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geschrieben von molosovsky, am: Dienstag, 12. Feb. 2008
(Eintrag No. 467; Film, CGI, Wissenschaft, Mathematik) — Freut mich ungemein, dass ich das »Not Knot«-Filmchen (in etwa: »Kein Knoten«) bei »Youtube« wiedergefunden habe, und dass dieses kleine, kompakte, kluge Lehrstückchen mittlweile sogar erweitert wurde. Ich hab dieses Filmchen aus dem Hause »The Geometry Supercomputer Project« auf der »Prix Ars Electronica« 1992 kennengelernt.

Dieser Filme ist ein wunderschönes Exempel dafür, was mich bei meinem ›maximalen‹ Verständnis des Begriffs ›Phantastik‹ umtreibt. Immerhin lassen diese Computeranimationen mathematische Vorstellungen und Verfahren anschaulich werden. Ganz neue Arten von Räumen und Dimensionen tun sich auf. Vielleicht hilft »Not Knot« ja, sich mit meinem maximalphantastischen Begriff anzufreunden, oder zumindest auszusöhnen.

Bei »Youtube« wurde »Not Knot« aufgesplittet in zwei Teile. — Die sollten mal synchronisiert werden Leute!

Der erste Teil beginnt damit, dass die wunderbar trockene Erzählerin erklärt, dass »Knoten für uns etwas Selbstverständliches sind, Mathematiker jedoch entdeckt haben, dass schon das Studium der einfachsten Knoten zu fast schon unvorstellbaren Räumen führen kann«. — Man muss konzentriert gucken, wenn man kaum was mit Mathe (genauer: Topologie) am Hut hat, denn es geht gleich los mit haarsträubenden Konzepten von Knotenkomplementären und der Frage, wie Räume aussehen, aus denen man eine Linie entfernt hat (oder Flächen, aus denen ein Punkt entfernt wurde) … und es wird gleich munter drauflos umgeklappt und mit den Dimensionen gespielt, wie es wohl nur Mathematiker können.

Der zweite Teil macht dann weiter mit der Konstruktion eines ›hyperbolischen Raumes‹, sprich: man nehme einen Kubus und mache aus seinen drei Raumachsenpaaren drei Ringe — die ersten beiden Ringe entstehen, indem man die gegenüberliegenden Seitenflächen in der Mitte des Kubus zusammenführt, der dritte Ring entsteht, indem man die verbleibenden Flächen, die mittlerweile zu Hemisphären geworden sind, ins Unendliche aufbläht — aber uffpasse, dass dabei nicht der Kopf explodiert!

Wer sich ausführlicher mit dem Thema beschäftigen will: Auf Deutsch habe ich ein Skript von Simon A. King bei der TU Darmstadt gefunden, das sich mit Knoten beschäftigt: »Vorlesung Dreidimensionale Topologie« (Sommersemester 2004; 145 Seiten, 1,3 MB Adobe Acrobat-PDF).
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geschrieben von molosovsky, am: Freitag, 14. Dez. 2007
(Eintrag No. 424; Film, Comicverfilmung) — Krasses Beispiel für virales Marketing. Hier aber wirklich mal nett, wenn man sich eben für Christopher Nolans Neuauflage von Batman erwärmen kann.

Hier zu den (insgesammt 4) Seiten The Gotham Times. Und wer’s dort nicht findet, hier gehts zur vom diesmaligen Bösewicht, dem Joker, verunzierten Ausgabe: The Ha Ha Ha Times. — Nicht vergessen: »That which dosen’t kill you, makes you stranger.«
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geschrieben von molosovsky, am: Montag, 16. Jul. 2007
(Eintrag No. 387; Sachbuch, Medien, Film, Phantastik, SF, Fantasy, Horror, Genretheorie)Zur Einstimmung: Was ist eigentlich so besonders (im Guten wie im Schlechten) an der Phantastik-Sparte Science Fiction? Handelt es sich dabei nicht schlicht um eines jener Genres, in denen man noch in aller naiven Ruhe Cowboy und Indianer spielen darf, nur halt mit fesch ausgerüsteten Space Rangern und schleimig-befremdlichen Außerirdischen? Auch, ja, schon, aber zieht Euch mal folgenden Abschnitt aus »Girlfriend in a Coma« (1998) Douglas Coupland rein. Da wird knapp und virulent zur Sprache gebracht, welche roten Fäden das Grundgewebe der SF bilden. (S. 269 der TB-Ausgabe von Flamingo; Übersetzung von Molo):
Ask whatever challenges dead and thoughtless beliefs. Ask: When did we become human being and stop being whatever is was we were before this? Ask: What was the specific change that made us human? Ask: Why do people not particularily care about their ancestors more than three generations back? Ask: Why are we unable to think of any real futury beyond, say, a hundered years from now? Ask: How can we begin to think of the future as something enormous before us that also includes us? Ask: Having become human, what is it that we are now doing or creating that will transform us into whatever it is that we are slated to next become? {…} What is destiny? Is there a difference between personal destiny and collective destiny? {…} Is Destiny artificial? Is it unique to Man? Where did Destiny come from?

Was immer toten und gedankenlosen Glauben herausfordert, das frage. Frage: Wann wurden wir zu menschlichen Wesen und hörten aus zu sein, was immer wir zuvor waren? Frage: Welcher Wandel war es genau, der uns zu Menschen machte? Frage: Warum haben Menschen keine besondere Verbundenheit mit ihren Vorfahren, die weiter als drei Generation zurückreichen? Frage: Warum sind wir unfähig uns irgendeine echte Zukunft jenseits von, sagen wir, einhundert Jahren vorzustellen? Frage: Wie können wir damit anfangen, uns die Zukunft als etwas riesiges das vor uns liegt und das uns beinhaltet vorzustellen? Frage: Was von dem das wir, nachdem wir zu Menschen geworden sind, nun tun oder erschaffen, wird uns umwandeln, was immer vorgesehen ist, in das, was wir als nächstes werden? {…} Was ist Schicksal? Gibt es einen Unterschied zwischen dem Schicksal eines Einzelnen und dem Schicksal einer Gruppe? {…} Ist Schicksal etwas künstliches? Ist es etwas nur dem Menschen eigenes? Woher kommt Schicksal?

Weil die erzählten Vorstellungen von der Zukunft immer auch ein Jounglierspiel mit Aufputsch- und Beruhigungsreizen zwischen Hoffnungs-Versprechen und ›Teufel an die Wand‹-Malerei sind, gehört SF (und Phantastik allgemein) zur fordersten Front im Infowar um die Imagination der Massen. Kolonisierungsgerangel um die Konsumenten-Hirne nennt sich das dann.

