»Eine andere Welt« (23) — Kap. XXI: Die Geheimnisse des Unendlichen von Grandville und Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 759Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

XXI. Die Geheimnisse des Unendlichen

Die Welt ist eine Seifenblase.
Newton.

Ohne das Unendliche versteht man das Endliche nicht.
Lehrbuch der Sternenkunde für Töchterschulen.

Jenseits des Raumes ist alles Geheimnis.
Bekenntnisse eines Kometen.

Schwadronarius’ Wanderungen durch den Raum. Der Reisende entdeckt den Ursprung aller Dinge und noch einiger anderen.

Man wird das Erstaunen begreifen, das sich Schwadronarius bemächtigte, als er sich umdrehte und weder die Laterna magica noch das Gliedermännchen mehr erblickte. Der frische Lufthauch der mit seinen Locken spielte, wie sich der aufmerksame Leser gefälligst die Güte haben wird zu erinnern, schwoll plötzlich zu einem Orkan an,, welcher das ganze Reich der Marionetten entführte und in einem Augenblick unsichtbar machte. — Mitten in diesem Wirbel hatte Schwadronarius die Geistesgegenwart sich an die Luftströmungen zu klammern. Auf diesem raschen aber nicht eben sehr sanften Rosse konnte er Courier reiten im Weltenraume, ohne andere Gefahr, als dass er mitunter an irgend eine Welt stieß, die hier gewissermaßen als Grenzstein hingestellt war. Mit einigen Beulen und Brauschen auf der Stirn kam er indessen noch davon.

Wir wollen diese übermondliche Reise nicht Station für Station beschreiben. Nachdem sie eine ziemliche steile Küste erklommen, hielt die Luftströmung einen Augenblick still um zu verschnaufen. Eine unermessliche Ebene bot sich Schwadronarius’ Blicken dar. Er hatte den Fuß auf den Pol gesetzt, welcher Pol indessen keineswegs von Diament ist, wie einige berichtet haben.

Eine Brücke, deren Enden das menschliche Auge nicht zugleich umfassen konnte und deren Hauptpfeiler sich auf Planeten stützten, führte über vortrefflich polierten Asphalt nach einer anderen Welt.

Gerade als Schwadronarius sie betreten wollte, zupfte ihn Jemand am Rockschoß und eine Stimme verlangte strenge Brückenzoll von ihm. Schwadronarius wandte sich um und erkannte Charon, der, durch die Einrichtung eines Steges von Eisendraht über den Styx zu Grunde gerichtet, sich hier eben hatte einen Invalidendeinst geben lassen. Um der polizeilichen Anordnung:

Schnell über diese Brücke zu reiten und zu fahren, ist bei fünf Rthlr. Strafe verboten

zu genügen, nahm die Luftströmung einen Paßgang an, so dass unser Reisender ganz bequem die ihn umgebenden Gegenstände betrachten konnte. Der dreihundertdreiunddreißigtausenste Pfeiler stand auf dem Saturn auf. Schwadronaius konnte sich nun überzeugen, dass der Ring dieses Planeten nichts Anderes sei als ein kreisförmiger Balkon, auf welchem die Saturnbewohner die Kühle des Abends genießen.

Jenseits der Brücke fiel die Luftströmung wieder in Galopp und trug Schwadronarius nach noch höheren Regionen. Die himmlische Mechanik ward ihm ganz enthüllt durch die Nachlässigkeit ihres Besitzers, der gerade an diesem Tage vergessen hatte, die Wolkenvorhänge zuzuziehen. Dieser Eigentümer war ein alter Zauberer, welcher Seifenblasen aufblies und sie dann in den unendlichen Raum schleuderte.

Altersschwach wie er war, bemerkte der Greis ungeachtet seiner Brille wahrscheinlich nicht, dass etwas unter ihm, ein kleiner Dämon, die Blasen abfing um sie auf seine Weise zu colorieren und allerlei Elemente der Störung und Verwirrung hinein zu praktizieren.

Kaum hatten sich die Seifenblasen von seinem Pfeifenstiele wieder abgelöst, so konnte man auch schon durch den Spiegel ihrer Umhülung hindurch die Szenen wahrnehmen, welche später die gewöhnlichen Peripetieen des menschlichen Drama bilden sollten. Liebe und Eifersucht spielten die Hauptrollen; darüber wird Niemand erstaunen, der da erfährt, dass der Dämon, welcher so den alten Magier hinter das Licht führte, ein Weib war.

Schwadronarius wollte den Zauberer von dem Streiche, den man ihm spielte, in Kenntnis setzten, aber sein Luftroß hinderte ihn daran, indem es mit ihm vorrübersauste. Auch zog schon ein neues Schauspiel seine Blicke an; eine verbrecherische Zerstreuung, die wiederum die Menschheit verhindert hat, sich der Herrschaft böser Leidenschaften zu entziehen und sich endlich der Wohltaten des goldenen Zeitalters, das ihrer Geduld schon so lange versprochen worden, zu erfreuen. Um die Menschen zu retten, brauchte er bloß einen Pfeifenstiel zu zerbrechen. Die Weisen werden sich nicht zufrieden geben über Schwadronarius’ Nachlässigkeit. Wer sollte es glauben? In diesem feierlichem Augenblicke hatte er lieber Maulaffen vor einem Jongleur feil.

Auf dem Pole eines ziemlich großen Planeten führte nämlich ein Equilibrist und Taschenspieler alle seine Künste aus. Nie entfaltete ein indischer Juggler solche Gewandtheit und Geschicklichkeit. Hinten, vorn, rechts, links warf er Kugeln in die Höhe und fing sie mit den Händen auf oder hielt sie ungeweglich auf der Nase.

Diese Kugeln waren nur Weltkugeln. So wurde Schwadronarius eingeweiht in das große Gesetz vom Gleichgewicht der Welten, jedoch nicht ohne in bedeutende Gefahr dabei zu geraten. Als er nämlich jene Stelle des Planeten erstieg, welche die Alten culmen {= lat. ›Gipfel, Kuppe, Spitze‹} zu nennen pflegten, kam ein Aerolith, der wie ein sublunarischer Ordensstern gebildet war, ihm dicht bei der Nase vorbei, und würde ihn zerschmettert haben, wenn er nicht gerade den Kopf hinten übergebogen hätte. Wehe dem Sterblichen auf den dieser Aerolith hinabstürzt.

Gegen Abend verlor die Luftströmung etwas von ihrer Kraft. Schwadronarius näherte sich der Erde und erkannte selbst die Formen gewisser Gebirge, die noch kein Reisender entdeckt hat. Zwischen zwei Bergspitzen breitete sich ein ungeheurer Blasebalg aus. In demselben Augenblicke in welchem er sich fragte, wozu ein solcher Ventilator diene, erhielt Schwadronarius’ Luftstoß eine so gewaltige Erschütterung, dass er Gefahr lief, auf die Dächer einer Stadt geschleudert zu werden.

Glücklicherweise drehte sich der Wind. Schwadronarius war gerettet, aber die Stadt in weniger als einer Sekunde in die entsetzlichste Verwirrung gebracht. Schilder, Feueressen, Hüte, Mäntel, Regenschirme, Perrücken, Dachziegel, Alles wurde fortgerissen und Niemand konnte sich in diesen Straßen aufrecht halten.

Schwadronarius begriff nun, dass der Blasebalg, den er gesehen, die Schläuche des Aeolus ersetzte und ihm jetzt der Ursprung der Orkane nicht fremd mehr sei. Hätten ihm die notwendigen Instrumente nicht gefehlt, so würde er nicht ermangelt haben, die geographische Lage des Blasebalgs genau aufzunehmen, um sie in alle Landkarten einzutragen. Er tröstete sich jedoch mit dem Gedanken, dass es dann vielleicht den Menschen gelungen sein würde, ihn zu zerstören und dass er dadruch der Literatur, indem er sie vieler Metaphern beraubt, und den Gewerbtätigen, welche von der Verfertigung der Aushängeschilder, Hüte, Regenschirme und Perrückten lebten, — ohne es zu wollen, — großen Schaden zugefügt hätte.

Eine Minute länger und der Erdball wäre auf seinen Fugen gewichen. Aber der Sturm legte sich. Sanft auf Wolkenkissen sich lehnend, welche die untergehende Sonne mit goldenen Fransen säumte, zeigte sich mitten im Weltraum das Haupt eines blöden, schüchternen jungen Mädchens Schwadronaius’ entzückten Blicken. Luna war es, die sich im See spiegelte, um sicher zu sein, dass Endymion sie schön fände. — Sie war mit ihrer Toilette zufrieden und zog langsam weiter.

Ihre Gegenwart genügte, Frieden zwischen den Elementen zu stiften; sie schwiegen, um sie ungestört bewundern zu können, und Schwadronarius setzte seine Himmelsreise fort.

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»Eine andere Welt« (22) — Kap. XX: Aerostatische Lokomotionen von Grandville und Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 754Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

XX. Aerostatische Lokomotionen

Ihr, so da fliegen wollen,
Betrachtet Ikarus,
Den naseweisen tollen,
Er kam zu bösem Schluß,
Phoebus ist ihm gestiegen
Alsbald zu Kopfe stracks.
Drum wißt: Man wird nie fliegen
Mit Fittigen von Wachs.
Griechischer Hymnus.

Die Herrschaft des Dampfsystems liegt weit hinter uns und hat sich ganz überlebt.
Ein moderner Philosoph.

Doctor Puff, Neugott, führt nach einander auf verschiedene Weise mehrere Luftfahrten aus, kehrt mit ungewöhnlicher Schnelle auf die Erde zurück und findet hier einen ganz unverhofften Empfang.

Das traurige Ende einer Unsterblichkeit, der Puff die Augen zudrückte, veranlasste den Doctor zu ernsten Selbstbestrachtungen. Als Neugott sah er sich von ewiger Langeweile bedroht, und glaubte schon dies schleichende Gift in seinen Adern zu fühlen, so daß er sich nach seiner früheren bescheidenen Niedrigkeit zurücksehnte. Nachdem er von den Blumen freundlich Abschied genommen, deren Familienleben und gesellschaftlicher Organismus sein Gepäck von Beobachtungen vermehrt hatte, beeilte er sich den Garten zu verlassen, indem er sich sogleich die in solchen Fällen üblichen Fragen vorlegte.

