PentaLink: Tsundoku, Stanley Kubrik, Lovelace & Babbage, Politische Korrektheit, Wu Ming

Bevor ich morgen für ein paar Tage in der Pampas verschwinde (gehe seit langer Zeit mal wieder auf einen Follow-Con, wobei ich nicht so recht weiß, ob es Follow eigentlich noch gibt, bzw. wie weit der langsame Verfall dieses ältesten deutschsprachigen Fantasy-Vereins vorangeschritten ist), will ich den ersten Eintrag der Reihe »PentaLink« loswerden.

Eine der häufigsten Fragen von Molochronik-Lesern lautet: »Wann gibt’s ‘nen neuen Wochenrückblick?« — Offizelle Antwort: so ziemlich sicher gar nimmer mehr. Brotjob, Übersetzen und lektorieren für Golkonda, zwei geheime Übersetzungsprojekte, sowie ein im Werden befindliches Podcast-Projekt halten mich von der nicht unerheblichen Arbeit ab, die so ein Wochenrückblick machte.

Lösung: immer wenn ich fünf Link-Tipps zusammen habe, werde ich die nun weitergeben. Kurz, dreckisch, ohne Terminplan.

Und los gehts.

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Andrea Diener — bekannt als Kommentatorin des Bachmann-Wettlesens, Reisenotizen-Bloggerin, eine der vernünftigen Stimmen bei der FAZ, und als WRINT-Weltenbummlerin — hat nach einigen arbeitsreichen Jahren nun wohl wieder mehr Zeit für sich, und also ein eigenes ›Spaßprojekt‹ begonnen: »Tsundoku«, ein Bücherpodcast. Neuste Folge ist am Sonntag online gegangen — »TSU005: Zen und Zebrafische«.

Ich empfehle auch schwer die beiden Folgen, in denen Andrea Gäste empfängt: einmal »TSU002: Smartphone vs. Distelfink«, wenn sie mit Hanna Lühmann, und dann »TSU004: Ein bisschen wie wachträumen«, wenn sie mit Julia Bähr über Literatur babbelt. Ich beobachte wohlig, wie sich ein kleines Thema einschleicht (bzw. halt zufällig so ergibt): lobende Erwähnung von Phantastik-Literatur (für Leute, die eigentlich keine Phantastik mögen) zum Ende der Sendung (einmal Michael Ende, dann »Die Frau des Zeitreisenden« von Audrey Niffenegger).

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»Renegade Cut« (Englisch) von Leon Thomas ist eines meiner liebsten Video-Bloggs. Mai war bei ihm Kubrik-Monat und er hat feine, kleine Besprechungen zu »2001 — A Space Odyssey«, »Dr. Strangelove«, »Eyes Wide Shut« und »The Shining« zusammengestellt.

Nicht verpassen sollte man seine vierteilige Analyse von »A Clockwork Orange« Teil Eins, Zwei, Drei, Vier.

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Wie gerufen, auasi als kleiner Nachklapp zu meiner ausführlichen Empfehlung des brillanten Comics »The Thrilling Adventures of Lovelace & Babbage«, kommt dieser Auftritt der Schöpferin Sydney Padua bei »Talks at Google«:

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Meine lebende Lieblings-Feministin (und Unruhestifterin, Kulturkritikerin) Laurie Penny (von der ich einen Text ihrer Begegnung mit dem späten Terry Pratchett übersetzt habe »Sex, Tod und Natur«; und ich empfehle nachdrücklich ihre Streitschriften »Fleischmarkt« und »Unsagbare Dinge«), hat einen dringend nötigen Text für ›The New Statesman‹ (Englisch) geschrieben: »What’s wrong with political correctness?«.

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Seit ewig und drei Tagen wird wurde das italienische Autorenkollektiv Wu Ming (ehemals Luther Blissett) bei uns von den Verlagen ignoriert, obwohl ihr Debütroman »Q« als Taschenbuch bei Piper vielfache Neuauflagen erfahren hat. Es freut mich, dass nun mit ›Assoziation A‹ ein kleiner Verlag endlich die Eier hat, diesem Ignoranz-Übel entgegen zu wirken und nun die vorzüglichen Werke von Wu Ming auf Deutsch veröffentlicht. Es geht los mit »54«, einem wüsten Mix aus Thriller, Spionage- & Mafia-Farce, wenn Cary Grant, Tito, Heroinschmuggler und Partisanenschicksale aufeinandertreffen.

Thekla Dannenberg hat eine schöne Empfehlung für die Krimi-Kolumne ›Mord und Ratschlag‹ des ›Perlentauchers‹ geschrieben: »Keine Moral ohne Eleganz«.

George R.R. Martin: »Armageddon Rock«, oder: Herzblut mit ›Sex, Drugs & Rock’n Roll … & Fantasy‹

Diesen Roman habe ich zum ersten Mal in den frühen Neunzigern (Heyne-Ausgabe) als Teen gelesen, & er hat mich schon damals schwer beeindruckt. Vorausschicken muss ich folgendes: als 72er-Jahrgang blicke ich von Außen auf die kurze Ära der Hippies, der 68er-Gegenkultur, der Blumenkinder zurück, aber meine Perspektive auf diese Bewegung ist im Zweifelsfall von Sympathie & Respekt geprägt. — Seid also gewarnt: wer die Gegenbewegung der Spät-60er/Früh-70er & ihre (alles andere als eindeutigen Strömungen) für eine liederliche Irrung der Nachkriegsgeschichte hält, & also eher mit einer z.B. Jan Fleischauer-artigen Sicht auf diese Zeit zurückschaut, wird von Ton & Haltung des Romanes wohl ziemlich genervt werden.

Andererseits empfehle ich »Armageddon Rock« allen, die George R.R. Martin vor allem als Schöpfer des Fantasy-Epos über die »World of Ice & Fire« verehren und/oder durch die TV-Verfilmung »Games of Thrones« auf ihn aufmerksam geworden sind, & ihn als Großmeister unerwarteter Handlungsstrangverläufe schätzen, der seine Leser — z.B. mit dem Abbleben von Figuren — zu überraschen versteht. Der zeitgenössische, Weltruhm genießende Martin wirkt im Vergleich zu dem jungen Autor, der »Armageddon Rock« schrieb, fast schon (auf augenzwinkernde Art) abgebrüht, der sich nicht mehr so weit aus dem Fenster lehnt, was seine politische & ideologische Haltung betrifft. Aufgemerkt also, dass der kommerzielle Flop & die Welle negativer Kritiken für »Armageddon Rock« nach Erscheinen des Buches 1983 den Autor dermaßen knickten, dass er sich auf Jahre vom Romanschreiben abwandte, um sich im kommerziellen Betrieb der Film- & TV-Branche zu tummeln (u.a. bei Serien wie »The Beauty & the Beast«).

Was bietet also »Armageddon Rock«?

Strukturell teilt sich der Roman in etwa zwei Hälften. Die Karriere des Ex-Hippies & Polit-Aktivisten Sandy Blair verlief enttäuschend & die feste Beziehung zu einer Immobilienmarklerin bröckelt; aus dem umtriebigen Musik-Journalisten & Mitgründer eines Underground-Magazins der frühen Siebziger wurde ein erfolgloser Roman-Autor der sich leer & ziellos fühlt. Sein ehemaliger Geldgeber-Kammerad vom Magazin hat ihn schon vor Jahren rausgekegelt, & das früher engagierte, freche Blatt glattgebügelt & lässt es nun zur Melodie des Kommerzes & der Mode pfeifen. Kurz: Sandy fühlt sich in den frühen Achtzigern der Ronald Reagan-Zeit fehl am Platze, ohne genau zu wissen, warum. Doch er bekommt eine Chance von seinem alten Magazin-Kumpel: Unter mysteriös-grauseligen Ritualmord-Umständen ist der ehemalige Manager der fiktiven, super-duper-erfolgreichen Band Nazgul (stelle ich mir vor wie eine Ideal-Kreuzung aus The Doors, Led Zeppelin, Deep Purple und Hawkwind) ums Leben gekommen, & Sandy soll eine große Reportage über diesen Manager, sowie die noch am Leben befindlichen Mitglieder der Gruppe schreiben. Bald schon beschließt Sandy, dass er um die ganze Geschichte des Unterschiedes zwischen damals & heute richtig fassen zu können, nach langer Zeit auch wieder Kontakt mit seinen ehemaligen Freunden & Freundinnen aus WG- & Studienzeiten knüpfen will. Immerhin geht um den verlorenen Geist einer untergegangenen Zeit, & was aus ihm geworden ist: Wo sind all die Träume von einer besseren Welt geblieben? (Matthias Beltz hat der deutschen Sprache diesen Weltschmerz des vergeblichen Widerstandes gegen die Hegemonial-Authoritäten folgendes knappe, herzzerreißene Kalauer-Poem vermacht: »Parmesan und Partisan | Wo sind sie geblieben | Partisan und Parmesan | Alles wird zerrieben«.) Also fährt Sandy quer durch die USA & mit dieser ersten Road Trip-Hälfte breitet Martin ein abwechslungsreiches »Einst & Jetzt«-Panorama aus.

Die Nazgul: Der pragmatische Drummer Gopher John, der getrieben von einem Gefühl der Fairness versucht, seinem Provinz-Club jungen Bands Starthilfe zu geben; der sexy, geile Arschloch-Gitarrist Maggio, der über seiner Drogen- & Sexsucht fett & unansehnlich geworden ist; Faxon, der künstlerische Songschreiber-Kopf der Band, vermögend, distanziert, im Familienglück lebend & trotzdem voll Sehnsucht nach alten kreativen Zeiten. Und als Erinnerungs-Gespenst nie fern: Hobbins, der kleine, hypercharismatische Albino, der 1971 von einem Scharfschützen während eines Konzerts ermordete Sänger der Nazgul. — Sandys Freunde: die lebensfrohe, optimistische Maggie, Einsamkeit & Jobroutine machen sie schön langsam fertig; die naive Bambi, die sich früher im gewaltbereiten Protestmilieu tummelte, hat ihr Glück in einer friedlich-abgeschiedenen Kommune bei Kindern & selbstgemachtem, vegetarischem Essen gefunden; Lark, einst leidenschaftlicher Polemiker gegen das Establishment & nun singt er als zynischer Werbefuzzi das Hohelied des Neoliberalismus; der freche intellektuelle Frauenheld Froggy, der als kleiner Uni-Dozent versucht, seinen Studenten die Ideale der Vergangenheit zu vermitteln; und die tragischste Figur des Buches, Slum, der pazifistische, gutmütige Kiffer — eine Art Inkarnation von Tom Bombadil — Sohn aus wohlhabender, konservativer Familie, der vor der Einberufung zu Army nach Kanada floh & von seinem herrischen Vater an die Feldjäger verraten & in die Klapse gesteckt wurde.

Die zweite Hälfte hebt damit an, dass ein geheimnisvoller Millionär mit Leidenschaft für Okkultismus den Plan verfolgt, die Nazgul wieder zusammenzubringen, eine große Revival-Tour auf die Beine stellen will, um so mit der Macht der Nazgul-Musik & mit Hilfe von Blutmagie abzuschließen, was einst versandet ist: nämlich die finsteren, erzkonservativen, unterdrückerischen Kräfte der kapitalistischen US-Gesellschaft zu überwinden, auf die sich der Roman anhand des militärisch-industriellen Komplexes, Nixon, des Vietnamkrieges, der unverhältnismäßigen Polizeigewalt gegen Demonstranten, der Attentaten auf J. F. & Robert Kennedy sowie Martin Luther King bezieht (eingeflochten ist auch die Klage über den zu frühen Tod von Jim Morrison, Jimmy Hendrix & Janis Joplin). Sandy wird als Promotor angeheuert & begleitet also die Proben & Konzerte der wiedervereinigten Nazgul. — (Wie der ermoderte Hobbins ersetzt wurde, will ich nicht verraten. Lest selber, Ihr Süßwassermatrosen!)

Verklammert wird das alles einmal mit einer Art Detektivgeschichte, weil Sandy aufdecken will, wer den Nazgul-Manager wirklich gekillt hat (den offiziellen Ermittlungen traut er so weit, wie er ein Klavier werfen kann); zum zweiten steigert Martin mit großem Geschick die Heftigkeit der ›magischen Verwerfungen‹, die Hauptfigur Sandy drastisch anhand von Alpträumen & Visionen erlebt. Das ergibt dann umwerfend intensiv wirkende Passagen, z.B. wenn Sandy sich schlaflos im Chicago der Achtziger in einer großen Gespenster-Parade der Anti-Kriegs-Demonstranten & harsch durchgreifenden Sicherheitskräfte beim Parteitag der Demokraten 1968 wiederfindet.

