. Science Fiction, denn es wird Dank der nichtmenschlichen Art der Grauhüte und ihrer Kultur brilliant mit dem Thema Magie/höhere Technik gespielt, entsprechende Gadgets und Monster geboten. — Magischer Realismus und Weird Fiction da die Grenzen zwischen Wahrheit und Schein, Alltag und Transzendentem im Romanverlauf immer mehr verschwimmen und durch steigenden kosmischen Horror die einzelnen klar zu benennenden Phantastik-Genregrenzen solange miteinander kurzgeschlossen werden bis die Funken Sporen blühen. — Kriegs- und Überlebensgeschichte weil die Gegenwartshandlung in einer von Konflikten, Okkupation und Zerstörung gezeichneten Stadt(ruine) spielt, die normale Zivilisation zusammengebrochen ist und man von Tag zu Tag ums Miteinander- und Überleben ringt.

Weitere glänzende Erzählkunst-Facette: Ähnlich wie bei China Miévilles Romanen bin ich beeindruckt, wie Meister Vandermeer Stil und Atmosphäre seiner Bücher sehr gekonnt dem jeweiligen Inhalt anpasst. — »Die Stadt der Heiligen & Verrücken« bot als labyrinthischer Collage-Roman das Vergnügen, dass man sich in einem absichtlich vor barocker Unübersichtlichkeit strotztenden Rummelplatz der Ideen und Perspektiv- und Tonwechsel verliehren konnte. — »Shriek: Ein Nachwort« lud ein, sich auf einen durch die Erzähler Janice und Duncan Shriek geprägten autobiographischen Dialog einzulassen, war entsprechend persönlicher und individueller, näher an diesen Figuren dran. — »Finch« ist nun von der Gradlinigkeit eines ›typischen‹ Krimis geprägt und weiß mit seinem überwiegend knappen, herben Satzbau für sich einzunehmen, aus der die halluzinogeneren wilden Phantastik-Kunststücke um so effektiver hervorwuchern. Wie ein englischer Rezentent richtig bemerkte, gönnt sich »Finch« von allen dreien Amber-Büchern am wenigsten Humor, was aber passt und kein Verlust ist.

Krasser & zugleich berührender Schluß: {VORSICHT!!! Möglicherweise milde SPOILER} Das Ende von »Finch« erinnert mich (im Guten und Besten) wiederum an China Miéville und den Schluß von dessen zweitem ›Bas-Lag‹-Roman »The Scar«, teilweise auch an die Apokalyptik von Alfred Kubins »Die Andere Seite«. — Die Kriminalhandlung wird aufgelöst. Der größere Konflikt zwischen den Grauhüten, den Menschen und noch anderen Fraktionen allerdings nicht (wirklich). Wie es sich für einen ordentlich Phantastik-Roman gehört, kommt es zwar zu einer vorläufigen Überwindung der akutesten Widrigkeiten, aber der größere Handlungsrahmen um das Schicksal der Stadt Ambra mündet dennoch in einer atemberaubenden Entwicklung, durch die ein großes Fenster zu überwältigend vielen Möglichkeiten geöffnet wird. Kurz: richtig große ›Sense of Wonder‹-Portion.

Fazit: Jeff Vandermeer hat wieder mal gezeigt, das ›Fantasy‹ und ›Phantastik‹ als Genres keineswegs reaktionär oder altbacken oder simpel zu sein haben und lediglich dazu taugen Tagtraumvorlagen für kleine Fluchten vom langweiligen und nervigen Alltagstrott zu ermöglichen. Es besteht für mich kein Zweifel, dass er zu jener kleinen Schaar gegenwärtiger Autoren gehört, bei denen man der Phantastik beim Wachsen zuschauen kann. — Ich hoffe natürlich, dass auch diesmal wieder das Team von Klett-Cotta diese Gemme auf Deutsch verlegen wird.

LINK-SERVICE:
Es ist mir ein Rätsel, wie Vandermeer so viel gebacken bekommt, wie er in seinem Blog und anderswo verbreitet. Gut für mich neugierigen Leser, der ich ich gerne einen Blick hinter die Kulissen des Schreibens werfe. In zwei Blog-Einträgen zeigt Jeff uns, wie der Roman »Finch« entstanden ist. Hier: »Finch: What a Novel and Novelist Look Like…« (wieder Mal ernüchternd, dass Autoren die großartige Bücher schreiben, nicht unbedingt eine lesbare, schöne Handschrift haben müssen); und hier: »Finch from Inception to Interior Layout«, mit Einblicken über Probeleser- & Lektoren-Anmerkungen.