»Wohin wende ich mich! Wohin wende ich mich nicht? Gehe ich bergan oder bergab, in die Länge oder in die Breite, in gerader, schiefer, kreisförmiger, diagonaler, horizontaler oder senkrechter Linie? Was soll ich tun um vor Erwartung keuchende Leser und Verleger, deren einzige Hoffnung auf meinem Genie beruht, zufireden zu stellen?«

Diese Fragen erwägend, fiel es ihm plötzlich ein, daß er kürzlich den Titel eines Buches gesehen, welcher lautete: »Die Reise ins Blaue«. — »Hurrah!«, rief er. »Ins Blaue! Gerade hinein, so ist’s recht und Zickzack obendrein!«

Diese Reise alsbald anzutreten war ihm ein Geringes, nur fehlte ihm noch irgend eine bewegende Kraft. Nicht weit davon sah er Arbeiter an einer Eisenbahn damit beschäftigt, für den künftigen Schienenweg Felsen zu sprengen und Abgründe auszufüllen. »Arme Leute!«, sagte er, und konnte nicht umhin die Achseln zu zucken und mitleidig zu lächeln, als er seinen, von ihm in einer schlaflosen Nacht erfundenen, einfachen und doch blitzschnellen Mechanismus mit diesen kostspieligen und doch weit hinter der Gegenwart zurückgebliebenen Mitteln zur Bewegung im Raume verglich. Demungeachtet verschmähte er indessen doch nicht, sich jener zahlreichen und kräftigen Arme zu bedienen, um seiner Maschine die notwendige Kraft zu verleihen. Dann setzte er sich auf dem einen Ende seiner Zugbahn, wie er sie nannte, hin, und befand sich in weniger als einer Drittelsekunde auf dem Gipfel eines Berges, den die Geographen nich immer vergessen haben, in den Landkarten aufzuführen.


Nachdem er abgestiegen war um die Gegend in Augenschein zu nehmen, fand er den Boden mit Papierdrachen besät, die ihre Bindfäden zerrissen und sich hier ein Stelldichein gegeben hatten. Dies schien ihm ein vortreffliches Mittel um sein Aufsteigen zu befördern, weshalb er auch keinen Augenblick zögerte, sich Hüften, Füße und Arme mit dem neuen aerostatischen Apparat gürtete und gleich weiter in die See des Aethers stach.

Anfangs ging es ganz vortrefflich und der Wind blähte seine Segel; bald aber lähmten widrige Luftströmungen die Kraft seines Vorspanns und er blieb eine halbe Stunde unbeweglich, wie ein Fixstern. Diese Situation fing an ihm mehr als seltsam vorzukommen, da ergriff ihn plötzlich eine günstige frische Kühle, und setzte ihn bei einer verlassenen Windmühle, die er durch die Dunstwolken hindurch bereits erblickt hatte, nieder.


Puff warf jetzt seine Flügel in alle Winde und ging in die Mühle; durch eine Öffnung, von der aus seine Blicke Land und Meer überschauten, sah er plötzlich die Wogen schäumen, kochen und aufwirbeln und ihm am Ende einer elastischen Spindel eine Depesche zuschleudern, die er voll Eifer ergriff, da er auf der Adresse Kracks Handschrift erkannte. Wir werden ihren Inhalt jedoch erst später mitteilen.


Indem er noch über die Mittel nachsann, durch deren Hilfe die dritte Phase seiner aerostatischen Odyssee sich erfüllen könne, sah Puff in einem Winkel alte Papiere und unter diesen das Hauptbuch des verschwundenen Müllers. Der Neugott durchlas dasselbe und es belehrte ihn, daß das eben so kühne als sinnreiche Werk, in welchem er sich befand, gebaut worden sei, um Tannen-Sägemehl in Griesmehl zu verwandeln. Die letzten Zeilen des Buchhalters berichteten, daß die Aktieninhaber zusammenberufen worden, um das Unternehmen auszulösen und das Inventarium sammt dem Gebäude zu verkaufen.

Gerade als unser Neugott diesen traurigen Trümmern großartiger Spekulation eine Zähre des Mitgefühls weihte, erschütterte ein heftiger Windstoß das luftige Haus. Puff erkannte alsbald den Nutzen der daraus zu ziehen war.

»Was Flügel hat, dessen Beruf ist es zu fliegen; eine Mühle hat Flügel, ergo«, lautete sein höchst logischer Schluß, der so vollendet war, daß er ihn gar nicht vollenden brauchte.

»Vorwärts«, rief er, »die Augenblicke sind kostbar und die Wirtshäuser sehr dünn gesät in diesem Landstrich.«

Bei diesen Worten machte er den Mühlstein los und warf ihn als überflüssigen Ballast hinaus. Die erleichterte Mühle erhebt sich von einem Windstoß gefasst in die Luft; ihre vier Flügel fangen an rasch zu arbeiten und von Neuem durchschneidet unser Neugott den blauen Aether.

Wechselweise der Erde nahe kommend und sich von ihr entfernend, erschien diese wunderbare Maschine, wunderbarer als die, welche dem Ritter von der Mancha wie ein Riese mit tausend Armen vorkam, um ihm Trotz zu bieten, der ganzen zivilisierter Welt als etwas unendlich Wunderbares; denn sie forderte die Vögel zum Wettflug heraus und entthronte den Dampf. Überall wurden, um sie zu begrüßen, die Hüte geschwenkt und mit den Taschentüchern wurde geweht.


Berauscht von diesem allgemeinen Enthusiasmus, der sich durch lautes Freudengeschrei äußerte, überhäuft mit Ruhm, aber nicht gesättigt, strebte Puff nach Erfolgen die noch weit größer waren. Die Idee, die Mühlenflügel an seinen eigenen Leib zu heften, fährt ihm wie ein Blitzstrahl durch den Kopf, und wird eben so schnell von ihm verwirklicht. Aus seiner fliegenden Arche, zum großem Erstaunen der verblüfften Menge steigend, erscheint er plötzlich wie ein ungeheurer Condor in den Lüften schwebend; dann aber nimmt er einen neuen Aufschwung und verschwindet jenseits der Wolken.

Aber ach, jedes Gestirn hat seine Erdferne und Erdnähe, seine Sonnennähe und Sonnenferne. Von seinen kühnen Flügeln getragen schwebt er über dem flammenden Krater eines Vulkans hin schon riecht einer von seinen Flügeln versengt…. Er verliert das Gleichgewicht — er wirbelt, im vollsten Sinne des Wortes … Himmel! Was soll aus ihm werden? Zerschmettert er seinen Schädel an einem Felsen, spießt er seinen Leib auf einer Kirchturmspitze, oder wird er, ein neuer Ikarus, dem Meere, das ihn verschlingt, seinen Namen geben?


Nein! Beruhigen Sie sich, gefühlvolle Leserinnen; Puff ist ja unsterblich. — Liebliche Schäferinnen, holde Schnitterinnen, vereinigt um den kühnen Hauptschmuck der Wiesen zu scheeren, haben den Tauber bemerkt, den des Jägers tödliches Blei traf. — Sie eilen herbei, um seinen Fall zu mildern; ihre Arme und ihre Schürzen strecken sich in edelstem Wetteifer aus, diesen göttlichen Mondstein aufzufangen. Glycere, Amaryllis, Phyllis, Galathee, Mimili, haltet Euch tapfer und mögen Eure Schürzen aus festem Gewebe sein!

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»Eine andere Welt« (21) — Kap. XIX: Der Tod einer Immortelle von Grandville und Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 753Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

XIX. Der Tod einer Immortelle

Die Langeweile ist der Unsterblichkeit Kind.
Homer.

Nachdem er sein Kautschuck-Beafsteak und das zweite Kapitel von Kracks Manuskript, beide gleich schwer verdaulich, zu sich genommen, geht Puff in einen Garten, um den Duft der Blumen zu atmen, und wird Zeuge eines Selbstmordes.

Wie süß ist es, in einem Garten zu lustwandeln, wenn auf den Fittigen der Frühlingslüftchen die Blumen ihre Düfte tauschen gleich eben so viel Boten der Liebe!

Wie süß ist es — aber lassen wir es dabei bewenden; wollte ich meiner Begeisterung freien Lauf lassen, so müßte ich sie steigern und in Versen fortfahren, und dazu habe ich mich nicht mit dem nötigen Vorrat an Reimen, langen und kurzen Silben und Flickwörtern für die Reise versehen.

Um die Wahrheit zu gestehen, so ging ich nur in diesen Garten, um fern von dem Treiben und Lärmen der Welt meine Verdauung besser abwarten zu können; die hier landesüblichen Beafsteaks liegen entsetzlich schwer im Magen. Es wird mir aber doch gelingen, mit Hilfe des guten alten Sprichwortes: Geduld, Vernunft und Zeit macht möglich die Unmöglichkeit.

Wie glücklich bin ich, die Sprache der Pflanzen und Vögel zu verstehen! Die Wissenschaft wird mir eine große Entdeckung mehr verdanken.

Als ich den Garten betrat, zog ein Schmetterling, der eine Immortelle umgaukelte, meine Aufmerksamkeit an; eine Spinne, die unter derselben Pflanze ihre Fäden gezogen hatte, sagte zu ihm:

»Du verspottest mein Netz, weil Du ein alter Praktikus bist, aber Deine Kinden könnten es bezahlen müssen. Ich bin indessen bereit, mit Dir ein Bündnis zu schließen. Ich werde Dich und die Deinen verschönen unter der Bedingung, daß Du mir Deinen Rücken leihst und mich hinträgst, wohin es mir beliebt.«

»Angenommen«, entgegnete der Schmetterling und setzt sich auf die Erde.

Die Spinne bestieg seinen Rücken und fort ging’s. Einen Augenblick verlor ich sie aus dem Gesichte, dann aber sah ich sie sich auf dem Wipfel eines Baumes am anderen Ende des Gartens niederlassen. Ich fragte mich, was die Spinne bewegen könne, solchen Unterricht in der Reitkunst zu nehmen — als Mittel gegen zu vieles Sitzen wandte sie es sicher nicht an — da gewahrte ich plötzlich einen langen siblernen Faden, der von dem Baum bis zur Immortelle gezogen war. Vermittelst der Bereitwilligkeit des Schmetterlings hatte nämlich die Spinne ihr Schlappseil ziehen können, auf welchem sie nun gar viele Seiltänzerstückchen mit und ohne Bancierstange ausführen konnte. Eben machte sie den gefährlichen Luftsprung, als der zarte Faden plötzlich riss und die Immortelle zugleich herzlich lachend ihren Stengel schüttelte.

Von jeher bin ich ein großer Freund der Akrobaten gewesen. Erzürnt setzte ich die die Immortelle daher zur Rede, warum sie der kunstreichen Spinne den an ihrem Stengel befestigten Faden zerrissen hatte.