Überhaupt Sprache & Stil: Eigentlich logo, dass ein Roman, der teils naiv, teils wehmütig, teils bitter, teils versöhnlich aber stets leidenschaftlich, subjektiv & emotionell danach trachtet, den Geist der »Make Love Not War!«- & »Macht Kaputt Was Euch Kaputt Macht!«-Zeit zu beschwören, in die Vollen greift. Da wird — auch Dank Sandys Schnodderschnauze — kurzweilig kalauert, gesudert, gewitzelt, gestichelt, debattiert. Auch sorgen knackige Beschreibungen von Saufen, Kiffen, Vögeln, Kater-Qualen, Musik-Lauschen & übermütigen Blödsinnsaktionen für Kurzweil. Alle Register der Stimmungsorgel zieht Martin insbesondere bei den schon orgiastischen Konzert-Beschreibung vor allem im letzten Drittel des Romans (Beispiele aus Kap. 20):

Faxons Gesicht war weiß und ausdruckslos geworden, aber seine Finger bewegten sich mit der sicheren Bestimmtheit von einst über die Saiten seines Rickenbacker, und tiefe dröhnende Töne verschmolzen mit dem Strom der Musik, Töne so tief wie das Räuspern Gottes, so bedrohlich wie das erste Grollen eines Erdbebens, so wahr und so schrecklich wie ein Atompilz. {…} Maggio tanzte wild über die Bühne wie jemand, dem man einen elektrischen Schlag versetzt hatte, aber er grinste in einem fort und fletschte höhnisch die Zähne, und seine Gitarre spuckte beißendes, tosendes Feuer. Wie rasend riss er an den Seiten, und die Akkorde flogen wie Rasiermesser. Hobbins wandte sich zu ihm um, funkelte ihn an und kratzte über sein eigenes Instrument. Klänge und Melodiefetzen schossen hin und her, während sie gemeinsam improvisierten. Die Leute standen auf den Stühlen, klatschten über den Köpfen in die Hände, krümmten sich zur Musik, schüttelten sich, fickten die Luft mit den Fäusten.

Ganz selten stieß ich auf Stellen, die ich unelegant fand (z.B. die 1-A Brüste einer Aktivistin, ihre sexy Brustwarzen, die sich stets durch den Stoff abzeichnen! Dafür ist Stoff ja da! … Und Nippel!!). — Außerdem wurde ich durch die Zweitlektüre daran erinnert, was für ein bombiger Geschichtenerzähler Martin ist. Er schreibt zwar im Großen & Ganzen gefällig, also führt keine hoch-›lüterarischen‹ Kunststückchen auf, vielmehr versteht er es z.B. geschickt, das Tempo abzuwechseln, mal zu raffen, mal zu weiten, oder mit ›Leitmotiven‹ zu arbeiten, was den Text zuweilen sehr überzeugend wie einen dieser überlangen, komplexen Prog-Rock-Songs wirken lässt. Ach, & wie es sich für einen apokalyptischen, von düsterer Hippie-Romantik geschwängerten Roman gehört, wird »The Second Coming« von William Butler Yeats ausführlich als Songtext eines Nazgul-Stückes zitiert.

Martin meidet trotz aller merklich spürbaren persönlichen Leidenschaft für ›seine‹ 68er-Gegen- & Musikkultur einseitige Polemik oder platte Parteilichkeit (einige Stellen wirken vielleicht wie blauäugige Verklärung, vor allem was die Musik tatsächlicher Gruppen von damals angeht; aber das wird durch entsprechend wehmütige Schilderungen, wie Kurzsichtig man doch damals war aufgewogen). — Martin gibt sich als nostalgisch-skeptischer Gegner von Fanatismen, Bevormundung & Beengung jeglicher Coleur zu erkennen & der Roman schließt also mit dem beherzigenswerten Fazit, dass Menschen & persönliche Beziehungen glücklicher machen & die Welt wohl besser aussähe, wenn man diese pflegte, statt sich mit kämpferischem Zorn für Ideologien einzusetzen. — Ein wunderbarer Roman, von mir bei Goodreads mit 5 von 5 Sternchen & dem Ettikett »All Time Favorite« bedacht, der glänzend verdeutlicht, dass man den Alternativkultur-Slogan »Sex Drugs & Rock’n Roll« getrost um den vierten Punkt »UND Phantastik« ergänzen kann.

Bonus:

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George R.R. Martin: »Armageddon Rock« (EV: 1983); Aus dem Amerikanischen von Peter Robert; 28 Kapitel auf 391 Seiten; Überarbeitete broschierte Neuausgabe bei Golkonda 2014; ISBN: 978-3-944720-35-7.
ISBN eBook-Ausgabe: 978-3-944720-36-4.
Für ganz innige, bibliophile Martin-Liebhaber gibt es direkt beim Verlag eine auf 111 Exemplare limitierte & signierte Vorzugsausgabe.

Antwort Umfrage »bzgl. deutsch- & englischsprachiger Titel — Science-Fiction & Fantasy«

Der geschätzte Übersetzer-Kollege Markus Mäurer fragt in seinem Blog ›TranslateOrDie‹ für einen kommenden Artikel für ›Phantastisch‹, wie es mit dem Leseverhalten bezüglich deutsch- & englischsprachiger Titel auf dem Gebiet der Fantasy & Science-Fiction aussieht.

Hier meine Antworten.

  • Lest ihr auf Deutsch, Englisch oder beides?
    Beides.
  • Lest ihr in Deutschland abgebrochene Serien/Reihen auf Englisch weiter? Lest ihr nicht übersetzte aber interessante Titel auf Englisch?
    Da ich Serien weitestgehend meide, habe ich dieses Problem nicht mehr. Als Teen und noch Anfang meiner Zwanziger ist mir das einige Male passiert und war ein Grund dafür, dass ich meine Unsicherheit Englisch zu lesen überwinden wollte. — Was ›interessante Titel‹ angeht lese ich das allermeiste auf Englisch, weil es dort weit mehr Titel gibt, die mich interessieren: sprachlich, literarisch, thematisch ungewöhnlichere (aber immer noch) Unterhaltungsliteratur. Gramvoll beobachte ich, wie Autoren, die dann doch übersetzt bei uns rauskommen, regelmäßig floppen oder bei weitem nicht den Ruf bzw. die Leserschaft gewinnen, die sie im englischsprachigem Raum haben. (Ich hoffe ja, dass es z.B. mit Jeff Vandermeer dieses Jahr klappen wird, wenn der Kunstmann Verlag die ›Southern Reach‹-Trio bringt.)
  • Wenn ja, lest Ihr trotzdem auch noch deutsche Titel bzw. Übersetzungen?
    Ich lese noch deutsche Titel.
    Übersetzungen lese ich auch: (a) wenn ich weiß, dass der englische Text sprachlich nicht sooo einzigartig ist, dass ich etwas vermisse, wenn ich zur deutschen Ausgabe greife und ich (b) sicher bin, dass die Übersetzung von guter Qualität ist (Beispiele: John Irving bei Diogenes, oder die neue Melville-Übersetzungen bei Hanser); (c) bei von mehr sehr geschätzten Autoren lese ich gerne Englisch und Deutsch, um die Übersetzung mit dem Original zu vergleichen und meinen Spaß daran zu haben, die Entscheidungen und Strategien des Übersetzers zu beobachten.
  • Wer liest nur noch auf Englisch? Und warum?
    Nicht der Fall.
  • Wer liest weiterhin ausschließlich auf Deutsch? Seid ihr mit dem Angebot zufrieden?
    Nicht der Fall.
  • Wie seht ihr die aktuelle Lage auf dem Fantasy und SF-Buchmarkt?
    Zu wenig gute Bücher finden zu den entsprechend guten Lesern. Fandom-Leser oder Fantasy/Science-Fiction-Fans sind nicht zwangsläufig gute Leser. Die Genre-Phantastik krankt daran, dass sie zu viele schlechte Leser hat. Ohne ausreichend gute Leser verfestigt sich bei Verlagen der Eindruck immer mehr, dass Fantasy/Science-Fiction-Leser vor allem Ex & Hopp-Franchise-Zeug genießen wollen. Entsprechend eintönig ist das Angebot.

»Warum ›Groschen‹ und nicht ›Cent‹?«

Habe vor einigen Tagen spät Nachts noch die weitergeleitete Frage einer Leserin beantwortet, warum ich an einer bestimmten Stelle meiner Übersetzung von Ted Chiangs Story »Geschichte Deines Lebens« aus dem Band »Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes« der Begriff ›Groschen‹ und nicht ›Cent‹ verwendet habe. — Überraschenderweise waren Golkonda-Herausgeber Hannes & Karlheinz von meiner Antwort so erfreut, dass sie als Newsblog-Eintrag auf der Verlagsseite verbreitet wurde.

Ich will meine Antwort den MoloChronik-Lesern nicht vorenthalten und biete sie also auch in meiner mir eigenen Textformatierung hier an:

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Frage: Warum wird ›Groschen‹ verwendet und nicht ›Cent‹? (Seite 43, Zeile 16 in »Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes«)

Antwort: Gerehrte Fragestellerin.

GOtt sei Dank eine Frage nach einer Übersetzung-Detail-Entscheidung, die ich beantworten kann. (Es ist nämlich keineswegs so, dass ich jede einzelne Übersetzungs-Entscheidung, die auf meinem Mist gewachsen ist, im Nachhinein selbst noch nachvollziehen könnte.)

Warum an der genannten Stelle ›Groschen‹ und nicht ›Cent‹?

Kurze Antwort: Weil im Original eben nicht ›cent‹ steht, sondern ›one slim dime‹.

Aber: ›one slim dime‹ hieße wortwörtlich eigentlich in etwa ›ein mickriges / lausiges Zehn-Cent-Stück‹. Im deutschsprachigen Raum gab es in Österreich vor der Einführung des Euro noch Groschen; in der BRD (in der ich groß geworden bin) war umgangssprachlich damit ein 10-Pfennig-Stück gemeint. Trotzdem nicht ganz das Gleiche wie ein amerikanisches 10-Cent-Stück.

Also längere Antwort: Wichtiger als das wörtliche Übersetzen einzelner Ausdrücke an und für sich ist bei einer Übersetzung von Prosa, Erzählungen, Romanen (zumindest meiner Ansicht nach), die Stimmung, den Rhythmus, den Erzählton zu treffen und möglichst viele der kulturellen, sozialen, zwischenmenschlichen, psychologischen etc. Anspielungen, Anklänge in die deutsche Fassung rüberzuholen, wie nur geht.

Die Stelle im Original:

Gary held up the tent flap and gestured for me to enter. »Step right up,« he said, circus barker-style. »Marvel at creatures the likes of wich have never been seen on God's green earth.«
»And all for one slim dime,« I murmured, walking through the door.

Wesentlich scheint mir hier, dass Gary — etwas albern, aber das macht ihn ja liebenswert — ein kleines Rollenspiel beginnt, absichtlich ironisch dramatisiert (um die Spannung zu mildern, sich gleich einer ganz großen, nicht nur wissenschaftlichen, neuen Sache gegenüber wieder zu finden) und sich des altertümlichen Sprachgehabes eines Jahrmarktschreiers bedient. DAS rüberzubringen lag mir am Herzen, und dass die Erzählerin mit ihrer eher beiläufigen, zurückhaltenden Art dennoch bei diesem Rollenspiel mitmacht, indem sie umgangssprachlich (›one slim dime‹) antwortet.

Deshalb also in der deutschen Fassung:

Gary hielt den Zelteingang auf, und bedeutete mir mit einer Handbewegung einzutreten. »Hereinspaziert, hereinspaziert«, sagte er wie ein Zirkusausrufer. »Bestaunen Sie Kreaturen, wie sie auf Gottes schöner Erde noch nie zu sehen waren.«
»Und das alles nur für ein paar Groschen«, murmelte ich, als ich durch die Öffnung trat.

Trotzdem, so könnte man beharren, ist one slim dime‹ eben eigentlich ein Groschen‹, ja ganz genau eben ein 10-Pfennig-Stück‹. Aber wie klingt das als Satz?

Letztendlich entscheide ich mich oftmals, was besser klingt, solange es im Grunde eher mehr als weniger inhaltlich stimmt. Buchstäbliche Bedeutung ist eben nicht alles beim Übersetzen.