Zum zweiten Mal hat Vandermeer einer seiner Lieblingsband dazu verführen können, einen ›Soundtrack‹ zu seinem Roman einzuspielen. Bei »Shriek« war es die Gruppe The Church (nicht soooo mein Ding), und nun für »Finch« hat Murder By Death einen mir sehr gefallenden Score geschaffen. Hier geht es zu einem Interview, das Jeff mit der Band für das Amazon-Blog ›Omnivoracious‹ geführt hat: »Murder by Death on Books, Touring, and The Soundtrack for Finch«

Und schließlich noch die ersten 52 Seiten von »Finch«.

•••••
Jeff Vandermeer: »Finch«; 42 Kapitel in 7 Abschnitten auf 339 Seiten; Underland Press 2009; ISBN: 978-0-9802260-1-0

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Dienstag, 8. Dezember 2009
geschrieben von molosovsky, am: Dienstag, 08. Dez. 2009
Eintrag No. 598
Und wieder mal habe ich dem Team von »Schöner Denken« für einen Hinweis zu einer dollen Website zu danken. Als das erstaunlich hirnlose Bumm-Schepper-Epos »Transformers 2: Rise of the Fallen« lief, hat »Schöner Denken« unter anderem auf das englische ›video cast‹-Portal von »That Guy With The Glasses« verlinkt. Und was ich da sah & hörte, haute mich glatt um.

Der Kopf der kreativen Truppe, Doug Walker, gibt in seiner Rolle als ›Nostaglie-Kritiker‹ eine atemberaubend hektisch-manische Zusammenfassung des Films, inklusive trefflicher Kritik der absolut schwächsten Stellen dieser Blechlawine. — Hier mein Versuch einer Text-Übersetzung:
Ist das beschissen!
Okey, nicht beschissen. Das war der erste Film. Dieser jetzt ist … äh, äh, äh … angemessen zufriedenstellend.
So gehts los:
—»Überall auf der Welt gibt es Decepticons und wir müssen sie finden.«
—»Hmm, dieses Kran-Dings sieht seltsam aus.«
{Verwandlungsgeräusch / Erschrecken}
—»Transformer!« {Decepticon auf Zerstörungs-Trip}
Das ist okey, denn ein Truck ist da und der macht {Verwandlungsgeräusch} und es ist Optimus Prime!!! GOtt Gütiger!! Es ist so toll Optimus Prime wieder zu sehen!! Und nicht nur das! Es gibt auch noch ne Menge neue Transformer!
Zum Beispiel Sideswipe! … der nur zwei Zeilen Text hat.
Und Arcee! … die nur eine Zeile hat.
Und Jolt! … der, glaub ich, gar nicht spricht.
Das ist ziemlich schwach.

Aber die Zwillinge sind da und die sind wahnsinnig komisch.
{Zwilling 1} »Weiß’du wie da aygh bla brabbel labu la pi bäh!«
{Zwilling 1} »Keine Ahnung wooh hi bibi lub du pläh.«
Ha! Ha! Ha! Ha! … Ich habe keine Ahnung, was die schwätzen.

Der Junge aus dem ersten Teil geht dann aufs College. Und seine Freundin sagt: »Sag, dass Du mich liebst.«
{Er} »Nein, sag Du, dass Du mich liebst.«
{Sie} »Nein, sag Du, dass Du mich liebst.«
{Er} »Nein, sag Du, dass Du mich liebst.«
{Sie} »Machen wir einen Kompromiss und sagen wir, dass wir beide Arschlöcher sind.«
{Er} »Cool.«

Und der Junge trifft auf einen Kerl, der meint, dass es die Transformers wirklich gibt. … Und ich denk mir: Moment mal. Wie können die glauben, dass es keine Transformer gibt. Was ist mit dem Kampf vom Anfang des Filmes? Aber das geht in Ordnung, denn alle Spuren und Beweise wurden getilgt. … Jupp. Die Kämpfe aus dem ersten Film auch. Dieser große epische Kampf in der Stadt, den tausende Leute gesehen haben. Alles unter den Teppich gekehrt. … Ganz schön schwach.