»Um mir die Langeweile zu vertreiben«, antwortete sie freimütig. »Wenn man schon seine sechstausend Jahre gelebt hat und nicht weiß, wann man sterben wird, so ist jedes Mittel gut, sich Zerstreuung zu verschaffen. — Übrigens hat sie Spinne ihr Schicksal wohl verdient; sie bringt ihre Tage damit zu, die Schmetterlinge durch große Versprechungen zu hintergehen, und bedient sich ihrer Flügel, was sie jedoch nie hindert, die Nachkommenschaft derselben bei der ersten Gelegenheit zu verzehren. Du kannst mir’s glauben, mein Freund, eine Immortelle hat Erfahrung«

Eine Rose in unserer Nähe schüttelte ihre Blätter und öffnete ihren Kelch; süßer Duft verbreitete sich ringsum.

»Meine Nachbarin macht Toilette«, fuhr die Immortelle wehmütig fort. »Um die Rückkehr des Frühlings zu feiern, geben die Blumen und die Früchte einen Ball, den der Gott versprochen hat, durch seine Gegenwart zu verherrlichen. Siehst Du nicht die Vorbereitungen zu dem glänzenden Feste? — Die Nelke schminkt sich und streut ein Bischen Puder in das Haar; die Riecherbse, geschniegelt und parfümiert, eilt schon nach dem Ballsaal; die Kaiserkrone schmückte ihre Stirn mit Smaragden; die Lilien prunkt mit ihrem Kragen von feinem Batist; die Stiefmütterchen ordnen ihren sammetnen Kopfputz. Der Franzapfel hat die Georgine für den ersten Contretanz engagiert; der Quittenapfel walzt mit der Erdbeere, und macht schon lange einer Anemone den Hof. Die Birne sorgt für die Erfrischungen, denn man muß immer eine Birne für den Duft haben. — Aber ach, während sie springen, tanzen, lachen, muß ich den Abend mit einem alten Kaktus zubringen, der mich mit seinen Geschichten langweilt.«

»Sie sind also nicht zu dem Balle eingeladen, gnädige Frau?«, fragte ich bescheiden.

»Eingeladen?«, erwiderte sie. — »Verbannt haben sie mich; die Wolfsrachen und die Granatzweige, welche Schildwache vor dem Ballsaal stehen, würden mir den Eintritt verwehren. Es ist jetzt ungefähr tausend Jahre her, daß ich versuchte, mich dort zu zeigen; da ich aber nach Patchouli roch, so zeigte man mir die Tür unter dem Vorwande, die Damen könnten diesen Parfüm nicht vertragen. — Nach solcher Beleidigung wollte ich sterben; aber es war unmöglich, denn nicht umsonst war ich eine Immortelle.«

»Aber wie sind Sie das geworden, meine Gnädigste; ich kenne nur den ewigen Juden, der ein gleiches Privilegium hat?«

»Meine Geschichte ist folgende. Die Welt war eben zweijährig. — Von dem Stamme eines wilden Feigenbaumes beschützt, hatte ich meine Schwestern der Strenge des Winters erliegen sehn, ohne daß es demselben möglich gewesen, mich zu erreichen. Der Frühling kehrte wieder und durchzog die Lüfte, einen Korb mit Blumen auf die Erde ausschüttend. Er war so lieb, so mild, daß ich ihn bat, mich vom Tode zu befreien. Meine Wünsche wurden erhört; aber um welchen Preis! Mein Leib magerte ab und dörrte aus; meine Düfte entwichen, ich verlor alle Jugend und alle Frische; ich ward eine alter Jungfer. — So sterbe ich nicht, aber ich bin immer alt. Ich habe keine Hoffnung mehr, als daß die Götter selbst, von meinem Elend gerührt, mir eines Tages den Tod senden …«

»Wenn die Königin der Blumen, die Rose, sich zu einem Feste begiebt, von ihrem glorreichen Gemahl, dem Oleander, begleitet, so umringen tausend Anbeter den von ihren Sklaven getragenen Palantin. — Alle Blumen eilen dem glücklichen Paare entgegen und bringen ihre Huldigungen dar. — Ich dagegen stehe allein und verlassen da; mein ganzer Hofstaat sind einige zynische Schnecken, die wie Diogenes ihre Tonne herbeirollen und Schutz zu meinen Füßen suchen. — Einem jungen Lilienstengel gab ich zu verstehen, daß ich ihn liebte; er entfernte sich mit Abscheu von mir und nannte mich die Totenblume. — Der Kaktus allein ist meine einzige Erholung in der Einsamkeit. — Aber, o Gott, was muss ich erblicken!«

Ich sah mich um und gewahrte den herausgeputzten Kaktus, der sich schläfrig nach dem Ballsaal, einem Treibhause begab. Jetzt begriff ich die Verzweiflung der Immortelle.

Der Klang der Instrumente drang bis zu uns. Eine Insektenbande — herumziehende Prager — spielten die neuesten Walzer, Galoppaden und Polkas; das Flageolet der Grillen mischte sich zu der Klarinette der Heuschrecken; die Scheiben des Gewächshauses klirrten taktmäßig von den Sprüngen der Tänzer.

»O Götter!«, rief die Immortelle, »da mich die ganze Welt verläßt, gewährt mir den Tod!« — In demselben Augenblicke tat sie einen Ruck, riß sich selbst aus dem Boden des Beetes heraus, fiel der Länge nach hin, und flüsterte mit erlöschender Stimme: »Endlich kann ich sterben!«

Seit diesem Tage ist ein Immortellenkranz von Papier das Emblem des Genius.

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»Eine andere Welt« (20) – Kap. XVIII: Ein Nachmittag im zoologischen Garten (2) von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 750Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

XVIII. Ein Nachmittag im zoologischen Garten

Alle Gattungen sind gut, nur nicht die unbekannte Gattung.
Aristoteles.

Fortsetzung und Schluß des Vorigen.

»Ein gewaltiger Lärm, nicht weit von mir, mit Gelächter, Geschrei und anderem Toben untermischt, reizte meine Aufmerksamkeit. Ich begab mich dorthin und sah Individuen jeder Art, jedes Alters, Geschlechts und Standes; Näherinnen, Soldaten, Kindermädchen waren es, die den Rand einer weiten und tiefen Grube besetzt hielten. Es kostete mir einige Mühe, einen Platz zu finden. Doch gelang es mir endlich, Dank den Bemühungen einer alten Frau, welche mit Fischen, jungen Hunden und Kätzchen handelte, die, wie ich später erfuhr, den Bewohnern der Grube als Leckerbissen hingeworfen werden. Die hier aufbewahrten Bestien sind alle zweiköpfig; ihr zweiter Kopf sitzt nämlich am Ende der bekannten Verlängerung der Rückenwirbel, die man im gewöhnlichen Leben Schwanz zu nennen pflegt. Sie erfreuen sich sämmtlich auch doppelter Organe der Verdauung, vermittelst deren sie beständig zu fressen vermögen, denn wenn die Vorderseite satt ist, fängt die Hinterseite an ihren Hunger zu stillen, und ist sie befriedigt, so hat jene neuen Appetitt bekommen, zur fortwährenden großen Ergetzlichkeit des Publikums.


»Einer meiner Nachbarn erzählte mir, daß der Sohn eines Karpfens und einer Häsin in die Grube gefallen und alsbald doppelt verschlungen worden sei von dem jüngsten dieser Bären, der gerade, als ich ihn sah, sich anmutig auf die Vordertatzen stellte und seinen hinteren Schlangenhals lang ausstreckte, um ein Stück Kuchen zu erhaschen. Ein Soldat, der seinen Tzschako hate haschen wollen, den ihm der Wind vom Kopfe gerissen, hatte das Unglück, vom Hinterrüssel eines anderen Doppelrachen gepackt und in die Ewigkeit geschleudert zu werden. Man zeigte mir den Urheber dieser Missetat; er schließ als Elephant und spielte als Stör mit einer Kugel. Der Katalog ist voll von solchen Tatsachen; ich führe sie jedoch nicht an, damit man mich nicht des Plagiats beschuldige.

»Von Vögeln hatte ich bisher nur die heraldischen gesehen; jetzt aber befinde ich mich vor einem großen Vogelheerde. Das Verzeichnis liefert folgende Notiz über diese gefiederten Wesen.

Provisorische Gattungen

»Wir sind bis auf weiteres gezwungen, unter dieser Benennung diejenigen Vögel zusammen zu fassen, welche die Wissenschaft noch nicht zu klassifizieren vermochte; nicht als ob sie darauf Verzicht leistete (die Wissenschaft leistet auf Nichts Verzicht), sondern weil die Akademie noch nicht die Zeit hatte die Wörter zu bilden, welche dazu dienen sollen, diese neuen Gattungen zu bezeichnen. Vierzig Akademiker sind fortwährend damit beschäftigt und schon ziemlich weit vorgeschritten. Der erste Teil dieser Namen ist schon erfunden — denn jede scientistische Benennung muß aus zwei Teilen wenigstens bestehen — und der zweite Teil wird auch bald folgen. Diese Nomenklatur muß wenigstens jedem Gebildeten verständlich sein, bis zur Vollendung derselben muß es aber den Freunden der Naturwissenschaften anheim gestellt bleiben, wie ihre Phantasie diese Geschöpfe zu charakterisieren für gut findet.

»Das würde mich zu lange aufhalten, ich verzichte darauf. Übrigens täten die Gelehrten dieses Landes wohl daran, sich selbst zu bestimmen, ehe sie die Tiere bestimmen. Die sonderbare Erscheinung eines Menschenkopfes auf einem Tierkörper wiederholt sich jeden Augenblick und noch ist es keinem Philosophen gelungen, die Grundbedingungen dieses sonderbaren Dualismus zu ermitteln.

»Einige Besucher dieses Gartens hatten zu gleicher Zeit mit mir vor dem Vogelheerde Halt gemacht. Unter ihnen war ein kleiner Greis, halb Mensch halb Papagei, der tortz dem offiziellen Verbot einen geflügelten Lachs neckte; neben ihm stand seine Gattin, eine Dame, deren Körper in den Schwanz eines Haifisches auslief. Ihr Söhnchen, das sie an der Hand führte, fraß Gerstenzucker und stand auf den Füßen eines Kückens.


»Meine Verwunderung steigt; ich öffne von Neuem den Katalog und setze meine merkwürdigen Forschungen fort.

Die Hybriden

»Wiederkäuende Vögel, geflügelte Vierfüßler, vielhufige Insekten; alle diese Tiere sind im zoologischen Garten geboren, man verdankt diese Mischlinge der Sorgfalt des Herrn Professors der Zoologie. Sie zeugen wiederum gekreuzte Arten, welche unzählig sind wie die des Pflanzenreichs.