Ich hoffe, diese Antwort ist hilfreich.

Herzliche Grüße
Alexander Müller / molosovsky

For Damien: Herrmann Hesse about E. A. Poe.

Damien Walter is a ›Twitter buddy‹ of mine, Scottish author of reviews and essays, buddhist agent provocateur against all dumb mainstream notions, jester, mocker & critic at the court of the fantastic genres.

In short: check out his website and follow his columns for »The Guardian«.

Today he shared his love for Herrmann Hesse — an author whose achievments I can respect, but I personally quite despise his writings, especially his prose style — but instead of scoffing about Damiens fondness for Hesse, I replied by hinting at a curious quote from Hesse about Edgar Allan Poe.


Found the full quote with context in German, but not in English, which provides me with a perfect opportunity to do something litte for Damien as a »Thank you« for his Twitter friendship and as appreciation for his workings on the internet.

So here is my quick translation vom German to English of the mentioned quote of Herrmann Hesse (In »Gesammelte Werke Band 12; Schriften zur Literatur II«, Werkausgabe edition Suhrkamp; Hrsg. von Volker Michels, Frankfurt 1970; Seite 283):

E. A. Poe
1809 - 1849
The german literature of our days is full of »fantastical« fictions, from which only that of Meyring have a certain depth. The father of this genre, Poe, remains unmatched. Poe, the lonely, impoverished american journalist truly was a marked man, a Cain with the sign of a genius. The whole literature of horror & the fantastic following after Poe will be gone swiftly. Poe may be Americas greatest poet even above Whitman.
»A History of Literature in Reviews and Essays«, 1922

Grenzübergang 2013 / 2014

Ich stecke fest und der diesjährige Jahresrückblick kommt nicht voran. Habe mich nun entschieden, dass ich via Twitter — Molos Zwitscherei — bescheid gebe, wenn ich fertige Kategorien hier ergänze. Damit ihr geschätzte MolochronikLeser aber schon mal was habt, hier das bisherige ›Work in Progress‹.

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Willkommen bei meinem Jahresrückblick zu den edelsten Zeitverschwendungen, der explosivsten Unterhaltungsmunition, lindernsten Seelenmedizin & potentesten Bewusstseinshanteln des Jahres 2013.

Überflüssig zu erwähnen – aber sicherheitshalber hier noch extra betont –, dass dies meine persönlichen Favoriten des Jahres 2013 sind, & ich deshalb mit GOttgleicher Objektivität alle anderen Bestenlisten zunichte mache. Wenn Eure Lieblinge hier nicht aufgeführt werden, könnt Ihr ja zur Abhilfe Haare raufen & mit den Zähnen klappern. Vielleicht bringts ja was.

Titel, die ich nicht gesehen, gelesen, gehört oder gespielt habe, bleiben natürlich aussen vor. Vor allem bei den Filmen & Games wurde ich vieler Sachen, die mich brennend interessiert hätten, 2013 noch nicht habhaft (ganz besonders bitter beklage ich, dass der neuste in Deutschland anlaufende Ghibli-Zeichentrickfilm »Der Mohnblumenberg« in der ach so mondänen Metropole Frankfurt grad mal eine Woche in den Kinos war).

Die Sortierung folgt diesmal dem Alphabet (nach Autorennachnamen oder Titel), die Reihenfolge stellt also in sich keine Wertung dar (besondere Hervorhebungen wurden in die Kurzbeschreibung integriert).

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GUT BUCH (Prosa)
  • »Pulsarnacht« von Dietmar Dath: Siehe meine Besprechung in diesem Blog. Spontane Kurznotiz nach Beenden des Buches: »Es ist für mich 100 x vergnüglicher, mich mit den Romanzumutungen von Dath abzurackern, als Spaß zu haben mit den mundgerechten Schreibformel-Ergebnissen eines Eschbach«
  • »Nimmèrÿa 1: Geschichten aus Nimmèrÿa« von Samuel R. Delany: Meine erstes Buch von Delany mit dem er sich in meine oberste Fantasy-Liga katapultiert hat (in der sich auch Mervyn Peake, John Harrison & China Miéville befinden). Mit wunderschöner Sprache & erlesenem Stil schildern fünf Kurzgeschichten Schicksale größtenteils einfacher Leuz in einer gut geerdeten Fantasywelt (kann aber auch eine verschollene, unbekannte Vorgeschichtsepoche sein, wie ein fiktives akademisches Vorwort andeutet). Es geht um die Queste der Erkundung der eigenen Sexualität, um sozialen Wandel im Zuge sich ausbreitenden Handels & Geldwirtschaft, um Adelsintrigen, Drachenreiter & Befreiungen aus Verließen. Mich begeistert, wie scheinbar spielerisch Delany es versteht hohen Ton, philosophische Spekulation und gewöhnliches Leben zu vereinen. Freue ich schon sehr auf die weiteren Bände dieser deutschen Ausgabe der Geschichten aus Nimmèrÿa und anderer Bücher von Delany.
  • »The Quantum Thief« (Jean le Flambeur #1)von Hannu Rajaniemi: Was für ein Debüt! Schon mal vom Start weg grandios, wenn ein Hi-Tech-SF-Thriller sich vor dem ehrenwerten Klassiker »Arsene Lupin« von Maurice Leblanc verbeugt. Hier gibt es alles, was das Herz begehrt: interessanten Weltenbau; entsprechend der vielfältigen ausgeklügelten Technik-Gadgets & Szenerien wohlfeile SF-Poesie. Die Handlung verläuft zweigleisig: a) ein Meisterdieb auf der Suche nach seinem irgendwo versteckten Selbst und b) ein idealistischer Amateurdetektiv soll einen Mord an einen Chocolatier aufklären. Die Äktschnszenen sind bombastisch, Humor- & Emotionseinlagen sind gelungen, die Schreibe ist komplex & kompakt und der Roman damit ein Feuerwerk der Vielfalt: Kurz: ein Spitzen-Titel der Lust auf mehr macht (Band zwei »The Fractal Prince« liegt schon bereit).
  • Thomas Pynchon hat sich seit »Against the Day« in den letzten Jahren zu einem meiner Helden gemausert, zu einem der Autoren, von denen ich mich mit Freuden überfordern lasse. »Mason & Dixon« & »Gravity’s Rainbow« stehen mir noch bevor. Zweiteren habe ich mittlerweile drei Mal angefangen & stecke immer noch irgendwo in der Mitte. — Aber folgende beiden Romane habe ich letztes Jahr genossen:
    »Bleeding Edge«
    »Vineland«
  • Neal Stephenson:
    »Zodiac«
    »Interface«
  • Tad Williams: »The Dirty Streets of Heaven« (Bobby Dollar #1), ungekürztes engl. Hörbuch, gelesen von Joe May: Finde ich ja total toll, dass ich nach vielen, vielen Jahren mal wieder was von Tad Williams gefunden habe, was mir richtig gefällt (Mega-Verrisse schreibe ich nämlich eigentlich nicht so gern). Obwohl dieser Roman nicht mehr darstellt, als dass Herr Williams aufgeschlossen hat an die Mode, sich klassische Mythen, wozu auch der Fundus phantastischer Figuren & Themen der Bibel gehören, in zeitgenössischer Stadtlandschaft tummeln zu lassen (er ist nun also da angekommen wo »The Sandman«, die »Books of Blood«, »Hellblazer«, »Preacher« & mannigfache andere urbane Fantasy schon seit Jahrzehnten weilen), ist das Ergebnis doch eine sehr kurzweilige Freude. Krimi, Komik & Tragik, Spannung, ein bisschen Horror, dargeboten durch einen sich am Noir Krimi-Schnodder orientierenden Erzähler, eine gute Portion »Fuck You!« in Richtung religiöses Schwarz-Weiß-Denken, ein Engel der sich mit einer Höllenschönheit im Bett wälzt … und die Sache ist perfekte Kurzweil. — Habe leider noch nicht prüfen können, was die deutsche Fassung taugt & bin sehr gespannt, welche Umsetzung & Reaktionen Buch 2, »Happy Hour In Hell«, auf dem Deutschen Markt erleben wird, denn da dreht Williams richtig heftig auf und bietet (für seine Verhältnisse heftig krasse) Grausamkeit, Groteskerien, Blutorgien & Ekelsex, dämonische Frauen die mit bezahnten Muschies Männer vergewaltigen, bis zum wonniglichen Brechreiz.
  • Desweiteren erwähnenswert & einen Versuch wert:
    • J. R. R. Tolkien: »The Lord of the Rings«, ungekürztes Hörbuch gelesen von Rob Inglis:
    • Suzanne Collins: »The Hunger Games«-Trio (»The Hunger Games«, »Catching Fire«, »Mockingjay«)
GUT BUCH (Sach)
GUT COMIC
  • Hiromu Arakawa: »Fullmetal Alchemist«:
  • China Miéville: »Dial H for Hero«:
  • Osamu Tezuka: »Buddah«, 8 Bände
  • :
GUT MUKKE
  • »Random Access Memory« von Daft Punk:
  • »The Last of Us« von Gustavo Santaolalla:
  • »The Golden Age« von Woodkid:
GUT GAME (PS3)

Zum ersten Mal die Sparte ›Games‹ & hier kommt die alphabetische Sortierung voll sinnvoll zum Zug, denn mich bei diesen Titel entscheiden zu müssen, welches nun die anderen überragt, ist mir unmöglich. Alle Gold!