Doch die Decepticons erwecken Megatron wieder zum Leben {Erschrecken}. Und es stellt sich heraus, dass er von dem bösen Fallen kontrolliert wird, der hinter einer geheimen Sprache im Hirn des Jungen her ist. Der Junge also {spielt total verrückt}. Also wollen die bösen Depecticons das was in seinem Kopf ist und sie schicken diese wirklich hübsche Decepticon um den Kopf des Jungen zu knacken. Aber die ist nicht wirklich ein Decpeticon, eher ein College-Mädel. Eine Decepto-Schlampe!
Und Optimus Prime kommt um den Tag zu retten und kämpft mit Megatron! {Klopperei in Zeitluppe} Kaboom! Kaboom! Kaboon!
Und plötzlich killt Megatron Optimus Prime!
Wa-Wa-Wa-Was!!!
Richtig! Megatron killt Optimus Prime! {Stirbt}
— »Neeeeeein!!! Optimus!!!«
Und ich denk mir nur: »Er ist nicht tot. Er ist nicht tot. Nein nein nein. Er ist nicht tot.« {Weint tragisch} »Priiii-wäh-wäh-wäh-iiime!!!«
Doch dann erinnere ich mich was er vor langer Zeit gesagt hat. Ich zitierte: {Clip aus Transformers Zeichentrick-Film: Optimus Prime} »Ich starb für eure Sünden.«
Natürlich tatest Du Prime das, {Wischt Träne weg}, für unser aller Sünden.

Sie ziehen also los und finden diesen anderen Transformer namens Jetfire. Und Jetfire ist verdammt cool!! Er ist ein alter Transformer, und die sind alle grummelige alte Arschlöcher. Und das ist voll super (engl.: ›kicks ass‹). {Einblendung ›Major Assage!‹ = ›Superduper!‹}
Und Jetfire geht so ab: »Wir müssen die Fallen aufhalten … äh, diese Pyramide zu aktivieren … um so die Sonne zu zerstören … um dadurch einen Haufen andere Transformers zu schaffen … um dadurch die Weltherrschaft an sich zu reissen.«
Oder so ein ähnlicher Schwachsinn.
Wen kümmerts!!!
Zeugs geht in die Luft!! Bumm! Bumm! Bumm! Kaboom! Kaboom! Kaboom!{Explosionen. Geballer}

Die Fallen schalten sich auf alle Bildschirme der Welt und verlangen: »Liefert uns den Jungen aus, sonst machen wir Hundefutter aus Euch und ›wir kriegen Euch das nächste Mal‹-Gadget‹!«
Und die Menschen auf der ganzen Welt reagieren so: »Heiliger Bimbam!!! Es gibt echt Außerirdische!!«
Und die Regierung reagiert so: »Geht in Ordnung. Wir vertuschen das.«
—»Hm, okey.«

Sie kommen also zu den Pyramiden, wo diese Maschine ist, die Optimus Prime wieder zum Leben erwecken kann. Und dann taucht dieser Super-Große-Rambazamba-Tron auf!!! Der ist so riesig wie fünf Transformer zusammen!!! {Sprachloses Begeisterungs-Fuchteln} Das ist soooo cool!!! Was wird dieses Ding nun tun!!! … Und er ist nur für vielleicht zwei Minuten im Bild. … Schwach.

Schnitt zu Leuten und deren Geballer in der Wüste. Und Geballer in der Wüste. Und dann: Geballer in der Wüste.
Doch dann stirbt der Junge! {Abgewürgter Ausbruch tragischer Trauer} Mach ich jetzt einfach nicht.
Doch der Junge kommt dann in den Roboterhimmel!! Ich mache wirklich keine Scherze! Roboterhimmel! Wo all die anderen Primes sind und dem Jungen das Leben wieder geben. … Schwach.