»Als die merkwürdigsten führen wir an: den Hirschstorch, den Bockfloh, den Gemsenkasuar, den Schneckenhasen, den Schneckenschmetterling, den Eulenkater, das Ibismandrill, die Stachelschweinmücke.


»Die Giraffenrhinoceros und Elephantenkäfer bilden eine eigene Klasse unter dem Namen: Läufer, welche keiner ethymologischen Erläuterung bedarf; sie lassen sich leicht zähmen und wären vortrefflich zum Reiten zu gebrauchen, da sie den Lokomotiven an Schnelligkeit gleich kommen. Die Regierung hat eigene Landesgestüte für ihre Erhaltung und Vermehrung errichtet und mehrere Liebhaber von Wettrennen folgten diesem erhabenen Beispiel. — Vermittelst dieser lobenswerten Bemühungen wird bald viel Geld im Lande bleiben.


»Alle diese äußerst friedlichen und sanftmütigen Tierarten leben sehr vertäglich in einem Teil des ihnen bestimmten Parks zusammen.

Nun komme ich zu einer großen Gallerie; sie ist für das Mineralreich eingerichtet, wie der Katalog besagt. Werfen wir uns auf das Mineralreich.

Krystallisationen
Petrefakten, Stalaktiten

»Die menschliche Intelligenz weiß den Erdball ihrem Willen zu unterwerfen; indem sie die Natur kopierte, stellte sie sich ihre gleich und entlieh ihr Farbe und Form.

»Die Architektur entwickelte sich ganz aus den verschiedenen Kystallisationen, Petrefakten und Stalaktiten. Die ägyptischen Pyramiden, die griechischen Säulenordnungen und die gothischen Spitzen haben keinen anderen Ursprung. Der Mensch schöpfte seine sinnreichsten und anmutigsten Erfindungen aus den Launen der Natur; er hat ihr Alles abgeborgt, von der Baukunst bis zu den Schmucksachen, von den Palästen bis zu den Telegraphen, von den Ordenskreuzen bis zu den Lichtauslöschern, von den Zuckerhüten bis zu den Pfundbroden, den Würfeln, den Dominosteinen u.f.m.



Seepflanzen, Muscheln, Madreporen.

»Wir haben eben gesehen, wie der Mensch von der Natur das Geheimnis der Künste borgte; jetzt überraschen wir die Natur, wie sie von dem Menschen Vorbilder entlehnt. Was sind denn die Seepflanzen anderes als eine genaue Reproduktion von Spitzen, Schnüren, Bürsten, Schirmen, Epauletten, Pompons, Federbüschen, Toupets, Kämmen und dergleichen mehr?




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»Eine andere Welt« (19) – Kap. XVII: Ein Nachmittag im zoologischen Garten (1) von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 746Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

XVII. Ein Nachmittag im zoologischen Garten
Kracks Manuskript.
Zweites Kapitel

Je mehr wir von der Natur kennen lernen, desto mehr wissen wir, dass wir noch nichts von ihr wissen.
Über die Nachtseite der Natur. Th. II, S. 1543.
Wie der Schönheit die Laune, so steht der Natur das Ungeheuer.
Neueste Naturphilosophie. Th.. VI, S. 798.

Eindrücke und Dokumente für die Aprilrreise erwartend, setzt Puff die Lektüre von Kracks Manuskript fort.

»Ich bemerkte heute zum ersten Mal, dass rauschende Freuden die Melancholie in ihrem Gefolge haben, der Lärm des Maskenballs umschwirrt mich noch und verscheucht mir allen Schlaf. Die reine Landluft wird mir gut tun, ich eile sie einzusaugen.

»Vor meinen Füßen öffnete sich ein unbegrenzter Raum, ohne Baume, ohne Pflanzen, ohne Blumen. Eine sanfte Dämmerung vertritt die Stelle des Schattens und des Laubes, eine warme balsamische Luft die der Pflanzendürfte; Nichts unterbricht das Schweigen und die Einsamkeit, die ringsum herrschen. Ich schreite vor, indem ich dem Echo, das mir nicht antwortet, die sanften Klänge eines empfindsamen Liedes Preis gab.

»Doch plötzlich, als ich die Bemerkung mache, dass diese Gegend mir nicht allein nicht bevölkert, sondern ganz öde zu sein scheint, vernehme ich einen dumpfen und abgemessenen Lärm in der Ferne. Ohne Zweifel ein Pferd, auf dem ein Reiter sitzt, sage ich zu mir. Aber es war nicht eigentlich ein Pferd und auch nicht eigentlich ein Reiter. Soviel ich während des raschen Vorrübersprengens wahrnehmen konnte, hatte das Geschöpf, das sein eigentümliches Roß zu der Verfolgung eines grünen Bären (von dem ich später erfuhr es sei ein Bär-Boa) antrieb, viel vom Menschen, obwohl seine Füße die eines vierfüßigen Tieres und sein Kopf eben nicht ganz menschlich waren. Ich glaubte zugleich das Bellen eines Hundes zu vernehmen, sah aber nur den runden Rücken einer Schildkröte, welche eifrig die Fährte des Wildes zu verfolgen schien. Zu welchem Geschlechte gehören denn die Geschöpfe, die ich so eben erblickte und wie kommt es, dass Schildkröten wie Windhunde laufen? Ich ging eine halbe Meile weit fort, ohne mir die Frage lösen zu können.

»Überschlage ich es recht, so wandelte ich wohl anderthalb deutsche oder zwei Postmeilen weit, ohne mich von meinem Erstaunen zu erholen. Ich fühlte mich ermüdet, legte mich auf dem Sande hin und schlief ein. Mein Schlummer war ganz traumlos; Morpheus schloß mir hartnäckig das Tor von Elfenbein, durch welches die Träume ziehen, die die Götter und Erdgeborenen erfreuen.

»Da weckte mich das Gebell wieder, ich sah die Schildkröte mit dem Hühnerhundskopfe, die mich kläffend umsprang. Einige Schritte weiter lag das seltsame Roß ausgestreckt auf dem Boden. Der Herr desselben schritt auf seinen beiden Pferdehufen näher und redete mich mit einigen Worten an, die ich mir in meine Sprache übersetzte mit: ›Gehorsamer Diener, mein Herr!‹

»Ich lasse alle weiter Präliminarien dieses Zusammentreffens weg; es genüge Dir zu erfahren, dass dieses überaus höfliche Ungeheuer nichts anderes ist als ein alter Zentaur, den die Naturforscher des Landes damit beauftragt haben, auf die seltenen Tierarten Jagd zu machen, um den neugestifteten zoologischen Garten damit zu bereichern. Der scientistische Jäger nahm mich hinten auf sein Roß, wir durchzogen mehrere Dörfer, und begegneten unterwegs zwei Lieferanten von fremden Bestien, die den zoologischen Garten versorgten, und gerade ein Amphibiendromedar dorthin brachten. Mein Führer teilte mir nun so viel Interessantes über diesen neu gestifteten Garten mit, dass ich mich beeilte ihn zu besuchen.

»Aber eine genaue Beschreibung desselben würde mich zu weit führen. Ich lasse also den Zufall und die Laune eben so bei der Schilderung walten, wie sie es mit mir während des Besuches taten und teile Dir, um doch nicht zu unwissenschaftlich zu sein, die nötigen scientistischen Notizen über die einzelnen Stücke dieser ebenso reichen als merkwürdigen Sammlung mit, wie ich sie dem beschreibenden Verzeichnisse entlehnte, das am Eingang verkauft wird.

Sirenen
Geschenk des Herrn Ulysses von Ithaka, Kapitän einer levantischen Brigg

»Diese Tiere, halb Fische halb Weiber, werden gewöhnlich in der ficilischen Meerenge gefunden. Ihre vorzügliche Beschäftigung besteht darin, die Schiffer durch ihren Gesang anzulocken und diese dann ihrem unersättlichen Hunger zum Opfer zu bringen. Die Natur hat sie mit einer seltenen und wunderbar schönen Stimme begabt. Ohne Mühe erreicht dieselbe eine fast unglaubliche Höhe, schlägt die prachtvollsten Triller und führt die schwersten Coloraturen aus. Man hat versuchen wollen, sie für die Bühne zu dressieren, aber es war unmöglich sie zu diesem Zwecke zu zähmen, auch konnten sie das trockene Klima der Kulissenwelt nicht vertragen. Ihre Stimme ist übrigens so zart und mächtig, dass die Seefahrer in diesen Gewässern sich häufig genötigt sehn, ihre Ohren mit Jungfernwachs zu verstopfen. Über die Fortpflanzung dieser Tiergattung schwebt die Wissenschaft noch immer im Dunkeln. Die Vermutung, dass die lange am Rhein gesehene und eben so oft besungene als singende sogenannte Lorelei eine versprengte Sirene gewesen (wie als versprengte Walfische gibt), ist durch die neuesten Forschungen zur Gewissheit erhoben worden.

»Rings um das Bassin der Sirenen hatten sich viele wissbegierige Besucher des Gartens versammelt; mir selbst lag daran zu erfahren, welchen Eindruck meine Erscheinung auf diese verräterischen Tiere machen würde. Mehrere junge Leute haben sich bis zur Raserei in diese hübschen Ungeheuer verliebt. Ein Wächter ist beständig gegenwärtig, um sie am Singen zu verhindern. Die leiseste Note, die sie anschlügen, würde unzählige Selbstmorde veranlassen, denn zwei Drittel der männlichen Bevölkerung stürzten sich ohne Zweifel in das Bassin. Die strenge Bewachung der Sirenen gehört zu den peinlichen {im alten Sinne des Wortes ›lästig‹, ›schmerzhaft‹, hier also gemeint: ›mit höchster Anstrengung zu leistenden‹} Amtspflichten des Direktors vom zoologischen Garten. Sein Vorgänger wurde ohne Pension entlassen, weil er einer Sirene einmal die einfache Skala zu singen gestattete; ich billige diese Maaßregel von ganzer Seele und bin überzeugt, die Freunde der Ordnung und der öffentlichen Sittlichkeit stimmen mit mir darin überein.

Wenden wir uns jetzt zu einer anderen Gattung. Wir finden ganz in der Nähe, so wie auf der folgenden Seite des Katalogs:

Die heraldischen Tiere
Aus verschiedenen mehr oder minder entfernten Reichen von einem ungenannten Freunde der Naturwissenschaften mitgebracht und hieher geschenkt.