  • »The Last of Us« von Naughty Dog: Immer wieder klopfe ich meine Gemütslage in Sachen Games ab, & komme stets zu dem Ergebnis, dass TLoU mein bisheriger Lieblingstitel aller Zeiten ist. Okey, der Multiplayer ist mörderschwer & ich inmitten lauter Kopfschuss- & Schleichkünstler eine absolute Nulpe. No Fun. Aber wer braucht Mehrspieler, wenn die Einzelspieler-Geschichte so überragend gut geschrieben & inszeniert ist. Das Genöle von Rezensenten, die meinen, TLoU wäre eigentlich arg flach & glänze nur darin, die Spieler ›emotionell zu manipulieren‹, entstammt zwar einer durchaus bedenkenswerten Kritik-Tradition, die 90° zur ›Effekt bewirkt Affekt‹-Programmatik des Urvaters der modernen Reisser-Poetik Edgar Allan Poe verläuft, aber völlig verkennt & entsprechend fehlurteilt, wie heftig & imho relevant die Tragödie ist, die dieses Spiel erzählt & spürbar macht. — Ein Mensch reisst nieder, weil er nicht loslassen kann; wird zum Zerstörer, weil er Nähe erzwingen will; raubt der Mehrheit die Hoffnung, weil er seine eigene Verzweiflung alleine nicht bewältigen kann. — Nicht nur die reisserischen, spektakulären, schockenden Sequenzen & Aspekte wurden hochwirkungsvoll umgesetzt, auch & gerade die umsichtige Sorgfalt, mit der die zarten (»You’re gonna so sing for me when we get through this«), kleinen (»Gnomes are super cute. Not Fairies though. They creep me out.«), beiläufigen (»Your watch is broken«) menschlichen Details platziert wurden, macht das Spiel für mich so groß. Überall subtil verteilte Spuren von Kindern & zerstörten Familien, der Härte des Überlebens in der Postapokalypse. und dann erst die Giraffen, der Schwan, der Hirsch, der Schneehase. — Taschentücher bereithalten.
  • »Grand Theft Auto V« von Rockstar: Eingestanden, dass auch mich leichte Wehmut umflorte, weil der Titel nicht mit der Wirkmacht bei mir einfetzt, wie ich erwartet habe. Andererseits war meine Erwartung eben auch ungescheit heftig uffgedreht … eine Grundstellung, mit der man sich fast zwangsläufig einen Kick ins Gemüt reserviert. Doch trotz der ein oder anderen nervigen Nebenfigur, kleiner Macken des Einzelspieler-Modus, & des mich ziemlich frustrierenden, weil lahmarschigen Mehrspieler-Modus, wurde ich beschert mit einer überwältigend gestalteten Welt, vielen amüsanten Details, ‘nem flockigen Gameplay & mit Michael, Franklin & Trevor eine wuchtige Spielfiguren-Trio. — Sonderpunkte gibt’s für den coolen Soundtrack unter anderem mit Tangerine Dream. — Weitere Sonderpunkte gibt’s für Yoga als Minispieleinlage. Macht immer gute Laune, wenn Michael mit hochrotem Kopf wieder in die Senkrechte kommt.
  • »Ni no Kuni« Take-5 & Studio Ghibli: Dummerweise habe ich »Ni no Kuni« gar nicht fertig spielen können, weil mein Speicherstand bei einem Crash verlorenging. Aber die ¾ der Geschichte, die ich absolviert habe, riechen locker (!) für einen Platz unter den Jahresbesten. Die Gestalter von Studio Ghibli & ihr Hauskomponist Joe Hisaishi brillieren darin, allen zu zeigen, wie umfassend doll ein Game daherkommen kann. Die Bossfights auf ›normal‹ brachten mich lustvoll zum Schmitzen. Besonders begeistert mich, wie die Story unerschütterlich auf Prinzipien des Ausgleich-Schaffens und der Harmonie-Verbreitung aufbaut. Hier kann man seine (völlig unironisch gemeint) Gutmenschen-Mukkis trainieren, und das sollten viel mehr große Titel wagen. — Zur Sicherheit Taschentücher bereithalten. — Genuss des Spieles kann dazu führen, dass man mit Decke als Umhang und Stecken als Schwert durch die Nachbarschaft rennt um Leuten zu helfen.
  • »Ico« von Team Ico: Okey, ich hinke ein klein wenig hinterher, dass ich erst im vierten Quartal 2013 dazu kam, diesen Klassiker aus dem Jahre 2001 zu spielen. Ändert aber nix an meiner Begeisterung für dieses eigentlich sehr simple Spiel. Junge mit Hörnern & Mädchen in Weiß wollen aus einer gigantischen Burgruine entkommen. Rufen. Händchen halten. Schattenmonster kloppen. Kisten schieben. Klettern. Hebel umlegen. Was für eine überraschende Stimmungs-Melange aus kraftvoller Zärtlichkeit & unheimlicher Menschenleere. Habe nach über 10 Jahren sofort verstanden, was ein Freund damals meinte, als er mir »Gormenghast«-Fan dieses Spiel empfahl. — Für den Schluss unbedingt Taschentücher bereithalten.
GUT FILM
  • »Django Unchained«: Herr Tarantino trifft stets meinen Geschmack & jeder seiner Flicks beglückt mich mit grandiosen Ideen, kreativem Erzählen, aufwühlenden Wendungen & Perspektiven, vor allem aber mit knackigen, langen Dialogen. Herr Waltz diesmal als heldenhaft guter Deutscher, Herr Caprio zu Abwechslung mal als egomanischer Herrenmensch & viele weitere Darsteller in hinreissenden Rollen. Zudem: angenehm humorig-launig diese engagierte Anklage des ansonsten missachteten Themas Sklaverei in USA.
  • »The East«: Überraschungstreffer. Wollte eigentlich nur mal wieder einen Film mit der mich stets begeistern Ellen Page gucken. Trotz der enttäuschend konventionell-feigen Schlussvolte ein aufwühlender, ruhiger Film über die Rache der Leute mit zuviel Gewissen. Allein die Szene mit der Widerstandskämpfer-Initiation beim gemeinsamen Abendessen zog mir den Teppich unter den Füssen weg. So geht Publikumsbeschämung die inspiriert. — Ein halbes Taschentuch bereithalten.
  • »Gravity«: Abgesehen von der umwerfen Achterbahnfahrt im All; den spektakulär perfekten Bildern & teilweise irre langen Kamereinstellungen; der überzeugenden Veranschaulichung, dass das Kaporresgehen von Dingen große Schönheit zeitigt; erstaunte mich hier, wie gut Frau Bullock sein kann, wenn man ihr entsprechend was zu tun gibt.
  • »The Hobbit (2): The Desolation of Smaug«: Siehe meine Besprechung in diesem Blog. Kurzfassung: Bisher mein liebster Mittelerde-Rambazamba.
  • »Jack Reacher«: Derzeit mit liebster Film mit Tom Cruise, was weniger an Herrn Cruise liegt (der hier schlicht gutes Handwerk abliefert), sondern der geschickten, angenehm altmodischen Inszenierung zu verdanken ist. Absoluter Hammer allerdings ist Werner Herzog (& seine leblosen, vor niederträchtiger List funkelnden Augen) als gieriger, strenger & grausamer Oberböser. — Siehe auch meine Rezension zu dem (hier nicht verfilmten) ersten Roman von Lee Child mit Titelhelden Jack Reacher.
  • »Pacific Rim«: Auch Herr del Toro ist so einer, der bisher nichts abgeliefert hat, was mir missfällt. Guckt genau hin, wie edel, wahrhaftig & freudvoll stumpfe Prügeleien zwischen Riesenmonstern & Titanen-Roboterrüstungen sein können, wenn sie ohne dummes Ironie-Augenzwinkern, sondern mit viel Detail-Liebe & Choreographie-Können aufgeführt werden. Bienchen jeweils für Rinko Kikuchi als zarte aber wehrhafte Mako Mori; den feinen Stockkampf; & die allerliebst gestaltete fremdartige Welt, aus der die Monster kommen. — Mein persönlicher Lieblingsfilm des Jahres!
  • »Silver Linings Playbook«: Sozusagen »Harry Meets Sally« für Leuz mit bipolarem Dachschaden (also MelanchoManiker wie mich, auch wenn ich bisher nur laienhaft von meinen Freunden diagnostiziert wurde). Nicht mehr als eine Gute Laune-Romanze, aber eben erfreulich herzhaft gegen das verständliche Theater anstänkernd, normal & brav sein zu wollen. Wenn schon normal sein, dann weil es einem selbst gut tut, nicht weil es ›die anderen‹ halt gern so hätten. Hut ab für das Tanzfinale, das mit all seiner Ungeschicklichkeit menschlich berührt. — Mindestens ein Taschentuch bereithalten.
  • »12 Years A Slave«: Neben »The East« sicherlich der ernsteste, erwachsenste Film dieser Liste, & im Gegensatz zu »Lincoln« eine rundum gelungene, notwendige, schmerzliche, intensive & plättende Geschichtslektion. Auch die Inszenierung traut sich immer wieder Sachen aufführen, die man selten so konsequent gemacht vorgesetzt bekommt. Ein Meisterwerk. — Mindestens eine Packung Taschentücher bereithalten.
  • Ebenfalls gut, wenn auch mit Abstrichen oder Vorsicht zu genießen:
    »The Conjuring«: Gute Gespensterfilme sind rar, aber hier wurde fast alles richtig gemacht. Herausragende Geräusch- & Klanggestaltung, sachte Steigerung, geschickte Kamera & überzeugende Darsteller — Bienchen für Lily Taylor — sowie eine Menge frischer Ideen lassen diese eigentlich ausgelutsche Formel knackig-firsch erscheinen.
    »Elysium«: Schade, dass Herr Blomkamp das Niveau nicht halten kann, das er mit »District 9« selbst vorgelegt hat. Aber immerhin trumpft Sharlto Copley als energischer Söldner & Judy Forster als skrupellose Präsidentin auf. Zudem immer noch einer der besten SF-Weltenbauten der letzten Jahre & unübersehbar sozialkritisch obendrein.
    »Hänsel & Gretel: Witch Hunters«: Sicherlich der behämmerste Streifen, der es auf diese Liste geschafft hat. Da aber hier Schwachsinn erstaunlich hoch gestapelt wird, gepaart mit haarsträubend planlosen Schauspielern & einer Schwemme lachhafter Gimicks ein kurzweiliges Vergnügen … vorausgesetzt man hat was zu Kiffen oder (wie in meinem Fall) Saufen.
    »How I Live Now«: Frau Ronan seh ich ja immer gern, & wenn schon Bürgerkrieggrauen & Atombombendystopie, dann bitte auch mal einfach aus der Sicht von Jugendlichen auf dem Land, die von den anspringenden Ausnahmezustand-Maßnahmen überrollt werden & ums Zusammenfinden & Überleben kämpfen. Mindestens ein Taschentuch bereithalten.
    »Iron Man 3«: Shane Black hat’s halt druff & deklassiert locker die Vorgänger-Teile. Überraschend, wie bissig so ein Megabudget-Vehikel die jüngere ›War on Terror‹-Zeitgeschichte kommentieren kann. Bienchen für Ben Kingsley der in diesem Film wieder Mal zeigt, wie groß seine Bandbreite ist.
    »I Spit On Your Grave«: Wollte dieses Remake eines stur durchgezogenen Schnetzlers eigentlich nur nebenbei gucken. Die ersten ca. 40 Minuten sind äußerst unangenehm, wenn eine Schriftstellerin ausführlich zuerst belästigt, dann psychisch & schließlich körperlich vergewaltigt wird. Der erbarmungslose Racheparkour mit seinen originell-grausamen Hinrichtungsmethoden entschädigt jedoch voll & hat mich begeistert. Der sadistische Feministen-Sympatisant in mir kam voll auf seine Kosten.
    »Lincoln«: Mit seiner ungehemmt aufdringlichen Absicht, hier ein schultaugliches Geschichtslehrstück abzuliefern nervt Spielberg freilich volle Kanne, aber das mindert nicht das Vegnügen, Herrn Lewis dabei zuzusehen, wie er sich in den beliebtesten Präsi der USA verwandelt.
    »Prisoners«: Die Kamera von Meister Deakins & die ruhige Musik von Jóhannson machen aus diesem beklemmenden Depri-Thriller um eine entführte Tochter etwas ganz Besonders. Bienchen für die Person, die sich am Ende als Bösewicht entpuppt. — Ganz toll & mich fibbern lassend: Regiesseur Denis Villeneuve wird die von mir ins Deutsche übertragene Geschichte »Geschichte Deines Lebens« von Ted Chiang verfilmen!!!
    »Rush«: Ich hasse Autos & noch inniger hasse ich Formel 1. Aber Daniel Brühls Portrait von Niki Lauda ist atemberaubend. Zudem wird eine beherzigenswerte Lektion über fruchtbare & schädliche Arten Rivalitäten zu pflegen geliefert.
    »The Worlds End«: Obwohl dies der schwächste Teil der ›Cornetto‹-Trio ist, wird hier vor dem Hintergrund einer clandestinen Alien-Invasion wieder mal die Geistlosigkeit provinzieller Bürgerlichkeit vorgeführt & zudem die Herausforderung des Erwachsenwerdens sowie Verzweiflung des Klammerns am Jugendlichkeitswahn veranschaulicht. Und Herr Pegg glänzt als ergreifender Tragikomiker.
    »World War Z«: Als Verfilmung der packenden, fiktiven Interview-Collage von Max Brooks freilich Mist, aber wenn man das mal außen vor lässt & den Film für sich nimmt, ein ganz vergnüglicher Zombie-Äktschnkracher, mit unverschämt wimmeligen & quirligen Untoten-Tsunamis. Bienchen für Daniella Kertesz als zähe israelische Soldatin.
GUT SERIE
  • »Elementary«:
  • »Legend of Korra«, Staffel 1 »Air«, Staffel 2 »Spirits«:
  • »Person of Interest«:
  • »Sleepy Hollow«:
  • »Star Trek« (»Next Generation«, »Deep Space Nine«, »Voyager«, »Enterprise«):
  • »Veronica Mars«:
  • »West Wing« und »The Newsroom«:
BESTE/SCHLIMMSTE MOMENTE
  • Twittern macht großen Spaß. Traue mich auch immer mehr auf Englisch zu schreiben.
  • Kaum gebloggt. Molochronik hat darben müssen.
  • Zum ersten Mal via Bildschirmtelefonie mit jemanden über große Strecke kommuniziert (Hi David!). — Würd ich gern öfter machen.
  • Sommerurlaub in Berlin inkl. Übersetzerklause & Grillfest beim Golkonda Verlage.
  • Einen Abend in Berlin angeregt mit einem sehr hellen Zehn(?)-Jährigen über Kosmologie, Wissenschaftstheorie & Mathematik ausgetauscht.
  • Gäste im Herbst. Unter anderem wurde eine Kurzgeschichte geschrieben (wobei mir eine Zeichnung aus dem Ärmel geplumpst ist) & an einem Roman gearbeitet (ich durfte als Ideenabklopf-Gehilfe dienen) .
  • Erschöpfte Verfassung meinerseits & Brüllangriff gegen meine Person führte zu schlaflosen Alptraumtagen & -nächten.
  • PS3-Leseköpfe kaporres. Dann aber Wahnsinninsaktion von hilfreichem Freund, der sich darum kümmerte, dass Ersatz gestellt wird (im Zuge dieses Vorgangs ist mir die zweite Zeichnung des Jahres aus dem Ärmel geplumpst).
  • BuCon in Dreieich. Michael Marrak wiedergetroffen! Spontan für Herrn Mäurer die zwei von Carl Amery herausgegeben G. K. Chesterton-Bände der SF-Klassiker-Reihe des Heyne-Verlages beim anwesenden Antiquariathändler besorgt.
  • Musste Zähne knrischend aus Zeitgründen zurücktreten von dem Projekt, die zweiteilige Bastei-Ausgabe von »Perdido Street Station« für die im März 2014 bei Heyne erscheinende einbändige Neuausgabe abzuklopfen. — Konnte immerhin bescheid geben, dass ›theology‹ auf Deutsch nicht ›Theosophie‹ heißt.
  • TV-Literaturkritiker Denis Scheck empfiehlt den von mir übersetzten Golkonda-Band mit Kurzgeschichten von Ted Chiang (»Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes«) sowohl auf der Buchmesse, als auch in seiner Sendung »Durckfrisch« als eines der besten Bücher des Jahres.