Der Junge ist also wieder lebendig und versucht die Maschine zu benutzten um Optimus zurück zu bringen während sie in der Wüste herumballern. Der Junge benutzt die Maschine, bringt Prime zurück und er ist gerettet!!! {Siegespose mit Händels ›Halleluija‹}
{Clip aus Transformers Zeichentrick-Film: Optimus Prime} »Ich starb für eure Sünden.« — »Sicher hast du das« {Solaten-Gruß}

Doch dann kommen die Fallen und sie machen sich an der Maschine zu schaffen und wollen damit die Sonne wegblasen und alle machen weiter mit … alle zusammen {im Chor}: »Geballer in der Wüste.«
Aber Jetfire sagt: »Nimm meine Teile Optimus. Ich bin alt und nervig.«
Und Optimus Prime sagt: »Okey.«
{Großes Verwandlungsgeräusch} Und Prime wird zu Super-Motherfucker-Prime!! Und er tritt in Ärsche. {Einblendung ›MORE Major Assage!‹}
Und er tritt gegen The Fallen und Megatron an … und der Kampf ist nach etwa einer Minute vorbei. Ist wie {Geste: Batsch. Bumm.} vorbei. … Schwach.

Der Höhepunkt ist ein bischen wie ein Schwanz-Reizen und -Hängenlassen. Doch ansonsten war der Film großartig! Daumen rauf!! Füng Sterne!! Bester und größter angemessen zufriedenstellender Film aller Zeiten!!!
Und gemocht habe ich ihn auch.
Ich bin der Nostaglie-Kritiker. Ich erinnere mich, damit ihr es nicht müßt.

Meine Top-3 weiterer Filmbesprechungen des ›Nostalgie-Kritikers‹, die ich glühend weiterempfehlen kann: Der Nostalgie-Kritiker ist nur eine von Doug Walkers Kunstfiguren. Sehenswert finde ich auch noch seine ›Bum Reviews‹ (= ›Penner-Rezis‹) mit der Figur des obdachlosen Chester A. Bum, der oft ins Kinos geht, weil es dort so schön warm und dunkel ist. Egal was Chester bespricht, er beginnt immer mit den Worten: »Oh mein Gott!!! Das war der großartigste Film den ich in meinem Leben gesehen habe!!!« und endet mit dem Herumschütteln seines Sammelbechers: »N’Groschen! Haste n’Groschen! Komm schon, helft einem armen Kerl!!« Und dann gibt es noch Dougs ›Fünf Sekunden Filme‹. Irrwitzige Zusammendampfungen, die gleichzeitig Homage und Verarschung sind. Unbedingt gönnen sollte man sich folgende: Damit nicht genug, denn neben Doug treiben noch andere Video-Rezensenten ihr Unwesen auf dem Portal.

Am besten finde ich diedie hinreissende Lindsay Ellis, die einst einen Wettbewerb gewonnen hat, und so zum ›Nostalgia Chick‹ wurde, um (mit Zöpfchen und Fliege) an der femininen Front Dienst zu tun, wenn es darum geht, die Niederungen der Film-Unkunst der letzten beiden Dekaden in Schutt und Asche zu sezieren und zu rezensieren. Hier meine Top-3 ihrer Besprechungen: Viel Spaß beim Glotzen und Stöbern und noch mehr Glotzen.

Stichworte: Woanders, Film, Humor
Dienstag, 1. Dezember 2009
geschrieben von molosovsky, am: Dienstag, 01. Dez. 2009
Eintrag No. 597»Schöner Denken« ruft zur Blogparade zum Thema Moleskin!

Angefangen habe ich mit ganz normalen A4-Heften und billigen Chinaimport-Kladden, alle kariert. In Wien war ich einige Jahre den gebundenen Blanko-Büchern der ›Vienna Factory‹ treu. Gabs nur in einem Schreibwahrenladen bei mir um die Ecke in der Sechshauserstraße. Die Firma ist inzwischen pleite, nachdem was ich so höre.

Erst in Frankfurt, vor etwa 10 Jahren, wurde ich zu einem Moleskin-Mann (mit Ausnahme einer dicken, gebundenen A4-Leuchtturm-Kladde, blanko, für großere Skribbels).

Blick auf mein Kladdenarchivregal. Sind nicht sooooo viele Moleskins zu sehen. Die meisten fliegen in meiner Bude in verschiedenen Taschen und einem anderen Regal herum, wo ich Excerptien-Moleskins in A5 aufhebe.