»Diese Tiere wurden in verschiedenen Reichen gesammelt, wo die Eingeborenen ihnen fast göttliche Ehren, wie ehemals die Ägypter dem Apis und Ibis, erwiesen. Ohne Zweifel hat die Erinnerung an jene Art von Cultus sie stolz gemacht und hindert sie, in gutem Einvernehmen mit einander zu leben. Übrigens arten diese Gattungen von Tage zu Tage mehr aus und einige derselben sind schon gänzlich ausgestorben.

»Stolz! Du richtest auch die Tiere zu Grunde: welche Lehre für die Menschen!«

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»Eine andere Welt« (18) – Kap. XVI: Liebesgeschichte des Gliedermännchens von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 743Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

XVI. Liebesgeschichte des Gliedermännchen.

Deine Augen sind Sterne!
Sterne sind Deine Augen!
. . . . . . . .
Sterne meiner Nächte!
. . . . . . . .
Wenn der Stern der Liebe aufgegangen
. . . . . . . .
Ist es möglich. Stern der Sterne?
Fragmente aus deutschen Dichtern.

Geheime Denkwürdigkeiten aus der mythologischen Zeit. Eines Zephyr’s Autobiographie. — Die Rache der Venus. — Ein Gliedermännchen, das seine Flügel wieder erhält.

Es wäre vielleicht am passendem Orte genau zu berechnen, wie lange die Ohnmacht des Gliedermännchens dauerte; aber uns fehlen die algebraischen Formeln für derartige Aufgaben, und selbst Zacharias Dahse würde hier stecken bleiben, denn wer kann den Moment calculieren, wo die Knospe aufblüht und der Wassertropfen sich kristallisiert. So viel ist indessen gewiß, als er wieder zu sich kam, krähte der Hahn und verkündete das Wiedererwachen der Natur. Aurora zog ihre Rosahandschuh an, um mit zarter Hand den Vorhang der Nacht aufzuziehen und der Lampenputzer der Himmelslichter zündete die Sonnenstrahlen an.


Reize eines schönen Morgens, welches Wesen kann bei Eurem Zauber gefühllos bleiben? Das Herz des Gliedermännchens war nicht geschaffen Euch Widerstand zu leisten. Ein süßes Bedürfnis nach Mitteilung bemächtigte sich seiner Seele, der Hauch des Morgens gab ihm neue Kräfte; bald stand es auf. Die Gliedermännchen liebten es nicht, lange ausgestreckt zu liegen. Kaum war das unserige von Neuem auf den Beinen, als es mit einem schmerzlichen Seufzer ausrief:

»Junger Zeuge meiner Schwäche, ich darf Ihnen Nichts mehr verheimlichen: erfahren Sie also meine Geschichte.

»Unbekannten Eltern verdanke ich das Dasein. Eines Tages entschlüpfte ich den duftenden Lippen irgendeiner Nymphe, die vor Liebessehnsucht seufzte; so werden alle Zephyre geboren, denn wie ich Dir jetzt auch erscheine, ich bin ein geborener Zephyr.

»In dieser Eigenschaft trieb ich mich auf’s Geratewohl im Raume umher. Da keine sorgsamen Eltern meine Erziehung überwachten, so ward ich ein boshafter kleiner Taugenichts. — Ich schlüpfte in die versteckten Falten, spielte mit den Locken, lüftete die Schleier der Spröden und brachte den Kopfputz der Coquetten in Unordnung. Ein alter Faun, mein guter Freund, lehrte mich tausend Streiche, die unschuldigen Schäferinnen zu quälen, und ich ermangelte nicht seine Unterweisungen auszuführen.

»Eines Tages hatte ich mich zu einem Trupp Zephyre gesellt, die ihr Wesen in einem Walde trieben, als ich eine junge, allerliebste Schöne sich nähern sah, die kaum mit ihrem sentimantalen Halbstiefelchen den Rasen zu betreten wagte und fortwährend ängstlich um sich blickte; es handelte sich offenbar um ein Stelldichein. Augenblicklich gab ich meinen Kameraden ein Zeichen; wir näherten uns mit Zephyerschritten, umzingelten das holde Wesen und wetteiferten darin, sie zu quälen. Bald flatterte ihr Umschlagtuch in die Lüfte, bald schlug ihr Sonnenschirmchen um, bald wieder flog ihr Halstuch fort. Der alte Faun lachte hinter einem Baume versteckt, dass ihm der Bauch wackelte. Überrascht und erschreckt durch diesen gewaltsamen Angriff, gab das holde Kind sich alle erdenkliche Mühe uns Widerstand zu leisten; ich war jedoch am meisten darauf erpicht sie zu necken, als plötzlich meine Gespielen, der Faun und das junge Mädchen verschwanden, meine Flügel abfielen und ich mich allein, vier Fuß größer fand, mit einem mit Goldstaub betreufelten Barte, in einem Purpurgewande mit einem Rosenkranz auf dem Kopfe und einer Lyra in der Hand.


»Verzweifelnd und voll Entsetzen suchte ich mir die Ursache dieser Verwandlung zu erklären, da gurrte mir eine auf einem nahen Aste sitzende Taube Folgendes zu: — ›Ich bin der Vogel der Venus; Deine Bestrafung kommt von ihr. Du weißt, daß die Götter und Göttinnen mitunter die Gestalt gewöhnlicher Sterblichen annehmen, um deren Freuden zu teilen. Du hast Venus in einem Vergnügen gestört. Um Dich zu züchtigen verwandelte sie Dich in einen Menschen und noch dazu in einen Dichter; Deine frühere Gestalt erhälst Du nicht eher wieder, als bis Du lange verliebt in sie gewesen, und es ihr gefällt Dir zu verzeihen‹.

»Dies begab sich in der Umgegend von Rom, unter der Herrschaft des Kaisers Gallienus. Am Tage richtete ich Episteln an den Monarchen und in der Nacht dichtete ich Oden an Venus, um sie zu erweichen. Ich liebte sie in der Gestalt des Sterns. Bald sind es zweitausend Jahr, daß ich sie liebte, zweitausend Jahr, wo ich nicht aufgehört habe Poet zu sein, was nachgerade sehr ermüdend wird.

»So aber ereignete sich meine Umwandlung.

»Ich saß im Opernhause zu Berlin in einem Sperrsitz ruhig und guter Dinge, als eine Loge in meiner Nähe geöffnet wurde und ein wunderschönes Weib (Sie wissen ›wunder‹ ist die beliebteste Berliner Zusatzformel für alles, was den Berlinern imponiert, wenn es auch gar nicht wunderbar ist; dies Mal war jedoch die Bezeichnung richtig) also, als ein wunderschönes Weib darin Platz nahm. Aller Augen waren gleich dahin gerichtet. Man muss gleich mir das Feuer gesehen haben, das aus allen diesen Augen strahlte, um sich einen Begriff von der Schönheit der Unbekannten zu machen. Nie, ich schwöre es bei Liszt und Lind, war die Verwunderung rascher, allgemeiner, lebendiger. Ein Auge, das wahrscheinlich Archäolog war, rief entzückt: ›Das ist Venus selbst, wie sie leibt und lebt!‹


»Der Ausruf war keine Berliner Übertreibung sondern Wahrheit. Meine alte Natur erwachte; ich warf der Fremden einen brennenden Blick zu; sie schien mich huldvoll anzulächeln. Meine Verwegenheit trieb mich an, wieder so keck zu sein, wie ich es als Zephyr gewesen; ich passte ihr am Ausgange auf, und will ihr ein Briefchen in die Hand drücken; da wendet sie sich um, betrachtet mich stolz von oben bis unten und sagt: ›Du bist nur eine Marionette!‹

»Ach, dieser gräßliche Ausspruch ward zur Wahrheit! Das Blut erstarrte mir in den Adern, meine Gelenke verhärteten sich, meine Arme wurden länger, meine Beine, die vor Schrecken zitterten, schlugen zusammen und gaben einen klappernden Ton; ich sah meine Nase sich über die Maaßen verringern, und als ich meine Handschuh anziehen wollte, hatte ich hölzerne Hände. Ohne mir Rechenschaft geben zu können, von der Kraft, die mich fortriss, ward ich von der Erde emporgehoben und auf diesen Planeten hingesetzt. Die schöne Frau im Opernhause zu Berlin war Venus selbst gewesen; sie hatte mich auf die Probe stellen wollen, und, als sie den Himmel verließ, einen Nebel benutzt, der mir nicht gestattete ihre Abwesenheit zu bemerken. Nun ermessen Sie die Größe meines Falls!

»Seit diesem Augenblicke vegetiere ich als ein Verbannter hier auf dem verschlafenen Planeten, es ist ein totes Gestirn das als Sibirien oder Botanybai dient für Diejenigen, mit denen die Götter unzufrieden sind. Ich habe diesen traurigen Aufenthalt mit meinen Erinnerungen bevölkert, und mit großem Aufwand und Geduld die schöne Welt, von der ich scheiden musste, hier nacherschaffen. Als Gliedermännchen konnte ich nur über Automaten herrschen. Sie werden finden, daß mir die Fabrikation meiner Untertanen und die Verfertigung meines Königreiches leidlich gelang; trotzdem langweile ich mich aber entsetzlich und wäre glücklich, wenn ich oft die Gelenheit hätte, wie heute, meinen Schmerz in den Busen eines Freundes auszuschütten.«

Als er diese letzten Worte vernahm, konnte Schwadronarius sich der Tränen nicht enthalten und stürzte in die Arme des Gliedermännchens.

»Bringen wir uns nicht in Rührung«, sagte der Herr Zephyr, »lassen Sie mich die Geliebte betrachten; gerade jetzt pflegt sie auf ihrem Balkon die Kühlung des Abends zu genießen und das Leuchtfeuer anzuzünden, nach dem sich die Liebenden richten welche Nachts auf dem Meere der Liebe schiffen. Sehen wir, ob mir ihre Augen Hoffnung winken.«


Das Gliedermännchen legte das Auge an die Laterna magica und rief: »Oh Himmel!«

Schwadronarius wandte sich um und sah Nichts mehr, weder das Gliedermännchen noch die Laterna magica, nur ein kühler frischer Windhauch spielte mit seinen Haaren, woraus unser Neugott sich beeilte zu schließen, daß Venus dem Zephyr seine ursprüngliche Gestalt wiedergegeben hatte.

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»Eine andere Welt« (17) – Kap. XV: Eine eheliche Eklipse von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 738Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

XV. Eine eheliche Eklipse.

Die Anziehungskraft beherrscht alle Körper.
Newton.
Drum prüfe wer sich ewig bindet!
Schiller.
An Scheidung ist fortan nicht mehr zu denken.
Nr. 1754896 der Gesetzsammlung.