Laurie Penny und Terry Pratchett sprechen über Sex, Tod und Natur

Introdubilo des Übersetzers:
»Laurie Penny meets Terry Pratchett to talk about sex, death and nature« erschien am 21. November 2012 im ›New Statesman‹. Wo es mir hilfreich erschien, habe ich zur Orientierung für deutschsprachige Leser Jahresangaben, Originaltitel und weiterführende Links eingefügt.
Ich habe den Text aus mehreren Gründen für die Molochronik übersetzt. Natürlich erstmal, weil ich glaube, dass er sehr gut einfängt, was den bedeutenden Fantasy-Autoren Terry Pratchett auszeichnet. Siehe dazu auch meine Besprechung seiner mit Ian Steward und Jack Cohen verfassten Reihe »Die Gelehrten der Scheibenwelt«. — Seit gut dreißig Jahren bin ich ein begeisterter Leser der Romane von Pratchett (die Nomen-Trio, auch ›Bromeliade‹ genannt, ist mein Lieblingswerk). Er war einer der ersten englischen Schriftsteller, durch dessen Original-Ausgaben ich mich als Jugendlicher kämpfte.
Dann habe ich vor einigen Monaten die engagierte Journalistin, peppige Streitschrift-Autorin, inspirierende Feministin und amüsante Twitterantin Laurie Penny für mich entdeckt, als ich ihre Rede von der ›re:publica 2013‹ auf Youtube gesehen habe. Ich kann allen Molochronik-Lesern raten, sich mal ihre Bücher »Meatmarket« (deutsch bei Edition Nautilus als »Fleischmarkt« erschienen; hier die Leseprobe) und »Cybersexism« vorzunehmen.
Schließlich teile ich die Überzeugung, dass unsere derzeitigen gesetzlichen Bestimmungen und unser medizinisches System die Menschen dazu zwingt, dem Sterben mit der Angst des Ausgelieferten zu begegnen, statt mit der Würde von freien Personen, die legal ihren Tod selbst gestalten können.
Ich danke vielmals Laurie Penny und Helen Lewis von ›New Statesman‹ für ihre Zustimmung, dass ich kleiner Blogger diesen Text hier anbieten darf.
Viel Spaß beim Lesen
Euer Alex / molo
P.S.: SPOILER-WARNUNG!!! Im vorletzten Absatz des Textes wird für den Geschmack mancher Leser vielleicht etwas zu ausführlich eine Szene aus dem Buch »Das Mitternachtskleid« (»I Shall Wear Midnight«) nacherzählt. Ich habe dort einen fett formartierten Hinweis platziert.

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Laurie Penny und Terry Pratchett sprechen über Sex, Tod und Natur

von Laurie Penny

12. November 2012: Terry Pratchett nutzt seit über 40 Jahren Science Fiction und Fantasy, um feinsinnige Satiren zu schaffen. Doch der Beginn einer Alzheimer-Erkrankung zwang ihn, sich mit einer unbequemen Frage auseinanderzusetzen – was wird geschehen, wenn er nicht mehr in der Lage sein wird zu schreiben?

Ich sitze in einem Kaffeehaus an der Hauptstraße von Sailsbury und ein gebrechlicher, alter Mann mit großem schwarzem Hut erzählt mir gerade, dass er sterben wird. »Keine Medizin kann das verhindern«, sagt Sir Terry Pratchett, 64, Nationalheiligtum, Autor von bisher 54 Büchern, Fürsprecher der Sterbehilfe und berufsmäßiger morbider Drecksack. »Zu wissen, dass man sterben wird, ist der erste Schritt zur Weisheit, nehme ich mal an«, erklärt er.

Diese Geschichte handelt vom Tod. Damit ist nicht der personifizierte Tod gemeint, dieser knöchrige, auf unbeschreibliche Weise stets grinsende Kerl mit der Sense, den funkelnden blauen Augen, der flucht und immer lieb zu Katzen ist und in fast jedem der über 30 Romane zählenden Scheibenwelt-Reihe von Pratchett einen Auftritt hat. Diese Geschichte handelt von der unangenehmen kleinen Tatsache des Todes, dieser sich auf Leben und Werk Pratchetts auswirkenden ›Widrigkeit‹, seit der Autor 2007 mit posteriorer kortikaler Atrophie, einer seltenen Form frühmanifestem Alzheimers, diagnostiziert wurde.

Vor 45 Jahren begann Pratchetts Schriftstellerlaufbahn. Mit über 80 Millionen weltweit verkaufter Bücher ist er Großbritanniens zweiterfolgreichster Autor. »Die Farben der Magie« (»The Colour of Magic«), sein erstes Buch der Scheibenwelt-Reihe, erschien 1983 noch als lupenreiner Vertreter der komischen Fantasy. Der Roman beschreibt den unscheinbaren Zauberer Rincewind der über die Scheibenwelt hetzt, die auf dem Rücken einer riesigen Schildkröte durch das Weltall getragen wird. Die nachfolgenden Bücher entwickelten sich zu etwas Komplexerem, das mehr Tiefe an den Tag legte. Im Laufe der Reihe fanden die Romane zu einer prägnanten, beissend satirischen Stimme. Die meisten erfolgreichen Science Fiction- und Fantasy-Autoren müssen früher oder später ihre eigene Politik ins Auge fassen, denn es geht eine gewisse moralische Verantwortung damit einher, Millionen von Lesern zu einem aus dem Nichts geschaffenen Universum einzuladen. Schriftsteller wie Ursula K. Le Guin, Robert Heinlein und China Miéville nutzten ihre fantastischen Werke ausdrücklich als Spielwiese für politische Thesen, indem sie ausgedachte Welten beschreiben, die alternative Entwicklungsmöglichkeiten der Menschheit vorstellen.

Pratchett hat den entgegensetzten Weg eingeschlagen. Er begann mehr wie jemand zu schreiben, der weiß, dass der faszinierendste Ort im bekannten und vorstellbaren Universum das Hier und Jetzt ist. Er nutzt nerdige Fantasy und Situationskomik als Mittel, um Geschichten über Rassismus und religiösen Hass, Krieg und Bigotterie, Liebe und Sünde und Sex und Tod, immer wieder über den Tod zu erzählen, eingebettet in Ersatz-Abenteuer von sprechenden Hunden, Zombie-Revolutionären, Werwölfen die Verbrechen bekämpfen, Zahnfeen, Krokodilgöttern und ulkigen kleinen Typen, die nicht ganz geheuere Würstchen an der Straßenecke feil bieten.

Um so seltsamer seine Bücher wurden, um so mehr glich ihr Klang und ihre visuelle Szenerie dem Großbritannien des späten zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts: Mann trifft auf Frau trifft auf Geschlechterrollen herausfordernden Zwerg; anständige Leute werden durch ihre eigene Feigheit in den Untergang getrieben; Priester verbreiten Lügen und blutsaugende Anwälte ziehen bei allem die Strippen, wobei allerdings auf der Scheibenwelt Anwälte tatsächlich Vampire sind.

»Terry verfügt einfach über ein großes Können beim Beschreiben von Menschen«, sagt Neil Gaiman, Mitautor und enger Freund von Pratchett. Gemeinsam haben die beiden 1990 den Bestseller »Ein gutes Omen« (»Good Omens«) verfasst. »Er hat ein gutes Händchen, wenn es um unverfälschte, menschliche Gefühle geht, und reiht sich damit hervorragend in die Tradition humoristischer englischer Literatur ein.«

»Man kann seine Sachen mit den klassischen Werken von P. G. Wodehouse oder Alan Coren vergleichen – diese Autoren haben den Stil der komischen Literatur geprägt – und Terry ist ein Meister auf diesem Feld. Außerdem beherrscht er sämtliche Sprachbilder einer Vielzahl verschiedener Genres und weiß, wie man sie einsetzt. Anfangs hat man Terry mit Douglas Adams verglichen, weil auch der über Dinge schrieb, die auf anderen Welten spielen, aber am meisten ähnelt er Wodehouse – allerdings ist Terrys Spannweite größer.«

Wie vielen Freunden von Pratchett fällt es Gaiman schwer, über dessen Krankheit zu reden, sogar so schwer, dass er sich uns über Skype anschließt, da ihm E-Mail zu kalt und karg ist. »Ich finde es großartig, dass Terry seinen Alzheimer verdammt noch mal zu seinem Verbündeten gemacht hat«, sagt Gaiman. »Ich liebe es, dass er seinen Alzheimer dazu nutzt, um die ›Dignity in Dying‹-Bewegung {Deutsch etwa: ›Sterben mit Würde‹ — AdÜ} bekannter zu machen.«

Alzheimer ist immer grausam, und die besondere Art, die man bei Pratchett diagnostizierte, zeichnet sich durch einen außerordentlich brutalen, ironischen Zug aus. Tastaturen kann Pratchett gar nicht mehr bedienen, und auch mit einem Stift weiß er nur noch wenig anzufangen. Seine letzten vier Bücher verfasste er vollständig als Diktate und mit der Hilfe von Rob Wilkins, der seit zwölf Jahren sein Assistent ist.

»Tippen kann ich gar nicht mehr, weshalb ich ›Talking Point‹ und ›Dragon Dictate‹ verwende«, sagt Pratchett, während Rob uns in einem überraschend großen, goldenen Jaguar zum Kaffeehaus fährt. »Das Programm wandelt gesprochene Rede in schriftlichen Text um«, erklärt er, »und es gibt eine Sprach-Ergänzung, die von einigen Leuten entwickelt wurde.«

Wie unterscheidet sich das nun davon, mit den eigenen Händen zu schreiben?

»Tatsächlich geht es so viel leichter«, sagt er. Ich zögere, und er bemerkt meine Skepsis.

»Überleg doch mal! Wir sind Affen«, sagt Pratchett. »Wir reden, und zwar ziemlich gern. Wir sind nicht auf die Welt gekommen um …«, er dreht sich zu mir und macht Klacker-di-klacker-Bewegungen, wie ein muffiger Opa, der das Internet für Quatsch hält, »… zu machen.« Für Technologie hegt Pratchett fürwahr so viel Leidenschaft, wie es sich für einen Fantasy-Schriftsteller gehört. Als sich vor einigen Jahrzehnten des Internet für Nicht-Spezialisten öffnete, blühten rasch Gemeinschaften wie ›alt.fan.pratchett‹ {seit 1992 — AdÜ} auf, in denen sich Leser treffen und Geschichten miteinander teilen konnten. »Du musst natürlich schon ein Stück weit ein Nerd sein, um damit zurecht zu kommen«, sagt er. Argwöhnisch beäugt er mich. »Wenn du kein Nerd bist, will ich gar nicht mir dir reden. Du hast doch sicherlich wenigstens schon mal das Gehäuse deines Computers aufgeschraubt, oder?«

Ich befürchte, dass das Interview gleich echt vorbei ist, wenn ich zugebe, mit einem Mac zu arbeiten und Angst davor habe, die Garantie einzubüßen. »Ist auch egal. Aber die Algorithmen sind faszinierend«, sagt er. »Ich habe denen alles zukommen lassen, was von meiner Schreiberei in elektronischer Form vorliegt, und die haben über Nacht alles durchgerührt und ausgeklügelt, wie meine Worte klingen würden und klingen sollten.«

»Wir basteln uns Hilfsmittel«, sagt Rob. »Die Computersysteme sind so eingerichtet, dass sie sich am Morgen, wenn der Wecker klingelt, von selbst einschalten. Terry muss dann also nicht mehr nach dem Einschaltknopf suchen.«


Der große Diktator

Pratchetts Assistent hantiert mit dem Mobiltelefon, und biegt ein zu dem Kaffeehaus, in dem wir unser Treffen abhalten wollen. Man kann sich von Terry nicht wirklich ein stimmiges Bild machen, ohne Rob Wilkins zu beachten, dessen Namen ich versehentlich als ›Wilikins‹ niederschreibe, ganz so wie ein treuer Butler mit verborgenen Charaktertiefen heißt, der in vielen Scheibenwelt-Romanen vorkommt.