Da ist es für mich eine außergewöhnliche Freude die Sachbuchneuerscheinung eines SF-Forum-Kumpels vorzustellen, bei der ich mit Lob kaum übertreiben kann. »Die Konstitution des Wunderbaren – Zu einer Poetik des SF-Films« von Simon Spiegel ist nicht das x-te Durchhechel-Lexikon, sondern bietet einen im besten Sinne abwägenden und klärenden Rundgang durch Geschiche und Eigenheiten des SF-Films, und liefert dabei ganz nebenbei so manch erhellende Einsicht zu Genre- und Verfahrens-Problemen der phantastischen Disziplinen.

Spiegel spricht dabei offen von der Herausforderung sich als ›Film-Fan‹ film- und medienwissenschaftlich objektiv mit seinem geliebten Genre auseinanderzusetzten. Doch er hat diese Schwierigkeit gemeistert, denn es bleibt immer kenntlich, wo Spiegel mit geisteswissenschaftlicher Distanz über den Gegenstand referiert, und wo er sparsam (sozusagen zur Auflockerung) seinen persönlichen Geschmack offenbart. Erfrischend persönlich, und einnehmend sympathisch sind schon Widmung und Motto: In der Widmung kommt die Tragik vieler männlicher SF-Begeisterten zur Sprache, daß SF Frauen überwiegend kalt läßt. Und statt einem klugen oder coolen Spruch, gibts einen (Tusch!) Gary Larson-Witz als Motto. Perfekt.

Das Buch ist zweigeteilt: die ersten 120 Seiten bieten eine (Schnell-)Übersicht der SF-Forschungsgeschichte, auf die Umzirkelungen der Definitionsbemühungen, und der (auch literatur-)geschichtlichen Entwicklung sowie der philosophisch-gesellschaftlichen Aspekte des SF-Genres folgen.

Für mich als Vertreter einer maximalphantastischen Genre-Sicht ist die Dilemmaschwemme des ersten Teils so vergnüglich zu lesen wie ein Intrigantenstadel, sozusagen beste Diskurs-Seifenoper, vor allem, weil ich Simon Spiegel die meiste Zeit schmunzelnd zustimmen kann. So ist die SF ein dauerhaft populäres Genre, wird zugleich aber von den vermeindlichen Kulturfuzzis (wenn überhaupt) überwiegend scheel beäugt. Macher und Leser der SF stehen in innigeren Austausch, als das in ›relevanteren‹ und ›wertvolleren‹ Fiktionsgefilden üblich ist. Nicht selten waren SF-Macher erstmal selbst Fans, und da die etablierten Akademiker nur langsam in die Puschen kamen, haben vor allem zu Beginn der SF-Kernepoche (das sogenannte ›Golden Age‹, etwa Ende der Dreissigerjahre bis zu den Fünfzigern des letzten Jhd.) die Fans selbst die Forschung erledigt. Spiegel erteilt dabei den oftmals peinlichen Adelungsabsichten von SF-Liebhabern, aber auch den auf idologiekritischen Vernageltheiten fußenden Schlechtreden von SF eine klare Absage. Vielmehr geht es dem Autor darum, genauer darauf zu achten, wie SF-Filme als Prozesse funktionieren, und welche Konstruktionsleistungen das Publikum anstellen muß, um SF-Filme verstehen und genießen zu können.

BOCKSPRUNG ÜBER TODOROV HINWEG
In seiner Übersicht zu den Definitionsanstengungen begeistert mich Simon Spiegel mit seiner Art, wie er die im deutschprachigen unseelig einflußreiche Arbeit »Einführung in die fantastische Literatur« von Tzvetan Todorov als Leiter nutzt, die man getrost vergessen kann, sobald mit mit ihrer Hilfe fruchtbarere Aussichtsplattformen auf Phantastikgenre erklommen hat. Warum hack ich so polemisch auf Todorov rum? Na weil sein Genre-Ansatz ein systematischer ist (es gibt auch normative, narratologische, historische, wirtschaftliche und rezeptionsorientierte), mit dem Genres anhand (S. 24) …
»›objektiver‹«, textueller, formal-semnatischer Merkmale bestimmt und voneinander abgegrenzt {werden}.
Todorov ist überhaupt nicht daran gelegen zu untersuchen, wie Phantastik in freier Wildbahn daherkommt, sondern es geht ihm um einen Idealtypus, nämlich: wenn der Leser bei einem Werk nicht klar entscheiden kann, wie die Wirklichkeitsverfassung geartet ist. Je nachdem, wie ein unerklärliches, übernatürliches Ereignis in einer ›realistischen‹ Fiktion aufgelöst wird (realitätskonform oder nicht), unterscheidet Todorov dann zwischen:
  • Reiner Phantastik: Übernatürliches wird weder als Lug und Trug rational aufgelößt, noch als wirklich Übernatürlich bestätigt. Der Leser bleibt am Ende zweifelnd zurück (z.B.: »Total Recall«);
  • Phantastisch-Wunderbarem: Übernatürliche Dinge werden am Ende als genau das, Übernatürlich, erklärt. (z.B.: »The Sixth Sense«);
  • Phantastisch-Unheimlichen: Was zuerst wie eine übernatürliche Unmöglichkeit scheint, wird rational erklärt (mein Beispiel: »Pakt der Wölfe«);
  • Unvermischt Wunderbares: Der Weltenbau ist unverhohlen von übernatürlichen Dingen geprägt (mein Beispiel: »Harry Potter«);
  • Unvermischt Unheimliches: Viele als realistisch verortete Krimis bieten Spannung, indem eine Tat präsentiert wird, die sich augenscheinlich nur mittels ›Magie‹ vollbringen ließ. Exemplarisch z.B. das Motiv des Ermoderten im von innen verschlossenen Zimmer, bekannt durch Kriminalerzählungen von z.B. Agatha Christie und Arthur Conan Doyle.
Diese systematische Einteilerei steht und fällt mit dem Gegensatz zwischen ›realistisch‹ (im Sinne von wirklichkeitskonform, was der Fall ist) und ›unrealistisch‹ (im Sinne von Hirngespinst und was nicht der Fall sein kann, z.B. eierlegende Wollmilchschweine). Und was Autoren und Leser, sprich: Menschen überhaupt für realistisch und unrealistisch nehmen, hängt nun mal sehr von der jeweiligen Sicht auf Welt und Leben ab. Zudem ist Todorov herzlich Wurscht, ob die in einer Geschichte gegebene (oder nicht gegebene) Aufklärung lediglich eine formale Konvention ist oder nicht (Ätsch, war alles nur geträumt). Als Begriffssteigeisen für die ersten Dutzend Höhenmeter taugen Todorovs fünf Begriffe durchaus, alle anderen Wörter seine »Einführung…« kann man jedoch getrost dem Vergessen anheim fallen lassen.