Hier erfährt man die wirklichen Ursachen der Eklipse, welche zwei tausend Jahre vor der Erschaffung einer anderen Welt stattfand.

»Sie scheinen ein erkleckliches Erstaunen zu verspüren über Alles, was Sie hier gewahrten, wertester Herr!«, sagte das Gliedermännchen zu Schwadronarius, als er ihn wieder auf dem Markte traf, »und ich wette, Sie haben Lust mir viele Fragen vorzulegen.«

»Gnädiger Herr! Ich kann es nicht leugnen«, entgegnete Schwadronarius, »wenn Sie mir nur wenigstens sagen möchten, wo ich mich eigentlich befinde?«

»Ich werde Ihnen gar Nichts sagen: Sie sind neugierig, desto besser, meine größte Freude wäre, wenn Sie vor Neugier außer sich gerieten. Sie sehen das bizarreste aller Gliedermännchen vor sich. Ich will, dass Sie vor Neugier bersten; wie Sie bis jetzt gesehen haben, ist noch gar Nichts im Vergleich zu dem, was ich Ihnen noch zeigen werde. — Übrigens fragen Sie nie, wenn Sie etwas erfahren wollen, und antworten Sie nur, wenn ich Ihnen eine Frage vorlege. Kommen Sie!«

Schwadronarius sah wohl ein, dass dieser Gott stärker sei als er und dass es demzufolge das Gescheiteste sei, sich dem Willen desselben zu unterwerfen. Er folgte also dem Gliedermännchen, das unterwegs lauter Purzelbäume schlug.

Nachdem sie eine weite Ebene mit Bäumen von Pappe und Blumen von Papier und Läppchen durchschritten, erstiegen sie einen Hügel, der eine weite Fernsicht gewährte. Tiefe Stille herrschte überall, kein Lüftchen regte sich, kein Vogel belebte diese Einsamkeit durch seinen Gesang; die Landschaft war erhellt, aber man sah keinen Strahl, der dies Phänomen erklärte; das Blau des Himmels hatte ganz den Anschein eines himmelblauen Creppschleiers, der über diesem sonderbaren Lande ausgespannt war.

Schwadronarius konnte sich des Ausrufs nicht enthalten: »Wo zum Kuckuck! ist den die Sonne; warum wehen die Winde nicht, und warum höre ich die Vögel nicht singen?«

»Schon wieder Fragen, Musjeh!«, {Musjeh = Verhöhnung der franz. Anrede ›Monsier‹} sagte das Gliedermännchen strafend. »Lass er das nicht noch einmal geschehen! Ich bin ein guter Kerl, aber ich werde böse, wenn man mir nicht gehorcht.«

Zu gleicher Zeit schlug er mit dem Absatz den Erdboden und es kam ein Dreifuß heraus, auf dem ein Kästchen stand, das wie eine Laterna magica aussah.

»Jüngling! Leg’ Dein Auge an das Glas und sag’ mir dann, was Du siehst.«

»Gnädiger Herr, ich sehe einen glänzenden Palast von Wolken umgeben und in diesem Palaste ein Gemach, in diesem Gemach ein Bett, in diesem Bett einen Mann, der eben sein Licht ausgelöscht hat und vor dessen Fenster seltsame Gardienen hängen.«

»Weiter!«

»Eine Treppe höher ist noch ein Gemach, in diesem Gemache ein Bett, in diesem Bett eine junge verschlafene Dame, die eben aufsteht — das Weitere zu melden, verbietet mir der Anstand.«

»Dummes Zeug. Als ob es unanständig wäre, Strümpfe anzuzuiehen, wenn man ausgehen will.«

»Ein Mann, der einen mit Strahlen besetzten Hut auf hat, richtet seine Schritte nach dem Palaste; er trägt einen Hirtenstab in der Hand und einige Schaafe folgen ihm.«

»Junger Fremdling! Alles das setzt Euch in Erstaunenm, nicht wahr?«

Schwadronarius verbeugte sich, ohne etwas zu erwiedern.

»Sehr wohl; ich schätze Ihre Discretion, sie verdient eine Belohnung. Sie fragten mich eben«, fuhr das Gliedermännchen fort, »wo zum Kuckuck der Sonnengott sei? Er ist in seinem Bette, Sie haben ihn eben gesehen. — Vor einer Stunde begab er sich hinter einem Vorhange von Bäumen zur Ruhe, um die Poeten nicht Lügen zu strafen. Die Dame, welche eine Treppe höher Toilette macht {im Sinne von ›Sich-Zurecht-Machen‹ = Körperreinigung , Körperpflege und Ankleiden }, ist Frau Luna; der Mann aber, der seine Schritte nach dem Palaste richtet und einen Hut mit Strahlen besetzt trägt, der Morgenstern oder der Stern der Hirten; er hat sich aufgemacht um den etwas faulen Sonnengott zu wecken, der mitunter die Zeit verschläft, zumal, wenn er von seinen Liebschaften träumt. Sie wissen, dass die Ehe des Herrn Helios und der Frau Selene Luna nicht eben zu den glücklichsten gezählt werden kann Der Präsident des himmlischen Oberconsistoriums hat selbst auf Scheidung von Tisch und Bett erkannt und sein Urteil war ein durchaus gerechtes, was beide Teile gestehen mussten. Wenn sich auch Madame auf ihr Abenteuer mit Actaeon berief, um ihre Treue zu beweisen, so war doch die berühmte Geschichte mit Endymion zu bekannt, als dass die Leute an ihre Tugend glauben mögen. Herr Helios dagegen gibt sich gar nicht die Mühe seine täglichen Besuche bei Frau Thetis geheim zu halten, die kleinen Liebschaften mit den Nymphen, Dryaden, Hamadryaden und anderen leichtfertigen himmlischen Dämchen gar nicht einmal zu erwähnen. Beider Untreue wurde daher mit schlagenden Gründen bewiesen und die Scheidung zur Notwendigkeit. Die beiden Ehegatten haben also eine gesetzliche Abneigung gegen einander, aber um sie für das schlechte Beispiel zu strafen, welches sie gegeben, verordnete das himmlische Oberconsistorium, dass Herr Helios und Frau Luna zu gewissen Zeiten zusammenkommen und sich vor ihrem ganzen Hofstaate feierlich umarmen sollten. Auf Erden nennt man diese Zusammenkunft……«

— »Eine Eklipse, Herr Baron?«, entgegnete Schwadronaius.

»Sie sind nicht ohne Kenntnisse, mein Bester; das freut mich. So wissen Sie denn, dass gerade heute eine Eklipse Statt findet; legen Sie ihr Auge an das Glas links und blicklen Sie nach unten; Sie werden eine Menge von Teleskopen gewahren, welche von Amtswegen beobachten, was studierte Leute wie Sie eine Himmelserscheinung nennen und was eigentlich nur eine Handlung zu Gunsten der öffentlichen Moral ist. — Heute ist großer Festtag im Himmel und wenn Sie nicht zu kurzsichtig sind, so müssen Sie die sämmtlichen Mitglieder des Tierkreises erblicken, welche eine Sarabande tanzen. Jetzt ist die Reihe an sie gekommen, sich über Herrn Helios lustig zu machen.«

»Ich kenne eine kleine Kometin (Sie müssen nämlich wissen, was man auf Erden noch nicht weiß, dass es Kometen und Kometinnen gibt), mit der Herr Helios sich sehr schon tut und die es sehr verdrießen würde, wenn sie den Vorgang erführe. Sie wäre im Stande sich aus dem siebten Himmel auf die Erde zu stürzten; diese Kometinnen sind eifersüchtig wie Näherinnen. Glücklicher Weise erzählt es ihr Niemand und sie macht ihre sentimentale Promenade am Himmel, ohne die gezwungene Untreue ihres Geliebten zu ahnen. — Der kritische Moment muss gekommen sein. — Sagen Sie mir, wie benimmt sich das Ehepaar?«

»Herr Kammerherr! seine beiderseitigte gefasste Haltung in diesem Augenblick machte ihn Ehre; aber warum betrachten Sie es nicht selbst?«

»Ach, fragen Sie mich nicht; sagen Sie mir vielmehr, sehen Sie Nichts am Horizonte erscheinen?«

»Jetzt, da Helios und Luna verschwunden sind, sehe ich eine strahlende Schönheit auf den Wolken einherwallen. Obgleich Diamanten in ihrem Haare blitzen, ist doch ihr Gang schüchtern und ihr Blick sanft; sollte es Venus sein, das Gestirn der Liebe?«

»Oh Grausamer! Indem Sie sie nennen, durchbohren Sie mir das Herz!«, rief das Gliedermännchen und sank ohnmächtig zu Boden.

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»Eine andere Welt« (16) – Kap. XIV: Die Kunstausstellung der Marionetten von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 730Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

XIV. Die Kunstausstellung der Marionetten.

Die Kunst, die Kunst ist heilig!
Sämmtliche Berichte.

Weiter Nichts als die Fortsetzung des Vorhergehenden.

»Wie?«, sagte Schwadronarius zu sich, »es gibt also überall Akademien und ein Comité übt hier wie auf der Erde sein Recht über Leben und Tod von Kunstwerken aus. Auch hier werden gute Bilder verworfen und schlechte mit dem Preise belohnt und angekauft und Dame Fortuna treibt ihr loses Spiel bis zu Ende dieses Trauerspiels, indem sie noch zu guter Letzt Vulcan, wie er Mars und Venus ertappt, einem Priester, Leda mit dem Schwan der Vorsteherin einer Töchterschule oder das Portrait des heiligen Ignatius einem Generalsuperindentenden zuwirft. Ihr armen Künstler, wie seid Ihr zu bedauern!«

In demselben Augenblick wurden drei Frachtwagen voll von Meisterwerken im Hofe des Gebäudes, in welchem die Ausstellung Statt fand, abgeladen. Es waren Gemälde der berühmtesten lebenden Künstler, die erst ankamen, als die Ausstellung schon begonnen, und dadurch nach weiser Berechnung die Aufmerksamkeit des Publicums auf sich ziehen mussten. Einer jener großen Meister, der schon seit langer Zeit den Genius noch dem Ellenmaße zu schätzen pflegte, hatte sogar die Erlaubnis erhalten, die Tor- und Türflügel ausheben zu lassen, da sein unsterbliches Werk zu groß war, um auf gewöhnlichem Wege in den Saal zu gelangen.