Rob ist in vielerlei Hinsicht ein urtypischer Pratchett-Fan. Er hat ein großes Herz, ist bis zum Überfluss erfüllt von der nerdigen Energie der ersten Immigranten-Generation, die in das digitale Universum aufgebrochen ist, trägt ein schlecht sitzendes schwarzes T-Shirt und ist treu bis zum Geht-nicht-mehr. Wenn es einen Grund gibt, warum sich Pratchetts lähmende Krankheit nicht auf den Fortlauf seiner Neuerscheinungen ausgewirkt hat, heißt er Rob. Jederzeit, ob Tag oder Nacht, kommt er zu Terrys Wohnhaus, um ein Diktat entgegenzunehmen oder ein Problem zu lösen, und Terrys Ehefrau hat sich daran gewöhnt, dass das für die Schriftstellerei nötig ist.

»Es ist toll, wenn es uns gelingt, ein Hilfsmittel zu basteln, denn das bedeutet, dass wir ein Gefecht gegen die Krankheit gewonnen haben«, sagt er und eilt davon, um die Getränke zu bestellen. Beide sprechen im Plural, ›wir‹ und ›uns‹, über ihre Arbeit, entsprechend lautet der Twitter-Feed des Schriftstellers ›@terryandrob‹. Die beiden wirken, als wären sie seit Kindheitstagen befreundet. Sie plaudern über Alzheimer, als handle es sich dabei um ein ausgesprochen kniffliges Level eines Videospiels, das sie unbedingt meistern wollen. »Es dauert nicht mehr lange, und das Hilfs-System ist so weit, damit Terry einfach nur mit der Sprache das Licht einschalten, die Vorhänge öffnen und derartige Dinge erledigen kann«, sagt Rob. »Das ist ein großer Spaß. Jeden Tag werden wir damit einen Kampf gegen die Krankheit gewinnen.« Er nickt. »So was machen wir gern.«

Während Pratchetts Auftreten ruppig und pragmatisch wirkt, ist Rob ein überschwänglicher Charakter, von der Sorte, der einen Journalisten den er gerade zum ersten Mal begegnet herzlich umarmt, wenn sich dieser auch als Fan zu erkennen gibt. In der von Pratchett präsentierten, mit einem BAFTA ausgezeichneten BBC-Dokumentation »Choosing to Die« {Deutsch etwa: »Den Tod wählen« — AdÜ} über die Arbeit der schweizerischen Vereins ›Dignitas‹, gibt sich der Autor kurz angebunden und ernst, während er zwei tödlich erkrankte Männern begleitet, die ihrem Leben freiwillig ein Ende setzten. Rob ist derjenige, der sich darüber aufregt, wie unfair das alles ist.

Seit er diagnostiziert wurde, hat sich Pratchett zu einem Aktivisten für würdevolles Sterben entwickelt. Er widmet alle Kraft die er aufbringen kann, um Vorträge zu halten und Programme zu gestalten, und will damit helfen, das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die derzeitige Lage zu schärfen. »Das Problem besteht darin, dass die Menschen heutzutage glauben, nicht mehr sterben zu müssen«, sagt er. »Frühere Generationen hatten noch ein Verständnis vom Tod, denn sie haben selbst eine gesunde Portion Tod erlebt. Noch in der viktorianischen Zeit war es gut möglich, dass man die Beerdigung vieler Geschwister erlebte, ehe man selbst ein fortgeschrittenes Alter erreichte.«

»Heute aber wissen die Leute nicht so recht, was sie mit sich anfangen sollen, wenn sie zu einem Begräbnis gehen. In die Kirche gehen die meisten sowieso nicht mehr – dazu sind sie zu vernünftig –, aber bei einer Beerdigung weiß keiner mehr, was man singen soll, wann man sich erhebt, oder wo man sich hinstellt.«

Rituale sind in Pratchetts Welt etwas sehr Wichtiges. Er gehört nicht zu den Autoren, die jemals abgelehnt hätten, zum Ritter geschlagen zu werden. Stattdessen hat sich Pratchett eigens ein Schwert aus Meteoritenstahl schmieden lassen, denn wenn man schon in den Ritterstand erhoben wird, so dachte er sich, dann auch richtig.


Der Junge vom Land

Terry Pratchett wuchs in den Fünfzigern als Einzelkind in Buckinghamshire und Somerset auf. Lieder und Geschichten waren Teil seiner provinziellen Erziehung – Geschichten über Außerirdische und Reisen ins Weltall standen Seite an Seite mit Erzählungen über die anrüchigen Machenschaften holder Jungfrauen und ihrer Verehrer.

»Zur Science Fiction bin ich ja gekommen, weil ich mich ursprünglich für Astronomie interessiert habe«, sagt er. »Meine Mutter erzählte mir auf dem Weg zu Schule immer Geschichten. Sie begleitete mich den ganzen Weg über zweieinhalb Kilometer und ging dann weiter zur Arbeit.«

»Ich war ein Kind der Sozialwohnungen. Das Haus, in das ich hineingeboren wurde, hätte schon jemand der Stempeln ging nicht mehr betreten. In der Provinz arm zu sein bedeutet, dass man wirklich sehr arm ist. Mein Vater fing ab und zu einen Hasen, sammelte Pilze und Ähnliches, und konnte nur deshalb ein Auto durchbringen, weil er ein guter Mechaniker war.«

»Sie hatten keinen Schimmer, was für unglaublich gute Eltern sie waren. Ich selbst habe es nicht begriffen, bis ich erwachsen wurde. Eltern, die ihre Kinder vor der Glotze parken und sich selbst überlassen, sollte man die Rübe wegpusten.« Er gönnt sich das Privileg des in die Jahre gekommenen Brummbären, jedem einen knackigen Tod zu wünschen, oder, wenn man nicht seiner Meinung ist, einen frühen.

Vor über vierzig Jahren, als er begann Romane zu schreiben, waren Pratchett und seine Frau Lyn »Hippies, aber Hippies mit Jobs«, sagt er. »Ich trug einen Bart, in dem hätte sich Darwin verlaufen können, aber ich verdiente mein Geld als Korrektor einer Zeitung. In unserem kleinen Häuschen war gerade mal genug Platz für ein Kind. Rhianna ist ein Einzelkind, was vielleicht auch ganz gut so ist. Als Einzelkind gehst du entweder unter, oder du entwickelst dich zu einem Kämpfer. Rhianna ist eine Kämpferin.«

Rhianna Pratchett hat sich selbst bereits zu einer angesehenen Spiele-Autorin entwickelt. Kürzlich wurde bekannt, dass sie der kreative Kopf des Franchise-Neustarts von Lara Croft {»Tomb Raiber«, 2013 — AdÜ} ist, und sie wird als Co-Autorin die BBC Schreibenwelt-Serie »The Watch« betreuen, weshalb Fans wie ich sich vor Vorfreude bereits die Backe zerkauen. Meine wird wohl nie mehr ganz verheilen, nachdem ich eine ganz besonders aufregende Rollenbesetzung erfahren habe, über die ich absolut nichts sagen darf.

Unter der Leitung von Pratchetts neuer Produktionsgesellschaft ›Narrativia‹ wird »The Watch« die beliebte Saga der Stadtwache aus der Scheibenwelt dort fortsetzen, wo die Bücher aufhören, und Rhianna ist ein wichtiges Mitglied des Autorenstabes. Der Schriftsteller erzählt mir, wie zufrieden er ist, dass Rhianna die Scheibenwelt-Reihe fortschreiben wird, wenn er dazu nicht mehr in der Lage ist. »Die Scheibenwelt ist bei meiner Tochter in guten Händen«, versichert mir Pratchett.

Rhianna ist umgeben von der Scheibenwelt ihres Vaters aufgewachsen und kennt sie in- und auswendig. Als ich ihm so zuhöre, wie er über seine Tochter spricht, merke ich, dass er zum ersten Mal die Möglichkeit anerkennt, irgendwann nicht mehr schreiben zu können.

»Das Großartigste an Terry, was mich an ihm meisten fasziniert, ist, wie sehr er das Schreiben liebt«, sagt Neil Gaiman. »Das ist nicht bei jedem Schriftsteller so – wir sind da verteilt über die ganze Bandbreite zwischen den Extremen. Aus Douglas Adams musste man die Romane herausquetschen wie den letzten Rest aus einer leeren Zahnpastatube. Und dann gibt es einen wie Terry, der lieber schreibt als sonst irgendwas zu machen. Seit ich ihn kenne – ich begegnete ihm, als er noch als Pressesprecher bei CEGB angestellt war –, hat er jede Nacht nach der Arbeit zuhause seine vierhundert Worte verfasst.«

Derzeit erscheinen noch Bücher von ihm in rascher Folge, wenn auch querbeet – als ob er Projekte abschließen wolle, bevor es zu spät ist. Nun erscheinen Geschichten, die lange in der Warteschleife kreisten. Im letzten Sommer {2012} kam »Die lange Erde« (»The Long Earth«) auf den Markt, ein in der nahen Zukunft angesiedeltes Hard-SF-Epos über Alternativwelten und Ressourcenverteilung. In diesem Winter {2012} erscheint »Dunkle Halunken« (»Dodger«), eine historisch-fantastische Geschichte aus dem viktorianischen London, in der Charles Dickens, Henry Mayhew und eine Handvoll Figuren aus den Werken von Dickens auf widerliche Weise zum Leben erweckt werden. Obwohl das Marketing sich an jungendliche Leser richtet, wurden die Geschichten mit ihren Verteilungskämpfen, den menschlichen Grausamkeiten und den in Kloaken-Strömen treibenden Leichen immer düsterer.

»Was soll man Kindern erzählen?«, fragt Pratchett, als wir noch im Kaffeehaus sind. »›Mach dich auf ein kurzes Leben gefasst‹«, sagt er und nimmt einen Schluck Tee. »Es läuft darauf hinaus, dass wir uns gegenseitig wegen der Rohstoffe die Schädel einschlagen werden, und die meisten Rohstoffe dafür verschwenden uns zu bekämpfen.«

»Neulich war ich in Indonesien, wo man Palmöl-Plantagen besichtigen kann. Wir sind mit dem Hubschrauber geflogen und die Plantagen erstrecken sich über den ganzen Horizont. Ist das Palmöl erstmal abgeerntet, bleibt nur Wüste zurück – und ich meine richtige Wüste: steiniger Boden, auf dem nichts mehr gedeiht. Schlamassel dieser Art werden wir mit unserem Leben bezahlen.«

Und in diesem Augenblick fängt er an zu singen, was ich nicht im übertragenen Sinne meine. Ruhig und deutlich beginnt er das alte englische Volkslied »The Larks They Sang Melodious« {Deutsch etwa: »Melodisch sangen die Lerchen« — AdÜ} anzustimmen. Er hat eine schöne Stimme. Sein zitternder Bariton hat nichts von seiner Kraft eingebüßt und es ist Terry piep egal, dass er die Aufmerksamkeit des halben Kaffeehauses auf sich zieht.

Zwei ganze Strophen singt Pratchett. Das Lied ist erfüllt von Feuerschein und Sehnsucht und Nostalgie nach wärmeren, jüngeren Tagen. Wenn man mit halbgeschlossenen Augen zuhört, kann man sich vorstellen, am Lagerfeuer einem älteren Verwandten zu lauschen, der von Liebe und Tod erzählt, keineswegs unwahrhaft, auch wenn einiges ein wenig ausgeschmückt worden sein mag. Wir sitzen aber nicht am Lagerfeuer, sondern in einer Starbucks-Filiale, trinken etwas schalen Tee, und »The Larks They Sang Melodious« wurde nicht geschrieben, um zu brasilianischen Dudel-Jazz gesungen zu werden.