Spiegel kommt zur nützlichen Einsicht, daß Phantastik weniger ein fixes Genre ist, daß sich mittels inhaltlicher Merkmale bestimmen läßt, sondern vielmehr ein Modus, eine Art und Weise der Vermittlung von Fiktionen ist, und Spiegels Versuch einer Definition trägt dem mit gebotener Umsicht Rechnung, wenn er schreibt (S. 41):
Der phantastische Modus definiert sich duch die Dominanz eines phantastischen Elements. Ein phantastisches Element liegt dann vor, wenn ein unaufgelöstes, durch einen Realitätskompatibilitäts-Klassifikator als solches markiertes, nicht-realitätskompatibles Ereignis oder Phänomen in einem klassisch erzählten Film oder Text auftritt, der sonst keinen Hinweis auf eine ›nicht-wörtliche‹ oder ›poetische‹ Leseweise gibt.
Dabei sind die Übergänge und Heftigkeiten fließend und es ist durchaus keine endgültig objetive Sache, ob man als Leser ein Werk eher dem Gebiet der reinen Phantastik, des Unheimlichen oder des Wunderbaren zuordnet. Wer z.B. als überzeugter Gläubiger von der Existenz von Engeln, Dämonen und Magie überzeugt ist, wird andere Grenzen zwischen Phantastik, Unheimlichem und Wunderbarem ziehen, als ein skeptischer Naturalist.

GESCHICHTLICHES & PHILOSOPHISCHES
Im historischen Teil bietet Spiegel die sinnvolle Betrachtungsschwerpunkt-Unterscheidung zwischen der Entwicklung einzelner SF-typischer Motive, der Entstehung SF-typischer Vermittlungsmethoden und dem Auftreten der SF als eigenständiger Marktsparte an. Typische SF-Motive finden sich ja zuhauf schon in Werken, die lange vor dem Aufkommen des Begriffs SF entstanden sind. Als Mutter der modernen Phanatstik wird deshalb auch korrekterweise die Gothic Novel genannt (nur in etwa dem deutschen Begriff Schauerroman entsprechend). Ausgangspunkt sind Reaktionen von Autoren des späten 18./frühen 19. Jhd auf die Umwälzungen der im Aufstieg befindlichen Moderne, der erblühenden Wissenschaften und der Industriellen Revolution. Die Widersprüche zwischen alten und neuen Wegen der Weltbildgewinnung bilden das Spannungsfeld, auf dem bis heute die SF wie auf einem Trampolin seine Fabulationssprünge leistet. Spiegel führt das anhand von Horace Walpoles Ambition seinen Roman »Das Schloss Otranto« (1764) betreffend vor. Bis heute aber ragt Mary Shellys Roman »Frankenstein – Der moderne Promeutheus« (1818) aus dem Feld der Gothic Novels hervor, denn hier wird eindrücklich Heil und Unheil der menschlichen Ambition behandelt, sich als Schöpfer und Macher von naturgegebenen Grenzen zu befreien, und typisch SF ist bei diesem Roman eben, daß ausdrücklich Medizin und Wissenschaft (siehe frühe Forschung zur Elektrizität) als Glaubwürdigkeitsstützen für die Schilderung widernatürlicher Machenschaften und unnatürlicherVorfälle herangezogen werden.

Als zwei weitere bis heute prägende SF-Strömungen läßt Spiegel dann den französischen Kintop-Pionier Gerge Méliès, und den amerkanischen Verleger Hugo Gernsback auftreten. Bei Méliès ist klar zu sehen, wie wunderbare Effekte erstmal für sich stehen, nur lose zu Handlungen verknüpft werden und seine Filme mehr mit marktschreierischem Tingeltangel-Spektakel als z.B. mit erzählendem Theater gemein habe. Gernsback ist ein Paradebeispiel für die Ambition, vergnüglich-unterhaltene ›romances‹ mit wissenschaftlichen Fakten und prophetischen Visionen (sic!) zu vermengen (Das sind ja gleich drei Wünsche auf einmal!!! Soviel steht auch fest: Bescheidenheit ist selten der SF größte Zier … To infinity and beyond!).

Im philosphischen Teil zeigt Spiegel dann, daß moderne Phantastik sozusagen eine Verweltlichung religiöser Sprech- und Weltdeutungspraktiken ist. Die Rede von der Zukunft war bis zum Aufbruch der Moderne religiösen Darstellungen vorbehalten und unterlag heilgeschichtlichen Imperativen. SF (und andere Genre-Phantastik) kommt dagegen als Kunst-Mythos von allen für alle daher, genauer: als Neu-Aufbereitung und Wiederverwurschtung von althergebrachten Mythen, oder wie Spiegel knapp ausdeutet (S. 103):
In der oft beschworenen nüchternen Wissenschaftlichkeit der SF steckt nämlich auch der ganz und gar irrationale Wunsch nach Erlösung durch den technischen Fortschritt: Die Geschichte dieses Fortschritts ist für die SF gernbackscher Prägung eine Heilsgeschichte.
Das Spektrum des Geschichtenerzählens über die Zukunft und den technischen Fortschritt kennt nun freilich mittlerweile nicht nur die diese Propaganda- und Verführungsfabulas der Gewinnerauch sie immer noch prägender sind (und sich besser verkaufen lassen) als pessimistische und kritische SF-Weltenbauten (was natürlich darauf ankommt, was ich hier genau mit ›pessimistisch‹ und was mit ›Verführungsfabulas der Gewinner‹ meine. Dazu nur soviel: die Bugs sind auch nur Menschen! Don’t join the Spacecore.)
Klärend arbeitet Spiegel heraus, daß SF ein Modus ist, in dem Zukunfts-Ängste und -Hoffnungen dargestellt und verhandelt werden (S. 111):
SF ist also weniger der Mythos der Moderne, sondern der Modus, in dem sich moderne Mythen vorzugsweise manifestieren und im Film zur Sichtbarkeit gelangen.