Es war ein Stossen, Drängen, Treiben, im Hofe wie in den Gemächern, wovon man sich keinen Begriff macht. Tapezierer nagelten den Ruhm der Künstler fest; Tagelöhner schleppten ihn auf den Schultern herbei; dazwischen Maler, die sich schon an dem Strahlenschein ihrer Unsterblichkeit sonnten, welche die Journalreferenten ihnen fest versprochen, verkannte Genies, deren außerordentliche Leistungen durch die Kabalen der Akademiker zurückgewiesen worden, Gaffer und Recenzenten, Kunstfreunde und Kunsthändler; Alle trieben sich bunt durch einander und erwarteten mit Ungeduld den Augenblick, in welchem das Heiligtum der Künste dem Publicum zugänglich fein würde.

Endlich schlug die heißersehnte Stunde; Alles eilte herbei und Schwadronarius sah sich plötzlich, wie durch ein Wunder, von der Menge getragen, in den Salon versetzt.

Einer seiner Nachbarn ließ seinen Catalog fallen, setzte aber, seltsamer Weise, seine Wanderung durch die Säle fort, ohne sich im Mindersten darum zu kümmern. Schwadronarius hob den gedruckten Führer auf, und suchte in demselben nun eifrig diejenigen Nummern, die seine Aufmerksamkeit besonders fesselten. Es waren nur solche, welche die Marke »Preisstück« oder »Verkauft« trugen und deren nähere Beschreibung wir hier folgen lassen.

Verzeichnis
der
in der 1777 Ausstellung der Königlich Ypsilonischen Akademie zu Tezett befindlichen Werke der Kunst.

Raphael Weiß aus Sandathen, gegenwärtig in Tiberias.
100. »Der Engel der Vernunft, der Gottes Gnade für das Comité anfleht.«

Caspar Grünkohl aus Krautstadt.
200. »Virgils Eloge«:
Tityre tu patulae recubans sub tegmine fagi
Sylvestrem tenui musam meditaris avena.

{Anfang der ersten Ekloge von Virgil:
Tityrus, unter dem Dach der gebreiteten Buche gelagert;
Sinnst du, ein ländliches Lied zarthalmigem Rohr zu entlocken.
}

Jeremias Bibeler aus Mühlnachflorenz.
410. »Der Durchgang durch das Rote Meer.«

Fortunio Zange aus Sandathen.
329. »Torsos zweier Vestalinnen.«

Herrmann Maienlust aus Dusselstadt.
802. »Kinder, die mit Maikäfern spielen«. Der kunstreich geschnitzte Rahmen hat die Inschrift:
Maikäferlein, des Frühlings Kind,
Das sich von Grase nähret lind,
Ist schöne Zierde der Natur
Und Lust der Jugend auf der Flur.

Nicolaus Hundepieter aus Zaanredam.
101. »Tobende Wellen«. — (Preisstück)

Michael Lack aus Fabrikenlust.
1843. Deckel einer Tabaksdose, das Jüngste Gericht darstellend, auf Porzellan gemalt.

Hans Bräunler, Hofmaler des Fürsten von Hammeldorf.
130. Rückenbild der Frau von Icks! — Lebensgröße, in Öl all prima, in drei Minuten gemalt. — Eigentum des Originals.

Narciß Scheidwasser aus Goldstadt.
9999. Außerordentlich kunstreich gearbeiteter, in Holz geschnitzter Rahmen, mit galvanoplastischer Vergoldung.
Anm. Zu der Vergoldung wurden 1379 holländische Ducaten aufgelöst und verwandt.

Johann Maria Nepumuk Malz aus Bierheim.
600. »Der Zeitungsleser«

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Brillen und Lorgetten, Operngucker und Augen, Jedes bewundert diese Meisterwerke auf seine Weise. An der Tür wird das Kunstblatt, redigiert von einer Gruppe von Pinseln, feilgeboten. Schwadronarius kauft sich ein Exemplar. — Erst seit zwei Stunden ist die Kunstausstellung geöffnet und der Schußbericht des Referenten schon gedruckt hier zu lesen. Es heißt darin unter Anderem:

Die vorjährige Kunstaustellung war bei Weitem großartiger. Unsere berühmtesten Maler haben Nichts eingesandt. Die Kunst ist furchtbar in Verfall, sie liegt in den letzten Zügen, sie sank in die alte Barbarei zurück.

Ferner:

Unvergleichlich ist das Bataillenstück {= Schlachtenbild} unseres großen Meisters Johannes Mischlein. — Welche Verwirrung, welcher Kampf, welcher Wirbel, welcher Orkan der Leidenschaft! Wütende Häupter, drohende Arme, Säbel, Piken, Pallasche, Alles scheint zu leben, Alles tritt aus dem Bilde heraus. — Die Aufseher werden wohl tun dafür zu sorgen, dass die Zuschauer diesem erhabenen Bilde nicht zu nahe kommen; Unfälle würden unvermeidlich sein.

Als man heute Morgen ein Fenster öffnete, um eine Dame die von der Hitze ohnmächtig geworden war, frische Luft schöpfen zu lassen, flogen einige Sperlinge herein und wollten sich auf die Bäume der Landschaft Nr. 3734 von Heinrich Saftgrün aus Dusselstadt setzten, welche einen Kirschenberg darstellt, und die Kirschen anpicken. Das Bild, das der Meister einer russischen Fürstin und großen Kunstfreundin abgeschlagen, die ihm hunderttausend Rubel Silber dafür geboten, um es seinem Vaterlande zu erhalten, lief große Gefahr sehr beschädigt zu werden, denn die Sperlinge liessen sich mit außerordentlicher Mühe vertreiben.

Ein Sonnenaufgang von dem genialen jungen Künstler Andreas Glutschein, der eben erst aus Tiberias zurückgekehrt ist, blendete die Beschauer dermaßen, dass sie die Augen schützen mussten, um das Meisterwerk mit Genuss betrachten zu können.

Leider hat unser berühmter Austerfalk dies Mal nur ein einziges Stillleben eingereicht, ein Messerchen und eine zerschnittene Zwiebel auf einem Tischchen darstellend. — Es ist für den geringen Preis von 200 Hansd'or Eigentum des großen Kunstfreundes, des Grafen von Ricksstumpfgoldhausdorf auf Serbenhochstadthausen, geworden und bestimmt, dessen neu erbauten Speisesaal als Hauptschmuck zu zieren.

Was die Werke der Sculptur betrifft, so erwähnen wir nur »Der Finger Gottes«, ein gigantisches Werk, dessen Origialität die schönsten Conceptionen der Antike und des Cinquecento wie der Renaissance weit überflügelt. Der Meister Wilibald Haumeister hat zwanzig volle Jahre seines Lebens darauf verwandt und es erst heute Morgen mit besonderer Erlaubnis im Saale der Ausstellung selbst vollendet; eine unerhörte Gunst, in welcher man deutlich den Finger Gottes sieht. — Auch sagt man, dass Se. Majestät unser allerfrömmster König es nicht allein gekauft, um den Eingang der Hofkirche damit zu schmücken, sondern auch sogleich das noch fehlende notwendige Seitenstück, »Das Auge der Vorsehung«, bei dem großem Meister bestellt habe. Möge eine höhere Macht ihm Kraft und Gesundheit verleihen, dass er dies unsterbliche Werk — dereinst der größte Schmuck unserer sich reich ausgestatteten Residenz — glücklich ausführe!

»Wahrlich!«, rief Schwadronaius, »das nenn’ ich unparteiische Kritik!«

Unser Neugott wähnte noch auf Erden zu fein und überzeugte sich erst von seinem Irrtum, als er in einen Saal kam, vor dessen Betreten Kinder und Damen gewarnt wurden. Desto schlimmer für sie, wenn sie sich doch hinein wagten! Dieser Saal war allein für die schalkhaften Werke bestimmt, man sah hier die Kunst im Bade und die Muse im Morgenanzuge. Ehe Schwadronarius näher trat, gewahrte er noch zwei unglückliche Künstler, deren Arbeiten in Folge einer akademischen Intrigue so hoch hingen, dass sie selbst den Kopf von hinten mit dem Stocke stützen mussten, denn sie hätten sonst leicht das Genick brechen können, ehe sie noch ihre eigenen Leistungen erblickten.

Schwadronarius wollte eben jene schalkhaften Werke näherer Betrachtung unterwerfen, da schlug es drei und man zeigte ihm, wie dem gesammten Publicum, höflich die Tür.

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»Eine andere Welt« (15) — Kap. XIII: Das Reich der Marionetten von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 726Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

XIII. Das Reich der Marionetten.

Die Faust macht den Maler.
Michel Angelo.

Dieser Abschnitt muss unbedingt gelesen werden, denn man erfährt durch denselben Nichts über das Gliedermännchen und ebenso wenig über das Land, in welchem das Feuer kein Feuer ist.

Schwadronaius konnte also seine Cigarre nicht anzünden, was für einen Raucher sehr unangenehm ist, wohl aber sah er das Gliedermännchen, das ein anderes Licht in das Transparent setzte, worauf es alsbald Tag ward.

»Das Gliedermännchen sieht sehr gescheit aus«, dachte unser Neugott, »ich werde mir Belehrung und Feuer von ihm erbitten.«

Der kleine Gliedermann machte einige Mal »Britt«, und dann einige Sprünge. Schwadronarius mit seinem Götterverstande begriff gleich, dass das heißen sollte: »Folge mir!«, und tat demgemäß.

Sie traten zuerst in einen großen Saal, der das Licht durch Blendrahmen erhielt. Aufgespannte Leinwand, Gypsabgüsse, Tabakspfeifen an der Wand, alte Waffen und Rüstungen ließen vermuten, dass hier ein Maler-Atelier sei. Wirklich gewahrte Schwadronarius auch drei Maler, die eifrig fortarbeiteten, ohne sich um die Anwesenheit eines Fremden zu kümmern.

Der Erste, nachlässig auf einem niedrigen Lehnsessel hingestreckt, rauchte und sah dabei nach der Decke, während sein rechter Fuß mit der Sicherheit eines Meisters auf der Leinwand hin und her fuhr. In wenigen Schritten vollendete er ein Gemälde von mehr als sechzig Figuren.

Neben diesem Fußkünstler malte der zweite Meister, von seinen Zeitgenossen Schwanzpinsel genannt, binnen wenigen Minuten eine Schlacht von zehn Fuß im Quadrat und gönnte sich kaum die Zeit sich umzudrehen, um neue Farbe mit dem Pinsel zu nehmen.