Überhaupt: heutzutage bin ich ein ziemlicher Schlendrian, was meine Tage- und Skribbelbuchführung angeht. Okey: das hochformatige A5-Moleskin wird recht ordentlich hauptsächlich für meine Portraitzeichnungen und das ein oder andere Improscape genutzt. Aber meine Notiz-Moleskins sind ein einziger Verhau. Früher habe ich ein Tagebuch brav fast täglich mit einem Eintrag versehen. Nun sind die verschiedenen Gedankenstützen für Rezis und längere Artikel wild kreuz und quer in zig angefangenen Moleskins verstreut. Waren Listen und Kapitelübersichten einst ein selteneres Gewürz, dominieren sie nun die Seiten meiner diversen Moleskins. Zuweilen hege ich die Illusion, es gäbe ein System in der Art, wie ich zwischen den diversen Heften wechsele. Aber wenn ich mit kritischem Auge und beim Versuch, bestimmte Notizen zu finden die Molsekins durchforste, stelle ich fest, dass wohl das Diktum des Augenblicks bestimmt, welches Heft ich für unterwegs mitnehme und welche Inhalte darin landen.

Hier meine derzeit ›aktiven‹ Moleskins auf einen Blick.

Was könnt Ihr sehen? (Von links oben nach rechts unten.)
Rechts oben ist ein großes quadratisches Soft-Moleskin, liniert, mit einem »Adele«-Aufkleber der edition moderne. Da führe ich meine Lektüre- sprich: Rezesionsnotizen, wenn ich zuhause bin. — Daneben ein A6-Reportermoleskin, kariert, für unterwegs, z.B. wenn ich in Leipzig oder Frankfurt auf der Buchmesse rumgurke, oder ich Termine bei nem Amt oder bei meinem Arbeitgeber habe. Aufgeblättert ist die Seite bei der Matt Ruff-Lesung 2008 (English Theatre, Frankfurt). — Aufgeschlagen bei meiner Kapitelzusammenfassung von Moorcocks »Byzantinum Endures« ist mein aktuelles gebundenes A5-Moleskin, das ich unterwegs und zuhause nutze. — Rechts oben sind drei bunte A5-Hefte zu sehen. Im blauen (liniert) befinden sich z.B. Personenübersichten zu meinen Pynchon-Lektüren. Im roten (blanko) verschiedene Übersetzungsbrocken für Molochronik-Einträge. Im beschen (liniert) wollte ich eigentlich meine PS3-Erlebnisse festhalten, aber derweil wuchert hier eine ausführliche »Snow Crash«-Zusammenfassung. — Links unten aufgeschlagen mein blanko A5-Querformat-Moleskin mit dem Improscape »Ich glaube, ich sehe da einen Weg« (und einem durchschimmernden alten Borges). — Zuletzt mein unentbehrliches Tageskalender-Moleskin (vom letzten Jahr) für die Arbeit.

In der Mitte eine Auswahl meiner Stifte, mit denen ich gerne auf das gute Moleskin-Papier schreibe und zeichne. Allermeistens verwende ich HB- und 2B-Druckbleistifte, Faber-Castell Grip 2001 und Jumbo Grip, rote und grüne Stabilo Point-Stife, Stylo refill MLJ20 und aktuell Stabilo bionic (bin aber nicht zufrieden mit denen).

Stichworte: Alltag, Woanders
Sonntag, 29. November 2009
geschrieben von molosovsky, am: Sonntag, 29. Nov. 2009
Eintrag No. 596 — Heyne/Randomhouse hat einen Wettbewerb veranstaltet, bei dem ein Debüt-Werk zum ›magischen Beststeller‹ gekürt werden sollte. Da wurde in den Genre-Phantastikgefilden geunkt und sich davor geforchten, was für ein Schmarrn letztlich dabei rauskommen würde.

Nicht noch ein Buch mit im Boden steckenden Schwert oder schicksalsumflorten Kuttentypen auf dem Umschlag!
Nicht noch ein klischeetriefender Fantasy-Rassenbackförmchen-Schmuh!
Ermarmen!!!

Aber nein: Die Juryrichter hatten erfreulicherweise Erbarmen, ein glückliches Händchen und pickten aus den geschätzten drei Millionen eingereichten Manuskripten eines als Sieger heraus, das sich angenehm von den platten Modeströmungen der Genre-Phantastik abhebt.

Am meisten hat mich an »Des Teufels Maskerade« erstaunt, wie dieser Roman sich auf seine Figuren, deren Gefühlslagen und Konversationen konzentriert und Erwartungen zuwiderläuft, man bekäme einen atemlosen und äktschenreichen Abenteuergarn geboten. Halsbrecherische Ereignisse sind rar in diesem Roman, und wo sie sich dennoch ereignen, werden sie erfrischend unkonventionell knapp und fast schon lapidar abgehandelt.