Die erste Hälfte endet damit, indem Simon Spiegel seinen Lesern Einblick gewährt in den von vielen Köchen umgerührten Hexenkessel der flottierenden neu-religiösen und neu-mythischen Haltungen des SF-Fandoms. Das ist eine nette Gelegenheit für einen Fußnoten-Gastauftritt des Wissenschaftsphilosophen (und Bright) Daniel C. Dennett, der in seinem Buch »Breaking the Spell – Religion as a Natural Phenonemon« schreibt (S. 392, Fn 5. Übersetzung von Molo):
May the Force Be With You! Is Luke Skywalker religious? Think how differently we would react to this incantation if the Force were presented by Geroge Lucas as satanic. The recent popularity of cienmatic sagas with fictional religions — The Lord of the Rings and The Matrix offer two other examples — is an interesting phenomenon in its own right. It is hard to imagine such delicate topics being tolerated in earlier times. Our growing self-consciousness about religion and religions is a good thing I think, for all its excess. Like science fiction generally, it can open our eyes to other possibilities, and put the actual world in better perspective.
Um eine Unterscheidung von Dennett aufzugreifen, bietet SF wie alle moderne Genre-Phantastik spirituelle Erlebnisse an, ohne daß man gleich in religiöse Haltungen verfallen muß. Es ist dieser der SF innewohnende transzendeniere Drive, der für Fans so attraktiv ist, und der viele SF-Fans mit einem gewissen Elitenbewußtsein speißt. Spiegel scheut sich dabei nicht, zu erwähnen, daß im SF-Fandom deshalb heikle, fließende Übergänge zwischen wissenschaftlicher Spekulation, esoterischer Grenzwisschenschaft (ich selbst nenne das grad heraus ›Aberglauben‹) und Verschwörungstheorien zu beoabachen sind. Aber Spiegel macht daraus keine Häme oder Denunziation des SF-Fandoms und rückt die SF auch nicht gleich in die Depperlecke. Diese mythisch-spirituelle Macht der SF bietet, meiner Ansicht nach, erfeuliche Handhabe zur Befreiung vom instrumentalisierenden Apparate- und Insitutionenen-Weltbild; aber ich stimme Simon Spiegel zu, wenn er auf die sich aus dem gleichen Quell nährenden, beunruhigenden Monsterentwicklungen wie Scientology und Aum-Sekte verweist. Man denke auch an die quasi-religiöse Erregtheit von unheilbringenden Utopie-Eroberungsunternehmung, die z.B. als fundamentalistische Kommunismus-, Nationalismus- und Kapitalismus-Heilslehren herumwüsten.

WILLKOMMEN IN DER MONTAGEHALLE
Im etwa 200 Seiten umfassenden Hauptteil seines Buches nimmt uns Spiegel dann in sieben Kapiteln mit in die Werkstatt der SF, und zeigt uns die Werkzeuge, mit denen SF (aber zu einem Gutteil eben die ganze moderne Phantastik) ihre Werke zusammenbosselt. Es geht dem Autor dabei nicht darum zu postulieren, wie gute SF zu sein hat, sondern Spiegel will genauer herausstellen, was SF-Werke auszeichnet, die als gelungen angesehen werden. Dies beginnt er erstmal mit der Erörterung narratologischer Fragen, also Fragen dazu, wie Geschichten erzählt werden und wie sie warum funktionieren. Nun kann man lernen, was genau fiktionale Welten sind, wie sie auf unserem Verstädnis und Wissen die reale (faktischen) Welt aufbauen, und wann sie in besonders in Filmgestalt ihre Zuschauer simpel gesagt überwältigen und kidnappen (ich sag nur Klangwelten & Heftigkeits-Steigerungs-Spirale).

(Peergroup-Druck mal beiseit) entscheidet letztendlich und wertet jeder Konsument einer Fiktion für sich selbst, wann ihm eine ausgedachte Geschichte oder gar Welt zu abgedreht, beleidigend, übertrieben ist. Solche Entscheidungen hängen davon ab, über welches Fakten-Wissen die Wirklichkeit betreffend der Leser verfügt, welche Art von Genuß er aus einer Fiktion ziehen will, welche Methoden der Darstellung, welche Themen und welche Handlungswendungen im vertraut und genehm sind, und wie flexibel die Vorstellungskraft und das Hineinsetzvermögen des Lesers ist. Um es kurz zu machen: gerade am Beispiel der in den letzten Jahren aufgekommen ›Virtuel Reality‹-SF-Sparte führt Simon Spiegel vor, wie vermeidlich Reales sich als Täuschung, Traum oder Halluzination entpuppt. Der Eigentümlichkeit von Filmen wie »The Matrix«, »eXistenZ« und »Vanilla Sky« beruht nach Spiegel darauf (S. 162),
daß wir vorrübergehend keine Aussenansicht auf die fiktionale Welt erhalten und deshalb nicht sicher sein können, auf wie vielen Realitätsebenen sich die Handlung bewegt.
Und zu den Glanzstücken von Spiegels Buch gehört eine genaue Analyse der Gefängniszellen-Szene von David Lynchs Film »Lost Highway«. Hier zeigt der Autor sehr gewitzt, wie ein willentlich äußerst rätselhafter Film plausibel aufgedröselt werden kann, wenn man bestimmte Konventionen, z.B. der SF (Beam me up), als Erklärung heranzieht.

Zum wesentlichen Werkzeug von SF (wie aller Phantastik) gehört die Metapher, also das Kostümieren von Gedanken und Inhalten. Metaphern zeitigen Erkenntnis, indem sie locker Gemeinsamkeiten und Verbindungen herstellen, und somit neue Blickwinkel befördern. Achtung: Metaphern funktionieren nicht so streng wie Allegorien, denen immer fixe Entsprechungsregeln zugrunde liegen. Eine Metapher bietet mehrere Deutungsmöglichkeiten an, eine Allegorie nur eine (eine Frau mit Augenbinde, Schwert und Wage ist immer Justitia; das böse Imperium aus »Star Wars« kann man deuten als Anspielung auf die Nazis, oder auf den militärisch-industriellen Komplex Amerikas, oder auf die kommerzielle Hollywoodmaschinerie). Interessant ist, wie Spiegel zeigt, daß sich bei Metaphern im Kleinformat die Spannung zwischen Konvention (Vertrautem) und Abweichung (Originellem) wiederholt, von der auch die Entwicklung eines Genres angestrieben wird. Grob gesagt: Was heute ungewöhnlich ist, schleift sich schön langsam zu etwas Üblichen ein und verkommt schließlich zur langweiligen Rezeptur (und mit etwas Glück und der Hilfe vieler dienstbarer & begeisterter Geister kann ein Revival den Kreisel neu andrehen).