Der dritte Künstler, dem das Gliedermännchen besondere Aufmerksamkeit widmete, hatte nur eine Pfote, aber sie wog sechs Hänse auf; er hieß Pfotenfaust und war Meister im Portrait.

In einem anderen Atelier dicht daneben ritt ein Maler auf einem raphaelischen Steckenpferde und decalquirte {= Umpausen einer Zeichnung z.B. auf Lithographiesteine} Nichts als Beine und Ohren auf alten Bildern. Er war ebenfalls ein berühmter Meister, denn er schleppte einen langen Schweif von Schülern mit sich.

Schwadronarius sah zufällig durch ein Fenster des Ateliers, welches eine freie Aussicht auf eine Landwirtschaft gewährte, und wurde hier zwei Landschaftsmaler gewahr, die mit brennendem Eifer den Strahlen einer nicht minder brennenden Sonne ausgesetzt sich abmühten, Studien von Reisbeeten nach der Natur aufzunehmen.

Zu seiner nicht geringen Verwunderung erfuhr er, dass einer dieser beiden gewissenhaften Künstler drei volle Jahre damit zugebracht, eine Vogelscheuche in allen möglichen Beleuchtungen zu studieren.

Allen diesen so emsig — wie Ameisen, die von einem Gewitter bedroht werden — arbeitenden Malern lag daran, ihre Bilder zu dem für die Preisbewerbung unwiderruflich gestgesetzten Termine zu vollenden, denn sie sahen im Geiste schon die Gestalt ihres blinden und tauben daher unparteiischen Preisrichters vor sich.

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»Eine andere Welt« (14) — Kap. XII: Wie im Tiergarten! von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 722Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

XII. Wie im Tiergarten!

Nach Sevilla! Nach Sevilla!
Clemens Brentano.

Sandsteinbildsäulen, Bäume, die Sande nicht gedeihen, Kot, Staub.

Seidene Kleider, Sammethüte, seltsame Frisuren und eben solche Fußbekleidungen. Ein Mann, der sich stolz von einem Hunde an der Leine fortziehen lässt, auf dessen Halsband man die Inschrift liest: »Ich gehöre dem Grafen Alcibiades von Neu-Foundland.«

Dandies auf den Fußsteigen, vorrüberrollende Wagen, einige niedrig wie Lehnstühle auf vier Rädern, andere so hoch, dass der Kutscher auf dem Bocke dem Wetterhahn auf dem Turm einer Dorfkirche gleicht.

Auf jeden Fall befinde ich mich in einer Hauptstadt. Aber in welcher? That is the question.

Ich mag noch so scharfe Blicke durch die Kutschenfenster werfen, ich sehe nichts als Perücken oder Hüte auf Holzköpfen und in einigen Wagen Gliederpuppen, die mit dem größten Luxus und der größten Sorgfalt angeputzt sind.

Es scheint hier zu Lande Mode zu sein, sich auf den öffentlichen Promenaden durch Stellvertreter von Holz, Gyps oder Wachs repräsentieren zu lassen. Man zeigt sich elegant im Bilde: Kleider, Kopfputz, Shawls, Diamanten, Alles was die Schönheit, den Reichtum, den Luxus und den Geschmack einer Person zur Erscheinung bringt, ist vorhanden, nur sie selbst ist abwesend. Es gibt kein geistreicheres Mittel, sich öffentlich ohne alle Mühe zu zeigen. — Wozu auch die Person, die ist überflüssig. — Man begibt sich ja nur auf die Promenade um neue Moden zu sehen. — An die Feierlichkeiten der Mode denkend rief der Prophet: »Gliederpuppen! Alles ist Gliederpuppen!«

Das gewahre ich auf der Chaussee! Lustwandelnde Halbstiefelchen, Röcke, die die Nase hoch tragen und Mantillen den Arm reichen, Stiefel, die den Hut keck auf das linke Ohr setzten, kurz eine Fortsetzung desselben Systems. Die Schneider, Hutmacher, Schuster, Modehändler haben das Mittel gefunden, die Menschen wegzulassen, die ihnen als Aushängeschilder dienten, und das Aushängeschild hat sich vereinfacht und ist Mensch geworden.

Endlich finde ich einen Menschen unter so vielen Gliederpuppen, ein Unbekannter näherte sich mir, eine Reitpeitsche in der Hand, und zwingt mich, eine vorrüberreitende Amazone zu bewundern.

»Es ist die Gräfin von Haferlust«, erzählt er mir, »die erste Reiterin ihrer Zeit; sie hat eine Maschine mit Doppeldruck erfunden um die Jokeis mager zu machen. Sie können an dem ihrigen des Resultat ihres Systems sehn. Das Pferd, das sie reitet, ist der Blitz vom Donner und der Aurora, das ihres Jokeis Diana, von Actaeon und Iphigenie; edlere Rosse gibt es nirgends, nirgends echteres und graziöseres Vollblut.«

Ich muss mich in einer außerordentlich gebildeten Hauptstadt befinden; selbst die Pferde zeigen ihre Ahnen auf! — Aber genug davon; verlassen wir den zudringlichen Cicerone und gehen wir zu Tische.

Das Beefsteak, das ich mir hatte geben lassen, war weiter Nichts als eine sinnige Anwendung des Caoutschuk für die Ernährung des Menschengeschlechts. Ich bin nicht ganz außer Sorge über die Folgen meines Mittagsmals. — Indessen, was ist zu tun, lesen wir die Zeitungen; die Politik befördert die Verdauung.

»Kellner, die Zeitung!«

Der Kellner bringt mir das Modejournal. —

»Nicht doch, ich will ein politisches Blatt.«

Der Wirt selbst belehrte mich, dass das Modejournal die einzige politische Zeitung sei, welche hier erscheint und von der conservativen Partei herausgegeben wird; zwar haben die Liberalen auch die Concession erhalten, ein Blatt zu gründen, diese Concession ward ihnen aber bereits nach der Ausgabe des Prospectus wieder entzogen, da derselbe eine Stelle, in welcher die Censur gelobt wurde, enthielt, denn das Princip der Regierung ist, das Volk müsste stets tun, als wisse es gar Nichts von der Existenz der übrigens in diesem Lande sehr strengen Censur. Darauf machte er mich mit der Constitution des Staates bekannt, in welchem ich die Ehre habe mich zu befinden. Für die größten Dichter gelten hier die Verfasser der besten Rebus, die Referenten über die Moden werden am meisten gelesen, und sämmtliche Staatsmänner müssen, ehe sie in die höheren Dikasterien treten, als Practicanten bei einem Schneider gearbeitet haben. Der Landtag zerfällt in zwei Kammern, welche sich versammeln, um über die vom Ministerium vorgeschlagenen neuen Moden und Kleiderschnitte zu beraten. In diesem Augenblicke hatte die Opposition einigermaßen den Sieg davongetragen in einer Debatte über die Camails-Paletots {= der Mantel, den der Herr im letzten Bild dieses Kapitels trägt}, deren Annahme die ministerielle Seite heftig bekämpfte. Die Minister waren nahe daran ihre Entlassung einzureichen; wenigstens gab das der leitende Artikel im »Modejournal« deutlich zu verstehen. Er lautete folgendermaßen:

Mühlbachflorenz, am u. f. w. Die Opposition hat einen Sieg davongetragen, dessen Folgen dem ganzen Staate sehr gefährlich zu werden drohen. Schon bei der Motion hinsichtlich der Palatinen {= Stellvertreter des Königs} mit Hermelinchenschwänzchen für die Referendarien liess die radicale Partei ihre Absichten durchschimmern. Die Kleiderordnung soll umgestossen und die Vermischung der Trachten proclamiert werden. Ein so gefährliches System kann unmöglich Geltung erhalten; die Gutgesinnten werden sich dagegen verbinden und wir fordern alle wohlmeinenden Bürger auf, unserer Ansicht beizutreten.

Das Ministerium ist entschlossen die Kammern aufzulösen und neue Wahlen vornehmen zu lassen. »Festigkeit, Mut, Einigkeit!«, das sei unser Wahlspruch; die Nation mus den Camail-Paletot verwerfen. Die Geschlechter dürfen unmöglich die sie unterscheidende und characterisierende Tracht aufgeben; schreckliche Verwirrung würde die Folge sein, aber nimmermehr soll die Hydra der Anarchie ihren tausendköpfigen, scheußlichen Hals zu erheben wagen.

Wir benutzen diese Gelegenheit unseren Lesern mitzuteilen, dass die gestreiften Unaussprechlichen noch immer gern gesehen werden und dass der Erfinder der Geheimratstinktur, um das Ausfallen der Haare und Zähne zu verhüten, ein Patent und die Stieglitzmedaille für Mode und Schönheit, mit der Erlaubnis zum Tragen am graugelben Bande, erhalten hat.

Kaum habe ich diesen Artikel zu mir genommen, so bringt mir der Kellner eine noch feuchte Flugschrift der Oppositionspartei, getitelt: »Über die bürgerliche Kleiderfreiheit«, mit dem Motto, »Jeder ist sein eigener Schneider!«, in der ich nachstehenden Passus finde:

Die Nation wird bei ihrem feinem Geschmack schon wissen, auf wessen Seite sie tritt, wenn die Regierung wirklich so unüberlegt handelt, die Kammern auflösen zu wollen. Unsere Frauen lieben das Vaterland und werden, wir zweifeln nicht daran, mit patriotischer Gesinnung die Männertracht anlegen; die Edelsten des schönen Geschlechtes beginnen schon mit Meerschaumpfeifen und Ischibouts {= Chibouque: türkische Tabakspfeife mit langem Rohr} an öffentlichen Orten zu erscheinen. — Kann es ein schöneres Attribut für sie geben als den feinen, weißen Meerschaum, dem Venus selbst entstieg? Eben so wird der Camail-Paletot den Frack verdrängen und wir haben einen großen Schritt weiter getan, unserem erhabenen Ziele entgegen: der Gleichheit der Geschlechter, die die einzige gesunde Basis aller Politik ist.

Wir ergreifen eifrig die Gelegenheit, die Nation darauf aufmerksam zu machen, dass ein echter Vaterlandsfreund mehr gestreifte Unaussprechliche {= Umschreibung für Männer-Dessous, enganliegende Strümpfe} trägt, und warnen sie zugleich vor der Geheimratstinktur, die gerade befördert, was ihr talentloser Erfinder zu verhindern prahlerisch sich anmaßte.

»Glücklicher Puff!«, rief ich, als ich auch dies gelesen hatte, »du nährst dich mit Caoutschuk statt mit Beefsteak und wrist als Augenzeuge einer Staatsumwälzung beiwohnen!«

(Fortsetzung nächstens)

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