Im Zentrum des Lesevergnügens stehen die Mitglieder einer kleinen Detektei, welche sich auf okkulte Fisimatenten spezialisiert hat, und die ungewöhnlichen Vorkommnisse in die sie im Sommer 1909 zu Prag und Wien verstrickt ist.

Da ist der Chef der Truppe, der etwas verlebte ehemalige Hauptmann, nun ein Automobilnarr, Dejan Sirco; sein pedantischer Kompagnion Lysander Sutcliffe, ein durch magische Eskapaden im Körper eines Otters befindliche ehemalige Geist eines englischen Adeligen des 16. Jahrhunderts; sowie der beflissene Ex-Straßenjunge und jetztige ungestüme Filius der Detektei Mirko Zdar. Zum Quartett wird die Gruppe mit der resoluten und auf Benimm pochenden Bordellbetreiberin Esther, für mich die stärkste Figur des Romans und allein schon die Lektüre wert, so wie Victoria Schlederer vor allem diese Esther, und auch andere Figuren, glänzend in für Piefkes (= nichtalpenländische Deutsche) verständlich aufbereiteten K.&K.-Duktus parlieren läßt, was z.B. so klingt (S. 48):
»{…} Den sollten’S sehen, ganz voll Narben, an Stellen, wo man sich denkt, na, das tut doch weh …«
Leichte Abstriche muss ich machen, da der Handlungsverlauf bisweilen paradoxerweise auf mich zugleich beliebig und forciert wirkte, einige Szenen allzu plötzlich als Fremdkörperepisoden aus dem Gefüge herausragen und öfter als verzeihlich der Zufall oder neue Figuren die Handlung vorantreiben.

Trotzdem: als ›leichte (jedoch nicht ›platte‹) Lektüre‹ für Zwischendurch und Unterwegs für mich ein empfehlenswerter Roman und ein Debüt, dem ich gerne meinen neidvollen Respektes angedeihen lasse. Ich hoffe, Frau Schlederer wird in Zukunft weiteren feinen Garn für das Lektüregewebe historischer Alternativwelt-Phantastik spinnen, das ich durch Autoren/Autorinnen wie Gorden Dahlquist, Ju Honisch, Susanna Clarke, Ian R. MacLeod und Mark Frost zu schätzen gelernt habe.

•••••
Viktoria Schlederer: »Des Teufels Maskerade«; 19 Kapitel mit Anhang, mit 7 Bleistift-Illustrationen und 3 Karten von Iris Daub auf 542 Seiten; Heyne 2009; ISBN: 978-3-453-52655-6.

Dienstag, 17. November 2009
geschrieben von molosovsky, am: Dienstag, 17. Nov. 2009
Eintrag No. 595 — Die guten antville-Gastgeber haben in den letzten Wochen wieder fleissig Verbesserungen an der Blogwelt des Ameisendorfes vollbracht.

Nun ist es mir möglich einem Beitrag eine Vielzahl von Stichworten (Neudeutsch: ›tags‹) zuzuordnen, was ich bei den neuen Beiträgen gleich durchziehe, und im Lauf der kommenden Tage/Wochen auch auf die alten Beiträge anzuwenden gedenke. — Die zehn Hauptschubladen werde ich dennoch beibehalten, allein schon des Indexes wegen.

Stichworte: Wartung, Ordnung
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Molos Serie zu Neil Gaimans mit umfangreichen »Hilfreichen Handreichungen« als PDF.
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»Wonniglich verirrt im Labyrinth der Phantastik« aus
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• Honisch: »Das Obsidianherz«
• Miéville: »Un Lon Don«
• Brooks: »Operation Zombie«
• Harkaway: »Die gelöschte Welt«
• Pynchon: »Gegen den Tag«
• Duncan: »Vellum«
• Danielewski: »Das Haus«
Deutsche Fassungen (auch als PDF) der phantastischen Literaturseminare von ›Crooked-Timber‹ über:
»Der Eiserne Rat« von China Miéville
Remix von Marcus Hammerschmitt:
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Großes Lob für & Zitate aus:
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Großes Buh für & Zitate aus:
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Molos Übersetzung von Daniel Chandler:
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