Die folgenden Kapitel beschreiben nun im einzelne SF-spezifische Ästhetikfragen (wie Naturalisierung und Verfemdung, Erhabenes und Groteskes) und absolvieren dabei quasi nebenbei auch philosophisch-anthropolgisch Steifzüge, am deutlichsten im Kapitel über (konzeptionelle) Durchbrüche, wenn Simon Spiegel seinen Leser einen Diskurs zur Frage »Was ist der Mensch?« offeriert. Das ist für mich wahrhaftige Sachbuchwonne, denn alle Phantastik wird zutiefst von ›philosophischen Energien‹ durchströmt.

ERLEUCHTUNG DURCH FABULATIONEN‹
Bisher habe diesen enorm wichigen Begriff der SF, Sense of Wonder, ausgespart, obwohl er sich wie ein Leitmotiv mit Variationen (das Novum, der Conceptual Breakthrough) durch Simon Spiegels Buch verteilt. In seinem knappen, dafür aber sehr persönlich gehaltenen Schlusswort legt Spiegel die Haltung des nach strenger Distanzierung trachtenden Wissenschaftlers ab, und schildert richtiggehend ergreifend seine Kino-Sense of Wonder-›Initiation‹, wenn er sich erinnert, wie er als Sechzehnjähriger zum ersten Mal »Blade Runner« sah (S. 331f):
…nichts hatte mich auf das vorbereitet, was ich in den folgenden zwei Stunden erleben sollte — denn ein Erlebnis war diese Vorführung in der Tat. Ich sah nicht einfach einen Film, ich wurde vielmehr von ihm in Bann geschlagen, verfolgte mit offenem Mund die Geschehnisse auf der Leinwand, tauchte ganz in das düstere Los Angeles des Jahres 2019 ein. {…} Am nächsten Tag war ich immer noch wie benommen. Mir war klar, daß ich etwas Besonderes gesehen hatte, daß »Blade Runner« mehr war als ›bloß ein Film‹. Auf der Kinoleinwand hatte sich eine neue Welt entfaltet, wurden große Themen und tiefe Gedanken verhandelt, die ich zwar kaum artikulieren, dafür umso intensiver fühlen konnte. Kino war mit einem Mal mehr als reine Unterhaltung, es war zu etwas Wichtigem un Kostbaren und Wunderschönem geworden.
Wenn ich nun ›Sense of Wonder‹ schlicht mit ›umfassenden Staunen‹ übersetzte, kann ich hoffentlich überzeugend meine Ansicht unterstreichen, daß Phantastik-Genres mit nichts weniger hantieren, als eben der grundmenschlichen Sehnsucht und Fähigkeit, sich vom eigenen Leben und der Welt an sich hingerissen verblüffen zu lassen. Die SF bedient sich zum Herstellen glaubwürdiger Einbettung für dieses umfassende Staunes vornehmlich des Fundus, den Wissenschaften und Technik zur Verfügung stellen. Diese Fähigkeit zum Staunen ist es, die Menschen einerseits davor bewahrt, von den niederziehenden und beengenden Tatsachen des wirklich stattfindenden Lebens vollends entmutigt zu werden; aber (leider) kann andererseits dieses Staunen mißbraucht werden, um daraus betäubende, entmündigende Verführungskarotten zu machen, denen Spektakeljunkies willig hintergerzockeln.

Simon Spiegel schafft es Dank klaren Stils, gewissenhafter Recherche sowie einem guten Händchen für griffige Zitate und augenöffnende Beispiele (dem Buch liegt eine DVD mit wundervollen Exempeln bei!), seinen Leser ein aufgewecktes Gespür für dieses Staunen zu vermitteln, vor allem natürlich, was SF-Filme angeht, aber auch Phantastik und Geschichenerzählen überhaupt betreffend. Die argumentative Schärfe und umsichtige Art Spiegels essentialistischen, idealistischen und (durch welche Motive auch immer) ›willkürlich‹ bestimmten Wertungs-Hierarchien auszudribbeln, macht darüberhinaus das Buch zu einer unverzichtbaren Lektüre für alle, die sich für SF, Film und Medien interessieren.

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Simon Spiegel: »Die Konstitution des Wunderbaren – Zu einer Poetik des Science-Fiction-Films«
Zürcher Filmstudien 16; Schüren Verlag; Marburg 2007; 33 z.T. farb. Abb., DVD mit Filmbeispielen, 385 Seiten.
abgelegt unter: Film
geschrieben von molosovsky, am: Dienstag, 25. Jul. 2006
(Ankündigung) — Beste Nachrichten über ein kommendes neues Projekt von Godfrey Reggio und Philip Glass:

SAVAGE GARDEN / HOLY SMOKE

Thema
–MUS
Der Gegenstand des Filmes ist mehr wirklich denn wahr: die -ismen in uns allen. Das Thema leuchtet in jedermanns Augen, Ergebnis der sorgfältig gezielten Medien-Projektile. ISMEN- die Fehlwahrnehmung, daß ein Glaube, eine Wahrheit, ein Weg die ganze Menschheit beherrschen sollte. Die Verlockung der –ISMEN, der Sirenengesang der Gewissheit, konvertiert Ideen in Ideologien, Versprechen in Versklavung, Geschichte ins Schicksal; treibt einen Keil zwischen den Einzelnen und die Realität. Religiöse, nationale, revolutionäre, utopische und technologische –ismen tragen Dein und mein Gesicht als Masken für die Öffentlichkeit. In einem Wilden Eden das brennt, hat der cybernetische Primat eine markante Wahl: umarme die Flame der –ismen, oder fliehe frei vor deren blendenden Licht.
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geschrieben von molosovsky, am: Dienstag, 26. Jul. 2005
(Film) – Eigentlich wollte ich in der Molochronik weniger solche allzutypischen Fragespielchen veranstalten. Aber ich stelle fest, daß so zugeworfene Stöckchen zu beantworten Freude macht. Zumindest der Werfer (in diesem Fall: Kollege Bembelkandidat) hat ein Recht darauf meine Antworten zu erfahren, denk ich mir.

Summe der Filme die mir gehören:
Auf Video ca. ein Dutzend.
Auf DVD ca. 200, die meisten als Schnäppchen gefischt.

Letzter Film den ich gekauft habe:
»Das Große Rennen von Belleville« vor zwei Wochen auf DVD gekauft. Wahnsinnsstreifen, überragender Zeichentrickspaß mit extrem übersteigert-grotesquen und doch harmonisch-lieblichen Design. Keine Dialoge, alles wird non-verbal erzählt. Die irre Verfolgungsjagd am Ende kann ich nur vergleichen, mit der nicht minder abstrusen Hatz in Chestertons »Der Mann der Donnerstag war«.