»Alles rückt näher zusammen, wenn man gemeinsam singt«, sagt er. »Ich kenne die Lieder, die mein Großvater und mein Vater gesungen haben. Und Rhianna kennt die Lieder, die ich gesungen habe, denn heutzutage kann man fast alle Lieder, die jemals komponiert wurden, irgendwo bekommen.«

Er ist ein glühender Fan traditioneller Musik und berichtet stolz: »Maddy Prior hat mich mal geküsst. Nein, nein, du bekommst keinen Ärger, wenn du das aufschreibst«, sagt er und fragt: »Hast du je von Thomas Tallis gehört?« Ohne meine Antwort abzuwarten, fährt er fort: »Letztens bin ich durch meine Küche spaziert, das Radio war an und es lief gerade »Spem in alium« und ich sank nieder auf die Knie. Echt. Dabei ist es mir völlig schnurz, ob jemand in die Kirche geht.«

Ich erwähne nicht, dass nun alle Welt die Harmonien von Tallis und seine vierzigstimmige Motette kennt, weil sie in dem Bums-Bestseller »Fifty Shades of Grey« erwähnt werden.

»In dem Lied das ich gerade gesungen habe, dreht sich natürlich eigentlich alles um Sex«, sagt er grinsend.


Ist dies das Ende?

Sex und Tod und die blutroten Klauen und Fangzähne der Natur. Humor, der so schwarz ist wie der Hut eines Fantasy-Schriftstellers. Unangenehme menschliche Wahrheiten auf den Tisch knallen und ein klein wenig Feenstaub darüber streuen. Das war von Anfang an der Kern des Schaffens von Pratchett. Die garstigen Sachen mit Musik und Magie garnieren, um sie erträglicher zu machen, jedoch ohne dabei die Kinder auch nur eine Sekunde lang zu belügen. Die Kampagne für Sterbehilfe ist lediglich der folgerichtige, praktische Abschluss dieser Haltung.

»Lass uns von Harold Shipman reden«, sagt er, und ich weiß, dass Pratchett mich auf den Arm nehmen will. Ich bin nicht die erste, der die verblüffende Ähnlichkeit – struppiger, weißer Bart und scharfe Gesichtszüge – zwischen dem Fantasy-Autoren und Harold Shipman auffällt, der auch als ›Dr. Tod‹ bekannt ist. Der Hausarzt hat sich 2004 erhängt, nachdem heraus kam, dass er unzählige Patienten in ihren Betten umgebracht hat.

»Was Shipman getan hat war schrecklich. Alle anderen Ärzte haben wegen ihm ihren Mumm eingebüßt. Jetzt müssen alle Ärzte auf Biegen und Brechen jeden armen Kerl am Leben erhalten, egal wie sehr er leidet. Aber der Unterschied besteht darin, dass Shipman Leute umgebracht hat, die nicht krank waren!« Sich mit einem Mann, der höchstwahrscheinlich dem Tod näher ist als man selbst, über den Tod zu unterhalten ist ziemlich unangenehm, vor allem wenn man beginnt über die Feinheiten der Krankheit zu reden, die ihn auf die eine oder andere Weise ums Leben bringen wird. Doch Pratchetts ruppige ›so ist das nun mal‹-Haltung macht das Ganze erträglicher, in etwa so, wie wenn man ein Pflaster mit einem schnellen Ruck entfernt.

Ich fange an zu fragen: »Haben dir die Ärzte schon gesagt – ich meine –«, er unterbricht mich, noch ehe ich den Knoten in meiner Zunge lösen kann. »Ob mir die Ärzte schon mitgeteilt haben, wann ich sterben werde?« Auf einmal vermute ich, dass er in den letzten Monaten schon öfters unangenehme Sätze für Verwandte und Journalisten ergänzen musste.

Nein, bisher gibt es noch keinen absehbaren Zeitpunkt. »Wer nicht weiß, dass ich so eine Krankheit habe, würde es gar nicht bemerken«, sagt er leise. Das stimmt nicht ganz: Pratchett ist blitzgescheit, und in seiner Gegenwart möchte man sich am liebsten vergewissern, schön gerade zu sitzen und ob man seine Schnürsenkel auch ordentlich gebunden hat. Dennoch wirkt er zerbrechlicher als man von jemanden der 64 Jahre alt ist glauben möchte, und manchmal driftet er am Ende eines Satzes ab.

Und tatsächlich hat mich Rob, kurz bevor dieses Interview in Druck ging, kontaktiert, um zu berichten, dass Pratchett Anfang November {2012} in New York bei einer Buch-Tournee fast an etwas, was sie für einen Herzinfarkt hielten, gestorben ist. Die beiden waren nach einem Besuch von Ground Zero mit einem Taxi auf dem Rückweg zum Hotel, erzählt Rob: »Auf einmal ging es Pratchett sehr schlecht. Wir saßen auf der Rückbank des Taxis und ich merkte, dass er sehr angestrengt atmete.« Wenige Minuten darauf verlor Terry das Bewusstsein.

In einer schriftlichen Schilderung des Zwischenfalls, den er veröffentlichen möchte, meint Terry, sich nicht mehr an viel erinnern zu können, außer »dass ich mich elend fühlte, mir sehr kalt war, obwohl mir der Schweiß das Gesicht herablief. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren und bin scheinbar einfach weggedämmert. Rob fragte mich die ganze Zeit, ob es mir gut geht, und versicherte mir, dass die Fahrt nicht mehr lange dauern würde … bei allem, was dann geschah, muss ich mich auf Rob berufen.«

Was geschah, war, dass Pratchett zusammenbrach. »Ich musste mich auf den Rücksitz des Taxis knien und Wiederbelebungsmaßnahmen einleiten. Finger in den Hals und all das. Er wäre fast gestorben.«

Schnell wurde der Autor in ein Krankenhaus gebracht, aber er erholte sich rasch wieder. Die Ärzte erklärten ihm, dass er Herzflimmern erlitten hatte, verursacht durch die kumulativen Wirkungen der verschiedenen Medikamente, die man ihm wegen seines hohen Blutdrucks verschrieben hat. Der hektische Tournee-Plan verschlimmerte die Sache. Jetzt spielt er den Vorfall herunter. »Ich habe mal gehört, dass Signier-Tourneen einen schneller ins Grab befördern als Drogen, Suff und wilde Weiber«, teilt er dem ›New Statesman‹ mit. »Nicht alles davon habe ich selbst ausprobiert.« Der Vorfall hat ihn dazu gebracht, zu erwägen, ob er es ruhiger angehen und mehr Zeit dem Schrieben und der Familie widmen sollte. Aber er genießt das Leben auf Achse zu sehr, um davon abzulassen.

Zuvor, bei unserem Treffen, habe ich Pratchett gefragt, wie sich seine gesundheitliche Verfassung auf seine Haltung zum Leben auswirkt.

»Es macht mich unglaublich wütend. Wut ist etwas Wunderbares. Sie hält dich auf Trapp. Ich bin wütend auf die Banker und auf die Regierung. Sie sind verdammt unnütze Ärsche. Ich weiß genau, was Oma Wetterwachs (eine nüchterne Hexe, die sich nichts bieten lässt und die in einigen Scheibenwelt-Romanen auftritt) zu David Cameron sagen würde. Sie würde ihn wegfegen mit den Worten: ›Mit dir kann ich nichts anfangen‹. (Solche wir er) machen nichts, außer Anwälten in den Hintern zu kriechen. Warum wird niemand aufgeknüpft?«

Alle Scheibenwelt-Bücher durchzieht eine gewisse Krassheit. Befürchtet er nicht, mit seinen Auseinandersetzungen über den Tod die Kinder zu verschrecken? Ganz und gar nicht. Wenn etwas Pratchetts Beiträge zum Genre der Bücher für junge Erwachsene in den Regalen der Buchhandlungen auszeichnet, dann seine Bereitschaft, die jungen Leser mit einigen der grauenvollen Tatsachen des menschlichen Daseins zu konfrontieren, mit all der albernen Ernsthaftigkeit die man von einem sterbenden Satiriker erwarten darf, dessen persönliches Wappen ein lateinisches Motto ziert, das auch in seinen Romanen auftaucht: »›Noli timere messorem‹ – fürchte nicht den Schnitter.«

{SPOILER!!!} In seinem neuestem Jugendbuch »Das Mitternachtskleid« {»I Shall Wear Midnight«} gibt es eine längere Szene, in der die junge Heldin zuerst den Selbstmord eines Mannes verhindern muss, der kurz zuvor seine unverheiratet schwangere, dreizehnjährige Tochter derart schlimm verprügelte, dass diese eine Fehlgeburt hatte – und dann beerdigt die Heldin den Fötus. {ENDE SPOILER} Nicht gerade Harry Potter. Und dennoch verschlingen die Kinder diese Bücher, denn zu den Dingen, die Pratchett begriffen hat, gehört, dass Kinder zwar gerne Geschichten lesen, es aber nicht mögen, wenn man sie belügt.

Es bereitet ihm keinerlei Sorgen, dass junge Leser möglicherweise ihren Lieblings-Autor im Fernsehen offenherzig über seinen eigenen Tod reden hören. »Kindern Angst zu machen ist eine edle Sache«, sagt er. »Ich erzähle Kindern mit Freuden, dass sie sich auf ein kurzes Leben einstellen sollen. Folgendes ist jedoch dabei wichtig: man darf Kinder durch den finsteren Wald führen, aber man muss sie dann auch wieder zum Licht lotsen.«

Hans-Peter Siebenhaar: »Die Nimmersatten – Die Wahrheit über das System ARD & ZDF«, oder: Aus der Kirche kannste austreten, aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht.

So sehr ich dem Autor auf fast jeder Seite zustimme bei seiner Abrechnung mit dem degenerierten System der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Deutschlands, muss ich leider gestehen, dass sein Buch auf mich den Eindruck macht, kaum mehr als ein schneller Rundgang durch die vielfältigen empörenden Probleme der ›Nimmersatten‹ zu sein. Das kreide ich dem Autoren nicht an, sondern glaube, dass dies der Größe des Themas bei begrenztem Umfang des Buches (240 Seiten) geschuldet ist. — Anders gewendet: kompakter, gut zu lesender Überblick darüber, dass etwas schwer nicht stimmt bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.

Es gibt nun mal so viel galoppierenden Schwachsinn bei den Öffentlich-Rechtlichen, dass Siebenhaar auf kaum mehr eingehen kann, als die logistischen, finanziellen und politischen Missstände. Was leider weitestgehend fehlt, sind Wortmeldungen oder kritisches Abklopfen, wie bei ARD und ZDF Programminhalte und -entscheidungen versemmelt werden (und warum das Programm so schlecht ist; wie Drehbücher verpfuscht werden; warum Gemmen im Spätprogramm versauern).

Aber die Lektüre der Generalkritik lohnt sich, und zusammengedampft und um eigene Gedanken ergänzt klaube ich folgende Kernforderungen und Reformvorschlägen heraus:

  • Bevölkerung wendet sich vom ÖR-System ab, vor allem jüngere Zuschauer bleiben fern (Es gilt bei ARD und ZDF schon als sportliches Ziel, den Altersdurchschnitt der Zuschauer auf 60 {sic!} zu senken). Wie auch die Politiker-Kaste haben sich die Macher & Mitarbeiter der Öffentlich-Rechtlichen von den Lebenswelten der Bevölkerungsmehrheit entfremdet. Ein bitterer Umstand, Wirtstier für einen Parasiten zu sein.
  • Da inzwischen die Rundfunkabgabe für jeden Haushalt einheitlich als Pflichtabgabe gilt, ist die ehemalige GEZ gesonderte Organisation nicht mehr notwendig. Als Rundfunksteuer kann diese Aufgabe das Finanzamt übernehmen.
  • Erstaunlich, dass die Landesmedienanstalten der Länder, zuständig für die Kontrolle der privaten Sender, ebenfalls von der Rundfunkgebühr finanziert werden. Zudem sollte eine Bundesmedienanstalt reichen. (Problem erinnert an die Kultusministerkonferenz und Bildungspolitik.)
  • ARD und ZDF betreiben einen undurchschaubaren Dschungel privatwirtschaftlicher Tochtergesellschaften. Größte Brocken sind hier Bavaria Studios und Studio Hamburg. — Mich stört zum einen, dass einige dieser privatwirtschaftlichen Vorstöße von Töchtergesellschaften in weiter Ferne zum eigentlich Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen agieren (Information, Bildung, Unterhaltung) & stattdessen die vom Gebührenzahler gestellten Mittel als quersubentionierendes oder gar spekulierendes Kapital verwenden (haarsträubendes Beispiel: ZDF beteiligt sich via ›ZDF Enterprises‹ und ›Mainstream Media Aktiengesellschaft‹ an ›Romance TV Polska‹).
  • Öffentlich-Rechtliche sollten sich auf Qualität und gesellschaftlichen Nutzen, sowie Unterhaltungsformate konzentrieren, die sich vom stromlinienförmigen Populärmarkt abheben. Damit meine ich nicht nur gut ›klassisch‹ Bildungsbürgerliches sondern auch das, was da inzwischen dazugehört: anspruchsvolle Genre-Ware. In den Siebzigern und Achtzigern konnten die das noch! — Man stelle sich z.B. vor, welch großartiger, wirkungsvoller investigativer, kritischer Journalismus bei der ARD möglich wäre, gäbe man deren Reportern ein Budget in der Höhe der derzeitigen jährlichen Lizenzkosten für Fußballbundesliga (420 Millionen €, macht ca. 8,07 Millionen € pro samstaglicher »Sportschau«).
  • Kompletter Verzicht auf Werbung. Wer wie ich jeden Tag auf der Arbeit beim Hören von HR3-Radio mit jeder ›Mömax‹-Werbung an den Rand eines Amoklaufs getrieben wird, versteht wohl, welch einzigartiges Alleinstellungs- und Qualitätsmerkmal dies im Vergleich zu den Privatsendern wäre.
  • Öffentlich-Rechtliche müssen aus ihrer Abhängigkeit von und Gängelung durch die Politik befreit werden. Statt nach Parteiengefälligkeit gehören Kontroll- und Aufsichtsratsgremien mit unabhängigen Personen besetzt. Auch ist nötig, die eigentlichen Geldgeber (= Gebührenzahler) gegenüber den Sendeanstalten in eine kontrollierende Machtposition zu versetzten (Vorstellbar ist ein von der Hauptversammlung der Gebührenzahler eingesetzter Aufsichtsrat). — Transparenz und Auskunftsrecht müssen dringend ermöglicht werden (Schaffung eines mit richterlichen Befugnissen ausgestatteten Ombudsmannes der Zuschauerinteressen vertritt wäre löblich).

Kleines Extralob gebührt Siebenhaars Augenmerk für die Lokalitäten, an denen sich Entscheider, Beweger und Schüttler der Öffentlich-Rechtlichen zum Plausch und Stelldichein verkehren, und was da so gereicht wird. Teure Hotels, Restaurants, Hinterzimmer, Sekt, edle Häppchen.

Gelesen als eBook. Vier von fünf zornesroten Goodreads-Sternchen.

ZUCKERL:

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Siebenhaar, Hans-Peter: »Die Nimmersatten – Die Wahrheit über das System ARD & ZDF«: Acht Kapitel auf 240 Seiten; e-Book; Eichborn Verlag, 2012; ISBN: 978-3-8387-2027-2.
Auch als Taschenbuch erhältlich. ISBN: 978-3-8479-0518-9.

Dietmar Dath: »Pulsarnacht«, oder: Überforderung schafft Lustgefühle

Dath ist ein Autor, den zu besprechen für mich sehr schwer ist.

Einerseits: seine Sprache & seine Ideen bezaubern mich; ich finde toll, welche Probleme in seinen Romanen verhandelt werden; ich mag seinen Humor (auch wenn ich nicht immer sicher bin, ob ich den auch korrekt erkenne). — Andererseits: bei wenigen Autoren habe ich derart große Probleme was die Handlungsstruktur angeht; manche Abschnitte (vor allem ruhige, die Zwischenmenschliches schildern) gehen mir bald gehörig auf den Zeiger, obwohl sie für sich selbst genommen eigentlich sehr schön sind, aber innerhalb des Romangefüges wirkt dieses Raunen im Imax-Format, diese mit großem Ernst vorgetragenen ›poetisch-zwischenmenschlichen‹ Bemühungen, diese Handlungsstillstandzonen ohne entsprechend geschickt platzierte Aussichten, blöderweise wie sommerliches Auf-dem-Fleck-Wanderungen durch Weichkäsefelder.

Die eigentliche Schwierigkeit für mich einen Dath-Roman zu besprechen rührt aber daher, dass ich gegenüber diesem Autor einen ansehnlichen Minderwertigkeitskomplex schiebe, weshalb ich auch schnell zu der Annahme neige, dass ich schlicht zu doof bin, um wirklich was Gescheites zu seinen Büchern von mir geben zu können (egal, ob im Guten oder Schlechten). Aber trotzig hält mein Instinkt dagegen, dass Dath zwar ein brillanter Essayist, auch ein bewundernswerter Prosalyriker ist, aber als Erzähler vor lauter Programmatik und Hirn sich selbst dabei im Wege steht (oder ganz eigenwilliger Künschtler: stehen will), einfach nur ein wirklich souveräner Romanautor zu sein.

Der Plot, die Handlung von »Pulsarnacht« war für mich nur mäßig spannend. Es gibt viele Figuren die für mich kaum Profil entwickeln, da sie sich überwiegend alle sehr ähnlich sind. Die paar Figuren, die sich wunderbar als Protagonisten geeignet hätten, werden nach dem ersten von sechs Teilen zum Hintergrundensemble degradiert (absoluter Höhepunkt für mich: Weltraumsoldatin Saskia verbringt nach einem Einsatz einige Zeit mit Hardcore-Entspannung, also Saufen, Ficken, Schlägereien. Das kommt in Daths kräftiger, biegsamer und köstlicher Sprache so doll rüber, dass ich hoffe, Dietmar möge doch bitte irgendwann einfach einen – für seine Verhältnisse – ›platten‹ Abenteuergarn liefern. Braucht ja kein langes Großwerk zu sein. Ein kleines 200-Seiten Romänchen würde mir vollends reichen zum deutschsprachigen Genre-Glück.)

Eine gut geknüpfte Handlung ist für mich nicht allzu deutlich zu erkennen, denn auf der einen Seite wird das, was sich eigentlich als typische Space Opera-Handlung anbietet (siehe Titel: »Was ist die Pulsarnacht?«) mit zu viel Geheimnisgetue und zu vage dargeboten, um für mich zugänglich oder spannend zu sein. Zudem wird die zweite wichtige Handlungsebene, die ich erkennen konnte, welche sich um die Beziehungen ehemaliger politisch-militärischer Gegner eines Bürgerkrieges rankt, von der zugrundeliegenden Theorie-Pflicht, die der Autor sich abgesteckt hat (und die er in einem Nachwort offenbart, was ich für ein heikles Unternehmen halte, und deshalb zu schätzen weiß) erstickt.

Dennoch gebe ich »Pulsarnacht« gerne 4 ›Goodreads‹-Sterne, weil Dath zu lesen auch diesmal bei mir zu interessanten rauschartigen Zuständen geführt hat. Die Denkanregungen welche »Pulsarnacht« bietet, gefallen mir, und ich habe mich oft amüsiert, auch wenn ich nicht durchwegs sicher bin, ob ich mich mit dem Autoren oder über ihn, oder an ihm vorbei amüsiert habe.

Wenn es um Weltenbau-Ideen geht, und wie man diese mal mit sprachlicher Wucht, mal mit schon lyrischem Schillern, mal mit kalaueraffinen Witz, mal mit grüblerischer Seelenschüferei zum Ausdruck bringt, kann es wohl derzeit keiner mit Dath aufnehmen. Das Gesamtgefüge mag nicht mein Gefallen finden, aber es gibt so viele einzelne glänzende Facetten – Stadtbeschreibung, Kampfsequenz, Dialog, eingestreutes Märchen, Schildung wirtschaftlich-politischer Geflechte, Technik-Babbel –, dass es mir schwer fällt, ignorant gegenüber der Errungenschaft des Romans zu bleiben. Womöglich werde ich ihn mir beizeiten schlicht ein zweites Mal vorknöpfen müssen, wissender darum, auf welche Details ich mein Augenmerk richten muss, um den größeren Zusammenhang der Handlung ergiebiger würdigen zu können. — (Spontane Schlussnotiz: »Es ist für mich 100 x vergnüglicher, mich mit den Romanzumutungen von Dath abzurackern, als Spaß zu haben mit den mundgerechten Schreibformel-Ergebnissen eines Eschbach«)

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Dath, Dietmar: »Pulsarnacht«; 34 Abschnitte in sechs Teilen, inkl. Glossar & Nachwort des Autoren auf 431 Seiten; Broschierte Erstausgabe, Heyne Verlag, 2012: ISBN: 978-3-453-31406-1.
Auch als eBook erhältlich.

Thomas Ziegler: »Sardor – Der Flieger des Kaisers«, oder: Mit dem Doppeldecker gegen das mahrisch-kosmische Grauen

War überrascht, wie sehr mich dieser schmale Band (erster Teil einer Trio) plätten und begeistern würde.

Düsterer Fantasy-Pulp um einen eigentlich behämmerten (weil platt-patriotischen) Kampfflieger des Deutschen Kaiserreiches – Dietrich von Warnstein –, den es bei einem Sturm mit seinem mascheinengewehrbestückten Doppeldecker in eine fremde Welt verschlägt, wo er mit der Seele eines seit zwanzigtausend Jahren schlummernden Gottkriegers – des titelgebenden Sardor – verschmilzt, um die Menschen (genauer: unchristliche Heidenvölker) beim Anbruch des Zweiten Kosmischen Krieges gegen mannigfache monströse Schrecken zu verteidigen. Sozusagen Portalfantasy a la »Unendliche Geschichte« für Fans von »Heavy Metal«-Comics (und Mukke), den heroischen Kämpfern und bestialischen Viechern von Frank Frazetta, den finsteren Bizarrerien eines Philippe Druillet, der »Chroniken des Schwarzen Mondes« und der Art von Warhammer-Fetzerei als Warhammer noch cool war (also etwa die Zeit der Erstveröffentlichung dieses Romans, 1984). — Kurz: Lovecrafts kosmischer Grusel trifft Howards Barbaren-Bratz.

Sprachlich stellenweise mitreissend, Dank eines dick aufgetragenen Pathos, der sich seiner Überspanntheit bewusst ist und entsprechend ungehemmt auf die Spitze zu treiben traut. Erzielt dabei einige Male – absichtlich! – wunderbar humorige Effekte, eben wenn das Grauslige, Eklige, Böse ins Komische kippt (man denke an entsprechende Momente in frühen Terry Gilliam-Werken wie »Jabberwocky«, oder die Harkonnen in David Lynchs Verfilmung von »Dune«).

Nur selten wird der Bogen überspannt mit einem Tacken zuviel Wiederholungen (Merke: beispielsweise ›Myriaden‹ und ›infernalisch‹ sollten nur alle 50 Manuskriptseiten verwendet werden). Ansonsten wunderbare rohe, lyrische Qualität. Viel Handlung wird nicht aufgeführt, dafür immer wieder Weltenbau-Ausflüge veranstaltet. — Ganz großartig fand ich, dass es in einem der frühen Kapitel eine richtiggehend mit Worten geschilderte Karte gibt, wenn eine Figur von der Höhe auf die weitere Umgebung guckt, die den Schauplatz dieses Romanes liefert.

Wunderbar auch, wie prall aufgepumpt die Überzeichnungen der eigentlich bekannten DüsterFantasy-Typen und -Kulissen rüberkommen. Da stimmen schon die Namen: die Krograniten-Berge, die Seufzerschründe, der Geborstene Berg, die Schmerzarchen der Eisernen, die Gehörnten, die Nachtmahre, der Bosling, der Schwarze Mirn, die Hainvölker (die Nurn unter Fürst Caliman; die Myrten unter Fürst Tur; die Anger unter Fürst Gorrenhart; die Woyden unter Fürstin Lidinya).

Im Grunde ein großes Wimmelbild, ein Panorama aufgemotzer Heere, exquisiter Grausamkeiten, titanischer (Alp)Traumlandschaften & Architekturen und morbider Verwesungsdioramen. Simpel und doch detailreich. Deshalb leicht lesbar (auch unterwegs) und dennoch sehr anregend.

Absolute Leseempfehlung (vier Sterne) vor allem für alle deutschsprachigen Fantasy-Fans und Autoren!

Band 2 gleich vorgenommen, und Band 3 steht bereit.

Bonus:

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Ziegler, Thomas: »Sardor – Der Flieger des Kaisers« (Sardor #1); Deutsche Erstauflage 1984; 10 Kapitel auf 184 Seiten; Broschierte Neuauflage Golkonda Verlag 2013; ISBN: 978-3-942396-51-6.
Auch als eBook erhältlich.
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