Letzter Film den ich gesehen habe:
Gestern Nachmittag nach der Arbeit »American Psycho« auf DVD geguckt, zum ersten Mal auf Englisch, nachdem ich den Film — als er aktuell lief — damals in Hamburg auf Deutsch gesehen habe.
Gekonnte, elegante Umsetzung des wilden Bret Easton Ellis-Romans. Wer sich beklagt, daß im Film bei weitem nicht so viel Spatter gezeigt wird, wie im Roman explizit beschrieben wird, hat (imho) goor nüscht bis wenig kapiert.


Fünf Filme die ich entweder regelmäßig schau, oder die mir viel bedeuten (in ungeordneter Folge):
›Öfter gucken‹ und ›viel bedeuten‹ sind zwei Paar Stiefel.

Ersteres tu ich Filme, die gute Laune, rege Stimmung, fetzigen Sound bieten, kurz: die feine Zeitmöbel fürs Nebenbeilaufenlassen sind. Meine fünf Liebelinge der letzten Monate dafür sind:
• The Incredibles
• Matrix-Trio (plus Animatrix-Supplemente)
• The Nightmare Before Christmas
• Sky Captain & the World of Tomorrow
• Once Upon A Time in Mexico

Zweiteres sind Filme, die mich sozusagen sehr persönlich — ja ich möchte sogar das große Wort »intim« bemühen — zum Schwingen bringen. Hier ruf ich in echt »Boah« aus, sabbere mit offenen Mund, möchte beichten gehen oder jemanden liebhaben, weine, lache, kraule mich vor Begeisterung frenetisch usw. (Ist wohl bekannt, diese gewöhnlichen enthusiasmierten Infantalismen des modernen Zivilisationssubjektes.)
• Der Elefantenmensch
• Akira
• Se7en
• Magnolia
• Koyaanis-, Powaq- & Naqoyqatis

Ich reiche den Stab weiter an:
Wird noch ergänzt. Ich MUSS jetzt weiterlesen. Bin auf den letzten 30 Seiten des neuen, dicken, hervorragenden John Irving-Romanes »Until I Find You«.
abgelegt unter: Film
geschrieben von molosovsky, am: Montag, 13. Jun. 2005
(Film, Comic) – Traurig ist's, daß »Hellblazer« so untreu verfilmt wurde. Ich finde den Film nicht völlig daneben, bis auf die Tatsache, daß man aus dem blonden Engländer mit der Gabe die himmlischen und höllischen Mächte und ihre Diener auf Erden zu erkennen einen dunkelhaarigen Amerikaner (Keanu Reeves) gemacht hat. Und Los Angeles soll den Moloch London ersetzten. Das funktioniert einfach nicht.

Sehr lustig aber der kleine Cameo-Auftritt der »F.A.Z« in dem Film, wie ich jetzt gerade auf der DVD entdeckt habe. So ungefähr in der 24 Filmminute (Kapitel 8) scannt Constantines Freund Hennesy (so'n Dicker) mittels seiner magischen Fähigkeiten einen Stapel Zeitungen nach Meldungen, die auf das ungehörige Wirken von bösen Mächten weisen. Gleich die erste Zeitung über die seine Hand gleitet ist eine »F.A.Z.«. Mit etwas Geschick kann man die Schlagzeile vom 25. November 2003 erkennen: »Irakische Kritik an Berlin und Paris ›In der Stunde der Not links liegengelassen‹«
F.A.Z. in &raquo;Constantine&laquo;
Freilich frag ich mich da, was das für magische Praktien sind, als L.A.-Fuzzi in der F.A.Z. nach Spuren für infernalische Interventionen zu stöbern. Oder ist das feinerer Hollywood-Humor?
abgelegt unter: Film
»Mirrormask«, oder: Mr. Gaiman & Mr. McKean drehen einen Film
geschrieben von molosovsky, am: Donnerstag, 27. Jan. 2005
(Film) – Der erste Kinofilm von Autor Neil Gaiman (»The Sandman«, »American Gods«) und Künstler Dave McKean (»Cages«, »Signal to Noise«), gemacht mit Hilfe von vielen frischgebackenen Kunststudenten und 4 Millionen Dollar (doch laut eines ersten Bericht bei AICN sieht der Film nach 40 Mille aus). Letzte Woche wurde »Mirrormask« auf dem Sundance-Filmfestival in USA vorgestellt, .

Allein Sonypictures Promo-Seite zum Film ist erfrischend anders, sehr hübsch, nur leider etwas mühsam zu gucken mit einer 54k-Leitung.
abgelegt unter: Film
geschrieben von molosovsky, am: Samstag, 15. Jan. 2005
(Film) – Ich bin zwar nicht seiner Meinung, aber gerde deshalb Kollege J-Tull für seinen Anstoß-Beitrag in einem Thread bei SF-Netzwerk dankbar. Dort stellte sich die Frage, ob denn »The Wall« – (jene brilliante Umsetzung der Pink Floyd'schen Konzept-Doppel-LP durch Alan Parker, mit der genialen Mitarbeit des graphischen Satirikers Gerold Scarfe und des zu früh verstorbenen Komponist in allen Gassen Michael Kamen) –, ob dieser Film nun Phantastik ist oder nicht.

»Surreal« … auf jeden Fall, weil drastische Bildsprache für Sprachfiguren gezeigt werden: siehe Verwurstung der Jugend in der Schule, Mauernbauen um Gefühle usw.

Vier inhaltliche Stränge sind mir noch erinnerlich:
A) Hauptfigur (Geldof) als Star-Wrack, Schauspieler, realistisch-autentisch; härter
B) Rückblenden in Kindheit und Jugend, Schauspieler, realistisch-poetisch; zärter
Allein das konventionelle Ineinanderverschränken von Jetzt und Damals ist bereits ehr abstrakt und damit phantastischer, als wenn dramaturgisch die Einheit der Zeit, also die chronologische Reihenfolge der Ereignisse gewahrt bleibt.
Nun kommen aber zu diesen beiden Ebenen noch dazu:
C) Wahnhafte Wirklichkeit; Schauspieler mit Masken, Groß-Puppen, filmische Verfremdungstechniken und Zeichentrick-Invasionen; halluzinatorisch-phantastisch;
D) Traumhafte Wirklichkeit; Zeichentrick-Sequenzen, poetisch-phantastisch.

Oder wie läßt sich das Wesen dieser Animations-Sequenzen anders knapp beschreiben, denn durch ein Adjektiv mit -phantastisch, egal ob poetisch-, grotesk-, sozialtherapeuten- oder systemkritisch-, u.ä.?

»Drama«-, »Musik«-Film oder »Musik-Drama« sind freilich (gattungsbezügliche) sichere Einordnungs-Fächer für »The Wall«.
Wie aber sieht mit dem Inhalt aus? Vorlage ist ein Werk (Pop-Album), das mittels Songs und Instrumentalmusik unter Verwendung von Hörspiel-Gewürzen die Geschichte einer empfindsam-aggressiven Identitätskrise (oder weinerlichen Nervenzusammenbruchs) erzählt. Die Musiker von Pink Floyd breiten Länge mal Breite ihre Autotherapie als ambitioniertes Gesamtkunstwerk auf, was freilich nicht jedermenschs Sache ist.

Ich pick mir mal nur die musikalische Dramaturgie des Filmes heraus, und kann mich wiederum an drei unterscheidbare Ebenen erinnern:
A) Dramaturgische Song-Inzenierung: a la Musical (z.B. die Fascho-Rede). Das ist ja schon schwer phantastisch. Leider kennzeichnen sich die großen Momente unseres Lebens eben nicht dadurch, daß plötzlich alles zu singen und tanzen anfängt. – Man darf also Filme wie »Dancer in the Dark«, »Moulin Rouge« und »An American in Paris« getrost pauschal unter Phantastik einordnen.
B) Illustrative Song-Inzenierung: a la erzählender Clip (Kindheitserinnerungen zum Song »Mother«, die Sachen des Vaters im Schrank entdecken). Wobei ich hier meine, daß der Song die Stimmung der Kindheit illustriert; die Filmbilder wiederum illustrieren die Songstimmung.
C) Zeichentrick-Visualisierung für Instrumentalmusik: emotionelle und atmosphärische Stimmung der Instrumentalmusik geht eine Symbiose mit der ebenso sprachlosen Bild-Sequenz ein, die graphisch-magischen und nicht irdisch-realistischen Gesetzte unterworfen ist.

Mit diesen ehr formalen Eckwerten, konnte ich hoffentlich etwas dazu beitragen, den ein oder anderen Skeptiker mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß »The Wall« waschechte Phantastik ist, wenn auch keine bequeme und für manchen eine elendig jammerante.

Der Film ist sicherlich ein Bastard, ein Hybrid- und Hybris-Wesen, das geb ich gerne zu. Und Mischwesen sind – nun ja – immer etwas knifflig einzuordnen. Das macht sie um so interessanter.
abgelegt unter: Film
geschrieben von molosovsky, am: Samstag, 18. Dez. 2004
(Film) – Worauf freut ich mich, wovor zittere ich? Meine Prognosen.
••• Nachtrag zur Filmvorschau:

Februar, Constantine: Hier erwarte ich nicht mehr viel und könnte somit angenehm überrascht werden. Comic-Meister Alan Moore hat John Constantine als Nebenfigur für »Swamp Thing« erfunden, und bald schon gab es eine eigene Serie namens »Hellblazer« um den prolligen Okkult-Detektiv. Im Comic ist Constantine Engländer und blond, im Film vom Keanu Reeves gespielt ist Constantine eben dunkelhaarig lebt in Los Angeles.

Erstes Quartal, Sin City: Das ist mein Tip für den Knaller des Jahres. Der erste große S/W-Film von Robert Rodriguez nach den harten Gangster-Comics von Frank Miller. Bruce Willis, Benico del Toro und Mickey Rourke werden sich auf Maul hauen.

Erstes Quartal, Elektra: Wenn schon ein Ableger des ehr mau gelungenen »Daredevil«, warum dann nicht die Lebensgeschichte von Bösewicht Bullseye? Weil die Meute nach Frau Garners Rehäuglein lechzt. Hoffe ich mal, daß die Mukke und die Stunts passen werden und der Film als Äktschn-Popcorn seine Pflicht erfüllt.

März, Vanity Fair: Hoffentlich wird das eine richtige Epochenverfilmung des Klassikers von Thackery. Und leider spielt die Witherspoon mit … aber auch Gabriel Byrne.

März, Robots: Computeranimation aus dem »Ice Age«-Haus. Kann nicht viel schiefgehen

Mai, Kingdom of Heaven: Weltenbaumeister Ridley Scott hat sich wieder mal in Marrokko ausleben dürfen. Ersten Berichten nach, wird es eine 45 Minuten lange Schlacht um Jerusalem geben. Mal schaun … Hauptsache Männer in Blechdosen dengeln mit Schwertern aufeinander ein.

Mai, Star Wars Episode III: Eeeeendlich darf die Gemeinde erfahren wie aus der männlichen Dumpfbacke Anakin das Phantom des Imperiums wird. Mal sehen, welche religiöse Joseph Campell-Volte Herr Lucas diemal in petto hat: Auferstehung von den Schockgefrohrenen und jungfräuliche Geburt hatten wir ja schon.

Juni, Per Anhalter durch die Galaxis: Die Mutter aller SF-Parodien, die selbst ein starkes Stück SF ist. Von einer richtig ordentlichen Verfilmung träumen die Fans schon seit Jahrzehnten.

Juni, War of the Worlds: Bei Spielberg kann ich sicher sein einen unglaublich gut gemachten Film zu erwarten. Bei Cruise kann man erwarten, daß sein Charakter wieder einen heftigen Karthasis-Parkur absolviert. Leider wurde die Geschichte in das gegenwärtige Amerika verlegt. Die viktorianische Kulisse des H. G. Wells-Roman wäre mir freilich lieber gewesen.

Juni, Batman Begins: Endlich ein Batman-Film, der auf einem Comic von Frank Miller basiert. Hoffentlich kommt der Flattermann diesmal wirklich düster rüber und nicht mit dieser ekligen Selbstironie der Schumacher-Vehikel.

Juli, Charlie and the Chocolate Factory: Tim Burton dreht ein Musical und Johnny Depp macht mit. Was kann da noch danebengehen?

Juli, Fantastischen Vier: Über einen Mangel an Superhelden kann man sich im 2005er Jahr nicht beschweren. Bin neugierig ob dieser Kultstoff geschickt oder blöd umgesetzt wird.

Juli, The Island: Die Story ist ein Derivat von »Flucht aus dem 21. Jahrhundert«. Michael Bay als Produzent verspricht große Äktschn und krasse Bilder.

Drittes Quartal, Adventures of Shark Boy: Robert Rodriguez die Zweite, hier der Kinder-Abenteuerfilm in 3D.

August, Doom: Aus dem düsteren SF-Ego-Shooter einen Film machen. Verspricht großartige Äktschn und krasse Kulisse. Hoffentlich arbeiten die dabei auch mit einem Drehbuch.

September, Aeon Flux: Auf MTV in den Achzigern ein Zeichentrickkult, soll nun mit Schauspielern verfilmt werden. Damals ergaben die zwischen klaustrophobischen und eskapistischen Polen pendelnden Clips keine zusammenhängende Geschichte. Bleibt also zu fürchten, daß man einen simplen Scharrn über die Kultmarke stülpt.

Oktober, Legende von Zorro: Degenballett in dem neben Herrn Zorro diesmal auch Frau Zorro den Stahl zischen lassen.

Oktober, Wallace & Gromit: Hurrah, und ich dachte schon, daß nach dem »Chicken Run«-Kassenflop die Knetschöpfer aus England keine Chance mehr in der Filmindustrie bekommen.

November, Cars: Die Feuerprobe meiner Begeisterung für die Pixar-Zauberer, denn ich hasse Autos. Können die mir eine Geschichte erzählen, ohne daß ich dauernd genervt und geekelt denken muß: »Aber es sind Sch***-Autos!«

November, Harry Potter und der Feuerkelch: Spannend wird, wie sehr die Geschichte des Buches diesmal vereinfacht und gekürzt werden muß, damit man alles noch in einen Zweistunden-Film unterbringt.

Dezember, King Kong: Peter Jackson erfüllt sich einen weiteren Jugendtraum und ich darf hoffen, daß der große Affe mich diesmal überzeugt. Außerdem darf die Massenszenensoftware aus der Ring-Trio hier zum ursprünglich gedachten Einsatz kommen.

Dezember, The Chronicles of Narnia: Nach »Der Herr der Ringe« die zweite krypto-christliche Trost-Fantasy aus dem Inkling-Kreis. Ginge nicht das Wort, daß »Narnia« ein ausgesprochen bunter Monsterfilm werden wird, er würde mich kaum interessieren.

Noch ohne Starttermin:
••• NachtragThe New World: Der neue Terence Mallick, dessen »Thin Red Line« diesertage mit Abstand mein liebster Kriegsfilm ist. Diesmal nimmt er sich die frühe Koloialzeit von Nordamerika vor. Colin Farrell gibt den John Smith und wir dürfen anehmen, daß es anders als bei »Pocahontas« diesmal keine Songs oder sprechenden Bäume geben wird.

Mirrormask: Drehbuch von Neil Gaiman, Regie und Gestaltung Dave McKean. Story klingt »Alice im Wunderland«-ähnlich, nur etwas düsterer. •••

Hannibal: Vin Diesel hat zweifellos die nötige Präsenz um den punischen Heerführer zu geben. Und die Alpenüberquerung mit Elefanten schreit in Zeiten der massiven Effekte nach Verfilmung.

The Corpse Bride: Tim Burton die Zweite. Endlich wieder ein Animationsfilm vom Meister. Blindes Vertrauen läßt mich prophezeien, daß dies ein toller Film wird.

Und sonst …
… freue ich mich Tom Tykwers Umsetzung von Süßkinds »Das Parfüm« entgegen, von dem ich noch nicht weiß, wann der kommen soll.
Außerdem wurden zwei gewichtige Comic-Klassiker von Alan Moore in Produktion geschickt. »X-Men«-Autor Hayter hat ein verfilmbares und angeblich brilliantes Drehbuch aus »Watchmen« gemacht, und nach all den Regisseur-wechsel-Dich-Reigen der Vergangenheit hat man sich auf Paul Greengrass geeinigt. Jude Law hat bereits angeboten Adrian Veidt zu spielen, auch wenn er – wie viele seiner Zunft – lieber den Rorschach geben würde (immerhin trägt Law ein Rorschach-Tattoo und hat seine Produktiktionsfirma nach dem menschgewordenen Nietzsche-Abgrund genamst).
Die Wachowski-Brüder und Herr Silver wollen sich vom »Matrix«-Brimborium erholen, indem sie Alan Moores »V for Vendetta« auf die Leinwand bringen. Die Wachowski liefern das Drehbuch und Herr Silber sorgt dafür, daß die Explosionen nicht zu klein werden.
Ins Kino kommen die beiden Filme so um 2006.
Schön wärs, wenn »Watchmen« und »V for Vendetta« nicht solche mehr oder minder gescheiterten Umsetzungen von Moore-Comics werden, es wie »League of Extraodinary Gentlemen« und »From Hell« waren. Aber wie und wer überwacht die Filmindustrie?
abgelegt unter: Film
geschrieben von molosovsky, am: Samstag, 11. Sep. 2004
Neueste Einträge: 03. Spetember 2007.
(Eintrag No. 138; Film, Geschmackslandkarte) — Hier eine Übersicht meiner (bisher 190) kurzen Film-Bewertungen für dieFilmdatenbank von SF-Netzwerk. Dort kann man Science Fiction-Filme und auch allgemein Phantastik-Filme (also Fantasy, Horror) bewerten.

Die (allegmeinen, Non-SF-)Phantastik-Filme sind kursiv formatiert.

Innerhalb der Skala finden sich die Filme in der Reihenfolge ihrer Bewertung, jünste zuunterst und durch Fettformatierung hervorgehoben.

Ankündigung / Aufruf: Wenn ich 200 Wertungen zusammen hab, werde ich an dieser Stelle ein PDF mit allen Begründungen geben. Um schneller auf weitere Filme zu kommen, die ich mir also die nächsten Zeiten vornehmen soll, wäre ich froh und dankbar für Vorschlag-Kommentare der Molochronik-Leser!

Noch ein Hinweis (03. August 2007): Aus technischen Gründen ist die Film-Datenbank derzeit offline. Man kann noch darin stöbern und die Links hier funktionieren auch, aber neue Filme und Rezis werden wenn dann derzeit von den Film-DB-Moderatoren eingepflegt.

Hier aber der Link zum momentanen Ersatz, dem entsprechenden Thread bei SF-Netzwerk, mit meinen jüngsten Kurzwertungen zu: »Ghost Rider«, »Skinwalkers«, »The Host«, »MirrorMask«, »Harry Potter #5«, »300« und »The Fountain«.


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9 + + + + + Maßstabsetztendes Meisterwerk; Olympisch.

8 + + + + Überwiegend exzellent; Packend.

7 + + + Bemerkenswert mit leichten Schwächen; Anregend.

6 + + Befriedigendes Handwerk; Kurzweilig.

5 + Unterhaltsam mittelprächtig; Akzeptabel.

4 - Brauchbar mittelprächtig; ganz nett, aber insgesammt lau.